Ulrich von Liechtenstein und seine Boten im „Frauendienst“. Verhältnis der Macht oder Freundschaft?


Seminararbeit, 2015

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Begriff der Freundschaft

3. Funktion des Boten in der Minnelyrik

4. Die Boten im „Frauendienst“
4.1 Die niftel
4.2 Der Bote der Dame
4.3 Ulrichs zweiter Bote: der Knappe

5. Die Macht des Boten

6. Freundschaft der Boten und Ulrichs
6.1 Die Freundschaft der Boten
6.2 Die Freundschaft Ulrichs

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der ‚ Frauendienst’ entstand im Jahr 1255 und wurde verfasst von Ulrich von Liechtenstein, „der Don Quijote des höfischen Minnedienstes“.[1] Es ist der erste Ich-Roman in mittelhochdeutscher Sprache und erzählt von dem Leben, den Abenteuern und im Besonderen den beiden Minnediensten des Ritters Ulrich von Liechtenstein.[2]

Der Protagonist Ulrich von Liechtenstein, unfähig dazu selbst die Kommunikation mit seiner ersten vrowe aufzubauen, war darauf angewiesen, sich auf die Dienste seiner Boten verlassen zu können, welche als Nachrichtenübermittler für ihn fungierten. Dabei musste er darauf vertrauen, dass seine Boten zum einen die von ihm aufgetragene Nachricht unverfälscht der Dame überbrachten als auch, dass mündliche oder schriftliche Antworten an ihn zurücküberbracht wurden. Dies setzt ein großes Vertrauensverhältnis zwischen Ulrich und seinen, im Laufe des Frauendienstes, auftretenden Boten voraus. Es stellt sich deshalb die Frage, welche Beziehung zwischen Ulrich von Liechtenstein und seinen Boten herrscht. Ist es Freundschaft oder Abhängigkeit und welche Position nimmt der Bote selbst ein. Betrachtet er sich als einen Freund Ulrichs oder nutzt er die Macht, die er über ihn hat, für eigene Zwecke aus? Die zentrale Frage dieser Arbeit behandelt somit das Verhältnis der Boten zu Ulrich, handelt es sich um ein Machtverhältnis oder um Freundschaft?

Die folgende Arbeit beschäftigt sich deshalb mit dem besonderen Verhältnis zwischen Ulrich von Liechtenstein und seinen über den im ersten Teil des ‚ Frauendienst’ auftretenden Boten. Der Bote, welcher ihn während seiner Zeit als Venus erreicht, soll in dieser Arbeit unerwähnt bleiben, da er auf die Fragestellung keinen Einfluss hat. Ebenfalls vernachlässigt wird außerdem der Bote als Nachrichtenübermittler im zweiten Dienst, „ weil souveränen Dienst für eine Dame, die Ulrichs Werben mit Gegenliebe beantwortet“.[3]

Als wichtig erachte ich jene Boten, die während seines Werbens um die erste vrowe auftreten. Diese wären im Speziellen zum einen die niftel, welche als erste Botin in Ulrichs Diensten auftaucht. Darauffolgend soll auf den Boten der Dame eingegangen werden und als letztes möchte ich mich dem, meiner Meinung nach interessantesten und auch wichtigsten Boten Ulrichs widmen, dem Knappen, der ebenfalls den Namen Ulrich trägt.

Zunächst möchte ich mich jedoch dem Begriff der Freundschaft widmen, um eine Grundlage für die Herausarbeitung des Verhältnisses zwischen Ulrich und seinen Boten zu schaffen.

Dazu sollen einige Definitionen zur Freundschaft erwähnt werden, die im weiteren Verlauf der Arbeit eine Hilfestellung zur Beantwortung der Frage, ob es sich bei dem Verhältnis zwischen Ulrich und seinen Boten um Freundschaft oder Macht handelt, sein sollen.

Im nächsten Kapitel soll eine Betrachtung der Funktion des Boten in der Minnelyrik folgen. Hierbei wird im Speziellen auf die Vertrauensbasis und auch auf das Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Übermittler der Nachrichten und in diesem Falle Ulrichs eingegangen, da ohne diesen eine Kommunikation zwischen Ulrich und seiner Dame nicht möglich gewesen wäre.

Anschließend werden, wie bereits erwähnt, die für die Fragestellung wichtigen Boten genauer betrachtet.

Das fünfte Kapitel beschäftigt sich mit der Frage, ob die verschiedenen Boten die Situation für sich ausnutzen und über Ulrich eine Macht ausüben. Hierzu soll auf verschiedene, oft prekäre Situationen während der Botendienste und Momente eingegangen werden, in denen die Boten aus ihrer Rolle fallen und eigenständig, ohne Rücksprache mit Ulrich, handeln.

Im Folgenden möchte ich mich noch kurz mit der Frage beschäftigen, ob es von Seiten Ulrichs eine Freundschaft zu seinen Boten gegeben hat, oder ob er diese nur für seine Zwecke und zu seinem eigenen Vorteil nutzt.

Abschließend wird ein Fazit zu der Frage gezogen, ob es sich um Freundschaft handelt, welche von den Boten ausgeht oder ob diese ihre Position und die sich daraus ergebende Macht gegenüber Ulrich ausnutzen.

Minneproblematik und die traditionelle und langwährende Fokussierung auf das Beziehungssystem der Verwandtschaft führte zu einer Vernachlässigung anderer Bindungsformen, ausgenommen Ehe und Liebe. In der Forschung steht nach wie vor die Familie und die Verwandtschaft im Zentrum des Interesses.

Schuster schlägt jedoch einen anderen Weg ein und urteilt: „Freundschaft, nicht Verwandtschaft konstituierte Solidarität, wechselseitige Hilfe und Unterstützung. Insofern wurde im Mittelalter der Freundschaft die höhere Qualität und innigere Form zugewiesen.“.[4]

Auch im Bezug auf das Werk von Liechtensteins verhält es sich mit den Forschungsergebnissen sehr ähnlich. Es gibt viele Autoren, die sich mit dem Minnedienst von Ulrich zu seiner ersten vrowe beschäftigen. In den Untersuchungen zur mittelalterlichen Literatur finden auch die einen gewissen Grad an Aufmerksamkeit. Jedoch erwies es sich als schwierig, Literatur über das besondere Verhältnis zwischen den Boten und Ulrich zu finden.

2. Zum Begriff der Freundschaft

Bei Freundschaft denkt man an ein Verhältnis zueinander, welches auf gegenseitiger Zuneigung beruht und gekennzeichnet ist von Vertrauen und Sympathie. Freundschaft ist eine enge geistige Beziehung und es sollte im Idealfall eine Übereinstimmung in den Idealen, im Welt- und Menschenbegreifen vorhanden sein. Die Gleichheit spielt in der Freundschaft eine zentrale Rolle. Sie beruht außerdem stets auf Freiwilligkeit und folgt keinen festen Regeln. Freunde sind Menschen die man gerne hat und mit denen gemeinsam bestimmte Dinge unternommen werden. In der wissenschaftlichen Literatur erhielt der Begriff der Freundschaft über die verschiedenen Jahrhunderte ein unterschiedliches Maß an Aufmerksamkeit.

Nach Friese kann Freundschaft als „persönliche und soziale Bindung und eine historische Praxis“[5] bestimmt werden, „die einmal Subjektivität [...] konstituiert, die aber auch moralisch-ethische Verhaltensanforderungen einschließt und damit sowohl partikulare als auch universalistische Merkmale umfaßt.“[6] Tenbrock beschreibt Freundschaft, als eine persönliche Beziehung, welche im Gegensatz zu einer unpersönlichen Zweck- und Leistungsbeziehung steht. Freundschaft beruht auf Freiwilligkeit und ist nur wenig sozial standardisiert.[7] Familie kann somit als ein Pendant zu einer Freundschaft betrachtet werden, da diese sozialen Regeln unterliegt. Als sehr treffend im Hinblick auf die zentrale Frage mit der sich diese Arbeit im weiteren Verlauf beschäftigen soll, betrachte ich die Definition zu Freundschaft nach Lytle:

„One the one hand, friendship was an intensely private devotion, even identification, with another person, with no thought or gain or self-interest involved. On the other hand, friendship was public, utilitarian, calculating – support sought from a patron or offered to a client.“[8]

Trotz aller Definitionen über den Begriff der Freundschaft hat das Phänomen in der Forschungsliteratur über das Mittelalter jedoch längst nicht die nötige Aufmerksamkeit erhalten wie es die Liebe, Ehe und die verwandtschaftlichen Verhältnisse es tun. Vor allem die Frage danach, ob zwischen Ulrich von Liechtenstein und seinem Boten eine freundschaftliche Beziehung geherrscht hat, wurde meines Erachtens bisher vernachlässigt.

3. Funktion des Boten in der Minnelyrik

In der Minnelyrik hat der Bote die Funktion des Überbringers von Mitteilungen übernommen. Darüber hinaus dient er als Ansprechpartner für den Liebenden, welcher ihm sein Leid über die unerwiderten Gefühle klagen kann. Die Vorstellung des Übermittlers wird somit um die Funktion des Zuhörers erweitert. Göhler spricht dem Boten außerdem die Funktion zu, die riskante Unmittelbarkeit der Begegnung der Partner zu vermeiden, auf der anderen Seite schafft er einen Ersatz für das Aussprechen der Empfindungen.[9] Der Bote ist vertrauter Vermittler bürgt gleichzeitig dafür, dass die heimlich zu haltende Kommunikation nicht an die Öffentlichkeit gerät.

Durch seine oftmals prekäre Lage als Übermittler von Nachrichten, ist davon auszugehen, dass ein gewisses Maß an Vertrautheit auf der Seite des Herrn, bzw. der Dame, vorhanden sein muss. Wenzel sagt dazu, dass zur Botschaftsübermittlung Boten Vorrang haben, die dem Auftraggeber eng verbunden sind, die ihn dem Worte und dem Geiste nach und vielfach auch durch Ausstattung und Auftreten vertreten können.[10]

In Bezug auf Ulrich muss es sich hierbei um die gleiche Vertrautheit wie zu seinem Schreiber und Vorleser handeln, da das Abhängigkeitsverhältnis dasselbe ist. Ohne die Boten und Schreiber wäre es ihm nicht möglich, Botschaften an seine vrowe zu übermitteln und Botschaften von ihr zu erhalten. Er selbst ist des Schreibens und Lesens nicht mächtig, weshalb er auf die vollkommene Zuverlässigkeit seines Schreibers angewiesen ist, von dem zu erwarten ist, dass er das von Ulrich diktierte Wort genau in die Schrift überträgt und das geschriebene Wort der Dame an Ulrich unverfälscht weitergibt. Jedoch wird diesem im Verlauf des Frauendienstes keine weitere Beachtung geschenkt. Der Schreiber erscheint als Vorleser nur im Zusammenhang mit dem ersten Büchlein. Weitere Schreibdienste werden nicht erwähnt. Im Gegensatz dazu gibt es auffällig viele Auftritte von Boten. Ohne diese gelänge es Ulrich nicht, die Distanz zu seiner vrowe zu überwinden, da ihm selbst die mündliche Kommunikation zu ihr nicht gelingen mag.

[...]do daz geschah,

diu reine, süeze mich an sach.

von ir ansehen min lip erschrac,

daz ich et aber swigens pflac;

der minnen kraft mir alzehant

den minen munt zesamen bant. (Str. 125, 3-8)[11]

[...]


[1] Gustav Könnecke, Ulrich von Liechtenstein, in: Gustav Könnecke (nach den Quellen bearb.), Bilderatlas zur Geschichte der deutschen Nationalliteratur: eine Ergänzung zu jeder deutschen Literaturgeschichte, Marburg 1895, S. 68.

[2] Wenn im Folgenden nur der Vorname Ulrich genannt wird, ist damit der Protagonist Ulrich von Liechtenstein genannt.

[3] Karina Kellermann, Kommunikation und Medialität. Ulrichs von Liechtenstein Frauendienst als mediales Labor, in: Sandra Linden (Hg.), Ulrich von Liechtenstein. Leben-Zeit-Werk-Forschung, Berlin, 2010, S. 247-248.

[4] Peter Schuster, Familien- und Geschlechterbewußtsein im spätmittelalterlichen Adel, in: Giuseppe Albertoni, Gustav Pfeifer (Hgg.), Adelige Familienformen im Mittelalter/Strutture di famiglie nobilitari nel Medioevo. Geschichte und Religion/Storia e regione. Wien, Innsbruch, 2003. S. 21.

[5] Vgl. Friese, zitiert nach Caroline Krüger, Freundschaftskonzepte und Freundschaftspraxis als Teil der Kulturgeschichte, in: Caroline Krüger (Hg.), Freundschaft in der höfischen Epik um 1200: Diskurse von Nahbeziehungen. Berlin 2011, S. 4.

[6] Ebd. S. 4-5.

[7] Vgl. Tenbrock, zitiert nach Kerstin Seidel, Freunde finden: Probleme mit einer sozialen Beziehung, in: Kerstin Seidel (Hg.), Freunde und Verwandte. Soziale Beziehungen in einer spätmittelalterlichen Stadt, Frankfurt/Main, 2009, S. 277.

[8] Guy F. Lytle, Friendship and Patronage in Renaissance Europe, in: F. William Kent, Patricia Simons (Hgg.), Patronage, Art, and Society in Renaissance Italy, Canberra/Oxford 1987, S. 47.

[9] Peter Göhler, Zum Boten in der Liebeslyrik um 1200, in: Horst Wenzel [u.a.] (Hgg.), Gespräche-Boten-Briefe. Körpergedächtnis und Schriftgedächtnis im Mittelalter, Berlin 1997 (Philologische Studien und Quellen, Heft 143), S. 80.

[10] Horst Wenzel, Boten und Briefe. Zum Verhältnis körperlicher und nichtkörperlicher Nachrichtenträger, in: Horst Wenzel [u.a.] (Hgg.), Gespräche- Boten- Briefe. Körpergedächtnis und Schriftgedächtnis im Mittelalter. Berlin 1997 (Philologische Studien und Quellen, Heft 143), S. 96.

[11] Ulrich von Liechtenstein, Frauendienst. Herausgegeben von Franz Viktor Spechtler, Göppingen 1987 (Göppinger Arbeiten zur Germanistik, Nr. 485). Alle in dieser Arbeit verwendeten mittelhochdeutschen Zitate entstammen aus diesem Werk und werden deshalb nicht weiter mit Fußnoten versehen.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Ulrich von Liechtenstein und seine Boten im „Frauendienst“. Verhältnis der Macht oder Freundschaft?
Hochschule
Universität Wien  (Germanistik)
Veranstaltung
Proseminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V306443
ISBN (eBook)
9783668043817
ISBN (Buch)
9783668043824
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ulrich von Liechtenstein, Freundschaft, niftel, Minnesang, Frauendienst, Vrouwen dienest
Arbeit zitieren
Katharina Strohoff (Autor), 2015, Ulrich von Liechtenstein und seine Boten im „Frauendienst“. Verhältnis der Macht oder Freundschaft?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306443

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