Der Frieden von Jaffa. Ein Beispiel christlich- muslimischer Diplomatie?

Eine historische Einordnung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

13 Seiten, Note: 1,7

Fatima Sleiman (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kaiser Friedrich II. im Portrait: Freund der Muslime?

3. Motivation für den Kreuzzug

4. Methoden und Ziele der Verhandlungen mit Al- Kamil

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Got die stat erloeset hat/ an der des glouben fröude stat. Waz bedurfen sünder mêre/ wan‘ z grap und kurices êre?[1]

Ähnlich wie der Dichter Freidank mögen wohl zu damaliger Zeit viele über die Stadt Jerusalem gedacht haben. Jene war mit der Zeit zum Schauplatz christlichen Kräftemessens unter dem Einfluss religiöser Eiferer sowie prestigelüsterner Adliger geworden. Wer Jerusalem besaß, dem war der christlichen Welt Huldigung sicher. Jerusalems Geschichte kündigt von entsetzlichen Blutbädern, verübt durch die Hand christlicher wie auch moslemischer Eroberer. Erst Friedrich II. gelang die gewaltfreie Inbesitznahme mittels geschickter Verhandlungspolitik mit dem Sultan Al– Malik al- Kamil. Dem Stauferkönig mag bei seinem im Jahre 1228 initiierten Kreuzzug jedoch wenig an banalem Prestigegewinn oder gar der Erfüllung seiner vermeintlichen Pflicht als christlicher Herrscher gelegen haben. Für Friedrich war die Einlösung seines Kreuzzugsversprechens[2] ein nunmehr notwendiges Übel geworden, dessen Ausgang unweigerlich beachtlichen Einfluss auf seine politische Gewichtung in der christlichen Welt ausüben würde. Und obgleich der Unausweichlichkeit eines Aufbruchs ins Heilige Land, lässt sich dem Kaiser eine gewisse Saumseligkeit nachsagen, wie er den Zeitpunkt seiner Abreise erst von Juni 1225 auf August 1227 verschob, um schlussendlich erst am 28. Juni 1228 tatsächlich von Brindisi aus in See zu stechen.[3]

Dass es sich bei dem von Friedrich angeführten Kreuzzug um ein Novum in der Geschichte handelt, erschließt sich dem aufmerksamen Beobachter, kaum dass man sich eingehender mit den Tatsachen beschäftigt. Denn neben dem unblutigen und gewaltfreien Ausgang des Unterfangens, ist auch die Situation Friedrichs, als neuerlicher Regent von Jerusalem, der auszieht, um sein eigenes Herrschaftsgebiet zurückzuerobern, der Sonderstellung dieses Kreuzzugs zuträglich.[4]

Im Folgenden soll beurteilt werden, ob es sich bei dem Frieden von Jaffa tatsächlich um ein vorbildliches Beispiel christlich-muslimischer Diplomatie handelt. Ferner widmet sich diese Arbeit der Frage nach den Zielen und Methoden Friedrichs im Zuge der Verhandlungen mit Al- Malik al- Kamil.

Um die Vorgehensweise des Kaisers zu verstehen und sich im späteren Verlauf einer Bewertung dieser zu erkühnen, bedarf es zuvor allerdings einer Beschäftigung mit seiner Person als solcher, mit besonderem Augenmerk auf seinem Verhältnis zum Islam. Nicht weniger maßgeblich für das Verständnis, ist darüber hinaus die Frage nach der Motivation Friedrichs für einen Kreuzzug. Daher wird auf den folgenden Seiten neben der Klärung der Frage nach den Zielen und Methoden, ebenfalls des Kaisers vermeintliche Affinität zum Islam sowie die dem Kreuzzug zugrunde liegende Motivation beleuchtet.

Diese Arbeit ist unter Einbezug unterschiedlichster Forschungsbeiträge entstanden. Hierbei sind insbesondere die Monographien von T.C. van Cleve, David Abulafia, Wolfgang Stürner sowie das sprachgewaltige Werk von Ernst Kantorowicz als Sekundärliteratur zu nennen. Ebenso Erwähnung sollte die Dissertation von Bodo Hechelhammer finden, deren Aktualität neue Sichtweisen schafft.

Aufgrund eines fehlenden Historiographen, sind Erkenntnisse über den von Friedrich II. angeführten Kreuzzug aus unterschiedlichem Quellenmaterial zu beziehen. Zu diesem Zwecke wurden die in übersetzter Form vorliegenden Quellensammlungen von Klaus J. Heinisch sowie Klaus van Eikels sowie auf arabischer Seite Sibt Ibn al- Gauzi und Ibn Wasil im Rahmen der Quellensammlung von Frederico Gabrieli.

Aufgrund der begrenzter Seitenzahl und dementsprechender thematischer Gebundenheit, müssen eine Reihe von Themenfeldern entweder bloß flüchtig behandelt oder gänzlich ausgelassen werden, wie die Forschungskontroverse, ob es sich bei der Kreuznahme um einen politischen Schlag gegen den Papst handelt oder Friedrich ganz in päpstlichem Sinne agierte.

2. Kaiser Friedrich II. im Portrait: Freund der Muslime?

Hinsichtlich des Kaisers Verhältnis zum Islam sind unter folgende Fragen von Belang: Auf welche Weise verfuhr er mit den Muslimen in seinem Reich? Wie dachte er über den religiösen, nicht den kulturellen, Part des Islams? Wie ist sein politisches Handeln im Kampf um Jerusalem zu bewerten? Folgendes Kapitel beschäftigt sich mit den beiden ersten Fragen, für die letzte ist ein eigenes Kapitel anberaumt.

Die Idee von einer friedlichen Koexistenz unterschiedlicher Religionen war keine, die sich im damaligen Europa eines Flächenbrandes gleich hätte ausgebreitet. In Sizilien jedoch, formte sie eine Gesellschaft sondergleichen. Für die normannischen Eroberer wären die Andersgläubigen in ihrer gesellschaftlichen Funktion nur schwerlich zu ersetzen. Eine Christianisierung hätte zudem unangenehme Folgen für sie als herrschende Klasse nach sich gezogen, weshalb man sich der Schikane der einzelnen religiösen Strömungen enthielt.[5] Friedrichs gemäßigter Umgang mit den Juden und Muslimen in seinem Reich, war somit zu einem nicht unwesentlichen Teil von normannischer Tradition beeinflusst.

Die Antwort auf die Frage, ob Friedrich tatsächlich jener aufgeklärte Freund der Muslime war, als welcher er des Öfteren betitelt wird, setzt sich aus einer Vielzahl von Puzzlestücken zusammen. Eines davon findet sich sicherlich in den frühen Jahren des Herrschers, noch als Mündel von Papst Innozenz III., in seiner Heimat Sizilien. Die dortige muslimische Bevölkerung brachte Friedrich in Kontakt mit der arabischen Gelehrsamkeit und ihrer Sprache. Sizilien, der „Hafen und Nabel der Welt“[6], ein farbenprächtiges Potpourri aus ineinander verwobener Kulturen, dessen Einfluss auch der junge Friedrich sich nicht hatte erwehren können. Waren es nicht die Bürger Palermos, welche den Jungen reihum bei sich aufnahmen und für ihn sorgten? Da mag man es nicht als unmöglich ansehen, dass Friedrich von vielen Lehrern seiner heterogenen Bürgerschaft erzogen worden war.[7] Dieser Kontakt mit solchem, was in Europa als fremdländisch galt, wird in Friedrich eine Neugierde geweckt haben sowie die Ahnung, dass Kulturen neben der seinigen ihn etwas zu lehren vermochten und es nicht immer ratsam war, gegen sie mit Waffengewalt vorzugehen. Friedrich wird ihn den Straßen Palermos vor allem eines gelernt haben: Kalkül.

Dies lässt die Annahme zu, dass selbst nach dem gewaltsamen Vorgehen gegen die verbliebenen rebellierenden Muslime in der Zeit zwischen 1224 und 1246[8] und der sich daran anschließenden Deportation, es einer handvoll weiterhin gestattet war in Palermo zu bleiben. Sie müssen wohl der geistigen Elite der sizilianischen Muslime angehörig gewesen sein, dass sie ihm trotz des Zerwürfnisses beider Kulturen beeindruckend genug und seines Gehörs würdig geschienen haben.[9] Insbesondere im Hinblick auf die Vernichtung des Islams auf Sizilien durch Friedrich ist unbedingt zwischen politischer und kultureller Interessen des Kaisers zu unterscheiden.[10] Mag er auch große Bewunderung für die islamische Kultur empfunden haben, zu seiner Regierungszeit auf Sizilien war diese zu einem Brandherd des Aufruhrs geworden und zog somit seinen Unmut auf sich. Festzuhalten ist, dass des Kaisers gewaltsames Vorgehen gegen die Muslime auf Sizilien ein politisch erforderlicher Schritt gewesen war. Eines der großen Anliegen Friedrichs war es, die innere Ordnung seines Reiches wiederherzustellen. Gegen Muslime, die begannen ihre eigenen Münzen zu prägen[11], galt es verständlicherweise vorzugehen. Die in Capua formulierten Gesetze hinsichtlich der sizilianischen Innenpolitik befeuerten zusätzlich das Bild eines rechtschaffenen, der Ordnung verpflichteten Herrschers, und geboten gewissermaßen eine Eliminierung jeder Gefährdung der inneren Ordnung.[12]

Man mag es als einen Ausdruck von Toleranz werten, wie Friedrich II. die Muslime nicht restlos liquidiert, sondern sie stattdessen umsiedelt. Ihrer Heimat zwar beraubt, war den Muslimen Siziliens in Lucera nun ein weitgehend autonomes Leben unter dem islamischen Recht gestattet. Dieses Gebaren Friedrichs hat mit Toleranz jedoch wenig gemein. Es ist ein geschickter Schachzug des Herrschers, indem er das geltende islamische Recht, wonach jene, die nicht den als recht und tugendhaft verstandenen Glauben trugen, für seine Duldung Kopfsteuer zu zahlen hatte. Friedrich profitierte somit in nicht unerheblicher Weise von seiner strittigen Enklave inmitten christlichen Gebiets.[13] Neben der Abgabensteuer, hatten die deportierten Sarazenen eine ausnahmslose Heerespflicht zu leisten. Aus ihren Reihen schließlich, bezog Friedrich seine gegenüber päpstlichen Einflusses unempfänglichen Leibwachen, Bogenschützen sowie Fußsoldaten; zweifellos eine militärische Bereicherung.[14]

Schon zu Lebzeiten Friedrichs wurde gemunkelt, er sei geheimer Konvertit und ziehe den Islam dem Christentum vor.[15] Friedrich war von materialistischer Gesinnung und so musste ihm der Islam in weiten Teilen wie auch das Christentum widerstreben haben. Er trat dem Islam vorurteilsfrei gegenüber, eben weil er kein glühender Verfechter des Christentums war.[16]

Wie ist dieses Verhalten nun zu bewerten? Ist des Kaisers milder Umgangston mit den „Feinden des Christentums“ Äußerung seiner Sympathie ihnen gegenüber? Die Annahme, Muslime hätten unter Friedrich II. auf Sizilien ein Leben in Freiheit und Gleichheit geführt, ist kaum vertretbar. Sie wurden toleriert solange ihr Verhalten tragbar erschien, in dem Moment aber, wo dies sich änderte, wurde man ihrer überdrüssig und entledigte sich des Problems. Friedrichs Vorgehen gegen die Muslime ist durchaus nachvollziehbar und tat seiner Faszination für den Orient jedoch keinen Abbruch. Er vermochte klar zu trennen zwischen seinen Interessen als Herrscher und denen als Privatperson. Den Muslimen auf seinem Herrschaftsgebiet musste er Einhalt gebieten und die Anerkennung seiner Souveränität fordern, anderen, von ihm unabhängigen Muslimen, konnte er hingegen in Freundschaft verbunden sein.

[...]


[1] Siehe Freidank, Bescheidenheit, zitiert nach van Cleve, T.C, The Emperor Fredrick II. of Hohenstaufen. Immutator Mundi, Oxford 1972, S. 194.

[2] MGH, SS 16, S.673: [...] ex insperato signum vivice crucis accepit[…].

[3] Vgl. Stürner, W., Kaiser Friedrich II. Teil 2, Darmstadt 2003, S. 91, 95, 143.

[4] Vgl. Houben, H., Kaiser Friedrich II. (1194- 1250). Herrscher, Mensch und Mythos, Stuttgart 2008, S. 48.

[5] Vgl. Rösch, S., Rösch, G., Kaiser Friedrich II. und sein Königreich Sizilien, Sigmaringen 1995, S. 20.

[6] Vgl. Kantorowicz, E., Kaiser Friedrich d. Zweite, Stuttgart 1987, S. 32.

[7] Vgl. ebd. S. 31.

[8] Vgl. Stürner, Teil II, S. 72.

[9] Vgl. Ahmad, A., A History of Islamic Sicily, Edinburgh 1975 (Islamic Surveys 10), S. 82.

[10] Vgl. Gabrieli, F., Friedrich II. und die Kultur des Islams, in: Stupor Mundi, hg. von G.G. Wolf, Darmstadt 1982, S. 79.

[11] Ein Verstoß gegen die normannischen Assisen.

[12] Vgl. Abulafia, S. 164.

[13] Vgl. Rösch, S. 77.

[14] Vgl. Stürner Teil II, S. 73.

[15] Insbesondere Gegenstand der anti- kaiserlichen Propaganda Papst Gregors.

[16] Vgl. Gabrieli, Friedrich II., S. 86., Der arabische Chronist Sibt Ibn a- Gauzi nennt ihn einen Materialisten dem das Christentum nur ein Spiel war.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Der Frieden von Jaffa. Ein Beispiel christlich- muslimischer Diplomatie?
Untertitel
Eine historische Einordnung
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Kaiser Friedrich II.
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
13
Katalognummer
V307169
ISBN (eBook)
9783668054622
ISBN (Buch)
9783668054639
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Dozenten: Sprachlich stark- argumentative Stringenz- breites Quellenspektrum- teilweise an alte Forschungsmeinungen angelehnt
Schlagworte
Kaiser Friedrich II., Mittelalter, Kreuzzüge, Sultan Al- Kamil, Al- Kamil, Staufer, Frieden von Jaffa, muslimisch-christliche Diplomatie, muslimisch-christiliche Beziehungen, Geschichte
Arbeit zitieren
Fatima Sleiman (Autor), 2013, Der Frieden von Jaffa. Ein Beispiel christlich- muslimischer Diplomatie?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/307169

Kommentare

  • Arne Meiners am 8.10.2015

    Nicht nur in inhaltlicher, sondern vor allem in sprachlicher Hinsicht eine erfrischende Arbeit. Macht Lust mehr von dem Thema und der Autorin zu lesen! Prädikat "Lesenswert"!

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