Häusliche Gewalt. Ausmaß und Risikofaktoren in heterosexuellen Intimpartnerschaften


Bachelorarbeit, 2015
47 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Gewaltbegriff
2.1 Begriffsbestimmung „Häusliche Gewalt“
2.2 Formen häuslicher Gewalt
2.3 Merkmale häuslicher Gewalt
2.4 Gewaltmuster

3 Prävalenz und Entwicklung der häuslichen Gewalt seit dem Jahre
3.1 Ausmaß und Entwicklung der häuslichen Gewalt anhand der PKS
3.2 Gewalt gegen Frauen im Kontext häuslicher Gewalt
3.2.1 Gewalt gegen Migrantinnen
3.2.2 Gewalt gegen Frauen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen
3.3 Gewalt gegen Männer im Kontext häuslicher Gewalt
3.4 Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Kontext häuslicher Gewalt

4 Ursachen und Risikofaktoren zur Entstehung häuslicher Gewalt
4.1 Soziostrukturelle Faktoren
4.2 Individuelle und beziehungsdynamische Faktoren

5 Fazit

6 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Die nachfolgende Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema der „Häuslichen Ge- walt“, einem Phänomen, das seit der Einführung des Gewaltschutzgesetztes in Deutschland im Jahre 2002 insbesondere die Polizei beschäftigt. Sie wird Tag für Tag mit Einsätzen, bei denen es zu Gewalt in der Familie kommt, konfron- tiert und muss Maßnahmen zum Schutz der Geschädigten treffen. Doch wie weit verbreitet ist dieses Phänomen sowohl national als auch interna- tional, wer sind die Betroffenen und gibt es Risikofaktoren, die die Entstehung häuslicher Gewalt begünstigen können?

Diese Fragen sollen in den nachfolgenden Kapiteln beantwortet werden. Dazu werden zunächst der Gewaltbegriff und anschließend der komplexe Begriff „Häusliche Gewalt“ mit allen Besonderheiten bestimmt, um so eine Ausgangsbasis für die nachfolgenden Erörterungen zu erhalten. Hierbei werden auch die verschiedenen Formen der Gewalt und die Gewaltmuster, in der sich die häusliche Gewalt äußern kann, erläutert.

Nach dieser allgemeinen Erörterung des Phänomens „Häusliche Gewalt“ wird dann anhand polizeilicher Kriminalstatistiken das Ausmaß bekanntgewordener Fälle häuslicher Gewalt dargestellt, bevor nachfolgend mithilfe wissenschaftli- cher Dunkelfeldstudien das Ausmaß der nicht offiziell bekanntgewordenen Fälle von Gewalt gegen Frauen, Männer und Kinder im häuslichen Kontext referiert wird. Dabei wird zudem auf zwei besonders belastete Personengruppen einge- gangen.

Darauf aufbauend werden verschiedene Risikofaktoren dargestellt und dahinge- hend untersucht, welcher Anteil ihnen bei der Entstehung von häuslicher Gewalt zukommt.

Abschließend werden die wichtigsten Ergebnisse der Arbeit noch einmal zusammengefasst und bezüglich ihrer empirischen Evidenz bewertet. Methodisch ist die Arbeit in Form einer Literaturstudie aufgebaut.

2 Der Gewaltbegriff

Um überhaupt einen Einblick darüber zu bekommen, was man unter dem Begriff der häuslichen Gewalt versteht, gilt es zunächst den in der Literatur seit Jahrzehnten viel diskutierten Gewaltbegriff aufzugreifen.

Fragt man auf der Straße Passanten was sie unter Gewalt verstehen, so wird jeder von ihnen eine persönliche Meinung zu diesem Thema haben. Doch versucht man eine einheitliche Definition aufzustellen, so gelangen selbst erfahrene Wissenschaftler schnell an ihre Grenzen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnet daher Gewalt als ein „…diffuses und komplexes Phänomen, das sich einer exakten wissenschaftlichen Definition entzieht und dessen Definition eher dem Urteil des Einzelnen überlassen bleibt“ (2003, S.5).

„Die Vorstellung von akzeptablen und nicht akzeptablen Verhaltensweisen und die Grenzen dessen, was als Gefährdung empfunden wird, unterliegen kulturellen Einflüssen und sind fließend, da sich Wertvorstellungen und gesellschaftliche Normen ständig wandeln“ (WHO, 2003, S.5).

Hierdurch wird eine große Problematik bei der Definition des Gewaltbegriffes deutlich. Es treten bezüglich der Empfindung von Gewalt deutliche kulturelle Unterschiede auf und auch die gesellschaftlichen Normen können sich von Generation zu Generation verändern.

„War körperliche Züchtigung in der Erziehung von Kindern im letzten Jahrhun- dert noch völlig normal, so ist heute im Gesetz das Recht von Kindern auf ge- waltfreie Erziehung (§ 1631 Abs. 2 BGB) festgeschrieben“ (Dlugosch, 2010, S.18). Festzuhalten bleibt demnach, dass es keinen weltweit einheitlichen Mo- ralkodex gibt.

Des Weiteren kommt es nach Heitmeyer & Hagan (2002, S.16 zitiert nach Dlugosch, 2010, S.18) auch darauf an, in welchem Bereich und für welchen Zweck der Gewaltbegriff definiert werden soll, da Juristen etwa zu einer engen grenzziehenden Festlegung gelangen, um justiziable Straftatbestände zu schaffen, aber das Phänomen Gewalt in der sozialen Realität sozialwissenschaftlich betrachtet immer mehrdimensional zu verstehen ist.

Um dennoch zu einem einvernehmlichen Verständnis der Problematik zu kommen, hat sich die WHO (2003, S.5f.) die Aufgabe gestellt, Gewalt so zu definieren, dass der Begriff die gesamte Bandbreite der Täterhandlungen und die subjektive Erfahrung der Opfer einschließt, ohne den Begriff so zu verwässern, dass er seinen Sinn verliert, oder ihn so weit zufassen, dass er alle Fälle des täglichen Lebens als krankhaft einstuft. Die Definition lautet wie folgt:

„Der absichtliche Gebrauch von angedrohtem oder tatsächlichem körperlichem Zwang oder physischer Macht gegen die eigene oder eine andere Person, gegen eine Gruppe oder Gemeinschaft, der entweder konkret oder mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Verletzungen, Tod, psychischen Schäden, Fehlentwicklung oder Deprivation führt“ (WHO, 2003, S.6).

Diese Definition umfasst neben der Gewalt gegen die eigene Person und der kollektiven Gewalt auch die zwischenmenschliche Gewalt. Unter letztgenannter wird auch die Gewalt in der Familie gefasst, die in der vorliegenden Arbeit be- handelt wird. Ein Punkt, der hierbei besonders wichtig für die Betrachtung der Gewalt in der Familie ist, ist das die Definition nicht ausschließlich physische Gewalt erfasst, sondern auch psychische Gewalt in Form von Beleidigungen, Drohungen oder Einschüchterungen mit einschließt und das nicht nur offensicht- liche Verletzungen, wie beispielsweise Platzwunden oder Hämatome, sondern auch die weniger offensichtlichen Folgen der Gewalt, wie beispielsweise psy- chische Schäden oder Fehlentwicklung, erfasst werden.

2.1 Begriffsbestimmung „Häusliche Gewalt“

Wie schon beim bereits angesprochenen Gewaltbegriff, gehen auch beim Begriff der „Häuslichen Gewalt“ die Meinungen weit auseinander. Bisher konnte keine Einigung über eine bundeseinheitliche Definition erzielt werden.

Der Begriff „Häusliche Gewalt“ wurde aus dem Englischen übernommen und wird dort als „domestic violence“ oder „family violence“ beschrieben. In der deutschen Literatur findet man ihn heute auch unter Synonymen wie „Gewalt im sozialen Nahraum“ oder „Gewalt in der Partnerschaft“.

Lamnek, Luedtke & Ottermann (2006, S.102) bezeichnen in einer weit gefassten Definition häusliche Gewalt, als „Gewalt unter Personen, die intim oder eng verwandt sind und ständig oder zyklisch zusammen wohn(t)en.“

Unter diese Definition fällt folglich jegliche Art von Gewalt, die sich innerhalb von familiären oder verwandtschaftlichen Beziehungen abspielt, doch es wird nicht deutlich, unter welchen konkreten familiären Umständen eine häusliche Gewalt vorliegt und wann eben nicht mehr. Das Innenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen geht in seiner Begriffsbestimmung äußerst konkret auf diese Umstände ein.

„Häusliche Gewalt wird angenommen, wenn es in einer häuslichen Gemeinschaft, ehelicher oder - unabhängig von der sexuellen Orientierung - nicht ehelicher Art oder sonstiger Art (z.B. Mutter/Sohn; Seniorenwohngemeinschaft), die entweder noch besteht (z.B. Täter und Opfer leben in einer gemeinsamen Wohnung oder ver- fügen bei bestehender Lebensgemeinschaft über unterschiedliche Meldeanschriften) oder in Auflösung befindlich ist (z.B. Beginn eines Trennungsjahres mit oder ohne Auszug aus der gemeinsamen Wohnung; auch bei nichtehelicher Beziehung mit oder ohne Auszug aus der gemeinsamen Wohnung) oder seit einiger Zeit aufgelöst ist (z.B. laufendes Trennungsjahr mit getrennten Wohnungen, wobei gewisse Gemein- samkeiten oder Kontakte noch fortbestehen; gemeinsames Sorgerecht für Kinder, geschäftliche Abwicklungen bereits geschiedener Eheleute, die vor rechtskräftigem Abschluss des Verfahrens noch Kontakte unterhalten, ohne in einer gemeinsamen Wohnung zu leben) zur Gewaltanwendung kommt“ (Innenministerium NRW, 2002, S.12-13).

In dieser äußerst umfangreichen Begriffsbestimmung wird deutlich, unter welchen Voraussetzungen eine häusliche Gewalt gegeben ist. Besonders wichtig ist hierbei, dass eine häusliche Gewalt auch dann noch vorliegen kann, wenn Täter und Opfer nicht mehr zusammen sind oder auch nicht mehr zusammen leben. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass die Tatbegehung nicht zwingend in der Wohnung stattfinden muss, sondern auch an öffentlichen Orten verübt werden kann und trotzdem als häusliche Gewalt verstanden wird.

Allerdings bleibt bisher noch offen, welche Formen der Gewaltanwendung man unter der häuslichen Gewalt versteht. Auf diese Formen geht die Definition des Berliner Interventionsprojekts gegen häusliche Gewalt (BIG e.V.) ein.

„Der Begriff häusliche Gewalt umfasst die Formen der physischen, sexuellen, psy- chischen, sozialen und emotionalen Gewalt, die zwischen erwachsenen Menschen stattfindet, die in nahen Beziehungen zueinander stehen oder gestanden haben. Das sind in erster Linie Erwachsene in ehelichen und nicht-ehelichen Lebensgemein- schaften aber auch in anderen Verwandtschaftsbeziehungen“ (zitiert nach Rabe, 2006, S.125).

In dieser Definition wurden nun erstmals die verschiedenen Formen, in der sich die häusliche Gewalt äußern kann, genannt. Problematisch hieran ist allerdings der Punkt, dass sich die Definition lediglich auf Gewalt zwischen erwachsenen Menschen bezieht und die Gewalt an Kindern, Gewalt von Kindern gegen ihre Eltern und die Gewalt zwischen Geschwistern, völlig ausklammert.

Nach Lamnek, Luedtke, Ottermann & Vogl (2012, S.133) wird alleine schon das Wahrnehmen der Gewalt zwischen den beiden Elternteilen als psychische Gewalt für das Kind interpretiert. Dieses Problem löst Jungbauer (2014, S.145) in seiner Definition, indem er von verschiedenen Formen der Gewaltanwendung zwischen Familienmitgliedern spricht.

Durch die verschiedenen Definitionen ist deutlich geworden, dass das Phänomen der häuslichen Gewalt viele Facetten hat und nicht so einfach zu beschreiben ist, wie man es sich auf den ersten Blick vorstellt. Die Problematik, eine einheitliche Definition zu finden, beschäftigt auch die Wissenschaft und macht das Erfor- schen dieses Phänomens nicht leichter, da aufgrund der Uneinigkeit über den eigentlichen Begriff und was darunter gezählt wird, viele Studien deutlich er- schwert werden.

2.2 Formen häuslicher Gewalt

Wie zuvor beschrieben äußert sich häusliche Gewalt in verschiedenen Gewaltformen, die sowohl einzeln als auch gemeinsam auftreten können. Diese werden im Folgenden kurz erläutert.

Physische Gewalt

Unter der physischen Gewalt versteht man körperliche Übergriffe in Form von Schlagen, Treten, Beißen oder Würgen. In schwerwiegenden Fällen kann die Anwendung dieser Art von Gewalt allerdings bis hin zu Tötungsdelikten führen. Die physische Gewalt ist die Form von Gewalt, die der Großteil der Gesellschaft der häuslichen Gewalt zuordnet. Dies liegt zum einen daran, dass sie für Außen- stehende am offensichtlichsten zu erkennen ist und zum anderen daran, dass viele Menschen andere Formen der Gewalt gar nicht erst als solche einstufen. Physische Gewalt wird in den meisten Fällen nicht als einzige Form der Gewalt angewendet, sondern tritt in Kombination mit anderen, der nachfolgenden Formen der Gewalt, auf.

Psychische Gewalt

Die psychische Gewalt ist vor allem dadurch charakterisiert, dass sie sich im Gegensatz zur physischen Gewalt, extrem schwer nachweisen lässt. Dies liegt daran, dass sie keine körperlich sichtbaren Spuren der Gewalt hinterlässt, son- dern die Verletzungen auf die Psyche schlagen und sich folglich im Inneren des Körpers abspielen.

Gerade die Bandbreite an Handlungen, die als psychische Gewalt empfunden werden, ist besonders hoch und weitläufig. Zum einen fallen natürlich die Straf- tatbestände in Form von Bedrohungen, Nötigung, Freiheitsberaubung oder Nachstellung darunter. Zum anderen werden nach dem Eidgenössischen Depart- ment des Inneren (EDI) (2014a, S.3f.) darunter auch Formen verstanden, die für sich allein genommen keine unmittelbare Bedrohung darstellen, die aber durch ihre Häufigkeit als Gewaltanwendung bezeichnet werden müssen. Hierunter fal- len beispielsweise diskriminierende Gewalt wie Missachtung, Beleidigung, De- mütigung, Bloßstellen oder das Benutzen der Kinder als Druckmittel.

„Auch gewisse „indirekte“ Gewalterfahrungen werden unter psychischer Gewalt subsummiert, so z.B. das Miterleben von Gewalt in der elterlichen Paarbezie- hung oder die Tierquälerei von Haustieren des Opfers“ (EDI, 2014a, S.3f.).

Die andauernde Erfahrung dieser Form der Gewalt kann bei den Opfern zum Teil gravierende Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl und das körperliche Wohlbefinden haben. Die psychischen Folgen können nach Jungbauer (2014, S.145f.) von Schuldgefühlen über Depressionen bis hin zu Suizidgedanken füh- ren. Als psychosomatische Folgen können Beschwerden in Form von Migräne, Magenschmerzen oder Schlafstörungen auftreten. Das Ertragen der psychischen Gewalt ist für die Opfer meistens sogar noch schlimmer, als die offensichtlichen Verletzungen an ihrem Körper.

Sexuelle Gewalt

Die sexuelle Gewalt reicht nach dem EDI (2014a, S.3) vom sexistischen Bloßstellen bis hin zum Zwang sexuelle Handlungen zu dulden oder gar zur Vergewaltigung. Diese Art der Gewalt stellt für die Opfer eine besondere Demütigung dar und wird auch deshalb eher selten zur Anzeige gebracht.

Soziale Gewalt

Zur Ausübung dieser Gewalt zählt die Einschränkung des sozialen Lebens des Opfers. Hierbei wird das Opfer bevormundet, möglicherweise sogar zu Hause eingesperrt und der Kontakt zu Freunden und Familie streng kontrolliert oder verboten, um nicht am sozialen Leben teilnehmen zu können (EDI, 2014a, S.4).

Ökonomische Gewalt

Durch die ökonomische Gewalt soll beim Opfer eine finanzielle Abhängigkeit vom Täter erzielt werden. Dies kann beispielsweise durch Arbeitsverbote oder Zwang zur Arbeit, wie auch durch die Beschlagnahme des Lohnes oder die alleinige Kontrolle über finanzielle Ressourcen, geschehen.

„Soziale und ökonomische Gewalt sind Ausformungen psychischer Gewalt und stellen Verhaltensweisen dar, die in ihrer Gesamtheit darauf abzielen, das Ver- halten des Opfers zu kontrollieren und seinen freien Willen einzuschränken“ (IST Manual 2012; Bossart 2002; Fachstelle für Gleichstellung 2011 zitiert nach EDI, 2014a, S.4).

2.3 Merkmale häuslicher Gewalt

Wie in der Begriffsbestimmung zur häuslichen Gewalt schon deutlich geworden ist, handelt es sich bei der häuslichen Gewalt um eine äußerst komplexe und vielschichtige Art der Gewalt. Zum besseren Verständnis und zur Abgrenzung zu anderen Gewalthandlungen werden nun verschiedene Merkmale und Besonderheiten, die bei einer häuslichen Gewalt auftreten, dargestellt. Das EDI (2014a, S.2) nennt hierzu einige Hauptmerkmale:

- Die gewaltausübende Person und das Opfer sind emotional miteinander ver- bunden und das in den meisten Fällen auch noch über die Trennung hinaus.
- In den meisten Fällen ist die eigene Wohnung der Tatort. Diese Tatsache ist besonders für die Opfer sehr belastend, da sie ihren privaten Lebensbereich eigentlich als Ort der Sicherheit und Geborgenheit verstehen.  Die körperliche und/oder psychische Integrität wird durch Androhung oder Ausübung der verschiedenen Gewaltformen verletzt.
- Häusliche Gewalt entsteht nicht von heute auf morgen und ist in den meisten Fällen keine einmalige Sache, sondern erstreckt sich über einen längeren, unbestimmten Zeitraum und nimmt mit der Zeit häufig an Intensität zu. (Bei Bekanntwerden solcher Delikte wird von der Polizei eine Gefahrenanalyse gefertigt.)
- Es besteht in den meisten Fällen ein Machtgefälle zwischen der gewaltaus- übenden Person und dem Opfer. Bei Gleichberechtigung beider Partner ist die Gewaltgefährdung am geringsten.

Krampen (2014, S.73) unterscheidet darüber hinaus

„…die rechtliche Bedeutung der Familiengewalt in den meisten Gesellschaften von den anderen Formen der durchgängig strafrechtlichen sanktionierten Gewalt, da je nach kulturellem und gesellschaftlichem Kontext manche intrafamiliären Gewaltformen etwa als hilfreich oder gar notwendig (etwa bestimmte „leichtere“ körperliche Bestrafungen von Kindern), als typisch oder zu tolerieren (wie etwa Gewalt unter Geschwistern oder emotionale Gewalt gegen Frauen aufgrund der wirtschaftlichen Überlegenheit eines Partners) betrachtet werden und strafrechtlich nicht verfolgt, also weder gesellschaftlich noch sozial geächtet werden.“

Anhand der aufgeführten Merkmale und Unterschiede zu anderen Gewaltarten wird deutlich, welche Problematik sich für die Betroffenen von häuslicher Ge- walt ergibt. Es ist für sie, insbesondere aufgrund der starken emotionalen Bin- dung und der allgemeinen familiären Situation, besonders belastend und schwer einen Ausweg aus dieser Situation zu finden. Auch die Tatsache, dass die Gewalt in der Gesellschaft zum Teil als typisch oder tolerierbar abgetan wird, kann die Betroffenen noch zusätzlich verunsichern und somit ihr Selbstwertgefühl noch weiter verringern, so dass es auch zu einer Sekundärviktimisierung kommen kann.

2.4 Gewaltmuster

Bei den Merkmalen zur häuslichen Gewalt wurde bereits deutlich, dass in den meisten Fällen ein Machtgefälle zwischen der gewaltausübenden Person und dem Opfer besteht. Allerdings bedeutet dies auch, dass sich die häusliche Gewalt auch anders äußern kann. Hierbei wird in der Literatur zwischen „spontanem oder situativ übergriffigem Konfliktverhalten“ und „systematischem Gewalt- und Kontrollverhalten“ unterschieden. Die Begriffe leiten sich dabei von den englischen Mustern „intimate terrorism“ und situational couple violence“ ab (Gloor & Meier, 2012, S.7).

„Johnson beschreibt das analytische Konzept «systematisches Gewalt- und Kon- trollverhalten» als ein übergreifendes Muster von unterschiedlichsten kontrollie- renden Verhaltensweisen, die sich darauf ausrichten, die Beziehung und das Ge- genüber zu bestimmen, in der Selbstbestimmung einzuschränken und eigene (Dominanz-) Ansprüche durchzusetzen“ (Gloor & Meier, 2012, S.9).

Bei diesem Gewaltmuster ist es also das Ziel der gewaltausübenden Person, die absolute Kontrolle über sein Opfer zu haben. Die einzelnen Formen der Gewalt werden hierbei systematisch angewandt, um das Opfer in seinem freien Willen einzuschränken und vollkommen gehorsam zu machen. Als Folge daraus ergibt sich ein asymmetrisches, missbräuchliches Beziehungsverhältnis (EDI, 2014a, S.5).

Das Gewaltmuster des situativ übergriffigen Konfliktverhaltens kennzeichnet sich hingegen dadurch, dass die Personen hierbei durch physische oder psychi- sche Gewalt auf ein konkretes, konfliktives Ereignis reagieren. Ausmaß und Häufigkeit der Übergriffe können dabei zwischen geringer bis schwerer körper- licher Gewalt und zwischen seltenem bis häufigem Auftreten variieren.

„Die entsprechenden Theorien gehen davon aus, dass Konflikte in Familien oder Paarsystemen früher oder später in Erscheinung treten“ (Gloor & Meier, 2012, S.11). Die Gründe für solche Situationen können weitreichend sein und kumu- liert auftreten. Beispielsweise allgemeine Frustration durch Arbeitslosigkeit, Stress auf der Arbeit, gesundheitliche Probleme oder plötzlich eintretende Schicksalsschläge.

Kennzeichnend ist allerdings, „… dass sich die Beteiligten - trotz des situativ übergriffigen Konfliktverhaltens von der einen und/oder der andern Person - grundsätzlich als ebenbürtig und eigenständig/selbstständig wahrnehmen“ (Gloor & Meier, 2012, S.11) und eben kein Machtgefälle und einseitiges Dominanzverhalten zwischen den Beteiligten besteht.

Wenn es sich nun allerdings dahingehend entwickelt, dass Übergriffe vermehrt von der einen Person gegen die andere begangen werden und sich infolgedessen die Dominanz zugunsten einer Person herauskristallisiert, geht das situativ übergriffige Konfliktverhalten in das systematische Gewalt- und Kontrollverhalten über. Es wird also deutlich, dass sich diese beiden Muster im Alltag nicht immer zweifelsfrei identifizieren lassen.

Auch aufgrund der Unterscheidung der beiden Gewaltmuster, können unterschiedliche Ergebnisse in Studien zum Ausmaß der Betroffenheit von Frauen und Männern von häuslicher Gewalt entstehen. Betrachtet man häusliche Gewalt eher als situativ übergriffiges Konfliktverhalten, sind Männer und Frauen in etwa gleich häufig betroffen. Wird häusliche Gewalt dagegen als systematisches Gewalt- und Kontrollverhalten erfasst, so sind bei diesem Gewaltmuster deutlich häufiger die Frauen betroffen (EDI, 2014a, S.5).

3 Prävalenz und Entwicklung der häuslichen Gewalt seit dem Jahre 2002

Das Phänomen der häuslichen Gewalt hat sich nach van Anken (2009, S.77) seit Beginn der Frauen- und Kinderschutzbewegung Anfang der siebziger Jahre in der Gesellschaft als soziales Problem etabliert. Seit dieser Zeit hat das Thema auch das Interesse der Wissenschaft auf sich gezogen, und es erregt bis heute ungebrochen weltweit immer mehr Aufsehen.

In dieser Arbeit soll nur auf die Prävalenz und Entwicklung der häuslichen Ge- walt seit dem Jahre 2002 eingegangen werden, da es in diesem Jahr in Deutsch- land zur Einführung des Gewaltschutzgesetztes gekommen ist, welches für die Polizei bedeutende Änderungen in der Verfolgung von Straftaten im privaten Raum und bessere Handlungsalternativen zum Schutz der Betroffenen mit sich brachte. Zudem werden erst seit diesem Zeitpunkt in den einzelnen Bundeslän- dern offizielle Zahlen zur Häufigkeit von häuslicher Gewalt von der Polizei er- fasst.

Zunächst soll in diesem Abschnitt nur auf die der Polizei bekannt gewordenen Fälle von häuslicher Gewalt eingegangen werden, um zu verdeutlichen, wie oft die Polizei mit diesem Phänomen konfrontiert wird. Hierbei handelt es sich um das sogenannte Hellfeld der häuslichen Gewalt, welches in der Polizeilichen Kriminalstatistik des Bundes und der Länder (PKS) statistisch erfasst wird. Im Anschluss daran soll anhand verschiedener Dunkelfeldstudien belegt werden, dass das Ausmaß häuslicher Gewalt noch weitaus höher ausfällt, als nach den Hellfelddaten anzunehmen ist. Darüber hinaus soll geklärt werden, welche Personengruppen in welchem Maße betroffen sind.

3.1 Ausmaß und Entwicklung der häuslichen Gewalt anhand der PKS

Da es wie bereits angesprochen keine bundeseinheitliche Definition zur häusli- chen Gewalt gibt, führt das Bundeskriminalamt (BKA) die häusliche Gewalt in der PKS nicht als eigenes Delikt auf. Auch die Opfer-Tatverdächtigen-Bezie- hung war bis 2011 nur auf die Begehung von Straftaten von Tatverdächtigen aus der Verwandtschaft ausgelegt. Erst seit Anfang des Jahres 2011 werden in der PKS auch Lebenspartner als Tatverdächtige erfasst. Im Folgenden wird deshalb zunächst kurz auf die Tatverdächtigen aus der Verwandtschaft eingegangen, be- vor es zur Spezialisierung auf die Tatverdächtigen aus der Partnerschaft kommt.

Bei der Betrachtung der PKS des BKA von 2002-2013 wird mehr als deutlich, dass vor allem bei Tötungsdelikten Verwandte gravierend oft als Tatverdächtige in Erscheinung treten. Laut der PKS von 2002 (BKA 2003, S.62) wurde bei 1.061 weiblichen Opfern von vollendeten und versuchten Tötungsdelikten zu 46,5% ein Verwandter als Tatverdächtiger erfasst. Die Zahl ist bei den 412 vollendeten Tötungsdelikten mit 52,4% sogar noch gravierender.

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Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Häusliche Gewalt. Ausmaß und Risikofaktoren in heterosexuellen Intimpartnerschaften
Hochschule
Fachhochschule für öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen; Duisburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
47
Katalognummer
V306408
ISBN (eBook)
9783668043732
ISBN (Buch)
9783668043749
Dateigröße
999 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Häusliche Gewalt, Kriminalstatistik, Dunkelfeldstudien, Gewalt gegen Frauen, Gewalt gegen Männer, Gewalt gegen Kinder, Gewalt gegen Migrantinnen
Arbeit zitieren
Philipp Lorenz (Autor), 2015, Häusliche Gewalt. Ausmaß und Risikofaktoren in heterosexuellen Intimpartnerschaften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306408

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