Schuld und Unschuld in Kafkas "Das Urteil"


Hausarbeit, 2014
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung ... 1

2. Hintergrund ... 2

3. Schuld und Unschuld in Franz Kafkas Das Urteil ... 5
3.1 Die Verhandlung – Zur Vater-Sohn-Beziehung ... 6
3.2 Die Verurteilung – Zum Vater-Sohn-Konflikt ... 10
3.3 Der Vollzug – Zum Selbstmord Georgs ... 13

4. Fazit ... 15

5. Literaturverzeichnis ... 17

1. Einleitung

Die Erzählung Das Urteil ist der Schlüsseltext für die Gesamtdeutung des Werk Franz Kafkas, allen voran da es ein Paradebeispiel der Fiktionalisierung autobiographischer Wirklichkeiten darstellt. Aufgrund der Tagebücher und Briefe Kafkas können aus der 1913 veröffentlichten Erzählung Analogien zwischen der Handlungsführung und dem Figurenpersonal mit der persönlichen Lebenssituation und dem Familien- und Freundeskreis des Autors aufgedeckt werden. Desweiteren offenbaren diese persönlichen Textzeugnisse auch poetologische Absichten sowie das neuerliche Selbstverständnis Kafkas als Schriftsteller, da er unmittelbar nach der Niederschrift des Urteils vermerkte: „Nur so kann geschrieben werden, nur in einem solchen Zusammenhang, mit solcher vollständigen Öffnung des Leibes und der Seele.“1

Doch die Erzählung ist auch zum Gegenstand zahlreicher Untersuchungen geworden, da sie zunächst von einem Familien- und Generationenkonflikt zwischen dem Protagonisten Georg Bendemann und seinem Vater erzählt, im Grunde aber in metaphorisch überhöhter, zeichenhafter Sprache diverse andere Sujets zusammenbringt.2 So ist Das Urteil vor allem auch Paradigma für Kafkas prominente Auseinandersetzungen mit dem Themenkomplex, der um die Schlüsselbegriffe Verhör, Gesetz, Richter, Recht/Unrecht, Urteil und schließlich Schuld kreist. Infolgedessen erscheint die Handlung um den Vater-Sohn-Konflikt als Gerichtsverhandlung, die sich auch aus Verhör, Verurteilung und Vollzug zusammensetzt. Betrachtet man den Konflikt als Hauptverhandlung zwischen Vater und Sohn, drängt sich die Frage nach der Schuld auf, da diese im allgemeinen Verständnis die Verletzung oder Nichteinhaltung eines Gesetzes3 ist, und auf Grundlage dessen es nur zur Vollstreckung eines Urteils kommen kann. In der Erzählung Das Urteil ist die Schuld allerdings ein ambivalenter, sich einer eindeutigen Begriffsbestimmung entziehender Begriff, der teilweise nur in der Zeichenhaftigkeit der Handlung, der Redeführung, dem Erscheinungsbild sowie dem Habitus der Figuren lesbar ist.

Hierin heißt es, dass es die „geglückte poetisch-kühne Verwendung und Mischung, die zugleich klassische wie gestisch-metaphorisch überhöhende Sprache“ ermöglicht zahlreiche „Stofflichkeiten“ aufzudecken. So nimmt sich die folgende Untersuchung die Uneindeutigkeit der Schuld in diesem Werk Kafkas zur Grundlage, mit dem Ziel vielleicht zu beantworten, warum es einerseits zum Urteil „zum Tode des Ertrinkens“, welches der Vater nach einer wordgewandten Auseinandersetzung über seinen Sohn fällt, sowie andererseits zu dessen eilfertigen Vollzug, kommt.

Bevor diese Untersuchung die Schuld oder Unschuld der Figuren in der Erzählung Das Urteil beleuchten kann, dabei notwendigerweise auch die Motive eines Gerichts, eines Richters sowie eines Gesetzes in die Betrachtung mit einbezieht, werden zunächst bereits getroffene Aussagen zur Bedeutung Kafkas persönlicher Textzeugnisse zur Gesamtdeutung seines Werks nochmals aufgegriffen. Diese sind, wie sich herausstellen soll, nicht nur für das allgemeine Verständnis, sondern eben insbesondere für die Bestimmung der (Un-)Schuld in der Erzählung von unabdingbarer Bedeutung.

2. Hintergrund

Dass die Texte Franz Kafkas um problematische Familienstrukturen, vielmehr Vater-Sohn-Konflikte, prekäre Situationen des Berufs- und Privatlebens sowie paradoxe Alltagssituationen kreisen, die seinem eigene Privatleben zumindest entlehnt sind, ist vielfach Auszügen aus seinen Tagebucheinträgen, Briefen an Felice Bauer, Max Brod und Milena Jesenská sowie seinem Brief an den Vater zu entnehmen. An dem Gegenstand dieser Untersuchung, der Erzählung Das Urteil, werden derartige autobiographische Wirklichkeiten so deutlich wie an keinem anderen Werk Kafkas.

Für Kafka bedeutete die Niederschrift dieser Erzählung den „Durchbruch zum eigentlichen Schreiben“4, aus welchem sich ein noch nie dagewesenes Existenzgefühl als Schriftsteller entwickelte, welches aus einem geradezu protokollarisch dokumentierten Tagebucheintrag vom 23. September 1912 hervorgeht:

Diese Geschichte ‚Das Urteil‘ habe ich in der Nacht vom 22. bis 23. von zehn Uhr abends bis sechs Uhr früh in einem Zug geschrieben. Die vom Sitzen steif gewordenen Beine konnte ich kaum unter dem Schreibtisch hervorziehn. Die fürchterliche Anstrengung und Freude, wie sich die Geschichte vor mir entwickelte, wie ich in einem Gewässer vorwärtskam. Mehrmals in dieser Nacht trug ich mein Gewicht auf dem Rücken. […] Die bestätigte Überzeugung, daß ich mich mit meinem Romanschreiben in schändlichen Niederungen des Schreibens befinde. Nur so kann geschrieben werden, nur in einem solchen Zusammenhang, mit solcher vollständigen Öffnung des Leibes und der Seele. […] Viele während des Schreibens mitgeführte Gefühle, zum Beispiel die Freude, daß ich etwas Schönes für Maxens ‚Arkadia‘ haben werde, Gedanken an Freud natürlich, an einer Stelle an ‚Arnold Beer‘, an einer andern an Wassermann, an einer an Werfels ›Riesin‹, natürlich auch an meine ‚Die städtische Welt‘.5

Als äußerst selbstkritischer Autor bekannt, der seinen Werken selbst die schärfste Kritik unterzog, infolgedessen die wenigsten dieser veröffentlicht sehen wollte, ist der Umfang dieses Einblicks in die Genese einer seiner literarischen Texte einmalig.6

Von eben solcher Bedeutung ist auch der poetische Impetus, auf welchen die Dokumentation der Niederschrift des Urteils desweiteren aufmerksam macht. Indem Kafka das Schreiben als „fürchterliche Anstrengung“ beschrieb, „steif gewordene Beine“ und „[sein] Gewicht auf dem Rücken“, erwähnte, sogar formulierte, die Geschichte sei „wie eine regelrechte Geburt mit Schmutz und Schleim bedeckt aus [ihm] herausgekommen“7, bediente er sich der Metaphorik eines Geburtsvorgangs, womit er seine schriftstellerische Tätigkeit für sich als so lebensnotwendigen wie die Vorgängen der Zeugung und Geburt auszeichnete.

Diese poetologische Vorstellung entsteht bei Kafka aus der von ihm scheinbar nicht zu erfüllenden Anforderung, ein bürgerliches Leben, zu welchem Eheschließung und Familiengründung gehören, zu führen. Diese Problematik eines ambivalenten Verhältnisses zu Ehe, Familie und Sexualität geht deutlich auch aus dem 1919 verfassten, allerdings niemals abgeschickten Brief an den Vater hervor.8 Nach dem Vorbild der elterlichen Ehe Hermann und Julie Kafkas empfand Franz Kafka die Heirat als „Bürgschaft für die schärfste Selbstbefreiung und Unabhängigkeit“ und die Familie als „das Höchste“, das zu erreichen sei, gerade um darin seinem Vater Hermann Kafka ebenbürtig zu sein.9

Doch neben der vorbildhaften Funktion des Vaters als Ehemann und Familienoberhaupt ist auch dessen despotisches und tyrannisches Verhalten dokumentiert, welches Selbstzweifel und Minderwertigkeitsgefühle in Kafka auslöste. Wohlmöglich deshalb konnte sich dieser zeitlebens nicht in der Funktion als Ehemann, Liebhaber oder Familienvater wiederfinden.

Jedoch ist die für ihn existenzielle Problematik der Eheschließung und Familiengründung Impetus für sein neues Schreiben, sozusagen ein Vorgang, „um das Schreiben nahezu vollständig an die Stelle einer bürgerlichen Ehe und einer intimen Beziehung setzen zu können.“10 Mit anderen Worten ein „Literaturproduktionsmechanismus“, der sich damit für den Schriftsteller in Gang setzt. Dieses poetische Vorhaben kommt in der Erzählung Das Urteil nun geradezu vollständig zum Ausdruck, weswegen dieser erwiesenermaßen Schlüsseltext zum Werk Kafkas ist. Die Analogien zwischen der Handlung und dem Figurenpersonal des Textes und der persönlichen, mitunter problematischen Lebenssituation des Autors liegen mit Tagebüchern, Briefen sowie dem Brief an den Vater, bei denen es sich ja um Aufzeichnungen biographischer Wirklichkeiten handelt, geradezu offen. Nichtdestotrotz birgt der Text in seiner Zeichenhaftigkeit sowie in der Geschlossenheit der Form, zugleich aber der Offenheit der Handlung auch Verständnisschwierigkeiten, denen sich auch Kafka selbst durchaus bewusst war. In einem Brief an seine damalige Verlobte Felice Bauer, der die Erzählung gewidmet ist, postuliert er die dauerhafte Unerklärlichkeit seiner Erzählung – was jedoch mehr über den Autor und dessen Verhältnis zu seinem literarischen Werk als über die Interpretationsfähigkeit des Textes aussagt. Zwar fragt er seine Verlobte „Findest Du im ‚Urteil‘ irgendeinen Sinn, ich meine irgendeinen geraden, zusammenhängenden, verfolgbaren Sinn? Ich finde ihn nicht und kann auch nichts darin erklären“, widerspricht sich aber anschließend selbst: „[…] es ist vieles Merkwürdige daran“11.

Nachfolgend deckt er die Bedeutungshaftigkeit der einzigen Namen der Erzählung Georg Bendemann und Frieda Brandenfeld als Verweise auf ihn und Felice Bauer auf. „Die Geschichte steckt voll Abstraktionen, ohne daß sie zugestanden werden“12, stellt Kafka abschließend fest.

Auf Grundlage all dessen konzentriert sich die Kafka-Forschung immer wieder auf autobiographische Kontexte des Autors und versucht an konkreten Lebenserfahrungen wiederkehrende Motive, Bilder und Handlungsführungen in seinen Romanen und Erzählungen festzumachen. In ihrer universellen Bedeutungshaftigkeit ist es aber nicht per se möglich, solche Analogien und Parallelen festzustellen. Zweifelsohne aber „begünstigte“ das mehrmalige Scheitern seiner (sexuellen) Beziehungen sowie das dysfunktionale Verhältnis zu seinem Vater, dass Kafka derlei persönliche

[...]


1 Kafka, Franz: Tagebücher, 1910-1923. Frankfurt 1954, S.294.

2 Vgl. dazu Dietz, Ludwig: Franz Kafka. Sammlung Metzler, Bd. 136, 2. Aufl. Stuttgart 1990, S.60.

3 Vgl. dazu Sokel, Walter: Schuldig oder Subversiv? Zur Schuldproblematik bei Kafka. In: Das Schuldproblem bei Franz Kafka. Hrsg. v. Wolfgang Kraus und Norbert Winkler. Schriftenreihe der Franz-Kafka-Gesellschaft, Bd.6. Wien 1995, S.1.

4 Dietz 1990, S.59.

5 Kafka Tagebücher 1954, S.293 f.

6 In einer Notiz an seinen Freund Max Brod veranlasste Franz Kafka diesen sogar dazu, seinen literarischen Nachlass „restlos und ungelesen zu verbrennen“. Vgl. dazu Brod, Max: Franz Kafka, Eine Freundschaft, Briefwechsel. Hrsg. unter Mitarb. von Hannelore Rodlauer von Malcolm Pasley. Frankfurt 1989, S. 365.

7 Kafka, Franz: Tagebücher. Textband. Hrsg. v. Hans-Gerd Koch, Michael Müller, Sir Malcolm Pasley. Frankfurt 1990, S. 491 f.

8 Inwiefern sich die darin dargestellten Situationen tatsächlich mit der Lebensrealität Kafkas decken, nicht bereits einer Fiktionalisierung unterliegen, muss im Einzelnen überprüft werden; eindeutig ist dem Brief an den Vater nur das angespannte Verhältnis zum Vater zu entnehmen, welches auch als Motiv in Das Urteil fungiert.

9 Kafka, Franz: Brief an den Vater. In: Nachgelassene Schriften und Fragmente II. Hrsg. von Jost Schillemeit. Frankfurt 1992, S.209.

10 Vgl. Jahraus, Oliver: Das Urteil. In: Kafkas „Urteil“ und die Literaturtheorie. Zehn Modellanalysen. Hrsg. v. Oliver Jahraus und Stefan Neuhaus. Stuttgart 2012, S.411.

11 Kafka, Franz: Briefe an Felice und andere Korrespondenz aus der Verlobungszeit. Hrsg. v. Erich Heller. Frankfurt 1967, S.394.

12 Kafka Briefe an Felice 1967, S.394.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Schuld und Unschuld in Kafkas "Das Urteil"
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Literatur der Jahrhundertwende und Frühmoderne
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
19
Katalognummer
V306185
ISBN (eBook)
9783668044562
ISBN (Buch)
9783668044579
Dateigröße
983 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Franz Kafka, Das Urteil, Schuld, Generationenkonflikt, Familienkonflikt, Analyse, Vergleich Biographie
Arbeit zitieren
B.A. Anna Stumpe (Autor), 2014, Schuld und Unschuld in Kafkas "Das Urteil", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306185

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