Plicht – ein Begriff, mit dem der Mensch täglich konfroniert wird. Doch was ist eigentlich eine Pflicht? Ist der Begriff der Pflicht eindeutig definierbar? Wer verpflichtet sich wem gegenüber zu was? Mit diesen und weiteren Fragen hat sich schon Immanuel Kant in seinem Werk, der "Metaphysik der Sitten" beschäftigt. Das zentrale Thema dieser Arbeit ist es, darzulegen ob und vor allem wie Kant zu der Annahme kommt, dass die Lüge eine Pflicht gegen sich selbst ist.
Hierzu wird hauptsächlich Bezug auf §9 der Tugendlehre der "Metaphysik der Sitten" genommen. Desweiteren werden zwei Interpretationen, zum einen die von Tiedemann, einem Befürworter der Existenz von Pflichten gegen sich selbst, zum anderen die Interpretation von Lohmar, einem Kritiker der Pflicht gegen sich selbst, beigezogen, um zu diskutieren, ob es überhaupt Pflichten gegen sich selbst gibt. Zuletzt wird eine Stellungnahme zu der These, dass es Pflichten gegen sich selbst gibt, gegeben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Begriffserläuterung
1.1.1 Pflicht
1.1.2 Der kategorische Imperativ
1.1.3 Der gute Wille
2. Die Lüge als Pflicht gegen sich selbst nach §9 aus der Tugendlehre der Metaphysik der Sitten genommen
2.1 Grundlegendes
2.2 Die Pflicht gegen sich selbst
2.2.1 Das Problem der Widersprüchlichkeit der Pflicht gegen sich selbst
2.3 Wieso ist die Lüge eine Verletzung der Pflicht gegen sich selbst?
3. Interpretationsansätze
3.1 Tiedemann - Ja, es gibt Pflichten gegen sich selbst
3.2 Lohmar - Nein, es gibt keine Pflichten gegen sich selbst
4. Stellungnahme und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die philosophische Fragestellung, ob Immanuel Kants Annahme, die Lüge sei eine Pflicht gegen sich selbst, logisch haltbar ist. Hierzu wird analysiert, wie Kant Pflichten definiert und inwieweit diese durch konträre wissenschaftliche Interpretationen kritisch hinterfragt oder verteidigt werden können.
- Analyse des Pflichtbegriffs nach Immanuel Kant
- Untersuchung der Lüge als Laster gegen die innere Freiheit
- Gegenüberstellung von Pro- und Contra-Argumenten (Tiedemann vs. Lohmar)
- Diskussion der Widersprüchlichkeit von Subjekt und Adressat bei Selbstpflichten
- Kritische Reflexion der Konzepte von Schuld, Scham und Vergebung
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Das Problem der Widersprüchlichkeit der Pflicht gegen sich selbst
Um die Möglichkeit einer inneren Lüge zu beweisen, sei eine zweite Person erforderlich, „die man zu hintergehen die Absicht hat“. Es scheint einen Widerspruch zu haben, sich selbst betrügen zu können. Hier liegt eine nach Kant „scheinbare“ Antinomie vor, die es aufzuklären gilt. Wenn ich doch selbst Subjekt und Adressat meiner Lüge bin, wie soll ich wissen, oder nicht wissen, dass ich lüge oder nicht lüge? Um diesen Widerspruch aufzulösen, versucht Kant nachzuweisen, dass „der Mensch eben ‚nicht in einem und demselben Sinn gedacht‘ werden dürfe, sondern ‚in zweifacher Qualität‘“.
Kant beleuchtet den Menschen auf zwei verschiedene Weisen. Das Sinnenwesen oder auch Naturwesen (homo phaenomenon) mit seiner animalischen Moral und das Vernunftwesen (homo noumenon). Als homo noumenon bin ich ein „mit innerer Freiheit begabtes Wesen“. In Bezug auf die Pflicht ist der homo phaenomenon das Wesen, das verpflichtet wird, der Verpflichtung also passiv fähig ist und der homo noumenon das Wesen, das aktiv verpflichtet. Bedeutet dies nun, dass ich in meiner Person als Subjekt den homo noumenon und als Adressat der Handlung den homo phaenomenon darstelle? Kant sagt, dass der Mensch nur „in [eben dieser] zweierlei Bedeutung betrachtet“ wird und somit in der Lage ist, eine Pflicht gegen sich selbst anerkennen zu können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in den Pflichtbegriff Kants und Hinführung zur Fragestellung der Lüge als Pflicht gegen sich selbst.
2. Die Lüge als Pflicht gegen sich selbst nach §9 aus der Tugendlehre der Metaphysik der Sitten genommen: Erläuterung der kantianischen Herleitung der Pflicht gegen sich selbst und des Widerspruchs der Selbstnötigung.
3. Interpretationsansätze: Kritische Gegenüberstellung der Positionen von Tiedemann (Befürworter) und Lohmar (Kritiker) bezüglich der Existenz von Selbstpflichten.
4. Stellungnahme und Fazit: Persönliche Reflexion der Autorin, die sich den Argumenten gegen die Existenz von Pflichten gegen sich selbst anschließt.
Schlüsselwörter
Immanuel Kant, Tugendlehre, Pflichtbegriff, Lüge, Selbstpflicht, kategorischer Imperativ, homo noumenon, homo phaenomenon, Ethik, Wahrhaftigkeit, Gewissen, Schuld, Vergebung, Menschenwürde, Moral.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der moralphilosophischen Untersuchung, ob Immanuel Kants These haltbar ist, dass es Pflichten gibt, die der Mensch gegen sich selbst hat, insbesondere im Kontext des Lügens.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Konzepte der inneren Freiheit, der Wahrhaftigkeit gegenüber sich selbst sowie die theoretische Differenzierung des Menschen in Sinnen- und Vernunftwesen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu prüfen, wie Kant die Lüge als Verletzung der Pflicht gegen sich selbst begründet, und diese Begründung kritisch anhand von Fachdiskursen zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Textanalyse, die Kants „Metaphysik der Sitten“ interpretiert und in den Dialog mit zeitgenössischen Philosophen wie Tiedemann und Lohmar stellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die kantianischen Definitionen von Pflicht, den kategorischen Imperativ und diskutiert das Paradoxon, wie eine Person gleichzeitig Subjekt und Adressat einer Pflicht sein kann.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Kant, Pflicht gegen sich selbst, Wahrhaftigkeit, Autonomie, Scham und die methodische Unterscheidung von homo noumenon und phaenomenon.
Warum hält die Autorin Pflichten gegen sich selbst für unsinnig?
Die Autorin argumentiert, dass eine Pflicht ohne ein Gegenüber (Sozialität) ihren Sinn verliert, da man sich selbst nicht im gleichen moralischen Sinne „Unrecht“ tun oder sich selbst vergeben kann.
Welche Rolle spielt die „Fremdvergebung“ für die Argumentation?
Sie dient als Prüfstein: Da echte Vergebung oft eine Fremdinstanz voraussetzt, bezweifelt die Autorin die logische Konsistenz einer Pflicht, die ausschließlich in der eigenen Person verbleibt.
- Arbeit zitieren
- Elena Stahl (Autor:in), 2014, Die Lüge als Pflicht gegen sich selbst nach Immanuel Kant. Gibt es Pflichten gegen sich selbst?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/307208