Wahrheit oder Fiktion? Atlantis im Märchen „Der goldene Topf“ von E.T.A. Hoffmann


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

12 Seiten, Note: 2,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Atlantis – Wahrheit oder Fiktion

2 Der goldene Topf
2.1 Im Märchen durchdringen sich die Reale und die Fantastische Welt
2.2 Anselmus ist ein Individuum mit einer Psyche
2.3 Das Fantastische existiert neben dem Realen
2.4 Die literarische Kommunikation zwischen dem Erzähler und dem Leser dient als Versuch, den Leser in die Welt des Wunderbaren einzubeziehen
2.5 Im Märchen „der goldene Topf“ gibt es ein Binnenmärchen

3 Fazit: Atlantis existiert für diejenigen, die ihren Geist dafür öffnen

Literaturverzeichnis

1 Atlantis – Wahrheit oder Fiktion

Der goldene Topf von E. T. A. HOFFMANN thematisiert die Entwicklung des Studenten Anselmus und sein Verhältnis zur Realität. Auf der einen Seite gibt es die Realität des Alltags, in welcher das Leben in geordneten Bahnen verläuft und auf der anderen Seite den fantastischen Bereich, in dem sich wunderbare Phänomene ereig­nen[1]. Die Frage nach der Wirklichkeit stellt also eine Kernfrage im Werk dar.

Daher wird in dieser Hausarbeit zunächst untersucht, wie sich diese beiden Welten gegenseitig durchdringen. Daraufhin wird die Frage geklärt, warum nicht alle Menschen das Fantastische sehen können. In dem Märchen Der goldene Topf gibt es zusätzlich die Besonderheit, dass der Erzähler immer wieder versucht, den Leser in die Welt des Wunderbaren mit einzubeziehen. Diese Kommunikation erschwert es den Leser zu unterscheiden, ob die fantastische Welt und der Traum von Atlantis nur Einbildung des Studenten Anselmus sind oder ob sie tatsächlich existieren.

Das Erkenntnisinteresse besteht nun in der Untersuchung, ob der Erzähler, Anselmus sowie einige weitere Personen im Werk psychisch krank sind und sich das Märchen von Atlantis nur einbilden oder ob der Leser und die Bürger im Märchen nur nicht fähig sind, das Fantastische zu sehen.

Im Folgenden wird anhand von Publikationen diverser Autoren und geeigneter Textstellen aus dem Märchen geklärt, wann genau die reale Welt aufhört und die des Wunderbaren anfängt. Zusätzlich wird untersucht, warum nicht alle Bürger das Fantastische sehen, beziehungsweise was diese tun können, um sich dafür zu öffnen. Der letzte Punkt erläutert noch einmal das Binnenmärchen, welches innerhalb des Märchens vorkommt. Denn schließlich dreht sich die Kernfrage genau um diese Binnengeschichte, nämlich um Atlantis. Ist das Binnenmärchen Wahrheit oder Fiktion?

2 Der goldene Topf

Der goldene Topf – Ein Märchen aus der neuen Zeit von E. T. A. Hoffmann ist in zwölf Vigilien unterteilt, in denen man eine Entwicklung des Studenten Anselmus erkennen kann. Dieser tüchtige Student wird im Laufe der Vigilien immer mehr in die Welt des Wunderbaren gezogen und weiß oft selbst nicht, ob er sich Alles nur einbildet oder ob das Fantastische tatsächlich existiert. Im Folgenden wird dieser Frage genauer auf den Grund gegangen.

2.1 Im Märchen durchdringen sich die Reale und die Fantastische Welt

Schon der Titel des Märchens signalisiert, dass sich im Märchen das Alltägliche mit dem Fantastischen vermischt. Denn zu dem alltäglichen Titel Der goldene Topf, der selbst noch nicht auf ein Märchen schließen lässt und daher eher untypisch ist, kommt der Untertitel „ Ein Märchen aus der neuen Zeit“ [2].

Das Märchen Der goldene Topf ist deshalb ein Märchen aus der neuen Zeit, weil es sämtliche für ein Volksmärchen geltende Normen und Merkmale unterläuft. Es spielt zum Beispiel in der Gegenwart und enthält bestimmte Orts- und Zeitangaben, wie beispielsweise auf S.9:

„Am Himmelfahrtstage Nachmittags um drei Uhr rannte ein junger Mensch in Dresden durchs schwarze Tor und geradezu in einen Korb mit Äpfeln und Kuchen hinein, die ein altes hässliches Weib feilbot[3] “.

Diese Orts- und Zeitangaben zeigen deutlich, dass die Geschehnisse in der realen Welt passieren. Das Apfelweib ruft daraufhin einen Fluch auf eben diesen jungen Menschen, den Studenten Anselmus, aus und dieser flieht an die Elbe, wo er seine Tollpatschigkeit beklagt. Hier bricht das erste Mal die Märchenwelt auf und der Student sieht in einem Holunderbaum drei grüne Schlangen, die mit ihm reden und ihn in ihren Bann ziehen. Anselmus verliebt sich auf der Stelle in eine der Schlangen, Serpentina. Die Märchenwelt verschließt sich aber schnell wieder, als er auf seine Freunde trifft: den Registrator Heerbrand, den Konrektor Paulmann und dessen Tochter Veronika, die sich immer wieder eine rosige Zukunft mit Anselmus vorstellt. Diese sehen die Schlangen nicht und denken, dass Anselmus vielleicht krank ist.

Damit wird gleich am Anfang des Märchens gezeigt, dass die fantastische Welt ein Teil der realen Welt ist und nicht alle Menschen dazu fähig sind, das Märchenhafte zu sehen.

Da die Freunde den Studenten für strebsam und zuverlässig halten, verschaffen sie ihm eine Stelle als Kopierer im geheimnisvollen Haus des Archivarius Lindhorst. Dieser hat ihm anvertraut, dass die drei grünen Schlangen aus dem Holunderbusch seine Töchter sind. Anselmus Aufgabe besteht darin, Schriften zu kopieren. Von nun an lebt der Student sowohl in der Realen, als auch in der fantastischen Welt. Im Haus des Archivarius sieht er einen wunderschönen, exotischen Palmengarten, sprechende Vögel und den goldenen Topf, der als Mitgift Serpentinas gilt. Von Serpentina, die im Hause des Archivarius lebt, erfährt Anselmus, dass Lindhorst ein Salamander ist, der zur Strafe für eine in Atlantis begangene Tat auf die Erde verbannt wurde.

Die Liebe zwischen dem Studenten und dem Schlänglein Serpentina ist groß und Anselmus arbeitet sorgfältig bei Serpentinas Vater.

Aber das Äpfelweib, mit dem er am Anfang des Märchens zusammengestoßen ist, verzaubert den Studenten. Er glaubt plötzlich, dass er Veronica liebt und verliert daraufhin die Fähigkeit, das Wunderbare zu sehen. Der Palmengarten erscheint ihm nun wie ein kleiner Garten mit einigen armseligen, welken Pflanzen und die Bibliothek nur noch als kleines Arbeitszimmer. Er kann die Schriftstücke von Lindhorst nicht mehr richtig kopieren und bekleckst ein Manuskript, woraufhin er in einer Kristallflasche landet und das Äpfelweib versucht, den goldenen Topf zu stehlen.

Das Äpfelweib gehört in beide Welten. In der fantastischen Welt Atlantis ist sie eine verachtete Runkelrübe und in der realen Welt eine alte Frau mit geheimen Kenntnissen.

Nach einem Kampf zwischen ihr und dem Archivarius, der auch beide Welten teilt, entscheidet sich Anselmus endgültig für Serpentina und die märchenhafte Welt[4]. Der Archivarius spricht daraufhin zu Anselmus: „Du hast deine Treue bewährt, sei frei und glücklich[5].“ Mit diesem Satz darf der Student nun zusammen mit Serpentina nach Atlantis, also aus der realen Welt in die Welt des Wunderbaren. Dort führen sie ein glückliches Leben auf einem Rittergut.

2.2 Anselmus ist ein Individuum mit einer Psyche

Zusätzlich ist zu sagen, dass die handelnden Figuren keine „klassischen Märchentypen“ sind, denn im Volksmärchen sind die Handlungen des Helden meist vorherbestimmt. Bei Hoffmann hingegen unterläuft der Held Anselmus einen steten Entwicklungsprozess und steht zwischen zwei Frauen, die ihn umwerben.

Außerdem ist Anselmus ein Individuum mit einer Psyche. Als die grünen Schlangen das erste Mal mit ihm sprechen, denkt er, er sei psychisch krank. In einem Volksmärchen ist es ganz alltäglich, dass Tiere sprechen, aber für den Studenten im Märchen Der goldenen Topf ist es nicht normal. Er misstraut seinen Sinnen, weil er weiß, dass die Psyche zu Halluzinationen führen kann. Er stellt die fantastische Welt in Frage und somit weiß auch der Leser nicht, was real ist und was nicht. Die Frage, warum die Person des Anselmus eine Psyche hat, ist so zu beantworten, dass der Leser dadurch anfänglich permanent darüber nachdenkt, ob das Fantastische Wirklichkeit ist oder ob es nur eine Halluzination des Studenten ist. Es dient also dazu, die Grenze zwischen der Wirklichkeit und der Fantasie zu hinterfragen. Das sieht man auch am Anfang: Anselmus umarmt den Holunderbaum und schreit nach einer Schlange, wie man in Abbildung 1 sieht. Daraufhin sagt eine Bürgersfrau über ihn; „Der Herr ist wohl nicht recht bei Troste!“[6] Auch andere Passanten versuchen sich das Verhalten von Anselmus logisch zu erklären. Laut ihnen ist der Student entweder betrunken oder körperlich, beziehungsweise psychisch krank.

Die Frage, ob das Fantastische, das dem Studenten widerfährt real ist, wird immer wieder problematisiert. Anselmus selbst denkt sich oft, dass es nur Einbildung ist und überlegt, wie er nur glauben kann, er wäre in eine Schlange verliebt. Für den Erzähler des Märchens ist es aber die Wirklichkeit und er versichert es dem Leser immer wieder.

Am Anfang glaubt der Leser noch nicht an Atlantis, da selbst die Figuren zweifeln, aber dann wird er durch den Erzähler immer mehr und mehr in die wunderbare Welt mit hineingenommen.

2.3 Das Fantastische existiert neben dem Realen

Um die Koexistenz der beiden Welten zu erkennen, muss man seinen Geist öffnen. Denn die fantastische Welt soll nur von denen erfahren werden, die sich ihr öffnen können. Dies geht durch drei verschiedene Weisen:

Bei Konrektor Paulmanns Tochter Veronika ist die Liebe geistöffnend. Sie verliebt sich in Anselmus und kann so das Phantastische sehen. Auch Anselmus kann immer wieder durch die Liebe zu Serpentina in die märchenhafte Welt eindringen. Das sieht man besonders in der letzten Vigilie, als Anselmus zur seiner Geliebten spricht: „Serpentina – der Glaube an dich, die Liebe hat mir das Innerste der Natur erschlossen[7] !“.

Bei Konrektor Paulmann und dem Registrator Heerbrand hilft der Alkohol. Durch den Rausch führen sich die Männer auf „wie Bessesene[8] “ und beim Punschtrinken sagt selbst der ungläubige Paulmann betrunken: „Es lebe der Feuersalamander!“. Daraufhin kommt ein kleines Männchen, dass vom Archivarius Lindhorst geschickt wurde. Es sagt, dass Anselmus vergessen hat zur Arbeit zu kommen. Dieser aber ist plötzlich wieder in der Realität gefangen und bleibt lieber noch eine Weile bei seinen Freunden und Veronika.

Zusätzlich zur Liebe und zum Alkohol kann Anselmus die fantastische Welt aufgrund seines „kindlich poetischen Gemüts[9] “ erkennen. So spricht Serpentina zum Studenten: „Ach lieber Anselmus! – du verstandest ja unter dem Holunderbusch meinen Gesang[10] “. Hätte er kein kindlich poetisches Gemüt, dann hätte er Serpentina nicht erkannt und könnte nicht in die fantastische Welt eindringen.

Am Ende des Märchens gibt es einen „realen“ und einen „fantastischen“ Schluss. In dem Einen bleibt Anselmus verschwunden und im Anderen ist der Student in Atlantis. Nur der Leser, der sich am Ende dem Fantastischen geöffnet hat, glaubt an das glückliche Ende, in dem Anselmus zusammen mit seiner Serpentina in Atlantis lebt[11].

[...]


[1] Vgl. Wolfgang Nehring, E.T.A. Hoffmanns Erzählwerk: Ein Modell und seine Variationen (1997), S. 119

[2] Vgl. Horst Grobe, Königs Erläuterungen und Materialien – E.T.A. Hoffmann (2008), S.51

[3] E.T.A. Hoffmann, Der goldene Topf. Ein Märchen aus der neuen Zeit (2012), S. 9

[4] Vgl. Gisela Vitt-Maucher, Ironisches Märchen: Der goldene Topf, Ambivalente Erlösung: Progression oder Regression? (1989), S. 18 - 40

[5] E.T.A. Hoffmann, Der goldene Topf. Ein Märchen aus der neuen Zeit (2012), S. 94

[6] E.T.A. Hoffmann, Der goldene Topf. Ein Märchen aus der neuen Zeit (2012), S.16

[7] E.T.A. Hoffmann, Der goldene Topf. Ein Märchen aus der neuen Zeit (2012), S. 106

[8] E.T.A. Hoffmann, Der goldene Topf. Ein Märchen aus der neuen Zeit (2012), S. 83

[9] E.T.A. Hoffmann, Der goldene Topf. Ein Märchen aus der neuen Zeit (2012), S. 75

[10] E.T.A. Hoffmann, Der goldene Topf. Ein Märchen aus der neuen Zeit (2012), S. 75

[11] Vgl. Hartmut Steinecke, „Nachwort“ zu E.T.A. Hoffmann, Der goldene Topf (1993), S. 135 - 151

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Wahrheit oder Fiktion? Atlantis im Märchen „Der goldene Topf“ von E.T.A. Hoffmann
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
2,3
Jahr
2015
Seiten
12
Katalognummer
V306182
ISBN (eBook)
9783668044661
ISBN (Buch)
9783668044678
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
E.T.A. Hoffmann, Der goldene Topf, Atlantis, Märchen, Realität, Literaturanalyse
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Wahrheit oder Fiktion? Atlantis im Märchen „Der goldene Topf“ von E.T.A. Hoffmann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306182

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