Bei jedem tänzerischen Reenactment steht der Körper im Mittelpunkt. Er ist Archiv und gegenwärtiges Medium in einem. Über ihn wird erinnert und tradiert.
Diese „Geste des Bewahrens“ sowie das daraus resultierende Ergebnis sollen hier anhand von Beispielen untersucht werden.
Ausgehend von der Untersuchung wie Bewegung erinnert wird wird, anhand der Derra de Moroda Dance Archives, ein Tanzarchiv vorgestellt.
In der Betrachtung des (Neu-)Tanzens wird die Unterscheidung zwischen der Rekonstruktion und des Reenactments herausgearbeitet, um das Reenactment, ein schwer zu fassender Begriff, besser definieren zu können.
Hierbei werden die Begriffe der Rekonstruktion und des Reenactments nach Annemarie Matzke verwendet.
Darüber werden, anhand der Arbeit „50 ans de danse – 50 years of dance“ von Boris Charmatz, die Herausforderungen im tänzerischen Reenactment im Umgang mit archivarischen Material, die durch die Schwierigkeiten im Umgang mit der Flüchtigkeit der Bewegung einhergehen, erläutert.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Erinnerte Bewegung
Archivierter Tanz
Die Rekonstruktion
Das Reenactment
„50 ans de danse – 50 years of dance“
Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Herausforderungen bei der Bewahrung und Tradierung tänzerischer Werke, wobei der Fokus auf dem Vergleich zwischen Rekonstruktion und Reenactment als unterschiedliche Strategien im Umgang mit historischem Material und der Flüchtigkeit von Bewegung liegt.
- Vergleichende Analyse von Rekonstruktion und Reenactment im Tanz.
- Untersuchung des Körpers als internes Gedächtnisspeicher-Medium.
- Rolle von Tanzarchiven als externe Gedächtnisspeicher.
- Fallstudie zu Boris Charmatz’ „50 ans de danse – 50 years of dance“.
- Reflexion über die Flüchtigkeit tänzerischer Bewegung und deren Archivierbarkeit.
Auszug aus dem Buch
Das Reenactment
Im Reenactment im Tanz, dem jüngeren Phänomen der beiden, geht es nicht um die Wiederherstellung eines Werkes sondern vielmehr darum das Vergangene gegenwärtig erfahrbar zu machen ohne zu reproduzieren. Sven Lütticken beschreibt dies wie folgt: „Reenactments tried to create an experience of the past as present, or as much present as possible.“
Es geht nicht darum sich von einem Werk inspirieren zu lassen, sondern konkret einen Eindruck davon zu vermitteln.
Die Verkörperung in der Gegenwart steht hier im Mittelpunkt und weniger die Vergangenheit. Zwar findet eine Reflexion der vergangenen Bewegungen statt, doch ist das Bewusstsein der natürlichen Distanz zu jener Bewegung hier ausschlaggebend.
Es wird hinzugefügt, weggelassen, verschoben. Die Lücken werden gefüllt. Anhand von historischen Quellen wird etwas Neues geschaffen. Es entsteht ein Dynamik, die sich aus dem wissenschaftlichen archivieren und der ästhetischen (Re-)Kombination ergibt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik ein, wie flüchtige Bewegungen erinnert und weitergegeben werden können, und grenzt die Begriffe Rekonstruktion und Reenactment voneinander ab.
Erinnerte Bewegung: Dieses Kapitel erörtert, warum Bewegung nicht in statischen externen Medien vollständig gespeichert werden kann und der menschliche Körper als primäres Archiv fungiert.
Archivierter Tanz: Der Fokus liegt auf der Funktion von Tanzarchiven, die hier als dynamische Orte verstanden werden, und thematisiert den Umgang verschiedener Ensembles mit ihrem künstlerischen Nachlass.
Die Rekonstruktion: Hier wird die Rekonstruktion als Praxis zur möglichst werkgetreuen Wiederherstellung historischer Choreografien anhand von Dokumenten definiert und kritisch hinterfragt.
Das Reenactment: Das Kapitel beschreibt das Reenactment als einen Ansatz, der weniger die exakte Kopie anstrebt, sondern das Vergangene in der Gegenwart durch eine bewusste neue Interpretation erfahrbar macht.
„50 ans de danse – 50 years of dance“: Anhand dieser Fallstudie zeigt der Autor, wie Boris Charmatz das Verhältnis von anwesenden Tänzern und abwesenden Körpern innerhalb eines archivgestützten Reenactments thematisiert.
Schluss: Das Fazit fasst zusammen, dass der Körper bei jedem Reenactment Archiv und Medium zugleich ist und Archive als Plattformen für neue, zeitgenössische künstlerische Produktionen dienen sollten.
Schlüsselwörter
Tanz, Reenactment, Rekonstruktion, Körpergedächtnis, Archiv, Choreografie, Flüchtigkeit, Bewegung, Derra de Moroda Dance Archives, Boris Charmatz, Merce Cunningham, Pina Bausch, Tanzwissenschaft, Gedächtnis, Performance
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie tänzerische Bewegungen, die von Natur aus flüchtig sind, bewahrt werden können und welche Rolle dabei verschiedene Archivierungs- und Reenactment-Praktiken spielen.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Die zentralen Themen sind das Körpergedächtnis, die Unterscheidung zwischen historischer Rekonstruktion und zeitgenössischem Reenactment sowie die Funktion von Archiven im Tanzkontext.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das Reenactment als einen schwer zu fassenden Begriff präziser zu definieren und aufzuzeigen, wie Tänzer durch das Archivieren und (Neu-)Tanzen eine Brücke zur Tanzgeschichte schlagen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Auseinandersetzung, die durch die Analyse von Fachliteratur und die Untersuchung konkreter choreografischer Beispiele gestützt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der theoretischen Verankerung des Erinnerns, der Rolle von Tanzarchiven, den Unterschieden zwischen Rekonstruktion und Reenactment sowie einer detaillierten Fallstudie zu Boris Charmatz.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Tanz, Reenactment, Archiv, Körpergedächtnis und Choreografie sind die zentralen Begriffe, die den Kern der theoretischen und praktischen Ausführungen bilden.
Wie unterscheidet sich laut Autor das Reenactment von der Rekonstruktion?
Während die Rekonstruktion auf Werktreue und eine möglichst exakte Kopie der Vergangenheit abzielt, sucht das Reenactment die bewusste, gegenwärtige Erfahrung und nutzt Lücken, um etwas Neues zu schaffen.
Warum ist der Körper als „Archiv“ so wichtig?
Da Tanz nicht in statischen Objekten gespeichert werden kann, ist der Körper das einzige Medium, das Bewegung lebendig tradieren und in der Gegenwart interpretieren kann.
- Arbeit zitieren
- Livia Goebel (Autor:in), 2015, Der abwesende Körper. Reenactment im Tanz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306886