Ziel dieser Arbeit soll es sein, die Etappe des Mittelniederdeutschen in der niederdeutschen Sprachgeschichte genauer zu untersuchen. Dabei sollen zum einen sprachstrukturelle Entwicklungsbesonderheiten reflektiert werden und das Mittelniederdeutsche in seiner Funktion als Hanse-, Rechts-, und Kirchensprache analysiert werden. Betrachtet werden soll außerdem, wie die einst so weit verbreite Sprache mit dem Untergang der Hanse ein jähes Ende fand, bis sich ab 1850 schließlich neue Formen der schriftlichen Tradierung festigten.
Setzt man sich mit dem Niederdeutschen auseinander, lernt man eine ganz eigene Sprache kennen, die auf den ersten Blick unzählige Unterschiede zu unserer heutigen Sprache und dem Sprachgebrauch aufzeigt, auf den zweiten Blick jedoch ebenso Gemeinsamkeiten beinhaltet und Vergleiche zulässt. Die bewusste Auseinandersetzung mit dieser alten norddeutschen Sprache hat somit das große Potential, Mehrsprachigkeit auf eine andere Art und Weise erfahrbar zu machen. So kann man z.B. Schülerinnen und Schülern genannte Unterschiede und Gemeinsamkeiten bei der Auseinandersetzung mit dem Niederdeutschen gleichzeitig nutzbar machen. Darüber hinaus liefert die niederdeutsche Sprache die wertvolle Möglichkeit, identitätsstiftende Momente zu schaffen.
Grundlage für die Kontextualisierung in der Bildungslandschaft ist das EU-Recht. Niederdeutsch wird dort als Regionalsprache und nicht als Dialekt definiert. Diese findet ihren Bezugsrahmen in der „Europäischen Charta für Regional-, und Minderheitssprachen“. Deutschland ist somit verpflichtet, Niederdeutsch als Minderheitensprache zu fördern und zu schützen.
Abschließend sollen im Rahmen dieser Arbeit die theoretischen Ergebnisse daher genutzt werden, um eine Brücke mit entsprechendem Praxisbezug in die Gegenwart zu schlagen und das Potential eines sprachgeschichtlichem Themas wie dem Niederdeutschen für Schülerinnen und Schüler darzustellen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Periodisierung des Niederdeutschen
3. Mittelniederdeutsch
3.1. Die Hansesprache
3.2. Mittelniederdeutsch in der Kirche
3.3. Mittelniederdeutsch zur Fixierung von Recht
4. Übergang zum Neuniederdeutschen
5. Exkurs: Niederdeutsch im Kontext der Bildungspolitik
6. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Sprachentwicklungsstufe des Mittelniederdeutschen, analysiert dessen Funktionen als Hanse-, Rechts- und Kirchensprache sowie dessen Niedergang und die heutige bildungspolitische Relevanz des Niederdeutschen.
- Sprachstrukturelle Entwicklungsbesonderheiten des Mittelniederdeutschen
- Die Rolle der Sprache im Kontext der Hanse
- Verwendung des Mittelniederdeutschen in Kirche und Rechtsprechung
- Ursachen für den Sprachwandel zum Neuniederdeutschen
- Förderung und Status des Niederdeutschen in der heutigen Bildungslandschaft
Auszug aus dem Buch
3.1. Die Hansesprache
Die Entwicklung des Mittelniederdeutschen stand eng in Verbindung mit der Hanse. Parallel zueinander vollzogen und bedingten sich der Aufstieg und der Verfall der Sprache. Daher etablierte sich schließlich auch der Begriff der Hansesprache. Sanders führt dazu aus: „[…] mit wachsender ökonomischer und politischer Geltung des kaufmännisch-städtischen Handelsbundes der Hanse formte sich in Norddeutschland auch jene Sprache aus, die eine überregionale Einheitlichkeit anstrebte. Wie die Hanse erreichte sie im späteren 14. und 15. Jahrhundert ihre höchste Blüte, die sie zum Rang einer nahezu allgemein gültigen nordeuropäischen Verkehrssprache erhob.“
Die Entwicklung von Hanse und dem Mittelniederdeutschen verlief Hand in Hand. Die Schriftlichkeit des Bürgertums setzte sich zu dieser Zeit immer mehr durch. Recht und Gesetz, im Kontext der Hanse, fanden ihre schriftliche Fixierung ebenfalls im Mittelniederdeutschen. Durch den Handel florierten die Städte und es setzte eine stetige Urbanisierung ein, mit der auch die Bevölkerungszahlen anstiegen. Mit dem hohen wirtschaftlichen Einfluss und der politischen Vormachtstellung des Hansebundes wurde die bürgerliche Schriftlichkeit des Niederdeutschen somit auch die Sprache der Hansekaufleute in den Städten und Ländern rund um die Ost-, und Nordsee. Daher erreichte sie den Status einer Kultursprache.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der Abgrenzung von Dialekt und Sprache ein und definiert das Ziel der Arbeit, das Mittelniederdeutsche als prägende Sprachstufe zu untersuchen.
2. Periodisierung des Niederdeutschen: Dieses Kapitel erläutert die sprachwissenschaftliche Einteilung in Alt-, Mittel- und Neuniederdeutsch unter Berücksichtigung historischer Überlieferungen und kultureller Umbrüche.
3. Mittelniederdeutsch: Dieser Hauptteil analysiert das Mittelniederdeutsche als sprachgeschichtlichen Höhepunkt und zentrale Kultursprache.
3.1. Die Hansesprache: Die enge Verflechtung der Sprache mit dem Aufstieg und der ökonomischen Bedeutung des Handelsbundes Hanse wird hier detailliert beleuchtet.
3.2. Mittelniederdeutsch in der Kirche: Hier wird die Rolle der niederdeutschen Sprache bei der Vermittlung geistlicher Inhalte und der Produktion religiöser Literatur nach einer Überlieferungslücke betrachtet.
3.3. Mittelniederdeutsch zur Fixierung von Recht: Dieses Kapitel thematisiert die Verschriftlichung des Gewohnheitsrechts, exemplarisch dargestellt am Sachsenspiegel.
4. Übergang zum Neuniederdeutschen: Die Arbeit beschreibt den Rückgang der niederdeutschen Schriftsprache ab dem 16. Jahrhundert durch den Einfluss des Hochdeutschen und die zunehmende Zweisprachigkeit.
5. Exkurs: Niederdeutsch im Kontext der Bildungspolitik: Der Exkurs setzt sich kritisch mit der heutigen Bedeutung des Niederdeutschen in Schulen und der Verantwortung der Bildungspolitik für den Spracherhalt auseinander.
6. Schlussbetrachtung: Die Arbeit schließt mit einem Fazit über das Potential des Niederdeutschen als identitätsstiftendes Element und der Bedeutung des Willens der Sprecher für das Überleben der Sprache.
Schlüsselwörter
Mittelniederdeutsch, Hansesprache, Sprachgeschichte, Niederdeutsch, Plattdeutsch, Sachsenspiegel, Spracherhalt, Bildungspolitik, Sprachwandel, Regional sprache, Sprachwissenschaft, Hanse, Rechtssprache, Kirchensprache, Norddeutschland
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung und dem Bedeutungswandel der niederdeutschen Sprache, mit einem besonderen Fokus auf die Epoche des Mittelniederdeutschen.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Publikation behandelt?
Die zentralen Felder sind die Rolle des Niederdeutschen im Handel (Hanse), in der kirchlichen Literatur und in der Fixierung des Rechts sowie die aktuelle bildungspolitische Debatte.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die sprachstrukturellen Besonderheiten des Mittelniederdeutschen zu reflektieren und seine Funktion als überregionale Verkehrs- und Kultursprache historisch einzuordnen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine historisch-linguistische Analyse durchgeführt, die auf der Auswertung primärer und sekundärer Literatur zur Sprachgeschichte basiert.
Welche Inhalte bilden den Kern des Hauptteils?
Der Hauptteil analysiert die drei Säulen des Mittelniederdeutschen: seine Funktion als Hansesprache, die kirchliche Literatur und die schriftliche Fixierung von Rechtsnormen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Inhalt zusammenfassen?
Die wichtigsten Schlagworte sind Mittelniederdeutsch, Hansesprache, Sprachgeschichte, Identität, Bildungspolitik und Sprachwandel.
Welche Rolle spielte die Hanse für die Verbreitung der Sprache?
Die Hanse fungierte als Träger einer überregionalen Schriftsprache, die durch den intensiven Handelsaustausch zur nordeuropäischen Verkehrssprache aufstieg.
Warum wird der Sachsenspiegel in der Arbeit hervorgehoben?
Er gilt als eines der bedeutendsten Beispiele für die schriftliche Fixierung des Gewohnheitsrechts im Mittelniederdeutschen und diente als Vorbild für spätere Gesetzestexte.
Wie bewertet die Autorin die aktuelle Lage des Niederdeutschen an Schulen?
Die Autorin sieht Fortschritte durch Rahmenpläne, mahnt jedoch an, dass die bloße nostalgische Betrachtung nicht ausreicht; aktives Sprechen und ein verändertes Bewusstsein seien für den Erhalt essentiell.
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- Luise Lippold (Author), 2015, Blüte und Verfall des Mittelniederdeutschen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/307211