Die Beziehung zwischen Gregor und seiner Schwester in "Die Verwandlung" im Vergleich zu Franz Kafkas Verhältnis zu seiner Schwester


Facharbeit (Schule), 2015

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Beziehung der Geschwister Gregor und Grete
2.1 Die Geschwister vor der Verwandlung
2.2 Gregors Verwandlung
2.3 Gretes Wandlung
2.4 Gretes Abwendung, das Urteil und Gregors Tod

3. Biographische Vergleiche von Gregor und Grete mit Franz und Ottla
3.1 Franz Kafka und seine Lieblingsschwester
3.2 Die Geschwister Samsa und Kafka - ein Vergleich

4. Schlussbemerkung

5. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Traumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.[1]

So beginnt Franz Kafkas Erzahlung „Die Verwandlung“, die im Jahr 1912 erstmals veroffent- licht wurde. Gregor Samsa, ein fleiBiger und rucksichtsvoller junger Mann, der jeden Tag fur das Wohlergehen seiner Eltern und der Schwester gearbeitet hatte, entdeckt beim Aufwachen, dass er sich in einen riesigen Kafer verwandelt hat. Vom geschatzten Sohn und Bruder wird er zu einem unerwunschten Parasiten, dem mit Ablehnung und Gewalt begegnet wird. Als die Familie zu der Ansicht kommt, dass sie eine Last wie Gregor nicht mehr tragen kann, ist Gregor bereits so schwach, isoliert und kranklich, dass er schlieBlich vertrocknet.

Im Rahmen dieser Facharbeit habe ich mich dazu entschlossen, mich gesondert mit der Bezie- hung zwischen Gregor Samsa und seiner jungeren Schwester Grete Samsa auseinanderzuset- zen, die anfangs nach Gregors Verwandlung seine einzige Bezugsperson darstellt, um zum Schluss zu seiner groBten Bedrohung[2] zu werden.

Um diese Thematik zu erlautern, stelle ich zuerst die beiden Figuren vor, um daraufhin den Beziehungswandel zwischen Gregor und Grete im Laufe der Erzahlung herauszuarbeiten. Im zweiten Teil dieser Arbeit stelle ich die Verbindung zwischen Franz Kafkas Leben und seinem Werk her und erklare, inwiefern sich das Verhaltnis der Figuren Gregor und Grete auf die Be- ziehung von Franz Kafka zu seiner Schwester Ottilie Kafka, genannt Ottla, ubertragen lasst.

Dabei beziehe ich mich insbesondere auf Wolf Dieter Hellberg, Nico Dietrich und Reiner Stach, die sich unter anderem mit der Beziehung der Geschwister beschaftigt haben.

Motivation fur die Wahl meines Themas ist mein personliches Interesse an den Werken Kafkas und seiner Biographie. Verschiedene personliche Aufzeichnungen Kafkas lassen darauf schlie- Ben, dass er in seinen Werken eigene Lebenserfahrungen verarbeitet hat. Auch viele Aspekte aus „Die Verwandlung“ lassen sich auf Franz Kafkas Biographie ubertragen. Dies macht die Kurzgeschichte zu keiner leichten Lekture, doch gerade das macht fur mich die Faszination dieses Werkes aus.

„Ich glaube, man sollte uberhaupt nur noch solche Bucher lesen, die einen beiBen und stechen.“[3] - Franz Kafka, 1904

2. Die Beziehung der Geschwister Gregor und Grete

2.1 Die Geschwister vor der Verwandlung

Die Geschwister Grete und Gregor Samsa wohnen gemeinsam mit den Eltern als eine kleine, burgerliche Familie unter einem Dach.

Aus den Ruckblicken Gregors geht hervor, dass die Geschwister in Hinblick auf ihre Tatigkei- ten, den Charakter und ihre Handlungen unterschiedlicher nicht hatten sein konnen.

Gregor ist ein zuruckhaltender und recht einsamer Mann zwischen 20 und 30 Jahre und arbeitet als Handlungsreisender fur Tuchwaren, weniger aus eigenen Interessen, als eher um die „Schuld der Eltern [...] abzuzahlen“[4]. Dementsprechend fuhlt er sich in seinem Beruf, der ihn zum stan- digen Reisen zwingt, unwohl: „was fur einen anstrengenden Beruf habe ich gewahlt! Tagaus, tagein auf der Reise.“[5] Doch trotz seiner Unzufriedenheit geht er - seiner Familie zuliebe - taglich seinen Pflichten nach. Seine Eltern scheinen dankbar fur Gregors FleiB zu sein und er- kennen seinen Verdienst fur die Familie an.[6]

Grete unterscheidet sich stark von ihrem Bruder. Sie war, soweit man es den Erinnerungen Gregors entnehmen kann, ein eher verwohntes und faules Madchen, das sich schon kleiden durfte und ausschlafen konnte. Gregor „gonnt es seiner erst 17-jarhigen Schwester, ihr Leben auf diese Weise zu gestalten“[7]. Er sieht in seiner Schwester ein kleines Madchen und da sie ihm als Einzige „noch nahe geblieben“[8] ist, mochte er ihr den Wunsch erfullen, sie aufs Konserva- torium zu schicken.[9]

2.2 Gregors Verwandlung

Die beiden Geschwister scheinen sich zu Beginn der Erzahlung sehr nahe zu stehen. Gregor versucht sich nach seinem ersten Erwachen als Kafer zu erklaren, was mit ihm passiert ist, als er von dem Klopfen der Eltern und der Schwester an seiner Tur aus seinen Uberlegungen ge- rissen wird. Die Eltern weisen Gregor daraufhin - die Mutter eher vorsichtig, der Vater „fast bedrohlich“[10] -, dass er doch punktlich los musse und endlich aufstehen solle, wahrend Grete an der Tur steht und sich Sorgen zu machen scheint. Sie stellt vorsichtig Fragen („Gregor, ist dir nicht wohl? Brauchst du etwas?“[11] ) und bleibt auch noch, nachdem die Eltern bereits wieder gegangen sind.

Laut Nico Dietrich lasst dies auf ein „innigeres Verhaltnis“[12] schlieBen und auch Wolf Dieter Hellberg betont, dass die Schwester unmittelbar nach Gregors Verwandlung zusammen mit der Mutter den Gegenpol zum Vater darstellt[13]. Grete zeigt sich fursorglich und somit unterscheidet sich ihr Verhalten zu Beginn sehr deutlich von dem der Eltern[14].

Als der Prokurist erscheint und sich energisch erkundigt, warum Gregor heute nicht zur Arbeit gekommen sei, wird Gregor behutsam von Grete uber das Ankommen des Prokuristen infor- miert. Wahrend dieser sich an den hilflosen Gregor wendet, beginnt die Schwester im Neben- zimmer zu „schluchzen“[15] und wird kurz darauf von der aufgebrachten Mutter losgeschickt, um einen Arzt zu holen. SchlieBlich gelingt es Gregor, sein Zimmer zu verlassen und es kommt zur ersten Begegnung des verwandelten Gregors mit seinen Eltern und dem Prokuristen. Die Anwesenden reagieren mit Besturzung, der Prokurist macht Anstalten die Wohnung zu verlas­sen. Gregor erkennt, dass die Beruhigung des Prokuristen fur ihn und seine Familie von abso- luter Notwendigkeit ist: „Der Prokurist musste gehalten, beruhigt und schlieBlich gewonnen werden; die Zukunft Gregors und seiner Familie hing davon ab!“[16]. In diesem Moment wunscht er sich seine Schwester herbei, denn sie hatte „ihm [dem Prokuristen] [...] den Schrecken aus- geredet“[17]. Er muss jedoch erkennen, dass seine geliebte Schwester in diesem Moment nicht da ist, um ihn zu unterstutzen. Als Gregor versucht, den Prokuristen aufzuhalten, beginnt der Vater seinen Sohn unter Gewaltanwendung zuruckzutreiben. Der verangstigte Gregor bleibt in seiner Zimmertur stecken und kann sich erst nach einem brutalen StoB des Vaters zuruckziehen.

Die Tatsache, dass sich Gregor in seiner aussichtslosen Lage nach seiner Schwester als Ver- bundete sehnt, belegt, dass Grete zunachst als Gregors engste Vertraute auftritt[18]. Des Weiteren bezeichnet Gregor seine kleine Schwester als „klug“[19], da sie schon um ihn getrauert hatte, als Gregor noch in seinem Zimmer war.[20]

Im ersten Kapitel lasst sich eine starke Verbindung zwischen den Geschwistern erkennen, die sich in Gretes Sorgen um ihren Bruder und Gregors Wunsch nach seiner Schwester als Unter- stutzerin auBert. Obwohl diese Verbindung zunachst bestehen bleibt, wird sie im weiteren Ver- lauf der Erzahlung durch die Wandlung Gretes Verhalten beendet werden.

2.3 Gretes Wandlung

Als Gregor zum ersten Mal in seiner Kafergestalt sein Zimmer verlasst, ist Grete zurzeit nicht anwesend und so kommt es erst am nachsten Morgen zur ersten Begegnung Gretes mit dem verwandelten Bruder. Als Gregor am Abend unter Schmerzen erwacht, entdeckt er, dass seine Schwester ihm einen Napf mit suBer Milch und WeiBbrotschnitten hingestellt hat. Obwohl Milch sonst sein „Lieblingsgetrank“[21] war, wendet er sich von dem Napf ab und beginnt sich an fruher zu erinnern, als der Vater der Schwester am Abend vorgelesen hatte. Er ist stolz da- rauf, seiner Familie einen gesicherten Lebensstandard zu bieten, fragt sich allerdings, wie er dies in seinem jetzigen Zustand weiter gewahrleisten soil: „Wie aber, wenn jetzt alle Ruhe, aller Wohlstand, alle Zufriedenheit ein Ende mit Schrecken nehmen sollte?“[22]

Erst am fruhen Morgen wagt sich Grete erneut zu Gregor ins Zimmer. Als sie ihn entdeckt, erschrickt sie und zieht sich zuruck, nur um dann erneut einzutreten. Sie bemerkt „mit Verwun- derung“[23], dass Gregor das Essen verschmaht hat, entfernt angeekelt den Napf und kehrt kurz darauf mit einer Auswahl an verdorrten Essensresten zuruck. Gregor bleibt so lange unter dem Kanapee verborgen bis sich Grete entfernt hat und bedient sich dann an den Lebensmitteln. Er versteckt sich aus Scham und Rucksichtnahme - zuvor hat er beschlossen, „dass er sich vorlau- fig ruhig verhalten und durch [...] Rucksichtnahme der Familie die Unannehmlichkeiten er- traglich machen musse“.[24]

Die Schwester bringt von da an taglich die Mahlzeiten fur ihren Bruder und wird somit zu seiner Versorgerin. Obwohl Grete anscheinend Ekel fur den Kafer empfindet, betritt sie als einzige Person regelmaBig das Zimmer. Die Motive fur dieses fursorgliche Verhalten sind nicht ein- deutig. Gregor selbst vermutet, dass die Eltern zwar nicht wollen, dass ihr Sohn verhungert, seinen Anblick allerdings konnten sie wohl nicht ertragen, sodass Grete die Aufgabe der Futte- rung und Reinigung zuteil wird.[25] Gregor „glaubt in den Handlungen seiner Schwester herzliche und rucksichtsvolle Wesenszuge zu erkennen“[26], da sie ihren Eltern die Trauer ersparen mochte.

Dietrich fuhrt an, dass Grete so eine „geradezu monopolitische Stellung“[27] in der Familie ein- nimmt. Gretes Verhalten gegenuber ihrem Bruder kann zwar als „Beleg fur eine auBerlich har- monisch wirkende Beziehung“[28] gewertet werden, jedoch lassen sich laut Dietrich auch eigen- nutzige Motive Gretes fur ihre Aufopferung erkennen[29]. Um dies zu belegen, nennt er die Not- lage, in der sich die Familie seit der Verwandlung Gregors befindet, denn Gregor hat als Al- leinverdiener fur das Wohl der Familie gesorgt: „ Grete steht vor der Verwandlung, wie auch die ubrigen Familienmitglieder, in einem groBen Abhangigkeitsverhaltnis zu Gregor“[30] und be- zieht sich dann auf die von Grete nun erkannte Moglichkeit, sich fur die Eltern unentbehrlich zu machen. Gregor, der zuvor die meiste Anerkennung der Eltern bekommen hatte, wird nun von Grete abgelost: „In diesem Fall findet Grete in der Pflege des Bruders eine ideale Gelegen- heit um diese Abhangigkeit [gemeint ist die Abhangigkeit der Familie von Gregor] umzukeh- ren[31]

Gretes Wandlung zeigt sich besonders bei ihrem Vorhaben, Gregors Mobel aus seinem Zimmer zu entfernen. Zuvor erfahrt Gregor, dass seine Familie MaBnahmen ergriffen hat, um ihre Exis- tenz zu wahren: Der Vater hat seinen Beruf wieder aufgenommen und Grete beginnt, aktiv im Haushalt mitzuhelfen. Grete erlangt, im Gegensatz zu fruher, erheblichen Einfluss[32] und Ach- tung durch ihre neuen Tatigkeiten: „er horte ofter, wie sie die jetzige Arbeit der Schwester vollig anerkannten, wahrend sie sich bisher haufig uber die Schwester geargert hatten.“[33]

[...]


[1] Kafka 2005, 5

[2] Vgl. Fingerhut 2003

[3] http://de.wikiquote.org/wiki/Franz_Kafka (Letzter Zugriff: 15.02.2015)

[4] Kafka 2005, 7

[5] Ebd. 6

[6] Vgl. Ebd. 36

[7] Ebd. 5

[8] Ebd. 36

[9] Vgl. Ebd. 36

[10] Hellberg 2015, 36

[11] Kafka 2005, 9

[12] Dietrich 2008, 6

[13] Vgl. Hellberg 2015, 36

[14] Vgl. Dietrich 2008, 6

[15] Kafka 2005, 15

[16] Ebd. 24

[17] Kafka 2005, 24

[18] Vgl. Dietrich 2008, 6

[19] Kafka 2005, 24

[20] Vgl. Ebd. 15

[21] Kafka 2005, 28

[22] Ebd. 29

[23] Ebd. 31

[24] Ebd. 30

[25] Kafka 2005, 33

[26] Hellberg 2015, 38

[27] Dietrich 2008, 7

[28] Ebd. 7

[29] Ebd. 7

[30] Ebd. 8

[31] Ebd. 8

[32] Hellberg 2015, 38

[33] Kafka 2005, 41

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Beziehung zwischen Gregor und seiner Schwester in "Die Verwandlung" im Vergleich zu Franz Kafkas Verhältnis zu seiner Schwester
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V305725
ISBN (eBook)
9783668036772
ISBN (Buch)
9783668036789
Dateigröße
796 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutsch, Franz Kafka, Kafka, Die Verwandlung, Verwandlung, Facharbeit, Ottla Kafka, Gregor Samsa, Grete Samsa, Vergleich, Geschwister
Arbeit zitieren
Merle Lotter (Autor), 2015, Die Beziehung zwischen Gregor und seiner Schwester in "Die Verwandlung" im Vergleich zu Franz Kafkas Verhältnis zu seiner Schwester, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/305725

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