Darstellung psychisch kranker Menschen im Spielfilm der Gegenwart


Bachelorarbeit, 2015
79 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhalt

Tabellenverzeichnis

Abstract

Einleitung

2. Literaturübersicht
2.1 Klinisch-Psychologischer Diskurs
2.2 Darstellung psychisch kranker Menschen im Medium Film
2.3 Exkurs

3. Konzeption der Analyse
3.1 Methode
3.2 Operationalisierung
3.3 Materialauswahl

4. Einzelanalysen
4.1 Veronika beschließt zu sterben
4.2 It’s Kind of a Funny Story
4.3 Silver Linings

5. Ergebnisanalysen
5.1 Veronika beschließt zu Sterben
5.2 It’s Kind of a Funny Story
5.3 Silver Linings

6. Diskussion

7. Fazit/Ausblick

8. Literaturverzeichnis

Anhang

Tabellen- und Abbildungsverzeichnis

Tabelle 1: Symptomtabelle - Veronika beschließt zu sterben

Tabelle 2: Symptomtabelle - It’s Kind of a Funny Story

Tabelle 3: Symptomtabelle - Silver Linings

Abbildung 1: Beispielhafter Ausschnitt eines Sequenzprotokolls

Abbildung 2: Beispielhafter Ausschnitt des Analyseinstrumentes

Abstract

Der Einfluss des Mediums Film auf die Meinungsbildung der Zuschauer wurde durch zahlreiche Studien bewiesen. Andere Studien legen nahe, dass die Darstellung psychisch kranker Menschen im Film meist klinisch falsch, negativ und stereotyp ist. Aber ist dem wirklich so? Filme wie A Beautiful Mind -Genie und Wahnsinn (2001) oder Elling (2001) erwecken den Eindruck einer zunehmend differenzierteren Darstellungsweise psychischer Erkrankungen in den visuellen Medien. In der vorliegenden Arbeit wird am Beispiel von drei Filmen anhand qualitativer Analyse exemplarisch und inhaltlich untersucht, ob Menschen mit affektiver psychischer Erkrankung in diesen Filmen klinisch-psychologisch korrekt dargestellt werden. Die Analyse der drei Filme Silver Linings (2012), It ’ s Kind of a Funny Story (2010) und Veronika Beschließt zu Sterben (2010) hat ergeben, dass nur einer der drei Filme eine komplette, klinisch korrekte Darstellung der jeweiligen psychischen Erkrankung abgibt (It ’ s Kind of a Funny Story). Einer der drei untersuchten Filme erfüllt diese Bedingung nur teilweise (Silver Linings) und ein Film (Veronika beschließt zu Sterben) hält dem Abgleich mit der zuvor definierten Kriterien der klinischen Korrektheit nicht stand.

Einleitung

„ Filme, in denen es um psychische St ö rungen geht, sind wie ein Besuch im Zoo. Sie k ö nnen wunderbar sein, aber im Grunde schaut man als gesunder Mensch zu, wie sich psychisch kranke Menschen verhalten. Dabei sieht man die Krankheit nur von außen und kann sie weder nachempfinden noch wirklich begreifen. Wenn wir die Welt so sehen k ö nnten, wie psychisch Kranke sie wahrnehmen, hätten wir ein ganz anderes Bild von diesen Menschen. Wenn aber auch nur ein einziger Zuschauer aus dem Kino kommt und an der Straßenecke jemanden schreien sieht, und ihn mit anderen Augen betrachtet als vor dem Film, dann haben wir unsere Aufgabe erfüllt.“ (Akiva Goldsman, Drehbuchautor von A Beautiful Mind - Genie und Wahnsinn (2001), im DVD-Teil „Entwicklung eines Drehbuches“).

Mit diesem Zitat beschreibt Akiva Goldsman, Drehbuchautor des Films A Beautiful Mind - Genie und Wahnsinn (2001) zwei für die vorliegende Arbeit ausschlaggebende Sachverhalte: 1.) Die deutliche Ungleichheit in der Wahrnehmung von psychisch kranken und nicht-psychisch kranken Menschen (Besuch im Zoo), und 2.) das Medium Film als potentielle Möglichkeit, diese Ungleichheit (ungleiche Wahrnehmung) zu überwinden. Das Forschungsinteresse der vorliegenden Arbeit begründet sich hauptsächlich durch die Verknüpfung dieser beiden Sachverhalte und mündete in der Frage, ob es möglich sei, durch das Medium Film den Zuschauern ein Bild zu vermitteln, was sie zu Verständnis für psychisch kranke Mitmenschen anregt.

Die Darstellung psychisch kranker Menschen im Medium Film ist seit Anbeginn des Kinos sowohl bei Zuschauern, als auch bei Filmemacher beliebt (Hyler, 1988; Wahl, 2003). Bei der Betrachtung der Art und Weise dieser Darstellung fallen einige Unterschiede bezüglich der Richtigkeit der Darstellung auf: der bereits erwähnte Film A Beautiful Mind - Genie und Wahnsinn (2001) von Ron Howard, der einen an paranoider Schizophrenie erkrankten und gleichzeitig sehr begabten Mathematiker und Nobelpreisträger porträtiert, ist ein Beispiel für eine ausgewogene und klinisch richtige Darstellung einer psychischen Erkrankung. Nach Wedding, Boyd, and Niemiec (2011) ermöglicht dieser Film dem Zuschauer einen Einblick in das persönliche Leid, die Belastung und Verzweiflung der an Schizophrenie Erkrankten und ihren Angehörigen und verdeutlicht gleichzeitig, dass Betroffene ein relativ normales Leben außerhalb einer psychiatrischen Klinik führen können. Im Film Stellas Versuchung (2007) von David Mackenzie wird die Geschichte einer Frau erzählt, die eine leidenschaftliche Affäre mit Edgar, einem Insassen einer Psychiatrischen Anstalt beginnt, der sich besonders durch seine niedrige Toleranzgrenze, rasende Eifersucht, Aggressivität und Brutalität auszeichnet. Eine genaue Diagnose von Edgar wird nicht genannt, lediglich das Verbrechen aufgrund dessen er sich in der Anstalt befindet: aus krankhafter Eifersucht und mangelnder Selbstbeherrschung brachte er seine Frau auf brutale Art und Weise um. Dieser Film liefert keine klinisch korrekte Darstellung psychischer Krankheit ab und vermittelt den Eindruck, dass psychisch kranke Menschen gefährlich sind und in einer geschlossenen Anstalt leben sollten.

An den Beispielen dieser beiden Filme wird deutlich, wie sehr sich die Darstellung psychischer Störungen oder psychiatrischer Themen hinsichtlich ihrer klinischen Richtigkeit in Filmen unterscheiden kann. Aus zweierlei Gründen jedoch wird eben diese Art und Weise der Darstellung gesellschaftlich relevant und soll deshalb in dieser Arbeit genauer untersucht werden:

1.) Viele der Zuschauer verfügen nicht über das nötige Fachwissen in Bezug auf psychische Erkrankungen, um die ihnen präsentierte Darstellung einschätzen zu können (O. Wahl, 2003);
2.) Ein Großteil der Bevölkerung bezieht sein Wissen über psychische Störungen aus den Medien, also auch aus Spielfilmen über psychisch Kranke (Jorm, 2000; Klin & Lemish, 2008; Orchowski, Spickard, & McNamara, 2006; Owen, 2012).

Hinzu kommt, dass die Repräsentation von psychisch erkrankten Menschen in Film und Fernsehen nachweislich überwiegend negativ, falsch, stereotyp oder verzerrt ist (Hyler, 1988, 2003; Hyler, Gabbard, & Schneider, 1991; Jorm, 2000; Klin & Lemish, 2008; Orchowski et al., 2006; O. Wahl, 2003). Das Bild, das im Medium Film von psychisch Erkrankten erzeugt wird, prägt das Bild der Zuschauer über psychische Krankheit entscheidend (Hyler, 1988; Hyler et al., 1991; Klin & Lemish, 2008; Pirkis, Blood, Francis, & McCallum, 2006; Stuart, 2006; O. Wahl, 2003; O. Wahl, Wood, Zaveri, Drapalski, & Mann, 2003). Zahlreiche wissenschaftliche Theorien belegen den Zusammenhang von Medienrezeption und Meinungsbildung (Hoffmann, 2010), ebenso wie die Möglichkeit der Lernerfahrung über Beobachtung, das Beobachtungslernen nach Bandura (vgl. Myers, 2008). Gerade das Medium Film erhält in diesem Kontext folglich nicht nur als wichtige Informationsquelle und Instanz der Meinungsbildung, sondern eben auch als visuelles Medium, eine besondere Bedeutung (Ecke, 2011). Der Zusammenhang von negativer bzw. nicht-korrekter filmischer Darstellung von psychisch Erkrankten und der Auffassung der Allgemeinbevölkerung spielt in Anbetracht der steigenden Relevanz psychischer Erkrankungen eine wichtige Rolle (Weltgesundheitsorganisation, 2013), da eine stereotype, falsche und negative Repräsentation psychisch kranker Menschen im Film und Fernsehen nachweislich zur Entstehung und Aufrechterhaltung des Stigmas psychischer Krankheit beiträgt. Angst vor Stigmatisierung und Diskriminierung stellt einen der Hauptgründe für die Nicht-Inanspruchnahme psychosozialer Hilfsangebote von betroffenen Personen dar (WHO, 2013).

Das sich aus den oben kurz dargestellten Diskursen ableitende Forschungsinteresse besteht in der Überprüfung der These, dass die Darstellung psychisch kranker Menschen im Film überwiegend falsch, negativ und stereotyp ist, da sich laut Meinung der Verfasserin ein Trend hin zu einer realistischeren Darstellung psychisch kranker Menschen im Spielfilm erkennen lässt (vgl. auch Byrne (2000); Sieff (2003); Tam (2002)). In der vorliegenden Arbeit soll zunächst die Art und Weise der Darstellung psychisch kranker Menschen im Film genauer betrachtet - und bereits existierende Forschungsergebnisse zu dem Thema dargelegt werden (Kapitel 1.2). Im Anschluss daran wird auf der Basis dieser Erkenntnisse und der aktuellen Lehrmeinungen der Klinischen Psychologie ein Analyseschema konzipiert (Kapitel 2), mit dessen Hilfe die folgenden drei Filme untersucht werden: Veronika beschließt zu sterben (USA 2010) , It ’ s Kind of a Funny Story (USA, 2010), Silver Linings (USA 2012) (Kapitel 3). Die Untersuchung bezieht sich auf die klinisch- psychologische Korrektheit der Darstellung von Menschen mit psychischen affektiven Erkrankungen. Die konkreten Forschungsfragen, die sich aus der Vorarbeit für die Untersuchung ableiten ließen, lauten:

- Werden im jeweiligen Film Symptome der entsprechenden psychischen Erkrankung nach ICD-10 gezeigt - JA/NEIN?
- Ist die Anzahl der Symptome der jeweiligen psychischen Erkrankung ausreichend für eine Diagnose?

Die Eingrenzung der Untersuchung auf die klinisch-psychologische Richtigkeit von affektiven Störungen ergibt sich aufgrund des begrenzten Rahmens der Arbeit und aus dem Erkenntnisinteresse über klinisch-psychologische Thematiken im gesellschaftsrelevanten Kontext des Spielfilms. Die Methode der filmischen Inhaltsanalyse wurde gewählt, weil sie sich zur Beantwortung der Frage nach der klinischen Richtigkeit der Darstellung anbietet und eine Zugriffsmöglichkeit mit Bezug zum manifesten und expliziten Inhalt des Filmes darstellt (Faulstich, 2013). Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, exemplarisch zu untersuchen, ob die Darstellung affektiver Erkrankungen im Spielfilm der Gegenwart ein realistisches/klinisch-psychologisch korrektes Bild von betroffenen Menschen zeichnet.

Wenn im Folgenden von Film, Spielfilm oder Kinofilm die Rede ist, bezieht sich das immer auf den kommerziellen Spielfilm, der primär für die Vorführung im Kino produziert wurde. Das Fernsehen wird in diesem Zusammenhang häufig genannt, was sich durch die gängige Ausstrahlung von Spielfilmen im Fernsehen erklärt (im Jahre 2013 wurden allein in Deutschland 107 Kinofilme im Fernsehen gezeigt (e.V., 2015). Der Begriff Medien und Massenmedien meint im Folgenden immer auch Film und Fernsehen, denn Massenmedien sind immer Kommunikationsmittel, die mittels technischer Vervielfältigung und Verbreitung (Schrift, Ton, Bild) Inhalte an beliebig viele Personen vermitteln (Hecht, 2013). Die Begriffe Psychische St ö rung und Psychische Erkrankung sind gleichzusetzen. Im Diagnoseklassifikationssystem der WHO ist von psychischen St ö rungen die Rede. Diese Formulierung wird in der vorliegenden Arbeit aufgrund ihrer negativen Konnotation und der Implikation von „Gestörtheit”, im Gegensatz zu dem neutralen Begriff “Erkrankung”, versucht zu vermeiden.

1. Literaturübersicht

Im Folgenden werden die für die Fragestellung relevanten Inhalte des klinisch- psychologischen Diskurses der affektiven Erkrankungen wiedergegeben, sowie ein Überblick über die Darstellung psychisch kranker Menschen im Film gegeben. Im Anschluss daran wird in einem Exkurs das Problem der Stigmatisierung psychisch kranker Menschen angerissen.

1.1 Klinisch-Psychologischer Diskurs

Im Folgenden werden die klinisch relevanten Fakten der affektiven Erkrankungen nach ICD-10 dargelegt. Nach einer Definition allgemeiner psychischer Erkrankungen wird auf die Ätiologie und Pathogenese, die Symptome, die Diagnose und Abgrenzungen, den Verlauf und die Behandlung von affektiven Erkrankungen nach ICD-10 eingegangen. Das Ziel der folgenden Ausführungen ist es, ein für die anschließende Filmanalyse möglichst genaues Bild der affektiven Störungen zu geben. Dieser Teil der Arbeit bildet die Grundlage für die Konzeption der Analyse.

Psychische Erkrankungen

Psychische Erkrankungen lassen sich als klinisch bedeutsames Verhaltens- oder psychisches Syndrom oder Muster definieren, das mit einem momentanen Leiden oder einer Beeinträchtigung einhergeht, oder das Risiko zu sterben erhöht. Bei der betroffenen Person sollten unabhängig vom ursprünglichen Auslöser verhaltensmäßige biologische oder psychische Funktionsstörung zu beobachten sein (Wittchen & Hoyer, 2011). Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie (DGPPN, 2009) beschreibt psychische Erkrankungen als Einschränkung des menschlichen Erlebens, dass heißt der Kognitionen (Denken, Gedächtnis und Aufmerksamkeit) und Emotionen und nennt als mögliche Ursachen seelische Prozesse oder neuropsychiatrische, systemische oder hirnorganische Erkrankungen.

Affektive Erkrankungen

Affektive Erkrankungen beschreiben Erkrankungen, deren Hauptsymptome in einer veränderten (Grund-)Stimmung oder Affektivität bestehen. Diese Veränderungen äußern sich entweder in gedrückter (mit oder ohne begleitende Angst) oder in gehobener Stimmung, verlaufen entweder mit oder ohne psychotische Symptome und gehen meistens mit einem veränderten Aktivitätsniveau der betroffenen Person einher. Zu den affektiven Erkrankungen gehören laut Diagnoseklassifikationssystem der WHO (ICD-10) Depressionen, Manien und bipolare Erkrankungen, die nach ihrem Schweregrad in verschiedene Unterformen unterteilen lassen.

Ätiologie und Pathogenese

„Obwohl affektive Erkrankungen in den letzten 30 Jahren im Zentrum der empirisch- psychiatrischen Forschung standen, ist das Wissen um die Ätiopathogenese ... lückenhaft“ (Berger et al., 2009, S. 516). Daher ist, wie bei vielen anderen psychischen Erkrankungen auch, die Entstehung der affektiven Störung nicht durch nur ein Modell erklärbar, sondern ist multifaktoriell bedingt. Neben genetischer Disposition spielt die Vulnerabilität für affektive Erkrankungen, ausgelöst durch frühkindliche Traumata, insbesondere

Verlusterlebnisse, eine Rolle. Im Hinblick auf erklärende, auslösende und aufrechterhaltende Faktoren muss die Interaktion von innerpsychischen Denk- und Bewertungsschemata, aktuellen psychischen und psychosozialen Belastungsfaktoren, kindlicher Prägung und genetischen Dispositionen berücksichtigt werden (Berger et al., 2009).

Symptome nach ICD-10

Die folgende Aufführung der Symptome erhebt keinen Anspruch auf absolute Vollständigkeit und richtet sich nach den aktuell herrschenden Lehrmeinungen der Schulmedizin. Sie bezieht sich auf die Definitionen des ICD-10 (International Statistic Classification of Diseases and Health Related Problems, German Modification) Stand: 2014. Dabei werden aufgrund der Relevanz für die folgende Analyse lediglich die akuten Phasen der Erkrankungen berücksichtigt. Auf die Beschreibung chronischer Verläufe oder Frühphasen wird aufgrund des begrenzten Umfanges der Arbeit verzichtet, es sei denn sie spielen für die folgende Analyse eine Rolle.

Symptome der Manie

Bei der Manischen Episode ist die Stimmung des Patienten

„situationsinadäquat gehoben und kann zwischen sorgloser Heiterkeit und fast unkontrollierbarer Erregung schwanken. Die gehobene Stimmung ist mit vermehrtem Antrieb verbunden, dies führt zu Überaktivität, Rededrang und vermindertem Schlafbedürfnis. Die Aufmerksamkeit kann nicht mehr aufrechterhalten werden, es kommt oft zu starker Ablenkbarkeit. Die Selbsteinschätzung ist mit Größenideen oder übertriebenem Optimismus häufig weit überhöht. Der Verlust normaler sozialer Hemmungen kann zu einem leichtsinnigen, rücksichtslosen oder in Bezug auf die Umstände unpassenden und persönlichkeitsfremden Verhalten führen.“ (DIMDI, 2014 ).

Nach Berger et al. (2009) beschreiben die betroffenen Personen ihren Zustand als großartig und beglückend, haben ein Gespür für Konflikte in Gruppen und mischen sich häufig distanzlos in die Lebenssituation und Konfliktbereiche anderer ein.

Die Manische Episode lässt sich je nach Schweregrad in eine hypomanische Episode (geringerer Schweregrad) oder in eine manische Episode mit psychotischen Symptomen (gesteigerter Schweregrad) einteilen. Beim Vorliegen einer hypomanischen Episode wird laut Berger et al. (2009) das gehobene Lebensgefühl der Patienten oftmals nicht als krankhaft angesehen, die betroffene Person selbst erlebt sich in einer besonders glücklichen und energiegeladenen Lebensphase. Eine hypomanische Episode ist demnach „charakterisiert durch eine anhaltende, leicht gehobene Stimmung, gesteigerten Antrieb und Aktivität und in der Regel auch ein auffallendes Gefühl von Wohlbefinden und körperlicher und seelischer Leistungsfähigkeit. Gesteigerte Geselligkeit, Gesprächigkeit, übermäßige Vertraulichkeit, gesteigerte Libido und vermindertes Schlafbedürfnis sind häufig vorhanden, aber nicht in dem Ausmaß, dass sie zu einem Abbruch der Berufstätigkeit oder zu sozialer Ablehnung führen. Reizbarkeit, Selbstüberschätzung und flegelhaftes Verhalten können an die Stelle der häufigen euphorischen Geselligkeit treten. Die Störungen der Stimmung und des Verhaltens werden nicht von Halluzinationen oder Wahn begleitet.“

Nach Berger et al. (2009) treten manische Episoden deutlich seltener auf als depressive und machen auch bei Personen mit bipolaren Erkrankungen nur ca. 10-20% der Erkrankungsepisoden aus. Eine „abnorme und anhaltend gehobene expansive oder reizbare Stimmungslage“ (S. 512) steht im Mittelpunkt der Erkrankung. Bei manischen Episoden mit psychotischen Symptomen treten zusätzlich zu den Symptomen der Manie Wahnsymptome (meist Größenwahn) oder Halluzinationen (meistens Stimmen, die mit den Betroffenen sprechen) auf. Erregung, körperliche Aktivität und Ideenflucht können dann so extrem sein, dass die betroffene Person für normale Kommunikation nicht mehr zugänglich ist (DIMDI, 2014). Laut Berger et al. (2009) weisen ca. 50% der an Manie erkrankten Patienten psychotische Symptome auf (im Gegensatz zu 15-20% der an Depression erkrankten Patienten). Synthyme, also der Grundstimmung entsprechende Wahninhalte und Halluzinationen sind hierbei typischer als parathyme.

Bei der Ideenflucht handelt es sich um ein anfänglich rasches „Andrängen unterschiedlicher Ideen“, welches von den betroffenen Personen als „ausgesprochen inspirierend und beglückend, im fortgeschrittenen Stadium aber zuweilen fremd und bedrohlich“ (Berger et al., 2009, S. 513) empfunden wird. Größenideen bezeichnen den Zustand eines stark übersteigerten Selbstwertes, der die eigene Grandiosität und Stärke gegenüber anderen betont.

Bei mehr als 50% der an Manie leidenden Patienten treten außerdem folgende Symptome auf:

- Irritierbarkeit
- Euphorie
- Labilität
- Ideenflucht
- Feindseligkeit
- Extravaganz
- Depression, Depression nach Manie
- Tagesschwankungen

In weniger als 50% der Fälle, aber mehr als 25% kommt es zu:

- Wahnideen in beliebiger Form
- erhöhter Alkoholkonsum
- gesteigerte Libido

(Winkour et al. 1969, zitiert nach Berger et al. 2009)

Symptome der Depression

Bei depressiven Erkrankungen wird zwischen leichten, mittelgradigen und schweren depressiven Episoden unterschieden. Dabei leidet die betroffene Person bei allen Formen

„unter einer gedrückten Stimmung und einer Verminderung von Antrieb und Aktivität. Die Fähigkeit zu Freude, das Interesse und die Konzentration sind vermindert. Ausgeprägte Müdigkeit kann nach jeder kleinsten Anstrengung auftreten. Der Schlaf ist meist gestört, der Appetit vermindert. Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen sind fast immer beeinträchtigt. Sogar bei der leichten Form kommen Schuldgefühle oder Gedanken über eigene Wertlosigkeit vor. Die gedrückte Stimmung verändert sich von Tag zu Tag wenig, reagiert nicht auf Lebensumstände und kann von so genannten "somatischen" Symptomen begleitet werden, wie Interessenverlust oder Verlust der Freude, Früherwachen, Morgentief, deutliche psychomotorische Hemmung, Agitiertheit,

Appetitverlust, Gewichtsverlust und Libidoverlust.“ (DIMDI, 2014).

In 50% der Fälle treten außerdem folgende Symptome auf:

- Insomnie
- Traurige Verstimmung
- Weinerlichkeit
- Konzentrationsschwäche
- Reizbarkeit
- psychomotorische Verlangsamung
- Tagesschwankungen
- Hoffnungslosigkeit

(Winokur et al. 1969 zitiert nach Berger et al. 2009)

Depressive Patienten wirken gewöhnlich verlangsamt, ihre Mimik und Gestik ist reduziert und die Sprache ist zögerlich. Diese Verlangsamung kann sich bis in einen depressiven Stupor steigern (Erstarrung) in dem es fast unmöglich wird mit den Patienten Kontakt aufzunehmen. Ein extraordinäres Phänomen, von dem selbst stark gehemmte Patienten berichten ist eine quälende innere Unruhe (Berger et al., 2009). Die vegetativen Symptome einer Depression sind wegen der Häufigkeit ihres Auftretens im Zusammenhang mit anderen psychischen Krankheiten nicht Teil der Diagnosekriterien (Berger et al., 2009), aufgrund ihrer klinischen Bedeutung werden sie jedoch hier aufgezählt:

- Obstipation
- Kopfschmerzen
- Muskelkrämpfe
- Ohrengeräusche
- Übelkeit und Magenbeschwerden
- Schwindel und Kreislaufbeschwerden

Bei einer schweren depressiven Episode mit psychotischen Symptomen leidet die betroffene Person zusätzlich an Halluzinationen, Wahnideen, psychomotorischen Hemmungen oder Stupor. Diese Symptome können so schwer ausgeprägt sein, dass alltägliche soziale Aktivitäten unmöglich sind und Lebensgefahr durch Suizid besteht. Dabei können (müssen aber nicht) Halluzinationen und Wahn synthym sein (DIMDI, 2014).

Symptome der bipolaren Erkrankung

Die bipolare affektive Erkrankung, die „durch wenigstens zwei Episoden charakterisiert ist, in denen Stimmung und Aktivitätsniveau des Betroffenen deutlich gestört sind“, (DIMDI, 2014) kann in verschiedene Ausprägungen des Krankheitsbildes unterschieden werden:

- Gegenwärtige hypomanische Episode
- Gegenwärtige manische Episode mit oder ohne psychotische Symptomen
- Gegenwärtige leichte oder mittelgradige depressive Episode
- Gegenwärtige schwere depressive Episode mit oder ohne psychotische Symptome Wiederholte hypomanische oder manische Episoden sind ebenfalls als bipolar zu klassifizieren, jedoch nicht eine einzelne manische Episode (DIMDI, 2014).

Verlauf und Ausgang

Nach Berger et al. (2009) gibt es keinen Zweifel daran, dass Depressionen (neben Angststörungen) die häufigsten psychischen Erkrankungen darstellen. Das Lebenszeitrisiko an einer Depression zu erkranken beträgt 16-18%. Durch die Krankheitshäufigkeit (Punktprävalenz von mindestens 5%), die enormen psychosozialen Einschränkungen und das hohe Suizidrisiko kommt der Depression eine große gesundheitspolitische Bedeutung zu. Die Erstmanifestation von Depressionen liegt häufig im dritten Lebensjahrzehnt, allerdings wird in 50% der Fälle eine Ersterkrankung vor dem 30. Lebensjahr festgestellt. Depressive Erkrankungen verlaufen mit bis zu 35% chronisch und insgesamt besteht ein hohes Risiko für Rückfälle, Wiedererkrankung und Chronifizierung. Jede depressive Phase, die laut klinischen Stichproben 19-22 Wochen beträgt, ist mit einem Suizidrisiko verbunden. 20-60% der an einer depressiven Episode leidenden Personen unternehmen einen Suizidversuch. Frauen erkranken insgesamt doppelt so häufig wie Männer (Berger et al., 2009).

Im Gegensatz zu Depressionen beginnen bipolare Störungen deutlich früher, verlaufen aber auch schwerer und bedingen ebenfalls eine hohe Suizidrate. Diese ist bedingt durch unerwartete und plötzlich einsetzende depressive Verstimmungen, die teilweise sogar nur Minuten oder Stunden anhalten können (Berger et al. ,2009). Durchschnittlich durchleben Patienten in ihrem Leben 8 manische bzw. depressive Phasen, wobei die depressiven Phasen überwiegen. Ca. 15-20% der erkrankten Personen erleben im Laufe eines Jahres mindestens 4 Phasen, das sogenannte „rapid cycling“, was mit einer äußerst ungünstigen Prognose in Verbindung steht. Bipolare Erkrankungen machen etwa ein Fünftel aller affektiven Störungen aus und es gibt einen Unterschied zwischen den Geschlechtern im Bezug auf das Erkrankungsrisiko. Das Lebenszeitrisiko der bipolaren affektiven Erkrankung beträgt 1-2%.

Diagnose, Abgrenzung Unterformen

Die Diagnose affektiver Erkrankungen erfolgt in erster Linie durch den psychopathologischen Befund. Organische oder pharmakogene Ursachen müssen durch eine präzise somatische Diagnostik ausgeschlossen werden, da vielzählige Drogen und Pharmaka zu affektiven Störungen führen können. Zusätzlich müssen die Überschneidungen mit Schizophrenie und Angsterkrankungen beachtet werden (Berger et al., 2009). Um das Vorliegen einer Manie festzustellen, verlangen die Diagnosekriterien aufgrund der Extremsituation, die eine Manie darstellt, lediglich einen Erkrankungszeitraum von einer Woche, bei einer Hypomanie hingegen sollte laut ICD-10- GM „zumindest einige Tage“ eine veränderte oder gehobene Stimmung durchgehend vorhanden sein. Bei einer Manie mit psychotischen Symptomen treten zusätzlich noch Halluzinationen und / oder Wahn auf. Ob eine depressive Episode als leicht, mittelgradig oder schwer bezeichnet wird, ist abhängig von Anzahl und Schwere der Symptome. So müssen laut Berger (2009) „mindestens zwei der drei Hauptsymptome depressive Verstimmung, Verlust von Interesse und Freude sowie erhöhte Ermüdbarkeit (S. 510) über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen fast täglich vorhanden sein um eine depressive Episode zu diagnostizieren. Bei einer leichten depressiven Episode müssen mindestens zwei der oben genannten depressionstypischen Beschwerden vorhanden sein, bei einer mittelgradigen drei und bei einer schweren depressiven Episode mindestens vier weitere (Berger et al., 2009). Bei einer schweren depressiven Episode mit psychotischen Symptomen umfasst das Krankheitsbild zusätzlich Wahnideen und/oder Halluzinationen.

Therapie

Personen zu therapieren, die an einer Manie erkrankt sind, gestaltet sich aufgrund fehlender Krankheitseinsicht oftmals schwierig. In der Regel wird auf eine Pharmakotherapie mit Lithium und zunehmend auf Antikonvulsiva und atypische Antipsychotika zurückgegriffen. Eine psychotherapeutische Basistherapie bildet die Grundlage für eine gute Beziehung zwischen Arzt und Patient. Die Hospitalisierung ist für die Mehrzahl von akuter Manie betroffenen Patienten die erste Wahl.

Zwei Drittel bis drei Viertel der an Depression erkrankten Personen sprechen auf eine Kombination von pharmako- und psychotherapeutischen Maßnahmen an. Bei psychotischen Depressionen ist die Behandlung eine Kombination mit Neuroleptika sinnvoll. Bei schweren Depressionen und akuter Suizidgefahr ist eine Elektrokonvulsionstherapie anzuraten (Berger et al., 2009).

1.2 Darstellung psychisch kranker Menschen im Medium Film

Im folgenden Abschnitt wird die Rolle der Darstellung psychisch kranker Charaktere im Film zu verorten, sowie einen Überblick über die gängigsten Darstellungsmuster psychisch kranker Menschen im Spielfilm zu geben. Diese lassen sich grob unterteilen in stereotype Darstellungen; klinisch falsche Darstellung, die sich auf klinisch falsche Informationen über Ätiologie, Pathogenese, Diagnose, Symptomatik, Verlauf und Behandlung sowie deren Heilung beziehen; die Behandlungsmethoden psychischer Erkrankungen und eine verzerrte Darstellung in Bezug auf Gewaltbereitschaft und Kriminalität psychisch kranker Menschen. Zusätzlich werden die möglichen Auswirkungen dieser Repräsentationen umrissen. Im Anschluss wird in einem Exkurs auf das Problem der Stigmatisierung von psychisch kranken Menschen eingegangen und die öffentliche sowie die Selbst- Stigmatisierung psychisch kranker Menschen erläutert, da diese in engem Zusammenhang mit der Darstellung von psychisch Kranken in den Medien und im Film steht.

Psychisch kranke Menschen im Medium Film

Insbesondere in Filmen und Fernsehsendungen werden psychische Erkrankungen häufig thematisiert (Diefenbach, 1997; Gabbard & Gabbard, 1999; Orchowski et al., 2006). In den USA zeigen ein Fünftel der Programme in der Hauptsendezeit psychische Störungen betreffende Aspekte und zwei bis drei Prozent der erwachsenen Charaktere der Fernsehprogramme haben psychische Probleme (Diefenbach, 1997). In zahlreichen Filmen dient die Darstellung psychisch kranker Personen vor allem dem Kunstgriff (plot device), der Belustigung oder der Dynamik und Komplexität eines Charakters (Beachum, 2010). Um die Andersartigkeit psychisch Erkrankter im Gegensatz zu nicht Erkrankten zu hervorzuheben, werden bestimmte filmische Framing Techniken, wie z.B. die Perspektive des Individuums (individual point of view), Naheinstellung (close-up), unharmonische Musik, atmosphärische Beleuchtung, die Auswahl der Ausstattung und Szenen vergleichende Gegenüberstellungen genutzt (Hyler et al., 1991; Sieff, 2003). Die äußere Erscheinung psychisch kranke Charaktere ist zusätzlich häufig unverwechselbar und unattraktiv, z.B. durch faulende Zähne und ungekämmte Haare (Wilson, Nairn, Coverdale, & Panapa, 2000).

Gebrauch von Stereotypen

In den letzten Jahrzehnten haben sich bezüglich der Darstellung psychisch erkrankter Menschen einige Charakter-Stereotypen oder Charakter-Archetypen (vgl. Beachum, 2010, Übers. von Verf.) etabliert. So entwickelten Hyler et al. (1991) eine Liste der am häufigsten verwendeten Stereotypen für die Darstellung von Charakteren mit psychischer Erkrankung im Film. Diese Liste umfasst nach einer Erweiterung von Hyler im Jahre 2003 sieben Stereotypen (The rebellious free spirit, The Homicidal Maniac, The female patient as seductress, The enlighthend member of society, The narcissistic parasite, The zoo specimen, The specially gifted mental patient) und kann laut Pirkis et al. (2006) um zwei weitere Charakter-Archetypen ergänzt werden (The simpleton und The failure or victim). Der Gebrauch, sowie die Etablierung von diesen stark vereinfachenden Charakter- Archetypen kann kein vollständiges Bild von psychischen Erkrankungen abgeben und zeigt, dass sich die Darstellung psychisch kranker Menschen im Film über die Zeit weinig verändert hat (Hyler, 2003; O. Wahl, 2003). Neben Charakter-Archetypen lassen sich ebenfalls stereotype Charaktereigenschaften ermitteln, die laut Hayward and Bright (1997) seit Jahrzehnten konsistent Charakteren mit psychischer Erkrankung zugeschrieben werden:

- Psychisch Kranke sind gefährlich für andere - Psychisch Kranke sind unberechenbar
- Psychisch Kranke werden niemals gesund
- Psychisch Kranke haben selbst Schuld an ihrer Erkrankung

Die klinischen Fakten über psychischer Krankheit und ihre Heilung

Neben Charakter-Archetypen und stereotypen Charaktereigenschaften werden oftmals falsche Informationen von der Entstehung psychischer Erkrankungen, der Diagnose, den Symptomen, der Auftretenswahrscheinlichkeit, des Verlaufes, der Behandlung und den Chancen auf Heilung vermittelt (Möller-Leimkühler, 2004; Pirkis et al., 2006; O. Wahl et al., 2003). Erkrankungen wie die Dissoziative Persönlichkeitsstörung, Störungen der Geschlechtsidentität und anterograde Amnesie werden aufgrund ihres hohen Potentials zur effektvollen und melodramatischen Inszenierung bevorzugt und häufig von Filmemachern thematisiert und tauchen dadurch im Film häufiger auf, als dies in der Realität der Fall ist (z.B. in The Three Faces of Eve (1957), Psycho (1960) und Memento (2000) (Diefenbach, 1997). Psychische Erkrankungen werden häufig als eine Folge von frühen traumatischen Erlebnissen oder einer unglücklichen Beziehung zu einem Elternteil dargestellt, was ätiologisch nur bedingt richtig ist (Wedding & Niemiec, 2003). Ein Beispiel für eine im Film häufig gestellte falsche Diagnose ist die Gleichsetzung von Schizophrenie und multipler Persönlichkeitsstörung. Zusätzlich lassen sich einige “Mythen” im Bezug auf die Heilung psychischer Krankheit generieren (Wedding et al., 2011): The cathartic cure und the love cure (Gabbard & Gabbard, 1999). Die cathartic cure, also die kathartische Heilung (Übers. Von Verf.), zeigt eine plötzliche Gesundung des Patienten, nachdem der Therapeut eine unterdrückte und dem Bewusstsein des Patienten verborgene, traumatische Erinnerung aufdeckt. Die love cure, also Heilung durch wahre Liebe (Übers. Von Verf.), tritt besonders häufig im Zusammenhang mit einer attraktiven und alleinstehenden Therapeutin und deren beginnender Behandlung eines ebenso attraktiven Patienten auf (Gabbard, 2001).

Die Behandlung psychischer Erkrankungen im Film

In Bezug auf die Behandlung werden typischerweise die Methoden ausgewählt, die der Absicht des Filmes zuträglich sind (Pirkis et al., 2006). Psychotherapie wird oft genutzt um einen Einblick in das Innenleben des Patienten zu ermöglichen, wohingegen die ebenfalls oft gezeigte Elektrokonvulsionstherapie (EKT) wegen ihres großen Potentials zur melodramatischen Inszenierung genutzt wird. Die EKT wird allerdings in den meisten Fällen ebenfalls falsch dargestellt: Eine Studie von McDonald and Walter (2001) untersuchte 20 Filme in denen EKT angewandt wurde, u.a. zur Behandlung von antisozialem Verhalten und verschiedensten psychotischen Erkrankungen. Hierbei wurde in keinem Film das Einverständnis des Patienten erfragt, ebenso wenig wurde vor der Behandlung eine Anästhesie durchgeführt. Der Patient war in der Regel bei vollem Bewusstsein und panisch. Die am häufigsten auftretende Nebenwirkung der EKT war die Verwandlung des Patienten in einen Zombie. Nur wenige Filme zeigten eine positive Wirkung (McDonald & Walter, 2001). Die Verschreibung von Medikamenten wird im Gegensatz zu den vorher beschriebenen Methoden sehr wenig dargestellt, weil sie bildlich weniger interessant ist und die Handlung nicht weiter vorantreiben kann (Pirkis et al., 2006). Gabbard (2001); Gabbard and Gabbard (1999) untersuchten mehr als 400 Filme, die psychische Störungen thematisieren, und in keinem von ihnen wurde ein Psychiater oder eine Psychiaterin gezeigt, die Medikamente verschrieb (Pirkis et al., 2006). Die Dauer der Behandlung und Genesung sind ebenfalls häufig unrealistisch: Den Patienten geht es oft schon unmittelbar nach dem Beginn der Therapie besser und die Symptome sind wie durch ein Wunder verschwunden (Beachum, 2010).

Gewaltbereitschaft und Kriminalität psychisch kranker Charaktere im Film

Häufig betont die Darstellung psychisch kranker Menschen im Fernsehen negative Aspekte (Signorielli, 1989), wie z.B. bizarres oder gewalttätiges Verhalten. Einer von vier psychisch kranken Charaktere tötet jemanden und die Hälfte aller psychisch Kranken im Film verletzten andere (Signorielli, 1989). Während der Hauptsendezeit im US amerikanischen Fernsehen sind 2,2% der Charaktere psychisch krank (Diefenbach, 1997), wovon wiederum 34% als mordende, vergewaltigende oder brutale Gewalttaten ausübende Personen dargestellt werden (Diefenbach, 1997). Laut der Analyse eines beliebten Fernsehprogramms in den USA von Gans-Boriskin and Wardle (2005) wurde psychische Krankheit häufig als Erklärung für das Begehen einer Straftat verwendet. Zahlreiche Studien haben die Darstellung von psychisch kranken Menschen im Film bereits untersucht (Grunst, 2009; Hyler, 1988, 2003; Lopez Levers, 2001) und kamen zu dem Ergebnis, dass sie sich mit den oben beschriebenen negativen, stereotypen, klinisch falschen und verzerrenden Darstellungen psychisch kranker Menschen häufig deckt.

Mögliche Auswirkungen der Art und Weise der Darstellung psychisch kranker Menschen im Film Es kann aus den obigen Ausführungen zusammengefasst werden, dass psychische Erkrankungen ein beliebtes Thema in Spielfilmen und im Fernsehen sind (Hyler, 1988; Karlinsky, 2003; Kimmerle & Cress, 2013; Orchowski et al., 2006; O. Wahl, 2003), weshalb die Zuschauer regelmäßig mit Informationen über psychische Krankheit konfrontiert sind und damit umgehen müssen. Problematisch wird die Art der Darstellung psychisch kranker Menschen bei der Betrachtung des Film- und Fernsehkonsums der Allgemeinbevölkerung und der Rolle, die Film & Fernsehen als Informationsquelle und meinungsbildende Instanz haben (Ecke, 2011). Die Mehrheit der Bevölkerung gibt an, dass sie Informationen über Psychotherapie und psychische Erkrankungen in erster Linie aus Filmen beziehen (Orchowski et al., 2006). Stuart (2006) verdeutlichte in ihrem Artikel über die Auswirkungen der medial präsentierten Bilder von psychisch Kranken auf Betroffene, dass negative Bilder in den Medien heftige emotionale Reaktionen generieren können und eine außergewöhnliche Macht über ihre Zuschauer ausüben, die sogar persönliche positive Erfahrungen (Philo et al., 1994), korrektive Informationen (O. F. Wahl & Lefkowits, 1989) und positive Informationen (Stuart, 2003) überschreibt. Die Tatsache, dass mediale Bilder eine so große Macht auf die Zuschauer ausüben können, macht die Untersuchung der Filminhalte in Bezug auf psychische Störungen zu einer wichtigen Aufgabe. Da die Informationen über psychische Erkrankungen nachweislich häufig klinisch falsch, stereotyp und negativ sind, können sich unzutreffende Annahmen über psychisch Kranke, sowie die Erkrankungen selbst, aber auch über Psychotherapie und Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen etablieren. Beispielsweise wird den Zuschauern bei der Darstellung der “Heilung durch die wahre Liebe” ein unprofessionelles Bild von Therapeutinnen vermittelt, sowie eine wirklichkeitsfremde Vorstellung von Partnerschaft als Heilmittel für psychische Erkrankungen (Beachum, 2010). Die häufig genutzte Darstellung der “kathartische Heilung” (z.B. in: K-Pax - Alles ist möglich (2001) oder Nurse Betty - Gefährliche Träume (2000)) stellt einen unrealistischen Behandlungs- und Therapieverlauf dar und kann beim Zuschauer den Eindruck erwecken, dass sämtliche psychische Störungen oder Probleme entweder durch genau ein traumatisches Erlebnis ausgelöst wurden, oder durch die bloße Aufdeckung oder das Erinnern daran, zur vollständigen Heilung führen (Beachum, 2010). Beide Mythen der Heilung sind unrealistisch und können beim Zuschauer die Erwartung erzeugen, dass die Behandlung psychischer Erkrankungen kurz und simpel sei und sofort positive Ergebnisse erzielte (Beachum, 2010). Auch die häufig inszenierte Darstellung der Elektrokunvulsionstherapie ist bedenklich, da echte Patienten diese Behandlung aufgrund der negativen Darstellung - verbunden mit der scheinbar häufigen Erfolglosigkeit - ablehnen könnten. Die Assoziation zwischen psychischer Krankheit und Gewalttätigkeit bzw. Kriminalität hat ebenfalls weitreichende Folgen, sowohl für die für die Betroffenen (Konfrontation mit Vorurteilen) als auch für die Auffassung der Zuschauer (aufbauen und verstärken von Vorurteilen). Studien zeigen, dass starker Medienkonsum (das “den Medien ausgesetzt sein”) sowohl zu falschen Auffassungen über Kriminalität und denjenigen, die Verbrechen begehen führt, als auch Intoleranz gegenüber Menschen mit psychischen Störungen fördert (Angermeyer & Matschinger, 1995). Das Gewaltrisiko ist de facto nur bei wenigen Erkrankungsformen (z.B. Psychosen oder Demenz) erhöht (Rüsch, Berger, Finzen, & Angermeyer, 2009). Ein weiterer wichtiger Aspekt bei der Darstellung psychisch kranker Menschen betrifft das fehlende Fachwissen der Allgemeinbevölkerung (Althaus, Stefanek, Hasford, & Hegerl, 2002; Jorm, 2000), welches den falschen Informationen entgegenstehen könnte. Tatsächlich ist das Wissen der Allgemeinbevölkerung über psychische Erkrankungen häufig defizitär oder fehlerhaft (Althaus et al., 2002; Gaebel, Baumann, Witte, & Zaeske, 2002; Jorm, 2000). So sehen über die Hälfte (60%) der 1426 Befragten Personen aus einer Studie von Althaus et al. (2002) Depressionen als eine “Willensangelegenheit” an und bringen eine Erkrankung mit “mangelnder Selbstdisziplin” in Verbindung.

O. Wahl (2003) geht davon aus, dass die unvorteilhafte oder gar falsche Darstellung psychisch Erkrankter nicht nur das Verhalten der Zuschauer beeinflusst, sondern darüber hinaus zu Stigmatisierung und Diskriminierung beitragen kann. Diese Annahme wurde von zahlreichen Studien belegt (Anderson, 2003; Hyler et al., 1991; Signorielli, 1989) und verdeutlicht die Relevanz der Forschung auf diesem Gebiet. Möller-Leimkühler (2004) verglich die ersten Medienstudien zu Berichterstattung über psychisch kranke Menschen mit den nachfolgenden und zeigte dabei ein über drei Jahrzehnte bestehendes stereotypes Muster auf, “welches das Stigma von psychisch Kranken und Psychiatrie weiter zementiert”.

1.3 Exkurs

An dieser Stelle soll kurz auf das Problem der Stigmatisierung von psychisch Kranken eingegangen werden, da die stereotype und negative Darstellung psychisch kranker Menschen in den Medien und im Film bei der Entstehung und Aufrechterhaltung des Stigmas psychischer Erkrankungen eine nicht zu verachtende Rolle spielt (Anderson, 2003; Hyler et al., 1991; Klin & Lemish, 2008; Stuart, 2006; O. Wahl, 2003). Im Folgenden soll Bezug genommen werden auf die öffentliche Stigmatisierung und die Selbststigmatisierung psychisch kranker Menschen.

Öffentliches Stigma

Menschen mit psychischen Erkrankungen leiden häufig nicht nur an den Symptomen ihrer Erkrankung, sondern zusätzlich unter dem Stigma, das weiterhin mit psychischer Krankheit in Verbindung gebracht wird (Hoffmann-Richter, 2003; Rüsch, Angermeyer, & Corrigan, 2005; Rüsch et al., 2009), der sogenannten zweiten Erkrankung (B. G. Link, Cullen, Struening, Shrout, & Dohrenwend, 1989). Stigmatisierung und Diskriminierung hält darüber hinaus viele psychisch erkrankte Menschen davon ab, sich in Behandlung zu begeben (Gaebel, Möller, & Rössler, 2005; Weltgesundheitsorganisation, 2013).

Zahlreiche Studien belegen, dass von psychischer Krankheit betroffenen Menschen, trotz deutlich verbesserter Behandlungsmöglichkeiten, in der Öffentlichkeit häufig mit Vorurteilen, Ablehnung, Stigmatisierung und Diskriminierung begegnet wird (Angermeyer & Matschinger, 1997; Byrne, 2001; Gaebel et al., 2002; Rüsch et al., 2005). In der Sozialpsychologie wird laut Rüsch et al. (2009) zwischen verschiedenen Aspekten der öffentlichen Stigmatisierung unterschieden:

- Stereotypen - negative Meinung über eine bestimmte Gruppe von Menschen (z.B. psychisch Kranke sind gefährlich und selbst schuld an ihrer Erkrankung) - Vorurteile - Zustimmung zu den negativen Meinungen und/oder negative emotionale Reaktion (z.B. Angst und Verachtung)
- Diskriminierung - Verhaltensreaktion auf das Vorurteil (z.B. kontaktvermeidendes Verhalten, Benachteiligung bei der Arbeitssuche)

Öffentliches Stigma wird erst dann wirksam, wenn ein Machtgefälle existiert, bzw. wenn es sich bei der diskriminierten Gruppe um eine “Minderheit” handelt: „Stereotypen und Vorurteile führen in der Regel dann zu einer wirksamen Diskriminierung, wenn sie mit sozialen, wirtschaftlichen, politischen oder publizistischen Macht einhergehen, diese Diskriminierung auch durchzusetzen.“ (Rüsch et al., 2009, S. 1039). Es handelt sich bei Stigmatisierung also um eine in unserer Kultur verankerte und dominante Verknüpfung eines bestimmten Merkmals einer Person (z.B. “psychisch krank”) mit einem negativen sozialen Stereotyp oder Vorurteil (z.B. “gefährlich”) (Gaebel et al., 2005; B. G. Link & Phelan, 2001), aus der Diskriminierung resultiert. Die Stigmatisierung einer Person impliziert ebenfalls eine Verringerung ihres sozialen Status, was z.B. bei alleiniger Stereotypisierung nicht der Fall ist (Gaebel et al., 2005; B. G. Link & Phelan, 2001).

Selbststigmatisierung

Bei der Selbststigmatisierung übernimmt die von öffentlicher Stigmatisierung betroffene Person die Vorurteile und überträgt sie auf sich selbst (Gaebel et al., 2005; Rüsch et al., 2009). Selbststigmatisierung basiert laut Rüsch et al. (2009) ebenfalls auf Stereotypen, Vorurteilen und Diskriminierung:

- Selbststereotypen - Negative Meinung über die eigene Person (z.B. eigenes Verschulden der Erkrankung)
- Selbstvorurteile - Befürwortung der Stereotype und/oder negative emotionale Reaktion (z.B. niedriges Selbstwertgefühl)
- Selbstdiskriminierung - Verhaltensreaktion auf das Vorurteil (z.B. Behandlung abbrechen)

Die Folgen der Diskriminierung und Stigmatisierung sind für Betroffene und ihre Angehörigen in ihrem alltäglichen und konkreten Umfeld spürbar (Stuart, 2006). Besonders die Arbeits- und Wohnungssuche gestaltet sich schwierig (B. Link, 2000). In einer Studie von Baker and MacPherson (2000) berichtete ein Drittel der psychisch Erkrankten, dass ihre Familie und Freunde sie aufgrund von negativen Darstellungen psychisch kranker Menschen in den Medien anders behandelten, oder sie sich sogar aus dem sozialen Kontakt mit den Betroffenen zurückzogen (Gaebel et al., 2005). Wirksame Stigmatisierung und Diskriminierung durchzieht somit alle Lebensbereiche und führt häufig zu einer enorm eingeschränkten Lebensqualität (Rüsch et al., 2009), was den Verlauf der Erkrankung negativ beeinflussen kann, da Stigmatisierung dem Selbstbewusstsein der betroffenen Person schadet (B. G. Link et al., 1989). Eine weitere Folge von Stigmatisierung oder der Angst davor, kann die Geheimhaltung der Erkrankung oder einen Rückzug der betroffenen Person aus ihrem sozialen Umfeld bewirken, was bedeutet, dass potentielle Ressourcen der Unterstützung nicht genutzt werden (Gaebel et al., 2005).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Darstellung psychisch kranker Menschen in Film und Fernsehen konsistent überwiegend negativ, stereotyp und klinisch nicht korrekt ist. Durch die Reproduktion negativer Stereotypen und Charaktereigenschaften psychisch kranker Menschen wird ihre Stigmatisierung unterstützt und weiter aufrechterhalten (Hyler et al., 1991; Stuart, 2006; O. Wahl, 2003). Das kann nachweislich negative Auswirkungen auf das Hilfesuchverhalten der Betroffenen haben und stellt eines der größten Hindernisse für die erfolgreiche Behandlung dar (Jorm, 2000; Stuart, 2006). Durch die wichtige Rolle als Informationsquelle und meinungsbildendes Medium kommt Film und Fernsehen eine besondere soziale Verantwortung zu (vgl. Möller-Leimkühler, 2004), da sie die Auffassung der Allgemeinbevölkerung zu psychisch kranken Menschen maßgeblich beeinflussen. Obwohl die Darstellung von negativen Stereotypen in Bezug auf psychische Krankheit dominiert, sollten laut Pirkis et al. (2006) mögliche Veränderungen in Bezug darauf nicht außer acht gelassen werden: Die filmischen Darstellungen psychisch kranker Menschen verändern sich über die Zeit (Cross, 2004) und es gibt Anzeichen für verständnisvollere Darstellungen (Byrne, 2000; Sieff, 2003; Tam, 2002). Große Teile der Forschung beziehen sich auf den Gebrauch von negativen Stereotypen im Hinblick auf die Aufrechterhaltung des Stigmas von psychischer Krankheit. Aufgrund der enormen Relevanz der Massenmedien als Informationsquelle und der Wechselwirkung zwischen Darstellung in den Medien und der Wahrnehmung der Allgemeinbevölkerung von psychisch kranken Menschen und nicht zuletzt aufgrund der steigenden Tendenz psychischer Neuerkrankungen, ist konsequente Forschung in Form von qualitativer filmischer Inhaltsanalyse auf diesem Gebiet wichtig.

2. Konzeption der Analyse

Aus der theoretischen Vorarbeit ergibt sich, dass die Massenmedien und besonders Film und Fernsehen, häufig ein verzerrtes und falsches Bild von psychisch kranken Menschen darstellen. In der vorliegenden Arbeit leitet sich das Forschungsinteresse aus generellen Bedenken über die Art und Weise der Darstellung psychisch kranker Menschen im Film ab. Der Erkenntnisgewinn über die klinisch-psychologisch relevanten Aspekte und die klinische Korrektheit der Darstellung stehen hierbei im Vordergrund. Aus diesem Grunde sowie aus Gründen des begrenzten Umfangs dieser Arbeit wird auf eine Analyse des Gebrauches der oben aufgeführten Stereotypen über psychisch Kranke (Grunst, 2009; Lopez Levers, 2001) verzichtet. Durch die soziale Verantwortung (Möller-Leimkühler, 2004) und die Rolle als Informationsvermittler, die dem Medium Film zukommt, ist die Analyse in Bezug auf die klinisch korrekte Darstellung psychische kranker Menschen relevant.

Im Folgenden werden drei Filme exemplarisch daraufhin untersucht, wie Menschen mit psychischen Erkrankungen unter klinisch-psychologischen Gesichtspunkten dargestellt werden. Dabei wird das Vorkommen der Symptome nach ICD-10 überprüft und der klinisch-psychologisch korrekten Darstellung der jeweiligen Symptome nachgegangen. Die konkreten Forschungsfragen, die sich daraus ableiten, lauten:

- Werden im jeweiligen Film Symptome der entsprechenden psychischen Erkrankung nach ICD-10 gezeigt - JA/NEIN?
- Ist die Anzahl der Symptome der jeweiligen psychischen Erkrankung ausreichend für eine Diagnose?

2.1 Methode

Um die Darstellung von Menschen mit psychischen Erkrankungen im Film im Bezug auf die klinische Korrektheit zu untersuchen, bietet sich die qualitative filmische Inhaltsanalyse als Methode an. Das Ziel einer wissenschaftlichen Filmanalyse ist es, „etwas über den Film in Erfahrung zu bringen, das vorher nicht bekannt war. Das kann durch Nutzung fachspezifischer Methoden und Instrumente auf systematischen Wegen zur Beschreibung und Analyse von Gestaltungs- und Vermittlungsformen gelingen“ (Faulstich, 2013, S. 23).

Das Untersuchungsinstrument liegt in Form einer Symptomtabelle vor, welche die einzelnen Symptome der jeweiligen Erkrankung nach den Angaben des ICD-10 (Stand: 2014) abbildet. Die Anfertigung dieser Tabelle ist angelehnt an die Arbeit von Grunst (2009)1 und fasst die einzelnen Symptome in Gruppen zusammen, um die Anwendung und anschließende Auswertung zu vereinfachen. In der Tabelle ist ebenfalls eine Rubrik integriert, die das Vorkommen eines Symptoms bestätigt oder negiert. Die Überprüfung auf klinische Korrektheit der Symptome der jeweiligen Erkrankung geschieht in erster Linie durch die Analyse der Darstellung der Hauptfiguren der drei Filme Veronika beschließt zu sterben (2010) , It ’ s Kind of a Funny Story (2010) und Silver Linings (2012). Um eine Basis für die inhaltliche Analyse zu schaffen, werden Sequenzprotokolle der drei Filme erstellt, die sowohl den Inhalt der Filme in handhabbare Elemente transkribieren, als auch der späteren Orientierung und Nachvollziehbarkeit dienen. Das Sequenzprotokoll ist für eine Filmanalyse unabdingbar. Die Filmhandlung wird in Tabellenform überführt und in Sequenzen unterteilt, die sich an den Szenen (dem Schnitt, der Musik, der Handlung, dem Ort, der Zeit) orientieren. Die Einteilung der Sequenzen erfolgt nach der Meinung der Verfasserin und ist relativ. Die Sequenzen werden inhaltlich kurz beschrieben (zentrale Inhalte), wenn ersichtlich, werden auch Angaben zu Ort und Zeit vermerkt. Die Sequenz wird zeitlich definiert (Zeit in h). Neben der Nummerierung (Sequenznummer), der zentralen Handlung und der zeitlichen Verortung im Film wird eine zusätzliche Kategorie integriert, die das Verhalten der Hauptfigur protokolliert, da dies für die Analyse der Darstellung der psychischen Erkrankung des Protagonisten von Bedeutung ist. Umgebungsdetails und Umschreibungen von Nebenfiguren werden nicht im Sequenzprotokoll festgehalten, es sei denn, sie sind für die Analyse relevant. Ziel des Sequenzprotokolls ist es, die Handlung/das Verhalten der Hauptperson über das Organisationsprinzip der Filmhandlung zu erschließen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Beispielhafter Ausschnitt eines Sequenzprotokolls (Ausschnitt erstellt durch Verfasserin)

Die Bildbeschreibung in der folgenden Analyse erfolgt mit der Absicht, die Handlung des Protagonisten zu erfassen. Mit dem Zusatz der Kategorie “Verhalten Hauptperson” wird die Anfertigung von Einstellungsprotokollen (welche die Kameraaktivität der einzelnen Einstellungen, Bildbeschreibungen und den Tontrakt beinhaltet) überflüssig. Einstellungsprotokolle sind für inhaltliche Filmanalysen relevant, die sich mit der Machart des Filmes beschäftigen. Für die vorliegende Arbeit stellt die Ausarbeitung solcher Einstellungsprotokolle keinen Gewinn dar, da sich aus der Analyse der Filmtechnik, bzw. filmtechnischen Machart keine für die Analyse des Verhaltens der Hauptfigur relevanten Informationen erschließen lassen.

2.2 Operationalisierung

Um die klinischen Symptome nach ICD-10 aus der Filmhandlung und dem Verhalten des Protagonisten herausarbeiten zu können, müssen diese operationalisiert werden. Die Grundlage hierfür liefern die Ausarbeitungen des klinisch- psychologischen Theorieteils der Arbeit. Da es sich bei dem ICD-10 um das weltweit wichtigste Diagnoseklassifikationssystem auch von psychischen Krankheiten handelt und dies die für eine Analyse notwendige Trennschärfe impliziert, können die einzelnen Symptome als Kategorien betrachtet werden, deren Auftreten im Film untersucht wird. Jeder Analyseschritt wird dokumentiert und nachvollziehbar gemacht, das Vorkommen der Symptome wird im Einzelnen dargelegt. Das ermöglicht die Nachvollziehbarkeit der Auswertung und bildet somit den entscheidenden Unterschied zu einer Interpretation.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Beispielhafter Ausschnitt des Analyseinstrumentes, für vollständige Ausführung: siehe Anhang

2.3 Materialauswahl

Aus den forschungsleitenden Annahmen ergeben sich zwingend einige Kriterien, die von den Filmen erfüllt werden müssen. Um die Darstellung von psychisch kranken Menschen im Spielfilm der Gegenwart analysieren zu können, muss mindestens eine Figur im Film an einer psychischen Erkrankung leiden. Da das Verhalten der erkrankten Figur nur ausreichend untersucht werden kann, wenn diese auch öfter im Film auftritt, sollte es sich dabei um eine Hauptfigur handeln. Um das Verhalten nicht auf eine dubiose Einmaligkeit zurückführen zu können, muss die Diagnose im Film explizit genannt werden und der Film muss hauptsächlich von der Erkrankung handeln. Der Begriff der Gegenwart ist nicht klar definiert, sondern bezieht sich auf einen Zeitintervall zwischen der Vergangenheit und der Zukunft. Da das 1991 erschienene ICD-10 als Grundlage für das Analyseinstrument fungiert, sollten die Filme nicht vor diesem Datum produziert worden sein. Die letzte, der Verfasserin zugängliche inhaltliche Analyse von Filmen in Bezug auf die Darstellung psychischer Störungen wurde im Jahr 2009 von Stephan Grunst2 veröffentlicht. Um die in Grunsts Arbeit untersuchten Filme für die vorliegende Analyse auszuschließen, wurde das Kriterium des Zeitpunktes der Veröffentlichung auf Erscheinungen ab dem Jahr 2010 festgelegt. Der Umfang des Materials ist neben den im Folgenden genannten Auswahlkriterien auch durch die Wahl der Methode der qualitativen Analyse begründet, deren Ausführlichkeit die Bearbeitung von mehr als drei Filmen im Rahmen dieser Arbeit nicht ermöglicht.

[...]


1 Grunst, S. (2009). Spielfilme über psychisch Kranke: Drama light oder Medium der Entstigmatisierung?: Die Darstellung von Menschen, die an einer Schizophrenie, einer bipolaren Störung oder einer Alkoholkrankheit leiden, im Kinofilm der Gegenwart. Sechs exemplarische Filmanalysen

2 Grunst, S. (2009). Spielfilmeüber psychisch Kranke: Drama light oder Medium der Entstigmatisierung?: Die Darstellung von Menschen, die an einer Schizophrenie, einer bipolaren St ö rung oder einer Alkoholkrankheit leiden, im Kinofilm der Gegenwart. Sechs exemplarische Filmanalysen: BoD- Books on Demand.

Ende der Leseprobe aus 79 Seiten

Details

Titel
Darstellung psychisch kranker Menschen im Spielfilm der Gegenwart
Hochschule
Hochschule für Gesundheit und Sport, Berlin
Note
1,5
Autor
Jahr
2015
Seiten
79
Katalognummer
V305714
ISBN (eBook)
9783668036253
ISBN (Buch)
9783668036260
Dateigröße
901 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Film, Psyche, psychisch krank, Stereotype, Darstellung
Arbeit zitieren
Charlotte Hirz (Autor), 2015, Darstellung psychisch kranker Menschen im Spielfilm der Gegenwart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/305714

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