Identität und sozialisatorische Interaktion


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1) Einleitung

2) Sprache und Identität

3) Familie
3.1) Die Konstitution der Dyade
3.2) Die Erweiterung der Dyade zur Triade
3.3) Der menschliche Bildungsprozess in der Triade

4) Die Sozialisatorische Interaktion
4.1) Theoretische Überlegungen
4.1.1) Verortung der Sozialisationsforschung in der Soziologie
4.1.2) Erläuterung der These
4.1.3) Die Struktur der sozialisatorischen Interaktion
4.1.4) Latente Sinnstruktur
4.1.5) Methodologisches Vorgehen
4.2) Empirisches Beispiel

5) Schlussbetrachtung

6) Bibliographie

1)Einleitung

Die Liebe zwischen zwei Menschen krönt sich durch die Zeugung eines Kindes, die Dyade öffnet sich und erweitert sich zur Triade. Das Kind wächst zwischen diffusen Rollenbeziehungen auf, an denen es die Möglichkeit hat die Gesellschaft im Kleinen kennen zu lernen. Wachsende kognitive Fähigkeiten und sprachliche Kompetenz befähigen das Kind an Dialogen teilzunehmen und mit zu konstituieren. Darin sind auch die Voraussetzungen für die Bildung einer Identität zu sehen. Die verschiedenen Konstellationen innerhalb der Familie, die auch triebdynamische Motive beinhalten, eröffnen ein weites Spektrum möglicher Rollen und Interaktionen, an denen sich das Kind ausprobieren kann und Verhaltens- als auch Interaktionsregeln lernen kann. Dabei ist entscheidend, was dem Kind durch die Eltern vorgegeben wird bzw. welche situativen Rahmen durch sie vorgegeben werden, denn nach diesem Muster werden auch Situationen im Erwachsenalter erschlossen und interpretiert.

Die latente Sinnstruktur der sozialisatorischen Interaktion, die von den Beteiligten selbst meist nicht erschlossen wird, gibt Auskunft über das Spezifische der Beziehung und lässt Deutungen zu. Der Gedanke, dass alle Eltern auch selbst einmal Kind gewesen sind und somit Situationen nach spezifischen Mustern bzw. Kategorien interpretieren, ist dabei gerade in Hinblick auf die Arbeit mit Genogrammanalysen, anregend. Die Interpretationsweise der Eltern wird vom Kind miterlebt und gestaltet in entscheidendem Maß, wie das Kind selbst Situationen erlebt.

Dass sich diese Prozesse und Zusammenhänge von den Beteiligten nicht oder nur selten bewusst gemacht werden, lässt einen spekulativen Beigeschmack der qualititativen Sozialforschung aufkommen, der den Appetit auf die Arbeit jedoch nicht verderben soll.

Im folgenden sollen die Familie sowie ihre Konstitution als auch ihre Strukturmerkmale betrachtet werden, um die sozialisatorische Interaktion vor diesem Hintergrund in den Fokus der Aufmerksamkeit zu lenken, mit dem Ziel eine möglichst unfassende bzw. vollständige Arbeit anzufertigen, die beantwortet, welche Rolle die Familie bei der Bildung der Identität spielt.

2)Sprache und Identität

Ein wesentlicher Teil der persönlichen Identität wird in der Kindheit entwickelt, die Sprache der sozialisierenden Erwachsenen wird an das Kind herangetragen, so dass es mit Erwerb dieser Sprache und Nutzung ihrer Kategorien über sich selbst und die Welt nachdenken kann. Das Kind lernt dabei je nach Umgebung bestimmte Kommunikationsmuster, die von den unterschiedlichen Erfahrungen innerhalb der einzelnen Lebensfelder geprägt sind[1].

Die Sprache dient jedoch nicht nur der Benennung dessen, was man von der Welt weiß und kennt, sie ist auch die Vorraussetzung für Kommunikation. Das Kind erwirbt mit dem Heranwachsen die Fähigkeiten, die zur Teilnahme an einer intersubjektiv verständlichen Kommunikation befähigen. Es lernt Objekte und ihre Eigenschaften zu identifizieren und in Kategorien zu ordnen: ein Vogel zwitschert und ist ein Tier. Klassifizierungen und damit auch die Art und Weise in der klassifiziert wird „offenbart, sowohl anschaulich als auch symbolisch, die Perspektive des Klassifizierenden.[2]“ Der „Blick auf die Dinge“ kann also unterschiedlich sein und hängt davon ab, wie er dem Kind in der Sozialisation vermittelt worden ist. Dabei gilt zu beachten, dass dieser Vorgang der Vergesellschaftung als auch der Individuierung dient. Vergesellschaftung meint, dass das Kind Normen, Werte, Einstellungen und Verhaltensweisen der jeweiligen Kultur übernimmt und Individuierung die Ausbildung einer einmaligen Identität. Der Sozialisationsvorgang, der aus Interaktionen, vorwiegend sprachlicher Kommunikation, besteht, ist die Vorraussetzung für die Entwicklung einer Identität[3].

Dennoch stellt sich die Frage, wie das Kind in der sozialisatorischen Interaktion die Grundlagen für die Durchführung einer Kommunikation erwirbt, d.h. eine kommunikative Kompetenz, die mehr als ein bloßes Benennen von Objekten ist. Die Dialog-konstituierenden Universalien, die diese Kompetenz ausmachen „befähigen nicht nur zur Teilnahme am Dialog, sie erzeugen diesen erst.[4]“ Wie werden diese Universalien erworben, wie entfaltet sich diese Kompetenz? Wir wissen bereits, dass sie eine notwendige Bedingung für die Herstellung intersubjektiv verständlicher Kommunikation ist, doch durch den Umstand, dass das Kind über diese Kompetenz jedoch noch nicht verfügt, kann es sie nur über die Teilnahme am intersubjektiv verständlichen Dialog erwerben[5]. Oevermann sieht die Auflösung dieses Dilemmas im Finden funktionaler Äquivalente für die noch fehlende kommunikative Kompetenz des Kindes, „die sichern, dass [sich] gleichwohl die Struktur von Intersubjektivität als objektive Struktur von Interaktionen [...] herstellen lässt.[6]“ Was können wir uns unter solchen funktionalen Äquivalenten vorstellen? Oevermann schlägt vor, sie in Gestalt der partikularistisch-konkreten Eltern-Kind-Beziehung zu sehen, d.h. „außerhalb des sich bildenden Subjekts in den spezifischen Strukturbedingungen der sozialisatorischen Interaktion.[7]

Voraussetzung für die soziale Konstitution des Subjekts kann demzufolge nur bzw. erst auf der Grundlage einer persönlichen Pflegebeziehung entstehen.[8] Diese Pflegebeziehung, gehen wir von einer normalen Familie, d.h. Mutter, Vater, Kind, aus, birgt ein dynamisches Potential in sich, welches es im Verlauf der Arbeit noch näher zu betrachten gilt.

Mit dem Erwerb der linguistischen Kompetenz ist eine entscheidende Strukturbedingung der sozialisatorischen Interaktion erfüllt[9]. Oevermann schreibt dem frühen Sprachgebrauch die Funktion eines „sozialen Bindemittels“ zu, „das objektiv die sozialisatorische Interaktion über die Sinninterpretationskapazität des Kindes hinaus strukturiert.[10]

Das sichert die „Konstitution einer Interaktionsstruktur, die objektiv der Struktur einer intersubjektiv verständlichen Kommunikation entspricht[11]“, was zu einer Teilnahme an Kommunikationen auch außerhalb der Familie befähigt[12]. Es kann also gesagt werden, dass das Kind Sprachsymbole sowie deren Bedeutung in Interaktionen lernt, an denen es beteiligt ist. Die erlernten Sprachsymbole ermöglichen dem Kind erlebte Situationen wieder ins Bewusstsein zu rufen, ohne dass die genaue Konstellation dieser Situation wieder real gegeben sein muss. Diese Möglichkeit, das Benennen von Interaktionen und Situationen, bildet die Grundlage für die Distanzierung von realen Situationen und für die Reflexion[13].

Interessant scheint es darauf hinzuweisen, dass jede menschliche Gruppe mit einer gewissen Lebensdauer eine Art „Spezialsprache“ entwickelt, die zeigt in welcher Art und Weise, die für das Gruppenhandeln wichtigen Objekte identifiziert werden[14]. Die spezielle „Familiensprache“ formt demzufolge auch die kindliche Auffassung und Wahrnahme der Welt. Die soziale Umwelt, in der das Kind die Erfahrungen macht, kann aber auch eine Sprache anbieten, die nur ein begrenztes Nachdenken über soziale Erfahrungen zulässt[15]. Anregend scheint dieser Ansatz hinsichtlich der Genogrammanalyse, beispielsweise bei der Betrachtung pathogener Denkmuster, die sich jeweils auf die folgende Generation übertragen.

Der Sprachgebrauch und damit die Benennung von Objekten befähigen das Kind Richtlinien für richtiges Handeln zu finden. Doch lenkt der Klassifikationsakt nicht nur das äußere Handeln, er weckt auch Erwartungen gegenüber dem klassifizierten Objekt. Diese Erwartungen gründen sich auf früheren Erfahrungen, die mit dem Objekt gemacht worden sind[16]. Ähnlich verhält es sich auch mit der Familienkommunikation. Hier werden die grundlegenden Interaktionsmuster erlebt, an denen spätere Interaktionen bewertet werden[17]. Die Bewertung wird dabei um so differenzierter, je größer die Sinninterpretationskapazität ist, so dass manche Kindheitserfahrungen erst viel später erschlossen werden.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sich an die Sprache nicht nur die Teilnahme an Kommunikation knüpft, sondern auch die Fähigkeit über Ereignisse zu reflektieren. Die Sprache hat dabei die Funktion eines Bezugsystems, das dem Subjekt zum einen ermöglicht, sich von den Informationen der unmittelbaren Wahrnehmung zu distanzieren und diese Erfahrungen als Erkenntnis zu systematisieren und andererseits veranlasst sie aber auch die Wahrnehmungsdaten so zu systematisieren, wie es in der sozialisierenden Umwelt geschieht. Es stehen sich also eine befreiende, als auch eine bindende Funktion von Sprache gegenüber[18].

3)Familie

Im folgenden sollen familientheoretische Grundlagen erarbeitet werden, wobei ich mich im wesentlichen auf Tilman Allerts Ausführungen in „Die Familie – Fallstudien zur Unverwüstlichkeit einer Lebensform“ stütze.

3.1) Die Konstitution der Dyade

Zwei Menschen verlieben sich ineinander, schließen sich zusammen und werden ein Paar, tragendes Element dieses Prozesses ist die Kommunikation, die nicht nur das gesprochene Wort, sondern auch die Körpersprache involviert. Interessant scheint, dass sich die Kommunikation nicht nur auf den Zeitraum des gemeinsamen Zusammenseins beschränkt, auch in Abwesenheit des Anderen wird diese „Sprache“ gesprochen. Das Thema sind dabei stets die beteiligten Personen, als auch die Beziehungsqualität[19]. Tilman Allert schreibt dazu: „Liebende beobachten sich selbst und die Qualität ihrer Empfindungen.[20]“ Das impliziert den Gedanken an ein Abwägen von Kosten und Nutzen, in das Vorstellungen und Erwartungen, sowie bisherige Erfahrungen einfließen. Die Akteure vollziehen dabei Strukturierungsleistungen, die gleichermaßen Einzigartigkeit, als auch ein Beobachten der Güte der Beziehung mit dem Bestreben nach Dauerhaftigkeit involvieren[21].

Die Aufbauphase einer Beziehung kann als interaktiver Prozess verstanden werden, so dass es angebracht ist zunächst die Vorgänge im Beziehungsaufbau selbst zu betrachten. Am Beginn einer Beziehung müssen die Beteiligten daran arbeiten sich gegenseitig kennen zu lernen, dazu werden aus verbalen und nonverbalen Mitteilungen Informationen gesammelt. Das bloße Vorhandensein von Ähnlichkeiten reicht dabei jedoch nicht aus, sie müssen auch entdeckt werden. Das Eingehen einer Beziehung beinhaltet demzufolge ein Wandlungspotential der beteiligten Personen, so dass Neubildungen im Persönlichkeitssystem durchaus möglich sind[22]. Interessant scheint nun, mit Blick auf das bisher Gesagte, zu fragen, wie weit bei dieser Neubildung „Urszenen“ sozialisatorischer Interaktionen, die ja chiffreartig memoriert werden[23], in ihrer durchschlagenden Verhaltensformung an Kraft verlieren und von anderen Verhaltensmustern übermalt werden. Oder anders gesagt: Ist es möglich, dass sich im Zuge eines Beziehungsaufbaus und der damit verbundenen Orientierung am Partner, dem Bestreben Ähnlichkeiten bzw. Gemeinsamkeiten zu erkennen, dem ständigen Beobachten der Beziehungsqualität; das Wesen und Verhalten einer Person in dem Maße ändert, dass Situationen nicht mehr oder in veränderter Form auf Basis des in den „Urszenen“ erworben „Handlungswissens“ erlebt werden. Sicherlich spielt die Beeinflussung der Sinninterpretation durch den Partner, die aber nicht als unangenehm, eher im Gegenteil als willkommen erlebt wird, eine entscheidende Rolle. Frühere Erlebnisse und Erfahrungen werden unter dem „Licht der Liebe“ in eine, durch den Partner angeregte, spezifische Richtung interpretiert, die von den in der Sozialisation erworbenen Interpretationsschemata abweichen kann. Auch der Blick bzw. das Empfinden der Gegenwart kann in diesem „Licht der Liebe“ empfunden werden, nicht umsonst schreibt der Volksmund einem verliebten Menschen und seinem Verhalten den Umstand zu, er sehe alles durch eine rosarote Brille.

Zwei Menschen, die als das Ergebnis von Bildungsprozessen begriffen werden müssen, tragen individuelle Züge, durch die die affektive Solidarität in der Beziehung bestimmt wird[24] und folglich auch die Qualität der Beziehung. Die Option auf Unendlichkeit und das Streben danach, werfen immer wieder die Frage nach einem Gelingen der Zweierbeziehung auf. Durch das ständige Beobachten der eigenen Gefühle und der Orientierung auf den Partner können leicht „Identitätsverstimmungen“ auftauchen, die vielerlei Ursache haben können. Das Subjekt kann sich beispielsweise nicht entscheiden, wo es sich verorten soll oder möchte, auf der einen Seite lockt der warme Platz an der Schulter des Partners, auf der anderen Seite das Wissen um die Vielfalt und Möglichkeiten der Welt, die es zu entdecken gilt. Tilman Allert formuliert dazu sehr treffend: „Nur wer sich hat, kann sich geben, wer die eigene Person in ihrem Verhältnis zur Welt betrachten und dies artikulieren kann, wird attraktiv für den Anderen.[25]“ Es hat nun den Anschein als handle es sich um einen Januskopf, auf der einen Seite steht die innige Verbindung mit dem Partner, die die Welt ausklammern lässt, was sich besonders in der körperlichen Liebe vollzieht, auf der anderen Seite ist die Aufrechterhaltung der Beziehung nur gewährleistet, wenn die beteiligten Subjekte „sich selbst haben“, also in einem eigenem Verhältnis zur Welt, unabhängig vom Anderen, stehen.

[...]


[1] Vgl. Haeberlin Urs; Niklaus Eva: Identitätskrisen – Theorie und Anwendung am Beispiel des sozialen Aufstiegs durch Bildung, UTB 1978, S 111

[2] Strauß, Anselm: Spiegel und Masken – Die Suche nach Identität. Frankfurt am Main, 1969, S. 18

[3] Vgl. Haeberlin, Niklaus, S. 111

[4] Oevermann, Ulrich u.a.: Beobachtungen zur Struktur der sozialisatorischen Interaktion; in: M. Auwärter u.a. (Hrsg.): Seminar: Kommunikation, Interaktion, Identität, Frankfurt a.M., 1976, S. 379

[5] Vgl. Oevermann, S. 397

[6] Oevermann, S. 397

[7] Ebd. S. 397

[8] Ebd. S. 398

[9] Vgl. ebd. S. 398

[10] Ebd. S. 398

[11] Ebd. S. 399

[12] Vgl. ebd. S. 399

[13] Vgl. Haeberlin, Niklaus, S.113

[14] Vgl. Strauss, Anselm: Spiegel und Masken – Die Suche nach Identität, Frankfurt a.M. 1968, S: 19

[15] Vgl. Haeberlin, Niklaus, S. 113

[16] Vgl. Strauss, S. 20 - 21

[17] Vgl. Oevermann, S. 380, 386

[18] Vgl. Haeberlin, Niklaus, S. 114

[19] Allert, Tilman: Die Familie: Fallstudien zur Unverwüstlichkeit einer Lebensform, Berlin 1998, S. 219

[20] Ebd. S. 219

[21] Vgl. ebd. S. 219

[22] Vgl. Lenz, Karl: Soziologie der Zweierbeziehung – Eine Einführung, Wiesbaden, 1998, S. 70 - 72

[23] Vgl. Oevermann, S. 380, 385

[24] Vgl. Allert, S. 219

[25] Ebd., S. 220

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Identität und sozialisatorische Interaktion
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Die Bildung von Kompetenzen im Sozialisationsprozess
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
21
Katalognummer
V30572
ISBN (eBook)
9783638318075
ISBN (Buch)
9783638748049
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Identität, Interaktion, Bildung, Kompetenzen, Sozialisationsprozess
Arbeit zitieren
Christiane Reimann (Autor), 2004, Identität und sozialisatorische Interaktion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30572

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