Das Problem der Cluster-Kohärenz in modernen Zeitschriften. Analyse eines 'Stern'-Artikels nach Bucher


Hausarbeit, 2014
23 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Vorbetrachtungen
2.1 Vom linearen zum nicht-linearen Medium – Zeitschriften im Wandel
2.2 Das Problem der Cluster -Kohärenz – Segmentierung und Verständlichkeit in der modernen Zeitschrift

3 Praxisteil
3.1 Beschreibung des Korpus
3.2 Das Segmentierungsproblem am Beispiel der Seiten 54-55 des Zeitschriftenartikels
3.3 Das Orientierungs- und Verständlichkeitsproblem am Beispiel der Seiten 56-

4 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

Das 'Stern'-Magazin hält sich seit Jahren als feste Größe im Aufklärungsjournalismus. Im monatlichen Turnus erscheint eine neue Ausgabe der auflagenstarken Zeitschrift. Beim Blick auf deren Online-Präsentation auf www.stern.de lässt sich eine andersartige Gestaltung von thematisch gleichen Beiträgen im Vergleich zur Printausgabe feststellen1. Daraus schließe ich, dass im Unterschied zur quasi-synchronen Berichterstattung des Internets andere Qualitäten als Schnelligkeit und Aktualität für moderne Zeitschriften von Bedeutung sind. Im Zuge meiner Recherche war die neue Art der Berichterstattung in Form eines Clusters ein Schlüsselbegriff zum Verstehen sich wandelnder Leserschaften und konkurrierender Medien. Ziel dieser Arbeit soll die Analyse der Cluster -Kohärenz anhand eines Artikels einer modernen Zeitschrift vor dem Hintergrund des Vorliegens eines nicht-linearen Mediums sein. In einer Vorbetrachtung wird der Wandel der Zeitschrift betrachtet, sowie das 'Problem' der Cluster -Kohärenz in seinen Teilproblemen erläutert um die Grundlage für meinen Praxisteil zu schaffen. In diesem soll nach einer Beschreibung des zugrundeliegenden Korpus die eigentliche Analyseleistung erbracht werden und eine kritische Betrachtung der Aufbereitungsart des Artikels erfolgen. Die Arbeit schließt mit der Zusammenfassung der gewonnenen Erkenntnisse.

2 Theoretische Vorbetrachtungen

2.1 Vom linearen zum nicht-linearen Medium – Zeitschriften im Wandel

Der Anbruch des visuellen Zeitalters2 durch die neuen Medien zwang die Printmedien nicht nur zu einer funktionalen Veränderung3, sondern auch zur textdesignerischen Optimierung um im Punkte Nutzerfreundlichkeit mit Internet, Fernsehen und Funk konkurrieren zu können.

Bucher unterscheidet vier Entwicklungstendenzen4 der Printmedien:

1. Es werden Informationen verstärkt systematisch in Bildern und Grafiken aufbereitet, was man als als Mehrkanaligkeit bezeichnet.
2. „ Aus dem Langtext wird ein Cluster [Hervorhebung Bucher] [...]“5. Die Berichterstattung erfolgt über unterschiedliche, segmentierte Informationseinheiten.
3. Der 'Informations-' hat sich zum 'Bedeutungsjournalismus' entwickelt.
4. Es vollzog sich ein Wandel des Lesertyps vom Durchleser zum An - und selektivem Leser.

Wie sich herausstellen wird sind fast alle Beobachtungen auf diese vier Entwicklungstendenzen zurückzuführen.

2.2 Das Problem der Cluster -Kohärenz – Segmentierung und Verständlichkeit in der modernen Zeitschrift

Ein Cluster besteht aus mehreren einzelnen journalistischen Beitragseinheiten in Gestalt von Text, Graphik oder Bild. Der selektive Leser kann die informationellen Elemente einzeln und in eigens gewählter Reihenfolge rezipieren. Um trotzdem eine erkennbare Zusammengehörigkeit der Beitragseinheiten zu gewährleisten, stellen sich die Redakteure dem 'Problem der Cluster -Kohärenz'6. Bucher versteht darunter zwei Teilprobleme7, die ich mir als Aufhänger meiner Betrachtungen gewählt habe und deren Sichtung am praktischen Beispiel den Analyseteil füllen wird: Das Segmentierungsproblem und das Organisationsproblem. Ersteres umfasst die Aufteilung des Thema auf einzelne Beitragseinheiten, letzteres deren sinnvolle (!) Sequenzierung.

3 Praxisteil

3.1 Beschreibung des Korpus

Als Korpus wurde ein Beitrag in der Zeitschrift 'Stern' gewählt. In der Ausgabe 36 vom 28.08.2014 wurde ein 6-seitiger Artikel unter dem Titel 'Die Miet-Hai-AG' gedruckt. Darin wird über die 'Machenschaften' der deutschen Immobilienfirma Annington AG berichtet. Bildern illustrieren den in thematisch-verschiedene Abschnitte gegliederten Artikel. Durch das Layout heben sich diese Abschnitte optisch voneinander ab. Es handelt sich beim Artikel 'Die Miet-Hai AG' um eine einzige Beitragseinheit, die in Cluster -Form aufbereitet wurde8.

3.2 Das Segmentierungsproblem am Beispiel der Seiten 54-55 des Zeitschriftenartikels

Die Segmentierung der 'einleitenden' Seiten soll im Folgenden betrachtet werden. Im Korpus wirken dort die meisten unterschiedlich aufbereiteten informationellen Einheiten auf den Leser ein, soll doch der 'Kanal' oder der 'Schlüsselreiz' gegeben werden den Artikel zu rezipieren, welcher für jeden Leser unterschiedlich ausfallen kann. Vor diesem Hintergrund soll die Aufspaltung von Informationen in Bild- und Textelementen beleuchtet und deren Funktionen im Cluster erläutert werden.

Die Überschrift 'Die Miet-Hai AG' wird visuell durch Rotfärbung und Majuskelschrift hervorgehoben. Über ihr befindet sich der Themenbereich mit dem 'Stern'-Logo, dadurch wird auf die Einbettung in die Zeitschrift rückverwiesen, was man als 'Kohärenz des Magazins' als Kontinuum aus einzelnen Artikeln fassen kann. Unter der Überschrift werden Bilder von Mehrparteienhäusern mit dem jeweiligen textlichen Verweis auf deren Standort eingebunden. Über eine Bildzeile stellt der Leser fest, dass es sich nicht um exemplarisch gewählte Bilder, sondern um tatsächliche Fotos von Gebäuden der 'Miet-Hai-AG' handelt. Es wird sofort mit Zahlen und Größenordnungen operiert ('185.00 Wohnungen', '11,4 Milliarden Euro'), sodass dem Leser eine Brisanz des Themas suggeriert wird, was ihn zum Lesen des Artikels bewegen soll. Es wird ein Orientierungstext angefügt, welcher als 'Problemanreißer'9 fungiert. Sowohl durch typografische als auch textdesignerische Mittel (Majuskeln und Rotfärbung) werden die wichtigsten Wörter und Wortgruppen hervorgehoben. Dieser Orientierungstext ist also auf textvisueller Ebene dem Übersichtstext zuzuordnen10. Hervorgehoben werden: das Thema des Artikels ('das gnadenlose Geschäft mit dem Wohnen'); gleich zu Beginn die Beteiligten (Annington AG); wodurch eine Schlagwortfunktion erkennbar wird, da der Leser schon von dieser Firma durch die Medien oder dem/der persönlichem/-r Umkreis/Erfahrung davon gehört haben könnte; sowie die Funktion des Artikels ('Ein Lehrstück'). Somit sind alle wichtigen Fakten zur Inhaltseinschätzung für den Leser gegeben, er kann sich daran orientieren und entscheiden, ob er weiterlesen möchte. Die Funktion des Orientierungstextes wird deutlich, da der Leser über mehrere Aspekte zum Lesen des Artikels animiert wird:

Niemand vermietet in Deutschland mehr Wohnungen als die DEUTSCHE ANNINGTON.11

Dieses Thema, so wird suggeriert, gehe jeden etwas an, da es sich bei der Annington AG um den größten Vermieter in Deutschland handelt. Das Thema schlage derart 'große Wellen', dass der Leser sich dem nicht entziehen sollte. Das Thema befinde sich im unmittelbaren Umfeld des Lesers.

Interne Unterlagen zeigen mit welchen Methoden der Konzern seine Mieter schröpft und ganze Blocks vergammeln lässt.

Die alarmierende Wortwahl ('schröpft' und 'vergammeln') in Verbindung mit dem Verweis, dass dem Stern interne – also journalistisch und informatorisch wertvolle, da authentische – Unterlagen vorlägen, wirbt für die Qualität des Artikels. Ein Wahrheits- und Objektivitätsanspruch wird suggeriert. Über Zeile 5 des Orientierungstextes wird dem Artikel eine Funktion zugeschrieben, die, ein 'Lehrstück' zu sein, er bekommt also eine Gegenständlichkeit für den Leser. Der Grund für den Leser diesen Artikel zu rezipieren wird offengelegt, nämlich sich belehren zu lassen, die „[...] funktionale Segmentierung des Clusters wird expliziert.“12 Der 'vollmundige' Ausdruck 'Lehrstück' erweckt Erwartungen beim Leser, was ihn ebenfalls animieren soll weiterzulesen. Dies unterstützt auch die komplette Hervorhebung des letzten Satzes in rot, wodurch der meiste Nachdruck auf der Wichtigkeit des Artikels liegt13. Dass es sich aber bei dem Lehrstück, wie man später erfährt, nicht um diesen Artikel sondern die internen Unterlagen handelt, hätte man kohärenzstiftend erwähnen können. Das Prinzip der Nähe 14 allein soll wohl die Kohärenz schaffen, jedoch ist dies durch die syntaktische Bezugslosigkeit der letzten Zeile schwierig. Da dieses Problem allerdings nicht dem Segmentierungs- sondern dem Verständlichkeitsproblem zuzuordnen ist15, sollte dieses hier nur marginal angerissen werden.

Bereits in diesen ersten beiden Seiten zeigt sich ein großes Bewusstsein für die 'Hypertextualität', die den modernen Leser anspricht. Das Zusammenwirken der verschiedenen informationellen Einheiten, sprich Text und Bild und so würde ich hinzufügen das Layout16, sorgen für eine Einstimmung auf das 'gnadenlose Geschäft mit dem Wohnen'17, sollen den selektiven Leser für den Aufdeckungsjournalismus des 'Stern' begeistern und dazu bringen, diese Stelle der Zeitschrift nicht zu überblättern. Der Cluster präsentiert sich als wohl recherchierter Artikel, der mit brisanten Informationen und der Veröffentlichung geheimer Dokumente aufwarten kann. Die Einarbeitung unterschiedlicher Texteinheiten und Bilder bereits zu Beginn des Artikels verspricht ein Fortführen dieses Designs, sodass der selektive Leser zur Nutzung der Zeitschrift gemäß seiner Bedürfnisse 'eingeladen' wird. Es wird die Bedienbarkeit vieler leserspezifischer Ansprüche durch den Artikel suggeriert sowie die Kompetenz Informationen in adäquater Aufbereitung zur Verfügung zu stellen.

3.3 Das Orientierungs- und Verständlichkeitsproblem am Beispiel der Seiten 56-64

Den 'Restartikel' kann man in zwei große Texteinheiten einteilen: Den größeren, linearen Fließtext von S. 56-64 (ausgenommen S.62) und den nicht-linearen Ratgeberteil auf S. 62. Ein Zwischeneinstieg und somit ein selektives Lesen des Fließtextes ist kaum möglich, zwar enthält der Beitrag einige wenige Zwischentitel, jedoch sind diese nichtssagend über den Folgeinhalt und wirken mehr stilisierend denn als tatsächliche Anhaltspunkte für den Leser18. Es werden schlichtweg Teilaussagen, die im Fließtext getroffen worden, wortgetreu wiederholt, was vermutlich beim Durchblättern der Zeitschrift zum Verweilen bei diesem Artikel einladen soll, auch wenn man schon im Begriff war diesen nicht zu rezipieren. Die selbe Funktion bekleiden auch die Dachzeilen, die wie beim Orientierungstext farblich so gestaltet sind, dass sie die 'erschreckendsten' Aussagen betonen.

Verschiedene Bildeinheiten 'unterbrechen' gestalterisch den Fließtext. Allerdings ist eine seitengetreue Einsicht von Bild und Text nicht möglich, da beispielsweise auf S. 59 eine ganze Heftseite für Bildmaterial genutzt wurde und der Text von Seite 58 auf dem Bild nachfolgender Seite im selben Satz(!) weitergeführt wurde.

Der Ratgeberteil wird mit der Dachzeile 'So wehren Sie sich gegen Ihren Vermieter. Die Tricks bei Miete und Nebenkosten' angekündigt, die somit als Titel für diese Informationseinheit fungiert, aber trotzdem durch das gleichartige Layout wie die restlichen Dachzeilen Kohärenz herstellt, sodass der Leser beide Texteinheiten (Fließtext und Ratgeberteil) als eine Einheit wahrnimmt. Damit profiliert sich der 'Stern' als Orientierungsgröße für den Leser, er problematisiert nicht nur, sondern bietet auch immer eine Lösung an. Diese Ratgeberteile sind eine wesentliche Komponente von 'Stern'-Artikeln.

Zurückgehend auf das Fungieren der Dachzeile als Titel: Dadurch wird fast explizit das Angebot zum selektiven Lesen an den Rezipienten gestellt, das heißt, wenn dies der Rezeptionswunsch des Lesers ist, kann er den Artikel oder die gesamte Zeitschrift als Ratgeber nutzen. Dies bedeutet, der 'Stern' hat ein großes Bewusstsein für eine selektive Leserschaft und versucht die Bedürfnisse verschiedener Lesergruppen zu befriedigen: Möchte der Rezipient den 'Stern' als Hauptinformationsquelle nutzen und kompakt jeden Monat zu einem Termin überblicksmäßig informiert werden? Oder schätzt der Leser die Zeitschrift als Autorität mit gut recherchierten Serviceteilen als Ratgeber für das eigene Leben, möchte aber eher quasi-synchron zum Weltgeschehen (portionsweise) informiert werden, was er beispielsweise mittels des Internets bereits deckt und bedarf deshalb keiner erneuten Komplettinformation (Fließtext)?

[...]


1 Siehe Anhang, Onlineausgabe des 'Stern'.

2 Genauere Erläuterungen der Zusammenhänge siehe: Bucher, Hans Jürgen (1996): „Textdesign – Zaubermittel der Verständlichkeit? Die Tageszeitung auf dem Weg zum interaktivem Medium“, in: Hess-Lüttich, Ernest W.B/ Holly, Werner/ Püschel, Ulrich (Hg.): Textstrukturen im Medienwandel. Frankfurt am Main [u.a.]: Peter Lang, S. 34.

3 Am Beispiel von Zeitungen, jedoch auf Zeitschriften übertragbar, vgl. a.a.O., S. 34f.

4 Vgl. a.a.O., S. 35.

5 Bucher (1996): 35.

6 Vgl. Bucher, Hans Jürgen (1998): „Vom Textdesign zum Hypertext. Gedruckte und elektronische Zeitungen als nicht-lineare Medien“, in: Holly, Werner/ Biere, Ulrich (Hg.): Medien im Wandel. Opladen/ Wiesbaden: Westdt. Verlag, S. 86.

7 Vgl. ebd.

8 Vgl. Bucher (1998): 85.

9 Vgl. a.a.O., S. 78.

10 Vgl. a.a.O., S. 82.

11 Alle Korpuszitate sind im Anhang in den Scans des Artikels zu finden, wie hier S. 54 der Zeitschrift.

12 Bucher (1998): 88.

13 Und nicht auf dem Thema.

14 Bucher (1998): 83.

15 Aufgrund der Möglichkeit, einen irreführenden Zusammenhang herzustellen, vgl. Bucher (1998): 87.

16 Schwarz-weiß-Bilder, rote und weiße Schrift auf schwarzem Hintergrund.

17 Zitat aus dem Originalartikel, siehe Anhang, Untersuchungsmaterial Artikel 'Die Miet-Hai AG'.

18 Spiel der Heuschrecken → Es wird über die Geschichte informiert.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Das Problem der Cluster-Kohärenz in modernen Zeitschriften. Analyse eines 'Stern'-Artikels nach Bucher
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Germanistik)
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
23
Katalognummer
V306115
ISBN (eBook)
9783668042476
ISBN (Buch)
9783668042483
Dateigröße
3824 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Cluster-Kohärenz, Bucher, Kohärenz, Zeitschriften, Stern, Cluster, Segmentierung, Linearität, Medienwandel
Arbeit zitieren
Nicole Fischer (Autor), 2014, Das Problem der Cluster-Kohärenz in modernen Zeitschriften. Analyse eines 'Stern'-Artikels nach Bucher, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306115

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