Der Aufstand vom 17. Juni 1953 in der bundesrepublikanischen Erinnerungspolitik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Aufstand vom 17. Juni 1953
2.1 Arbeiteraufstand oder Volksaufstand?
2.2 Ziele des Aufstandes
2.3 Erste Reaktionen des Westens

3. Die politische Deutung des Aufstandes
3.1 Die Stellungnahme der CDU
3.2 Die Stellungnahme der SPD
3.3 Die Stellungnahme der FDP
3.4 Das Ergebnis: Memorialisierung

4. Das Kuratorium Unteilbares Deutschland
4.1 Mitglieder, Struktur und Zielstellung
4.2 Wirkung

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Aufstand vom 17. Juni 1953 löste in der Bundesrepublik Deutschland unterschiedliche Reaktionen aus. Bereits am 1. Juli 1953 fand im Bundestag eine Besprechung statt, wie der Aufstand zu deuten sei. Schließlich wurde der 17. Juni im Westen Deutschlands zum Feiertag „Tag der deutschen Einheit“ erklärt. Der Name „Tag der deutschen Einheit“ wurde von Herbert Wehner geprägt. Das Entstehen dieses Feiertages war einzigartig, weil ein Ereignis, dass im anderen Teil Deutschlands stattfand, zum Anlaß eines nationalen Feiertages der Bundesrepublik wurde.

In dieser Arbeit geht es um die Verbindung von Geschichte und Politik, denn folgt man Edgar Wolfrum, kann „Geschichte zu einer Mobilisierungsressource im politischen Kampf um Masseneinfluß und Macht werden: Sie vermag gemeinsame Bezüge zwischen diffusen Gruppen zu schaffen; mit ihr läßt sich kollektive Identität stiften und in politische Legitimation ummünzen.“[1] Es wird der Frage nachgegangen, wie die politischen Eliten Westdeutschlands mit dem 17. Juni umgegangen sind, welche Interpretationsmuster sie erarbeitet und in welchem Zusammenhang ihre Deutung der Ereignisse mit dem Interesse ihres jeweiligen Parteiprogramms gestanden haben. Zu diesem Zweck ist es nicht unerheblich die Ereignisgeschichte des Aufstandes zu beleuchten und historischen Arbeiten nach Urhebern und Zielen der Aufständischen zu befragen. Denn gerade die Frage nach den Beteiligten des Aufstandes und deren Absichten wurde in der politischen Diskussion durch die Parteien je unterschiedlich beantwortet.

2. Der Aufstand vom 17. Juni 1953

Die allgemeine Verschlechterung des Lebensstandards und die Erhöhung der Arbeitsnormen vom 28. Mai 1953 brachten den Arbeitern Lohneinbußen in verstärktem Maße. Auch mit der, durch das Politbüro der KPdSU, erzwungenen Kursänderung der SED, dem sogenannten „neuen Kurs“, wurde zwar die Konsumgüterindustrie stärker gefördert, der Unmut der Arbeiter aber besonders dadurch gesteigert, dass der „neue Kurs“ ihnen gegenüber keine Zugeständnisse machte.

Am 16. Juni 1953 kam es auf zwei Ostberliner Großbaustellen, am Krankenhausneubau in Friedrichshain und am Block 40 in der Stalinallee zu ersten Protesten und Arbeitsniederlegungen. Der Zug der Streikenden zog vor das Regierungsgebäude, dessen Tore verschlossen blieben. Es wurden Betriebe aufgesucht, um die Belegschaften zum Streik zu überreden. Auch der RIAS-Sender in Westberlin wurde aufgesucht. Er verbreitete Nachrichten der Streikenden über die gesamte DDR. In den Abendstunden hatten sich die Straßen Ostberlins mit Demonstranten gefüllt. Es kam bereits zu ersten Ausschreitungen durch die Demonstranten. Fenster gingen zu Bruch, Fahnen und Plakate wurden zerstört und abgerissen.

Am Morgen des 17. Juni war der Aufstand in den meisten Teilen der DDR ausgebrochen. Mit Beginn der Frühschicht brach eine weitreichende Streikwelle aus, die zahlreiche große Betriebe erfasste. Es formierten sich überall in der DDR schnell Demonstrationszüge, die in die Zentren der größeren Städte zogen. Besondere Kraft entfaltete der Aufstand in den industriellen Ballungszentren um Halle, Leipzig und Gera – dort erreichte der Aufstand sogar eine größere Intensität als in Berlin. Eine große Wirkung hatte der Aufstand in Cottbus, Magdeburg, Potsdam und im Industriegürtel des Harzvorlandes. In Dresden streikten ebenso viele Menschen wie in Berlin.[2]

Im Verlaufe des 17. Juni kam es auch in Berlin zu Handgreiflichkeiten zwischen Demonstranten und der Ostberliner Volkspolizei und zu Übergriffen auf staatliche Einrichtungen. Die sowjetische Besatzungsmacht ließ bereits in den Morgenstunden an einigen Stellen Ostberlins Militärfahrzeuge auffahren, weil die Volkspolizei den Aufstand nicht auflösen oder eindämmen konnte. Mit der Verhängung des Ausnahmezustandes ab 13 Uhr griff das sowjetische Militär auch mit Schusswaffengebrauch in die Ereignisse ein.[3] Am Ende des Tages hatte die sowjetische Besatzungsmacht durch ihre Streitkräfte in Ostberlin und den meisten Bezirken der DDR die öffentliche Ordnung wiederhergestellt. Der Aufstand war damit weitestgehend am 17. Juli niedergeschlagen worden.

2.1 Arbeiteraufstand oder Volksaufstand?

In der Forschung gibt es grundsätzlich zwei Vorschläge zur Klassifizierung des 17. Juni. auf der einen Seite stehen die Historiker, für die der Aufstand ein reiner Arbeiteraufstand gewesen ist. Hierzu zählen u. a. Arnulf Baring[4], Karl Wilhelm Fricke und Ilse Spittmann[5] sowie Torsten Diedrich[6].

Andere Historiker, wie Manfred Hagen[7] oder die Herausgeber der Arbeit „Tag X – 17. Juni 1953“, Kowalczuk, Mitter und Wolle[8], kommen in ihren Forschungen zu dem Ergebnis, daß es sich um einen Volksaufstand gehandelt habe. Ein großes Problem der Geschichtsschreibung liegt darin, daß sich keine Gesamtzahl der beteiligten Bevölkerung festmachen läßt. Fricke geht von geschätzten drei bis vier Millionen Demonstrationsteilnehmern aus.[9] Bei einer Gesamtbevölkerung von ca. 18 Millionen Menschen kann man also nicht von einem Aufstand des überwiegenden Teils der Bevölkerung, von einem echten Volksaufstand, reden. Zudem wurde der Aufstand hauptsächlich von der Arbeiterschaft getragen. Das Bürgertum, die Intellektuellen, die Bauern und die Selbständigen haben nur einen marginalen Anteil am Aufstand gehabt. Martin Krämer berücksichtigt dies in seiner Arbeit über den 17. Juni zwar auch, kommt aber doch auf die Definition des Volksaufstandes zurück, indem er nicht klassen- oder schichtenspezifisch, sondern räumlich argumentiert: „Die räumliche Ausdehnung zwingt jedoch zum Begriff ‚Volksaufstand‘. In allen vierzehn Bezirken der DDR und in Ost-Berlin kam es an diesem Tag zu Erhebungen.“[10] Auch Hermann Weber geht in seiner „Geschichte der DDR“ davon aus, daß es die Arbeiter waren, die die Streikwelle in Gang gebracht haben, letzten Endes also auch die Ereignisse des 17. Juni ausgelöst haben. Aber Weber hat sich auch die räumliche Dimension Krämers zu eigen gemacht. Auch für ihn hatte der Streik „tatsächlich das ganze Land, und zwar in weitaus stärkerem Rahmen als bisher angenommen, erfaßt.“[11]

Beide Definitionen haben etwas für sich, eine endgültige Entscheidung kann hier nicht getroffen. Von Bedeutung ist zunächst einmal die Unterscheidung in Arbeiter- bzw. Volksaufstand, die in der wissenschaftlichen Diskussion getroffen wurde. Interessanterweise findet sich diese Unterscheidung auch in den Stellungnahmen der Bundestagsabgeordneten wieder, die am 1. Juli 1953 um die Deutungsmacht für die Memorialisierung des Aufstandes gerungen haben.

2.2 Ziele des Aufstandes

Die Ziele des Aufstandes sind in der Forschung weithin unumstritten. Der Anlaß des Streiks war ursprünglich ökonomischer Art: es ging um die Normerhöhung im Industriesektor. Das hatte die Arbeiter am 16. Juni auf die Straße gebracht. Aber sehr schnell wurden politische Forderungen laut, die über die Forderung nach Senkung der Normen hinausgingen. Auf den eilig entworfenen Plakaten und Transparenten dominierten die Aufschriften „Senkung der Normen“ und die Forderung nach „Freien Wahlen“.[12] Eine repräsentative Zusammenstellung der Forderungen findet sich im Bitterfelder Katalog.

In Bitterfeld, wo sich Streikleitungen bilden konnten, die handlungsfähig waren, wurde durch die Streikleitungen ein überregionales Streikkomitee, das aus 25 Personen bestand, gewählt. Das Bitterfelder Streikkomitee stellte einen Katalog von Forderungen auf, der nur eine soziale und acht Punkte politischer Natur beinhaltete. Die Forderungen waren:

1. der Rücktritt der Regierung,
2. die Bildung einer Übergangsregierung,
3. die Zulassung der demokratischen Parteien Westdeutschlands,
4. freie und geheime Wahlen,
5. Freilassung der politischen Gefangenen,
6. die Abschaffung der Zonengrenzen,
7. sofortige Normalisierung des sozialen Lebensstandards,
8. die Abschaffung der sogenannten Nationalarmee,
9. keine Repressalien gegen die Streikenden.[13]

Der Inhalt des Bitterfelder Kataloges ist annähernd identisch mit den allgemeinen Forderungen der Demonstranten während des Aufstandes. Auch die Inhalte und Aussagen der Resolutionen und Erklärungen, die von den Streikkomitees verfaßt wurden, waren mit den Inhalten des Kataloges im Kern identisch. Politisch stellten die Forderungen der Arbeiter die Erleichterungen, die der „neue Kurs“ bringen sollte, noch in den Schatten. Der Aufstand hatte nicht nur soziale Erleichterungen durch Rücknahme der Normerhöhung zum Ziel, sondern wurde zu einer Absage an das totalitäre System der DDR überhaupt und zu einem Ruf nach einer pluralistischen Demokratie.

In der historischen Forschung geht man weiterhin davon aus, daß ein Hauptziel der Aufständischen auch die Einheit Deutschlands gewesen sei. Stellvertretend sei hier Gottfried Zieger genannt. Er geht davon aus, daß „Freiheit und Einheit, politische Normalisierung im westlichen Sinne die Hauptforderungen waren.“[14] Weiter schreibt er: „Es ist unverantwortlich und unverständlich, wenn heute behauptet wird, die Forderung nach Freiheit habe es gegeben, aber nicht die Forderung nach nationaler Einheit.“[15] Um den Wunsch nach Einheit zu dokumentieren, will Zieger in seinem Aufsatz der Frage nachgehen, „was die heute verfügbaren Quellen über jene Ereignisse auch zu diesem Punkt aussagen.“[16] Und eben hier fehlen eindeutige Quellen. Die Forderung nach nationaler Einheit ist weder Gegenstand von Plakatsprüchen gewesen, noch kommt sie explizit in einem Forderungskatalog vor, wie es dann während „der Wende“ 1989/90 in Parolen wie „Wir sind ein Volk“ und „Deutschland, einig Vaterland“ geäußert wurde.[17] Das Verlangen nach politischer Freiheit vom SED-Regime läßt sich allerdings in direkter Form im Bitterfelder Katalog und der Forderung nach „Freien Wahlen“ nachweisen. Um die Einheit als Ziel der Aufständischen zu verifizieren, kann man die Abschaffung der Zollgrenzen zum Westen anführen, oder auch die Zerstörung von Sektorenschlagbäumen in Berlin. Zudem wurde die rote Fahne vom Brandenburger Tor geholt und die Fahne der Bundesrepublik gehißt, die nachher in einem Fahnenmarsch auch durch das Tor getragen wurde.[18] Sicherlich gab es auch große Verbrüderungsszenen und die Kooperation von West- und Ostberlinern während des Aufstandes, aber eine deutliche Forderung der Aufständischen nach nationaler Einheit, analog zur expliziten Forderung nach Freiheit, findet sich dennoch nicht.

[...]


[1] Wolfrum, Edgar, Geschichtspolitik und deutsche Frage. Der 17. Juni im nationalen Gedächtnis der Bundesrepublik (1953-89). In: GG 24 (1998), S. 382.

[2] Zur räumlichen Ausweitung des Aufstandes vgl., Fricke, Karl Wilhelm, Spittmann, Ilse (Hrsg.), Der 17. Juni 1953. Arbeiteraufstand in der DDR, Köln 1982, S. 15f.

[3] Vgl., Krämer, Martin, Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 und sein Echo in der Bundesrepublik Deutschland, Bochum 1996 (Dortmunder historische Studien 17), S. 98.

[4] Baring, Arnulf, Der 17. Juni 1953, Stuttgart 1983.

[5] Fricke/Spittmann 1982.

[6] Diedrich, Torsten, Der 17. Juni 1953 in der DDR. Bewaffnete Gewalt gegen das Volk, Berlin 1991. Ders., Putsch – Volksaufstand – Arbeitererhebung? Zur Arbeitererhebung 1953 in der deutschen Geschichtsschreibung. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, B 25 1993, 1-15.

[7] Hagen, Manfred, DDR – Juni ’53. Die erste Volkserhebung im Stalinismus, Stuttgart 1992.

[8] Kowalczuk, Ilko-Sascha, Mitter, Armin, Wolle, Stefan, Der Tag X – 17. Juni 1953. Die „Innere Staatsgründung“ der DDR als Ergebnis der Krise 1952/54, Berlin 1995.

[9] Fricke, Karl Wilhelm, Lehren und Legenden. Ein Vierteljahrhundert nach dem 17. Juni 1953. In: Die politische Meinung 23 (1978), S. 43-46.

[10] Krämer 1996, S. 109.

[11] Weber, Hermann, Geschichte der DDR, München 2000, S. 165.

[12] Vgl., Neubert, Erhard, Geschichte der Opposition in der DDR 1949-1989, Berlin 1998, S. 84.

[13] Zitiert nach Leithäuser, Joachim G., Der Aufstand im Juni, Berlin 1953, S. 42.

[14] Zieger, Gottfried, Der 17. Juni 1953. In: Die Deutschlandfrage vom 17. Juni 1953 bis zu den Genfer Viermächtekonferenzen von 1955, hrsg. v. Dieter Blumenwitz, Berlin 1990 (Studien zur Deutschlandfrage 10), S. 7-26, hier S. 19.

[15] Ebd.

[16] Ebd., S. 9.

[17] Vgl., Krämer 1996, S. 291.

[18] Wie problematisch der Fahnenmarsch als Zeichen des Einheitswillens ist, zeigt die Tatsache, dass Herbert Wehner ihn als Legitimation des SPD-Antrages am 1.7.53 in der Bundestagsdebatte anführt, vgl., Bundestag, Stenographische Berichte, S. 13876.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der Aufstand vom 17. Juni 1953 in der bundesrepublikanischen Erinnerungspolitik
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar: Zwei Staaten, eine Nation: Nationalbewußtsein und Geschichtspolitik im geteilten Deutschland 1945-1969
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
17
Katalognummer
V3060
ISBN (eBook)
9783638118408
ISBN (Buch)
9783638805933
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
17. Juni Aufstand Erinnerungspolitik Deutsche Geschichte Neuzeit
Arbeit zitieren
Benjamin Kristek (Autor), 2002, Der Aufstand vom 17. Juni 1953 in der bundesrepublikanischen Erinnerungspolitik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3060

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