Tonlose Künste. Die Reproduktion des Sirenenmythos in Kafkas "Schweigen der Sirenen"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zeitloser Stoff- Der Mythos der Sirenen

3. Umriss der narrativen Umsetzung des Mythos in Homers „Odyssee“

4. „Das Schweigen der Sirenen“
4.1. Allgemeine Textinformationen
4.2. Die Mittel des Odysseus
4.3. Das Schweigen der Sirenen
4.4. Odysseus ist taub für das Schweigen & der Schein trügt

5. Fazit

1. Einleitung

„ Die Stimme ist viel größer als die visuelle Erscheinung []“[1]

Die Idee eine Stimme in den Mittelpunkt zu stellen und höher empor zu heben als den visuellen Reiz eines Wesens scheint weitaus älter als der Ausspruch Rufus Becks. Die Stimme als vermeintlich wichtigstes Kommunikationsmittel ist die Basis unserer Sprache und somit der primären Oralität und die Stimme ist akustischer Vermittler von Emotionen und Gefühlen, von Wissen und Bewusstsein. So wird dieses Phänomen immer wieder bewusst aufgegriffen. Besonders beliebt ist die Fusion von Stimme und Musik zum Gesang, der von jeher Menschen bewegt hat. Mit ihm werden Gefühle verbunden, Leidenschaft, denn eine wohlklingende Stimme verlockt und verzaubert, zieht Menschen in ihren Bann, reißt sie mit in eine andere Welt und wird deshalb auch immer wieder als Werkzeug der Verlockung thematisiert. Ob in der Musikindustrie, Werbebranche oder Politik, überall wird mit Klang und Stimme gespielt und manipuliert. Und nicht nur innerhalb der „moderneren Medien“ arbeitet man mit diesem Reiz, sondern auch in der Literatur. Goethes „Die Fischer“ oder Heines „Loreley“ sind nur zwei Beispiele für die Macht der Stimme. Oftmals wird das sinnlich Körperliche gerade auch über die Stimme ausgedrückt, so wie es auch typisch ist für mystische Wesen, die als Sirenen benannt, und in Homers „Odyssee“ thematisiert werden. Umso erstaunlicher und grotesker erscheint in diesem Zusammenhang Kafkas „Schweigen der Sirenen“, welches den Gesang der Sirenen durch deren Verstummen ersetzt. Die folgende Hausarbeit soll sowohl den Mythos der Sirenen an sich als auch speziell die Darstellung und deren Wirkung in Kafkas Werk untersuchen.

2. Zeitloser Stoff- Der Mythos der Sirenen

Um im Hauptteil intensiv auf die Lehrparabel von Kafka und seine Adaption des Sirenenmythos eingehen zu können, möchte ich zunächst einen kurzen Abriss der Entwicklung dieses Mythos aufzeigen.

Seit Homers „Odyssee“ begleiten uns die sinnbildenden Symbolfiguren des Mythos in Literatur, Kunst oder Musik. In ihrem Dasein als weibliche Mischwesen, die mit ihrem Gesang Seefahrer betören und in den Tod locken, verkörpern sie Ambiguität und Wandlungsfähigkeit. Sie konfrontieren Menschen mit Fragen der Existenz, vermitteln Sitten und Normen, Denkweisen und Wissen und stehen ambivalent für Verführung und Versuchung. Der Mythos um die Sirenen ist geprägt von Vielschichtigkeit, Überschneidungen und Vielseitigkeit. Unterschiedlichste Rezeptionen und Wirkungen existieren und werden beschrieben. Ebenso schleierhaft ist die äußere Gestalt der Sirenen. Wenn sie in der Antik als monströse Hybriden geahndet und für wahrhaft existent gehalten wurden, so waren sie im Mittelalter eine göttliche Schöpfung. Auf ihrem Vormarsch durch die Jahrhunderte fürchtete sie die christliche Allegorese als Inkarnation sündiger Verführung und ketzerischer Versuchung und schließlich wird in der Moderne „mit der Ästhetisierung der Sirenen als dämonische, betörende und verlockende Frauen […] die Schönheit ihres Gesangs auf ihren Körper übertragen […].“[2] - Ein Indiz für die zunehmende Entwicklung der Menschen hin zur absoluten Visualisierung. Jedoch würde eine genauere Betrachtung dessen an dieser Stelle zu weit führen. Das schemenhafte Auftreten und die Zweifelhaftigkeit der Fabelwesen haben als Ergebnis diese kulturgeschichtliche Langlebigkeit und fordern geradezu immer neue Deutungen und Umgestaltungen.

Die enorme Bandbreite an Assoziationen mit dem Sirenenbegriff hat sich mittlerweile auch auf die Wortbedeutung ausgedehnt. Alle Gebrauchsweisen deuten auf bestimmte Eigenschaften hin, die den Mischwesen zugeschrieben wurden und die in der etymologischen Herkunft des Wortes wurzeln. Das Wort seirênes stammt aus dem Griechischen und ist in seiner gebräuchlichen Form ein pluralischer Gattungsname. Der Singular wird als Eigenname in nur einer einzigen Erscheinung gebraucht. Es gibt verschiedene Erklärung worauf man diese Bezeichnung zurückführen kann, so bedeutet der phönizische Wortstamm sir Gesang oder Zauber und der Name Zeirene ist die thrakische Bezeichnung der Aphrodite. Auch kann man den Fremdwortstamm in Wörtern wiederfinden, die in ihrer Bedeutung allesamt Eigenschaften der Sirenen benennen. Sie glühen und brennen vor Leidenschaft und Verführung, die fesseln und würgen Männer mit ihrem Gesang und so ist es eine logische Konsequenz, dass mit dem Begriff ubiquitär sowohl alles Unvorstellbare, jedes Blendwerk und Unbeschreibliche als auch jede Assoziation der Verführung weg von religiösen Traditionen, gesellschaftlichen Konventionen, ethischen Normen und sittlichen Werten verbunden wird.[3] Als Sirene wird auch ein lautes, sinusförmig an- und abschwellendes Geräusch bezeichnet, welches zur Warnung genutzt wird. Im Grimm´schen Wörterbuch sind insgesamt über fünfzehn Lemmata gelistet, die sich semantisch an Klang und Verführung anlehnen.

Obwohl es wohl möglich wäre zu behaupten, dass Homer die Sirenen erst populär gemacht hat, bleibt festzuhalten, dass diese Wesen schon um einiges älter sind. Die „Odyssee“ gilt in diesem Fall eher als die erste literarisch überlieferte Fassung, entstanden im achten Jahrhundert. Die Vorfahren der Sirenen „außerhalb der epischen Überlieferung [waren] Mischwesen aus Mensch und Vogel ägyptischer und asiatischer Herkunft.“[4] Verehrt oder gefürchtet wurden sie als Verbindungsglied zwischen Himmel, Erde und Unterwelt, geflügelt als Verkörperung der Seelen oder Beschützer der Toten oder auch als Todesdämonen.

In der bildenden Kunst werden die Sirenen in ihrer Gattung als Mischwesen in der Zusammensetzung Mensch- Vogel dargestellt. Meisten haben sie Flügel, einen vogelähnlichen Rumpf und einen menschlichen Kopf. Die Odyssee hat eine Beschreibung der Gestalt unterlassen und damit viel Freiraum für die Ausgestaltung des Mythos gelassen. Erst im dritten Jahrhundert v.Chr. erfolgt eine präzise Beschreibung als Hybriden in Argonautika. In der Verbindung der tödlichen Bedrohung mit dem Ästhetisch- Künstlerischen nahm die Betonung der erotischen Komponente immer weiter zu und so begann auch ihre Metamorphose von Vogelsirenen hin zu Fischsirenen. Sie sollten große weibliche Brüste haben, verbunden mit einem Fischschwanz, „ … so daß als Fisch häßlicher Schwärze endet das oben so reizende Weib …“ (Ars poetica 4)[5]. Im Mittelalter fand diese neue Form der Darstellung seine Hochphase, in der sie sogar als Triplewesen umgesetzt wurden- Frau, Fisch, Vogel. Da aber diese Darstellung für meine weiteren Ausführungen nicht von Bedeutung sein werden, gehe ich an dieser Stelle nicht näher darauf ein.

So uneins man sich über die Abstammung der Sirenen ist, so eint man sich doch in der Annahme, dass die Sirenen in ihrem Geschlecht weiblich sind, obwohl auch Ausnahmen hier die Regel bestätigen. „Die Antike siedelt […] sie auf einer Meeresinsel an. Mythische und märchenhafte Inseln sind archaische Stätten der Gefahr, Idyllen sinnlicher Lust, magischer Anderswelten, wo Helden Ruhm und Ehre, Heimat und Familie vergessen, aber auch ihre wahren Schwächen überwinden.“[6] Doch das Überwinden der eigenen Schwäche bringt den Sirenen unabdingbar den Tod. Denn es wird überliefert, dass die Sirenen auf ewig auf ihren Felsen sitzen und vorbeifahrende Seefahrer verführen müssen, damit sie ihrem Gesang erliegen. Angezogen von dem Wohlklang, der sündigen Verführung und dem Versprechen auf Allwissenheit, Weisheit, Tugend fanden in ihren Armen zahlreiche Seefahrer den Tod. Doch als Odysseus kam und den Sirenen entrann, stürzten sie sich ins Meer, woraufhin sie zu Felsen wurden. Doch wie bei Mythen üblich, gibt es auch vom Sirenentod verschiedene Fassungen und Episoden, denn nicht nur Odysseus gelang die unbeschadete Vorbeifahrt, sondern auch Jason.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass ein so vielschichtiger, populärer und oft reproduzierter Mythos noch viel Stoff für neue Adaptionen und Rezeptionen liefert und daher ein zeitloses Phänomen darstellt.

3. Umriss der narrativen Umsetzung des Mythos in Homers „Odyssee“

Im Hauptteil meiner Arbeit möchte ich nun zunächst auf den Vergleich des Sirenenmythos in der ersten epischen Darstellung- Homers „Odyssee“ und der Form einer Lehrparabel- Kafkas „Schweigen der Sirenen“ eingehen. Da eine genauere Analyse Kafkas Werk folgen wird, werde ich in diesem Abschnitt nicht detailgetreu auf alles eingehen und auf das vierte Kapitel verweisen.

„Homer ist der erste Dichter des europäischen Kulturkreises, vom dem vollständige Werke größeren Umfangs stammen, die seit ihrer Entstehung vor ca. 2700 Jahren kontinuierlich in der gesamten europäischen Welt rezipiert wurden und die Kulturentwicklung bis heute offen und latent beeinflusst haben.“[7]

„Ach, komm herbei, vielgepriesener Odysseus, du große Pracht unter den Achaiern! Lege mit deinem Schiffe an, damit du unsere Stimme hörst[…].“[8]

So lockten die Sirenen den Helden Odysseus mit ihren süßen Stimmen im 12. der insgesamt 24 Gesänge der Odyssee von Homer. Die Situation der Begegnung wird dreimal geschildert. „Zweimal als Anzeige dessen, was in der Zukunft passieren wird“[9] und einmal wird die Vorbeifahrt direkt geschildert. Odysseus, Held des Epos, wird noch vor der Überfahrt von der Göttin Kirke vor den Sirenen gewarnt, „die alle Menschen bezaubern […]“(Ody. S.209[10] ). Ihr Gesang bindet die Sinne. Ihre Lippen und ihre Zunge bilden nicht nur einen süßen Gesang, sondern Laute, die eine Botschaft vermitteln, der sich kein Seefahrer entziehen kann. Man kann die Leidenschaft, das Verlangen, das Versagen jeder Sinneskraft geradezu schmecken, ohne die Macht zu haben, sich zu wehren. Denn sobald man die Stimme wahrnimmt ist die auditive Distanz überwunden und es bleibt nur noch die körperliche.[11] Sie sitzen auf einer Wiese und sind umgeben von Knochenhaufen aus verfaulenden Männern[12] und warten auf neue Opfer, auf vorbeifahrende Seefahrer, die „ihrem hellen Gesang“ (Ody. S.209) verfallen. Kirke warnte Odysseus jedoch nicht nur, sondern gab ihm einen Rat, wie er den singenden Dämoninnen entkommen könne, nach dem er auch handelte. Es ist also bei Homer nicht Odysseus List und Tugend, die ihm und seiner Mannschaft an Bord des Schiffes, das Leben rettet. Odysseus streicht all´ seinen Gefährten Wachs in die Ohren, lässt sich an einen Mast binden und befiehlt ihnen, sich nicht zu regen, um ihn zu befreien, winde er sich auch noch so stark an seinem Mast. Und so passieren sie „die Insel der beiden Sirenen“ (Ody. S.213). Das Überleben der Schiffsbesatzung ist ein Werk der Gruppe, so die Schlussfolgerung. Odysseus musste seine Gefährten aktiv am Rat Kirkes teilhaben lassen, weil er ohne ihre Mithilfe hilflos gewesen wäre. Auch bei Homer wird eine Anspielung an die dämonische Seite der „göttlich Redenden“ (Ody. S.213) gemacht, wenn Odysseus beschreibt, wie das Meer plötzlich glatt wurde, „still vom Winde, und ein Daimon […] die Wogen sich legen [ließ]“ (Ody. S.213). Darauf folgt die Begegnung mit den Sirenen, die ihren „honigtönende[n]“ (Ody. S. 214) Gesang entsenden, um Odysseus zu betören. Sie locken mit ihrer Allwissenheit, wollen ihn um Wissen reicher heimkehren lassen (Vgl. Odys. S. 214). Odysseus hört den Gesang, windet sich am Mast und fleht um Befreiung durch die Gefährten. Diese verharren jedoch, bis die Überfahrt geschafft ist. Obwohl viele Darstellungen der Sirenen existieren, verzichtet Homer in seiner Episode vollständig auf eine äußerliche Beschreibung der Mythenwesen. Für ihn steht ausschließlich der Gesang und dessen Wirkung im Mittelpunkt des Geschehens. Die Sirenen werden hier durch drei Merkmale charakterisiert. Zum einen durch ihren Gesang, zum anderen durch ihre Allwissenheit und schlussendlich durch ihre Macht über das Wetter und das Meer. Denn der bereits erwähnte „Daimon“ (Ody. S.214) ist nichts anderes als der Wille der Sirenen, die die Wellen und den Wind zu ihren Gunsten und dem Leid der Reisenden beeinflussen.

[...]


[1] Beck, Rufus: < http://www.zitate.de/kategorie/Stimme/> (25.08.2011)

[2] Wunderlich, Werner. Vorwort. In: Mythos Sirenen. Hrsg. von Werner Wunderlich. Reclam Taschenbuch Verlag Stuttgart 2007. S. 11.

[3] Vgl. Wunderlich, Werner. Nachwort. In: Mythos Sirenen. Hrsg. von Werner Wunderlich. Reclam Taschenbuch Verlag Stuttgart 2007. S. 175- 176.

[4] Wunderlich, Werner. Nachwort. In: Mythos Sirenen. Hrsg. von Werner Wunderlich. Reclam Taschenbuch Verlag Stuttgart 2007. S. 177.

[5] Wunderlich, Werner. Nachwort. In: Mythos Sirenen. Hrsg. von Werner Wunderlich. Reclam Taschenbuch Verlag Stuttgart 2007. S. 193.

[6] Wunderlich, Werner. Nachwort. In: Mythos Sirenen. Hrsg. von Werner Wunderlich. Reclam Taschenbuch Verlag Stuttgart 2007. S. 182.

[7] Cancik, Hubert. Der neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. Stuttgart 2003. S. 686.

[8] Homer. Übersetzt von Wolfgang Schadewaldt. Die Odyssee. 2.Auflage. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2010. S. 214.

[9] Voß, Oliver. Sirenengesänge bei Homer. In: Gesänge der Stille. Musik in der Literatur. Hrsg. von Oliver Voß. Books on Demand Norderstedt 2009. S. 27.

[10] alle mit Ody. Gekennzeichneten Zitate nehmen Bezug auf die Quelle: Homer. Übersetzt von Wolfgang Schadewaldt. Die Odyssee. 2.Auflage. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2010.

[11] Vgl. Voß, Oliver. Sirenengesänge bei Homer. In: Gesänge der Stille. Musik in der Literatur. Hrsg. von Oliver Voß. Books on Demand Norderstedt 2009. S. 23.

[12] Vgl. Homer. Übersetzt von Wolfgang Schadewaldt. Die Odyssee. 2.Auflage. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2010. S.209.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Tonlose Künste. Die Reproduktion des Sirenenmythos in Kafkas "Schweigen der Sirenen"
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
21
Katalognummer
V306174
ISBN (eBook)
9783668041752
ISBN (Buch)
9783668041769
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Odyssee, Kafka, Sirenen
Arbeit zitieren
Juliane Richter (Autor), 2011, Tonlose Künste. Die Reproduktion des Sirenenmythos in Kafkas "Schweigen der Sirenen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306174

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