Es ist allgemein bekannt, dass der Beruf des Lehrers stark von der Tätigkeit der Leistungsbeurteilung und der daraus resultierenden Bewertung von Leistungen geprägt ist. Während der Durchführung der schulpraktischen Studien innerhalb meines bereits fortgeschrittenen Hochschulstudiums (6. Semester, Lehramt an Realschulen) bin ich oft in Berührung mit der heiklen Thematik der schulischen Leistungsbeurteilung und Notengebung gekommen. Allerdings sind dabei meist nur einzelne kritische Aspekte des recht umfangreichen Themengebiets tangiert worden, was ich stets als unbefriedigend empfand. Schließlich stellt die spätere Beurteilung und Bewertung von Schülerleistungen eine gleichsam anspruchsvolle wie verantwortungsvolle Tätigkeit dar. So entscheiden in unserer sogenannten Leistungsgesellschaft fast ausschließlich Noten und Zeugnisse über den schulischen und beruflichen Werdegang von Schülern, die aus der Leistungsbewertung von Lehrern hervorgegangen sind. Beschriebene Unzufriedenheit brachte mich auf den Gedanken, die Hinterfragung schulischer Leistungsbeurteilung und Notengebung als Thematik für meine Wissenschaftliche Hausarbeit zu wählen; was ich schließlich auch tat. Hatte ich es anfänglich in Erwägung gezogen, meine Arbeit im sportpädagogischen Bereich zu schreiben, führte ein Mangel an Referenten innerhalb der Sportfakultät dazu, dass ich sie im erziehungswissenschaftlichen Bereich geschrieben habe. Natürlich hatte dies Auswirkungen auf die inhaltlichen Schwerpunkte der Arbeit, die nun mehr allgemeinpädagogisch und psychologisch gehalten wurden und weniger einen rein sportpädagogischen Hintergrund haben. Dennoch kommt der sportpädagogische Aspekt der Thematik nicht zu kurz. So sind dann und wann allgemeinpädagogische Beispiele durch welche aus der Sportpädagogik ergänzt oder ersetzt worden. Ferner findet unter Punkt 6.5 eine spezielle Auseinandersetzung mit der Problematik der Leistungsbeurteilung und Zensurengebung im schulischen Sportunterricht statt. Auch die in Kapitel 7 beschriebenen Alternativen zur konventionellen Leistungsbeurteilung wurden im speziellen Hinblick auf den schulischen Sportunterricht ausgewählt.
Inhaltsverzeichnis
1. Zu den Begriffen Leistung, Leistungsbeurteilung, Zensur und Zeugnis
1.1 Leistung und Leistungsbeurteilung
1.1.1 Leistung
1.1.1.1 Bedeutungen schulischer Leistung
1.1.1.2 Feststellung schulischer Leistung
1.1.1.3 Merkmale des pädagogischen Leistungsbegriffs aus „moderner“ Sicht
1.1.2 Leistungsbeurteilung
1.2 Zensur und Zeugnis
1.2.1 Zensur
1.2.2 Zeugnis
2. Geschichtliche Entwicklung von schulischer Leistungsbeurteilung, Zeugnis und Zensur
2.1 Historische Einblicke
2.2 Entstehung und Entwicklung der Leistungsbewertung im Fach Sport
3. Gütekriterien schulischer Leistungsbeurteilung
3.1 Objektivität
3.1.1 Objektivität schulischer Leistungsüberprüfung in der Realität
3.1.2 Ratschläge in punkto Objektivitätsgewährleistung
3.2 Reliabilität (Zuverlässigkeit)
3.2.1 Reliabilität schulischer Leistungsüberprüfung in der Realität
3.2.2 Ratschläge in punkto Reliabilitätsgewährleistung
3.3 Validität (Gültigkeit)
3.3.1 Validität schulischer Leistungsüberprüfung in der Realität
3.3.2 Ratschläge in punkto Validitätsgewährleistung
3.4 Nebengütekriterien
4. Bezugsnormen der Leistungsbeurteilung und deren kritische Betrachtung
4.1 Bezugsnormen der Leistungsbeurteilung
4.2 Kritische Betrachtung der Bezugsnormen
4.2.1 Soziale Bezugsnorm
4.2.2 Kriteriale (sachliche) Bezugsnorm
4.2.3 Individuelle Bezugsnorm
5. Aufgaben und Funktionen der Leistungsbewertung
5.1 Auflistung der verschiedenen Funktionen
5.2 Erläuterungen zu den einzelnen Funktionen
5.2.1 Pädagogische Funktion
5.2.2 Berichtsfunktion
5.2.3 Berechtigungsfunktion
6. Kritische Aspekte der Leistungsbeurteilung und Notengebung
6.1 Argumente von Befürwortern traditioneller Leistungsbeurteilung in der Kritik
6.2 Systematische pädagogische Beurteilungsfehler
6.2.1 Zur unsachgemäßen Ausschöpfung des Notenspektrums
6.2.2 Interferenzen in der Beurteilung
6.3 Zur Problematik der Leistungsbeurteilung aus (pädagogisch-) psychologischer Sicht
6.3.1 Zu frühe Fixierung auf eine symbolhafte Leistungsbewertung
6.3.2 Informationsverlust durch Reduzierung der Schülerleistung auf sechs Notenstufen
6.3.3 Fehlende Transparenz der am Zustandekommen von Noten ausschlaggebenden Faktoren
6.3.4 Noten als Verursacher psychischer Belastung
6.3.4.1 Allgemeine Schilderung der Problematik
6.3.4.2 Extremfall Schülersuizid und Notengebung
6.3.5 Pygmalioneffekt
6.4 Zur messtechnischen Problematik schulischer Leistungsbewertung
6.4.1 Skalen der Niveauebenen
6.4.2 Einordnung der schulischen Notenskala
6.5 Kritische Auseinandersetzung mit schulsportspezifischen Aspekten der Leistungsbewertung (der Realschule)
6.5.1 Besonderheiten des Fachs Sport
6.5.2 Zur Fragwürdigkeit der Sportzensur
6.5.2.1 Argumente pro Sportzensur
6.5.2.2 Argumente contra Sportzensur
6.5.3 Zusammensetzung der Sportzensur
6.5.3.1 Sportlich-motorische Leistungen
6.5.3.2 Individueller Lernzuwachs
6.5.3.3 Soziales und sportliches Verhalten
7. Ausgewählte Alternativen zur konventionellen Leistungsbeurteilung im Hinblick auf den Sportunterricht
7.1 Schülerpartizipation am Bewertungsprozess
7.2 Eine Beurteilungskriterienliste für den Sportunterricht
7.2.1 Struktur und Funktionen der Liste
7.2.2 Gebrauch der Liste in der Schulsportpraxis
7.3 Das „Kann-Buch“
8. Resümee
9. Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende wissenschaftliche Hausarbeit untersucht kritisch die Praxis der schulischen Leistungsbeurteilung und Notengebung, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf dem Fach Sport in der Realschule liegt. Das Ziel ist es, die Problematik traditioneller Zensuren aufzuzeigen, theoretische Hintergründe zu beleuchten und alternative Bewertungsansätze zu diskutieren.
- Grundbegriffe der Leistungsbeurteilung und Zensurengebung
- Gütekriterien sowie Bezugsnormen in der Leistungsbewertung
- Kritische Analyse pädagogisch-psychologischer Auswirkungen von Noten
- Spezifische Problematiken der Leistungsbeurteilung im Sportunterricht
- Vorstellung alternativer Bewertungsmodelle wie das „Kann-Buch“ oder Kriterienlisten
Auszug aus dem Buch
6.3.4.2 Extremfall Schülersuizid und Notengebung
Folgender Artikel ist der World Socialist Web-Site entlehnt und handelt vom Selbstmord eines Schülers, der dem Leistungsdruck der Schule nicht mehr gewachsen war:
Essener Gymnasiast nahm sich im Unterricht das Leben
Woher kommt die Gewalt an den Schulen?
Von Lena Sokoll
21. Juni 2002
Der grausame Selbstmord eines 18-jährigen Gymnasiasten in Essen hat nicht nur Entsetzen ausgelöst, sondern auch nach den jüngsten Ereignissen in Erfurt erneut die Frage aufgeworfen, was Schüler dazu treibt, brutale Gewalt gegen sich selbst und/oder andere auszuüben.
Dima K. besuchte die zehnte Klasse der Luisenschule in Essen. Am Dienstag vergangener Woche hatte seine Klasse in der fünften Stunde Deutschunterricht und wie überall in diesen Tagen kurz vor Ende des Schuljahres ging es um Leistungen, Noten und Versetzungen. Als die Deutschlehrerin dem Schüler die Note seiner Klassenarbeit bekannt gab und ihn ermahnte, dass seine Versetzung gefährdet sei, zog Dima K. ein Tranchiermesser mit einer Klinge von 21 Zentimetern aus der Tasche und rammte es sich vor den Augen der Klasse insgesamt zwölfmal in den Bauch. Obwohl umgehend ein Rettungswagen gerufen und im Uniklinikum eine Notoperation durchgeführt wurde, erlag der junge Mann einige Stunden später seinen schweren Verletzungen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zu den Begriffen Leistung, Leistungsbeurteilung, Zensur und Zeugnis: Dieses Kapitel definiert die zentralen Begriffe und erläutert ihre Bedeutung sowie Entstehung im schulischen Kontext.
2. Geschichtliche Entwicklung von schulischer Leistungsbeurteilung, Zeugnis und Zensur: Hier wird der historische Hintergrund des Zensurenwesens von der Antike bis zum 20. Jahrhundert und spezifisch im Fach Sport aufgearbeitet.
3. Gütekriterien schulischer Leistungsbeurteilung: Das Kapitel behandelt die wissenschaftlichen Qualitätsstandards wie Objektivität, Reliabilität und Validität in Bezug auf schulische Leistungsbewertungen.
4. Bezugsnormen der Leistungsbeurteilung und deren kritische Betrachtung: Es werden die soziale, kriteriale und individuelle Bezugsnorm vorgestellt und deren Vor- und Nachteile kritisch hinterfragt.
5. Aufgaben und Funktionen der Leistungsbewertung: Hier werden die vielfältigen pädagogischen, Berichts- und Berechtigungsfunktionen der Zensurengebung detailliert erläutert.
6. Kritische Aspekte der Leistungsbeurteilung und Notengebung: Dieses Hauptkapitel analysiert Beurteilungsfehler, psychische Belastungen sowie die spezielle messtechnische und sportspezifische Problematik der Notengebung.
7. Ausgewählte Alternativen zur konventionellen Leistungsbeurteilung im Hinblick auf den Sportunterricht: Das Kapitel präsentiert praktische Ansätze zur Reform der Leistungsbewertung, wie Schülerpartizipation, Kriterienlisten und das „Kann-Buch“.
8. Resümee: Eine Zusammenfassung der Ergebnisse, die die Notwendigkeit von Reformen im Zensurenwesen unterstreicht.
9. Ausblick: Dieser Abschnitt thematisiert aktuelle politische Bestrebungen in Baden-Württemberg zur Neugestaltung des Schulsports und der Leistungsbeurteilung.
Schlüsselwörter
Leistungsbeurteilung, Zensurengebung, Noten, Sportunterricht, Schulleistung, Gütekriterien, Bezugsnorm, Leistungsgesellschaft, Pädagogische Psychologie, Lernzuwachs, Schülerpartizipation, Beurteilungsfehler, Schülersuizid, Reformansätze, Leistungsdruck
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der kritischen Hinterfragung der schulischen Leistungsbeurteilung und Notengebung, insbesondere im Kontext der bestehenden Leistungsgesellschaft und deren Auswirkungen auf Schüler.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder umfassen die Definition pädagogischer Grundbegriffe, die historische Genese der Zensuren, wissenschaftliche Gütekriterien (Objektivität, Reliabilität, Validität) sowie die Analyse psychologischer und schulsportspezifischer Problematiken.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Fragwürdigkeit und Problematik konventioneller Zensuren aufzudecken, die verschiedenen Funktionen von Leistungsbewertungen zu verdeutlichen und praktikable Alternativen vorzustellen, die den pädagogischen Zielen besser gerecht werden.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende Literaturanalyse, die pädagogische, psychologische und sportpädagogische Erkenntnisse zusammenführt, um die aktuelle Praxis der Zensurengebung fundiert zu kritisieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden systematische pädagogische Beurteilungsfehler wie der Halo-Effekt oder der Strengefehler diskutiert, die Problematik der Zensuren im Sportunterricht analysiert und die psychischen Belastungsfolgen bis hin zum Suizidrisiko kritisch beleuchtet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Leistungsbeurteilung, Zensurengebung, Gütekriterien, Sportunterricht, Bezugsnorm, psychische Belastung, Schülerpartizipation, Reformansätze.
Warum ist die Sportzensur im Besonderen in der Kritik?
Die Sportzensur ist deshalb umstritten, da motorische Leistungen oft stark von angeborenen körperlichen Voraussetzungen abhängen, was zu einer hohen Chancenungleichheit führt, die durch eine rein leistungsorientierte Notengebung oft nicht sachgerecht abgebildet werden kann.
Was genau versteht der Autor unter dem „Kann-Buch“?
Das „Kann-Buch“ ist ein Instrument zur Selbstreflexion im Sportunterricht, in dem Kinder notieren, was sie gelernt haben, woran sie noch arbeiten müssen und wie sie ihre eigene Leistung einschätzen, um den Fokus vom Notendruck weg auf den Lernprozess zu lenken.
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- Daniel Klumpp (Author), 2004, Zur Fragwürdigkeit schulischer Leistungsbeurteilung - Dargestellt am Beispiel des Sportunterrichts in der Realschule, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30654