Senecas Umgang mit epikureischem Gedankengut. Analyse und Übersetzung von epist. 9,5–8


Hausarbeit, 2013

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Analyse der Textstelle 9,5–8

3 Fazit

4 Literaturverzeichnis

5 Eigene Übersetzung der Textstelle Sen. epist. 9,5–8

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit behandelt das Thema „Senecas Umgang mit epikureischem Gedankengut am Beispiel von epist. 9,5–8“.

Seneca führt in seinen Epistulae morales, die seinem dem Epikureismus zugeneigten Freund Lucilius gewidmet sind[1], des öfteren epikureisches Gedankengut sowie Zitate von Epikur selbst und epikureischen Philosophen zustimmend an. So drängt sich die Frage auf, welche Haltung Seneca als Stoiker zu dem Epikureismus einnimmt. Widersprechen sich nicht stoischen und epikureisches Gedankengut? Warum hält sich Seneca bei Zitaten nicht an stoische Philosophen? Ist Seneca vielleicht nur ein Opportunist? Ziel meiner Arbeit soll es daher sein, anhand einer eingehenden Analyse und Interpretation der oben genannten Textstelle herauszuarbeiten, was Seneca zu solchen Anknüpfungen an epikureisches Gedankengut bewegt haben könnte.

2 Analyse der Textstelle 9,5–8

Eine kurze Einordnung der Textstelle in den gesamten Brief sowie ein kurzer inhaltlicher Überblick des vorliegenden Ausschnitts sollen die darauf folgeden Analyse entlasten: Der Brief öffnet mit einer indirekten Frage, die wohl auf eine Frage des Lucilius Bezug nimmt: An merito reprehendat in quadam epistula Epicurus eos, qui dicunt sapientem se ipso esse contentum et propter hoc amico non indigere, desideras scire (9,1)[2]. In dieser Eingangsfrage wird das Thema des ganzen Briefes deutlich: Wie ist die von den Stoikern propagierte Autarkie des Weisen[3] mit dem Bedürfnis nach Freunden vereinbar?

Lucilius wies Seneca offenbar auf den scheinbaren Widerspruch zweier stoischer decreta hin, nämlich: sapiens se contentus est und sapiens amicos habere vult [4], und bat ihn um Erklärung. Da wären wir auch schon bei der vorliegenden Textstelle angelangt, die die zentrale Antwort bietet: amissum aequo animo fert (9,5)[5]. Der stoische sapiens hat zwar das Bedürfnis nach Freunden, sein Glück ist aber nicht von ihnen abhängig.

Wie kann man aber einen Verlust aequo animo hinnehmen? In seinen Briefen nennt Seneca dazu drei Punkte: die praemeditatio mortis (amici), die recordatio (amici) und die reparatio (amici)[6]. Letzteres wird in der vorliegenden Textstelle thematisiert. Wer weiß, wie er sich einen neuen Freund beschaffen kann (amicum facere oder amicum parare), wird auch nicht so sehr unter dem Verlust eines Freundes leiden. Seneca geht in diesem Briefausschnitt sogar noch weiter: Es sei nicht nur möglich, sich neue Freunde zu beschaffen, sondern der comparatio novae amicitiae wohne eine noch größere voluptas inne[7] als dem usus veteris amicitiae (9,6f.). Bei der voluptas handelt es sich um das summum bonum des Epikureismus[8]. Da wären wir auch schon bei der Auseinandersetzung Senecas mit dem Epikureismus angelangt: Wie kommt Seneca dazu, seine Freundschaftslehre so deutlich in die Nähe des Epikureismus zu rücken, indem er von voluptas, dem höchsten Gut des Epikureismus, spricht? Sind seine so formulierten Gedanken dann überhaupt noch mit der Stoa vereinbar? Das zu untersuchen soll nun Ziel der folgenden Analyse sein.

In Paragraf 9,5 geht es um das Thema amicum reparare [9] . Der erste Satz greift wörtlich auf die Eingangsfrage zurück: Ita sapiens se contentus est, non ut velit esse sine amico, sed ut possit [10] und bringt die beiden vorher als paradox empfundenen decreta durch die parallel (non ut velit …, sed ut possit) aufgebaute Erklärung überein, wobei der zweite Teil um den AcI esse sine amico elliptisch verkürzt ist. Dadurch wirkt dieser Satz sehr prägnant und die Erklärung präzise. Das konsekutive ut wird hier durch ein einschränkendes ita eingeleitet, wodurch der scheinbare Gegensatz besonders klar wird[11]. Das präparative tale bereitet auf die Präzisierung des possit vor: a missum ae qu o a nim o fert. Das Ende dieses entscheidenden Satzes (aequo animo fert) ist durch die Klausel einer cretisch-trochäischen Dipodie besonders einprägsam gestaltet, wobei die erste Kürze durch eine Länge und die zweite Länge durch eine Doppelkürze aufgelöst sind: 222ɣ[12]. Diese Satz fällt noch zusätzlich durch die dreifache Alliteration am Anfang sowie das Homoioptoton ins Gehör. Die beiden auf den ersten Satz folgenden Sätze sind in sich parallel aufgebaut: sie bestehen jeweils aus zwei Teilen – hier durch einen Doppelpunkt voneinander getrennt –, wobei der erste eine Aussage tätigt, der zweite diese näher erläutert. Die Aussagen beziehen sich jeweils auf auf die im ersten Satz des Paragrafen genannten Gegensätze, wobei sie in chastischer Reihenfolge auf diese decreta zurückgreifen, zuerst wird das possit näher erläutert, dann wird das sine amico aufgegriffen: Ita sapiens se contentus est, non ut velit esse sine amico, sed ut possit. Et hoc, quod dico „possit“, tale est: amissum aequo animo fert. Sine amico quidem numquam erit: in sua potestate, quam cito reparet (9,5).

Um den letzten Gedanken des amicum reparare zu veranschaulichen, führt Seneca einen Vergleich mit dem berühmten artifex Phidias an. In den zwei durch quomodo – sic eingeleiteten Teilsätzen wird Phidias dem faciendarum amicitiarum artifex gegenüberstellt. Der si -Satz des quodomo- Teils wird in dem sic- Teil auf ein schlichtes in locum amissi reduziert, wobei amissi auf den obigen Satz amissum aequo animo fert zurückweist. Die beiden Teilsätze werden durch das Polyptoton faciet – faciendarum sprachlich zusammengerückt. Das Bild des faciend arum a miciti arum a rtifex wird sprachlich durch das Homoioptoton und die Alliteration hervorgehoben. Hier könnte man einwenden, ob es denn wirklich so einfach wäre, einen Freund, den man in all seinen Eigenheiten lieben gelernt hat, zu ersetzen und dadurch nicht mehr unter seinem Verlust zu leiden hätte. Seneca geht es hier um die Freundschaft als einer Tugend. Diese Herangehensweise scheint dem modernen Leser auf den ersten Blick etwas Befremdlich, da unser heutiges Freundschaftsverständnis meist von der speziellen Person des Freundes ausgeht[13]. Die Tugend kann man unabhängig von einer bestimmten Person auch an neuen Freunden üben. Hier lässt Seneca die stoische Güter- und Tugendlehre anklingen, ohne einen einzigen Fachterminus zu verwenden, welches Vorgehen als „verdeckte Systematik“ bezeichnet wird[14].: Nur die Tugend (virtus) könne als ein Gut angesehen werden, denn nur sie habe man in der eigenen Macht. Alles andere, die externa, werden als indifferentia bzw. Adiaphora angesehen, von denen das Glück des Weisen nicht abhängt (Autarkie des Weisen). Sie lassen sich in commoda (das, was vorzuziehen ist, wie Gesundheit, Frieden und auch Freundschaft), incommoda (das, was abzulehnen ist, wie Krankheit, Armut und Krieg) und die Dinge, die weder zu den commoda noch den incommoda gehören (wie Haarfarbe und Aussehen)[15]. Den Verlust von commoda gelassen hinzunehmen, beweist Ataraxie. Schmerz, wie der Kummer um einen verlorenen Freund, gehört dagegen der Stoa gemäß zu den Affekten, die man beherrschen muss, um das Gleichgewicht der Seele (die Homologia oder tranquillitas animi) nicht in Gefahr zu bringen[16].

Der folgende Paragraf 9,6 beschäftigt sich dann mit dem amicum facere/ amicum parare. Seneca leitet diesen Abschnitt mit einer indirekten Frage ein: Quaeris, quomodo amicum cito facturus sit? Mit quaeris nimmt Seneca einen möglichen Einwand der Gegenseite – z.B. des Lucilius – durch einen fictus interlocutor in Form einer Praeoccupatio vorweg. Die Antwort darauf folgt in Form eines Zitats des stoischen Philosophen Hecaton, wobei Seneca dieses als eine Art Wegzoll an Lucilius dafür anführt, dass er Senecas Überlegungen seine Zeit widmet: dicam, si illud mihi tecum convenerit, ut statim tibi solvam, quod debeo, et, quantum ad hanc epistulam, paria faciam (9,6)[17].

Das Hecaton-Zitat beginnt mit einer längeren, stilistisch ausgefeilten Einleitung: Die ersten drei beiden Wörter sind Ego tibi monstrabo. Das Personalpronomen tibi wird von zwei Wörtern für die erste Person (dem Personalpronomen ego sowie dem Prädikat in der ersten Person Singular) eingerahmt. Dadurch wird die Wechselbeziehung zweier Personen – wie sie sich in der Liebe oder der Freundschaft findet – auch sprachlich veranschaulicht.

Auf das Akkusativobjekt amatorium folgt eine anaphorisches, asyndetisches Trikolon, wobei das dritte Kolon (sine ullius veneficae carmine) mit dem Genitiv-Attribut das deutlich längste Glied der Kette darstellt, wodurch es besonders ins Gewicht fällt. Diese Einleitung mündet in der prägnanten Sentenz: si vis amari, ama. In Form eines Polyptotons werden amari als passivem Teil und ama als aktive Handlungsaufforderung direkt gegenübergestellt. Dadurch wird erneut die Wechselbeziehung einer Freundschaft abgebildet.

[...]


[1] Auch Senecas Spätwerke De providentia und seine Naturales quaestiones sind Lucilius gewidmet.

[2] Hachmann (1994) weist auf den Seiten 68 sowie 82f. darauf hin, dass epist. 8 und 9 als ein Briefpaar anzusehen seien, was auch die beiden Eingangsfragen deutlich machen. Während epist. 8 jedoch als eine Paränese, eine Manhrede, anzusehen sei, handle es sich bei epist. 9 um eine probatio, die vornehmlich im Indikativ verfasst sei und eher in Form der verdeckten Systematik – wie es Hachmann (1994) 68 nennt – seine stoischen Gedanken darlegen möchte, als direkt im Imperativ zum Handeln aufzurufen. Es würde im Rahmen dieser Arbeit jedoch zu weit führen, auf die Parallelen dieser beiden Episteln genauer einzugehen, weshalb der Verweis auf Hachmann (1994) hier genügen soll.

[3] Die Autarkie des Weisen haben die Stoiker von den Kynikern übernommen, vgl. Brinckmann (1963) 63.

[4] Vgl. Hachmann (1994) 76. Auf den Unterschied zwischen decreta und praecepta geht Hachmann (1994) auf Seite 78 ein: „Aus allen Vergleichen wird deutlich, dass die praecepta mehr an der Oberfläche liegen und von jedem, der guten Willen zeigt, erfüllt werden können, während die decreta ohne tieferes Eindringen in die Lehre nicht verstanden werden können“.

[5] Vgl. auch Brinckmann (1963) 65.

[6] Vgl. hierzu Brinckmann (963) 65. Brinckmann nennt hier für diese drei Punkte noch exemplarische Briefe Senecas.

[7] In 9,7 folgen noch einige Synonyme und Umschreibungen für den Begriff voluptas wie iucundius, oblectamentum, , delecatur, fructu, fruitur, fruebatur, fructuosior, dulcior. Darauf werde ich an späterer Stelle noch genauer eingehen.

[8] Vgl. hierzu Hossenfelder (21995), Band 3, 102–110.

[9] Vgl. Brinckmann (1963) 65ff..

[10] S. Eingangsfrage: An merito reprehendat in quadam epistula Epicurus eos qui dicunt s apientem se ipso esse contentum et propter hoc amico non indigere, desideras scire (9,1).

[11] Vgl. Rubenbauer/ Hofmann (121995) §238 b).

[12] Bei der Benennung der Klauseln folge ich Primmer (1968) 153–158 sowie Crusius (82008).

[13] Vgl. hierzu Brinckmann (1963) 69: „Der Unterschied dieser stoischen Einstellung zu unserer heutigen Freundschaftsauffassung besteht darin, dass es hier nicht um die Person des Freundes, sondern um die Sache der Freundschaft (als Tugend, wie ep. 9,8 lehrt) geht. Nicht der Charakter, sondern der Typ des allgemein Tugendhaften ist bestimmend“. Brinckmann (1963) 69 weist darauf hin, dass dieser Unterschied zwischen der antiken stoischen Freundschaftsauffassung und der heutigen auch von Ganns, Zeller, Bonhöffer und Bohnenlust erkannt wurden.

[14] Vgl. Hachmann (1994) 68.

[15] Vgl. zu der stoischen Güterlehre und den Adiophora im Speziellen Hossenfelder (21995), Band 3, 58–63.

[16] Zu Affekten vgl. Hossenfelder (21995), Band 3, 46–53.

[17] Das ist ein übliches Vorgehen Senecas: er führt in seinen Briefen des öfteren Zitate von Philosophen oder bekannten Persönlichkeiten an, um mit diesen Weisheiten wieder gut zu machen, dass er seinem Briefpartner mit seinen Briefen Zeit raubt. Die Kostbarkeit der Zeit behandelt Seneca in mehreren seiner Briefe. Da Zeit, wenn sie einmal entronnen ist, nicht mehr zurückgegeben werden kann, sei es von größter Notwendigkeit, seine Zeit richtig zu Nutzen. Umso dankbarer erweist sich Seneca in seinen Briefen, dass Lucilius sich die Zeit dafür nimmt, Senecas philosophische Überlegungen zu erfragen und zu lesen. Als programmatisch für diese Zeit-Thematik gilt epist. 1, deren Eingang lautet: Ita fac, mi Lucili: vindica te tibi, et tempus quod adhuc aut auferebatur aut subripiebatur aut excidebat collige et serva. Persuade tibi hoc sic esse ut scribo: quaedam tempora eripiuntur nobis, quaedam subducuntur, quaedam effluunt. Turpissima tamen est iactura quae per neglegentiam fit. Et si volueris attendere, magna pars vitae elabitur male agentibus, maxima nihil agentibus, tota vita aliud agentibus.

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Details

Titel
Senecas Umgang mit epikureischem Gedankengut. Analyse und Übersetzung von epist. 9,5–8
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Klassische Philologie)
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
20
Katalognummer
V306743
ISBN (eBook)
9783668047433
ISBN (Buch)
9783668047440
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Seneca, Epistulae morales, epikureisches Gedankengut, Epikureismus
Arbeit zitieren
Lena-Katharina Krüger (Autor), 2013, Senecas Umgang mit epikureischem Gedankengut. Analyse und Übersetzung von epist. 9,5–8, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306743

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