Rituale und Symbole waren auch schon im Mittelalter in entsprechender Ausprägung vorhanden und spielten vor allem in der höfisch geprägten Adelswelt, eine große Rolle. Eines der am häufigsten praktizierten Rituale war das Ritual zur Beendigung von Konflikten, welches in der Zeit ab Ludwig dem Frommen entstand. Im Verlauf dieser Ausarbeitung wird untersucht, ob das besagte Unterwerfungsritual auch in Hartmann von Aues Iwein, enthalten ist und wie stark denn seine Ausprägungen sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Ritual der „Deditio“
2.1.Das Ritual im mittelalterlichen Kontext
2.2. Das Ritual der deditio im Hartmannschen Kontext
3. Folgen für die Struktur und den Inhalt des Romanes
3.1.Brunnenmotiv und Märchenwelt
3.2. Herr Iwein und Laudine
3.3.Lunete, ein mediator ?
4. Harmanns Intention und Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht, ob das historische Unterwerfungsritual der deditio in Hartmann von Aues Epos Iwein Anwendung findet. Dabei wird analysiert, inwieweit die dort gezeigten Handlungen den rituellen Anforderungen entsprechen oder ob der Autor bewusst mit diesen Konventionen spielt, um eine ironische Distanz zu erzeugen und die Struktur des Romans zu hinterfragen.
- Analyse des historischen Rituals der deditio im mittelalterlichen Kontext
- Untersuchung der rituellen Bestandteile innerhalb der Iwein-Handlung
- Die Rolle der Vermittlerin (mediator) und Lunetes Eigeninitiative
- Die Ironisierung ritueller Muster als Teil einer literarischen Strategie
- Hinterfragung der arthurischen Gesellschaftsordnung und ihrer Werte
Auszug aus dem Buch
2. Das Ritual der „Deditio“
Beschäftigt man sich mit den Konflikten des Mittelalters, so stößt man allenthalben auf Unterwerfungsrituale. Diese Unterwerfungsrituale, als deditio bezeichnet, waren eine Form der gütlichen Konfliktbeendigung in der mittelalterlichen Adelsgesellschaft. Die seit dem 9. Jahrhundert auftretende und als Privileg des Adels geltende Konfliktbeilegung in der deditio galt bereits im 10. Jahrhundert als gängige Konfliktbeendigung im Hochadel. Im Verlauf des Mittelalters weitete sich der Kreis der Anwender vom Hochadel über Personen des niederen Adels und Burgbesatzungen bis hin zu Bewohnern einer Stadt aus. Dabei zeigte sich, daß das Ritual nicht in seiner Ausgestaltungsweise erstarrte, sondern je nach Situation modifiziert werden konnte.
Doch gab es innerhalb des breiten Spektrums festgelegte Schranken und Spielregeln, besonders als das Ritual der deditio noch jung war. „Wer sich mittels eines Unterwerfungsrituals gütlich mit seinem Gegner geeinigt hatte – und ohne Schaden aus dem Konflikt herausgekommen war, weil man ihm verzieh -, dem war es nicht erlaubt, den Konflikt fortzuführen oder neu zu eröffnen. So sahen es zumindest die ungeschriebenen Gesetze [...] vor.“
Indes hielten sich nicht immer alle Beteiligten an diese Regel. Auch konnten die Formen der Vergebung differieren, indem sie zwischen Milde und Härte wechselten. So wurden Milde und Härte durch den Sieger verwendet, um die eigene Macht zu demonstrieren. Milde und Vergebung symbolisierte Barmherzigkeit, Härte und schlimmstenfalls keine Vergebung waren Warnung an Nachahmungstäter.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung ritueller Handlungen im Mittelalter ein und formuliert die Forschungsfrage bezüglich der Präsenz und Funktion der deditio in Hartmann von Aues Iwein.
2. Das Ritual der „Deditio“: Dieses Kapitel definiert die historischen Grundlagen und konstitutiven Elemente der deditio sowie deren Modifikation im Kontext von Hartmanns Werk.
3. Folgen für die Struktur und den Inhalt des Romanes: Hier werden die Auswirkungen der rituellen Abweichungen auf die narrative Struktur, das Brunnenmotiv, die Charakterentwicklung und die Rolle der Vermittler untersucht.
4. Harmanns Intention und Fazit: Das abschließende Kapitel fasst Hartmanns ironische Brechung des Rituals zusammen und deutet diese als bewusste Distanzierung von gängigen rituellen Konventionen.
Schlüsselwörter
Iwein, Hartmann von Aue, Deditio, Mittelalter, Ritual, Unterwerfungsritual, Laudine, Lunete, Mediator, Ironie, Artusepik, Satisfactio, Eideshandlung, Konfliktbeendigung, Literaturwissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, ob das Unterwerfungsritual der deditio im literarischen Werk Iwein von Hartmann von Aue fachgerecht dargestellt wird oder ob der Autor bewusst von rituellen Konventionen abweicht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Geschichte der mittelalterlichen Rituale, die literarische Gestaltung ritueller Abläufe im Artusroman sowie die Rolle von Vermittlerfiguren wie Lunete.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen historischen Erwartungen an ein Unterwerfungsritual und deren ironischer Umsetzung im Text aufzudecken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die den Roman-Text gegen die historisch belegten Schemata der deditio (nach Gerd Althoff) prüft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Einführung des Rituals und die detaillierte Textanalyse der Fußfall-Szenen im Iwein, inklusive der Untersuchung der Rolle Lunetes und der symbolischen Bedeutung des Brunnens.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind deditio, Iwein, Ritual, Ironie, mediator und die höfische Gesellschaft.
Warum spielt das Fehlen einer Öffentlichkeit eine so große Rolle für den Autor?
Laut der Arbeit deutet das Fehlen einer Öffentlichkeit darauf hin, dass Hartmann keine historisch korrekte deditio inszenieren wollte, sondern eine für den Leser geschaffene "Performance", um eine komödiantische Auflösung des Konflikts zu erzielen.
Inwiefern beeinflusst Lunete die Handlung des Romans?
Lunete agiert entgegen der Rolle einer neutralen Vermittlerin als treibende Kraft und Komplizin Iweins, wodurch sie die rituellen Abläufe aktiv manipuliert und als ironische Instanz fungiert.
- Quote paper
- Dominik Petko (Author), 2004, Iweins Fußfall, eine deditio? Hartmanns Spiel mit Ritualen und Konventionen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30630