Die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich nach dem zweiten Weltkrieg

Die Städtepartnerschaft zwischen Pattensen und Saint-Aubin-lès-Elbeufs als lebendige Manifestation der deutsch-französischen Freundschaft


Bachelorarbeit, 2014

41 Seiten, Note: 1,1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Die deutsch-französischen Beziehungen nach dem zweiten Weltkrieg
1. Erste freundschaftliche Kontaktaufnahmen

II. Die Deutschlandreise Charles de Gaulles im September 1962
II. 1. Die Rede de Gaulles in Ludwigsburg: ein Appel an die deutsch-französische Jugend
II. 2. Die Entwicklungen von 1962 bis zur Unterzeichnung des Elysée-Vertrags

III. Der Elysée-Vertrag als Bekräftigung der deutsch-französischen Beziehungen
III. 1. Konzeption und Inhalt des Vertrags

IV. Der Wunsch nach einer Städtepartnerschaft in Pattensen und Saint-Aubin-lès-Elbeufs
IV. 1. Das Anknüpfen erster Beziehungen zwischen den beiden Städten

V. Unterzeichnung und Inhalt des Vertrags
V. 1. Erwartungen und Hoffnungen der Beteiligten

VI. Eine lebendige Partnerschaft: gemeinsame Aktivitäten nach 37-jährigem Bestehen
VI. 1. Schüleraustausch
VI. 2. Jugendfreizeit
VI. 3. Kulturelle und sportliche Vereine
VI. 4. Offizielle Anlässe

VII. Das Fazit einer Partnerschaft

Schlussbetrachtung

Literatur

Einleitung

Die heutige politische Ära Westeuropas zeugt von einer großen Offenheit und neuen Denkansätzen innerhalb der Länder, während die dichte Vernetzung zwischen den einzelnen Staaten und somit gute multilaterale Beziehungen immer wichtiger werden. Die Europäische Union ist durchaus als ein effizientes Beispiel gemeinsamer europäischer Politik zu werten, und das Zusammenspiel der europäischen Staaten muss in Anbetracht der gespaltenen Lage Europas nach dem zweiten Weltkrieg als ein wichtiger Fortschritt auf dem Weg zu Völkerverständigung und Einheit betrachtet werden.

Auch abgesehen von den rein politischen Entwicklungen Europas lässt sich eine kulturelle Öffnung in den einzelnen europäischen Staaten feststellen. Ausgehend von der langsam wachsenden politischen Einheit Europas und der schrittweise begonnenen Öffnung der Grenzen fand so auch eine langsam voranschreitende kulturelle Vermischung statt. Migration innerhalb der Grenzen Europas wurde immer einfacher. Was in Deutschland mit der Migration der italienischen Gastarbeiter begann, die anfänglich nur als vorübergehende zusätzliche Arbeitskräfte nach dem Krieg betrachtet wurden, setzte sich im Lauf der Jahrzehnte mit Bürgern aus anderen Ländern Europas und der Türkei weiter fort. In Frankreich, das Kolonien in direkter geographischer Nähe besaß, stammte der Zustrom an Migranten hauptsächlich aus den in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg unabhängig gewordenen Kolonialstaaten. Betrachtet man also die heutige Situation in den europäischen Ländern, fällt auf, dass hier längst keine homogene Gesellschaft mehr existiert. Menschen aus allen Teilen der Welt haben in Westeuropa gelernt, relativ tolerant und friedlich miteinander umzugehen und sich an die Gegebenheiten in einem neuen Land anzupassen.

Bei Betrachtung dieser Situation stellen sich einige offensichtliche Fragen: Wie ist es trotz der Ressentiments auf allen Seiten gelungen, gegenseitige Vorurteile und Abneigungen abzubauen, um so eine langsame, schrittweise Öffnung einer anderen Kultur gegenüber erst zu ermöglichen? Welche Schritte wurden unternommen und welche Anstrengungen hat es gekostet, zwischenstaatliche Beziehungen zuerst auf bilateraler Ebene wiederherzustellen- beziehungsweise sogar erstmalig herzustellen- sodass gemeinsam getroffene Entscheidungen überhaupt in den Bereich des Möglichen fielen? Wie ist es gelungen, Entscheidungen, die von Politikern getroffen wurden, einem ganzen Volk nahezubringen, sodass dieses aktiv an der Entstehung eines gemeinsamen Dialogs mitwirkte?

Um diese Fragen exemplarisch zu beantworten eignen sich die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich hervorragend. Das Anknüpfen freundschaftlicher Beziehungen nach den lange zurückliegenden deutsch-französischen Streitigkeiten, die sich mit der Besitzfrage um Elsass-Lothringen und den gegnerischen Positionen im ersten und zweiten Weltkrieg beschäftigten, illustriert die Anstrengungen, die die Stabilisation der Beziehungen zwischen den beiden Ländern erforderte. Auch die Tatsache, dass Deutschland und Frankreich die ersten europäischen Länder waren, die durch ihre Freundschaft den Begriff „europäische Integration“ eingeleitet haben, machen deutlich, wie lang der Weg zur gegenseitigen Akzeptanz der beiden Länder gewesen ist, und als wie fruchtbar sich das Resultat heute herausstellt.

Diese Arbeit befasst sich daher im ersten Teil mit den bereits aufgeworfenen kulturhistorischen Fragen zur Entstehung einer gemeinsamen Basis, der deutsch-französischen Freundschaft. Betrachtet wird hierbei verständlicherweise nur die Bundesrepublik Deutschland, während ich die unter sowjetischer Herrschaft stehende Zone übergehe. Über die ersten Schritte der Kontaktaufnahme, des Besuchs de Gaulles im September 1962 in Deutschland, seine Rede an die deutsche Jugend in Ludwigsburg bis hin zur Entstehung und Konzeption des Elysée-Vertrages als Bekräftigung der gemeinsamen Bemühungen um eine friedliche Verständigungsebene wird dargelegt, wie sich der Charakter der bilateralen Beziehungen langsam wandelte. Die Konzeption des Elysée-Vertrags stellt den Abschluss des allgemeinen ersten Teils dar, und bildet durch die dort auftretenden Parallelen eine Überleitung zu der Städtepartnerschaft zwischen der deutschen Stadt Pattensen und der französischen Stadt Saint-Aubin-lès-Elbeufs.

Der Fokus des zweiten Teils liegt auf dem Bereich des Kulturkontakts, da die Beziehungen sowie die gemeinsamen Aktivitäten zwischen den beiden Städten geschildert werden. Hier liegt das Hauptaugenmerk auf den aktuellen Beziehungen und beschäftigt sich weniger mit den einfachen geschichtlichen Ereignissen, da ich diesen Zusammenhang später herstellen werde. Ausgehend von den kulturhistorischen Hintergründen werden nun der Bedarf nach einer jeweiligen Partnerstadt sowie die Erwartungen und Hoffnungen der Beteiligten dargelegt. Nach der Schilderung der Anfänge der Partnerschaft macht die Arbeit einen Zeitsprung von ungefähr 30 Jahren um darauf einzugehen, inwiefern die Bemühungen und die Hoffnungen der beiden Städte sich auch in der Realität erfüllt haben und die gemeinsamen Aktivitäten weiterhin stattfinden. Hierzu werde ich auf die Jugend-, Schüler-, die kulturellen und die sportlichen Austausche eingehen, sowie auch die gemeinsamen offiziellen Zusammenkünfte miteinbeziehen. Auch die weiteren Pläne für die gemeinsame Zukunft der Partnerschaft werden kurz umrissen.

Die Literatur für den historischen zweiten Teil der Arbeit stellen hauptsächlich die Zeitungsartikel und Archivunterlagen der Stadt Pattensen dar, die seit Beginn der Partnerschaft im Rathaus der Stadt archiviert wurden und mir mit Genehmigung der Stadt zur Verfügung stehen. Der Großteil dieser Dokumente besitzt keine genaue zeitliche Datierung, jedoch lassen sich die Artikel und internen Unterlagen aus dem Kontext des Inhaltes dem Ablauf der Ereignisse zuordnen und ermöglichen so eine zeitliche Einordnung. Kopien der Dokumente sind im Anhang angefügt, um das Nachvollziehen der verwendeten Quellen zu ermöglichen.

In der Schlussbetrachtung werde ich auf die Erkenntnisse eingehen, die ich während des Verfassens dieser Arbeit sammeln konnte, sowie den Zusammenhang zwischen den vorangehenden historischen Ereignissen und der späteren Partnerschaft für ein besseres Verständnis der Geschehnisse konkretisieren.

I. Die deutsch-französischen Beziehungen nach dem zweiten Weltkrieg

Die wichtigste Frage bezüglich eines lange währenden Friedens, die sich in dem Europa der Nachkriegsjahre herauskristallisierte, bestand aus der Überlegung, wie man Deutschland davon abhalten könne, einen erneuten Angriffskrieg zu führen. Durch Aufteilung des Landes in die vier Besatzungszonen wurde das geeinte deutsche Reich aufgelöst, was das Zentralisieren feindlicher Intentionen erschwerte. Es bestand zudem die Hoffnung, dass mit der Gestalt des deutschen Reiches auch sein Nationalismus beseitigt werden würde.[1]

Besonders das französische Volk, das direkt unter Deutschland gelitten hatte, wollte Sicherheiten dafür, dass diese bedrohliche Situation in der Zukunft nicht mehr eintreten würde. Aus diesem Grund bestand de Gaulle auf einer Entmilitarisierung Deutschlands und verlangte, dass das Ruhrgebiet, der Hauptproduktionsort der deutschen Waffen, unter internationale Aufsicht gestellt werden würde. Westliches Gedankengut sollte den Deutschen durch Erziehungsmaßnahmen näher gebracht werden. Des Weiteren wurde von ihm eine möglichst lange Präsenz der Alliierten in ihren Besatzungszonen angestrebt, sodass der Wille zum Kampf im deutschen Volk erlöschen und sie sich schrittweise an die Kultur der Besatzer assimilieren würden.[2]

Diese strikten Pläne de Gaulles ließen sich von ihm nicht wie geplant umsetzen, da Frankreich, das im Krieg selbst die Hilfe Amerikas, Großbritanniens und der Sowjetunion benötigt hatte, sich jetzt deren machtpolitischen Intentionen beugen musste. Die Amerikaner und die Briten beabsichtigten nach Abschottung der sowjetischen Zone gegenüber dem Westen, das Potenzial der westdeutschen Bevölkerung zu nutzen und positionierten sich so gegen die geplante Deutschlandpolitik de Gaulles. Dieser trat 1946 zurück und kam erst 1958 wieder an die Macht- allerdings mit anderen Intentionen als bisher.[3]

Bei der Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen erhielten die Franzosen die Länder Baden, Württemberg-Baden, Württemberg-Hohenzollern und Rheinland-Pfalz. Dem Saarland wurde eine politische Unabhängigkeit unter wirtschaftlichem Anschluss an Frankreich zugesprochen. Die französische Besatzungszone wurde der „Bizone“, der amerikanischen und der britischen Zone gegenüber abgegrenzt, einerseits um die von den Franzosen angestrebte Teilung Deutschlands als Bedingung für den europäischen Frieden weiterhin aufrechtzuerhalten, andererseits auch, um das Missfallen Frankreichs an der neuen, liberaleren Deutschlandpolitik Amerikas und Großbritanniens gegenüber auszudrücken. Als jedoch der Kalte Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion begann, sahen die Franzosen ein, dass sich Westdeutschland, das sich immer weiter liberalisierte und demokratisierte, eindeutig auf die Seite des Westens und somit gegen die Sowjetunion stellte. So entstanden zuerst die „Trizone“, der Zusammenschluss der Zonen der drei westlichen Besatzungsmächte, und später die Bundesrepublik Deutschland als ein freiheitlich-demokratischer Verfassungsstaat.[4]

1. Erste freundschaftliche Kontaktaufnahmen

Diese neue Konzeption des Staates wurde von den Deutschen schnell akzeptiert. Da Deutschland schon Jahrhunderte vor dem Nationalsozialismus durch einen eher lockeren Bund zusammengehalten wurde und ein Nationalstaat nur in der jüngeren Geschichte bestanden hatte, sah man in dieser Tatsache jetzt die Möglichkeit, sich in ein neues, übernationales Europa zu integrieren und auf diesem Weg auch die Gleichberechtigung und Selbstbestimmung Deutschlands zurückzuerlangen, die man durch die Aufteilung in die Besatzungszonen nach dem Krieg verloren hatte.[5]

Dieser Gedankengang wurde schon von dem französischen Sozialisten Claude Bourdet verfolgt. Bereits 1944 machte er in der Untergrundzeitschrift „Combat“ darauf aufmerksam, dass sich die Franzosen dem Europa der Zukunft zuwenden müssten, und dass dessen Bildung ohne ein neues Deutschland nicht möglich sei. Zu diesem Zweck solle Deutschland unter eine politische und kulturelle Vormundschaft gestellt werden, welche für das deutsche Volk aber nur dann akzeptabel sein würde, wenn auch die anderen Staaten einen Teil ihrer nationalen Rechte zugunsten einer europäischen Zusammenarbeit abgeben würden.[6]

In den unmittelbar auf den Krieg folgenden Jahren begann ein Prozess des Umdenkens im französischen Volk. Es wurde sich bewusst, dass eine europäische Föderation nur mit der Zusammenarbeit Westdeutschlands funktionieren könne. Vor diesem Hintergrund fiel der 1950 von Adenauer gemachte Vorschlag für eine deutsch-französische Zusammenarbeit auf fruchtbaren Boden. Ein halbes Jahr nach seiner Amtsübernahme als Bundeskanzler schlug er am 7. März 1950 eine Union zwischen Deutschland und Frankreich vor, die „einem schwerkranken Europa neues Leben und einen kraftvollen Auftrieb“ geben sollte. Diese würde „psychologisch und materiell von gewaltigem Einfluss sein und Kräfte freisetzen, die Europa sicherlich retten [würden].“ Adenauer glaubte, in dieser Union die einzige Möglichkeit gefunden zu haben, die bestehende Rivalität zwischen Deutschland und Frankreich zum Verschwinden zu bringen und somit die Einheit Europas realisierbar machen zu können.[7] Diese Notwendigkeit für eine deutsch-französische Zusammenarbeit war von Adenauer schon früher angesprochen worden. Bereits nach dem ersten Weltkrieg wies er als Oberbürgermeister Kölns darauf hin, dass es für den Frieden in Europa und dessen Vormacht in der Welt unabdingbar sei, dass die europäischen Völker „unter der berechtigten Wahrung ihrer Eigenart das allen europäischen Völkern Gemeinsame“ erkannten und pflegten.[8] Nachdem diese Zusammenarbeit nach dem ersten Weltkrieg nicht umgesetzt worden war, griff Adenauer diesen Gedanken nach dem zweiten Weltkrieg wieder auf.

Als Adenauer dem französischen Volk den Vorschlag zu einer deutsch-französischen Union überbrachte, wurde er von diesem aufgegriffen. Am 17. Juli 1950 wurde der erste Vertreter Deutschlands in Frankreich empfangen- obwohl Deutschland immer noch unter Besatzungsstatut stand und kein souveräner Staat war. Dennoch war man bereit, Deutschland zugunsten einer europäischen Zusammenarbeit und einer klaren Positionierung im Ost-West-Konflikt entgegenzukommen.[9] Auch Robert Schuman, 1950 als französischer Außenminister tätig, setzte sich für die Versöhnung beider Völker ein. Schuman, der in Lothringen geboren wurde und im ersten Weltkrieg in der deutschen Verwaltung tätig war, wurde nach der Abtrennung Lothringens französischer Staatsbürger. Er ging den beiden Ländern als gutes Beispiel eines Europäers voraus und war sich, nicht zuletzt auch durch seine persönlichen Erfahrungen, bewusst, dass eine Nation sich dann am besten schützen könne, wenn sie erkenne, dass ihre Kraft nicht in der vor dem zweiten Weltkrieg verfolgten Strategie der „splendid isolation“ liege, „sondern in der Solidarität der von demselben Geist geleiteten Nationen, welche die gemeinsamen Aufgaben zum gemeinsamen Nutzen übernehmen.“[10]

Auch der rheinländische Dichter Carl Zuckmayer sah die Zukunft für die beiden Länder nur gemeinsam: „So wollen wir Frieden machen mit uns selbst und mit denen, die wie bekämpft haben… Es war unsere Pflicht, Feinde zu sein. Jetzt ist es unser Recht, Brüder zu werden.“[11] Diese Worte zeigen deutlich, dass in beiden Ländern der Wunsch bestand, die alte Erbrivalität nicht mehr die Zukunft bestimmen zu lassen, sondern diese im Geist der Versöhnung gemeinsam zu gestalten.

Unterdessen hatte der Bundestag die Einladung des Europarates angenommen, in der Beratenden Versammlung mitzuwirken. Auf diesem Weg näherten sich die Deutschen und die Franzosen langsam einander an. Auch im Konflikt um das Saarland machte die französische Regierung schrittweise Zugeständnisse. Nach der Gewährung einer gewissen Autonomie trotz außenpolitischer und wirtschaftlicher Bindung an Frankreich 1950, wurde schließlich nach einer Volksabstimmung auf demokratischem Weg das Saarland 1957 politisch und 1959 wirtschaftlich in die Bundesrepublik eingegliedert. Dieses Zugeständnis, das auf beiden Seiten aus verschiedenen Gründen kritisiert wurde, erleichterte dennoch die weiteren freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern enorm.[12]

Auch der von Jean Monnet entwickelte und am 9. Mai 1950 von Robert Schuman vorgeschlagene Plan einer Montanunion, der die Zusammenlegung der gesamten deutschen und französischen Kohle-, Eisen- und Stahlproduktion beinhaltete, brachte Europa dem geeinten Ideal näher. 1951 unterzeichneten Frankreich, die BRD, Italien, Belgien, die Niederlande und Luxemburg den Gründungsvertrag der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS), der die gesamte Rüstungsindustrie dieser Länder unter gemeinsame Aufsicht stellte. Sie beabsichtigten durch die Gründung einer ersten übernationalen Institution den Grundstein zu einem organisierten Europa zu legen.[13] Schuman war sich bewusst, dass Europa nicht in einem Tag oder durch einen schon fertig ausgearbeiteten Gesamtplan entstehen würde, sondern durch verschiedene Einzelleistungen, die zuerst einmal faktische Solidarität zwischen den Völkern schaffen müssten und als Folge daraus später zu einem vereinten Europa führen würden.[14]

Als nächster Schritt zu der europäischen Vereinigung wurde von den sechs Staaten der EGKS die Realisierung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG), ein Plan des französischen Verteidigungsministers René Pleven, angestrebt. Dieser sollte deutsche Kontingente in einer europäischen Armee beinhalten, die unter eine übernationale Militärstruktur gestellt werden würde. Dieses Vorhaben wurde jedoch am 30. August 1954 von der französischen Nationalversammlung verworfen, da man dieses angestrebte Europa als aufgezwungen und das eigene Land als seiner Souveränität beraubt wahrnahm.[15]

Nach dem Scheitern des Plans einer übernationalen Einheit Europas erhielt Deutschland die volle Souveränität zurück. Dass die deutsch-französische Verständigung nicht an dem Tag endete, als die französische Nationalversammlung die Pläne für die EVG ablehnte, lässt sich zu einem großen Teil durch die beiden führenden Persönlichkeiten erklären, die die Geschicke ihrer Länder zu dieser Zeit lenkten. Sowohl de Gaulle, der 1958 in Frankreich wieder an die Macht kam, als auch Adenauer in Deutschland nutzten ihre Positionen, um sich weiter für eine deutsch-französische Kooperation einzusetzen. Als de Gaulle Adenauer für den 14. September 1958 auf seinen Landsitz in Frankreich einlud, begann die Beziehung zwischen den beiden Staatsmännern, die das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich nachhaltig prägen sollte.[16] Dieser ersten Begegnung folgten viele weitere und als Adenauer im Juli 1962 in offizieller Funktion Frankreich besuchte, war er sich der Bedeutung dieses Ereignisses vollkommen bewusst. Als Antwort auf eine Rede de Gaulles stellte Adenauer die Wichtigkeit der Verbindung ihrer beiden Länder in einen größeren Kontext:

„Wenn unsere beiden Völker, das französische und das deutsche Volk, nicht zusammenarbeiten in einer Gemeinschaft, in vollem Vertrauen zueinander, in Verbundenheit und Freundschaft, wird es keinen Frieden geben, weder für Frankreich und Deutschland, noch für Europa, noch für die Welt.“[17]

II. Die Deutschlandreise Charles de Gaulles im September 1962

Nach all den bereits vorangegangenen Treffen und der Frankreichreise Adenauers im Juli zeichnete sich ein offiziell abgeschlossenes, enges Verhältnis der beiden Länder immer weiter ab. Adenauers Frankreichaufenthalt galt bereits bei vielen als Symbol für die Versöhnung der beiden Völker und wirkte noch bedeutsamer durch den symbolischen, gemeinsam abgehaltenen Gottesdienst in der Kathedrale von Reims am 8. Juli 1962.[18]

Es war offensichtlich, dass sich ein Konstrukt wie die früher favorisierte übernationale europäische Einheit sich auch in der Zukunft nicht realisieren lassen würde; de Gaulle war außerdem bestrebt, Europa eine möglichst hohe Eigenständigkeit zu erhalten. Daher sahen sich Adenauer und de Gaulle mit der Notwendigkeit eines bilateralen Zusammenschlusses konfrontiert, der beiden Seiten wenigstens einen gewissen Grad an Sicherheit und Selbstbestimmung in Europa versprach- und das ohne die Notwendigkeit zu einer von de Gaulle abgelehnten Annäherung an die USA. Adenauer sah den Vorteil einer solchen bilateralen Union vor allem darin, sich gegen die Sowjetunion absichern zu können.[19] Aus diesem Grund stattete jetzt auch de Gaulle der Bundesrepublik einen Gegenbesuch ab. Vom 4. bis zum 9. September bereiste er verschiedene Städte Deutschlands; dort hielt er mehrere Reden, die vom deutschen Volk positiv, wenn nicht sogar begeistert aufgenommen wurden.[20]

Der herzliche Empfang, den das deutsche Volk de Gaulle in den von ihm besuchten Städten bereitete, lässt sich unter anderem auf die reine Symbolik zurückführen, die dieser Staatsbesuch mit sich brachte. Der bedeutende französische Politiker, der als Gegner des nationalsozialistischen Deutschlands und als Führer des französischen Widerstandes bekannt war, sah das Ziel dieser Reise nicht darin, Deutschland zu verurteilen und zu verdammen, sondern um ihm in Frieden und Freundschaft die Hand zu reichen. Diese Absicht wurde durch seine zahlreichen Reden widergespiegelt.[21]

Im Lauf seiner Reise sprach er zu den Einwohnern von Köln, Bonn und München, zu den Offizieren der Bundeswehr in Hamburg und zu Arbeitern in Duisburg. Er sei gerührt, sagte er, weil Köln beweise, dass „die ehemaligen Streitigkeiten zwischen Deutschland und Frankreich der Vereinigung und Freundschaft Platz gemacht“ hätten.[22] Er betonte, dass besonders in Zeiten einer für beide Länder akuten Bedrohung durch die Sowjetunion eine enge gemeinsame Bindung noch wichtiger werde. Auch die Arbeiter in den Fabriken im Ruhrgebiet wurden mit lobenden Worten bedacht, man strebe jetzt solidarisch dem gemeinsamen Ziel entgegen, den Menschen „Frieden, Würde und Glück“[23] gewähren zu wollen.

Diese Reden, die von ihm jeweils auf Deutsch gehalten wurden und die ihm die Sympathie des deutschen Volkes eintrugen, haben jedoch alle nicht die besondere Bedeutung erlangt, die die seine letzte im Rahmen seines Deutschlandbesuchs, die Rede an die deutsche Jugend in Ludwigsburg, einmal haben würde.[24]

II. 1. Die Rede de Gaulles in Ludwigsburg: ein Appel an die deutsch-französische Jugend

Es ist unwahrscheinlich zu glauben, dass sich de Gaulle bereits am 9. September 1962 im Hof des Schlosses in Ludwigsburg bewusst war, welche Auswirkungen seine hier gehaltene Rede einmal haben würde. Vor den dort versammelten deutschen Jugendlichen sprach er über die Dinge, die die Gesellschaften Westeuropas, vor allem aber die Deutschen und die Franzosen, zu dieser Zeit bewegten. Er begann seine Rede mit dem Glückwunsch an die Jugend dafür, jung zu sein. Jugendlich zu sein bedeute für ihn, noch persönliche Leidenschaft und Begeisterung empfinden zu können, was die jungen Menschen dazu befähige, das Leben meistern zu können. Sie hätten noch genügend Energie, um sich den wichtigen Fragen des Lebens zu stellen.[25]

[...]


[1] Vgl. Herre, Franz: Deutsche und Franzosen. Der lange Weg zur Freundschaft. Gustav Lübbe Verlag GmbH: Bergisch Gladbach, 1983, S. 261f.

[2] Vgl. Herre: Deutsche und Franzosen, S. 263

[3] Vgl. ebd., S. 263f.

[4] Vgl. ebd., S. 265f.

[5] Vgl. Herre: Deutsche und Franzosen, S. 267

[6] Vgl. Bourdet, Claude: Future Allemagne. In: Combat 5/ März 1944 (Lyon). Entnommen aus Herre: Deutsche und Franzosen, S. 268

[7] S. Metzner, Alfred (Hrsg.): Dokumente zur Deutschlandpolitik. 1. Januar bis 31. Dezember 1950. Veröffentlichte Dokumente. Oldenbourg: 1992, S. 81

[8] Schwarz, Hans Peter: Adenauer. Der Aufstieg: 1876-1952. Deutsche Verlags-Anstalt: 1986, S. 246 und Lammert, Norbert: Einigkeit. Und Recht. Und Freiheit. 20 Blicke auf unser Land. Herder: 2010, S. 174

[9] Vgl. Herre: Deutsche und Franzosen, S. 270

[10] S. Hermann, Lutz: Robert Schuman: Ein Porträt. Eurobuch-Verlag: 1968, S. 36

[11] Zuckmayer, Carl: Dramen. Gesammelte Werke, Bd.4. Fischer: 1960, S. 241. Entnommen aus Herre: Deutsche und Franzosen, S. 269

[12] Vgl. ebd., S. 272f.

[13] Vgl. Breus/Fink/Griller (Hrsg.): Vom Schuman-Plan zum Vertrag von Amsterdam. Entstehung und Zukunft der EU. Springer: 2000, S. 1

[14] Timmermann, Heiner: Einigungs- und Friedenspläne im Europa der Neuzeit. In: Salewski, Michael und Timmermann, Heiner (Hrsg.): Gesichter Europas. LIT Verlag Münster: 2002, S. 59-85, hier S. 84

[15] Vgl. Herre: Deutsche und Franzosen, S. 274f.

[16] Vgl. ebd., S. 276

[17] S. Schwarz, Hans Peter: Adenauer. Der Aufstieg: 1876-1952. Deutsche Verlags-Anstalt: 1986, S. 442

[18] Vgl. Herre: Deutsche und Franzosen, S. 278 und 280

[19] Vgl. Bariéty, Jacques: Der französische Weg zum Elysée-Vertrag. In: Defrance, Corine und Pfeil, Ulrich (Hrsg.): Der Elysée-Vertrag und die deutsch-französischen Beziehungen 1945-1963-2003. Oldenbourg: München, 2005, S. 76f

[20] Vgl. ebd.

[21] Vgl. Bariéty: Der französische Weg zum Elysée-Vertrag, S. 76f.

[22] S. De Gaulle, Charles: Discours et messages. Pour l’effort 1962- 1965. Librairie Plon, 1970, S. 8f

[23] S. ebd., S. 11

[24] Vgl. Peyrefitte, Alain: C’était de Gaulle. Paris, 2002, S. 176 und Herre: Deutsche und Franzosen, S. 280

[25] Vgl. De Gaulle: Discours et messages, S. 16

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich nach dem zweiten Weltkrieg
Untertitel
Die Städtepartnerschaft zwischen Pattensen und Saint-Aubin-lès-Elbeufs als lebendige Manifestation der deutsch-französischen Freundschaft
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Romanistik)
Veranstaltung
Kulturgeschichte/ Kulturkontakt
Note
1,1
Autor
Jahr
2014
Seiten
41
Katalognummer
V305767
ISBN (eBook)
9783668037182
ISBN (Buch)
9783668037199
Dateigröße
583 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Städtepartnerschaft, Elysée-Vertrag, Deutschland und Frankreich, deutsch-französische Beziehungen, De Gaulle und Adenauer
Arbeit zitieren
Natascha Zeck (Autor), 2014, Die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich nach dem zweiten Weltkrieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/305767

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