Ist Breyer P-Orridge ein Kunstwerk? Cut-up in der Industrial Szene


Essay, 2014
12 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Einleitung

Die Wahl der vorliegenden Thematik entspringt meinem Interesse für Cut-up als Kunstrichtung und literarisches Phänomen, sowie der Auseinandersetzung mit ihren Einflüssen auf die Industrial Culture die sich in unterschiedlichen Formen manifestieren. Den Kernpunkt meiner Abschlussarbeit zur Lehrveranstaltung „Körperpraktiken und Geschlechterinszenierungen - Industrial Culture“ stellt die Geschichte von Breyer P-Orridge als gemeinsames Projekt Neil Andrew Megsons und seiner Lebensgefährtin Lady Jaye dar. Insbesondere dessen Eigenschaften als Kunstprodukt, vor allem im Hinblick auf die Methoden des Cut-up und die Inspiration durch William S. Burroughs. Ich möchte die Motive und Beweggründe des Künstlerpaares mit den ursprünglichen Theorien Brian Gysins und William S. Burroughs vergleichen, die Bedeutung des Vorhabens als gesellschaftskritische Stellungnahme hervorheben und dessen Bezüge zur Industrial Szene beleuchten.

Die Ursprünge der Cut-up Technik finden sich bereits in den Zwanziger Jahren bei den Dadaisten, werden aber vor allem in Zusammenhang mit der literarischen Szene der frühen Sechziger Jahre erwähnt. Die beiden englischen Literaten Brion Gysin und William S. Burroughs zählen zu den bekanntesten Vertretern. Obwohl Gysin als ihr Entdecker gilt, ist es vorwiegend Burroughs der mit der Methode in Verbindung gebracht wird. Cut-up stellt einen der zahlreichen Einflüsse auf die Aktivitäten innerhalb der Industrial Culture dar und ist dort in verschiedenen Facetten zu finden. Sowohl die technische Ausführung, als auch die theoretischen Hintergründe der Schnitttechnik weisen Parallelen zur Industrial Szene auf.

Cut-up

Cut-up ist ein zunächst literarisches, schließlich auch film-, bild- und tonkünstlerisches Verfahren, das 1969 von Brion Gysin zufällig entdeckt wurde.

Dabei wird das Ausgangsmaterial in kleine Teile zerschnitten, um es dann in beliebiger Ordnung neu aneinander zu reihen. Vor allem die Beat Generation in der amerikanischen Literaturszene der Fünfziger Jahre wird mit der Schnitttechnik in Verbindung gebracht. Sigrid Fahrer führt die Popularität dieser im Grunde simplen Vorgehensweise vor allem auf ihren hohen ideologischen Gehalt zurück.1 Der wohl bekannteste Vertreter William S. Burroughs hat zahlreiche Romane und lyrische Werke unter Anwendung der Cut-up Technik veröffentlicht und diese durch Experimente und unterschiedliche Anwendungsmethoden im Laufe seines umfangreichen Schaffensprozesses stetig erweitert. Im Beat Hotel habe ihm Brian Gysin die Methode persönlich näher gebracht. Die nachhaltige Wirkung dieser zunächst humorvollen Entdeckung wurde mit Sicherheit durch die vorausgehende Diskussion der beiden verstärkt, dass die Literatur der Malerei gegenüber einen Rückstand von einem halben Jahrhundert aufzuholen habe. Cut-up als Collage mit Worten biete die Möglichkeit, eine aus der Malerei bekannte Technik auf die Literatur zu übertragen.2 Der Zufall und die moderne Montage spielen dabei eine große Rolle und sollen in literarische Entstehungsprozesse miteinbezogen werden. Das Ergebnis war eine „assoziative Erzählstruktur“, die für den/die Leser/in eine neuartige Form der Rezeption darstellt. Dadurch, dass an beliebiger Stelle in den Text eingestiegen werden kann, entwickelt sich dieser individuell. Interpretation und Perspektive unterscheiden sich bei jeder Rezeption voneinander. Gemeinsam haben Gysin und Burroughs auch mit der Anwendung dieser Technik bei Printmedien und Tonaufnahmen experimentiert. Ihre Idee war es, den einem Medium innewohnenden Inhalt zu entschlüsseln um so den wahren Sinn eines Textes herauszufinden. Mit seinen Worten "When you cut into the present the future leaks out." verweist Burroughs auf den Aspekt der Prophezeiung, welcher der Cut-up Technik in gewisser Form innewohnt.3 Weitere Fähigkeiten, die der Methode zugeschrieben werden, sind Sprachkritik, Magie und Bewusstseinserweiterung sowie ihre generelle Eignung, „die Menschen ins ‚Space Age’ zu geleiten.“4 Eine Orientierung an der Weltraumära wäre Burroughs Meinung nach die einzige Möglichkeit, um die Schwachstellen der menschlichen Spezies zu beheben, deren Ursprung er vor allem in der „Raum- und Zeitgebundenheit“, sowie in den „fehleranfälligen Systemen“ des Körpers und der Sprache sieht.5 Eine Überlegung, die im Folgenden auch im Zusammenhang mit Breyer P-Orridge von Bedeutung ist. Über die wissenschaftlich unzureichend erschlossene Methode des Cut-ups finden sich in der Forschungsliteratur verschiedene, teils gegensätzliche Definitionen. Vor allem das Maß an Eigenständigkeit und die Bedeutung als literarisches oder künstlerisches Verfahren führen zu einem unterschiedlichen Verständnis der Technik. Obwohl eine klare Abgrenzung zu anderen literarischen Methoden umstritten ist, werden dem Cut-up einige spezifische Merkmale zugeschrieben die ich im Folgenden kurz skizzieren werde. Dazu zählen der Zufallscharakter, die Intertextualität in Form von Kollaborationen, Genretravestien und der Integration von Fremdmaterial, sowie eine „Delinearität auf Mikro- und Makroebene“ die sich durch „fehlende Kohärenz in der syntaktischen Struktur“, den „Verzicht auf kausale Zusammenhänge und chronologische Abfolge“ äußert. Deshalb werden die Texte unter anderem als „offene Kunstwerke“ betrachtet, die in willkürlicher Abfolge gelesen werden können. Ein weiterer Charakterzug des Cut-ups und Gemeinsamkeit mit dem Industrial ist die Intermedialität.6

Ein anderes Merkmal, das die Technik mit dem Industrial verbindet ist das tiefe Misstrauen gegenüber gängiger Konventionen und manipulativer oder kontrollierender Instanzen der Gesellschaft. Diese Kritik äußert sich beim Cut-up insbesondere durch die Dekonstruktion gängiger Sprachproduktion. Der Aspekt des Zufalls in Form und Anordnung eines Textes führt zu neuartigen Wort- und Satzverbindungen, die einerseits die herkömmliche Sprachpraxis entlarven, und andererseits zur Aktivierung eines unberührten Sprach- und Bewusstseinspotenzial führen. Die „Reaktion auf die Einflüsterungen und Konditionierung der Medien, der Politik und der Gesellschaft“ verbindet Cut-up mit der Industrial Culture. Das trifft auch auf die Integration von Alltagsmaterial zu, welches verschiedenen Medien entnommen wurde.

Viele der dem Industrial zuzuordnenden Gruppen sind bemüht, die Cut-up Technik Brion Gysins auf ihre Musik zu übertragen. Cut-up bedient sich der „Time Axis Manipulation“. Dies kann unter anderem bedeuten, dass Töne um einen Halbton höher wiedergegeben werden als sie zuvor aufgenommen wurden.7 Was zuvor nur bei bewegten Bildern als Gestaltungsmittel genutzt wurde, gewinnt hiermit auch in der auditiven Welt an Bedeutung. Der Schnitt wird zum musikalischen und künstlerischen Stilmittel. Seine Rolle erlangt Autonomie und gelangt nicht nur der bloßen Verschönerung oder Korrektur wegen zum Einsatz.8 William Burroughs, der sich zunächst auf literarischer Ebene mit Cut-up beschäftigt, experimentiert schließlich auch mit akustischen Daten.

[...]


1 Vgl. Fahrer, Sigrid: Cut-up. Eine literarische Medienguerilla, S. 9.

2 Vgl. Fahrer, Sigrid: Cut-up. Eine literarische Medienguerilla, S. 26.

3 Vgl. http://briongysin.com/?category_name=cut-up (15.11.2014)

4 Fahrer, Sigrid: Cut-up. Eine literarische Medienguerilla, S. 9.

5 Fahrer, Sigrid: Cut-up. Eine literarische Medienguerilla, S. 31.

6 Vgl. Fahrer, Sigrid: Cut-up. Eine literarische Medienguerilla, S. 19.

7 Vgl. Fahrer, Sigrid: Cut-up. Eine literarische Medienguerilla, S. 20-21.

8 Vgl. Kittler, Friedrich A.: Film, Grammophon, Typewriter. Berlin 1986, S. 180-182.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Ist Breyer P-Orridge ein Kunstwerk? Cut-up in der Industrial Szene
Hochschule
Universität Wien  (Theater-, Film-, und Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Körperpraktiken und Geschlechterinszenierungen – Industrial Culture
Note
1
Autor
Jahr
2014
Seiten
12
Katalognummer
V306391
ISBN (eBook)
9783668043633
ISBN (Buch)
9783668043640
Dateigröße
970 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Cut-up, William S. Burroughs, Industrial Culture, Lady Jaye, Brian Gysin, Breyer P-Orridge
Arbeit zitieren
Katharina Hofmann (Autor), 2014, Ist Breyer P-Orridge ein Kunstwerk? Cut-up in der Industrial Szene, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306391

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