Wann ist ein Mann ein Mann? Männerfiguren in Kästners "Fabian – Die Geschichte eines Moralisten"


Hausarbeit, 2013

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einführung: Kritische Männerforschung am Beispiel von Fabian - Die Geschichte eines Moralisten

3. Fabian - „Neuer Mann“ der Neuen Sachlichkeit?
3.1 Fabian und die Gesellschaft
3.2 Fabian und die Männer
3.3 Fabian und die Frauen

4. Fazit

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Männer haben‘s schwer, nehmen‘s leicht außen hart und innen ganz weich, werden als Kind schon auf Mann geeicht Wann ist ein Mann ein Mann?“1

Lieder wie Männer von Herbert Grönemeyer ironisieren das männliche Geschlecht. In diesem klischeehaften, durchaus ironischen Text offenbaren sich aber für die Frauen- und Männerforschung wichtige Aspekte. Es geht einerseits um die Performativität des Geschlechts, dass es sich bei diesem um aus der Sozialisation hervorgegangene, konstruktivistische Entwürfe handelt, und andererseits darum, dass es keine eindeutigen, schwarz-weißen Männlichkeitsrollen gibt.

Zwei Tatsachen, die auch für den Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit, die Männerfiguren in Erich Kästners Fabian - Die Geschichte eines Moralisten, von Relevanz sein werden. Bei diesem 1931 veröffentlichten Roman handelt es sich um einen der Literatur der Neuen Sachlichkeit zuzuordnenden Text, da dieser die wirtschaftlichen, politischen, sogar sexuellen Zustände der ausgehenden Weimarer Republik „mit ungeschminkter Schonungslosigkeit“2 darstellt. Dem Leser eröffnen sich vor diesem zeitgenössischen Hintergrund neue Geschlechterrollen und -verhältnisse, da die männlichen und weiblichen Figuren Kästners von dessen tradierten Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit teilweise abweichen.

Vorab soll auf einige historische Fakten in Zusammenhang mit der Kritischen Männerforschung eingegangen werden, um sie auf den Roman beziehen zu können. Dabei geht es um Entwürfe von Männlichkeit und Weiblichkeit, männlicher Sozialisation und männliche und weibliche Sexualitäten, also Entwürfe, die sich aus der Zeit der Weimarer Republik um 1931, dem Jahr der Veröffentlichung des Fabian, ergeben haben.

Da in der Literatur der Neuen Sachlichkeit weiblichen Figuren viel diskutiert sind3, aufgrund dessen sie „das sachliche Prinzip am nachdrücklichsten verkörpern“4, diese auch bei Erich Kästner als Irene Moll oder Cornelia Blattenberg erscheinen, widmet sich diese Untersuchung dann den oftmals zu kurz kommenden männlichen Figuren des Romans.

Aus diesem Grund nimmt diese Arbeit Abstand von der Darstellung der literarischen Medialisierungen der „Neuen Frau“ und konzentriert sich stattdessen darauf, den „Neuen Mann“ der Neuen Sachlichkeit im Fabian aufzuspüren und diesen an konkreten Eigenschaften festzumachen. Besonderes Augenmerk soll dabei insbesondere auf dem Protagonisten Jakob Fabian liegen, sowie immer wieder auch auf zeitgenössischen politischen und gesellschaftlichen Umständen, da auch in diesen der neue Entwurf von Männlichkeit bei Kästner begründet liegen.

Dafür werden neben den bereits zitierten Arbeiten von Egon Schwarz und Britta Jürgs auch Johannes Pankau (2012), Helmut Lethen (1970), Walter Delabar (1989) und Melanie Möllenberg (2008) herangezogen.

2. Einführung: Kritische Männerforschung am Beispiel von Fabian - Die Geschichte eines Moralisten

Die Erkenntnisse aus der Kritischen Männerforschung sind für Kästners Fabian - Die Geschichte eines Moralisten5, genauer gesagt für die männliche Hauptfigur Jakob Fabian von Interesse und in den folgenden Kapiteln zu untersuchen.

Um 1931 verfasst, fällt der Roman Erich Kästners in eine Zeit, in der sich die Weimarer Republik in einem ihrem Ende zugehendem, desolaten gesellschaftlichen und politischen Zustand befindet. Nach der Weltwirtschaftskrise bestimmen Arbeitslosigkeit, politische Instabilität, (sozio)ökonomische Krisen, politische Gefechte und allgemeine Unzufriedenheit den Lebensalltag der Frauen und Männer.6 Diese Aspekte einer Gegenwartskrise wirkten sich auch auf die Entwürfe von Männlichkeit und Weiblichkeit7 aus, welche vielfach in der Literatur der Neuen Sachlichkeit aufgegriffen sind.8

Auch Fabian ist ein Textbeispiel der Neuen Sachlichkeit, in der eben nicht nur „mangelhafte politische, ökonomische und soziale Phänomene der Endphase der Weimarer Republik“9 illustriert werden, sondern eben auch ein von der bis dahin existierenden Vorstellung von Männlichkeit und Weiblichkeit divergierendes Bild gezeichnet wird: Zu den Finessen Kästners gehört es, daß er, des Klassencharakter der Gesellschaft eingedenk, sich nicht damit begnügt menschliche Phänomene als allgemeine Unwandelbarkeiten darzustellen, sondern sie ihre veränderte Seinsweise in mancherlei sozialen Milieus widerspiegeln läßt.10

Grundsätzlich vermittelt Kästners Fabian den Eindruck, zeitgenössisch traditionelle Geschlechterverhältnisse darzustellen. Männliche sowie weibliche Figuren sind in ihrer Typenhaftigkeit gleichermaßen nur auf das neusachliche Lebensgefühl der Anonymität und Entfremdung in der Großstadt Berlin, „Orientierungslosigkeit, Suche nach physischer Zuneigung, Vergnügungssucht, sowie […] weitgehendem Desinteresse an politischen Ereignissen“11 reduziert und darin zunächst nicht voneinander zu unterscheiden. Hilde Spiel trifft es auf den Punkt, indem sie feststellt, dass sich „In Kästners Spiegelfigur […] eine mitteleuropäische Generation [spiegelte]. Sein Fabian war der Schlüssel zu einer ganzen Epoche.“12

Durchaus ist es so, dass der Autor einerseits noch dem rollengebundenen, teilweise reaktionären Denken seiner Zeit verhaftet ist. Mann ist Mann, Frau ist Frau - an diesem universell angewandten Denkschemata einer binären Geschlechtereinteilung hängt der Autor.

Andererseits aber modifiziert er seine konservativen Vorstellungen doch, indem immerhin die Eigenschaften, die auf der einen Seite den weiblichen, auf der anderen Seite den männlichen Figuren zugeschrieben werden, rollenverkehrt erscheinen. Gemeint ist, dass die Darstellung der Figuren speziell in der Auseinandersetzung mit der kritischen Gegenwartssituation nicht den althergebrachten Mustern entsprechen, also im Erzählgeschehen Eigenschaften, die männlich konnotiert sind, oftmals den weiblichen Figuren zufallen, sowie vice versa:

Die alten Geschlechterrollen funktionieren nicht mehr. Der Mann ist nicht mehr der Ernährer der Familie, die Frau nicht mehr Hausfrau und Mutter, mit allen Konsequenzen. Die bekannten und erlernten Verhältnisse und Haltungen sind in Auflösung begriffen, da sie nicht mehr funktionieren. Die Individuen müssen sich in völlig ungewohntem Terrain, dessen Ausstattung aus Trümmern der alten Welt und aus einem neuen, noch ungewohnten Inventar besteht, nur noch mit Bruchstücken vertrauter Haltungen zurechtfinden.13

Folglich zeigen sich in den Reaktionen auf die gesellschaftlichen und politischen Zustände geschlechtsspezifisch unterschiedliche Überlebensstrategien und - techniken, also die Geschlechterdifferenz bei Kästner. Diese geht einher mit dem Verständnis von Geschlechterrollen in der Kritischen Männerforschung. Die Men’s Studies verstehen "Männlichkeit" und "Weiblichkeit" handelt als aus der Sozialisation heraus verinnerlichte Geschlechtsrollen, die dem biologischen Geschlecht angehaftet sind.14 Derartige Geschlechtsrollen sind „Bündel allgemeiner Erwartungen“15, also soziale Normen und Konventionen, die in Abhängigkeit zu bestimmten Situationen stehen, demnach mit sich verändernden Erwartungen der sozialen Wirklichkeit selbst noch wandelbar sind. Daraus ergibt sich, dass es keine eineindeutigen Männer- oder Frauenrollen gibt, vielmehr muss man von einer Mehrdimensionalität der Struktur des sozialen Geschlechts sprechen.16

In Zusammenhang mit diesem Untersuchungsgegenstand untermauert Delabar, dass die noch genauer zu benennenden Verhaltensweisen und -konventionen, Moralvorstellungen sowie zwischenmenschlichen Beziehungen, die im Fabian entfaltet werden, „von den soziokulturellen Veränderungen der Gesellschaft, der Industrialisierung, der Verstädterung, allen Veränderungen der Lebenswelt von der agrarischen zur modernen Welt nicht zu trennen [sind], und hier insbesondere nicht von den Veränderungen der Geschlechterverhältnisse und -rollen.“17

3. Fabian - „Neuer Mann“ der Neuen Sachlichkeit?

Bisher wurde immer nur darauf hingewiesen, dass vor dem zeitgenössischen Hintergrund der Weimarer Republik um 1931, als Kästner seinen Roman Fabian - Die Geschichte eines Moralisten veröffentlichte, neue Geschlechterrollen und -verhältnisse in diesem Roman dargestellt sind, da die männlichen und weiblichen Figuren Kästners von tradierten Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit teilweise abweichen. Im Folgenden soll nun erläutert werden, welchen Einfluss dies auf den männlichen Protagonisten des Romans, den 32-jährigem Germanisten Jakob Fabian nimmt. So soll die sich anschließende Figurencharakterisierung herausarbeiten, dass es sich bei Fabian um einen „Neuen Mann“ der Literatur der Neuen Sachlichkeit handelt, so wie respektive von „Neuen Frauen“ in der Literatur der Neuen Sachlichkeit sowie auch in diesem Roman gesprochen wird.

Spiels Bezeichnung des Protagonisten als „Spiegelfigur“ deutet an, dass er in seinen Charaktereigenschaften und seiner Wesenshaltung diesen neuen Typus Mann an verkörpert, um den es in der folgenden Untersuchung gehen soll. Dabei setzt diese den Fokus auf die Wahrnehmung Fabians seiner Umwelt, seine Auftreten in und seine Einstellung gegenüber der Gesellschaft (Kap. 3.1), sowie Gegensätze und Gemeinsamkeiten, die er dabei gegenüber anderen, männlichen (Kap. 3.2) wie weiblichen Figuren (Kap. 3.3) aufweist.

3.1 Fabian und die Gesellschaft

„Aber du hast Angst, das Glas zwischen dir und den anderen könnte zerbrechen. Du hältst die Welt für eine Schaufensterauslage.“18

In einem Traum Fabians kommentiert Irene Moll mit diesen Worten dessen problematische Beziehung zu seiner Umwelt und der Gesellschaft. Indem er die Welt für eine „Schaufensterlage“ hält, zeichnet er sich per se nur als Beobachter aus. Er ist, wenn auch er der Protagonist der Romans ist, eine von den Ereignissen der Welt distanzierte, nur durch Beobachtung an ihr teilnehmende, vom gesellschaftlichen Leben abgegrenzte Figur. Als „typischer neusachlicher Berichterstatter“19 gibt er das Beobachtete einerseits objektiv und wertfrei wieder, da er vom Standpunkt eines Außenseiters erzählt. Andererseits vermittelt er auch das neusachliche Lebensgefühl der Entfremdung und Anonymität in der Großstadt, Orientierungs- und Illusionslosigkeit sowie seine pessimistische Weltanschauung, indem auch Wertungen, persönliche Einstellungen und Meinungen vereinzelt thematisiert werden.

[...]


1 Grönemeyer, Herbert (1984): Männer.

2 Schwarz, Egon (1975): Erich Kästner. Fabians Schneckengang im Kreise. In: Zeitkitische Romane des 20.Jahrhunderts. Die Gesellschaft in der Kritik der deutschen Literatur. Hrsg. v. Hans Wagener. Stuttgart: Reclam, S.236

3 Hier sei auf Romane von Marieluise Fleißer, Vicki Baum, Irmgard Keun, Gabriele Tergit, Gina Kraus oder Masche Kaléko verwiesen.

4 Jürgs, Britta (1996): „Neusachliche Zeitungsmacher, Fabian und alte Sentimentalitäten. Erich Kästners Roman ‚Fabian. Die Geschichte eines Moralisten,‘“ In: Neue Sachlichkeit im Roman. Neue Interpretationen zum Roman der Weimarer Republik. Hrsg. v. Sabina Becker und Christoph Weiss. Stuttgart, Weimar: Verlag J.B. Metzler, S.196.

5 Im Folgenden nur noch verkürzt Fabian genannt.

6 Vgl. Möllenberg, (2008): „Eine ausweglose Krise? Gesellschafts- und Zeitkritik in Erich Kästners Roman ‚Fabian‘“, In: Erich Kästner Jahrbuch, Band 5. Hrsg. v. Bernhard Meier. Würzburg: Königshausen & Neumann, S.129.

7 An dieser Stelle soll nur kurz darauf hingewiesen sein, dass Begrifflichkeiten einer dichotomen Geschlechterauffassungen, die nur die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ sehen, nicht der Auffassung der Autorin entsprechen. In der Auseinandersetzung mit dem Untersuchungsgegenstand sind diese Begriffe aber nicht zu vermeiden.

8 Wobei hier natürlich immer zwischen der Realsituation von Frauen und Männern und literarischen und medialisierten Bildern unterschieden werden muss.

9 Möllenberg (2008), S.131.

10 Schwarz (1975), S. 241.

11 Möllenberg (2008), S.130.

12 Spiel, Hilde (1989): „Spiegelbild einer Generation. Hilde Spiel über Erich Kästner: Fabian (1931)“, In: Romane von gestern - heute gelesen. Band 2, 1918 - 1933. Hrsg. v. Marcel Reich-Ranicki. Frankfurt am Main: S. Fischer, S. 300-309 , S.300.

13 Delabar (1999), Was tun? Roman am Ende der Weimarer Republik. Opladen, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S.89

14 Vgl. Conell (1999), S.41.

15 Ebd.

16 Vgl. Conell, Robert W.(1999) Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. Übersetzt von Christian Stahl. Hrsg. v.

u. mit einem Geleitwort v. Ursula Müller. Opladen: Leske + Budrich.

17 Delabar (1999), S.88.

18 Kästner, Erich (1989): Fabian - Die Geschichte eines Moralisten. München: dtv, S.150. Im Folgenden sind Zitate aus der Werkausgabe nur noch verkürzt dargestellt (Fabian, Seitenzahl).

19 Müller, Regina (2008): „Erich Kästner - Autor der Neuen Sachlichkeit?“, In: Erich Kästner Jahrbuch, Band 5. Hrsg. v. Bernhard Meier. Würzburg: Königshausen & Neumann, S.143.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Wann ist ein Mann ein Mann? Männerfiguren in Kästners "Fabian – Die Geschichte eines Moralisten"
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Feministische Literaturwissenschaft und Gender-Kritik
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
17
Katalognummer
V306188
ISBN (eBook)
9783668044524
ISBN (Buch)
9783668044531
Dateigröße
832 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erich Kästner, Neue Sachlichkeit, Männerfiguren, Kritische Männerforschung, Men's Studies, Weimarer Republik
Arbeit zitieren
B.A. Anna Stumpe (Autor), 2013, Wann ist ein Mann ein Mann? Männerfiguren in Kästners "Fabian – Die Geschichte eines Moralisten", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306188

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