Die Neuwerdung Franz Biberkopfs in Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz"


Hausarbeit, 2015
22 Seiten, Note: 1,7
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Faktoren, die Franz Biberkopf bis in den Tod begleiten
2.1 Verschiedene Auftritte des Todes
2.2 Der Tod und Franz Biberkopf
2.3 Die Gewaltkur Franz Biberkopfs
2.4 Die Hure Babylon

3 Die Neuwerdung Franz Biberkopfs
3.1 Voraussetzungen für die Neuwerdung
3.2 Die Gewalt des Todes
3.3 Der Tod als Erzieher und Ankläger
3.4 Die Hure Babylon als Gegnerin des Todes
3.5 Franz Karl Biberkopf

4 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„In den Gespinsten von falschen unwahren Worten warst du gefangen, jetzt bist du heraus, es ist etwas Schweres geschehen, das erste, das dir überhaupt geschah – du weißt und du bist“[1]. Diese Worte sind in Alfred Döblins Werk ´Unser Dasein´ zu lesen. Und genau diese Worte hätte er auch an seinen Protagonisten Franz Biberkopf in seinem Werk ´Berlin Alexanderplatz´ richten können, im Anhang an das Durchleben einer Gewaltkur, die ihn hat neu werden lassen. Diese Gewaltkur kann als Therapie gesehen werden durch die der Protagonist Franz Biberkopf anfängt zu wissen und zu sein.

Durch die Verarbeitung von Schicksalsschlägen mit übermäßigem Alkoholkonsum, Essen in großen Rationen und dem Abkapseln von der Gesellschaft überwindet Franz Biberkopf im Grunde genommen doch nicht seinen eigenen Tod. Kann die Zusammenkunft zwischen Franz Biberkopf und dem Tod wirklich als Lebensende Franz Biberkopfs gedeutet werden? Oder knüpft an dieser Stelle das wahre Leben des Franz Biberkopfs an? Für jeden Leser steht jedoch fest, dass Franz Biberkopf nach dem Aufeinandertreffen mit dem Tod ein ganz neuer Mensch ist. Nämlich Gottlieb Schulz oder auch Franz Karl Biberkopf. Hier stellt sich mir die Frage, welche Änderungen und welchen Wandel Franz Biberkopf durchzogen hat und ob diese für den Beginn eines neuen Lebens ausreichend sind.

Diese Fragen versuche ich in dieser Hausarbeit zu beantworten. Dafür werde ich mich mit den Komponenten in Franz Biberkopfs Leben aber auch in seinem Tod beschäftigen, da diese großen Einfluss auf das Geschehen haben. Zu diesen Komponenten gehören die unterschiedlichen Auftritte des Todes in Döblins Werk, das Motiv Gewalt und die Hure Babylon, die eine außerordentliche Rolle in Bezug auf die Wandlung Franz Biberkopfs spielt.

Das Hauptaugenmerk dieser Hausarbeit lege ich auf die Neuwerdung Franz Biberkopfs. Wie ist das Zustandekommen des Wandels von Franz Biberkopf möglich und welchen Einfluss hat der Tod, der hier personifiziert auftritt, auf den Ablauf von Biberkopfs Leben?

2 Faktoren, die Franz Biberkopf bis in den Tod begleiten

In Döblins Werk ´Berlin Alexanderplatz´ gibt es unterschiedlichste Faktoren, die den Protagonisten Franz Biberkopf beeinflussen und ihn so daran hindern, ein „normales Leben“, welches sein Vorhaben war, zu führen nachdem er aus dem Gefängnis in Buch entlassen wird. Diese Einflüsse bestimmen die Richtung seines Lebens und gesellen sich ihm bis zu seiner Neuwerdung im neunten Buch bei, wo Franz Biberkopf sie zu Grunde machen kann, um das Leben zu führen, wie er es angestrebt hatte. Dabei nimmt der personifizierte Tod eine wichtige Position ein, da dieser es durch die Gewaltkur an Franz Biberkopf vollbringt, ihn wieder „lebendig“ werden zu lassen. Der Tod tritt allerdings auch in den verschiedensten Situationen in Erscheinung, welche ich in den nachfolgenden Kapiteln aufzeigen möchte.

2.1 Verschiedene Auftritte des Todes

Vorweg ist zu sagen, dass man in ´Berlin Alexanderplatz´ nicht von „der“ Rolle des Todes sprechen kann. Es sind in der Forschung zwar zahlreiche Informationen über die Rolle des Todes im letzten Buch in ´Berlin Alexanderplatz´ vorzufinden, jedoch tritt der Tod auch bei weiteren Figuren im Roman zum Vorschein.

Von großer Bedeutung ist, dass Franz Biberkopf wegen Totschlags im Gefängnis gewesen ist und ihn an dem Tod Miezes indirekt eine Schuld trifft. Franz Biberkopf ergreift sich den Besitz der Obrigkeit, über Leben und Tod zu entscheiden. Bei dem Tod von Ida und Mieze taucht der Tod nicht in personifizierter Form auf, wie es bei Franz Biberkopf der Fall ist. Eine Begründung hierfür könnte sein, dass diese beiden Figuren nicht auf natürlichem Wege gestorben sind, sondern durch die Gewaltausübung anderer Figuren. In dem „Schlachthofkapitel“ wird dieser Gesichtspunkt deutlicher. Hier werden die Menschen nicht durch die Ausübung von Gewalt getötet, jedoch führt die Gewalt einer Person zum Tode eines lebendigen Objekts. In diesem „Schlachthofkapitel“ wird „das Töten vielmehr aus ästhetischer Sicht als anonymes Geschehen, als ein rein technischer Vorgang geschildert“[2]. Hier wird deutlich, dass der Tod nicht personifiziert eine Position einnimmt, sondern dass das menschliche Töten, der Vorgang des Tötens, als auch der Zustand des Menschen beim Töten in den Vordergrund treten. Im Verlauf dieser Hausarbeit wird sich zeigen, dass das Erscheinen des Todes im „Schlachthofkapitel“ anders zu evaluieren ist als der personifizierte Tod für Franz Biberkopf.

Folgendes Beispiel verdeutlicht dies: „Jetzt liegst du still. Wir sind am Ende von Physiologie und Theologie, die Physik beginnt“[3]. Hier wird dokumentarisch präzisiert und veranschaulicht, wie der Tod eintritt. Dass es sich hierbei nicht um den Typus Tod handelt, wie es Franz Biberkopf erleiden musste, zeigt die Aussage: „Im gesamten Schlachthofkapitel - den letzten Anschnitt über das Kälbchen ausgenommen - findet sich kein Wort des Bedauerns oder Mitleids mit der gequälten Kreatur“[4].

Bei der Hiobsparaphrase dagegen wird der Tod als personifizierter Tod verkörpert. Es kann nur vermutet und nicht nachgewiesen werden, dass es sich bei der unbekannten Stimme um den Tod handelt, der zu Hiob spricht. Die Äußerungen, die von der unbekannten Stimme getätigt werden, können jedoch zu denen gegenübergestellt werden, die der Tod im neunten Buch des Romans macht. Ein Beispiel hierfür ist folgende Äußerung, die der Tod an Hiob richtet: „Wer kann dir helfen, wo du selber nicht willst!“[5]. Eine differente Äußerung des Todes, die an Franz Biberkopf gerichtet ist: „Ich habe nur ein Beil in der Hand. Alles andere hast du in der Hand“[6]. Hier ist die Aufforderung des Todes an Hiob und Franz Biberkopf erkennbar, ihr Leben selber zu konzipieren. Wie es Hiob schafft, schafft es auch Franz Biberkopf im neunten Buch des Romans sich dem Tod zu unterwerfen. Da es sich hierbei um den personifizierten Tod handelt, kann eine Beziehung zwischen dieser Hiobsparaphrase und der Todesszene von Franz Biberkopf hergestellt werden. Die Geschichten von Hiob und Franz Biberkopf nehmen identische Verläufe an, mit dem Unterschied, dass bei Hiob nicht öffentlich vom Durchleben des Todes gesprochen wird. Bei Franz Biberkopf hingegen stirbt er offiziell bevor es zum Beginn seiner Wandlung kommt. Dieser fast identische Verlauf beider Geschichten lässt deuten, dass es der Tod ist, der zu Hiob spricht. Die Hiobsparaphrase kann jedoch auch als Montagetext gedeutet werden, der für den weiteren Ablauf der Handlung als unwichtig angesehen werden kann. Geht man von einem Montagetext aus, ist Franz Biberkopf weiterhin der Einzige, bei dem von einer Begegnung mit dem Tod gesprochen wird.

2.2 Der Tod und Franz Biberkopf

Neben den Erfahrungen, die Franz Biberkopf mit dem Tod macht, indem er sie selbst durch Gewaltverbrechen wahrnimmt oder auch selbst anwendet, erscheint ihm der Tod in Form einer anonymen Stimme, die ihn anspricht. Diese Stimme ist anfangs nur für die Leser wahrnehmbar. Ob es sich bei der Stimme um den Tod handelt, ist für sie vorerst nicht ersichtlich. Erst im Verlauf des neunten Buches kann der Leser die Stimme mit dem Tod verknüpfen. Hier heißt es: „Hab dich gerufen immer wieder, hälst mich für einen Schallplattenapparat, fürn Grammophon“[7].

Eine Veränderung in der Beziehung zwischen Franz Biberkopf und dem Tod wird im Handlungsverlauf erkennbar: „Wie im ersten Buch tritt der Tod auch hier [viertes Buch] wieder als kritisierende und auftraggebende Instanz, als erstgradiger Destinateur an Franz heran. Anders als im ersten Buch ist Franz hier imstande, die Stimme überhaupt zu hören“[8]. Die Stimme ist nur für die Leser im ersten Buch bis auf weiteres nur als anonyme Stimme erkenntlich: „Es antwortete: >>Die Strafe<<“[9]. Eine Steigerung ist erst im vierten Buch wahrnehmbar als Franz Biberkopf mit dem Tod zu sprechen beginnt: „>>Und wen? Wer spricht?<< >>Ich sag es nicht. Du wirst es sehen. Du wirst es fühlen.<<“[10]. Franz Biberkopf fängt an, die unbekannte Stimme wahrzunehmen, allerdings kann oder will er diese nicht einordnen. Eher gegenteilig versucht er sich jeder Annäherung der Stimme zu verweigern. Er sagt: „Wer Franz Biberkopf ist. Der fürchtet sich vor nichts. Ich hab Fäuste. Sieh mal was ich Muskeln habe“[11]. Deutlich wird an diesem Zitat, dass Franz Biberkopf die Stimme oder besser gesagt den Tod, wie man nun weiß, ablehnt.

So wie in diesem Zitat wendet sich der Tod zahlreiche Male an Franz Biberkopf und baut hierdurch eine Beziehung zu ihm auf, wie sie bei anderen Figuren des Werkes nicht vorhanden ist. Die Andersartigkeit der Beziehung tritt besonders bei der Neuwerdung Franz Biberkopfs in Erscheinung.

2.3 Die Gewaltkur Franz Biberkopfs

In seinem Buch „Das Thema Gewalt im Werk Alfred Döblins“ äußert Otto Klein: „Gewalt ist in ´Berlin Alexanderplatz´ schließlich […] das Mittel, um Biberkopf zu einem „wahren Dasein“[12] zu verhelfen. Bereits in dem Vorwort des Romans macht Alfred Döblin deutlich: „Es wird eine Gewaltkur mit Franz Biberkopf vollzogen“[13]. Die Gewalt ist daher nicht nur eine bedeutungsvolle Position für Döblins Roman, sondern auch für die Neuwerdung Biberkopfs. Diese Gewalt äußert sich sowohl auf psychische Art und Weise durch die Schicksalsschläge, die sich ihm ereignen, als auch physisch durch den Verlust seines Armes.

Das Augenmerk ist hier auch auf Franz Biberkopf zu richten, der selber zum Ausführenden der Gewalt wird. Dies wird besonders deutlich, wenn man die beiden Rollen Biberkopfs als Gewaltausführender und im Kampf um den Tod einem Vergleich unterzieht. Die Gewalt, die Franz Biberkopf in den ersten acht Büchern über sich ergehen lassen muss steht hier im deutlichen Gegensatz zu der Gewalt, die der Tod ihm am Romanende spüren lässt. Ich werde nun ein paar Anregungen geben, um den Unterschied zu veranschaulichen.

Als erstes Beispiel ist hier die Stadt zu erwähnen, denn „in der Großstadt zeigt sich exemplarisch die Gewalttätigkeit der Gesellschaft. Alle Menschen - auch Biberkopf - sind zugleich Täter und Opfer“[14]. Darüber hinaus ist Berlin genau der Ort, der Biberkopfs Pläne von einem Neubeginn seines Lebens durchkreuzt aufgrund der Schicksalsschläge und seines Nichteinsehens. Ebenfalls stellen die rutschenden Dächer, die deutlich in Bezug zur Stadt stehen, eine andauernde Einengung da, die im Verlaufe des Romans vielmals als Triebfeder auftaucht.

Gleichermaßen spielt auch das von mir unter Punkt 2.1 genannte Schlachthofkapitel eine bedeutende Rolle bei der Thematik Gewalt, da in diesem Kapitel „die Gewalttätigkeit der Stadt bis auf das höchste gesteigert“[15] wird. Einerseits wird dies deutlich durch den Vollzug der Schlachtung inmitten der Stadt und andererseits, da genau diese Schlachtung zur Versorgung der Großstadteinwohner dient.

[...]


[1] Döblin, Alfred: Unser Dasein. S. 476.

[2] Klein, Otto: Das Thema Gewalt im Werk Alfred Döblins. S. 195.

[3] Döblin, Alfred: Berlin Alexanderplatz. S. 147.

[4] Klein, Otto: Das Thema Gewalt im Werk Alfred Döblins. S. 196.

[5] Döblin, Alfred: Berlin Alexanderplatz. S. 154.

[6] Ebd. S. 464.

[7] Ebd. S. 465.

[8] Keller, Otto: Döblins Berlin Alexanderplatz. S. 50.

[9] Döblin, Alfred: Berlin Alexanderplatz. S. 16.

[10] Ebd. S. 172.

[11] Ebd. S. 172.

[12] Klein, Otto: Das Thema Gewalt im Werk Alfred Döblins. S. 193.

[13] Döblin, Alfred: Berlin Alexanderplatz. S. 9.

[14] Klein, Otto: Das Thema Gewalt im Werk Alfred Döblins. S. 195.

[15] Ebd. S. 195.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Neuwerdung Franz Biberkopfs in Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz"
Hochschule
Universität Paderborn
Note
1,7
Jahr
2015
Seiten
22
Katalognummer
V305833
ISBN (eBook)
9783668038097
ISBN (Buch)
9783668038103
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
neuwerdung, franz, biberkopfs, alfred, döblins, roman, berlin, alexanderplatz
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Die Neuwerdung Franz Biberkopfs in Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/305833

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