Das freie Kind in Edith Nesbits realistischer Kinderliteratur


Seminararbeit, 2004
14 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Das freie dargestellte Kind

2. Das freie erzählende Kind

3. Das freie lesende Kind

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Edith Nesbit wird in Arbeiten, die sich mit ihrem Leben und Werk beschäftigen, häufig als moderne Kinderbuchautorin bezeichnet, deren Texte einen Wendepunkt in der Geschichte der Kinderliteratur darstellen. Für Julia Briggs ist sie „the first modern writer for children. [...] Her books established a style and approach still widely used today.“[1] Anita Moss sieht in Nesbits Texten den Versuch, ,,a new and modern kind of children’s story”[2] zu schaffen, und auch Marcus Crouch äußert sich in ähnlicher Weise:

E. Nesbit stands squarely in the doorway between the nineteenth and the twentieth centuries. She owed much to the Victorians, even if she made affectionate fun of them. She transmuted their good solid base metal into pure gold. In her hands the Victorian conscience lost its self-consciousness; […]. After E. Nesbit children’s literature might explore new worlds of ideas and themes; it would never return to the stuffily enclosed nurseries of the nineteenth century.[3]

Worin genau besteht die ihr zugeschriebene Modernität?

Ziel dieser Arbeit ist es, anhand von Edith Nesbits realistischer Kinderliteratur zu zeigen, wie sie innerhalb der für Kinder geschaffenen Literatur eine ganz neue Richtung einschlägt, indem sie dem lesenden Kind, dem dargestellten Kind und dem (dargestellten) erzählenden Kind gewisse Freiheiten einräumt, die es in vorhergehenden Werken für Kinder nicht hatte. Diese drei Instanzen sollen im Folgenden nun etwas genauer beleuchtet werden. Die dazu herangezogenen Werke sind in erster Linie The Story of the Treasure Seekers von 1899 (im Folgenden zitiert als Story), The Wouldbegoods von 1901 (im Folgenden zitiert als Would) und The Railway Children von 1906 (im Folgenden zitiert als Railway).[4]

1. Das freie dargestellte Kind

Generell lässt sich über die Kinder in Edith Nesbits realistischen Geschichten sagen, dass sie weitgehend sich selbst überlassen und ohne eine moralisierende Instanz dargestellt sind. Sowohl in The Story of the Treasure Seekers als auch in The Railway Children gehen die Kinder nicht zur Schule (aufgrund ärmlicher Verhältnisse in der Familie), und The Wouldbegoods spielt während der Ferienzeit. Erwachsene spielen in allen drei Büchern eine Nebenrolle und haben meistens keine Zeit, sich mit den Kindern zu beschäftigen. So muss sich z.B. der Vater der Bastable Kinder in The Story of the Treasure Seekers nach dem Tod seiner Frau hauptsächlich um sein schlecht laufendes Geschäft kümmern, ebenso wie die Mutter von Roberta, Peter und Phyllis in The Railway Children nach dem Verschwinden des Vaters meistens hinter verschlossenen Türen sitzt und schreibt, um die Familie über Wasser zu halten. In The Wouldbegoods machen die Bastables Ferien auf dem Land, ebenfalls mit einer zumeist abwesenden Aufsichtsperson: „Albert’s uncle was to live with us all the time, and he would be writing a book, and we were not to bother him, but he would give an eye to us” (Would, 21f). Die Kinder werden zwar immer wieder von Erwachsenen zurechtgewiesen, lange Moralpredigten kommen jedoch äußerst selten und nur in schwerwiegenden Fällen vor, wie z.B. als Peter Kohle vom Bahnhof stiehlt (Railway, ?) oder als sich die Bastable Kinder Geld bei einem Kreditor leihen (Treasure, 147f). Mr. Bastables Worte in diesem Zusammenhang gelten auch für die meisten anderen Erwachsenen in Nesbits Geschichten: „I don’t want to interfere with your plays and pleasures; but you will consult me about business matters, won’t you?“ (Treasure, 148). Erwachsene halten sich weitgehend im Hintergrund. Stattdessen werden die Kinder unter sich dargestellt.

Dass Nesbits Geschichten zum größten Teil ohne moralisierende Erwachsene auskommen, bedeutet allerdings nicht, dass Moral in ihnen keine Rolle spielt. Hier sind es jedoch die Kinder selbst, die sich darüber Gedanken machen und untereinander diskutieren, ob ihr Handeln richtig oder falsch ist. Nachdem die Bastable Kinder festgestellt haben, wie schwierig es sein kann, immer „gut“ zu sein, gründen sie in The Woulbegoods eine Gesellschaft, deren Ziel Alice folgendermaßen beschreibt:

[W]hen we were shut up with bread and water on that jungle day, we thought a great deal about our naughty sins, and we made our minds up to be good forever after. And we talked to Daisy about it, and she had an idea. So we want to start a society for being good in. […] The aim of the society is nobleness and goodness, and great and unselfish deeds. We wish not to be such a nuisance to grown-up people and to perform prodigies of real goodness. (Would, 25f)

Ebenso wie die Bastables nehmen sich auch Roberta, Peter und Phyllis in The Railway Children vor, „gut“ zu sein, um ihre Mutter in der schwierigen Lage, in der sich die Familie befindet, zu unterstützen: „‘Then don’t you worry either, Mother’ said Phyllis, ’and we’ll be as good as gold.’ [...] ‘We’ll begin being good the first thing tomorrow morning,’ said Peter” (Railway, 9f).

Auch wenn ihre Versuche, gut zu sein, meistens missglücken und teilweise katastrophale Folgen haben, richten die Kinder in Nesbits Geschichten doch niemals absichtlich oder aus bloßer Gemeinheit Schaden an. Ihre Intentionen sind immer gut. Alle Abenteuer der Treasure Seekers haben letztendlich nur ein Ziel, nämlich „to restore the fallen fortunes of the House of Bastable“ (Story, 144) und ihrem Vater aus seiner schwierigen finanziellen Lage zu helfen. Ebenso haben die Taten der Wouldbegoods fast ausschließlich zum Ziel, anderen Menschen zu helfen oder ihnen eine Freude zu machen. So zerstören sie z.B. Mrs. Simpkins’ Blumen- und Gemüsegarten in dem Glauben, nur Unkraut zu jäten und der alten Frau damit einen Gefallen zu tun („‘We have only been weeding your garden,’ Dora said; ‘we wanted to do something to help you.’”, Would, 54). Dass die Bastable Kinder, egal was sie anstellen, auf ihre Weise doch immer gut sind, geht auch sehr deutlich aus den Worten von Albert’s uncle hervor:

I have known you for four years—and you know as well as I do how many scrapes I’ve seen you in and out of—but I’ve never known one of you tell a lie, and I’ve never known one of you do a mean or dishonourable action. And when you have done wrong you are always sorry. Now this is something to stand firm on. (Would, 108)

In The Railway Children hat die Abenteuerlust der Kinder u.a. auch äußerst positive Folgen, denn Roberta, Peter und Phyllis gelingt es, mehreren Menschen das Leben zu retten (sie verhindern ein Zugunglück, Railway, 82-95; retten ein Baby aus einem brennenden Schiff, ebd., 112-125; helfen einem Jungen, der verletzt in einem Zugtunnel liegt, ebd., 154-170).

Edith Nesbits Darstellung moralischer Kinder, die zum Wohl anderer Menschen handeln wollen und dies gelegentlich auch schaffen, bildet das genaue Gegenteil zu beispielsweise Mary Martha Sherwoods Auffassung (die für die viktorianischen Ansichten im allgemeinen stehen kann), dass Kinder „by nature evil“ seien:

[W]hile they have none but the natural evil principle to guide them, pious and prudent parents must check their naughty passions in any way that they have in their power, and force them into decent and proper behaviour and into what are called good habits.[5]

In Nesbits Büchern dagegen findet man Kinder, die, auch ohne besonderen Erziehungsmaßnahmen durch Erwachsene ausgesetzt zu sein, in der Lage sind, moralische Entscheidungen zu treffen. Ein Kommentar von Alice Bastable bringt dies auf den Punkt: „Children do know some things without being taught” (Treasure, 122).

Der moralisch-didaktische Aspekt in Edith Nesbits realistischer Kinderliteratur ist darüber hinaus einem anderen untergeordnet und erscheint nur am Rande, wie u.a. auch Doris Langley Moore feststellt: „ [...] the moral is implied, not preached. Occasionally a pretty plain hint as to right conduct is dropped in, but only where it is apt or even entertaining.“[6] Nesbits Kinder wollen gut sein, aber in erster Linie wollen sie Spaß haben. „[B]eing good is so much like being a muff, generally” (Would, 29), darüber sind sich Oswald und Dicky Bastable einig. Im Regelkatalog der „Society of the Wouldbegoods“, der mit „[e]very member is to be as good as possible“ (Would, 27) beginnt, lautet daher die zweite Regel: „There is to be no more jaw than necessary about being good” (Would, 28). Das Problem, mit dem Roberta in The Railway Children zu kämpfen hat, ist ganz ähnlich: „‘I don’t mean to be a prig. But it’s so hard not to be when you’re really trying to be good.’” (Railway, 150). Peters brüderlicher Rat in diesem Fall lautet: „‘[...] don’t you be a prig, that’s all. You keep your eyes open and if you feel priggishness coming on just stop in time.’” (Railway, 151). Ebenso empfiehlt Oswald dem Leser am Ende von The Wouldbegoods, keine Gesellschaft zu gründen, um gut zu sein. „It is much easier without“ (Would, 313).

Moral und gutes Benehmen treten oft zurück hinter der grenzenlosen Phantasie sowohl der Bastables als auch der drei Geschwister in The Railway Children, die sie Spiele erfinden, experimentieren und eigene Erfahrungen machen lässt. So wird beispielsweise Pudding zu „a wild boar we were killing with our forks“ (Story, 6), Lakritzlimonade zu Tee (Story, 198), Züge sind „dragons in disguise, with proper heads and tails“ (Railway, 53), die Querstreben der Zuggleise „stepping-stones in a game of foaming torrents“ (Railway, 24) und Wolken „herds of dream-elephants“ (Railway, 69). Unzählige weitere Beispiele ließen sich nennen.

Kinder, die sich zu sehr an Vorschriften und Regeln halten, werden dagegen als langweilig und einfallslos dargestellt. Die Geschwister Denny und Daisy, mit denen die Bastable Kinder zum ersten Mal gegen Ende von The Story of the Treasure Seekers bekannt gemacht werden und mit denen sie sich im Laufe von The Wouldbegoods mehr und mehr anfreunden, werden als „white mice“ (Story, 295) bezeichnet. Oswald beschreibt sie folgendermaßen:

[...]


[1] Briggs, Julia, A Woman of Passion: The Life of E. Nesbit, 1858-1924, London: Penguin 1987, xi

[2] Moss, Anita, „Varieties of children’s metafiction“, in: Studies in the literary imagination, Vol. 17, 1985, 79-92, hier: 90

[3] Crouch, Marcus, The Nesbit Tradition. The Children’s Novel in England 1945-1970, London: Ernest Benn Limited 1972, 16

[4] Der Vollständigkeit halber hätte eigentlich auch The New Treasure Seekers von 1904 hinzugezogen werden müssen. Dieser Text war mir jedoch während meiner Arbeit an dieser Aufgabe leider nicht zugänglich.

[5] zitiert nach Darton, F.J. Harvey, Children’s Books in England, 3. edition, rev. Brian Alderson, Cambridge: Cambridge University Press 1984 (Standard history, best on pre-1900), 170

[6] Moore, Doris Langley, E. Nesbit. A Biography, revised edition, London: Ernest Benn Limited 1967, 176

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Das freie Kind in Edith Nesbits realistischer Kinderliteratur
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Veranstaltung
Proseminar "20th Century Children's Literature and Criticism
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
14
Katalognummer
V30598
ISBN (eBook)
9783638318198
ISBN (Buch)
9783638760966
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kind, Edith, Nesbits, Kinderliteratur, Proseminar, Century, Children, Literature, Criticism
Arbeit zitieren
Nora Pröfrock (Autor), 2004, Das freie Kind in Edith Nesbits realistischer Kinderliteratur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30598

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das freie Kind in Edith Nesbits realistischer Kinderliteratur


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden