Der Bedeutungsanstieg des Regionalen und die Ökonomisierung des Städtischen als Ausdruck postfordistischer Regulation

Eine theoretische Herleitung des internationalen Standortwettbewerbs und dessen Deutung durch städtische und regionale Akteure im Raum Stuttgart


Diplomarbeit, 2012

200 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkurzungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Problemaufriss und Forschungsfragen
1.2 Aufbau der Arbeit

2. Zur Epistemologie und dem zugrundeliegenden Raumverstandnis

3. Der Regulationsansatz
3.1 Der Fordismus
3.2 Die Krise des Fordismus
3.3 DerPostfordismus
3.4 Das Potential des Regulationsansatzes far die Raumforschung und konzeptionell-methodologische Schwachen

4. Raumstrukturelle Konsequenzen postfordistischer Regulation

5. Okonomisierung des Stadtischen: Die Unternehmerische Stadt
5.1 Neue Herausforderungen von Stadtentwicklung unter postfordistischen Bedingungen
5.2 Strategien unternehmerischer Stadtentwicklung
5.3 Typische Merkmale unternehmerischer Stadtentwicklung
5.3.1 Institutionelle Restrukturierung und Governance
5.3.1.1 Binnenmodernisierung durch Einfuhrung vonNew Public Management
5.3.1.2 Privatisierung offentlicher Dienstleistungen
5.3.2 Externe Ausrichtung auf Wettbewerb
5.3.2.1 Orientierung an einkommensstarken Bevolkerungsschichten und Schaffung symbolischen Kapitals
5.3.2.2 Kulturalisierung von Stadten
5.3.2.3 Imageproduktion durch Stadtmarketing
5.3.3 Immobilienmarktgesteuerte Stadtentwicklung durch GroBprojekte
5.3.3.1 Zur Rolle des Immobiliensektors in der Stadtentwicklung
5.3.3.2 Zunehmende Fokussierung auf GroBprojekte
5.4 Die Folgen unternehmerischer Stadtentwicklung
5.5 Zusammenfassung: Okonomisierung des Stadtischen

6. Der Bedeutungsgewinn des Regionalen
6.1 Regionale Zusammenschlusse und Metropolregionen
6.2 'Rescaling' als Element von Regulation
6.3 Regionalisierung als Antwort auf Globalisierung?

7. Diskurstheoretischer Exkurs: Zur Kritik an Standortvergleichen
7.1 Der Standortwettbewerb als Diskurs
7.2 Die Rolle von Stadterankings im Standortdiskurs

8. Standortwettbewerb zwischen Sachzwang, politischer Intention und diskursiver Praxis

9. Zur Methodik der empirischen Untersuchung
9.1 Kennzeichen Qualitativer Sozialforschung
9.2 Das Experteninterview
9.2.1 Typologie des Experteninterviews
9.2.2 Dimensionen des Expertenbegriffs
9.2.3 Auswahl der befragten Experten
9.2.4 Durchfuhrung der Interviews
9.2.5 Auswertung der Interviews
9.3 Der Umgang mit nonverbalen Daten

10. Der Raum Stuttgart
10.1 Wirtschaftliche Entwicklung, Strukturwandel und Krise
10.1.1 Industrielle Basis und Automobilcluster
10.1.2 Strukturwandel in den 1990er Jahren
10.1.3 Die neoliberale Antwort auf diejungste Wirtschaftskrise
10.2 Bevolkerungsentwicklung in Stadt und Region
10.2.1 Suburbanisierung
10.2.2 Strategien und Programme gegen die Suburbanisierung
10.3 Sozialraumliche Segregation und Armut in Stuttgart

11. Die Okonomisierung des Stadtischen in Stuttgart
11.1 Institutionelle Restrukturierung und Governance
11.1.1 Haushaltskonsolidierung zu Lasten von Sozialpolitik
11.1.2 Privatisierung kommunaler Dienstleister
11.2 Externe Ausrichtung auf Wettbewerb
11.2.1 Investitionenin weiche Standortfaktoren
11.2.2 Kulturforderung
11.2.3 Imageproduktion durch Stadtmarketing und die Formulierung von Leitbildern
11.3 Grofiprojekte - Unter besonderer Berucksichtigung von S21
11.4 Starke und schwache Strategien unternehmerischer Politik
11.5 Zwischenfazit: Die Okonomisierung des Stadtischen in Stuttgart

12. Regionalisierungstendenzen in der Region Stuttgart
12.1 Die Intraregionale Konkurrenz
12.2 Der Verband Region Stuttgart
12.3 Regionalisierung als Standortpolitik

13. Die Region Stuttgart im internationalen Standortwettbewerb
13.1 Exportausrichtung
13.2 Zur Popularitat von Standortvergleichen
13.3 Wirtschaftspolitische Handlungsempfehlungen und diskursive Verankerung des Bildes vom Standortwettbewerb

14. Deutungsmuster stadtischer und regionaler Akteure in Stuttgart
14.1 Zur Deutung der Okonomisierung des Stadtischen
14.1.1 Der Ruckzug aus dem Sozialen im Unternehmen Stuttgart
14.1.2 In Zielgruppen denken: Investitionen in weiche Standortfaktoren
14.1.3 'Image becomes everything'
14.1.4 Allheilmittel GroBprojekt
14.1.5 Zur Bedeutung des Synergieprojekts S 21
14.1.5.1 Erreichbarkeit und Zentralitat als Standortfaktoren
14.1.5.2 Wohnen und Wirtschaft als Standortfaktoren
14.1.5.3 Image und Prestige als Standortfaktoren
14.1.5.4 S 21 als Patentrezept im Wettbewerb
14.2 Zur Deutung des Bedeutungsanstieg des Regionalen
14.2.1 Intraregionale Konkurrenz
14.2.2 Kooperation auf regionaler Ebene - Differenzen in der Stadtverwaltung.
14.2.3 Regionalbewusstsein: Die regionale Ebene ist die 'Gewinnerebene'
14.3 Zur Deutung des (internationalen) Standortwettbewerbes
14.3.1 'Wettbewerb ist immer gut'
14.3.2 Exportabhangigkeit und Krise im Kontext des Wettbewerbs
14.3.3 Die Starken starken
14.3.4 Die Einschatzung der Konkurrenzsituation zu anderen (Stadt)Regionen
14.3.5 Infrastruktur als Nachteil
14.3.6 Zur Bedeutung von Standortrankings im Handeln stadtischer und regionaler Akteure
14.3.7 Wettbewerb als Handlungsmaxime

15. Schlussbetrachtung
15.1 Zusammenfassung der Ergebnisse
15.2 Ausblick

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis der Abbildungen

Sonstige verwendete statistische Amter und offizielle Homepages

Interviews

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Veranderung der Vermogensverteilung in Deutschland zwischen 2002 und 2007

Abbildung 2: Berufliches Tatigkeitsfeld und relevante MaBstabsebene der interviewten Experten

Abbildung 3: Die Lage der Region Stuttgart innerhalb Deutschlands

Abbildung 4: Entwicklung der Erwerbstatigen in der LHS zwischen 1991 und 1998 bezogen aufs Basisjahr 1991

Abbildung 5: Entwicklung der Arbeitslosenquote in der RS (ohne LHS) und in der LHS zwischen 1991 und 1998

Abbildung 6: Bevolkerungsruckgang und Anstieg der Bevolkerung in der LHS zwischen 1991-1998

Abbildung 7: Entwicklung des Schuldenstands der LHS von 1992-2010

Abbildung 8: Innerstadtische Gleisflachen zerschneiden den Stuttgarter Norden und Osten

Abbildung 9: Die Konversionsflachen bieten Moglichkeiten der innerstadtischen Entwicklung

Abbildung 10: Das Planungsgebiet gliedert sich in die drei Teilgebiete A (29 ha), B(48 ha) und C(32 ha)

Abbildung 11: Finanzierungsanteile anS21in Millionen Euro

Abbildung 12: Kritikpunkte am Projekt S21

Abbildung 13: Von den Experten genannte relevante weiche Standortfaktoren in derLHS

Abkurzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

1.1 Problemaufriss und Forschungsfragen

Kaum eine deutsche Grofistadt erregte in den letzten zwei Jahren so viel Aufmerk- samkeit wie die Landeshauptstadt Stuttgart (LHS) mit dem geplanten Umbau ih- res Hauptbahnhofs (HBF). Gegner wie Befurworter des Projekts wissen seither die jeweils besseren Argumente auf ihrer Seite. Sowohl die Protagonisten von Stuttgart 21 (S 21) als auch die Verfechter des Alternativkonzepts Kopfbahnhof 21 (K 21) sind uberzeugt, die geeignete Losung zur Optimierung der Verkehrsin- frastruktur zu bieten und insbesondere die Anhanger von K 21 vertreten den Standpunkt, S 21 trage zu einer Verschlechterung der bestehenden Verkehrssitua- tion bei. Wie die Landes-CDU weifi, haben Versaumnisse im Ausbau der Infra- struktur gravierende Folgen fur die LHS und das Umland: „Die Wettbewerbsfahigkeit unseres Landes steht und fallt mit der Qualitat seiner Infrastruk- tur. Hochleistungsfahige Verkehrsinfrastruktur ist fur das exportabhangige Baden-Wurttem- berg ein entscheidender Erfolgsfaktor im Standortwettbewerb“ (CDU-Baden-Wurttemberg 2011, o.S.)

Seit nun mehr zwei Jahrzehnten1 laufen die Planungen zu S 21 und in dieser Zeit wurden jede Menge plausible Pro und Contra Argumente geliefert, die bisweilen von detailliertem Spezialwissen zeugen, so dass sie fur den Laien schwer nachzu- vollziehen sind. Die Teilnahme am Standortwettbewerb als treibende Kraft hinter dem Projekt wurde in der Debatte eher selten hinterfragt. Dabei ist es schwierig empirisch zu belegen, dass Stadtregionen dem Niedergang geweiht sind, wenn sie sich nicht den globalen Wettbewerbsanforderungen stellen (vgl. Adam 2011, S. 2, 8).

Das Anliegen dieser Arbeit ist es nicht, sich an der Diskussion um die Sinnhaftig- keit von S 21 zu beteiligen, sondern herauszufinden, was es mit den globalen Wettbewerbsanforderungen und dem Standortwettbewerb auf sich hat. Die Stadt- forschung beschaftigt sich mit den ambivalenten Auswirkungen der okonomi- schen Globalisierung und der gesellschaftlichen Transformationsprozesse auf die Stadte schon langer als die Bevolkerung Stuttgarts mit ihrem Bahnhof. Urbane Zentren sehen sich mit den wirtschaftlichen Konsequenzen des Strukturwandels, fiskalisch bedingten Mindereinnahmen, einer zunehmenden Arbeitslosigkeit und sozial-raumlicher Polarisierung konfrontiert und treten in Konkurrenz zu anderen (Stadt)Regionen um private und offentliche Investitionen, Humankapital und Tou- risten. In diesem Zusammenhang ist ein allgemeiner Trend des neoliberalen Um- baus des Stadtischen zu beobachten. Lokale Politik wird zusehends nach okono- mischen Gesichtspunkten betrieben und Grofistadte gehen vermehrt wirtschaftli- che und politische Kooperationsformen mit ihrem regionalen Umland ein. Ob- gleich sich hinsichtlich der skizzierten Entwicklung Gemeinsamkeiten zwischen Grofistadtregionen konstatieren lassen, pladiert beispielsweise Pannebianco (2006, S. 66) dafur, spezifische Kausalitaten und lokale Pfadabhangigkeiten durch quali­tative Fallstudien zu erforschen. Auch Brenner und Theodore (2002, S. 349) for- dern, den lokalen Kontext neoliberaler Stadtentwicklung zu ergrunden:

„We emphasize the contextual embeddedness of neoliberal restructuring projects insofar as they have been produced within national, regional, and local contexts defined by the legacies of inherited institutional frameworks, policy regimes, regulatory practices, and political strug­gles. An adequate understanding of actually existing neoliberalism must therefore explore the path-dependent, contextually specific interactions between inherited regulatory landscapes and emergent neoliberal, market-oriented restructuring projects at a broad range of geographi­cal scales“.

Dies motivierte mich, im Rahmen meiner Diplomarbeit den Raum Stuttgart als 'Teilnehmer' im internationalen Standortwettbewerb zu betrachten. Dessen Exis- tenz lasst sich nicht leugnen. Moglicherweise jedoch ist das raumliche Konkur- renzdenken ausgepragter als es die tatsachliche Konkurrenzsituation zwischen Standorten rechtfertigen wurde. Um diesbezuglich Erkenntnisse zu gewinnen, fuhrte ich Experteninterviews mit lokalen und regionalen Akteuren, die aufgrund ihrer beruflichen Tatigkeit die Stuttgarter Stadt- und Regionalentwicklung pragen und vice versa in ihrem raumwirksamen Handeln und Denken durch wahrgenom- mene raumliche Strukturen beeinflusst werden. Das ubergeordnete Forschungsziel besteht darin, herauszufinden, wie sich der Standortwettbewerb sowohl in seiner materiellen Form als auch in seiner diskursiven Praxis in Stuttgart manifestiert. Als Forschungsfragen ergeben sich daher:

- Welche Formen politischer Regulation lassen sich als Reaktion auf die globalen Herausforderungen in Stadt und Region Stuttgart aufzeigen? Wie aufiert sich der neoliberale Umbau des Stadtischen in der LHS? Welche politischen und raumstrukturellen Veranderungen sind auf regionaler Ebe- ne zu beobachten und aus welchen Grunden erfolgen sie?
- Wie wird der Standortwettbewerb von leitenden Stuttgarter Akteuren der Raumplanung gedeutet und wie beeinflussen diese Deutungsmuster die konkrete Ausgestaltung lokaler und regionaler Politik? Wie strukturiert der Standortwettbewerb ihre Handlungsrationalitaten und lassen sich diesbe- zuglich Unterschiede zwischen verschiedenen Akteuren feststellen?

Da der Einfluss wirtschaftlicher Dynamik und Veranderungsprozesse auf die Raumentwicklung Stuttgarts untersucht und raumbezogene Deutungsmuster von Akteuren der Stadt- und Regionalentwicklung nachgezeichnet und kritisch reflek- tiert werden, wird ein Forschungsfeld der Humangeographie bearbeitet. Innerhalb der Fachdisziplin ist sie im Spannungsfeld von angewandter Stadt/Regionalfor- schung und Wirtschaftsgeographie zu verorten. Ich hoffe, mit dem Forschungs- vorhaben einen Beitrag zur kritisch-geographischen Stadtforschung zu leisten.

1.2 Aufbau der Arbeit

Der Aufbau dieser Arbeit entspricht in der Grobgliederung der von Wood (2003). Nach einer Einfuhrung ins Thema (Kapitel 1) werden epistemologische und raum- theoretische Grundannahmen (Kapitel 2) angerissen, um anschliefiend den theore- tisch-konzeptionellen Teil (Kapitel 3-8) folgen zu lassen. Die Schilderung des me- thodischen Vorgehens (Kapitel 9) leitet den empirischen Teil ein, der sich in ei- nem deskriptiven (Kapitel 10-13) sowie einen analytischen Part (14) aufgliedern lasst und in einer Schlussbetrachtung endet (Kapitel 15).

In 3 werden zunachst mit Hilfe des Regulationsansatzes die globalen Veranderun­gen der politischen Okonomie skizziert, die den zunehmenden Standortwettbe­werb auslosten. Die raumstrukturellen Konsequenzen postfordistischer Versuche der Regulation werden in 4 knapp angeschnitten, um darauf aufbauend in 5 die konkreten Folgen fur die derzeitige Stadtentwicklung aufzuzeigen und das Leit- bild der unternehmerischen Stadt zu diskutieren. Inwiefern der durch die raumli- che Restrukturierung und Reorganisation bedingte Bedeutungsanstieg der regio- nalen Ebene eine strategische Formen skalarer Politik abbildet, wird in 6 erlautert. Anschliefiend soll in 7 ein knapper Exkurs vorgenommen werden, um die bis da- hin dominierende strukturalistische Perspektive auf den Standortwettbewerb um eine diskurstheoretische zu erweitern. In 8 werden die Ergebnisse zusammenge- fuhrt und auf ihren Erklarungsgehalt fur spezifisch-lokale Entwicklungsmuster hin uberpruft.

Nach der Erlauterung des methodischen Verfahrens in 9 wird im empirischen Teil zunachst das Fallbeispiel Stuttgart vorgestellt (10) und Veranderungen der Wirt- schafts- und Bevolkerungsstruktur beschrieben. In 11 wird der Frage nachgegan- gen, ob und inwieweit sich der in 5 erorterte neoliberale Umbau des Stadtischen in der LHS vollzog hat. Im folgenden Kapitel werden die in 6 gewonnenen Er- kenntnisse anhand der Grundung des Verbands Region Stuttgart (VRS) exemplifi- ziert und die mit den Regionalisierungsbestrebungen verbundenen Ziele veran- schaulicht (12).

Um erste Einblicke in die diskursive Anschlussfahigkeit des Bildes der Stadtekon- kurrenz im Raum Stuttgart zu gewahrleisten, soll darauffolgend Stuttgarts Rolle im Standortwettbewerb erkundet werden (13). Die Deutungsmuster stadtischer und regionaler Akteure hinsichtlich des Standortwettbewerbs werden schliefilich im analytischen Teil der empirischen Untersuchung (14) zu rekonstruieren ver- sucht, ehe in15 die Ergebnisse abschliefiend zusammengefasst werden.

2. Zur Epistemologie und dem zugrundeliegenden Raumverstandnis

Die Epistemologie beschaftigt sich mit der Frage, unter welchen Voraussetzungen Wissen zustande kommt. Das aristotelische Ideal einer objektiven Wissenschaft, wie es im Verstandnis des Kritischen Rationalismus existiert, ist zumindest aus konstruktivistischer Perspektive nicht einzulosen. Das Interesse am Thema, das Aufstellen von Forschungsfragen, die erkenntnistheoretischen und ontologischen Grundannahmen, der gewahlte Forschungsverlauf, die Auswahl der 'zu Befor- schenden' und nicht zuletzt die Schlusse, die aus den gewonnen Daten gezogen werden, sind stets subjektiver Natur.

Wahrend in Einfuhrungsvorlesungen zur Humangeographie meist die beiden ge- nannten Stromungen des Kritischen Rationalismus und des Konstruktivismus in ihrer Abgrenzung zueinander vorgestellt werden, fristen die vielfaltigen Ansatze der Kritischen Geographie2 in Deutschland sowohl in Forschung als auch in Lehre ein Schattendasein. Sie entwickelte sich aus der im anglophonen Sprachraum weit verbreiteten 'Radical Geography', als deren Hauptvertreter Harvey gilt, und ist als Gesellschaftstheorie konzipiert, die nicht den Raum an sich zum Forschungsob- jekt auserkoren hat, sondern die ,,raumliche Dimension sozialer Prozesse“ (Belina 2006, S. 25). Folglich wurde sie nicht als Raumwissenschaft entworfen, ,,sondern eher als Regionalwissenschaft, d.h. als Wissenschaft, die sich fur die Bildung von Regionen und die Unterschiede von Regionen interessiert“ (Bahrenberg 2005, zit. n. Krumbein et al. 2008, S. 30). Da sie einerseits bestehende Machtasymmetrien und Herrschaftsverhaltnisse kritisiert und somit einen emanzipatorischen Charak- ter aufweist, sich andererseits durchaus der Kontingenz3 realer raumlicher und so­zialer Strukturen bewusst ist, bezieht sie ,,sich sowohl auf strukturale wie auch auf 'reflexive' [...] Epistemologien“ (Soja2008, S. 92).

Im Rahmen dieser Arbeit sollen der Standortwettbewerb und seine raumwirksa- men Konsequenzen in der Tradition der 'Radical Geography' aus historisch-mate- rialistischer Perspektive4 hergeleitet werden, da diese die derzeitigen politischen Veranderungen in ihrem global-lokalen Wechselverhaltnis am adaquatesten zu analysieren vermag (vgl. Keil, Brenner 2003, S. 255). Um im empirischen Part der Arbeit die lokale Manifestation des neoliberalen Wachstums- und Wettbe- werbsparadigmas mit Hilfe der Experteninterviews nachzuzeichnen, eignet sich jedoch der Ruckgriff auf diskurstheoretische und deutungssoziologische Ansatze. Insofern stellt die Arbeit gewissermafien den Versuch eines Spagats zwischen Struktur und Handlung dar, der Gefahr bewusst, von beiden Seiten anschliefiend kritisiert zu werden. Die verfolgte Herangehensweise beeinflusst, das zugrundeliegende Raumver­standnis. Raum soll nicht in seiner abstrakten, verdinglichten und neutralisierend- objektiven Form verstanden werden, in welcher er unabhangig von gesellschaftli- chen Strukturen existiert, sondern als gesellschaftliches Fabrikat, als „Produkt5 konkreter sozialer Praxen“ (Belina, Michel 2008, S. 17f). Neben seiner sich in konkreter Form aufiernden Materialitat besitzt Raum als soziales Erzeugnis auch eine subjektiv-linguistische Komponente. Raum wird individuell unterschiedlich empfunden und mittels Zeichensystemen wie z.B. der Sprache diskursiv herge- stellt (vgl. Glasze, Putz 2007, S. 2).

Im Kontext des eingenommenen Wissenschafts- und Raumverstandnisses sei noch zu erwahnen, dass einige der grundlegenden neoklassischen Erklarungsansatze re- gionalokonomischer Entwicklung aufgrund ihrer idealtypischen, aber realitatsfer- nen Modellannahmen (vollstandige Konkurrenz, homo oeconomicus, implizites Leugnen von Informations- und Machtasymmetrien etc.) und ihrem Hang zur ,,Naturalisierung gesellschaftlicher Verhaltnisse“ (Frieling 2008, S. 186) abge- lehnt werden. Gefangen in einem Konvergenzoptimismus postuliert die Neoklas- sik eine Selbstregulierung der verschiedenen Teilmarkte, daraus resultierende Gleichgewichtszustande des Gesamtsystems und somit eine prinzipielle Stabilitat des Marktes, die nur durch externe Eingriffe6 in ihrem einwandfreien Funktionie- ren gestort wird (vgl. Jakob o.J., S. 2). Demnach werden ,,(raumliche) Disparitaten und Instabilitaten [...] in der okonomischen Entwicklung als naturliche Erschei- nungen [...], [als] ganz normale Bestandteile komplexer Selbstorganisationspro- zesse“ (Frieling 2008, S. 188) verhandelt und nicht als uberhaupt erst durch die widerspruchliche Logik des kapitalistischen Produktions- und Gesellschaftssys- tems produzierte Phanomene.7 Ferner wird die Sphare der Okonomie weder in ih- ren gesellschaftlichen Zusammenhang eingebettet, noch wirtschaftliche, soziale und politische Institutionen als endogene Faktoren der Wirtschaftsentwicklung an- gesehen, gesellschaftliches Handeln schlicht ausgeblendet (vgl. Kratke 2000, S. 22).

Ich denke, mit den skizzierten Ausfuhrungen meine wissenschaftstheoretischen Positionen, die ich wahrend des Forschungsprozesses stets einer intensiven Selbstreflexion unterzogen habe, offengelegt zu haben. Dennoch sollten die Er- gebnisse der Arbeit wiejeder wissenschaftliche Erkenntnisgewinn kritisch hinter- fragt werden.

3. Der Regulationsansatz

,,Standortwettbewerb darf [...] nicht als subjektloser Prozess verstanden wer­den, sondern als Reaktion auf die Akkumulationskrise des Fordismus“ (Lebuhn 2008, S. 228).

Um den sich innerhalb der hochindustrialisierten Landern zutragenden interurba- nen Standortwettbewerb theoretisch fundiert zu erklaren, bedarf es einer Theorie, die wirtschaftliche Funktionsmechanismen analysiert, ohne die Sphare der Oko­nomie isoliert zu betrachten. Dies wurde der wachsenden Ausdifferenzierung ka- pitalistischer Gesellschaften, mit ihren konfliktiv handelnden Akteuren, asymme- trischen Machtverhaltnissen und vielschichtigen institutionellen Konfigurationen nicht gerecht werden. Mit der 'ecole de la regulation', deren Hauptvertreter die Wirtschaftswissenschaftler Aglietta (1979), Lipietz (1985) und Boyer (1990) wa- ren, wurde Mitte der 1970er Jahre in Frankreich der Versuch unternommen oko- nomische, politisch-institutionelle, kulturelle, soziale und historische Aspekte mit- einander zu kombinieren und insbesondere die Komplexitat wirtschaftlich-admi- nistrativer Wechselwirkungen zu erforschen. Sie stellt kein homogenes und koha- rentes Theoriegebaude8 dar, sondern bezeichnet einen durch divergierende Ent- wicklungspfade gepragten, interdisziplinar rezipierten Forschungsrahmen, mit dessen Hilfe tiefgreifende gesellschaftliche Umbruche in kapitalistischen Gesell- schaften in ihrer zeitlichen und raumlichen Differenzierung untersucht werden. Nicht zuletzt als akademische Reaktion auf die damalige Weltwirtschaftskrise und den sich abzeichnenden Abschied der keynesianisch-fordistischen Gesellschafts- formation entwickelt, standen anfangs Fragen nach dem Bestand und der Krisen- anfalligkeit sich wandelnder kapitalistischer Gesellschaften auf der Forschungsa- genda (vgl. Hirsch 1990, S.17; Painter 1995, S. 276; Becker 2002, S. 12f; Kohlmorgen 2004, S. 22).

Der in der Tradition des historischen Materialismus anknupfende Regulationsan­satz entstand aus einer Kritik an den ideologisch aufgeladenen und in der Praxis unzutreffenden Gleichgewichtsmodellen der Neoklassik, die okonomische Bezie- hungen und Mechanismen nicht in ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang ein- bettet. Gleichzeitig grenzt er sich auch entschieden von den okonomisch-determi- nistischen Interpretationen der auf Althusser zuruckzufuhrenden Lesarten des or- thodoxen Marxismus ab und der darin enthaltenen Reduktion komplexer sozialer Verhaltnisse auf ein simplifizierendes Basis-Uberbau-Modell (vgl. Esser, Hirsch 1987, S. 33; Frieling 1996, S. 80; Becker 2002, S. 13). Denn da in dessen streng strukturalistischer Auslegung alle Handlungen Ausdruck von Strukturen sind, ver- lore eine der grundlegendsten Eckpfeiler der Marxschen Theorie - das es die Menschen sind, die ihre eigene Geschichte machen (vgl. Marx 1852, S. 115) - an Gehalt.

Um unterschiedliche Phasen kapitalistischer Entwicklung zu identifizieren, die durch bestimmte institutionelle Arrangements charakterisiert sind, wird das Ver- haltnis der beiden zu Schlusselbegriffen avancierten Termini Akkumulationsre- gime und Regulationsform9 analysiert. Unter dem Akkumulationsregime ist ganz allgemein der ,,Prozess der materiellen Produktion und Reproduktion“ (Kohlmorgen 2004, S. 22) zu verstehen, also die auf spezifische Produktionstech- nologien gestutzte Organisation der Kapitalakkumulation und Mehrwertprodukti- on sowie der Mechanismus der Mehrwertverteilung auf die verschiedenen gesell- schaftlichen Klassen. Es bezeichnet somit das jeweils vorherrschende makrooko- nomische Entwicklungsmuster des Kapitalismus, welches das industrielle Para- digma10 sowie Investitions- und Kapitalverwertungsstrategien, Branchenstruktu- ren, Lohnverhaltnisse, Konsummuster und soziale Reproduktionsformen umfasst und Produktionsbedingungen und Konditionen des Endverbrauchs systematisch aufeinander abstimmt. Mittels bestimmter Regelmafiigkeiten stellt das Akkumula- tionsregime uber eine langere Periode hinweg einen relativ koharenten Fortgang der Kapitalakkumulation sicher (vgl. Lipietz 1985, S. 120; Esser, Hirsch 1987, S. 34; Boyer 1990, S. 35f; Kratke 1996, S. 9; Dangschat, Diettrich 1999, S. 81; Kohlmorgen 2004, S. 22ff; Knapp 2009, S.155ff).

Um die „Vereinbarkeit von Verhaltensweisen im Rahmen eines Akkumulationre- gimes [zu] sichern" (Lipietz 1985, S. 121) bedarf es eines Sets an institutionellen Organisationsformen, expliziter und impliziter Normen und Regeln, um der Re- produktion des Gesamtsystems eine gewisse Stabilitat zu verleihen. Die Regelma­fiigkeiten, die die Kapitalakkumulation sichern und trotz Krisenanfalligkeit und systemimmanenter Widerspruche optimale Verwertungsbedingungen fur das Ka- pital entwickeln, werden durch die Regulationsweise hervorgebracht.

„[Regulation is] is the way in which the system as a whole functions, the conjunction of eco­nomic mechanisms associated with a given set of social relationships, of institutional forms and structures" (Boyer 1979, zit. n. Esser, Hirsch 1987, S. 34).

Hierzu gehoren auch politische Steuerung durch Gesetze, Verordnungen und Auf- lagen, Tarifverhandlungen, Formen sozialer Integration, Machtverhaltnisse, ge- sellschaftliche Bedurfnisse und kulturelle Gewohnheiten (vgl. Dangschat, Diettrich 1999, S. 82). Es wird augenfallig, dass sie ein „sozial und politisch um- kampftes Terrain" (Kohlmorgen 2004, S. 24) ist, in das unterschiedliche Akteure und soziale Gruppierungen ihre Interessen mit einbringen und in dem Klassen- kompromisse ausgetragen werden. Das Anliegen besteht darin, strukturelle Wider­spruche und daraus folgende soziookonomische Ungleichheiten durch soziale und meist temporare Kompromisse zu entscharfen. Kapitalakkumulation ist immer „in ihrem gesellschaftlich regulierten Charakter zu erfassen" (Kratke 2000, S. 22).

„[While] the regime of accumulation specifies the nature of the economic relationship bet­ween investment, production and consumption [...] [the mode ofregulation] specifies the po­litical and sociocultural institutions and practices which secure that relationship" (Painter 1995, S. 277; leichtverandert).

Der Ansatz baut auf einem offenen, „nicht-linearen Geschichtsverstandnis“ (Mayer 1991, S. 35) auf und ermoglicht die Identifizierung verschiedener Peri- oden des modernen Kapitalismus als historische Abfolge von Kontinuitaten und Bruchen. Gesellschaftsentwicklung lasst sich als Sequenz bestimmter historischer Formationen begreifen, in denen sich ein spezifisches Akkumulationsregime mit einer kompatiblen Regulationsweise verbindet, um ein reibungsloses Funktionie- ren der Kapitalakkumulation und stabiles Wachstum zu garantieren (vgl. Hirsch 1995, S. 48ff).

1st - wie im Fordismus - eine Konstellation erreicht, in der ein bestimmtes En­semble okonomischer und auberokonomischer Mechanismen unter der Dominanz einer herrschenden Klasse dem Gesamtsystem fur einen gewissen Zeitraum eine relative Bestandigkeit verleiht, wird von einer hegemonialen11 Struktur gespro- chen (vgl. Demirovic 1992, S. 154). Da Regulation ein offener Prozess individuel- ler und kollektiver Handlungen ist, sind Ausgleich und Stabilitat nicht zwangslau- fig und dauerhaft zu erreichen. Die Ubergange zwischen den Formationen neh- men die Formen tiefgreifender Krisen an, die uber den Weltmarkt vermittelt wer- den. Kommt es zu einem historischen Bruch - wie in der Krise des Fordismus - mussen neue Entsprechungsverhaltnisse von Akkumulationsregime und Regulati- onsmodus gefunden werden.

3.1 Der Fordismus

Mit dem Fordismus12 etablierte sich in den USA in den 1920er Jahren und in Westeuropa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges eine kapitalistische Vergesell- schaftungsform, die die sozialen, okonomischen, politischen und okologischen Verhaltnisse neu ordnete. Das industrielle Paradigma des fordistischen Akkumula- tionsregimes basierte auf einer fortschreitenden Mechanisierung, vertiefter Ar- beitsteilung und Zerlegung des Arbeitsprozesses in seine Einzelteile sowie auf ei­ner standardisierten Produktion von preiswerten Massenkonsumgutern durch eher gering qualifizierte Arbeitskrafte.

Fur das Funktionieren des Akkumulationsregimes musste die Massenproduktion durch einen entsprechenden Massenkonsum gestutzt werden, der durch Bindung der Lohne an das Produktivitatswachstum gewahrleistet wurde. Ein durch erhohte Produktivitat induzierter Lohnanstieg ermoglichte den Arbeiternehmern einen ho- heren Konsum, der wiederum die Binnennachfrage ankurbelte und zu einem wei- teren Produktivitats- und Gehaltsanstieg fuhrte. Da die Durchsetzung des Kon- summodels Produktivitatsgewinne der Kapitalisten ermoglichte, stand der einset- zende relative Massenwohlstand nicht im Gegensatz zur Rentabilitat des Kapitals (vgl. KrAtke 1996, S. 9; Dangschat, Diettrich 1999, S. 87; Kohlmorgen 2004, S. 115). Der Konsum der Arbeiterklasse wurde ,,zu einem zentralen Bestandteil der Kapitalverwertung“ (Hirsch 2002, S. 85f), weshalb Lohnsteigerungen im Interes- se der Unternehmen lagen.

Mit der Verbreitung der Lohnarbeit und den veranderten Konsumnormen kam es zu einer fortwahrenden Durchkapitalisierung der Gesellschaft. Ehemals traditio- nelle Produktionsformen verloren an Bedeutung, Subsistenzwirtschaft, handwerk- liche und kleinbauerliche Betriebe wurden verdrangt und die Landwirtschaft in- dustrialisiert, Familienstrukturen, soziale Beziehungen und Lebensstile anderten sich (vgl. Kohlmorgen 2004, S. 115f; Hirsch 2002, S. 85f). Das Normalarbeitsver- haltnis war gekennzeichnet durch eine geschlechtliche Arbeitsteilung, in der der berufstatige Mann einer Vollbeschaftigung mit gesichertem Einkommen nachging und die (Haus)Frau die unentlohnten Reproduktionstatigkeiten ubernahm. Das re- lativ hohe Einkommensniveau der Arbeitnehmer war als Familienlohn konzipiert und verfestigte die ohnehin schon tief verankerten patriarchalen Strukturen und Traditionen und verhalf der in den Stadten beheimateten Kleinfamilie klassen- ubergreifend zur dominanten und gesellschaftlich akzeptierten Lebensform (vgl. Kohlmorgen 2004, S. 118f).

Um dem beschriebenen Akkumulationsregime Stabilitat zu verleihen, war die Realisierung einer kompatiblen Regulationsweise notig, die sich in Form einer nachfrageorientierten keynesianischen Wirtschaftspolitik aufierte. Wesentliche Merkmale des Keynesianismus waren neben dem beschriebenem Lohnverhaltnis, eine gesetzlich festgeschriebene Gewahrleistung von Preisstabilitat, Vollbeschafti- gung, ausgeglichenem Aufienhandelsvolumen und Wirtschaftswachstum (vgl. Dangschat, Diettrich 1999, S. 87). Der Staat mit seinen Apparaten war die zentra- le Regulierungsinstanz gesellschaftlicher Verhaltnisse und griff durch staatliche Investitionsprogramme, eine steuernde Zins- und Geldpolitik, UmverteilungsmaB- nahmen und den Ausbau von Beschaftigung im offentlichen Dienst aktiv in das Wirtschaftsgeschehen ein. Der Prozess der Durchkapitalisierung der fordistischen Gesellschaft wurde von einer Durchstaatlichung begleitet (vgl. Kohlmorgen 2004, S. 121).

Eine tragende Rolle kam dabei dem Wohlfahrtsstaat zu, der ausgebaut wurde, um die durch das Verschwinden traditioneller Lebensweisen entstandenen sozialen Risiken wie Alter oder Krankheit abzumildern. Zudem unterstutze er kurz- oder langfristig von Arbeitslosigkeit Betroffene finanziell und leistete zunehmend re- produktive Aufgaben fur die lohnabhangig Beschaftigten (vgl. Hirsch 2002, S. 87ff; Kohlmorgen 2004, S. 120ff). Somit wurde nicht nur die Massenkonsumtion gestutzt, sondern mittels Sozialpolitik eine materielle Teilhabe auch fur nicht in das Marktgeschehen integrierte Bevolkerungsgruppen gesichert und gesellschaft- liche Kohasion hergestellt.

Weiterhin setzten sich starke Gewerkschaften durch, die in korporativen Verhand- lungssystemen mit dem Staat und Arbeitgeberverbanden u.a. Flachentarifvertrage aushandelten, um das Lohnniveau nicht den freien Marktkraften zu uberlassen (vgl. Hirsch 2002, S. 88f). Letztlich erwiesen sich die in langwierigen und kon- fliktreichen Klassenkampfen errungenen sozialen Zugestandnisse als ,,Mechanis- mus zur Stabilisierung des [...] zunachst hochst profitablen Akkumulationsregi- mes“ (ebd., S. 89).

Begleitet wurden die nationalstaatlichen Formen gesellschaftlicher Regulation durch ein internationales System, welches die politische Autonomie von National- staaten festlegte, diese aber mittels eines Systems fester Wechselkurse (Bretton- Woods-System) und einem allmahlichen Abbau protektionistischer Handelspolitik in einem Weltmarkt integrierte (vgl. ebd., S. 91). Da ein freier Kapitalverkehr zu- nachst noch unterbunden und das Kredit-, Banken- und Finanzsystem national- staatlich organisiert wurde, besaBen die einzelnen Staaten ein relative Eigenstan- digkeit bei der Gestaltung ihrer Wirtschafts- und Sozialpolitik. Weshalb Kohlmorgen (2004, S. 128) schlussfolgert, ,,dass das fordistische Gesellschafts- modell sich trotz einer internationalen Eingebundenheit primar im nationalen Rahmen entwickelte 44 .

So bildeten sich regional und national unterschiedliche Fordismen heraus, die sich in ihrer Grundstruktur durch die Entwicklung eines ubergeordneten internationa­len Regulationssystems ahnelten, in ihrer Spezifik und praktischen Umsetzung in­des der Heterogenitat nationaler Politiken unterlagen. Aufgrund geographisch un- gleicher Voraussetzungen und raumlich organisierten Arbeitsteilung verfestigten sich „distinctive patterns of uneven spatial development within each national ter- ritory“ (Brenner 2004, S. 121).

Aquivalent zu der keynesianischen Politik des sozialen Ausgleichs wurde der Ver- such unternommen, regionale Unterschiede mittels einer etatistisch gesteuerten Raumordnungspolitik zu egalisieren. Die Idee, den erwirtschafteten Mehrwert auch nach regionalen Gesichtspunkten zu verteilen und eine ,,gleichformige Aus- breitung von Urbanisierung“ (Brenner, Heeg 1998, S. 662) zu ermoglichen fand mit dem im Raumordnungsgesetz von 1965 festgelegten Ziel der 'Herstellung gleichwertiger Lebensverhaltnisse' im gesamten Bundesgebiet ihren Niederschlag (vgl. ebd.). Durch Infrastrukturinvestitionen und Industrieansiedlungen in peri- pheren Regionen, Subventionen und Finanzhilfen (Landerfinanzausgleich) sowie staatlich geforderter Suburbanisierung sollte ein national homogenisierter Raum geformt werden. Mit der Herstellung identischer Wachstumsmuster war die Hoff- nung verbunden, eine ausbalancierte Wirtschaftsentwicklung zu initiieren (vgl. Brenner 2004, S. 132ff; Muller, Strater 2008, S. 255ff). Fur Stadtverwaltungen und das Stadtesystem als solches implizierte die strategische Forderung eines na­tionalen Ausgleichs, dass sie sich nur in geringem Mafie in einem interkommuna- len Wettbewerb befanden.

Stadtische Oberzentren ubernahmen zwar wichtige Funktionen fur die eigene Stadtregion und das Umland (vgl. Heeg 2001, S. 41), fungierten in erster Linie aber als Verwaltungs- und Ausfuhrungsorgan staatlicher Entscheidungstrager und wurden zu Recht als ,,state-managed capitalist metropolis 44 (Soja et al. 1983, zit. n. Keil 1993, S. 31) bezeichnet. Fordistische Kommunalpolitik bestand im We- sentlichen in der Bereitstellung von Infrastruktur und kollektiver Dienstleistungen13 (Verkehr und sozialer Wohnungsbau), in der Flachensanierung und der Umvertei- lung sozialer Transferleistungen. Stadte waren fur die Verteilung von autonom stattfindendem Wachstum zustandig, nicht fur dessen Generierung.

3.2 Die Krise des Fordismus

Der „Traum immerwahrender Prosperitat“ (Lutz 1984, zit. n. Hirsch 2002, S. 85) hielt nicht ewig. Ab Mitte der 1970er Jahre geriet das fordistische Akkumulations- regime in die Krise und mit einiger Verzogerung auch ihre hegemoniale Regulati­on. Symptome und Ursachen der Krise sind analytisch kaum zu trennen und be- dingten sich mitunter gegenseitig. Strategien der Krisenbekampfung verstarkten letztendlich ihr Ausmafi. Es existiert kein monokausaler Erklarungszusammen- hang, vielmehr lassen sich eine Reihe von Faktoren identifizieren, die letztlich in einer tiefgreifenden sakularen14 Krise mundeten. Zentrales Merkmal der Krise war ein struktureller Ruckgang der Kapitalrentabilitat,15 da die im fordistischen Akku- mulationsregime liegenden Produktivitatsreserven erschopft waren und sich die Arbeitsproduktivitat16 abschwachte. Es begann sich ein neues flexibles Akkumula- tionsregime herauszukristallisieren (vgl. Dangschat, Diettrich 1999, S. 88).

Da die Krise nicht innerhalb der bestehenden fordistischen Verhaltnisse bewaltigt werden konnte, ruttelte sie am ,,Fundament des herrschenden staatsinterventionis- tischen Regulationsmodus“ (Hirsch 2002, S. 94). Die zunehmenden Kapitalver- wertungsschwierigkeiten fuhrten uber einen Anstieg der Arbeitslosigkeit zu hohe- ren Sozialausgaben. Auf Konsumentenseite traten Sattigungseffekte ein und das unflexible System der Massenproduktion wusste nicht angemessen auf die veran- derten Konsummuster zu reagieren (vgl. Dangschat, Diettrich 1999, S. 88). Die im Fordismus die Wachstumsgrundlage bildende Troika aus Massenproduktion, Massenkonsum und Sozialstaat entwickelte sich zum Hemmnis der Kapitalakku- mulation und wirkte schliefilich krisenverscharfend (vgl. Kohlmorgen 2004, S. 163; Hirsch 2002, S. 94). Die Unternehmen reagierten, indem sie ihre Produktion verstarkt auf den Export17 ausrichteten und auf neu erschlossenen Absatzmarkten investierten. Insbesondere Deutschland und Japan verfolgten eine auf ,,systematische Exportforderung gegrundete Wettbewerbs- und Standortpolitik“ (Hirsch 2002, S. 96). Durch die wachsende Bedeutung des Exportsektors entkoppelten sich die Kapitalverwertungsstrategien vom Binnenkonsum und Lohne generierten zum Kostenfaktor und Wettbewerbshindernis im internationalen Konkurrenzkampf.18 Der typische Zusammenhang von tayloristischer Massenproduktion materieller Konsumguter und einem auf normierter Lohnarbeit sowie sozialstaatlichen Sicherungen beruhenden binnenorientierten Massenkonsum loste sich auf (vgl. ebd., S. 101). Der Arbeitsplatzabbau durch Rationalisierungsinvestitionen und Produktionsverlagerungen in Billiglohnstandorte schritt voran, Kapitalexporte durch auslandische Direktinvestitionen und die einsetzende Austeritatspolitik (Kurzungen von Sozialleistungen, inflationsbekampfende Geld- und Zinspolitik, stagnierende Reallohne) dampften den Konsum weiter (vgl. Kohlmorgen 2004, S. 162).

Nicht minder bedeutend waren die makrookonomischen Veranderungen. Mit der Liberalisierung des Welthandels und der zunehmenden transnationalen Konkur- renz destabilisierte sich das System internationaler Regulation19 und wirkte auf die okonomischen Prozesse in den einzelnen Staaten zuruck. Die Finanz- und Ka- pitalmarkte wurden dereguliert, so dass sich ein System flexibler Wechselkurse und erhohter Spekulation etablieren konnte. Da der Kreditmarkt schneller als der Gutermarkt anwuchs und westeuropaische und erdolexportierende Staaten uber einen Uberschuss an liquiden Mitteln verfugten, konnten durch Investitionen in Finanzmarktprodukte die Verwertungsschwierigkeiten vorubergehend uberwun- den werden. In Kombination mit stagnierenden Reallohnen und einem Ende der 1980er Jahre einsetzenden Fortschritt in der Arbeitsproduktivitat kam es zwar zu einen erneuten Anstieg der Profitrate, der indes keine Steigerung der Akkumulati- on und des Wachstums bewirkte (vgl. Husson 2004, S. 127ff).

Durch die Deregulierung der internationalen Finanzstrome, die zunehmenden Au- Benhandelsorientierung und die verscharfte Konkurrenzsituation spielte sich der Akkumulationsprozess immer weniger im nationalen Rahmen ab, wahrend die Regulationsweise an eben diesen gebunden war (vgl. Kohlmorgen 2004, S. 163). Um diesen Widerspruch zu losen, passten sich die nationalstaatlichen Politiken den geanderten Verwertungsstrategien an, der keynesianische Klassenkompromiss wurde aufgebrochen.

Consequently [...] the scales on which the Fordist-Keynesian political-economic order was organized - national regulation of the wage relation; international regulation of currency and trade - have been significantly reconfigured. While the deregulation of financial markets and the global credit system since the collapse of the Bretton Woods system [...] has undermined the viability of nationally organized demand management policies, the increasing globalizati­on of financial flows has diminished the ability of national states to insulate themselves from the world“ (Brenner 2006, S. 261).

Neben der polit-okonomischen kam es zu einer ideologischen Krise der Hegemo- nie. Im Bewusstsein der okonomischen Krise kam die Uberzeugung auf, das for- distische Gesellschaftsmodell sei perspektivlos geworden. Dies auBerte sich u.a. an einer sowohl von Linken als auch von Neoliberalen geauBerten Kritik am 'star- ken', ineffizienten, burokratischen und bevormundenden Sicherheitsstaat (vgl. Kohlmorgen 2004, S. 164, 171). Die neu entstandenen sozialen Bewegungen (Umwelt, Frauen) und Subkulturen beeinflussten die einsetzende Restrukturierung des globalen Kapitalismus, diejedoch weniger den progressiven Ideen der neuen Linken als vielmehr den marktradikalen Vorstellungen der Neoliberalen folgte. So gewannen Think Tanks wie die Mont Pelerin Society und andere neoliberale Theorien vertretende Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler an Einfluss auf die offentliche Meinungsbildung und politische Konzepte (vgl. ebd., S. 164).

3.3 Der Postfordismus

Mit der Krise des Fordismus hat sich eine neue, jedoch widerspruchliche und kei- nesfalls einheitliche Gesellschaftsformation herausgebildet, die als postfordis- tisch20 bezeichnet wird. Zentrale Kennzeichen der Umstrukturierung des Akkumu- lationsregimes sind Flexibilisierungen auf verschiedenen Ebenen sowie die Trans- nationalisierung okonomischer Prozesse. Die Einfuhrung neuer Technologien (insbesondere im Bereich der Kommunikation und Mikroelektronik) und die Wei- terentwicklung tayloristischer Produktionstechniken fuhrten zu einer flexiblen Massenproduktion. Spezialisierungen im Arbeitsprozess und Outsourcing von ein- zelnen Produktionsschritten bis hin zu ganzen Produktionsbereichen, eine just-in- time-Produktion und die Durchsetzung flexibler Arbeitszeiten und Arbeitsbezie- hungen ermoglichen entsprechende Reaktionen auf Nachfrageschwankungen (vgl. Kohlmorgen 2004, S. 176f).

Die Flexibilisierungen lassen sich durch Veranderung im Konkurrenzverhaltnis erklaren. Durch die Liberalisierungen im Rahmen der GATT- und WTO-Verhand- lungen und die Deregulierung des Kapitalverkehrs sind Unternehmen auf nationa- ler Ebene sowie auf dem Weltmarkt verstarkter Konkurrenz und einem Innovati­ons- und Rationalisierungsdruck ausgesetzt, der sich durch Flexibilisierung der Arbeitsformen und des Arbeitsmarktes direkt auf die Beschaftigungsverhaltnisse ubertragen lasst (vgl. ebd., S. 177f, S. 189). Die Veranderungen der Wirtschaftss- truktur zeigt sich in einer Fortsetzung der Tertiarisierungsprozesse bei zeitgleicher Deindustrialisierungspolitik.

Die Transnationalisierung der Akkumulationsstrategien aufiert sich in einer stei- genden Anzahl transnationaler Konzerne sowie auslandischer Direktinvestitionen und einer zunehmenden internationalen Arbeitsteilung, bei der Wertschopfungs- ketten regional aufgespalten und arbeitsintensive Produktionsbereiche in periphe- re Lander verlagert werden (vgl. Dieckheuer 2001, S. 18-31). Noch deutlicher als auf dem Gutermarkt werden die Globalisierungstendenzen bei der Entwicklung spekulativer Kapitalbewegungen auf den Finanzmarkten, die von nationalen Schranken befreit den Operationsspielraum von Unternehmen erweitern (vgl. Kohlmorgen 2004, S. 175).

In Deutschland schufen u.a. die 1981 beschlossene Beseitigung der Kapitalver- kehrskontrollen und die 1990 gesetzlich verabschiedete Abschaffung der Borsen- umsatzsteuer die rechtlichen Rahmenbedingungen zur Entfesselung der Finanz- und Kapitalmarkte. Die Programme und Verordnungen, die „die gewaltigen Po­tential des deutschen Finanzmarktes [...] als Motor fur Wachstum und Beschafti- gung“ (Bundesfinanzministerium 2005, zit. n. Demirovic 2009, S. 600) ausschopfen sollten, um den Weg Deutschlands „zu einem erfolgreichen Finanzplatz [...] [in] der Welt“ zu ebnen, haben die derzeitige Wirtschafts- und Finanzkrise maBgeblich mit herbeigefuhrt.

Die bereits im Fordismus inszenierte Durchkapitalisierung der Gesellschaft wird durch die Erschliefiung neuer Spharen fur die Kapitalverwertung (Privatisierung staatlicher Versorgungssysteme) und der Kommodifizierung von Natur (Patentie- rung genetischen Materials) und Wissen (Neoliberalisierung der Universitaten) fortgesetzt (vgl. Hirsch 2002, S. 103f). Neben einem finanzdominierten Akkumu- lationsmodus und den damit verbundenen veranderten Geld- und Konkurrenzbe- ziehungen sowie der kapitalistischen Vereinnahmung vormals aufierokonomischer Spharen lassen sich auch neuartige Formen des Lohnverhaltnisses und der Ar- beitsorganisation identifizieren: Da Reallohne als Kostenfaktoren im internationa- len Wettbewerb ihre Relevanz fur die Binnennachfrage verloren, loste sich der ho­mogene fordistische Produktions-Konsum-Nexus auf. Es kristallisierte sich ein flexibler Konsum heraus, der in der Ausbreitung unterschiedlicher Lebensstile und einer diversifizierenden Sozialstruktur begrundet liegt (vgl. Kohlmorgen 2004, S. 186ff).

Zusammenfassend lasst sich die „postfordistische Akkumulation durch eine flexi- bilisierte Massenproduktion, flexibilisierte Unternehmensstrukturen, Prozesse ei­ner flexiblen Spezialisierung und Flexibilisierung der Raumstruktur (subnational, inter-/transnational) [...] und [...] daher als flexible Akkumulation“ (Harvey 1989, zit. n. Kohlmorgen 2004, S. 178) beschreiben.

Wahrend sich die Entwicklung eines auf globaler Ebene funktionierenden Akku- mulationsregimes anbahnt, verlaufen die Versuche, eine korrespondierende und koharente Regulationsweise zu entwerfen weit weniger erfolgreich. In national- staatlich vergleichender Betrachtung lasst sich dennoch das Grundmuster einer kompetitiven Regulation erkennen (vgl. Kohlmorgen 2004, S. 189). Durch die Fi- xierung eines Systems flexibler Wechselkurse und der regionalen Integration su- pranationaler Wirtschaftsblocke erfolgt die Regulation der Konkurrenz- und Geld- verhaltnisse auf internationaler Ebene und unterliegt nicht mehr dem direkten Ein- flussbereich nationalstaatlicher Regierungen. Als wirkungsvolle Tatigkeitsfelder der Regulation bleibt diesen die Gestaltung des Arbeitsmarktes, des Lohnverhalt- nisses und der Sozialpolitik. Um sie den flexibilisierten Verwertungsbedingungen des Kapitals und den Anforderungen der internationalen Konkurrenzregulation anzupassen, wurden die binnenorientierten, auf soziale Kohasion und Absiche- rung bedachten Ziele der Wirtschafts- und Sozialpolitik ersetzt durch solche, die die Herstellung und Bewahrung der Wettbewerbsfahigkeit sichern (vgl. Kohlmorgen 2004, S. 190f). Dementsprechend setzt sich eine angebotsorientierte Wirtschafts- und Sozialpolitik durch, die sich nach neoklassischen und monetaristischen theoretischen Konzepten richtet. Unter Verweis auf die globalen Zwange zur Verbesserung der Wettbewerbsfahigkeit wird die in den 1970er Jahren einsetzende Austeritatspolitik verscharft. Neben stagnierenden Reallohnen, dem Abbau von Arbeitsschutzbestimmungen und der inflationaren Zunahme unreglementierter und prekarisierter Arbeitsverhaltnisse ist eine Transformation des Wohlfahrtsstaates (vgl. ebd., S. 193ff) und eine Implementierung kompetitiver Mechanismen in der Sphare des Sozialen zu konstatieren, was Aglietta (2000, S. 47) als Indiz der ,,Vormachtstellung von kapitalistischen Interessen bis ins Innerste des sozialen Gefuges jeder Nation“ deutet. In der die Arbeitsmarkt-, Gesundheits- und Sozialpolitik reformierenden Agenda 2010 Politik der rotgrunen Bundesregierung erkennt Kohlmorgen (2004, S. 195) den vielleicht letzten Schritt hin zu einer ,,Harmonisierung von Akkumulationsregime und Regulationsweise“ im postfordistischen Deutschland und erganzt, dass die Reformen die „Hegemonie bestimmter (Klassen-)Interessen und entsprechender Strategien“ (ebd, S. 196)verdeutlichen.

Mit Bezugnahme auf den paradigmatischen Umbau des vermeintlich zu teuren und ineffektiven Wohlfahrtsstaates und der Indoktrinierung des Wettbewerbsge- danken in vielen gesellschaftlichen Bereichen spricht Hirsch (1995) von einem Wandel des keynesianischen Wohlfahrtsstaates hin zu einem nationalen Wettbe- werbsstaat. Dessen Funktionslogik beruhe „auf der alle sozialen Spharen umgrei- fenden [...] Ausrichtung der Gesellschaft auf das Ziel globaler Wettbewerbsfahig­keit, deren Grundlage die Profitabilitat von 'Standorten' fur ein international im- mer flexibler werdendes Kapital ist“ (ebd., S. 103).

Demnach sind Staaten nicht mehr einfach nur die Ortlichkeiten, auf denen der globale Konkurrenzkampf zwischen transnationalen Unternehmen ausgetragen wird, sondern sie sehen sich selbst als Teilnehmer in diesem Wettbewerb, die un- ter den Konditionen des neoliberal restrukturierten Kapitalismus ihre Politik dar- auf richten, in Konkurrenz zu anderen Staaten gunstige Verwertungsvoraussetzun- gen zu schaffen (vgl. ebd.). Dies bilde die Grundlage okonomischen Wachstums, kollidiere aber zugleich mit den „Bedingungen einer sozialokonomisch ausgewo- genen und demokratischen innergesellschaftlichen Entwicklung“ (ebd.). Da unter den geschilderten kapitalistischen Verhaltnissen okonomisches Wachstum eine zu- nehmende Armut erzeugt, bleibt die Unterwerfung nationaler Regierungen unter das „Diktat der Standortpolitik“ (ebd., S. 104) nicht folgenlos. Zu konstatieren sind ein Anstieg relativer und strenger Armut21 sowie eine verscharfte soziale Polarisierung, die durch institutionelle Machtverschiebungen sowie monetare und fiskalische Umverteilungen22 zugunsten der Kapitalfraktionen flankiert wurden. Die Lohnquote als Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen ist in Deutschland von 1982 bis Ende der 1990er Jahre um uber 25 Prozentpunkte zuruckgegangen (vgl. Pelizzari 2004, S. 268). Wahrend die Nettolohne zwischen 1980 und 1997 um 20% anstiegen, wuchsen die Nettogewinne im gleichen Zeitraum um 119% (vgl. Kohlmorgen 2004, S. 231). Seit 2000 stiegen die Einkommen real gar nicht mehr, die Gewinne immerhin noch um 35% (vgl. Reiner 2011, S. 216). Die Steuersatze entwickelten sich hierzu kontrar: Wahrend sich der Anteil von Lohn- und Verbrauchersteuer am Gesamtsteueraufkommen seit 1960 von 37,5% auf 70 % beinahe verdoppelte, sanken im gleichen Zeitraum die Gewinnsteuern von 34,7% auf 20% (vgl. Schafer 2009, S. 4). Der in den letzten Jahren verzeichnete Anstieg der Beschaftigung geht auf eine Zunahme prekarer Beschaftigungsverhaltnisse zuruck, zwischen 2003 und 2008 wurden uber eine Millionen sozialversicherungspflichtige Vollzeitstellen abgebaut. Waren Anfang der 1990er Jahre ca. ein Viertel der Erwerbstatigen im Niedriglohnsektor tatig, stieg ihre Anzahl auf den EU-weiten Spitzenwert von 36,4% (2005) (vgl. Deutscher Bundestag 2008, S. 33). Auch die Vermogensungleichheit hat zugenommen: Besafien 1993 die reichsten 10% der Haushalte 48% der gesamten privaten Ersparnisse, stieg ihr Anteil bis 2007 auf uber 60%, wahrend die armsten dreifiig Prozent in der Summe Verbindlichkeiten aufweisen (vgl. Kohlmorgen 2004,S.231f;s.Abb. 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Veranderung der Vermogensverteilung in Deutschland zwischen 2002 und 2007. Quelle: Eigene Darstellung (Zahlen nach: Bundeszentrale fur politische Bildung o.J.).

3.4 Das Potential des Regulationsansatzes fur die Raumforschung und konzeptionell-methodologische Schwachen

Obwohl Vertreter der Pariser Schule des Regulationsansatzes fruhzeitig verglei- chende Analysen nationaler Wirtschaftsraume betrieben und auf die raumliche Differenzierung von Akkumulationsregimen in unterschiedlichen Staaten hinwie- sen, stellte der Raum dennoch lange eine zu wenig berucksichtigte Kategorie dar (vgl. Becker 2002, S. 15ff; Scheuplein 2008, S. 155). Mit der Krise des Fordismus und dem Einzug des 'spatial turn' in die Sozialwissenschaften wurde die Notwen- digkeit einer raumlichen Mehrebenen-Analyse, in der die Raumlichkeit von Ak- kumulationsbedingungen und sozialer Prozesse herausgestellt wird, offensicht- lich. Wie Mayer (1991, S. 35f) feststellt sind „raumstrukturelle Veranderungen [^] nicht nur Folge veranderter Akkumulationsbedingungen, sondern auch Vor- aussetzung und Element dieser neuen Akkumulationsbedingungen“.

Insbesondere mit der Transnationalisierung wirtschaftspolitischer Prozesse konnte der Raumbezug im Regulationsansatz verdeutlicht werden: So lasst sich nach Kratke (2000, S. 25) die Frage nach dem Regulationssystem eines gegeben Raumes durch die Frage erweitern, inwieweit sich neue Raume der Regulation (z.B. EU) aktiv konstruieren lassen. Ein raumlicher Bezug kommt auch bei Jones zum Tragen, wenn er Jessops strategische Selektivitat staatlicher Politik um das Konzept raumlicher Selektivitat (nationalstaatlich forcierte Forderung bestimmter Wachstumsregionen) erweitert (vgl. Kratke 2000, S. 25).

Diese raumdifferenzierende Perspektive, die gesellschaftliche Einbettung okono- mischer Prozesse und der Verzicht auf technologische Determinismen sind die Starken des Ansatzes. Sie ermoglichen es, die Entwicklung regionaler Wirt- schaftsraume in ihrer ganzen Komplexitat zu verstehen, den Wandel raumlicher Organisationsmuster und raumwirtschaftlicher Strukturen gesellschaftstheoretisch zu interpretieren, die raumlichen Konsequenzen unterschiedlicher Regualtionsmo- di auszuwerten und die Vermittlung der sich gegenseitig beeinflussenden Prozesse der Globalisierung und Regionalisierung analytisch zu fassen (vgl. Kratke 2000, S. 23f; Bathelt, Gluckler 2003, S. 260f). Die Aufnahme postmoderner Erkennt- nistheorien in eine historisch-materialistische Gesellschaftsanalyse beweist die Offenheit des Ansatzes (vgl. Ossenbrugge 1996, S. 2). Aufgrund der Sensibilitat fur die lokale Spezifik wirtschaftlicher Prozesse und institutioneller Arrangements und der Moglichkeit, das Durchdringen verschiedener raumlicher Mafistabsebe- nen zu erfassen, findet der neomarxistische Ansatz von vielen explizit nichtmar- xistischen Forschern Anwendung (vgl. Kratke 2000, S. 23; Bathelt, Gluckler 2003, S. 251ff). Das Gemeinsame der verschiedenen Konzepte besteht nach Mayer und Heinelt (1993, S. 8) darin, dass ,,jeweils durch Krisen vermittelten his- torisch-spezifischen Zusammenhangen zwischen Akkumulationsregimes und spe- zifischen Regulationsformen nachgegangen wird“.

Zu den Schwachpunkten zahlen nach Bathelt und Gluckler (2003, S. 260ff) u.a. der metatheoretische Charakter, der eine empirische Widerlegung fast unmoglich macht sowie der historische Spezifismus: Aufgrund der Entwicklung des Ansatzes zu fordistischen Zeiten beschreibt er den derzeitigen Wandel in kapitalistischen Staaten durch Begrifflichkeiten und Konzepte, die diesem Gesellschaftssystem verhaftet bleiben und den pluralistischen Lebenswelten der nach-fordistischen Phase nur begrenzt gerecht werden.

Ein weiterer Kritikpunkt entladt sich an der Uberbetonung von Strukturen in Form von Sachzwangen bei gleichzeitiger Vernachlassigung von individuellen okonomischen Akteuren und ihren Handlungen (vgl. ebd.). Kohlmorgen (2004, S. 21) erklart hingegen, dass die Autonomie im Handeln der Akteure durchaus betont werde, nur gingen Regulationisten von ,,strukturellen Bedingungen aus, die Zwange auf das Handeln der Akteure ausuben, es formen und in ihrer potenziellen Vielfalt einschranken“. Handelnden Akteuren wird eine ,,relative Eigenstandig- keit“ (ebd.) attestiert, die sich im Rahmen struktureller Bedingungen und sozialer Verhaltnisse entfaltet.

Das Fehlen einer systematischen, handlungstheoretischen Einbindung individuel- ler Strategien in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang sollte aber nicht als Anlass dienen, uber die Potentiale des Regulationsansatzes hinwegzusehen. Vielmehr gilt es diesen konstruktiv zu erweitern. Der mit dem Begriff der 'Gloka- lisierung' umschriebene Nexus zwischen dem Globalen und dem Lokalen lasst sich als das raumliche Verhaltnis zwischen Struktur und Handeln fassen (vgl. Danielzyk, Ossenbrugge 1996, S. 102). Die Analyse der sozialraumlichen Restruk- turierung und Okonomisierung von Stadten, der Regionalisierungstendenzen und des zunehmenden Standortwettbewerbs ist genau in diesem Spannungsverhaltnis zu verorten. Auf der makroanalytischen Ebene kann die postfordistische Transfor­mation durch den Regulationsansatz angemessen konzeptualisiert und bis auf die Mesoebene, den stadtischen Raum, in generalisierter Form projiziert werden. Um die lokalen Pfadabhangigkeiten und Entwicklungsmuster einer konkreten Stadtje- doch empirisch gehaltvoll zu analysieren, bieten akteurszentrierte, deutungs- und handlungssoziologische Ansatze mehr Erklarungsgehalt, da sie eine gewisse Au- tonomie stadtischer Akteure hervorheben.

Diesen Uberlegungen zollt der weitere Verlauf der Arbeit Tribut: Wahrend die Konsequenzen des neoliberalen Umbaus des Stadtischen und die Regionalisie­rungstendenzen aus regulationstheoretischer Perspektive hergeleitet und am Bei- spiel von Stuttgart empirisch untersucht werden, sollen im Anschluss daran Sicht- weisen und Deutungsmuster von fur die Stadt- und Regionalentwicklung Stutt- garts mafigeblich verantwortlichen Akteuren interpretiert und in Bezug auf ihre Praxiswirksamkeit und Handlungsautonomie ausgelotet werden.

4. Raumstrukturelle Konsequenzen postfordistischer Regulation

Die Herausbildung eines postfordistischen Regulationsmodus verlauft ebenso we- nig einheitlich wie die mit dem soziookonomischen Strukturwandel einhergehen- de raumliche Transformation. Tendenziell lassen sich grundsatzliche Veranderun- gen der Raumstruktur im Ubergang zum Postfordismus feststellen. Die Flexibili- sierung der Akkumulation aufiert sich in einem Aufbrechen der „zonierte[n] Funk- tionslogik des fordistischen Raums“ (Keil 1993, S. 40). Der dichotomen grofirau- migen sozialen Segmentierung folgt eine kleinraumig verscharfte Klassenspaltung (vgl. ebd. S. 40f; Esser, Hirsch 1987, S. 39ff). Wahrend im Fordismus die Produk- tionsstrukturen der dominierenden fordistischen Industrien und ihre hierarchische Organisation die Raumgliederung mafigeblich gestalteten, bestimmen im Postfor­dismus neuartige, durch die vertikale Desintegration auf betrieblicher Ebene ent- standene, netzwerkartige Cluster wie industrielle Distrikte oder innovative Mi­lieus die wirtschaftsgeographische Ordnung des Raums. Fordistische Stadtent- wicklung war gekennzeichnet durch Suburbanisierung von Wirtschaft und wohl- habender Bevolkerung sowie den Bau von Einkaufszentren auf der 'grunen Wiese' bei gleichzeitiger Verodung der Innenstadte. Die postfordistische Stadt zeichnet sich durch vielfaltige, teils widerspruchliche Entwicklungen aus. Postmoderne, plurale Lebensstile finden ihren raumlichen Niederschlag in sich andernden Wohnbedurfnissen, Gentrifizierung und einem Trend der Reurbanisierung.

Die deskriptive Beschreibung der wirtschaftsgeographischen Zonierung und Neu- justierung von Stadten aus einer Art Vogelperspektive verdecktjedoch den politi- schen Charakter der im Zuge postfordistischer Globalisierung erfolgten Regulati­on des Raums.

Die Ubertragung des Wettbewerbsgedankens auf samtliche gesellschaftliche Spharen verandert nicht nur die Sozialstruktur, sondern hat auch Konsequenzen fur die Raumplanung. Das innere Gefuge von Stadten wird unter Wettbewerbsa- spekten restrukturiert und auf globaler Ebene findet eine Rehierarchisierung des Stadtesystems statt. Da sich Standorte in einem regional oder lokal begrenzten Kontext besser vermarkten lassen, verlagert sich die Konkurrenz der Nationalstaa- ten zusehends auf die subnationale Ebene. Stadte agieren nicht mehr wie im For­dismus als Ausfuhrungsorgane staatlicher Raum- und Entwicklungsplanung, son­dern mussen in Eigenregie Wirtschaftswachstum fordern, treten in Konkurrenz um Kapital und Einwohner.

Wahrend mit der Krise des Fordismus die interregionalen Disparitaten in Deutschland zugenommen haben (vgl. Brenner, Heeg 1998, S. 662), wird auf die dadurch entstandenen Herausforderungen mit einer gezielten Forderung endoge- ner urbaner Potentiale und der Umlenkung von Kapital und Infrastrukturprojekten in die wettbewerbsfahigsten Regionen und Wachstumskerne reagiert, damit diese ihre Stellung als Garanten fur die nationale Wettbewerbsfahigkeit behaupten und ausbauen konnen.

Dies ist als Bruch mit dem tradierten raumordnungs- und regionalpolitischen Grundsatz der 'Herstellung gleichwertiger Lebensverhaltnisse' in allen Teilraumen der Bundesrepublik zu verstehen. Raume werden nicht mehr in Flachen und Terri- torien gedacht, sondern in Flussen bzw. Stromen ('space of flows'), als Netzwer- kraume, in denen ,,die Metropolregionen als Knoten das wichtigste strukturbilden- de Moment sind“ (Blotevogel 2002, S. 346). Im Raumordnungspolitischen Orien- tierungsrahmen von 1992 wurden in Deutschland sechs23 als 'Motoren der gesell- schaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung' geltende Metropolregionen benannt (vgl. Brenner, Heeg, S. 663). Die Neudefinition der 'Gleichwertigkeit der Lebensverhaltnisse' erfolgte im Raumordnungsbericht von 1993 schliefilich durch Betonung einer starkeren Gewichtung regionaler statt nationaler Mindest- und Vergleichsstandards. In der Neugliederungsdebatte der 1990er und den daran an- schliefienden Debatten um die Reformen der Verwaltungsstrukturen bezog sich die Leistungsfahigkeit der Bundeslander nicht mehr auf deren Vermogen, einen okonomischen und sozialen Ausgleich herstellen zu konnen, sondern wurde nun- mehr nach rein okonomischen Kriterien, namlich ausschliefilich nach der Konkur- renzfahigkeit der wichtigsten Stadtregionen innerhalb dieser Lander bemessen (vgl. ebd., S. 671f). Somit hat der Neoliberalismus Einzug in die Raumplanung erhalten und aufiert sich in zwei, zum Teil parallel verlaufenden, aber nicht losge- lost voneinander zu betrachtenden Versuchen der Regulation:

- Zum einen in der Okonomisierung des Stadtischen als Folge der Restruk- turierung ihres inneren Gefuges
- Zum anderen in dem Bedeutungsanstieg des Regionalen als Folge der Re- hierarchisierung des globalen Stadtesystems

Die beiden Prozesse der lokalen und regionalen Regulation stehen in engem Zu- sammenhang mit der Herausbildung eines globalen Akkumulationsregimes, je- doch ist eine deterministische Abhangigkeit der lokalen oder der regionalen von der globalen Ebene in Form eines Uber-Unterordnungsverhaltnisses genauso zu- ruckzuweisen (vgl. Robert 2006, S. 29ff) wie die Vorstellung eines erodierenden Nationalstaates (vgl. Jessop 1997, S. 74ff). Vielmehr ist das Verhaltnis der unter- schiedlichen Mafistabsebenen durch ein Netz sich gegenseitig beeinflussender In- terdependenzen zu begreifen.

Im folgende Kapitel soll zunachst die Okonomisierung des Stadtischen unter Ruckgriff auf das neoliberale Leitbild der unternehmerischen Stadt thematisiert werden.

5. Okonomisierung des Stadtischen: Die Unternehmerische Stadt

„Die Geschichte des Kapitalismus ist also zugleich eine Geschichte der moder- nen Stadt. Die stadtische Entwicklung und Urbanisierung als notwendiges Bei- produkt kapitalistischer Vergesellschaftung muss den wechselnden Reprodukti- onsbedurfnissen kapitalistischer Akkumulation im stadtischen Kontext folgen. Das bedeutet auch eine permanente Revolutionierung des urbanen Raums in Abhangigkeit von sich andernden Akkumulationsbedingungen. Diese an der so- zialen und auch morphologischen Struktur der Stadt ablesbaren Transformatio- nen werden durch das wechselnde Verhaltnis zwischen den Erfordernissen pro- duktiver Kapitalverwertung und der jeweils gegebenen sozialen Struktur be- stimmt“ (Wernitznig, B. 2010, o. S.).

Wie in dem Eingangszitat angedeutet, lassen sich die Folgen der fordistischen Krise und die Strategien zu ihrer Uberwindung im Erscheinungsbild von Stadten ablesen. Diese sind die Arenen kapitalistischer Restrukturierung, Raume der Pro- duktion und Reproduktion, die konkreten Orte, in denen Arbeitskraft ausgebeutet, Mehrwert erzielt und akkumuliertes Kapital reinvestiert wird. Stadte sind sowohl die Drehscheiben dynamischer kapitalistischer Entwicklung als auch die Raume, in denen die Funktionsweise, Widerspruche und Konfliktpotentiale kapitalisti­scher Vergesellschaftung offen zu Tage treten. Kapitalismus und Urbanisierung sind seit jeher eng miteinander verflochten. In seinem grundlegendem Werk 'Ur­banization of Capital' (1985) vertritt Harvey die Ansicht, der Verstadterungspro- zess wirke als zentrale Komponente der Kapitalakkumulation. Durch eine Ver- knupfung von Theorien der Urbanisierung mit der des historischen Materialismus, illustriert er, wie sinnvoll ,,ein Verstandnis von Urbanisierung [...] fur das Begrei- fen der historischen Geographie des Kapitalismus“ (Harvey 1987, S. 111) sei, da Verschiebungen im urbanen Prozess Grundvoraussetzung fur die Etablierung des Systems flexibler Akkumulation seien. Dem lasst sich im Umkehrschluss hinzufu- gen, dass Urbanisierungsprozesse einfacher nachzuvollziehen sind, wenn man sie im Kontext kapitalistischer Gesellschaftsevolution betrachtet.

Bevor Strategien, typische Merkmale und Kriterien unternehmerischer Stadtent- wicklung diskutiert werden, sollen eingangs die Ursachen und der neoliberale Entstehungskontext der stadtischen Okonomisierung angerissen werden. Zum Schluss implizite Folgen und Widerspruche aufgezahlt.

5.1 Neue Herausforderungen von Stadtentwicklung unter postfordistischen Bedingungen

„States and local governments haveprime responsibilitiesfor making their ur­ban areas attractive forprivate investors “ (Reagan 1982, zit. n. Leittner, Shepp­ard 1995, S. 201).

Die geschilderten makrookonomischen und gesellschaftspolitischen Veranderun- gen beeinflussten die Prozesse der Stadtentwicklung in den letzten Jahrzehnten und stellten stadtische Akteure vor neue Herausforderungen. Das Entstehen des Systems flexibler Akkumulation, Transnationalisierung, Deindustrialisierung und Tertiarisierung mundeten u.a. in zunehmender Arbeitslosigkeit, sozialer Polarisie- rung und dem Aufkommen einer 'neuen Armut' (vgl. Kronauer 1997; Haussermann et al. 2008, S. 171ff). Ungeachtet der ohnehin steigenden Sozialaus- gaben wurden den Kommunen vom Bund und den Landern weitere Pflichtaufga- ben24 ubertragen, die deren finanziellen Handlungsspielraum einengten. Gleich- zeitig sanken aufgrund der rotgrunen Steuersenkungspolitik25 die kommunalen Einnahmen der Gewerbe- und Einkommenssteuer und endeten in der fiskalischen Krise des Wohlfahrtstaats (vgl. Jungfer 2005, S. 38; Troost, Schuster 2010, S. 77f). Durch die Devolution von Verantwortlichkeiten erfolgte eine Lastenver- schiebung von der Bundes- auf die lokale Ebene ohne das Leistungsangebot ge- genuber dem Burger zu erhohen.

In Folge der interskalaren Verschiebung staatlicher Regulation sehen sich Kom- munen einem erhohten Wettbewerbsdruck um kommunale Einnahmen ausgesetzt, der durch die Hegemonie neoliberaler Theorien und Diskurse noch erhoht wurde (vgl. Brenner 2003, S. 15). Im Wettbewerb um einen Standort der Produktion und der Konsumtion, konkurrieren sie um die Ansiedlung von Unternehmen, hochqualifizierten Fach- und Fuhrungskraften, wohlhabender Bevolkerung und Touristen.

So konnen Stadte dem bewahrten Prinzip folgen, sich als Standort in der interna- tionalen Arbeitsteilung zu behaupten. Diesbezuglich benotigte Produktionsvortei- le stellen sich durch staatliche Subventionen, protektionistische Mafinahmen oder aufgrund der Verfugbarkeit naturlicher Ressourcen ein. Ebenso lasst sich das Aus- mafi internationaler Wettbewerbsfahigkeit von der Quantitat, Qualitat und den Kosten des lokalen Arbeitsangebots ableiten. Um Kostenvorteile in der Produkti­on zu erzielen, mogen Investitionen in Humankapital, Lohnsenkungen, Steuerer- leichterungen oder die Vergabe gunstiger Kredite an Unternehmen geeignete In- strumente sein (vgl. Harvey 1989, S. 8f).

Obendrein besteht die Moglichkeit, sich durch die Akquise von Regierungsinstitu- tionen oder transnational operierender Unternehmen des Finanz-, Versicherungs-, Banken- oder Mediensektors als Kontroll- und Befehlszentrale zu etablieren. Die aufierst kostspieligen infrastrukturellen Voraussetzungen erfullen jedoch nur wenige Metropolen (vgl. ebd., S. 9.). Auch wird um (supra)nationale Fordergelder oder Grofiprojekte gekampft, mit denen die Hoffnung auf wirtschaftliches Wachstum und eine Ausweitung des Arbeitsplatzangebots verbunden ist (vgl. ebd., S.10).

In diesem Kontext ist eine zunehmende Okonomisierung des Stadtischen zu beob- achten. Stadtverwaltungen verstehen sich als autonome Wirtschaftssubjekte, die sich wie profitorientierte Unternehmen verhalten. Sie stehen in direkten Verhand- lungen mit transnationalem Kapital und versuchen, optimale Verwertungsbedin- gungen zu schaffen, um private Kapitalakkumulation zu stimulieren. Die Ausge- staltung stadtischer Politik wird einer wettbewerbsgesteuerten Marktlogik unter- worfen. In der Literatur26 wird dieser Prozess als Trend zu einer unternehmeri- schen Stadt diskutiert.

Es ist ersichtlich, dass die praktische Umsetzung des Konzepts der unternehmeri- schen Stadt dem neoliberalen Leitbild der wettbewerbsfahigen Stadt anhangt. Peck und Tickell (2002, S. 394) deuten die Etablierung des Konzepts zwar nicht als zwangslaufigen Prozess neoliberaler Entwicklung, betrachten aber die Hege- monie neoliberaler Logik zumindest als deren Wegbereiter:

„[T]this regime of accelerated interurban competition was not simply a product of neolibera­lism, nor can it be reduced entirely to its logic, but the parallel ascendancy of neoliberalism has been crucial in reinforcing, extending, and normalizing these transurban tendencies to­wards reflexive and entrepreneurial city governance".

Sie fuhren fort, dass die untemehmerische Stadt nicht blofi die lokale Auswirkung des Neoliberalismus ist, sondern sowohl logische Konsequenz als auch Motor des globalisiertenNeoliberalismus (vgl. ebd., S. 395).

Die ersten Anzeichen des Wandels von der fruheren Wohlfahrts- zu der gegenwar- tigen Wachstums- und Wettbewerbsorientierung in der Kommunalpolitik gab es in den USA und England bereits in den 1970er Jahren (vgl. Harvey 1989, S. 4), ehe sie um ein Jahrzehnt verzogert auch in Kontinentaleuropa Einzug erhielten (vgl. Brenner 2004, S. 192ff). Aufgrund der hierzulande noch bestehenden staatsinter- ventionistischen und neokorporatistischen Elemente staatlicher Regulation erfolg- te die Umsetzung des Konzepts in modifizierter, sozialvertraglicherer Form (vgl. Jessop 1994, S. 266f). Nachdem bereits das Ende neoliberaler Politikformen und unternehmerischer Stadtentwicklung diskutiert wurde (vgl. Brenner et al. 2010), haufen sich mittlerweile die Anzeichen dafur, dass „die neoliberale Stadt als poli- tische Rationalitat und Regierungspraxis eher gestarkt aus der gegenwartigen Weltwirtschaftskrise“ (Schipper 2010a, S. 22) hervorgekommen ist.

5.2 Strategien unternehmerischer Stadtentwicklung

Um in der interurbanen Konkurrenz Wettbewerbsvorteile zu erzielen, betreiben Stadte eine proaktive Wirtschaftspolitik, die Flexibilisierungen, Privatisierungen und die Bereitstellung weicher und harter Standortfaktoren umfasst (vgl. Harvey 1989, S. 7f; Mayer 1996, S. 21 ff). Dabei bestehen im Einzelnen durchaus unter- schiedliche Optionen, um einmalige Konditionen fur Anlage suchendes Investiti- onskapital zu schaffen. Idealtypisch lasst sich zwischen schwachen und starken Wettbewerbsstrategien differenzieren (vgl. Heeg, Brenner 1999, S. 105ff).

Erstere finden Anwendung, wenn die Annahmen vollstandiger Kapitalmobilitat vorherrscht und deshalb die These vertreten wird, dass Unternehmen ihre Stand- ort- und Investitionsentscheidung ausschliefilich nach Kostenkalkulen ausrichten. Folglich wird versucht, die Kosten innerhalb eines bestimmten Produktionszyklus beispielsweise durch Steuererleichterungen, Sozialabbau, Subventionen fur neu ansiedelnde Firmen oder Privatisierung offentlicher Dienstleistungen zu minimie- ren (vgl. ebd., S. 106). Uberwiegt hingegen die Ansicht, dass materielle und im- materielle Vermogenswerte raumlich fixiert und somit zu einem gewissen Grad lokal gebunden sind, kommen letztere zum Einsatz. Deren Ziel ist es, die lokal-s- pezifischen Produktionsbedingungen zu reformieren, um eine neue Phase des Pro­duktionszyklus einzuleiten. In der Praxis angewandte Instrumente sind Subventio­nen fur lokal verwurzelte Unternehmen, die Finanzierung von Weiterbildungspro- grammen, Investitionen in Forschung und Entwicklung (F&E) und Infrastruktur- projekte (vgl. ebd.). Die infrastrukturelle Anbindung ist nicht nur ein wichtiger Standortfaktor fur Unternehmen, sondern garantiert auch der offentlichen Hand hohere Einnahmen. Schliefilich sind gut ausgebaute Kommunikations- und Ver- kehrsnetze Grundvoraussetzung fur einen florierenden Exportsektor und zur Ge- schwindigkeitsbeschleunigung der Kapitalzirkulation (vgl. Frieling 1998, S. 11f). Schwache Strategien stehen im Einklang mit neoliberalen Ideen und fordern durch Deregulierung und Flexibilisierung der fordistisch-keynesianischen Arbeits- beziehungen ,,Akkumulation auf Kosten einer intensiven sozialraumlichen Polari- sierung“ (Heeg, Brenner 1999, S. 107). Hingegen korrelieren starke Strategien mit neokorporatistischen Formen unternehmerischer Stadtpolitik, bei denen die Spha- re des Sozialen in den Akkumulationsprozess integriert wird. Da die Berucksichti- gung sozialer Bedurfnisse unter dem Aspekt erfolgt, Produktivkraften freizuset- zen, wohnt ihnen die Tendenz zur Instrumentalisierung des Sozialen inne (vgl. ebd., S. 109). In der Regel werden starke und schwache Strategien der Standort- politik miteinander kombiniert.

5.3 Typische Merkmale unternehmerischer Stadtentwicklung

Ebenso wie Umsetzung, Verlauf und Auswirkungen neoliberaler Politikformen aufgrund nationaler und lokaler Pfadabhangigkeiten voneinander divergieren, ist auch die Okonomisierung des Stadtischen kein homogener Prozess, sondern hangt von den jeweiligen raumlichen, zeitlichen und gesellschaftlichen Kontextbedin- gungen ab (vgl. Brenner, Theodore 2002, S. 357). Aller historischer Ortsspezifika zum Trotz lasst sich im globalen Kontext eine Reihe von Merkmalen aufzahlen, die charakteristisch fur die untemehmerische Stadt sind. Diese beziehen sich auf

- eine interne Restrukturierung der lokalen Verwaltung
- eine externe wettbewerbsorientierte Ausrichtung und
- eine Immobilienmarktgesteuerte Stadtentwicklung durch Grofiprojekte

Nach Lebhuhn (2007, S. 530) erfolgt somit eine Okonomisierung sowohl der of- fentlichen Institutionen (polity-Ebene) als auch von Stadtpolitik im weitesten Sin- ne (policy-Ebene). Daruber hinaus ist ein Wandel politischer Verhandlungsformen zu konstatieren, der als Okonomisierung der politics-Ebene interpretiert werden darf.

5.3.1 Institutionelle Restrukturierung und Governance

Im Ubergang vom Fordismus zum Postfordismus entwickelten sich neue Vorstel- lungen der Formen politischer Steuerung, die den Anforderungen erhohter Flexi- bilitat und Effizienz entsprechen. Der als Wandel von 'government' zu 'gover­nance'27 bezeichnete Prozess beinhaltet den Ubergang eines vertikalen zu einem

[...]


1 Die Idee zu S 21 reifte als im Bundesverkehrswegeplan von 1985 der Ausbau der ICE-Strecke Mannheim-Ulm-Munchen entlang des Neckartals und ohne Anbindung des Stuttgarter Haupt- bahnhof gefuhrt wurde und der Stuttgarter Verkehrswissenschaftler Heimerl (2005, S. 53) eine Abkopplung der Region vom Fernverkehrsnetz befurchtete. Mit dem Vorschlag der nach ihm benannten 'H-Trasse', die einen Verlauf parallel zur Autobahn und die Unterfuhrung des HBF vorsah, uberzeugte er die Deutsche Bahn (DB). Nach der offentlichen Presentation des Vorha- bens unterzeichneten 1995 die beteiligten Projektpartner eine verbindliche Rahmenvereinba- rung und beschlossen die Realisierung des Projekts (s. 11.3).

2 Die Kritische Geographie umfasst u.a. historisch-materialistische, feministische, postrstruktu- ralistische oder postkoloniale Ansatze.

3 Kontingenz von Realitat bedeutet, dass Wahrheit immer auch anders sein kann, da eine objekti- ve Abbildung der Realitat aufgrund des Konstruktionscharakters der sozialen Welt nicht mog - lich ist (vgl. Schreibwerkstatt AK Kritische Geographie 2008, S. 61).

4 Im Sinne einer historisch-materialistischen Weltanschauung stellt Engels zufolge die Produkti- on und der Modus der Distribution produzierter Dinge die Basis und soziale Gliederung einer jeden Gesellschaftsordnung dar (vgl. Morel et al. 2007, S. 102). In kapitalistischen Gesell- schaften sind demnach in der Warenproduktion und der Austauschweise von Gebrauchsgutern ,,die Ursachen aller gesellschaftlichen Veranderungen und politischen Umwalzungen zu su- chen“ (ebd.).

5 Dadurch dass Raum durch menschliche Tatigkeiten uberhaupt erst in seiner konkreten Form produziert wird, tritt der dem Raum anhaftende Warencharakter offen zu Tage. In Warenform gepresst ist der Raum dem kapitalistischen Verwertungsprozess unterworfen und nimmt folg- lich die der marxschen Terminologie entnommenen Zuschreibungen von Tauschwert und Ge- brauchswert an. ,,Das Spannungsverhaltnis zwischen kapitalistischer Raumnutzung der profita- blen Ausbeutung und den sozialen Bedurfnissen derer, die sich in dem Raum aufhalten“ (Rolf 2006, S. 112) ist konfliktbeladen. Beispielsweise ist die Gentrifizierung von Wohnvierteln exakt in dieser Widerspruchlichkeit von Tausch- und Gebrauchswert zu verorten: Sie dient der Steigerung der Grundrente in Erwartung einer kunftig profitableren Verwertung, fuhrt aber zu Nutzungskonflikten, wenn eine Verdrangung der alteingesessenen, weniger zahlungskraftigen Bevolkerung eintritt (vgl. Belina 2006, S. 47f; Smith 2002).

6 Beispielsweise besagt das Gesetz der sinkenden Grenzproduktivitat, dass Kapitalstrome exakt so lange in periphere Regionen fliefien bis es zu einem raumlichen Ausgleich in der Kapital - ausstattung kommt. Aufgrund der Unzulanglichkeit der Theorie zur Erklarung der tatsachli- chen Richtung von Kapitalflussen betonen Neoklassiker, dass in den schematischen Modellen u.a. politisch-institutionelle Faktoren (z.B. Wahrungs- und Wechselkursregime, Rechtssicher- heit) nicht entsprechend einbezogen sind (vgl. Lucas 1990, S. 94ff).

7 Selbstredend existieren realitatsbezogene Reformulierungen der neoklassischen Theorie. Fur die Geographie sind insbesondere die 'New Economic Geography' (vgl. Krugman 1998; Sternberg 2001) und der 'new regionalism' (vgl. Porter 1991) von Bedeutung. Doch in keinem dieser Ansatze werden die ,,raumlichen Dimensionen der grundlegenden Widerspruchlichlich- keit [und Funktionsbedingungen] kapitalistischer Entwicklung zu identifizieren“ (Wissen, Naumann 2009, S. 382) versucht. Raumliche Ungleichheiten sind aus Sicht der Kritischen Geo­graphie eben nicht auf marktverzerrende Eingriffe zuruckzufuhren, sondern sowohl Resultat als auch konstituierendes Element kapitalistischer Vergesellschaftung. Sie sind die geographi­cal expression of the contradictions of capital“ (Smith 1984, S. 152). Raumliche Ungleichhei­ten werden zu Krisenverursachern, bilden gleichzeitigjedoch auch die Voraussetzung fur deren zumindesttemporare Uberwindung (vgl. Harvey 1982).

8 Deswegen wird im Weiteren der Begriff 'Regulationsansatz' verwendet.

9 Synonym werden im Folgenden die Begriffe Regulationsmodus und -weise benutzt.

10 Das industrielle Paradigma bezieht sich auf die Zusammensetzung der Produktivkrafte, das Muster gesellschaftlicher Arbeitsteilung, die Organisation der Arbeit sowie das dominante Pro - duktionsmodell mit den entsprechenden Technologien. Wahrend viele Autoren den Begriff des industriellen Paradigmas als Bestandteil des Akkumulationsregimes abhandeln, betrachten ihn andere als Einzelaspekt (z.B. Dangschat, Diettrich 1999, S. 82; Scheuplein 2008, S. 152).

11 Hegemonie bezeichnet die „Fahigkeit, verallgemeinerte, Klassen und soziale Gruppen uber- greifende, Vorstellungen von der richtigen Ordnung und Entwicklung der Gesellschaft durch- zusetzen" (Hirsch 2005, S. 97).

12 Die Bezeichnung geht auf die Einfuhrung der tayloristisch organisierten industriellen Massen- produktion am Fliebband in Fords Automobilwerken zuruck. Das Automobil gilt schlieblich auch als das Schlusselprodukt des fordistischen Zeitalters (vgl. Hirsch 2002, S. 84f).

13 Die raumliche Ungleichheit zwischen wachsenden Metropolen und peripheren Regionen ent- springt einem dem Kapitalismus inharenten, dialektischem Spannungsverhaltnis zwischen An- gleichung und Differenzierung. Sie ein konstitutives Element kapitalistischer Raume, da sie sich in wiederkehrenden Krisen aufiert und gleichzeitig eine temporare Voraussetzung zur Uberwindung solcher Krisen bildet (vgl. Wissen, Naumann 2009, S. 391ff).

14 Mit einer sakularen Krise wird der kriseninduzierte Ubergang von einer kapitalistischen For- mationen zur nachfolgenden bezeichnet und muss somit von einer konjunkturellen Krise inner­halb eines hegemonialen Akkumulations- und Regulationszusammenhangs unterschieden wer­den (vgl. Esser, Hirsch 1987, S. 35).

15 Mit einer sinkenden Kapitalrentabilitat wird die zyklisch wiederkehrende Problematik einer rentablen Kapitalverwertung beschrieben, die sich in einer Uberakkumulationskrise aufiert. Analog zur nachfrageorientierten Unterkonsumtionskrise beschreibt sie Krisen aus Sicht der Produktionsseite - betrachtet werden die Verwertungsbedingungen des akkumulierten Kapitals und die damit verknupfte Nachfrage nach Investitionsgutern. Krisen entstehen dann, wenn In- vestitionen in produktives Kapital nicht mehr so rentabel sind wie solche in zinsbringende Fi- nanzprodukte (vgl. Wissen, Naumann 2009, S. 392ff). Im Gegensatz zu der marxschen These des tendenziellen Falls der Profitrate ist die Uberakkumulationskrise aber nicht unter alleinigen Ruckgriff auf kapitalistische Gesetzmafiigkeiten zu erklaren, sondern steht in einem engen Zu- sammenhang mit den okonomischen und politischen Strukturen im Fordismus (vgl. Heinrich 2004, S. 83ff).

16 Die Arbeitsproduktivitat sank in Deutschland von 4,7% Anfang der 1970er auf 1% in den 1980er Jahren (vgl. Kohlmorgen 2004, S. 161).

17 Wahrend die Initiativgruppe Regulationstheorie (1997, S. 17) die Globalisierung eher als Sym­ptom denn als Ursache der Krise beschreibt, da die Probleme, die durch die Inkoharenz der na- tionalstaatlichen Regulation mit den Anforderungen einer flexiblen Akkumulation entstanden sind, internationalisiert, aber nicht gelost wurden, betont Kohlmorgen (2004, S. 163) die kom- plexe Wechselwirksamkeit beider Prozesse: ,,Die Globalisierung des Akkumulationsprozesses erwies sich [...] als eine Strategie zur Uberwindung der Krise der fordistischen Formation und als ursachlich und verscharfend in derselben“.

18 Als einzige von den 25 fuhrenden Industrienationen weisen Deutschland, Japan und Israel fur die letzten zehn Jahre eine negative Reallohnentwicklung auf (vgl. ILO 2011a, S. 3).

19 Der Aufschwung einiger westeuropaischer und ostasiatischer Staaten fuhrte in Verbindung mit den chronischen Aufienhandelsbilanzdefiziten der USA zu einer Schwachung des Dollars bis die USA sich gezwungen sahen, die Golddeckung ihrer Wahrung aufzugeben. Dies fuhrte 1973 zum Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems, wodurch der institutionalisierten politi- schen Regulation des Weltmarktes die Grundlage entzogen wurde (vgl. Hirsch 2002, S. 96).

20,,The concept of post-Fordism, like many other concepts prefixed by the delimiter 'post', is pri­marily constructed as a negative ideal-type, identifying characteristics that were not present in apreceding, andbetter understood, institutional setting“ (Savage etal. 2003, S. 60).

21 Laut dem Deutschen Institut fur Wirtschaftsforschung definiert als Anteil der Bevolkerung, dem weniger als 50% bzw. weniger als 40% des durchschnittlichen Monatseinkommens zur Verfugung steht.

22 Zum Beispiel durch Privatisierungen ehemals gemeinnutziger Versorgungseinrichtungen oder eine Steuerpolitik, die Unternehmen und Menschen mit hohem Einkommen relativ weniger be- lastete als Geringverdiener (vgl. Truger 2009, S. 40ff).

23 Mittlerweile existieren in Deutschland elf Metropolregionen, deren Einzugsgebiet grofie Teile der Landesflache umfasst (vgl. Ludwig et al. 2009). Der Untersuchungsgegenstand 'Metropol- region' ist nicht eindeutig definiert, eine Abgrenzung zu Grofistadtregionen erscheint vor allem auf empirischer Basis problematisch. Annaherungsweise bietet es sich an, Metropolregionen als Stadtregionen mit international Ausstrahlung zu bezeichnen (vgl. Knieling, Matern 2009, S. 325ff). Metropolregionen sind Kooperationsraume, Wachstumspole und Standorte metropo- litaner Einrichtungen. Als fur eine globale Vernetzung, die Leistungsfahigkeit sowie Funktion und Stellung im internationalen Standortsystem bedeutende metropolitane Einrichtungen gel- ten strategische Leitfunktionen wie politische und okonomische Entscheidungs- und Kontroll- funktion, Innovations- und Wettbewerbsfunktion (Konzentration von Wissenschafts- und For- schungseinrichtungen), Gatewayfunktion (internationale Erreichbarkeit, Verkehrsinfrastruktur) und Symbolfunktion (Zeichen von Internationalist, kulturhistorische Bedeutung, Grofiprojekte und -veranstaltungen) (vgl. ebd. S., 326-341).

24 In den vergangenen Jahren sind die Unterkunftskosten fur ALG-II Empfanger sowie die Kos- ten fur die Pflege alterer Menschen und die Eingliederung von Menschen mit Behinderung ge- stiegen. Durch die bundespolitisch beschlossene Kurzung der Rentenversicherung bei Arbeits- losen werden zusatzlich kunftige Kosten der Grundsicherung im Alter auf die Kommunen ab - geschoben (vgl. Deutscher Stadtetag 2010).

25 Die grofie Koalition setzte diese Politik fort: Mit der Unternehmenssteuerreform aus dem Jahr 2008 wurde die Steuermesszahl fur Personen- und Kapitalunternehmen auf 3,5% nominal ge- senkt. Mit der Festlegung des Hebesatzes besitzen die Kommunen ein Mittel, die tatsachliche Steuerlast innerhalb eines bundesweit festgelegten Rahmens zu beeinflussen. Ein vergleichs- weise niedriger Hebesatz bietet Unternehmen einen Anreiz zur Ansiedlung und verringert die Einkommensbasis der Kommunen. Wahrend bei einem zu hohen Steueraufkommen befurchtet wird, dass Unternehmen abwandern.

26 Harvey (1989) beschreibt dies als Transformation „from managerialism to entrepreneurialism". Im anglophonen Sprachraum wird die untemehmerische Stadt mit den Begriffen der 'entrepre­neurial city', 'urban governance' oder 'urban management' umschrieben (vgl. Jessop 1994; einen guten Uberblick zur Thematik bieten Eisenschitz, Gough 1993; Hall, Hubbard 1998; Brenner 2004).

27 Einen Uberblick uber die Vielzahl an Definitionen des Governance-Begriffs, die Tragfahigkeit und Reichweite des Ansatzes sowie dessen Funktionsweise und Anwendungsbereiche liefert Benz 2004. Annaherungsweise lasst sich Governance als eine auf einer Kombination von insti- tutionalisierten Regelsystemen beruhende Steuerung und Koordination kollektiven Handelns

Ende der Leseprobe aus 200 Seiten

Details

Titel
Der Bedeutungsanstieg des Regionalen und die Ökonomisierung des Städtischen als Ausdruck postfordistischer Regulation
Untertitel
Eine theoretische Herleitung des internationalen Standortwettbewerbs und dessen Deutung durch städtische und regionale Akteure im Raum Stuttgart
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Geographie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
200
Katalognummer
V306233
ISBN (eBook)
9783668064485
ISBN (Buch)
9783668064492
Dateigröße
1638 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"Abschließend bleibt festzuhalten, dass die vorliegende Arbeit durch eine interessante und innovative Fragestellung, den klugen und überzeugenden Einbezug verschiedener theoretischer Positionen, ein plausibel dargelegtes Untersuchungskonzept und eine ausgesprochen sorgfältige Darstellung des Untersuchungsraumes und der empirischen Untersuchungsergebnisse berzeugt. Gerade auch in ihrer Selbstkritik weist die Arbeit deutlich über andere Diplomarbeiten hinaus. In der Summe ihrer Qualitäten liegt die Arbeit erheblich über dem Durchschnitt sonstiger Diplomarbeiten" (Erstprüfer).
Schlagworte
Stadtforschung, Kritische Geographie, Politische Geographie, Regulationstheorie, Stuttgart, Standortwettbewerb, Radical Geography, Wirtschaftsgeographie, Stuttgart 21, Stadtentwicklung
Arbeit zitieren
Sebastian Krüger (Autor), 2012, Der Bedeutungsanstieg des Regionalen und die Ökonomisierung des Städtischen als Ausdruck postfordistischer Regulation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306233

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