Die Stasi als Institution zur Förderung der Literatur? Eine literarische Studie von Wolfgang Hilbigs Werk "Ich" (1993)


Seminararbeit, 2014

31 Seiten, Note: 1,7


Gratis online lesen

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I/ Hilbigs Grundlagen für die Arbeit am Stoff „Staatssicherheit und Szene“
1/ Definitionen von „Staatssicherheit“ und „Szene“ im Roman
2/ Stasi und Literatur in der DDR

II/ „Ich“ als Erzeuger von „Realität“
1/ „Ich“ als gewählte, irreale Identität
2/ Hilbigs Darstellung einer irrealen Welt

III/ Die sog. „Inoffizielle Literatur“ und die „Realität“
1/ Die Beauftragung der Literatur durch die Stasi
2/ Stasi und Szene im Blickwinkel von „Ich“ / Hilbig

Schluss

Literaturverzeichnis

Anhänge

Einleitung

Wir schreiben das Jahr 1993. Vor kurzem noch teilte der sog. „Eiserne Vorhang“, so nach der Formulierung vom britischen Premier Winston Churchill (1874-1965), der sie vom „Volksaufklärung“-Minister Joseph Goebbels (1897-1945) übernommen hatte[1], die Welt in zwei Lager: Das Warschauer-Pakt-Lager und das NATO-Lager. Symbolischer denn je für diese Weltgrenze stand eine Mauer, sie wird des Öfteren als „Mauer der Schande“ bezeichnet, die ein eines Volk zweiteilte: das „deutsche“ Volk; auf der einen Seite, die „Räuberkapitalisten“ der Bundesrepublik Deutschlands, auf der anderen, die „Antifaschisten“ der Deutschen Demokratischen Republik, beides gegründet im Jahre 1949 und beides eines der Zentren der Auseinandersetzungen des sog. Kalten Krieges. Aber 1993 ist die Mauer schon seit vier Jahren gefallen, das „deutsche“ Volk wäre dabei „wiedervereinigt“ worden. Aber seit dem Mauerfall und dem Überfall des Berliner Sitzes der schreckenerregenden KGB-Filiale in der DDR, dem „Ministerium für Staatssicherheit“ (in dieser Arbeit als Stasi, MfS, Behörde oder „Firma“ bezeichnet, je nach angegebenen Quellen) spielt sich ein ebenso schreckenerregendes Spiel der Delation von manchen DDR-Bürgern ab, die ehemals mit der Stasi mitgearbeitet hätten, den sog. „Inoffiziellen Mitarbeitern“ (in dieser Arbeit wird die Kürzung „IM“ verwendet). Von diesem Winde des Hasses verweht werden v.a. diejenige, an denen die Medien großes Interesse haben: Die wortführenden Leute der DDR, und hauptsächlich die Literaten, die demzufolge auf zwei Stühle säßen; einerseits hätten sie vorgegeben, die sog. „Bürgerbewegung“ zu unterstützen, andererseits wären sie Gegner dieser „Rechtsbürger“ gewesen.

Die meisten guten Gedanken kommen vom Gegner. Es kommt aber darauf an, sie zu verändern. “ Dies sagt eine der Figuren, die im Roman «Ich» [2] von Wolfgang Hilbig (1941-2007) aus dem Jahre 1993 vorkommen, und zwar der literaturinteressierte Stasi-Offizier Feuerbach / Wasserstein / Kesselstein, je nach dem Stand der nun in den Untergang geratenen DDR, die als Hintergrund der „Erzählung“ (wenn überhaupt in diesem Roman von einer Erzählung die Rede sein darf, auf jeden Fall ist sie in Anführungsstrichen zu setzen wie der Titel) fungiert. Denn in diesem Roman wird nicht von der DDR erzählt. Zu finden sind zwar ereignisbezogene Zeitangaben, u.a.: die Botschaftsbesatzungen von 1985 (S. 174), die Gegendemonstration vom 17. Januar 1988 (S. 243), auch erwähnt werden sowjetische Begriffe wie der Warschauer Pakt (S. 325), aber diese Zeitangaben bilden bloß nur Erwähnungen. Hier ist nicht von der Geschichte der DDR die Rede, sondern von den Geschichten von Männern und Frauen in so einer Gesellschaft, die Hilbig in seinem Roman mit verschmutzen Farben bemalt.

Die „Handlung“ jenen Romans findet in zwei Städten statt: in einem gewissen „A.“, das in Sachsen zu verorten wäre, und in Berlin-Ost, v.a. meiner Meinung nach in den untergründigen Bahngängen dieser Stadt. Das Er-Erzähler betrachtet im dritten Teile des in drei Teile gegliederten Romans den Friedrichsbahnhof als „ den letzten Schauplatz des kalten Krieges “ (sic, S. 338), und zwar „ seit jenem 13. August 1961 “ (S. 338), wo sich die Zeit durch den Bau der Mauer eingehalten hat, sie ist „ unmöglich geworden “ (S. 338). Demgemäß definiert der Erzähler den Schauplatz als bedeutungslos, belanglos und zeitlos, ja zeitungemäß, aber diese Definition ist die eines jungen Mannes, der ein Literat zu sein beansprucht, sozusagen ein „Künstler“, ein Künstler der „Zeit“. „ An dieser Kunst haben wir lange gearbeitet “ (S. 76) erklärt aber Feuerbach, also es scheint im Roman, dass eine besondere, dialektische Bewandtnis zwischen Stasi und Literatur die Beziehungen zwischen dem „Ich“ oder „Er“ und Feuerbach unterwandert, die aber beide auch als „Wir“ hervortreten. Diese Arbeit wird sich nicht mit den Identitätsproblemen des „Ichs“ an sich beschäftigen, sie konzentriert sich auf das von Wolfgang Hilbig literarisierte Verhältnis zwischen Stasi und Literatur (und insbesondere der Prenzler Literatur) kurz vor dem Zusammenbruch des DDR-Staatsapparats.

In der Forschungsliteratur jedoch ist man nicht einer Meinung: Die Frage, ob sich Hilbig mit dem Thema „Stasi und Prenzler Literatur“ befasse, ist problematisch. Der (wie Hilbig auch) zum Literaten gewordene Arbeiter Jan Faktor ist der Meinung, dass das Buch „ Falschinformationen[3] beinhaltet, er erklärt sogar: „ Das Buch ist überhaupt kein Beitrag zu den Themen „Staatssicherheit und Literatur“ oder „Prenzlauer Berg und das Spitzeln“; es ist ein monströses Ur-Ereignis eigener Art. Und ein ganz autarkes Rätsel. Mit der äußerten Realität von damals - damit habe ich mich irgendwann abgefunden - hat es wenig zu tun.[4] Für ihn ist das Verhalten des „Führungsoffiziers“ Feuerbach nicht glaubwürdig, den Stasi-Slang hätte nicht etwas weniges ein „IM“ verwenden dürfen. Es ginge also nur „ vordergründig[5] um die Stasi. Der Er-Erzähler hat im Roman Zugang zu der sog. „Szene“, der Subkultur der Prenzler Literatur, und erklärt, dass sich „ die Szene von den Basisgruppen bloß benutzt “ fühle (S. 192), womit Jan Faktor überhaupt nicht einverstanden ist: „ zwischen diesen zwei Welten gab es kaum Berührungspunkte.“[6] Sozusagen war zwischen diesen zwei Welten die „ Rührung […] nur eine Randerscheinung “ (S. 285). Jan Faktor definiert das Buch so: „ «Ich» ist in erster Linie ein Buch über Wolfgang Hilbig […] Es ist ein Buch über Einsamkeit, ein Buch über das Verlassen-(worden)-Sein in einer kalten Stadtwelt, geschrieben von jemandem, der über Entwurzelung und menschliche Isolation gut Bescheid weiß.[7] Immerhin ist das Thema „Stasi und Literatur“ beim Roman keine Randerscheinung[8]. Der Literaturkritiker Reinhard Baumgart (1929-2003) war im Gegensatz zu Faktor folgender Ansicht: „ Sein Thema, fast schon zu Tode geredet: Die Stasi.[9] Er betrachtet das „Ich“ als Stellvertreter von Hilbig, die literarisierte Stasi als „Quasi-Stasi“, d.h. es handele sich bei Hilbig nicht um die „wirkliche“ Stasi, sondern um eine nur im Roman „realexistierende“ Stasi, in Anlehnung an den sog. „Realexistierenden Sozialismus“ von Erich Honecker, der zwischen 1971 und 1989 (also zur erzählten Zeit des Romans) der „Generalsekretär des Zentralkomitees“ der „Sozialistischen Einheit Deutschlands“, also der Staatsoberhaupt der DDR war. Alle vorigen, in Anführungsstrichen angegebenen sozialistischen Begriffe gehören zum DDR-Jargon, zu einem, den die „Subkultur“ der DDR-Machthaber in die „Wirklichkeit“ durchzusetzen versuchte. Also könnten sie als „real“ bezeichnet werden, aber nicht als „wirklich“, und dies bildet die Kernfrage dieser Arbeit: Inwiefern behandelt Wolfgang Hilbig in seinem Roman «Ich» innerhalb des Begriffspaares „Staatssicherheit und Szene“ die dialektischen Spannungsverhältnisse zwischen sozialistischer „Realität“ und Wirklichkeit der DDR-Gesellschaft am Ende der 80er Jahre, d.h. kurz vor dem Zusammenbruch des Staatsapparats?

In einem ersten Schritt schickt es sich, sich mit Hilbigs Grundlagen für die Bearbeitung des Stoffs „Staatssicherheit und Szene“ auseinanderzusetzen, was die Identitätsproblematik des Ichs als IM und Literat zugleich in den zwei folgenden Teilen leuchten wird. Anschließend wird zunächst das „Ich“ als literarischer IM, d.h. als Erzeuger von „Realität“ betrachtet, abschließend wird die Stelle des „Ichs“ als ins System verwickelten Literaten erörtert, indem auf den Umgang der „Szene“ mit der „Realität“ und der Wirklichkeit eingegangen wird.

I/ Hilbigs Grundlagen für die Arbeit am Stoff „Staatssicherheit und Szene“

1/ Definitionen von „Staatssicherheit“ und „Szene“ im Roman

Dem Leser von Hilbigs «Ich» wird auffallen, dass das distanzschaffende Beiwort „sogenannt“ häufig im Buch zur Verwendung kommt, v.a. wenn es um die „Szene“ geht, und zwar die „ sogenannte Szene “ (S. 22, S. 52, u.a.), und dies erfolgt hauptsächlich im ersten Teile, also wenn der Erzähler und der IM Cambert (W.s Deckname) nur einer sein können. „Sogenannt“ gehört also zum Jargon der Stasi, das bestätigt auch Wasserstein: „ Lassen Sie das sogenannte weg, knurrte er, wir müssen mit den Leuten jetzt anders umgehen “ (S. 302), und zwar: „ human “ (S. 305). „Sogenannt“ als einzelnes Beispiel wirkt wie die ganze Bestandaufnahme von Stasi-Wörtern nicht unbedingt unmenschlich, sondern in der Tat menschenfremd, d.h. „unwirklich“. Aber auch die Bezeichnungen „Szene“ und „Stasi“ selber gehören zu einem Jargon: das Wort „Szene“ „ war das Wort, das von der Szene und von der Staatssicherheit gemeinsam gebraucht wurde (ebenso, wie der Begriff „Firma“ von der Staatssicherheit und von der Szene gemeinsam gebraucht wurde) “ (S. 194). Und tatsächlich sind diese Worte nur künstlich, ja sogar künstlerisch, sie gehören keineswegs zur Wirklichkeit: „ die „Firma“ (es war dies der allgemein gebräuchliche Ausdruck, den die Angehörigen der Institution anscheinend selber in die Welt gesetzt hatten) “ (S. 78). Dem Metakommentar des „Über-Erzählers“ zufolge versucht also die Stasi eine Art Nebengesellschaft, oder eine sozusagen „verstasiiert“-ideale Gesellschaft zu kreieren, die sich als völlig menschenfremd erweist. Die Stasi wird oft als feindliches Element der DDR-Menschheit betrachtet, Cambert aber erklärt in seinem Anfangsmonolog: „ Eigentlich haben wir ihnen nichts getan “ (S.47), jedoch versteht er am Ende, dass, wobei wenn nichts Physisches passiert ist, das Seelische der Menschen verletzt wurde: „ Ich war der Haß […] wir hatten keinem etwas getan, aber wir hatten an der Seele des Menschen geschnüffelt “ (S. 370). Das Immerdasein der Stasi wäre also der Grund dafür, dass sich die „Bürgerrechtsbewegungen“ in Gang gesetzt hätten: Als bei einem 1.Mai-Defilee etliche Bürger in die Bahngänge fliehen, versteht der IM Cambert, „ dass aus Kinderei auch Ernst werden konnte, wenn nur genug von ihnen beisammen waren “ (S. 48).

Immerhin kommt der Protest unerwartet daher, auch in A.: „ wie unersetzlich und bedingungslos er zu herrschen gewohnt war über die Kleinstadt und über die umliegenden Ortschaften “ (S. 133) muss der namenlose, jederzeit ersetzbare „Chef“ von A. am Ende gestehen, dass in anderen Städten des „Arbeiter-und-Bauern-Staates“ die Lage nicht mehr zu lösen ist: „ Berlin, Leipzig, Rostock, da fängts jetzt bald an zu kochen, da will man gar nicht so hinsehen. Denken Sie daran, wir haben viel Zeit hier unten, wir lassen uns was einfallen... “ (S. 378).

Wie dem auch sei, kommt der Protest nicht von den von Cambert, Feuerbach, Reader & Co. observierten Literaten, sondern von den einfachen Bürgern selber. Die Szene aber beschreibt der Er-Erzähler so: „ Ihre Charakteristika lagen im Bestehenbleiben von Desorganisation, in der Gleichberechtigung gegensätzlicher Ansichten, in der Gleichgültigkeit jeder Idee gegenüber, ja, der einzige gemeinsame Nenner aller Szenen war ihr Desinteresse an jeder Form von Ideologie “ (S. 195). Apolitisch ist vielleicht die Szene nicht zu nennen, aber eher immobil, in dem Sinn von nicht einsatzbereit, was Wasserstein auch so formuliert: „ eines Tages müssen wir selber protestieren gehen... “ (S. 331). Der Kernpunkt des Observierungsauftrages der IM-Tätigkeit des Ichs beruht auf der Voraussetzung, die besagt, dass die beobachteten Literaten wie Reader („OV: Reader“) systemfeindlich sind. Aber letztendlich zieht C. folgenden Fazit: „ Die Mächtigen hatten die Literaten enttäuscht, und die Literaten hatten die Mächtigen enttäuscht, sie hatten sich gegenseitig nichts vorzuwerfen “ (S. 372), er erklärt vorher sogar: „ sie tolerieren uns, indem sie uns ignorieren […] ignorantes Denken im literarischen Untergrund […] konnte die Ignoranz der Wächter über den Untergrund zur Folge haben “ (S. 198). Feuerbach nimmt übrigens dazu Folgendes an: „ Als ob sie von uns gelernt hätten! […] Fehlte nur noch, daß sie uns ebenfalls für indifferent halten“ (S. 226). Und sogar: „ Als wäre die Staatsmacht… oder als wären wir gar nicht mehr vorhanden “ (S. 205). Feuerbach ist immer in langen Monologen verwickelt, denen C. / M. W. fast immer schweigend beiwohnt, oder vielleicht die er sogar observiert, und eines dieser Monologe besteht im Folgendem:

„Wir sind systemerhaltend, und was ist das für ein System, das keinen Widerpart mehr hat? […] ab und zu sehe ich überhaupt keine feindlich-negativen Kräfte mehr, bei uns im Bereich jedenfalls nicht, aber die Kalkies oben auf höchster Ebene wollen immer wieder welche sehen, sonst stimmt ihr Weltbild nicht mehr […] wir haben das längst nur noch als bloße Formulierung: feindlich-negativ! Aber in der Realität… wo denn, frage ich Sie. Wir leben in einer Welt der Zeichen, ist das etwa keine Gemeinsamkeit?“ (S. 204)

Durch eine solche Rede, die von einem untergehenden Stasi-Offizier gehalten wird, könnte Hilbig meinen, dass Literatur und Stasi gleichzusetzen wären, dass das „Feindlich-negative“ nicht mehr vorhanden sei, weil beides gleich seien, was Klaus Welzel auch betont: „ Die zahlreiche autobiographischen Anspielungen Hilbigs legen jedoch den Schluß nahe, daß er entweder selbst Stasi-IM war - was offensichtlich nicht der Fall ist - oder aber, er beabsichtigte eine Gleichsetzung von Literatur und Spitzelei.[10] Es ist zu bemerken, dass M.W. von der Stasi auf ganz seltsame, sozusagen belanglose Art und Weise erworben wird, und auf derartige Art und Weise erhält er auch Zugang zur Szene:

„Von irgendwem aus dem inneren Bereich dieses Milieus war W. unversehens eingeladen worden … ehe er hinging, kannte er nicht einmal den Grund für die Einladung: vermutlich hing es zusammen mit einigen Gedichten von ihm, die in einer westdeutschen Zeitschrift abgedruckt worden waren.“ (S. 195)

Diese Einladung ist nicht zufällig: „ Feuerbach wußte vor den Einladung schon am nächsten Tag “ (S. 195.). Es ist zu vermuten, dass der „ irgendwer “ auch ein Spitzel sein könne, immerhin ist hier ganz klar, dass W. die Szene betreten darf, weil er IM ist. Die Stasi ist die bedingte Voraussetzung, durch die W. aus seiner Belanglosigkeit als Arbeiter und nicht Veröffentlichter zum anerkannten Autor werden kann, oder vielmehr darf: Die westdeutsche Veröffentlichung von W.s Gedichten muss von den „Mächtigen“ genehmigt worden sein, ja gefördert, „ autorisiert “ (S. 202), und dabei stützt sich Hilbig auf die Wirklichkeit der DDR.

2/ Stasi und Literatur in der DDR

In der den Roman abschließenden Anmerkung erklärt Hilbig, dass er sich dank Informationen von verschiedenen IM mit dem Stoff „Stasi“ habe beschäftigen können, und darunter habe er viel von einem gewissen „IM Gerhard“ über die Stasi erklärt erhalten. Dieser IM ist eigentlich der Literat Rainer Schedlinski, wie die Stasi-Akte[11] im Anhang beweisen (Anhänge 1-4), der nicht nur das Vorbild für Reader / S. R., sondern meiner Meinung nach auch für „Ich“ ist. Alison Lewis vertritt diesbezüglich folgende Auffassung:

„Schedlinski war - genau wie Anderson und Ibrahim Böhme [die auch als IMs nach dem Mauerfall enttarnt wurden] - ein „IM neuen Typus“, den das MfS in den 1980er Jahren etablierte: Dieser wurde gezielt „angeworben, aufgebaut und eingeschleust“ und sollte „republikfeindliche“ Gruppen nicht mehr zerschlagen, sondern sie beherrschen, „umprofilieren“ und so von innen her „paralysieren“. In seiner Funktion bespitzelte Schedlinski nicht nur Künstlerkollegen, sondern verfasste auch Berichte über Organisationen und Mitarbeiter der evangelischen und katholischen Kirche. Eine Rolle spielte bei seiner Tätigkeit auch finanzielles.“ 12 -

Seine Mission, für die er bezahlt wurde (siehe Anhang 3), bestand nämlich im Folgendem: „ in die Szene stärker in Erscheinung zu treten[13] (siehe Anhang 2). Auf ironische Weise wird von Feuerbach der IM „Ich“ in Anlehnung an Schedlinski im Roman so vorgestellt: „ Das ist der arme Poet, der noch nie etwas veröffentlichen durfte in seinem Land, und der deshalb bei REWATEX als Heizer arbeiten muß “ (S. 178).

Für solche Aufträge wurden tatsächlich viele von der Stasi angeworben, worüber das Handbuch für Stasi vom Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen (BStU) umfassend Auskunft gibt. In der Tat sollte Cambert für die Hauptabteilung XX (HA XX) der Stasi arbeiten, er erhält nämlich zur „ Anerkennung [seiner] Leistungen “ (S. 278) nebst einer japanischen Uhr als Geschenk eine Urkunde von jener Abteilung, die von einem gewissen „ Oberst Reuther “ unterschrieben worden sei (S. 279). In der Band des Handbuchs für Stasi [14], die sich mit der HA XX beschäftigt, ist nicht von einem „realen“ „ Reuther “ die Rede, sondern von einem „wirklichen“ Reuter ohne „h“, der die Abteilung Nr.9 zur „ Aufklärung und Bekämpfung politischer Untergrundtätigkeit[15] geleitet haben soll. Die HA XX bildet den eigentlichen „ Kernbereich des Systems der politischen Repression und Überwachung des MfS[16] und umfasste 31 sog. „Operative Vorgänge“ (OV, wie OV: Reader). Die HA XX/9 bestand aus 35 Mitarbeitern, die mehr als 300 IMs eingeworben hätten, um insgesamt rund um 30.000 sog. „Zielpersonen“ observieren zu können. Die HA/XX verfügte über eine beträchtliche Summe (1 Million Mark der DDR, d.h. ungefähr 800.000 FRF), und hatte große Pläne: „ Der gewachsene »Bedarf« an IM lässt sich aus der Planvorgabe für das Jahr 1989 ableiten, wonach sich die Abteilung das Ziel stellte, 25 neue IM zu »realisieren« und 20 »IM-Vorlaufmaterialien zu schaffen.[17] Diesen Zahlen kann entnommen werden, dass die Hälfte von Berlin-Ost unter „Kontrolle“ der HA/XX gewesen sein müsste.

Cambert bildet also einen Teil dieser observierenden Maschinerie, und seine Aufgabe besteht lediglich in der sog. „ Aufklärung “ (S. 17). Auch der schon oben erwähnte Goebbels hatte das „Volk“ aufzuklären, hier auch ist der Begriff zweideutig. Im militärischen Sinn soll der „Feind“ einerseits gefunden werden, andererseits ist die „Aufklärung“ eine marxistische Tradition: man müsse das Volk „aufklären“, d.h. das „Feindlich-negative“ ins „Positive“ à la Auguste Comte verwandeln. Jedoch sind Feuerbach & Co. mehr oder weniger dem Marxismus treu, und hören nicht auf Comtes Spruch: „ Liebe als Grundsatz und Ordnung als Grundlage; Fortschritt als Ziel. “ Hier handele es sich vielmehr um ein „Spiel“, um ein „ Aufklärungsspiel “ (S. 339), bei dem Cambert eine bestimmte Rolle innehat. Im dritten Kapitel, betitelt „Aufklärung“, also bei dem sich die „Erzählung“ und Hilbigs Meinung aufklären, erklärt M.W. / C. in der Vergangenheitsform: „ Ich war ein aufgeklärter Mensch, und ich gehörte einer aufgeklärten Institution an “ (S. 330).

Allerdings versteht Kesselstein die Regeln anders al C.: „ Ich habs denen schon immer gesagt, wenn sie mich mal gefragt haben, das dauernde Beschatten nützt nichts… nicht ob servieren, sondern ab servieren “ (S. 351). So ein „ Terror “ (S. 72) kann nur entstehen, wenn nun zum Ende gekommen ist, wessen sich in der Tat auch der simple Cambert bewusst ist: „ Alles […] was wir ermitteln und aufklären konnten, oben und unten und mitten in Berlin, war die Erkenntnis, dass wir enden mussten “ (S. 21). Sozusagen ist es zum „Ende der Geschichte“ gekommen, wie Francis Fukuyama die Periode ab dem Verfall des Ostblockes bezeichnet, und worauf im Roman auch angespielt wird, als Kesselstein M.W. im Gefängnis besucht: „ Er sollte mal Thomas Pynchon [ein Anhänger der Fukuyama-Schule] lesen, „Gravity’s Rainbow“… Sie haben das bestimmt intus, ich hab es leider auch nur bis auf Seite siebzig oder achtzig geschafft… “ (S. 351). Dabei offenbart sich Kesselstein nur als halbfertiger Theoretiker, der nicht einmal ein Buch, zu dem er privilegiert Zugang hat, fertiglesen kann. M.W. spricht übrigens von einem „ Geruch von Zwecklosigkeit “ (S. 245) in der Berliner Luft, er erklärt weiter: „ hier gab es keine Erdbeben. Ein seltsames Wort beschrieb plötzlich den Zustand des gesamten Landes am besten: Abwesenheit “ (S. 245). Eigentlich erklärt er nicht nur seine IM-Tätigkeit als zwecklos, sondern auch den DDR-Staat:

„Die Schlagwörter der Zeit indessen waren ausländischer Herkunft, sie stammten aus Moskau und hießen Glasnost oder Perestroika. Zum ersten Mal schien die kleine deutsche Republik taub zu sein in Richtung Moskau; hier blieb alles beim alten, nein, es wurde von Tag zu Tag älter: und die alten Männer in der Regierung schienen die Wörter noch nie gehört zu haben. “ (S. 245)

Aber nicht nur den Mächtigen unterstellt aber Hilbig durch den Erzähler die Unfähigkeit, sondern dem ganzen System an sich, das nur von Egoistischen bedient wird: „ Gern wäre ich einmal weiter vorgestoßen, bis in die Tiefgeschosse der höheren Kader, denn dort, man hörte es immer öfter, sollten die wahren Orte der Verschwörung zu finden sein “ (S. 27). Schon von Anfang an betrachtet also der IM seinen „Weg“ als „Ziel“-los (S. 21: „ Der Weg ist das Ziel “) und Kesselstein, als er dessen bewusst wird, dass alles schon längst verloren sei, dünkt, es sei allerhöchste Zeit „ an das Dasein nach uns zu denken “ (S. 325), jedoch fällt es ihm dabei ein, dass auch die Literaten nicht reagieren und in Untergang geraten sind, denn es für ihn Literatur ohne die Stasi nicht geben kann: „ Was wäre denn ein Schreiber nach uns? ohne uns? “ (S. 326). Sowohl die Stasi, als auch die Literatur bräuchten ihr Gegenteil um einfach zu existieren.

Dies beruht eigentlich darauf, dass die DDR stets auf einem Paradox beruht: Dass die machttragende SED immer illegal (durch Wahlfälschungen) an der Macht gewesen ist, während in der Stasi aber den Kampf gegen die „ Politische Untergrundtätigkeit “ (PUT) erklärt wurde, d.h. gegen die sog. „ inoffizielle Kulturszene[18]. Jedoch ist folgendes zu bemerken:

„In sozialistischen Staaten, so hieß es, existiere »für eine Opposition keine objektive politische oder soziale Grundlage«, denn »die Arbeiterklasse – im Bündnis mit den anderen Werktätigen« – sei »die machtausübende Klasse und zugleich Hauptproduktivkraft der Gesellschaft« Und weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte, wurden die tatsächlichen Erscheinungen widerständigen Verhaltens in der DDR äußeren, nämlich westlichen Einflüssen und Mächten angelastet. Auf diese Weise der Legalität entzogen, konnten die Träger des Widerstandes ins gesellschaftliche Abseits gestellt – und begrifflich – dem Untergrund zugeordnet und kriminalisiert werden. […] Der Begriff »Untergrund« widerspräche dieser Theorie, da sie auf dem Prinzip der Einheit von »Illegalität und Verbindung zu den Massen« beruhe. Der Terminus »Untergrund« entspringe vielmehr dem Sprachvokabular der Feinde des Sozialismus. Sowohl die marxistisch-leninistische Literatur als auch die Beschlüsse der SED verwendeten den Begriff »Untergrund« stets zur Definierung der von den imperialistischen Kräften gegen die sozialistische Gesellschaft organisierten illegalen Gruppen, subversiver Anschläge und konterrevolutionärer Putschversuche.“ 19

Die sog. „Zersetzung“ aber von solchen „illegalen“ Gruppen verwandelt sich am Ende des Romans, also am Ende der DDR in „ Zerschlagung “ (S. 74), sog. „ Ordnungsgruppen “ (S. 363), die aus Halbstarken und Kriminellen bestehen, werden auf illegale, menschenrechtsfeindliche Art und Weise eingesetzt, um die „Illegalität“ zu bekämpfen, denn diese Illegalität werde der Verbindung mit den Westlern geziehen, was eigentlich dem großen Plan Feuerbachs entspricht: Den Untergrund zu unterwandern (oder anders formuliert: „ die Inoffizielle Literatur zu unterwandern, um ihr die Liebe meiner Firma zur Literatur zu infiltrieren “, S. 321) , damit ein DDR-Literat, der insgeheim für die Sache der Stasi arbeitet, sich gezwungen sieht, in den Westen zu ziehen, weil er im Osten nicht mehr frei zum Ausdruck kommen kann. Und hiermit würde auf heimtückische Art und Weise enthüllt, dass die Szene wider die DDR zu Gunsten der BRD arbeiten würde, d.h. sie würde dabei jegliche Glaubwürdigkeit verlieren, und Feuerbach, der „Aufklärungsspieler“, hätte gewonnen.

Zu diesem Zweck muss er aber ein Intellektueller, hier M.W., als Sachverständiger einwerben, was in der Tat des Öfteren geschehen ist. Manfred Jäger hebt zu Recht folgendes hervor:

„Der Stasi zu helfen und zu dienen, die sich poetisch als „Schild und Schwert der Partei“ stilisierte, mußte Herzens- und Ehrensache sein. Gerade auf diesem Gebiet hatte der Intellektuelle, der zur „Arbeiterklasse übergetreten“ war, sich zu bewähren. […] Die Stasi […] verstand es […] gut, die Eitelkeit und die zur Selbstüberschätzung neigende Profilneurose der intellektuellen Helfer für die eigenen Zwecke zu nutzen.“ 20

Vom Chef von A. wird M.W. eingeworben, indem er ihn schmeichelt: „ Und wir wissen auch, daß Sie als Schriftsteller mehr leisten können als dort im Kesselhaus… (W. überlegte, ob der Mensch gesagt hatte: mehr leisten für die Gesellschaft) “ (S. 100). M.W. stürzt dabei in einen neurotischen Hoffartzustand, fühlt sich in der Tat nun „ anerkannt “: „ Ich habe Unterstützung “ (S. 112) erwidert er seiner armen Mutter. Jedoch erklärt Jäger:

„Da sie weder für noch gegen den Staat gewesen seien, hätten sie weder oppositionell noch regimetreu gewirkt. Die Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit wird so zu einem unverbindlichen Spaziergang im neutralen Niemandsland. Die Freunde und Bekannten, über die man berichtete, werden zu belanglosen Figuren in einem harmlosen Puzzlespiel.“ 21

Also täten auch die Literaten nur als ob, was in der Tat M.W. in der Präsenzform ganz am Anfang seiner Erzählung auch so formuliert: „ Frühzeitig hat man mich gelehrt, dass man Vorteile für sich den Machtinhabern dieser Welt am schnellsten entreißt, wenn man es im Bündnis mit ihnen tut, Man muss das begriffen haben: man entlockt ihnen ihr Einverständnis nicht, man zwingt es ihnen ab “ (S. 7). Es muss also nun gefragt werden, ob die Literatur auch zwischen Realität und Wirklichkeit schaukelt. Darüber hinaus muss man nicht aus den Augen verlieren, dass der Literat, der als „Hauptfigur“ im Roman fungiert, auch ein IM ist, also wenn er sagt: „ Ich arbeite als Schriftsteller “ (S. 136), gebraucht er lediglich nur das „ Sprachvermögen der Firma “ (S. 258). Jedoch sei das alle für Cambert nur ein „ Aufklärungsspiel “, während er annimmt, dass Feuerbach „ solche Floskeln ernst meinte “ (S. 225), wobei er es zu tun nur vorgeben könnte. Infolgedessen heißt es nun, auf Hilbigs Beschäftigung mit „Realität“ und „Wirklichkeit“ genauer einzugehen.

II/ „Ich“ als Erzeuger von „Realität“

1/ „Ich“ als gewählte, irreale Identität

Erwiesenermaßen bedient sich der Erzähler „Ich“ der Sprache der Stasi und die Erzählung wird dadurch sozusagen „verstasiiert“. Zum Beispiel erklärt „Ich“: „ Ich hatte meine Zielperson aus den Augen verloren und betrachtete sie nur als Person “ (S. 285). Dabei versucht „Ich“ wieder in die Wirklichkeit zu gelangen, indem er nicht mehr berichtsgemäß „beobachtet“, sondern „ betrachtet “, dabei wirkt er „humaner“. Jedoch ist und bleibt „Ich“ stets in der „Realität“ der Stasi eingekerkert, und dies letztendlich aus freien Stücken: „ Die Firma ist meine Heimat, und ich bin mein eigener Spitzel. Und ich kann warten, ich habe Zeit, ich habe viel Zeit “ (S. 343). Vermutlich erzeugt sich „Ich“ sein eigenes „Ich“, sozusagen ein Berichts-„Ich“, er „simuliert“ sich einen „ Berichtszeitraum “ (S. 26), wie es folgendermaßen hervorhebt:

„Wir betrieben ununterbrochen Aufklärung, inwiefern sich die Wirklichkeit unseren Vorstellungen schon angenähert hatte […] aber wir durften nicht glauben, dass unsere Vorstellungen wahr werden konnten. Nein, wir glaubten unseren eigenen Vorstellungen nicht, denn wir klärten ununterbrochen auf – für uns selber – dass es keinen Grund gab, ihnen Glauben zu schenken, den Vorstellungen.“ (S. 45)

„Ich“ ist also gefangen in einem „Spiel“, das ihn in seelisches Chaos treibt, und im Gegensatz zu den anderen Spitzeln glaubt er tatsächlich daran: „ Nichts konnte passieren, was wir nicht glaubten, weil wir es nicht glaubtenund schon waren wir notwendig “ (S. 46). Die hiesige Wir-Beschwörung deckt die Megalomanie des „Ichs“ auf, das nun glaubt, und dies kritisierte Jan Faktor, nun ein Mitglied der Stasi geworden zu sein, sogar ein unentbehrliches Rad im Getriebe des Observierens, was allerdings durch und durch falsch ist: Am Ende bleiben das wahnsinnige Ich und der neue Chef von A. allein diejenige, die dem System noch Glauben schenken, sogar der vorige Chef ist davongegangen, ist nach Ungarn geflohen. Doch ist sich „Ich“ dessen bewusst: „ Ich hatte gesehen, daß ein Ding, an das wir nicht glaubten, plötzlich dagewesen war! […] daß uns irgendetwas in diesem Land zuwiderlief “ (S. 330). Dabei ist „Ich“ nicht als simpel zu betrachten, er ist dermaßen im System verwickelt, dass er ohne es nichts mehr sein kann, er ist im Labyrinth der Berichte verloren, wie es Klaus Welzel formuliert: er kreiert sich eine „ Welt als unwirkliches Labyrinth, wo Phantasie und Wirklichkeit kaum mehr unterscheidbar sind[22] und dabei ist das Beiwort „unwirklich“ von Belang, am „Wirklichen“ hat „Ich“ überhaupt kein Interesse:

„Später machte er die Erfahrung, daß man sich sehr gut darauf einigen konnte, daß es um das wirkliche Gesagte überhaupt nicht ging […] diese Aussagen waren also wertlos! […] Dennoch behielt die Sache für ihn einen Reiz, einen starken Reiz sogar: dieser bestand in seinem voyeuristischen Verhalten… und in der Nicht-Befriedigung, die das Verhalten eines Voyeurs hervorbrachte.“ (S. 127)

Auf perverse Weise interessiert sich „Ich“ in der Tat für das seelisch Verborgene des Menschen, für das Untergründige in ihm, oder vielleicht nur bloß für das sexuell Intime. Eigentlich berichtet Cambert über Literaten, jedoch macht er sich vor, ein Literat zu sein, und erzeugt nur „ pedantisch [e] Essays “ (S. 258), was seiner Hierarchie überhaupt einerlei ist. Klaus Welzel ist folgender Ansicht: „ daß man an höher geordneter Stelle der Behördenhierarchie nicht Camberts literarische Ansichten über S.R. lesen will, sondern Details über das Intimleben des observierten Schriftstellers.[23] Damit bin ich nicht ganz einer Meinung, Cambert ist nicht „HGW XX/7“ aus dem Film Das Leben der Anderen von Florian Henkel von Donnersmarck aus dem Jahre 2006: Dieser, wobei er auch ein frustrierter Mensch ist, erhebt keinen sexuellen Anspruch auf seine Zielpersonen, was aber bei Cambert der Fall ist, wenn er der „Studentin / Journalistin“ (S. 310) verfolgt, was nichtsdestoweniger auch nur ein Spiel für ihn ist: „(Die Rolle des verzweifelten Liebhabers war eine Glanzrolle, die jeder Mitarbeiter, der etwas auf sich hielt, perfekt beherrschte!)“ (S. 337). Der Metakommentar, als wäre einer von einem IM selbst, vielleicht von „Gerhard“, informiert uns darüber, dass die IM vor allem Schauspieler sind, jedoch verliert „Ich“ den Faden:

„Und dann trieb ich mich noch auf dem Bahnhofsvorplatz, daß es Wahnsinn war, was ich tat: ohne Auftrag stieg ich einer jungen Frau aus Westberlin hinterher… ich hatte mich vollkommen in ihren Schatten verwandelt, und meinen Schatten hatte ich dabei verloren.“ (S. 337)

Doch hat sich „Ich“ einem ganz anderen Auftrag auch gewidmet: „ Ich selbst… beobachtet von mir selbst “ (S. 41). „Ich“ lässt sich grammatisch beugen, aber nicht der Grammatik wegen, sondern weil dieses „Ich“ bloß nur ein Lexem aus dem Stasi-Jargon ist, das „Ich“ sich selbst gewählt hat, um seinen Defizit an Identität vielleicht auszugleichen, jedenfalls um sich in eine stasimäßige „Realität“ derart hineinzuversetzen, dass „Ich“ nicht mehr weißt, wer oder vielleicht was es überhaupt ist:

„Vielleicht mußte er sein Ich mit anderen vergleichen, die vielleicht ebenfalls ich sagten, hier unten. Vielleicht mußte er daraufhin feststellen, daß sein eigenes Ich hohl und phantastisch war; jedenfalls nicht mehr unabhängig, jedenfalls nicht mehr ganz nach Belieben zu vergessen oder aus dem Vergessen heraufzurufen.“ (S. 71-72)

Über den Grund, warum „Ich“ ausgerechnet dieses „Ich“ gewählt hat, gibt „Ich“ auch Auskunft:

„Hier war ich noch derjenige, der ich nun seit langem war: der nüchterne Beobachter ohne Zeitempfinden - die Zeit nur als ein spielerisch einsatzbares Signifikat am linken Handgelenk - der Wahrnehmungsmensch, dessen Sinn darauf trainiert war, seine Beobachtungen in methodisch aussehende Sprachraster zu fügen.“ (S. 283)

Indem aber sich „Ich“ als „irreal“ erweist, offenbart sich dabei das System, dem er dient, auch als „irreal“, worauf Klaus Welzel hinweist: „ Hilbig braucht Phantasie und Wirklichkeit in Ich nicht mehr zu trennen, weil auch die DDR-Gesellschaft irreal war.[24] Und darin besteht also Hilbigs Absicht, worauf es sich nun zu konzentrieren gehört.

2/ Hilbigs Darstellung einer irrealen Welt

Anlässlich eines Gespräch reagierte Wolfgang Hilbig auf Karim Saabs Behauptung, der Roman «Ich» erinnere an George Orwells «1984», indem er über die Stasi folgendes sagte:

„Das Buch ist der Versuch, mir das Rätselhafte an dieser Behörde zu erklären. Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß es letztlich das Ziel der Stasi war, jeden einzubeziehen. Die Arbeit der Behörde bestand letztlich darin, Menschen eine neue fiktive Identität aufzudrücken. In der alten Identität mußte ein Punkt sein, in dem sie individuell erpreßbar waren.“ (Siehe ähnlich S. 79)25

Es müsse also eine Begebenheit im Leben des als IM Erworbenen sein, die für die Stasi „illegal“ gewesen sei, sozusagen eine sozialistische „ Jugendsünde[26]. Hier kann behauptet werden, dass die autobiographischen Züge des Romans sehr prägend sind: „Ich“ also als Stellvertreter von Hilbig, vielleicht als neue literarische und literarisierte Identität eines ehemaligen DDR-Bürgers, der gelitten habe, und der durch die Stasi „a n der Seele […] geschnüffelt “ (S. 370) wurde: „ Ich wurde auch mal angeworben, war aber nicht erpreßbar. Damals steckte ich im Heizungskeller und konnte in der gesellschaftlichen Hierarchie nicht tiefer sinken. Ich wollte nie in meinem Leben studieren und hatte nur meine Freiheit zu verlieren.[27] Bei „Ich“ ergibt es sich nicht anders: „ Es sei die Katastrophe, daß in seinem Vorleben keine Katastrophe gegeben hatte “ (S. 81). Hier ist von einem „Vorleben“ die Rede, d.h. von einem Leben, das es vor der Kreierung des IMs gegeben hätte, einem Leben von Freiheit also: sie aber verliert „Ich“, und dies vielleicht ganz freiwillig. Wie dem auch sei, spiegelt der Roman Hilbigs Stellungnahme zur „Realität“ der Stasi wider, „Ich“ erklärt darüber hinaus: „ Die Wirklichkeit dieses Apparats ist der Versuch, einen Staat von Mitarbeitern zu schaffen, dachte W “ (S. 80). Hier ginge es also um „Wirklichkeit“, d.h. die „Realität“ der Stasi erschöpfe sich in jenem Versuch, aus allen Bürgern bloß „feindlich-negative“ Elemente zu kreieren, sozusagen dass alle sich spionieren, weil alle schuldig seien, was Hilbig auf dialektische Weise so analysiert:

„Ein Geheimdienst in einer Diktatur muß letzten Endes darauf hinarbeiten, daß alle Bürger dieses geschlossenen Systems auf seine Linie einschwenken, wenn nicht sogar mitarbeiten. Die Konsequenz davon ist, daß sich innerhalb dieses Geheimdienstes ein neuer Geheimdienst bilden muß. Er muß sich einfach selber überholen, denn wenn alle IMs sind, dann ist der alte Zustand wiederhergestellt, in dem es keine IMs gab.“ 28

Dies betont nämlich die Figur Feuerbach folglich: „ Allein damit aber war der Dienst nicht nur für den einzelnen da, sondern er war der Dienst für alle. War dies nicht das unausgesprochene Ziel aller großen Utopien, von Platon über Bacon bis Marx und Lenin? “ (S. 75). Also wird das System an sich in Frage gestellt, als Utopie, also als „Irreales“ bezeichnet, Hilbig erklärt übrigens noch: „ Die gesellschaftliche Realität des realen Sozialismus war fiktiv und ideologisch und hatte mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun.[29]

Aber dies wird im Buch geäußert von ausgerechnet einer Figur, die „Feuerbach“ heißt, nach dem Namen des Linkshegelianer Ludwig Feuerbach (1804-1872), an dem Karl Marx (1818-1883), dem Vorbild der DDR-Mächtigen, in der ersten These der Thesen über Feuerbach aus dem Jahre 1845, also drei Jahre vor der Niederlegung des Manifests der kommunistischen Partei, eine scharfe Kritik übte:

- Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus – den Feuerbach’schen mit eingerechnet - ist, dass der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit, nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefasst wird; nicht aber als menschliche sinnliche Thätigkeit, Praxis, nicht subjektiv.[30]

In seinem Roman verankert Hilbig, wie schon ein Jahr vor seinem Roman «Ich» in dem Essay Die elfte These über Feuerbach, sozusagen der Feuerbach-Marx-Streit, der in der elften These von Marx hauptsächlich besteht: „ Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretirt; es kommt aber darauf an, sie zu verändern “. Diese These wird allerdings von Hilbig nicht so zitiert, sondern er entfremdet sie auf folgende „heimtückisch-simple“[31] Weise, wie eingangs schon erwähnt: „ Die meisten guten Gedanken kommen vom Gegner. Es kommt aber darauf an, sie zu verändern “ (S. 38).

Im Verglichen mit Marx würde demgemäß von den DDR-Theoretikern Feuerbach fast als „feindlich-negativ“ bezeichnet, oder vielmehr als missratener Vorreiter der proletarischen Sache, daher erklärt auch „Ich“ folgendes: „ Feuerbachs Sätze waren unentwirrbar, weil mich der Grund für sie bis in jene Zeit zurückführen mußte, die vor dem Beginn meiner Gespräche mit Feuerbach angesiedelt war. Es war fast, als solle ich an Dinge denken, die vor meiner Geburt lagen “ (S. 62), also vor der proletarischen „Realisierung“ des Arbeiters M.W. zu einem marxistischen (im wahren Sinne des Wortes, d.h. stasimäßig) Literaten.

Dabei aber setzt sich die „ Behörde “ kein Ziel, Feuerbach ist sogar folgender Meinung: „ Der Weg ist das Ziel “ (S. 21), also der Prozess der Realisierung durch jene Behörde, jenes Bestandteil eines Machtapparats, das schon zum Tode verurteilt ist: „ Die Behörde war das Ende “ (S. 353). Immerhin ist es zu bemerken, dass die Decknamen, die in Stasi Anwendung finden, wie eben „Feuerbach“ nur „Künstlernamen“ sind, also „irreale“ Namen, denn die „Kunst“ der Stasi ist die „Verwirklichung“ ihrer „Irrealität“, ihrer „Simulation“, wie der berichtende „Ich“ es so auch ausdrückt:32

„Heute hatte Feuerbach wieder von diesem „überempfindlichen Typ“ gesprochen… damit sollte ich gemeint sein, es konnte nur der Typ aus der Zeit vor dem Beginn meiner „Kontakte“ gemeint sein. […] Es war eine Unzeit […] In der Tat, er hatte damals - für sich selbst! - dieses Stück Leben simuliert.“ (S. 62f)

Und der Grund für diese Simulation ist kein anderer als folgender: „ Denn er hatte sich in dieser Zeit immer mit Literatur beschäftigt […] er war andauernd in Schreibversuche verstrickt “ (S. 65), also in „Realisierungs“-Versuche, vielleicht um Subjektvierung des Objekts „Literat“, ganz im Sinne des (bitteren oder biederen?) Bitterfelder Weges. André Steiner ist dazu folgender Ansicht:

„Dabei handelt es sich um, anders gewendet, nicht einmal um ein Subjekt, sondern um eine Subjektspaltung, die gerade durch ein Schreiben erzeugt wird, das die in der Vita des Autors angelegte Differenz zwischen einer Arbeiterexistenz und dem selbstgewollten Projekt einer Karriere als Schriftsteller zu überwinden trachtet.“

Und diesbezüglich wird die Rolle der Stasi so definiert: „ Er sei ihm, dem Chef, sogar dankbar für den heilsamen Anstoß, für die Inspiration […] für eine sehr literarische Idee: Eine seiner Figuren war auf den Gedanken gekommen, den Zeitpunkt ihrer Geburt selbst zu bestimmen “ (S. 140f). Durch diese „aufklärende“ Mise-en-abyme wird sichtbar, dass „Ich“ selber bloß eine „ literarische Figur “ (S. 142) ist, nicht nur M.W., sondern vielleicht auch Cambert, immerhin „ um den Realismus seiner eigenen Geschichte ging es nicht […] Genau dies, sagte sich W., war das Hauptmerkmal des nichtexistierenden Sozialistischen Realismus, über den der Chef so wenig guter Meinung gewesen war “ (S. 169). Dementsprechend kritisiert W. die DDR nicht selbstständig, er folgt nur der Idee seines Vorgesetzten, seines „Ersatzvaters“, der vielleicht auch fungiert als der Ersatzvater vom vaterlosen Hilbig, der sich also suchen würde einen literarischen Vater, eine Figur, von der „Ich“ erklärt: „ C. dachte: „Ich“ bin derjenige, der nichts glaubt, außer daß alle Figuren dieser Geschichte an einem Schreibtisch erfunden sind… erfunden als Figuren, die den Staat vergöttern “ (S. 351). „ Alles unecht an dem Kerl “ (S. 215) findet die „realexistierende“ Frau Falbe an dem amerikanisch aussehenden CIA-Liebhaber Feuerbach, von dem Cambert folgendes sagt: „ Ich wusste, dass er gern mit Lektüreergebnissen, besonders mit stereotypen Wendungen aus den Übersetzungen englischer oder amerikanischer Literatur um sich warf “ (S. 10).

Wie diese Stelle das Verräterische an Feuerbach aufdecken möge, der zufolge gehören also auch die Literaten der von der Stasi oder bloß von „Ich“ erzeugten „Unwirklichkeit“ an, von einem „Ich“, das sich aber immer wieder zwischen seiner „wirklichen“ Identität als IM und der „realen“ als Literat nicht entscheiden weiß. Dies bringt er zum Wahnsinn und er erzeugt seine eigene literarische Stasi-Welt, in der er sich vormacht, ein untergründiger „ Alleinherrscher über ein unbekanntes halbdunkles Reich “ (S. 71) zu sein. Aber dabei er ist nur bloß der Schatten eines anderen, oder eher einer anderen, oder vielleicht vielmehr dient der sog. „OV: Studentin“ (S. 321) bloß als literarische Produktion. Dies aber hieß es nun „aufzuklären“.

III/ Die sog. „Inoffizielle Literatur“ und die „Realität“

1/ „Ich“ zwischen Stasi und Szene

Der IM Cambert (oder wäre es bloß Hilbig?) erklärt am Anfang seiner Erzählung folgendes: „ So fühlen sich die Mächtigen am wohlsten, wenn sie sich bedroht glauben. Und wenn nirgendwo die Anzeichen für eine Palast- oder Straßenrevolte zu erkennen sind, erfinden sie solche “ (S. 8). Ganz im Sinne des vorigen Teiles erzeuge also die Stasi, das System, jene Literatur, die sie braucht, um sie als „illegal“ zu bezeichnen, damit das System seine eigene „Illegalität“, also „Unwirklichkeit“ durch die „Illegalität“, also die „Irrealität“ eines „realexistierenden“ Feindes zu begründen vermöchte. Doch vertritt Hilbig folgende Auffassung: „ Es ist eine Legende, daß der Staat oder die Literaturbehörde sich wirklich für Literatur interessierten. Was sie ernst nahmen, war außerliterarisch. Die Literatur und die Szene wurde als Widerstandspotenzial ins Blickfeld gerückt und versucht, lächerlich zu machen.“[33] Diese Idee wird im Roman entwickelt, indem geäußert wird, dass die Stasi die Literatur der DDR im Westen selbst offiziell macht:

„Es gab im Westen niemanden […] der nicht widerstandslos die Urteile nachbetete, die schlußendlich die Urteile des MfS (beziehungsweise des KGB) über literarische Qualität waren. Es war einer unserer besten Schachzüge, die Literatur von „überwiegend sozialismusfremder, pessimistischer Aussage“ (wie bei uns die Inoffizielle Literatur beschrieben wurde) mit dem Merkmal „mangelnder literarischer Qualität“ zu koppeln: und die Mumien der westlichen Literaturtheorie glaubten diesem Urteil…“ (S. 288)

Anhand einer solchen Auffassung könnte behauptet werden, die Stasi leistet also auf direkte Weise Förderung, anders gesagt, so im Stasi-Jargon, „ Fürsorge “ (S. 348). Doch handelt es sich hier nicht um Nächstenliebe, sondern um das Prinzip von Leistung und Gegenleistung, was vom Chef von A. klar ausgedrückt wird: „ Ich brauche hier im Kreisgebiet einen Künstler oder Schriftsteller, den ich mit gutem Gewissen für ein Jahr oder mehr, manchmal auch etwas weniger, da drüben unterstützen könnte “ (S. 166), oder auch vom „Literaturliebhaber“ Feuerbach, der sich in der Tat nur mit angelsächsischer Literatur beschäftigt: „ Da bleibe ich lieber in der Welt der Zeichen und frage mich dreimal am Tag, wem können wir jetzt noch einen Gefallen tun? “ (S. 204). Aber „Ich“ selber fällt auf Feuerbachs Spiel nicht herein: „ Er war und blieb eine Hoffnung “ (S. 317), wobei „Ichs“ Pläne noch weniger vernünftig, ja aufgeklärt aussehen als die von Feuerbach, der große Rosinen im Kopf hat: „ Verstehen Sie, für mich waren Sie unsere Möglichkeit, die Sache dort offensiv anzugehen “ (S. 178). Feuerbach hält aber nur auf ihn selber, nur „ für mich “ ist „Ich“ interessant, nicht eben für die „Firma / uns“. Er will, dass M.W. „da drüben“ bekannt wird, dass M.W. in die „ Frontstadt der westlichen Welt “ (S. 283) mit einem guten, systemkritischen Ruhm gelangt, um alle dort zum Narren zu machen. Für „Ich“ aber würde eine Ausreise dorthin ihm die Möglichkeit anbieten, „ wirklich M.W. zu sein “ (S. 283), sich selber folgendem zu bestätigen: „ ich sei identisch mit dem Lyriker M.W. “ (S. 284), denn es besteht für „Ich“ noch ein großes Problem: er ist überhaupt kein Literat, ob er will oder nicht. Seine „Produktion“ in A. beschreibt er selber als eine Mischung aus Selbstsuche, Identitätsausgleich und Wahnsinn:

„Die Texte […] waren ein uneinheitliches Gemisch von hypertropher Selbststilisierung (eines erfundenen Selbst) und der nüchternen Beschreibung von Alltäglichkeiten aus seinem wirklichen Dasein […] es waren zumeist Beschreibungen seiner Kneipenabende, der dabei konsumierte Alkohol diente ihm zu dem Vorwand, unter dem er sein Ich der Wirklichkeit entrückte.“ (S. 86)

In Berlin betrachtet er sie als „ miserable Vorarbeit “ (S. 291), Feuerbach selber spricht von „ Lächerlichkeiten “ (S. 299). Jedoch scheint es, dass „Ich“ selber mit seinem Versagen im Klaren sei: „ vielleicht mußte er erst einmal damit aufhören, sich als dieser merkwürdige Schriftsteller zu betrachten “ (S. 135); er will eine „ Künstlerexistenz “ (S. 149) führen, oder vielleicht gedenke er nur das zu tun (so Feuerbach, S. 152). Jedenfalls offenbart sich am Ende der Erzählung ganz klar, dass „Ich“ nicht mehr zu nützen ist, was er auch selber erfasst: „ Mein Talent zum Gedichteschreiben hatte sich derart versteckt, dass ich es schon vergaß “ (S. 334). Und dies ist damit zu begründen, dass in der Tat die Bürger zürnen, ein Aufruhr ist vorzuahnen, und die Mächtigen, die eingangs „Ich“ zu zwingen vorhatte, werden „Ich“ los, sodass „Ich“ sich nun allein mit sich selbst befindet, doch ohne die Selbstspitzlung, das Berichtschreiben, ohne diese „ Stasi-Literatur[34], so der Dramatiker Heiner Müller (1929-1995), ist er gar nichts (mehr): „ Ich war über mich selbst nicht mehr informiert “ (S. 335). Derzeit definiert er sich selbst als „Parasit“: „ Ich wurde wieder zu dem lästigen Anhängsel der Literatur “ (S. 336). Ich meine, er war bereits ein Taugenichts, nun ist er selber, und das sagt „Ich“ von S.R.s Literatur, nur „ mehrfach verwendetes Spülwasser “ (S. 336). Der „OV: Reader“, selber ein IM (S. 346), könnte angesichts voriger Punkte als „OV: Ich“ bezeichnet werden: „ Inzwischen hielt ich es für möglich, daß ich gleichzeitig sein Vorgang gewesen war “ (S. 372), dazu braucht aber „Ich“ keinen Spitzel, er ist erwiesenermaßen sein eigener, der ein falsches Doppelleben führt, dabei aber verhält er sich demgemäß: Als Stasi-Mitarbeiter gerät er samt des ganzen Systems in den Untergang und mit der Zwecklosigkeit seiner Bespitzelung hat er sich abgefunden; als Literat macht er wie die anderen Literaten: er ignoriert, gleichgültig, ja bei ihm sind „ die bemitleidenwertesten Zeugnisse einer tiefen Resignation “ (S. 213) zu spüren.

Darüber hinaus hält das Paar Feuerbach-Cambert zusammen durch, wie darauf Klaus Welzel zu Recht hinweist: „ Cambert benötigt Feuerbach als Leser, um die Existenz seiner Autorenschaft zu beweisen, und Feuerbach benötigt den Spitzel Cambert, um sich der Notwendigkeit der Stasi-Behörde und damit seiner eigenen Existenz zu versichern.[35] Dass Welzel „Ich“ als Cambert so ohne weiteres nennt, kann nicht als sachlich betrachtet werden, immerhin will er ganz im Rechten sein, dennoch nur auf psychologische Ebene. „Ich“ ist vaterlos und braucht einen Vater, „ weil kein solcher zur Verfügung stand “ (S. 65), was allerdings problematisch und identitätsstiftend und -zerstörend zugleich ist: „ Vage dachte daran, daß er in seiner Kindheit stets auf der Flucht vor seiner Mutter gewesen war… und damit vielleicht unbewußt auf der Suche nach seinem Vater? “ (S. 107), also würde die Stasi zur „realen“ Familien von Cambert, was aber allerdings abzulehnen ist: „ Die Realität kennt keine Verwandten “ (S. 66). Vielmehr ist Cambert seinem Vorgesetzten unterworfen: „ das hieß, daß er von seinem Führungsoffizier abhängig war “ (S. 222), und derart abhängig, dass „Ich“ keinen Widerstand leistet, als Kesselstein ihn vergewaltigt: „ Gegen einen betrunkenen Freund durfte man niemand zu Hilfe rufen, selbst wenn es auf Leben und Tod ging, dachte er später “ (S. 366). „Später“ also findet er sich mit dem sexuellen Verhalten seines „Partners“ ab, weil er nicht widerstandsfähig ist, vielleicht denn er ist so im System verstrickt, dass er dieser Beziehung bedarf, es koste, was es wolle. Die Homosexualität der Stasi-Mitarbeiter ist hier vielleicht durch eine mögliche Auslegung zu betrachten, die besagen würde, dass sie ihre sexuellen Triebe nicht mehr unter Kontrolle hätten, weil sie derart schon tief untergangen sind, dass sie sozusagen „entartet“ sind, also „die DDR als mißratene Lebensform[36], die „ Scheiß-DDR “ (S. 318), die wie Pflanzen „degenerieren“: „ irgendwas blätterte ab von Feuerbach “ (S. 226). Vielleicht sind sich die Mitarbeiter der „Firma“ dieser Degeneration selber bewusst, wie Feuerbach es annimmt: „ Wahrscheinlich, sagte er, sind wir irgendwie selber schon Scheiße… “ (S. 318). Aber Feuerbach resigniert nicht allein, auch die Literatur gerät in „ Depression “ (S. 357).

2/ Stasi und Szene im Blickwinkel von „Ich“ / Hilbig

Auf die Behauptung, in seinem Roman setzte Hilbig Spitzeln und Schreiben gleich, reagiert der Autor folgendermaßen:

„Nicht gleichgesetzt, sondern verglichen. Das war eine beklemmende Idee. Ich hatte den Eindruck, daß sich beide Tätigkeiten ähneln. Beide, der Spitzel und der Schriftsteller, schaffen sich eine Wirklichkeitsfiktion und eine Fiktion von Figuren, die sie überdenken, ausloten, observieren.“37

Aber erwiesenermaßen schaffen sich sie nicht nur eine „Realität“, sondern ihr eigenes Leben, zumindest so soll es vorschriftsgemäß sein: „ Uns gegenüber werden Sie allerdings manchmal so tun müssen, als wären die Dinge, die nicht existieren, wirklich vorhanden “ (S. 101). Verglichen werden Literatur und Bespitzelung von „Ich“ selber:

„Links, lagen die wild bekritzelten Zettel mit den Entwürfen für seine Gedichte, auf der anderen Seite, sauber geschichtet, das Schreibmaschinenpapier, das für seine Berichte bestimmt war. Und er wußte, daß der linke Teil der weit weniger interessante war, für die Leser, für die Sachverständigen, für sich selber.“ (S. 197)

Er kommt also zu dem Schluss, dass die Literatur überflüssig ist, was aber auch Feuerbach ironisch von der Stasi meint: „ Haben Sie noch nicht gewußt, daß wir die beste Rohstoffbasis für Toilettenpapier sind? Ja, wir sind ein unverzichtbarer Faktor der Volkswirtschaft “ (S. 68). Wolfgang Hilbig erklärt diesbezüglich: „ Natürlich muß ich als Autor so weit gehen und fragen, was die Literatur eigentlich gewesen ist. Sie hatte völlig resigniert. […] Ich erkläre es mir als Ergebnis von Resignation, daß es Autoren gab, die IMs gewesen sind.“[38] Karim Saab stellt weiter die wichtigste Frage seines Gesprächs mit Hilbig: „ War die Literatur in der DDR denn ohne den Sicherheitsapparat überhaupt möglich? “, worauf Hilbig folgendes antwortet: „ Sicherlich. Ich weiß, das Buch stellt die Frage. Aber es gab auch eine Literatur, die unveröffentlicht blieb. Wir dürfen nicht so tun, als wäre die gesamte Literatur im Status eines IMs gewesen. Der Anteil ist gering. Trotzdem, die Unglücksfälle sind schockierend![39] Und einer dieser Unglücksfälle stellt er durch die Gestalt „Ich“ dar, was Karim Saab wiederum in Frage stellt: „ Der IM-Schriftsteller in Ihrem Buch hat 17 Gedichte veröffentlicht, sowohl in offiziellen wie auch in inoffiziellen Zeitschriften. Handelt es sich dabei, Ihrer Meinung nach, um Literatur? “ Hilbigs Antwort ist schlicht und nicht auskunftsreich: „ Veröffentlichtes muß man natürlich ernst nehmen […] aber das wäre die Frage eines anderen Textes.“[40] Also hätte es auch eine andere DDR gegeben, die „insgeheim“ und „unveröffentlicht“ ihre „Protestarbeit“ geleistet hätten, jedoch erklärt Hilbig ohne Umschweife diese Form des Protests als tot:

„Protest ist ein Wort, das man in diesem Land nicht mehr hört; es scheint abgegolten, überholt, verbraucht, was sich darin ausdrückte, hat sich in diesem Land in beschränkten Zeiträumen manifestiert und damit erledigt; man hat den Protest als eine Neurose des Zeitgeistes behandelt und die Literaten haben es widerspruchlos geschluckt.“ 41

Und dabei hätte diese Literatur entweder resigniert, oder sich den Mächtigen unterworfen wie „Ich“, jedenfalls erklärte 1995 Wolfgang Hilbig:

„Unser normaler Umgang mit der Literatur ist aufgefressen worden von der Kritik und ähnlichen Medienereignissen; daß dies so ist, hat seine Geschichte: die Wehrlosigkeit der Literatur, und ihre Benutzbarkeit, an der sie selbst schuld ist, weil viele ihrer Vertreter nicht akzeptieren wollen, daß sie keine Macht hat… die Macht haben zu wollen, das ist aber eine Feigheit, und diese hat die Literatur oft genug zu einer Art Kampfmaschine in den Arenen simulierter Moral werden lassen.“ 42

Also noch ein Mal hängt die Verstrickung der Literatur im System damit zusammen, dass die Literaten so eitel gewesen sind, dass sie sich für unentbehrlich gehalten haben, sodass die Doppelexistenz als IM und Literat in ein Leben zusammenschweißt, das nur vorgegeben sei. Einer dieser Literaten, der schon erwähnte Sascha Anderson, der als IM kurz nach dem Mauerfall enttarnt wurde, betrachtet diese Hoffart als „Schizophrenie“, wie er schon 1988 in Sprache & Antwort: Stimmen und Texte einer anderen Literatur aus der DDR zum Ausdruck brachte:

„man hat es gelernt, mit der schizophrenie produktiv umzugehen. ich bin nicht schizophren, sondern ich bin der, der schizophrenie als mittel zur verfügung hat. d.h., ich brauche nicht die zwei welten, in denen ich existiere und mich ausdrücke, und ich kann eine immer sterben lassen. welchen sinn das hat, interessiert dabei erstmal weniger als die möglichkeit. ich verfüge über die mittel der schizophrenie, ohne selbst betroffen zu sein.“ 43

Dies aber kann der systemkritische Lyriker Wolf Biermann nicht ertragen, er verabscheute die Prenzler Literatur und ihre Anhänger, diese „ Spätdadaistische Gartenzwerge mit Bleistift und Pinsel. Die angestrengt unpolitische Pose am Prenzlberg war eine Flucht vor der Wirklichkeit, sie war eine Stasi-Züchtung aus den Gewächshäusern der Hauptabteilungen HA-XX/9 und HA-XX/7.“[44] An dieser Betrachtung übt aber der Kritiker Hajo Steinert Kritik, er schrieb 1991:

„Die Stasi als Züchter einer ganzen Literaturszene? Was für ein Kompliment. […] Anderson hatte mit der Stasi zu tun, keine Frage. Doch sowenig dies Anlaß zu Schadenfreude geben darf, sowenig kann das jetzt heißen, daß auch die ganze Szene stasiverseucht gewesen sein muß. Die Gleichsetzung Andersons mit der Szene ist fatal.“ 45

Wir waren mit unseren Feinden verschwägert[46] erklärt noch Wolf Biermann, aber weiter müsse es nicht gegangen sein: Der Stasi die Vaterschaft der Literatur zu unterstellen, bleibt den vorigen Punkten zufolge noch zweifelhaft, und meiner Meinung nach tut dies nicht etwas weniges Wolfgang Hilbig, in dessen Roman die Hauptfigur, Reader und alle IM nur simulieren, sich als Literaten mit der „Inoffiziellen Literatur“ zu beschäftigen, denn, täten sie es, würde also jene Literatur nicht mehr inoffiziell, sondern vom Staat bestätigt als die Literatur der DDR, wie „Ich“ dies so formuliert: „ Inoffizielle Literatur klang freilich sehr nach „fiktiver Literatur“, wobei nicht die Literatur der Fiction (eine Feuerbach-Übernahme) gemeint war, sondern etwas, das so tat, als sei es Literatur “ (S. 284). Jedoch bedeutet dies nicht, dass die Stasi gar keine Literatur schafft, sie schafft sie gut sogar, aber nur innerhalb ihrer eigenen simulierten „Realität“: „ Die Simulation machte es möglich “ (S. 49). Übrigens lässt Hilbig seine Hauptfigur folgendes erklären: Die Machtorgane müssen nunmehr nicht nur ihre Feinde zwecks Selbstlegitimation erkennen, sie schaffen sogar den Nährboden für Subversion […] Sie stellen nicht ihre Tätigkeit in Frage, sondern die Wirklichkeit “ (S. 86), was mit vorigem ganz in Einklang steht: In der Tat weiß es „Ich“: „ Ich lebte in einer Welt der Vorstellung “ (S. 44). In der Wirklichkeit konnte also Hilbigs Ansicht nach die Stasi nicht existieren, sie war nur ein Phantasma, ein Simulacrum, das versuchte, sich der Wirklichkeit durch die Erzeugung einer literarisierten Realität anzupassen. Doch scheitert dieser „OV“ letztendlich, weil diese Realität der Wirklichkeit nie angehören kann, weil die Mitarbeiter der Stasi selber ihr nicht angehört: „ Wir sind alle da bei der Sicherheit, weil wir mit Frauen nicht können. Weil wir mit Menschen überhaupt nicht können “ (S. 264).

Schluss

„Wir hatten keinem etwas getan, aber wir hatten an der Seele des Menschen geschnüffelt. Wir hatten sie in taugliche und untaugliche Seelen eingeteilt… in brauchbare für uns oder unbrauchbare (die Internierungslager für letztere waren nur auf dem Papier zu finden und lediglich für den Ernstfall gedacht… ein Ernstfall aber war das Leben in diesem Land nicht).“ (S. 371)

Durch die Auseinandersetzung mit der in dieser Arbeit verwendeten Quellen und literarisch-wissenschaftlichen Studien lässt sich der Roman «Ich» betrachten als der Versuch, den Stasi-Staat zu delegitimieren, indem Hilbig mit den Begriffen „Realität“ und „Wirklichkeit“ dermaßen spielt, dass seine eigene Hauptfigur sich in Simulation und Wahnsinn verliert, vielleicht sodass Hilbig selber sich verloren hätte, indem er von einer Monstrosität, einer Mischung von Literatur und berichtsmäßiger „Realisierung“ seines eigenen „Ichs“ geboren hätte. Er bedient sich dank der Hilfe von IMs wie „Gerhard“ der Sprache der Stasi, die er verfremdet, indem er sie der Irrealität einordnet, wobei dabei „Ich“ selber inaktiv bleibt. Passiv erträgt er den Missbrauch der Stasi an seine eigene Identität, die er völlig verliert, die untergeht wie die DDR. Die Endzeitstimmung, die den ganzen Roman prägt, verkraftet sozusagen das Wichtige an „Ich“, das letzten Endes wiederum in die Belanglosigkeit stürzt, obwohl er nicht stirbt: er lebt weiter in einer Welt ohne Stasi, ohne „Ich“, und dies ist meines Erachtens das Gefährlichste im Roman. Er wurde 1993 geschrieben, des Öfteren bedient sich der Erzähler der Vergangenheitsform, also lebt „Ich“ noch 1993, um seine Erzählung niederzuschreiben, wie „HGW XX/7“. Ein Teil der Stasi also hat überlebt und durchwühlt sowohl im Untergrund, also auch in den Medien und in der Literatur, als ein Krebs, das man nie loswerden könnte. Allerdings kristallisiert sich in der Frage, ob die Stasi die Literatur gefördert hätte, eine andere Frage: ob die Literatur selber die Stasi unterstützt hätte. Man kann die Lage beliebig umkehren, beide sind jedenfalls verstrickt in der einen Irrealität, die „Ich“ so klar beweist. Jedoch deckt diese Frage noch auf, dass die Literaten, auch Wolf Biermann, immer nach Macht oder Rechtfertigung gesehnt haben, sodass das Monstrum Stasi möglich gewesen ist. Es wäre noch zu forschen, ob nach der Tilgung des Stasi-Apparats durch das literaturfremde „Volk“ diese Literaten eben noch versucht haben, ihren Anteil am Bekanntsein so anspruchsvoll bekämpft zu haben, indem sie sich in der Tat untereinander gefressen haben, als wären sie Geier ohne Aas mehr. Immerhin hat Hilbig im Roman das Wichtigste an die DDR-Gesellschaft und -Nachgesellschaft erkannt: den Schmutz und die Ignoranz.

Bibliographie

Primärliteratur

HILBIG, Wolfgang: «Ich». Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 20127.

Stasi-Akte (in Anhang)

Quelle: IM „Gerhard“. In: Peter Böthig, Klaus Michael (Hrsg.): MachtSpiele. Literatur und Staatssicherheit im Fokus Prenzlauer Berg. Leipzig: Reclam Verlag, 1993, S. 242-249.

Sekundärliteratur

AUERBACH, Thomas (u.a.): Hauptabteilung XX: Staatsapparat, Blockparteien, Kirchen, Kultur, »politischer Untergrund« (MfS-Handbuch). Berlin: BStU, 2008.

Zum Digitalisat: (abgerufen am 18.12.2013)

http://www.bstu.bund.de/DE/Wissen/Publikationen/Publikationen/handbuch_HA-XX_auerbach-braun-usw.html

BAUMGART, Reinhard: Quasi-Stasi. Zu dem Roman „Ich“. In: Uwe Wittstock (Hrsg.): Wolfgang Hilbig, Materialien zu Leben und Werk. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1994, S. 216-221.

COOKE, Peter: Countering ‚Realitätsverlust‘: Wolfgang Hilbig and the ‚postmodern condition‘. In: Ronald Speirs (Hrsg.): Die Moral der Schriftsteller. Festschrift für Michael Butler. Frankfurt am Main: Peter Lang, 2000, S. 121-142.

FAKTOR, Jan: Hilbigs Ich. Das Rätsel des Buches blieb von der Kritik unberührt. In: Wolfgang Hilbig. Text + Kritik, Heft 123. München, Juli 1994, S. 75-79.

HILBIG, Wolfgang: Abriss der Kritik. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1995.

JÄGER, Manfred: Schriftstellers Unsicherheit und Staates Sicherheit. Bemerkungen über eine Mesallianz zwischen Geist und Macht. In: Peter Böthig, Klaus Michael (Hrsg.): MachtSpiele. Literatur und Staatssicherheit im Fokus Prenzlauer Berg. Leipzig: Reclam Verlag, 1993.

LEWIS, Alison: „Die Kunst des Verrats“. Der Prenzlauer Berg und die Staatssicherheit. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2003.

SAAB, Karim: „ Die DDR-Literatur hatte völlig resigniert“. Über Scheckfälscher und Flaschensammler. Ein Gespräch mit Wolfgang Hilbig. In: Uwe Wittstock (Hrsg.): Wolfgang Hilbig, Materialien zu Leben und Werk. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1994, S. 222-228.

STEINER, André: „Ich“ und das Leben im Provisorium. Die kaum versteckte Autobiographie des Wolfgang Hilbig. In: Heinz-Peter Preusser, Helmut Schmitz (Hrsg.): Autobiografie und historische Krisenerfahrung. Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2010, S. 127-138.

STEINERT, Hajo: Die Szene und die Stasi. Die Zeit, Nr.49, 29. November 1991.

Zum Digitalisat: http://www.zeit.de/1991/49/die-szene-und-die-stasi (abgerufen am 20.12.13 2013)

WELZEL, Klaus: Utopieverlust : die deutsche Einheit im Spiegel ostdeutscher Autoren. Würzburg: Königshausen & Neumann, 1998 (Epistemata. Reihe Literaturwissenschaft, Band 242).

Anhänge 1 bis 4: Stasi-Akte bezüglich des IMs „Gerhard“

Aus: Quelle: IM „Gerhard“. In: Peter Böthig, Klaus Michael (Hrsg.): MachtSpiele. Literatur und Staatssicherheit im Fokus Prenzlauer Berg. Leipzig: Reclam Verlag, 1993, S. 242-249.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anhang 2: S. 244-245

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anhang 3: S. 246-247

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anhang 4: S. 248-249

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] Der Begriff „Eiserner Vorhang“ soll vom Theaterjargon übernommen worden sein, immerhin hat ihn Joseph Goebbels: Das Jahr 2000. In: Das Reich vom 25. Februar 1945, S. 1–2. Zitiert nach Jörg K. Hoensch: „ Rückkehr nach Europa “ – Ostmitteleuropa an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. In: Heiner Timmermann [et al.]: Europa – Ziel und Aufgabe. Festschrift für Arno Krause zum 70. Geburtstag., Berlin: Duncker & Humblot, 2000, S. 142 (Dokumente und Schriften der Europäischen Akademie Otzenhausen, Band 90).

[2] Wolfgang Hilbig: « Ich ». Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2012, S. 38. Demnächst wird im Texte die Seitennummer in folgender Form angegeben: (S. 38).

[3] Jan Faktor: Hilbigs Ich. Das Rätsel des Buches blieb von der Kritik unberührt. In: Wolfgang Hilbig. Text + Kritik, Heft 123. München, Juli 1994, S. 75.

[4] Ibid., S. 75.

[5] Ibid., S. 76.

[6] Ibid., S. 75.

[7] Ibid., S. 77.

[8] Jan Faktor erklärt noch: „ Nach Hilbigs Selbstauskunft interessierte ihn die Stasi beim Schreiben nicht sonderlich, die Akten auch nicht. […] Und dieser Autor sollte sich um grundlegende Fakten, die sein Thema zentral betreffen, nicht gekümmert? Absurd.“ Ibid., S. 76.

[9] Reinhard Baumgart: Quasi-Stasi. Zu dem Roman „Ich“. In: Uwe Wittstock (Hrsg.): Wolfgang Hilbig, Materialien zu Leben und Werk. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1994, S. 216.

[10] Klaus Welzel: Utopieverlust : die deutsche Einheit im Spiegel ostdeutscher Autoren. Würzburg: Königshausen und Neumann, 1998, S. 91.

[11] Quelle: IM „Gerhard“. In: Peter Böthig [et al.]: MachtSpiele. Literatur und Staatssicherheit im Fokus Prenzlauer Berg. Leipzig: Reclam Verlag, 1993, S. 242-249.

[12] Alison Lewis: „Die Kunst des Verrats“. Der Prenzlauer Berg und die Staatssicherheit. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2003, S. 50.

[13] Quelle: IM „Gerhard“, op. cit., S. 244.

[14] Thomas Auerbach (u.a.): Hauptabteilung XX: Staatsapparat, Blockparteien, Kirchen, Kultur, »politischer Untergrund« (MfS-Handbuch). Berlin: BStU, 2008. Zum Digitalisat: (abgerufen am 18.12.2013)

http://www.bstu.bund.de/DE/Wissen/Publikationen/Publikationen/handbuch_HA-XX_auerbach-braun-usw.html

[15] Und genauer: „Aufsplitterung, Begrenzung und Einschränkung des Potenzials innerer feindlicher Kräfte der politischen Untergrundtätigkeit, reaktionärer kirchlicher Amtsträger sowie von Antragstellern auf ständige Ausreise“ und auch „Absicherung von Großveranstaltungen “, so nach dem = Arbeitsplan für das Jahr 1989, S. 2, in Auerbach, ibid., S. 3.

[16] Ibid., S. 3.

[17] Ibid., S. 169.

[18] Auerbach, op. cit., S. 15.

[19] Ibid., S. 150-151.

[20] Manfred Jäger: Schriftstellers Unsicherheit und Staates Sicherheit. Bemerkungen über eine Mesallianz zwischen Geist und Macht. In: Peter Böthig, Klaus Michael (Hrsg.): MachtSpiele. Literatur und Staatssicherheit im Fokus Prenzlauer Berg. Leipzig: Reclam Verlag, 1993, S. 37-39.

[21] Ibid., S. 41.

[22] Welzel, op. cit., S. 77.

[23] Welzel, op. cit., S. 80.

[24] Welzel, op. cit., S. 92.

[25] Hilbig in Karim Saab: „ Die DDR-Literatur hatte völlig resigniert “. Über Scheckfälscher und Flaschensammler. Ein Gespräch mit Wolfgang Hilbig. In: Uwe Wittstock (Hrsg.): Wolfgang Hilbig, Materialien zu Leben und Werk. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1994, S. 222.

[26] Welzel, op. cit., S. 71.

[27] Hilbig in Saab, op. cit., 223.

[28] Hilbig in Saab, op. cit., S. 227.

[29] Ibid., S. 227.

[30] Zum Digitalisat: http://de.wikisource.org/wiki/Thesen_%C3%BCber_Feuerbach (abgerufen am 19.12.2013).

[31] Um Max Frisch in seiner Faulkners Rede zu zitieren.

[32] André Steiner: „Ich“ und das Leben im Provisorium. Die kaum versteckte Autobiographie des Wolfgang Hilbig. In: Heinz-Peter Preusser, Helmut Schmitz (Hrsg.): Autobiografie und historische Krisenerfahrung. Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2010, S. 137.

[33] Hilbig in Saab, op. cit., S. 226.

[34] Heiner Müller in Welzel, op. cit., S. 71.

[35] Welzel, op. cit., S. 84.

[36] Ibid., S. 72.

[37] Hilbig in Saab, op. cit., S. 224.

[38] Ibid., S. 225.

[39] Ibid., S. 225.

[40] Ibid., S. 226.

[41] Hilbig in: Abriss der Kritik. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1995, S. 108.

[42] Hilbig in Welzel, op. cit., S. 83.

[43] Anderson in Hajo Steinert: Die Szene und die Stasi. Die Zeit, Nr.49, 29. November 1991, S. 57.

Zum Digitalisat: http://www.zeit.de/1991/49/die-szene-und-die-stasi (abgerufen am 20.12.2013)

[44] Biermann in Steinert, ibid., S. 57.

[45] Ibid., S. 57.

[46] Biermann in Welzel, op. cit., S. 93.

31 von 31 Seiten

Details

Titel
Die Stasi als Institution zur Förderung der Literatur? Eine literarische Studie von Wolfgang Hilbigs Werk "Ich" (1993)
Hochschule
Université de Picardie Jules Verne  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Dr. Herta-Luise Ott
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
31
Katalognummer
V306817
ISBN (Buch)
9783668050549
Dateigröße
2682 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hilbig, Stasi, Literatur, Ich, Szene, Untergrund, Underground, Berlin, DDR, Identität, Krise, Inoffizielle Literatur, Realität, Akte, IM, Auerbach, Baumgart, Jan Faktor, Manfred Jäger, Resignation, Steiner
Arbeit zitieren
Arnaud Duminil (Autor), 2014, Die Stasi als Institution zur Förderung der Literatur? Eine literarische Studie von Wolfgang Hilbigs Werk "Ich" (1993), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306817

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Stasi als Institution zur Förderung der Literatur? Eine literarische Studie von Wolfgang Hilbigs Werk "Ich" (1993)



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden