"Weibsbilder". Zur Bedeutung der Frau in den Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm


Hausarbeit, 2010

13 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Der weibliche Einfluss auf die Kinder-und Hausmärchen der Brüder Grimm

3. Das Frauenbild in den Kinder-und Hausmärchen der Brüder Grimm
3.1 Die Typologie der Frauenbilder
3.2 Das dualistische Frauenbild im Feminismus
3.3 Die Frauenbilder in „Aschenputtel“

4. Schlussbemerkungen

5. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Eine der kompliziertesten, unausdeutbarsten, aber zweifellos auch reizvollsten Erscheinungen auf dieser Welt ist die Frau.1

Ein solches Kompliment an die Frau, wie es von Heinz Rölleke ausgesprochen wurde, ist nicht immer selbstverständlich gewesen. Lange Zeit hatte die Frau nicht die gleiche soziale Stellung wie der Mann, war ihm unterworfen und unmündig. Diese Vorstellung von der Frau hielt sich lang, denn erst in den letzten Jahrzehnten zeichnete sich die Bedeutung der Frau in der Gesellschaft ab, die fortan nicht mehr dem patriarchalischen System untergeordnet sein sollte. Wörtlich übersetzt bezeichnet das Patriarchat die Vaterherrschaft, womit die patriarchalische Gesellschaft eine „von der herrschenden Stellung des männl. Familienoberhauptes geführte Gesellschaftsform“2 ist. Durch die voranschreitende Entwicklung der feministischen Theorie und die sich herausbildende Frauenforschung erfuhr der Begriff des Patriarchats immer größere Bedeutung und wissenschaftliche Auffälligkeit. So entwickelte sich in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts der Patriarchatsbegriff viel mehr dazu, die Herrschaft der Männer über die Frauen zu charakterisieren, und das nicht nur in häuslichen Situationen.

Mit dem neu gewonnenen Interesse an der Frauenfigur ist es inzwischen auch nicht weiter verwunderlich, dass sich Kunst oder Literatur der Wissenschaft anschließen. Besonders das Bild der Frau in einer der ältesten Textgattungen, dem Märchen, scheint von besonderem Interesse, ist aber ein erst jüngst erwachsenes, weswegen wissenschaftliche Erkenntnisse noch relativ spärlich sind und von einer „allg[emeinen] Sensibilisierung für das Problem“3 erst seit Neuestem gesprochen werden kann.

Meine Arbeit beschäftigt sich konkret mit der Bedeutung der Frau für und dem Bild der Frau in den Kinder- und Hausmärchen4 der Gebrüder Grimm.

Um die Bedeutung der Frau in der Erzählforschung deutlich zu machen, ist meine Arbeit zweigeteilt zu betrachten. So will ich zunächst (2.) darauf eingehen, welche Bedeutung Frauen als Märchenbeiträgerinnen für die Sammlung der KHM hatten, und anschließend (3.1 - 3.2) auch die Bedeutung der Frau in den KHM untersuchen, dabei die verschiedenen Betrachtungsweisen zur Typisierung des Frauenbilds erläuternd. „Aschenputtel“, das 21. Märchen der Grimm‘schen Sammlung, werde ich auf sein dargestelltes Frauenbild hin genauer untersuchen (3.3).

2. Der weibliche Einfluss auf die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm

Was die Erzähltraditionen der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm angeht, ist bekannt, dass die meisten Märchen aus mündlicher Überlieferung stammen und ein Fundus aus zusammengetragenen, volkstümlichen, nachbearbeiteten Erzählungen sind, die die Gebrüder hauptsächlich aus dem Kasseler Stadtbürgertum, aus dem sie auch selbst stammten, schöpften. Namentlich sind die Beiträgerinnen die Schwestern Hassenpflug, von Haxthausen, Wild sowie die Geschwister von Dröste-Hülshoff5, denen die Weltliteratur die KHM zu verdanken hat.

Die KHM zeigen neben anderen Märchensammlungen eine „[äußerste] Ambivalenz hinsichtlich des Phänomens Frau und Märchen“6, die sich einerseits darin zeigt, dass an der Sammlung der KHM überwiegend junge, gebildete, unverheiratete Damen als Informanten teil hatten7, denn so lässt sich auch auf die vielen jungen Märchenheldinnen schließen, die im Mittelpunkt der Handlung stehen und „verstärkt zeitbedingte Idealvorstellungen von der Rolle bürgerlicher Töchter“8 widerspiegeln.

Andererseits floss die Gestalt der alten, den Kindern Märchen erzählenden Frau in unsere Vorstellung ein, von der auch die Wissenschaft spricht: „Frauen [werden] als die Erzählerinnen par excellence und Märchenerzählen als genuin weiblich [betrachtet]“.9 Über eine lange Zeit hinweg jedoch galt das Märchenerzählen keineswegs als weibliche Domäne. Wichtige Erzählforscher und Märchenprofessoren wie Ulrich Jahn, Wilhelm Wisser oder Felix Karlinger sprachen sogar davon, dass das Märchenerzählen eine männliche Kunst

und damit der Mann der eigentliche Märchenerzähler gewesen sei.10 Daher seien Altweiber-

oder Ammenmärchen - Begriffe, die heute populäre Irrtümer und weit verbreitetes laienhaftes Wissen bezeichnen - besonders von Aufklärern wie Christoph Maria Wieland kritisiert worden, wie Köhler-Zülch weiter begründet. Die Gewohnheit und gleichzeitige Erziehungsmethode der Ammen, den Kindern unglaubliche Geschichten zu erzählen, einzig mit dem Ziel sie mittels Verängstigung zum Gehorsam zu erziehen, sei jenen Aufklären im 18. Jahrhundert zuwider gewesen, weswegen sie nur in sehr abfälligem Ton über jene Form des Märchens sprachen11. Doch die entscheidende Wende kam, als namenhafte Dichter und Denker „ihre märchenerzählenden Kinderfrauen, Mütter und Großmütter [rühmten]“12, darunter Goethe, Dickens oder Hesse.

Dass den mündlich überlieferten Geschichten nun das Interesse gelte, heißt es weiterhin, habe man letztlich Jacob und Wilhelm Grimm zu verdanken, die mit der letztmaligen Herausgabe ihrer Kinder- und Hausmärchen 1857 das Märchen zu einem wissenschaftlich anerkanntem Forschungsgegenstand erhoben.

3. Das Frauenbild in den Kinder-und Hausmärchen der Gebrüder Grimm

3.1 Die Typologie der Frauenbilder

Auch für einer der bekanntesten Märchenforscher Heinz Rölleke interessierte sich für das Thema des Bildes der Frau im Märchen, besonders jenes in denen der Gebrüder Grimm. Seinen Untersuchungen zur Folge fällt keiner der von den Brüdern beschriebenen Heldinnen aus der ihr gattungsmäßig vorgeschriebenen Rolle.

Sie ist immer eindimensional und flächenmäßig angelegt, man kann ihr nicht ins Innerste schauen und sie hat kein Gefühl für Zeit, Liebe oder Tod.12

In seinem Sinne werden die Geschlechterstereotypen und Rollenklischees durchbrochen und die Märchenheldinnen in drei Typen aufgeteilt: den aktiven, den passiven sowie den gemischten Typus.

Als sogenanntes Paradebeispiel des passiven Typus führt er „Dornröschen“ (KHM 50)13 an - die „passive Schöne“14 wie sie in der Enzyklopädie des Märchens bezeichnet wird.

Die Geschehnisse, nachdem sie sich mit einer Spindel in den Finger sticht und in den Dornröschenschlaf fällt, liegen „außerhalb ihrer Verantwortung und ihres Wollens“15. Damit scheinen Gott- und Weltvertrauen sowie absolute Passivität die einfachste Lösung für ihr problematisches Schicksal zu sein. Rölleke sieht darin einerseits das Spiegelbild der Zeit, in der die Frau bei der Partnerwahl kein Mitspracherecht hatte, andererseits ein „Bild der Psyche“, das Dornröschen als pubertierendes Mädchen interpretiert, „die in diesem bestimmten Reifestadium zu keinem aktivem Handeln fähig ist“.16

Auch die Erzählforschung sieht in der „Passivität der Märchenbraut […] reale Entsprechungen in der Rolle der F[rau] nach früh[mittelalterlicher] Eheauffassung“17, in der die Frau wehrlos gegenüber männlicher Violenz zeitlebens bevormundet ist.18

Das Pendant zu diesem Typen sind die aktiven Märchenheldinnen, denn jene „wirken tätig an der Bewältigung [ihrer] Situation mit“19. Charaktere wie die der Goldmarie in „Frau Holle“ (KHM 24) beweisen sich demnach als eigenständig denkende, reife Persönlichkeiten, die unbewusst Prüfungen bestehen. Ihre Aktivität ist dabei nicht immer Produkt resoluten Handelns, stattdessen ist es eine „Kombination aus Aktivität und Mitleid“, das sich neben dem Motiv der Hilfsbereitschaft in den Handlungen der Heldinnen zeigt.20

Wie von männlichen Handlungsträgern bekannt, ziehen auch sie in die Welt hinaus, um Abenteuer zu bestehen. Dabei ist es „bezeichnend, daß sich Mädchen und F[rau]en bei solchen Aktionen männlich kleiden“21. Klugheit, Mütterlichkeit und Häuslichkeit sind kennzeichnende Eigenschaften dieser aktiven Heldinnen.22

Den Typus, dem der aufmerksame Märchenleser am häufigsten begegnet, ist jedoch der gemischte.

[...]


1 Rölleke, Heinz 1985. http://de.wikipedia.org/wiki/Heinz_Rölleke (Zugriff am 12.03.2010).

2 Neues Universallexikon in Farbe. Genehmigte Sonderausgabe der Trautwein Lexikon-Edition. München: Compact Verlag 1999.

3 Ranke, Kurt, Rolf Wilhelm Brednich, Hermann Bausinger, et al. (Hrsg.): Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Berlin, New York: de Gruyter 1987. S.103.

4 Grimm, Jacob und Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen gesammelt durch die Brüder Grimm. Berlin, Weimar: Aufbau-Verlag 1967. Im Folgendem zur Erleichterung immer KHM.

5 Vgl. Sennewald, Jens E.: Das Buch, das wir sind: Zur Poetik der Kinder- und Hausmärchen, gesammelt durch die Brüder Grimm. Würzburg: Königshausen & Neumann 2004. S.63.

6 Köhler-Zülch, Ines: Frauen- und Märchenforschung: Zu geschlechtsspezifischen Aspekten in der Folkloristik. In: Geschlechterdifferenz: Texte, Theorien, Positionen. Doris Ruhe (Hg.). Würzburg: Königshausen & Neumann GmbH 2000. S.105.

7 Vgl. Ebd. S.105.

8 Ebd. S.106.

9 Ebd. S.101.

10 Vgl. Ebd. S.103.

11 Vgl. Ebd. S.102. 12 Ebd. S.102.

12 Rölleke, Heinz zitiert nach Wittman, Gerda-Elisabeth: Aschenputtel und ihre Schwestern - Frauenfiguren im Märchen. Eine Kontrastierung des Grimmschen Aschenputtels von 1857 mit Aschenputtelerzählungen des 20. und 21.Jahrhunderts. Stellenbosch: Universität 2008. S.40.

13 Im Folgenden wird bei Beispielen, die aus den KHM sind, immer auch die Nummer derer in der Sammlung angegeben.

14 Ranke, Kurt, Rolf Wilhelm; Brednich, Hermann Bausinger, et al. (Hrsg.): Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Berlin, New York: de Gruyter 1987. S.110 f.

15 Rölleke, Heinz (wie Anm.21), S. 41.

16 Die Ausführungen dieses Absatzes beziehen sich auf Rölleke, Heinz (wie Anm.22), S.41.

17 Ranke, Kurt (wie Anm.21), S.111.

18 Vgl. Ebd. S.111 f.

19 Rölleke, Heinz (wie Anm.22), S. 41.

20 Vgl. Ebd. S.41 f.

21 Ranke, Kurt (wie Anm.21), S.117.

22 Vgl. Ebd. S.118-121.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
"Weibsbilder". Zur Bedeutung der Frau in den Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Jacob und Wilhelm Grimm. Der Herr Gevatter/Gevatter Tod: Autor – Werk - Wirkung
Autor
Jahr
2010
Seiten
13
Katalognummer
V306271
ISBN (eBook)
9783668044166
ISBN (Buch)
9783668044173
Dateigröße
621 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um meine erste wissenschaftliche Arbeit in einem Seminar zur Einführung in die Literaturwissenschaft. Aus diesem Grund ist das 2. Kapitel, welches sich mit der Naivität eines Erstsemesters erstmals mit feministischem Gedankengut beschäftigt, wenig reflektiert und sollte ausgeklammert werden.
Schlagworte
Gebrüder Grimm, KMH, Kinder-und Hausmärchen, Frauenbild, Feministische Literaturwissenschaft, Märchen
Arbeit zitieren
Anna Stumpe (Autor), 2010, "Weibsbilder". Zur Bedeutung der Frau in den Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306271

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