Wie in einer Gesellschaft konsumiert wird, verrät ihren Gegenwartszustand. Wo Konsum dazu dient, das Überleben zu sichern oder grundlegende Bedürfnisse zu befriedigen, nimmt das gesellschaftliche Zusammenleben gänzlich andere Formen an als in hoch vermögenden Gesellschaften, wie sie in Westeuropa vorzufinden sind. Wenn durch die materiellen Bedingungen einer Gesellschaft die physische Not beseitigt oder zumindest marginalisiert worden ist, sind die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass sich der Konsum in Form verschiedenster Konsumstile vervielfachen und ausdifferenzieren kann.
Konsumfragen stellen sich heute in erster Linie als Lebensstilfragen: Wie wollen wir leben? Wer wollen wir sein? Konsum hat in unberechenbarem Maße an Symbol- und Prestigefunktion zugenommen. Der ökologische Diskurs trägt seit den 1970er Jahren bis heute deutlich erkennbare und kaum fassbare Blüten. Von der Nahrung über das Wohnen bis hin zu Freizeitaktivitäten – die Wahl der Kartoffel, des Eigenheims oder des Friseurs kann zur ökologischen Frage werden.
Diese Arbeit möchte aufzeigen, wie aus der Sicht der deutschen Partei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Konsumfragen beantwortet werden sollten. Ferner, was es heißt nach grünen Prämissen zu leben: Welche Handlungsempfehlungen werden von den GRÜNEN in Deutschland gegeben, wie können diese aus soziologischer Sicht verstanden werden und zu welchen sozialen Konsequenzen führt das Lob grüner Tugenden?
Inhaltsverzeichnis
1. Diagnoseschwerpunkt
1.1 Konsum und Soziologie
1.2 Ökologisierung des Konsums
1.3 Konsum und Lebensstil
1.4 Genese des Konsums
1.5 Ökologischer Diskurs
2. Methodischer Schwerpunkt
2.1 Diskursanalyse und Konsum
2.2 Kritische Diskursanalyse
3. Analyseschwerpunkt
3.1 Konsum im ökologischen Diskurs
3.2 Grüner Konsum
3.2.1 Form, Inhalt und Rhetorik
3.2.2 Macht
3.2.3 Sicherheit
3.2.4 Lifestyle
3.2.5 Risiko
3.2.6 Prävention
4. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert aus soziologischer Perspektive den Diskursstrang "grüner Konsum" am Beispiel der Broschüre "Grün Leben: Nachhaltiger Konsum – Lebensstil mit Zukunft" der Partei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Die Forschungsfrage untersucht, welche Handlungsempfehlungen durch die Partei vermittelt werden, wie diese soziologisch zu verstehen sind und welche sozialen Konsequenzen aus diesem Lob grüner Tugenden resultieren.
- Soziologische Analyse von Konsummustern in der Gegenwart
- Diskursanalytische Untersuchung grüner Lebensstilkonzeptionen
- Verhältnis von ökologischem Konsum, Macht und gesellschaftlicher Normierung
- Rolle von Lifestyle, Risiko und Prävention innerhalb grüner Diskurse
Auszug aus dem Buch
3.2.2 Macht
Machtanalytisch kann die Informations- und Aufklärungsbroschüre der GRÜNEN auf zwei Ebenen theoretisiert werden. Erstens: In welcher Form liegt hier Macht vor? Zweitens: Wie können die hier vorliegenden Machtbeziehungen charakterisiert werden? Macht ist nicht nur dort zu finden, wo sie sich in Institutionen, Elitegruppen oder bestimmten Klassen zu manifestieren scheint. Sie ist eine omnipräsente Kraft, die vor allem im zwischenmenschlichen Alltagsleben produziert und fortlaufend angehäuft wird. Genau auf diesem Wege entfaltet die Broschüre ihre größte Machtwirkung. Als Aufklärungskampagne und Tugendkatalog greift sie geradewegs in alltägliches Denken und Handeln ein.
„Diese Machtform gilt dem unmittelbaren Alltagsleben, das die Individuen in Kategorien einteilt, ihnen ihre Individualität zuweist, sie an ihre Identität bindet und ihnen das Gesetz einer Wahrheit auferlegt, die sie in sich selbst und die anderen in ihnen zu erkennen haben. Diese Machtform verwandelt die Individuen in Subjekte.“ (ebd.: 86)
In Subjekte, die sowohl von vorherrschenden grünen Anschauungen und Entscheidungen besiegt werden, als auch einer selbst geschaffenen und eigens auferlegten grünen Identität verpflichtet sind (vgl. ebd.). Die Macht grünen Konsums nimmt demnach im Kleinen ihre größten Formen an. Sie weist im Supermarkt, beim „window shopping“ oder bei der Wahl von Textilien oder technischen Geräten den Weg, indem das Handeln der Subjekte von Bio-Siegeln, Nachhaltigkeitszeichen oder ökologischen Erklärungen geleitet wird und diese sich auf diese Art selbst immerzu ein Stück Gewissheit darüber verschaffen, wer sie sind oder sein wollen. Grüner Konsum appelliert an das Pflichtgefühl, bietet individuelle Handlungslegitimation, persönliche Gewissheit und festigt darüber hinaus die „innere Stimme“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Diagnoseschwerpunkt: Einleitung in die Konsumsoziologie sowie Einordnung der historischen und ökologischen Diskursentwicklung.
2. Methodischer Schwerpunkt: Darlegung der diskursanalytischen Vorgehensweise, insbesondere der kritischen Diskursanalyse nach Foucault.
3. Analyseschwerpunkt: Hauptteil, der den Diskursstrang "Grüner Konsum" anhand von Rhetorik, Machtstrukturen, Sicherheit, Lifestyle, Risikokonstruktion und Prävention untersucht.
4. Zusammenfassung: Resümee über die Rolle des grünen Konsums als säkulares Heilsversprechen und Mittel zur gesellschaftlichen Disziplinierung.
Schlüsselwörter
Grüner Konsum, Soziologie, Diskursanalyse, Nachhaltigkeit, Lifestyle, Macht, Risikosoziologie, Prävention, Konsumverhalten, Politische Kommunikation, Bündnis 90/Die Grünen, Identität, Neoliberalismus, Subjektivierung, Alltagsgestaltung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht soziologisch, wie grüner Konsum als Lebensstil und politisches Konzept konstruiert wird und welche Bedeutung er für das Selbstverständnis des Individuums und die Gesellschaft hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die Soziologie des Konsums, die diskursive Konstruktion von Umweltbewusstsein, das Zusammenspiel von Lifestyle und Politik sowie die Machtmechanismen hinter moralischen Konsumappellen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Grünen über ihre Broschüre grünes Verhalten normalisieren und welche sozialen Konsequenzen aus diesem "Lob grüner Tugenden" für die Konsumenten entstehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die kritische Diskursanalyse, primär angelehnt an die Konzepte von Michel Foucault und Siegfried Jäger, um Machtwirkungen und Wissensordnungen innerhalb des Diskurses zu dechiffrieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Broschüre der Grünen auf ihre rhetorischen Mittel, die Konstruktion von Feindbildern, die Verknüpfung von Konsum mit individueller Identität und Sicherheit sowie die präventive Wirkung grüner Handlungsaufrufe.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Grüner Konsum, Macht, Diskursanalyse, Lifestyle, Risikokonstruktion und gesellschaftliche Disziplinierung.
Wie konstruiert die Broschüre Feindbilder?
Die Broschüre arbeitet mit einer binären "Wir-Ihr"-Logik, in der ökologisch nicht-konformes Handeln (z.B. Autolobby, Atomenergie) als Gefahr markiert wird, um das "richtige" grüne Verhalten als moralisch überlegen zu legitimieren.
Welche Rolle spielt das Konzept der "Kontingenz" für den Autor?
Der Autor nutzt das Konzept der Kontingenz, um zu verdeutlichen, dass ökologische Krisen keine naturgegebenen Schicksale sind, sondern durch menschliche Fremd- und Selbstzuschreibungen zu Risiken werden, die erst durch "grünes" Handeln handhabbar gemacht werden sollen.
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- Henrik Amme (Autor), 2011, Grüner Konsum. Zur Ökologisierung der Gegenwart, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306988