Der Sturm auf die Bastille ist in Frankreich im kollektiven Gedächtnis positiv verankert, begründet die Identität der Nation und wird seit 1790 jährlich als Nationalfeiertag begangen. Die Bedeutung des Ereignisses impliziert sich in Vorstellung von einer Heldentat, verbunden mit der Erstürmung des Gefängnisses durch das Volk und der Beseitigung des Despotismus. Dies entspricht jedoch nicht ganz den heutigen historischen Erkenntnissen. So geht es bei der „Erstürmung“ nicht um die Befreiung von Gefangenen, sondern lediglich um die Beschaffung von Munition. Ebenso der Sieg des Volkes stimmt nicht mit der historischen Wirklichkeit überein. Vielmehr werden De Launay und einige seiner Soldaten nach der Aufgabe der Bastille von der aufgebrachten Menschenmenge getötet. Diese divergierenden multiperspektivisch-zeitgenössischen Betrachtungen stehen in der UPP-Stunde, nach der Frage nach dem Mythos um die Symbolik der Handlung, im Fokus. Während besonders die Zeitgenossen des Dritten Standes den Sturm auf die Bastille als Heldentat bezeichnen, beschreiben vor allem Angehörige der anderen Stände die Erstürmung als grausamen Akt der Revolutionäre. Diese konträre multiperspektive Betrachtung zum 14. Juli 1789 soll demnach in der vorliegenden Stunde vordergründig behandelt werden.
Inhaltsverzeichnis
I. Längerfristiges Unterrichtsvorhaben – Unterrichtskontext
I.1 Lernvoraussetzungen und Lernausgangslage
I.2 Synopse der Unterrichtsreihe
I.3 Darlegung und Begründung der Reihenkonzeption
II. Planung der UPP-Stunde
II.1 Angestrebte Lernziele
II.2 Zentrale methodisch-didaktische Begründungen
II.2.1 Curriculare Legitimation
II.2.2 Sachstrukturanalyse
II.2.3 Didaktisches Prinzip und unterrichtsmethodische Entscheidungen
II.2.4 Stundenverlaufsplan
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieses Unterrichtsvorhabens ist es, den Schülerinnen und Schülern der 8. Jahrgangsstufe die Französische Revolution als tiefgreifende Epochenzäsur und als Geburtsstunde der Moderne zu vermitteln. Die zentrale Forschungsfrage bzw. der Leitgedanke ist dabei, wie die Schülerinnen und Schüler ein reflektiertes Geschichtsbewusstsein entwickeln können, indem sie historische Ereignisse multiperspektivisch untersuchen, kontroverse Positionen vergleichen und auf Basis von Quellen ein begründetes Urteil zu historischen Leitfragen – wie etwa dem Sturm auf die Bastille – bilden.
- Förderung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins durch multiperspektivische Quellenarbeit.
- Vertiefung der Urteilskompetenz durch kritische Analyse kontroverser historischer Deutungen.
- Anwendung kooperativer Lernmethoden zur individuellen Differenzierung und Aktivierung.
- Handlungsorientierte Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution und deren Bedeutung für die Gegenwart.
Auszug aus dem Buch
II.2.2 Sachstrukturanalyse
Der sogenannte „Sturm auf die Bastille“ am 14. Juli 1789 - Im Mai und Juni findet 1789 in Versailles der Beginn der „Verfassungsrevolution“ oder „konstitutionellen Revolution“ statt, als sich im Zuge der Generalständeversammlung der Dritte Stand zunächst zur Nationalversammlung und schließlich zur verfassungsgebenden Versammlung erklärt. Ausgehend von Paris im Juli 1789 kommt es zum Ausbruch von Unruhen in den Großstädten Frankreichs. Vor allem die Überfüllung der Großstädte, die Armut, der moralische Verfall und die wirtschaftliche Not (Teuerung und Unterproduktion) sind bereits seit Jahrzehnten Charakteristika der soziökonomischen Missstände. Unmittelbar vor den Ereignissen am 14. Juli 1789 sind besonders die Missernte 1788, die aus einem strengen Winter resultierenden Ernteausfälle 1788/89 und der Anstieg der Brotpreise 1789 zu nennen, die zu teils existenzbedrohlichen Situationen in der Bevölkerung führen. Die städtische Bevölkerung, gerade die Bürger der Mittel- und Unterschicht, haben sich von den Ereignissen in Versailles erhofft, dass neben dem politischen auch ein sozialer Wandel erfolgt, um die Missstände sukzessiv zu beseitigen. Im Zusammenhang mit den Ereignissen in Versailles entstehen zwiespältige Handlungen auf der einen Seite durch den König und andererseits die „aufrührerische[n] Reden“ von Revolutionären, die Furcht und Schrecken verbreiten. Diese führen schließlich zur Mobilisierung der Massen in Paris (und anschließend in weiteren Städten Frankreichs). Infolge der Suche nach Waffen und Getreide werden bereits in den Tagen zuvor Klöster, Zollhäuser und Waffenschmieden geplündert und schließlich die Bastille „eingenommen“.
Schon unter den Zeitgenossen wird differenziert auf die Ereignisse um den 14. Juli 1789 zurückgeblickt. Für viele Bürger, besonders in Paris, bedeutet dieser (Helden-)Tag ein Sieg in mehrfacher Hinsicht: Die Beseitigung eines Symbols des Despotismus und der Unterdrückung der Bevölkerung Frankreichs, die Übertragung der vom Bürgertum losgetretenen politisch-gesellschaftlichen Umwälzung in die soziale Revolution der Großstädter gegen Missstände, der Eintritt der Massen, der sozialen Schichten und damit der Akteure, die bisher nur als Zuschauer oder Objekte von Politik erlebt werden und die nun aktiv durch die Bewaffnung und die Massierung auf die Geschehnisse Einfluss nehmen sowie das dadurch entstehende Selbstvertrauen und nationale Gemeinschaftsgefühl.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Längerfristiges Unterrichtsvorhaben – Unterrichtskontext: Dieses Kapitel beschreibt die Lernausgangslage der Klasse sowie die didaktische Einbettung der Unterrichtsreihe, inklusive der Ziele zur Förderung des Geschichtsbewusstseins.
II. Planung der UPP-Stunde: In diesem Abschnitt werden die konkreten Lernziele, die curriculare Legitimation sowie die methodisch-didaktischen Überlegungen für die Unterrichtsstunde zum Sturm auf die Bastille detailliert aufgeführt.
Schlüsselwörter
Französische Revolution, Bastille, Multiperspektivität, Geschichtsbewusstsein, Urteilskompetenz, Absolutismus, Ständegesellschaft, Aufklärung, Quellenanalyse, Kontroversität, Handlungsorientierung, 14. Juli 1789, historisches Lernen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Konzeption und methodischen Planung einer Unterrichtsreihe zur Französischen Revolution für eine 8. Klasse an einem Gymnasium.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Im Zentrum stehen die Ursachen, der Verlauf und die Bedeutung der Französischen Revolution, insbesondere das Ereignis des Bastillesturms, unter der Prämisse der Multiperspektivität.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Unterrichtsplanung?
Das Ziel ist die Förderung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins bei den Schülern durch die Analyse widersprüchlicher Zeitzeugenaussagen zum 14. Juli 1789.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse des historischen Themas verwendet?
Es wird die Methode der Multiperspektivität angewandt, um historische Ereignisse aus den Blickwinkeln verschiedener beteiligter Akteure kritisch zu hinterfragen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Konzeption der Unterrichtsreihe, die didaktische Begründung der Materialauswahl, die Sachstrukturanalyse sowie den detaillierten Verlaufsplan der Stunde.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das vorliegende Unterrichtsvorhaben?
Die wichtigsten Begriffe sind Französische Revolution, Bastille, Multiperspektivität, Urteilskompetenz und historisches Lernen.
Warum ist die Analyse der Bastille-Quellen so bedeutsam für die Schüler?
Durch die Auseinandersetzung mit konträren Aussagen erkennen die Schüler, dass historische "Wahrheit" von der jeweiligen Perspektive abhängt und nicht objektiv festgeschrieben ist.
Wie wird das Rollenspiel didaktisch eingesetzt?
Das Rollenspiel dient dazu, das "einfühlende Verstehen" zu intensivieren und die Schüler aktiv in die Lage historischer Akteure zu versetzen, um deren Standpunkte besser nachzuvollziehen.
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- N. H. (Author), 2015, Der Sturm auf die Bastille. Heldentat oder grausamer Akt? Unterrichtspraktische Prüfung für gymnasiale Mittelstufe, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/305996