Französisch im Wandel. Plurilinguismus und „Malinkisierung“ in den Werken von Ahmadou Kourouma


Hausarbeit, 2014

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehung frankophoner Literaturen im Postkolonialismus
2.1. Das Konzept des Plurilinguismus im frankophonen Roman
2.2. Plurilinguismus bei Kourouma: Von der Oralität des malinké zur Schriftkultur

3. Le métissage der französischen Sprache: sprachliche Modifikationen in den Werken Kouroumas
3.1. Metaebene der Sprache
3.2. Lexikalische Ebene
3.3. Semantische und grammatische Ebene

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Bei Beschäftigung mit der Frage, welche Faktoren langfristig dazu beigetragen haben, eine französische Sprachnorm zu konstituieren, stößt man gleich zu Beginn auf die enge Verbindung zwischen der französischen Sprache und ihrer Literatur. Bereits in frühen Jahrhunderten kristallisierte sich die Funktion der französischen Literatur als Bezugspunkt und Ideal für die Verwendung des Französischen hinaus. In einer wechselseitigen Beziehung war die Literatursprache somit zugleich Ausdruck der herrschenden Norm als auch das Medium, durch das die Konstituierung dieser Norm erfolgte.

Während zu einer Zeit relativer kultureller und sprachlicher Einheit innerhalb des Hexagons noch Ideale wie Natürlichkeit, Reinheit und Klarheit[1] der französischen Klassiker als maßgeblich für den bon usage der französischen Sprache galten, lässt sich ab Beginn der postkolonialen Literatur eine deutliche Veränderung dieses Konzepts beziehungsweise auch das Aufbrechen bisheriger Normen feststellen. Die postkolonialen Autoren mussten sich hierbei direkt damit auseinandersetzen, in welcher Weise das Schreiben in der französischen Sprache, der Sprache der ehemaligen Kolonialherren, die Konzeption und Repräsentation der eigenen Identität beeinflusste oder gegebenenfalls auch beeinträchtigte. Es entstand die Frage, inwieweit man kulturelle Eigenidentität einbüßte, indem man sich der Sprache des Landes bediente, das das eigene Land vorher unterworfen und regiert hatte. Doch auch das Schreiben in der eigenen, indigenen Sprache stellte sich insofern als problematisch heraus, als dass die Plattform dieser Literatur begrenzt war: der Kreis der Sprecher, die in der Lage waren, diese Sprachen zu verstehen, hatte häufig aufgrund ihres oralen Charakters kein Interesse daran, diese auch zu lesen.[2]

Ahmadou Kourouma, ivorischer Autor und Inhaber des Prix Renaudot und des Prix Goncourt des lycéens, hat seine eigene Methode gefunden, um mit dieser schwierigen Thematik umzugehen. Trotz der Tatsache, dass Kourouma während seines Lebens nur vier Werke veröffentlicht hat, haben diese unter Literaturkritikern und Sprachwissenschaftlern eine große Debatte ausgelöst. Hierbei wird insbesondere die Frage nach der Sprache Kouroumas aufgeworfen, die das erreichen soll, was dem eigenen Land unter französischer Herrschaft nicht möglich war: die eigene Identität durch das Medium der französischen Sprache zu kreieren, ohne dass die Verwendung des Französischen jedoch die Niederlage ausdrücken würde, die dies vor der Unabhängigkeit noch bedeutet hatte. So wird das Schreiben auf Französisch als eine Möglichkeit „de témoigner d’un peuple qui a été violé dans cette langue-là“[3] gesehen . In diesem Sinn verwendet Kourouma die französische Sprache, „en [la] colonisant à son tour“, um so die eigene kulturelle Identität zurückzuerobern und zu konstituieren.[4]

Diese Hausarbeit wird sich mit der Frage auseinandersetzen, welche Auswirkungen die Entstehung von frankophonen Literaturen auf die bisher geltende französische Sprachnorm hatte. Ausgehend von der Entstehung dieser Literaturen werde ich erläutern, inwiefern plurilinguistische Konzepte in ihren Werken zunehmend einen integralen Bestandteil ausmachen und an Bedeutung gewinnen. Nach dieser Einleitung wird untersucht, welches genaue sprachliche Konzept den Werken Kouroumas zugrunde liegt. Hierbei werde ich zuerst darauf eingehen, warum seine Werke Zeichen von Plurilinguismus tragen, welche Ansätze und Strategien er beim Schreiben verfolgt und warum Kritiker seiner Werke von einer „Malinkisierung“ des Französischen sprechen. Außerdem ist relevant, inwieweit die Merkmale der Oralität aufgegriffen und verarbeitet werden. Abschließend wird analysiert, inwiefern und auf welchen Ebenen Kourouma die französische Sprache modifiziert, und was für Auswirkungen dies auf die Gesamtkonzeption seiner Werke hat. Der Fokus wird hierbei auf dem letzten während seines Lebens veröffentlichten Werk, Allah n’est pas obligé, liegen.

2. Entstehung frankophoner Literaturen im Postkolonialismus

Nachdem viele Jahrhunderte lang nur von „französischer“ Literatur gesprochen wurde, stellte sich nach der Unabhängigkeit vieler ehemaliger französischer Kolonien die Frage, wie die in diesen Ländern entstehenden Literaturen, die in französischer Sprache geschrieben wurden, klassifiziert werden sollten. Da die französische Sprache und ihre literarische Schrifttradition in Frankreich von jeher an die Konstituierung der französischen Nationalidentität gekoppelt waren, entstand nun die Notwendigkeit, für die Literaturen der Länder, die das kulturelle französische Erbe nicht teilten, eine neue Möglichkeit der Klassifizierung zu schaffen.[5]

Zu diesem Zeitpunkt verwendete man erstmals den Begriff der frankophonen Literaturen. In den ehemaligen Kolonien entstanden neue Strömungen, die der kolonisierten Literatur andere Attribute zuordneten. War vorher nur von den Kolonialmächten über die Kolonisierten geschrieben wurden, entstand nun das Interesse, eigene Texte zu produzieren, „qui puissent témoigner de la rédité africaine telle qu’elle était perçue et vécu de l’intérieur.“[6]

Diese Texte sollten einen authentischeren Ausdruck der eigenen Identität darstellen. In diesem Zusammenhang kann man auch von einem kulturellen Emanzipationsprozess sprechen, der sich sprachlich zuerst in dem Aneignen der französischen Sprache als eigene Ausdrucksform und ihrem späteren Modifizieren äußert. Im Postkolonialismus fand also ein Prozess sprachlich-kultureller Pluralisierung statt, da die französische Literatursprache inzwischen durch die neuen Literaturen selbst zu einer Art der Repräsentation verschiedener frankophoner Kulturen geworden war. Durch diese Entwicklung wurde das vorher scheinbar eindeutig homogene Identitätskonstrukt des Französischen aufgebrochen, indem es die Annahme, dass es eine für alle frankophonen Literaturen konforme Sprachnorm geben müsse, widerlegte.[7]

Zur Frage der genauen Definition einer frankophonen Literatur oder frankophoner Autoren lässt sich generell erst einmal konstatieren, dass jeder Autor als frankophon zu betrachten ist, der seine Werke auf Französisch verfasst. Allerdings darf auch die Ideologie, die eine jede soziale Gruppe bestimmt, nicht außer Acht gelassen werden.[8] Nach Combe formen frankophone Autoren eine Gruppe, in der sie durch das Medium einer gemeinsamen Sprache das Gefühl ihrer Zugehörigkeit zu einer Gedanken- und Kulturgemeinschaft ausdrücken: „[Ils] expriment le sentiment d’appartenir, à travers la langue française, à une communauté de pensée, de culture“.[9]

Als Schlussfolgerung hieraus bedeutet von frankophoner Literatur, littérature francophone, zu sprechen laut Beniamino, von einer Schriftkultur zu sprechen, die sich über ein weites geografisches Feld erstreckt und Varietäten des Französischen darstellt, die aus divergierenden institutionellen Umgebungen und einem jeweiligen speziellen sozio-historischen Kontext resultieren.[10]

Einen weiteren nicht zu vernachlässigenden Faktor stellt die Beziehung zwischen der französischen Sprache und der Muttersprache der frankophonen Autoren dar. Eine wichtige Problematik entsteht bei den Fragen nach der Autonomie einer Literatur, den Bedingungen ihrer Entstehung, dem Status einer Sprache und ihrer Sprecher sowie der Beziehung zwischen dem Autor und seinen Rezipienten.[11] Diese Fragen gewinnen umso mehr an Bedeutung, als die Wahl der Schriftsprache der postkolonialen Literaturen auch immer an die Konstruktion der eigenen Identität gebunden ist.

Memmi ging 1957 noch davon aus, dass die Literatur der ehemals Kolonisierten zum Tode verurteilt sei, da sich ihr in der Zukunft nur Sackgassen böten: „La littérature colonisée de langue européenne semble condamnée à mourir jeune.“[12] Sollten junge Schriftsteller in ihrer Muttersprachen schreiben wollen, gäbe es hierfür keine Rezipienten, legte er dar, da diese Sprachen aufgrund ihres oralen Charakters für die Menschen, die sie sprächen, nur geringe Anreize böten, Geschichten auch schriftlich zu rezipieren. Im Gegensatz hierzu empfand er das Schreiben auf Französisch als Selbstmord für die Schriftsteller der ehemaligen Kolonien, da durch die Adaption der fremden Sprache das diesen Kulturen und Sprachen inhärente Eigene verloren gehe.[13]

Diese Ansicht wurde von der Geschichte der postkolonialen Literaturen widerlegt. Eine reiche Vielfalt verschiedenster frankophoner Literaturen belegt heute, dass ihre Autoren Möglichkeiten entdeckt und Methoden entwickelt haben, um dieser von Memmi als unausweichlich prophezeiten Sackgasse zu entgehen. Frankophone Autoren der ganzen Welt bedienen sich vielfältiger stilistischer Mittel, um das Schreiben auf Französisch nicht in eine kulturelle Niederlage zu verwandeln, sondern stattdessen die Sprache so zu modifizieren, dass sie adäquater und authentischer Ausdruck der eigenen kulturellen und sprachlichen Identität wird. Der Einheitsbegriff des Französischen weicht somit einem weiter gefassten, offeneren Begriff. Diese Veränderung bis hin zu der Akzeptanz der Existenz einer größeren sprachlichen Vielfalt fasste der maghrebinische Autor Tahar Ben Jelloun treffend unter der Idee „écrire dans toutes les langues françaises“, das Schreiben in allen französischen Sprachen, zusammen.[14]

2.1. Das Konzept des Plurilinguismus im frankophonen Roman

Bei der Beschäftigung mit frankophonen Romanen entsteht unter anderem die Frage nach der Muttersprache und der Ausgangskultur des Autors. Wie bereits erläutert gibt es einige gemeinsame Elemente, die für die Literatur des Kollektivs frankophoner Autoren von Bedeutung sind. Abhängig von dem jeweiligen geografischen Umfeld sowie den sozio-historischen und sprachlichen Bedingungen entstehen für die Werke eines jeden Autors neue, autorenspezifische Charakteristika. Jeder Text besitzt also eine eigene Identität, konstituiert durch alle verwendeten Sprachen und eventuelle extratextuelle Referenzen, welche einen direkten Bezug auf das Leben des Autors haben können. Relevant ist hierbei, in welchem Sinne die Sprachen, die den textuellen plurilinguistischen Charakter des Werkes konstituieren, dazu beitragen, den Sinn des Textes zu produzieren.[15]

Grutman geht von der Annahme aus, dass es den Autoren nicht möglich sei, sich von ihrer sozio-kulturellen oder sprachlichen Prägung -die häufig auch Gegenstand zweier oder mehrerer korrelierender Sprachen ist- lösen zu können, sowie auch, dass Literatur immer die Kennzeichen ihrer Umgebung trägt. Aus diesem Grund erscheint auch seine Schlussfolgerung logisch: es gäbe keine sprachlich wirklich homogenen Texte; da die Autoren durch den plurilinguistischen Charakter ihres Leben geprägt seien, sei es nur natürlich, dass ihnen der Übergang zu textuellem Plurilingusimus leicht falle. Die Grenzen der Vielsprachigkeit zwischen der Verwendung unterschiedlicher Sprachniveaus oder historisch abweichenden Bedeutungsunterschieden von Wörtern, einfachen lexikalischen Einstreuungen aus anderen Sprachen bis hin zu ganzen fremdsprachlichen Dialogen seien zwar fließend, führten aber immer zur Existenz von Plurilinguismus in Romanen.[16]

Das Bewusstsein, dass die Modifizierung der französischen Sprache notwendig ist, um sie für die eigenen Zwecke nutzen zu können und sich in ihr „wohlzufühlen“, trägt zu der Kohabitation verschiedener sprachlicher Welten in frankophonen Texten bei. Kourouma drückt dies in einem Interview präzise durch die folgende Aussage aus: „Les Africains, ayant adopté le français, doivent maintenant l’adapter et le changer pour s’y trouver à l’aise […].“[17]

[...]


[1] Vgl. Ludwig, Ralph/ Schwarze, Sabine: Ein erneuter Blick auf Entwicklungen der französischen Sprachkultur: zur Vernetzung von sprachlicher Normierung und literarischer Kanonisierung im 18. und frühen 19. Jahrhundert. Halle/Augsburg, 2012, S. 100

[2] Vgl. Memmi, Albert: Portrait du colonisé, précédé du portrait du colonisateur. Paris: Gallimard, 1985, S. 32

[3] S. Ngong, Benjamin: Pouvoir, violence et résistance en postcolonie: Une lecture de „En attendant le vote des bêtes sauvages“ d’Ahmadou Kourouma. Pro Quest, 2008, S. 241

[4] Vgl. ebd.

[5] Vgl. Ludwig/ Schwarze: Ein erneuter Blick auf Entwicklungen der französischen Sprachkultur, S. 129f.

[6] Vgl. Ndiaye, Christiane: Kourouma, le mythe: la rhétorique des lieux coomuns du discours critique. In: Ouedraogo, Jean: Imaginaire d’Ahmadou Kourouma. Contours et enjeux d’une esthétique. Karthala Editions, 2010, S. 17-40. S. 34f.

[7] Vgl. Ludwig /Schwarze: Ein erneuter Blick auf Entwicklungen der französischen Sprachkultur, S. 129f.

[8] Vgl. Camara, El Hadji: Le plurilinguisme textuel et les mécanismes de sa mise en œuvre chez Ahmadou Kourouma et Patrick Chamoiseau. Université Western Ontaria. Voix plurielles 8.2, 2011. S. 30-41, S. 30

[9] S. Combe, Dominique: Poétiques francophones. Paris: Hachette, 1995, S. 14

[10] Vgl. Beniamino, Michel: La francophonie littéraire: essai pour une théorie. Paris: L’Harmattan, 1999, S. 31

[11] Vgl. Gauvin, Lise: Les langues du roman. Du plurilinguisme comme stratégie textuelle. Montréal: PU de Montréal, 1999, S. 53

[12] S. Memmi: Portrait du colonisé, précédé du portrait du colonisateur, S.105

[13] Vgl. Camara: Le plurilinguisme textuel, S. 32

[14] Vgl. Ludwig/ Schwarze: Ein erneuter Blick auf Entwicklungen der französischen Sprachkultur, S. 130

[15] Vgl. Camara: Le plurilinguisme textuel, S. 30

[16] Vgl. Grutman, Rainier: Des langues qui résonnent. L’hétérolinguisme au 19ième siècle québécois. Québec: Fides-Cétuq, 1997, S. 11

[17] S. Interview mit Ahmadou Kourouma, abgedruckt in: Camara: Le plurilinguisme textuel, S. 33

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Französisch im Wandel. Plurilinguismus und „Malinkisierung“ in den Werken von Ahmadou Kourouma
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Romanistik)
Veranstaltung
Französisch: Sprache und Literatur
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
21
Katalognummer
V305766
ISBN (eBook)
9783668037205
ISBN (Buch)
9783668037212
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Malinkisierung, Ahmadou Kourouma, Allah n'est pas obligé, Sprachwandel Französisch
Arbeit zitieren
Natascha Zeck (Autor), 2014, Französisch im Wandel. Plurilinguismus und „Malinkisierung“ in den Werken von Ahmadou Kourouma, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/305766

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