Theoderich der Große und sein Bild im Mittelalter


Hausarbeit, 2010

22 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Typische und bedeutende Kriterien für einen Herrscher im Mittelalter
2.1. Entsprach Theoderich dem Herrscherideal?
2.2. Biographie des Ostgotenkönigs

3. Bedeutungszuweisung der facettenreichen Persönlichkeit Theoderich des großen frühmittelalterlicher literaler Geschichtsschreiber
3.1. Die ambivalente Darstellung aus byzantinischer Perspektive
3.2.Verherrlichung aus römischer Sicht – Cassiodor und Jordanis
3.3. Die Tradition des negativen Theoderich-Bildes – Papst Gregor der Große

4. Darstellung Theoderichs in der lateinisch-gelehrten Geschichtsschreibung – klerikale Perspektive
4.1. Reichsfürst und Bischof Otto von Freising und seine Weltchronik im 12. Jahrhundert
4.1.1.Unrechtmäßige Herrschaft?
4.1.2. Theoderichs Heiratspolitik
4.1.3. Religionszugehörigkeit

5. Dichtung als eine Form der historischen Überlieferung – Theoderich als Held in den Dietrichsepen

6. Fazit

Literaturliste

1. Einleitung

„Der Ostgotenkönig Theoderich der Große gehört zu jenen faszinierenden Gestalten der Geschichte, die weit über ihre eigene Zeit hinaus gewirkt haben und niemals aus dem historischen Bewusstsein verschwunden sind“.[1]

Warum ist das so?

Als Mensch in der Öffentlichkeit werden bestimmte Kriterien und Erwartungen auf den Herrscher projiziert. Theoderich wurde beachtet und rezepiert wie keine andere historische Gestalt seiner Zeit. Dabei steht die Frage im Raum, ob er als Herrscher ein Leitbild seiner Zeitgenossen war. Immerhin sind „die allermeisten Menschen (…) auf die Vermittlung angewiesen, auf die Abbildung, die ihnen die Medien der Zeit liefern“.[2] Sicher besteht ein Grund seiner Popularität in der sagenhaften Herkunft der Goten speziell der Ostgoten und ihres legendären Königs Amal nach dem das Geschlecht der Amaler benannt wurde. Soweit seitens der Forschung heraus gefunden wurde, gab es schon lange vor dem Auftreten Theoderichs des Großen mündliche Überlieferungen über den Stamm der Goten. Durch den großen Staatsmann und Gelehrten Cassiodor wurden die mündlichen Überlieferungen im 6. Jahrhundert schriftlich fixiert. Die Gotengeschichte wie sie jahrhundertelang im Gedächtnis der Generationen verankert war, wurde nun rekonstruiert und aufgeschrieben. Man kann vermuten, dass er eine widersprüchliche Persönlichkeit war, die sich geschickt in die Politik seiner Zeit einbrachte. Rom hatte in der späten Kaiserzeit seine zentrale Bedeutung für das Reich verloren. Das war das Ende des Weströmischen Reiches. Fürst Odoaker setzte im Jahr 476 Kaiser Romulus, spöttisch genannt, Augustulus ab und es erfolgte die Errichtung des ersten „barbarischen Königstums in Italien. Dieses Ereignis war ein radikaler Eingriff in das politische System der Spätantike.[3] Im Jahr 493 folgte ein Staatsstreich Theoderichs, welcher Odoaker zum Opfer fiel und somit die Geschichte eine Wendung nahm. Wenn man sich mit der Lebensgeschichte Theoderichs des Großen beschäftigt, präsentiert sich ein Bild des enormen Mitwirkens an der Weltgeschichte. Er war stets präsent und seine Hartnäckigkeit, Zielstrebigkeit und seine Vorstellungen das große römische Reich als germanischer König fortzuführen, ist unschwer zu erkennen. Wie die Geschichte zeigt, war die Gotenherrschaft jedoch nur eine kleine Epoche in der Weltgeschichte. Seine Person hatte aber eine große Nachwirkung für die zukünftig folgenden deutschen Kaiser und Könige. Man berief sich später auf das Heilige römische Reich deutscher Nation.

Die Grundlage für die Geschichtsschreibung und Unterhaltungsliteratur im Mittelalter waren die großen Taten eines mächtigen Königs. „Geschichte ist im Mittelalter in den göttlichen Heilsplan eingegliedert und empfängt von dort her ihren Sinn, seit Augustinus ist es üblich, die irdische Geschichte der Erlösungsgeschichte unterzuordnen“.[4] Die Heroisierung eines Individuums wie in der Antike, kennt das Mittelalter nicht. „Nur dort, wo der einzelne aus den göttlich-menschlichen Ordnungen herausgelöst ist, kommt es zum unvermeidlichen tragisch-schuldhaften Gegensatz“.[5] Als vorsichtige Deutung könnte seine von der katholischen Kirche abgelehnte arianische Glaubensrichtung als eine der Begründungen für seine Tragik, aber auch auf das außergewöhnliche Schicksal hinweisen. Andererseits verbindet er seine Königsherrschaft mit sakralen Elementen, denn schließlich war das Christentum seinerzeit das neue Weltbild und hatte die Vorherrschaft. Vor allem im Hochmittelalter im 12./13. Jahrhundert gab es eine umfangreiche Literatur über Dietrich von Bern, so die Namensgebung für Theoderich in dieser Zeitepoche. Bern war die damalige deutsche Bezeichnung der italienischen Stadt Verona. Im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit gab es wiederum ein reges Interesse an der Person Theoderichs des Großen. Es setzte die Idealisierung der Germanen und ihrer Heldentaten ein und somit war die Geschichte des Stammes der Goten im kollektiven Bewusstsein präsent. Das Mittelalter beanspruchte Theoderich den Großen als seinen idealen Helden. In den viel gelesenen Liedern und Sagen der Dietrichsepen und des Nibelungenliedes bleibt seine Gestalt lebendig und gerät bis in die Gegenwart nicht in Vergessenheit.

2. Typische und bedeutende Kriterien für einen Herrscher im Mittelalter

Das Mittelalter ist eine lange Zeitepoche einer geschlossenen Glaubensgemeinschaft basierend auf den geistlichen Idealen und dem christlichen Weltbild als selbstverständliche Grundlage. Die Religionsausübung beschränkte sich nicht nur auf die hohen kirchlichen Feiertage, sondern gehörte zum allgegenwärtigen Leben. Das religiöse Bekenntnis war ganz selbstverständlich im Bewusstsein der Menschen integriert, weil es Sicherheit und Orientierung im Leben bot.[6] In der langen Zeitepoche des Mittelalters gab es kein durchweg einheitliches Herrscherideal. Der einzelne Schriftsteller war sehr an die gesellschaftliche Ordnung gebunden, er berichtete kaum individuell aus seiner eigenen Perspektive, sondern es überwog das Wir-Gefühl. Der Schreiber projizierte seine Auffassung der gesellschaftlichen Situation mit in die geschilderte Person hinein.[7] Im Frühmittelalter orientierte man sich zeitnah an der Heiligen Schrift. Es finden sich beim Apostel Paulus viele Verweise über die irdische Herrschaft als göttliche Einrichtung. Der König wurde durch Gottesgnade als Stellvertreter Gottes vorgesehen. Die Unterwerfung der Obrigkeit war von Gott angeordnet, die irdische Herrschaft war als göttliche Einrichtung gedacht.[8] Die Idee der Gottesgnade verbunden mit der Stellung des Herrschers als Garant für die Rechtsordnungen wirkten nicht nur im deutschen Königtum, sondern schon die römischen Kaiser und ostgotischen Könige unterstanden Gottes Gnade. Kirchenvater Augustinus und andere bedeutende Theologen formulierten wichtige Kriterien wie Pflichtgefühl, Barmherzigkeit, Demut und den richtigen Glauben als wesentliche Werte für eine christliche Kaiserherrschaft.[9] Es existierte eine von Gott gegebene Hierarchie, welche nicht angezweifelt wurde. Der Herrscher hatte Vorbildcharakter. Besonders der Hochadel hatte in Bezug auf die Thronfolge entscheidenden Einfluss. Der König verfügte über die größte Macht und der Herrschaftsanspruch wurde durch Präsenz zur Geltung gebracht.[10] Vom kirchlichen Standpunkt waren Frömmigkeit, Milde und die Fähigkeit Mitleid zu haben, wichtige Eigenschaften. „Gnade und Strenge müssen im rechten Verhältnis stehen.“[11] Mit der Kirche sollte er im Einvernehmen leben, sollte Schutz und Unterstützung gewähren. Freigiebigkeit und Treue waren wichtige Merkmale, schon deshalb, weil der König für sein Seelenheil die Geistlichkeit brauchte und dadurch ein wechselseitiger Vorteil entstand. Der König machte den Bischöfen und auch Klöstern Schenkungen, in Form von Land und Leuten, um dafür aber Gegenleistungen zu empfangen. In den Klöstern wurde für das Seelenheil der Obrigkeit gebetet und im Kriegsfall konnte der König auf die Hilfe der Bischöfe zurückgreifen.[12] Die zentralen weltlichen Herrschertugenden waren sicher durch das ganze Mittelalter hindurch kriegerische Tüchtigkeit und Tapferkeit.

2.1. Entsprach Theoderich dem Herrscherideal?

Soweit aus der Schrift Variae des Senators Cassiodor zu entnehmen ist, versuchte Theoderich den Anforderungen des Königsideals zu entsprechen. Kriegerische Tüchtigkeit hatte er auf jeden Fall aufzuweisen. Aber bei einem Eroberervolk setzte man diese Fähigkeit voraus. Obwohl Theoderich strenger Arianer war, einer von der katholischen Konfession abweichenden Glaubensauffassung, war er sehr interessiert, mit der Kirche im Einklang zu sein. In den zeitgenössischen Quellen des Cassiodor und des byzantinischen Geschichtsschreibers Malchos werden vor allem die positiven Stärken des Gotenführers herausgehoben. Auch der Byzantiner Eusthasios bewertete in seiner Chronik Anfang des 6. Jahrhunderts die Herrschaft Theoderichs über Italien als rechtmäßig und anerkannt. Eusthasios ist der erste Historiker, welcher über die Herrschaft in Italien berichtet, aber auch in ihrer Bedeutung überbewertete.[13] Sicher hat die Quelle dazu beigetragen, dass spätere Gelehrte die tatsächliche Situation ebenso einschätzten und damit schon eine gewisse Abweichung in der Überlieferung ihre Fortsetzung nahm. Theoderich fühlte sich trotz seines arianischen Glaubensbekenntnisses imstande Religionspolitik zu betreiben, obwohl er zwei verschiedenen Konfessionen gerecht werden musste. Als frommer und pflichtbewusster rechtmäßiger Nachfolger der römischen Kaiser bewahrte er die kaiserlichen Gesetze allgemein und spezifisch hinsichtlich der Rechtsregelungen der Kirche.[14] Als Schlussfolgerung kann man sagen, dass Theoderich aus den Aussagen der meisten frühmittelalterlichen byzantinischen Quellen durchaus dem Herrscherideal entsprach. Man muss aber wiederum den gesellschaftlichen Hintergrund der oströmischen Kaiserzeit mit einbeziehen. Die Geschichtsschreiber spiegelten weitestgehend die Auffassungen der kaiserlichen Regierung wider. „Besonders deutlich zeigt sich das Interesse Konstantinopels an einem weitgehend positiven Theoderich-Bild in dem Bemühen, den Ostgotenkönig und insbesondere seine Nachkommen für die eigene Sache zu vereinnahmen und zu instrumentalisieren.“[15] Diese Tatsache traf im besonders auf die Regierungszeit Kaiser Zenos zu. Im weiteren Verlauf des Mittelalters existierten immer mehr Aufzeichnungen mit unterschiedlichen Darstellungen zum Theoderich-Bild und seiner Herrschaft. In den folgenden Punkten wird noch genauer auf sein Herrscherbild aus weltlicher und geistlicher Perspektive eingegangen.

2.2. Biographie des Ostgotenkönigs

Er stammt aus dem Geschlecht der Amaler. Der Name ist abgeleitet vom legendären König Amal. Theoderich sieht sich als zwölften Nachfolger dieses berühmten sagenumwobenen Herrschers. Im Werk Getica von Jordanes verfasst, steht geschrieben: „Theoderich war davon überzeugt, in „übermenschlicher“ Weise aus der Schar der Sterblichen hervorgehoben zu sein.“[16] Das Bewusstsein um seine Vorfahren prägte ihn für sein weiteres Leben. Er war sich bewusst über sein Tun und überzeugt, dass er eine besondere Aufgabe hatte. Die Herkunftsgeschichte der Goten verfasste der römische Staatsmann und Gelehrte Cassiodor aus gotischen mündlichen Überlieferungen wie Fabeln. In den Fabeln sei der „Nachweis“ gegeben der göttlich-heroischen Abstammung der Amaler.[17]

Theoderich wurde im Jahr 451 in Pannonien im heutigen Ungarn geboren und starb 526 in Ravenna in Italien. Eine andere Quelle nennt das Jahr 456, aber dies scheint weniger in Frage zu kommen, denn das historische Ereignis während seiner Geburt, war der Sieg der Amaler aus dem Stamm der Goten über die Hunnen in der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern. In der Überlieferung heißt es, dass er unehelich geboren sei. Als 8-jähriger Knabe kam er als Geisel nach Konstantinopel, um den Frieden der Goten mit den Römern sicher zu stellen und blieb dort bis 469. Seine griechische Erziehung in der Kinder- und Jugendzeit prägte ihn enorm. Er lernte schon frühzeitig die römische Herrschaftspraxis kennen. Eine umfassende Bildung wurde ihm zuteil, so dass er sich in römischen Kreisen bewegen konnte.[18] Während seiner Zeit als Geisel, hatte er Einblicke in die innen- und außenpolitischen Machtkämpfen zwischen Kaiser, Heerführern und barbarischen Stämmen. Er beobachtete, dass die Römer nicht unbedingt allen anderen Völkern in jeder Hinsicht überlegen waren.[19] Diese Erkenntnis mag ihn für spätere Entschlüsse wie den Italienfeldzug beeinflusst haben.

[...]


[1] Goltz, Barbar-König-Tyrann, S. 2

[2] Hecker, Herrscher, S. 8

[3] Várady, Epochenwechsel um 476, S. 9f.

[4] Borst, Alltag im Mittelalter, S. 24

[5] Ebd. S. 12

[6] Ebd. S. 52

[7] Kühne, Herrscherideal, S. 1/2

[8] Kleine, Studienbrief Soziale Ordnung durch Ungleichheit, S. 58f.

[9] Kohlhas-Müller, Rechtsstellung, S. 262 f.

[10] Boockmann, Einführung in die Geschichte des Mittelalters, S. 77 f.

[11] Kühne, Herrscherideal, S. 11

[12] Boockmann, Einführung in die Geschichte des Mittelalters, S. 82

[13] Goltz, König-Tyrann-Barbar, S. 51ff.

[14] Kohlhas-Müller, Rechtsstellung, S. 263f.

[15] Goltz, König-Tyrann-Barbar, S. 256

[16] Wolfram, Die Goten, S. 80

[17] Ebd. S. 17

[18] Ebd. S. 73ff.

[19] Ausbüttel, Theoderich der Große, S. 21f.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Theoderich der Große und sein Bild im Mittelalter
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften)
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
22
Katalognummer
V306325
ISBN (eBook)
9783668051195
ISBN (Buch)
9783668051201
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theoderich der Große, Dietrichsepen, Theoderichbild
Arbeit zitieren
Claudia Stosik (Autor), 2010, Theoderich der Große und sein Bild im Mittelalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306325

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