Blüte und Verfall des Mittelniederdeutschen


Seminararbeit, 2015

18 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Periodisierung des Niederdeutschen

3. Mittelniederdeutsch
3.1. Die Hansesprache
3.2. Mittelniederdeutsch in der Kirche
3.3. Mittelniederdeutsch zur Fixierung von Recht

4. Übergang zum Neuniederdeutschen

5. Exkurs: Niederdeutsch im Kontext der Bildungspolitik

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

8. Onlineverzeichnis

1. Einleitung

Besonders ältere Leute in den Gebieten Norddeutschlands sehen sich hin und wieder mit der Bitte konfrontiert, „Dialekt zu sprechen“. Was viele dort als einfache Mundart bezeichnen, meint eigentlich weitaus mehr, nämlich die niederdeutsche Sprache selbst. Diese wiederum umfasst eine Vielzahl verschiedener Mundarten. Die Abgrenzung von Dialekt und Sprache ist teils kontrovers. So gibt es für das Niederdeutsche z.B. keine universell gültige Schriftsprache.1

Seinen Ursprung findet das Niederdeutsche im Altsächsischen und ist heute vor allem auch unter dem Begriff „Plattdeutsch“ bekannt. Doch woher genau stammt diese Bezeichnung? Weit verbreitet ist der Gedanke, es handele sich hierbei um einen Bezug auf das flache und „platte“ Land im Norden Deutschlands. Tatsächlich findet der Begriff seinen Ursprung im verwandten Niederländischen. Es sollte z.B. so viel bedeuten wie „deutlich“, „verständlich“ oder „vertraut“ und setzte damit einen Kontrast zu der weit verbreiteten und für das einfache Volk nicht zugänglichen Gelehrtensprache Latein.2

In der niederdeutschen Sprachgeschichte stellt die Etappe des Mittelniederdeutschen, welches als Sprachentwicklungsstufe in dieser Arbeit im Mittelpunkt stehen soll, ohne Zweifel den Höhepunkt da.

Im Rahmen des Seminars „Niederdeutsche Sprachgeschichte“ beschäftigten wir uns zunächst mit Arbeitsweisen und Hypothesen der Historiolinguistik. Darauf aufbauend beleuchteten wir die einzelnen Entwicklungsetappen der niederdeutschen Sprache und reflektierten Einflussfaktoren und Erscheinungsformen dieser. Die regionale Ausprägungen im Sprachraum, die Sprachentwicklung und die einzelnen Sprachetappen, mit dem schließlich Rückgang des Niederdeutschen, waren somit Hauptbestandteile des Seminars.

Ziel dieser Arbeit soll es nun sein, die Etappe des Mittelniederdeutschen, in Referenz zu der vorangegangen Gruppenpräsentation im Seminar, nochmals genauer zu untersuchen. Dabei sollen zum einen sprachstrukturelle Entwicklungsbesonderheiten reflektiert werden und das Mittelniederdeutsche in seiner Funktion als Hanse-, Rechts-, und Kirchensprache analysiert werden. Betrachtet werden soll außerdem, wie die einst weit verbreite Sprache mit dem Untergang der Hanse ein jähes Ende fand, bis sich im 19. Jahrhundert schließlich neue Formen der schriftlichen Tradierung festigten.

Setzt man sich mit dem Niederdeutschen auseinander, lernt man eine ganz eigene Sprache kennen, die auf den ersten Blick unzählige Unterschiede zu unserer heutigen Sprache und dem Sprachgebrauch aufzeigt, auf den zweiten Blick jedoch ebenso Gemeinsamkeiten beinhaltet und Vergleiche zulässt. Die bewusste Auseinandersetzung mit dieser alten norddeutschen Sprache hat somit das große Potential, Mehrsprachigkeit auf eine andere Art und Weise erfahrbar zu machen. So kann man z.B. Schülerinnen und Schülern genannte Unterschiede und Gemeinsamkeiten bei der Auseinandersetzung mit mit dem Niederdeutschen gleichzeitig nutzbar macht. Darüber hinaus liefert die niederdeutsche Sprache die wertvolle Möglichkeit, identitätsstiftende Momente zu schaffen. Grundlage für die Kontextualisierung in der Bildungslandschaft ist das EU- Recht. Niederdeutsch wird dort als Regionalsprache und nicht als Dialekt definiert. Diese findet ihren Bezugsrahmen in der „Europäischen Charta für Regional-, und Minderheitssprachen“. Deutschland ist somit verpflichtet, Niederdeutsch als Minderheitensprache zu fördern und zu schützen.3 Abschließend sollen im Rahmen dieser Arbeit die theoretischen Ergebnisse daher genutzt werden, um eine Brücke mit entsprechendem Praxisbezug in die Gegenwart zu schlagen und das Potential eines sprachgeschichtlichem Themas wie dem Niederdeutschen für Schülerinnen und Schüler darzustellen.

2. Periodisierung des Niederdeutschen

Wie bereits eingehend kurz geschildert, vollzog sich die Entwicklung des Niederdeutschen in einzelnen prägnanten Etappen. Besonders maßgebend waren dabei verschiedene kulturelle, ökonomische und politische Gegebenheiten, die in den folgenden Kapiteln noch näher reflektiert werden sollen.

Die ungefähre Sprachentwicklungsstruktur des Niederdeutschen beschreibt Sanders wie folgt: „ die allm ä hliche „ Eindeutschung “ der naturw ü chsigen altniederdeutschen Sachsensprache seit fr ä nkisch-karolingischen Tagen; die jahrhundertelange „ internationale “ Geltung des schreibsprachlichen Mittelniederdeutschen als Hansesprache zur Bl ü tezeit dieses m ä chtigen Handelsbundesm, sowie der abrupte

Untergang beider, der Hanse wie ihrer Sprache, und die alsbaldige Einf ü hrung der hochdeutschen Schriftsprache in Norddeutschland; schlie ß lich die bis in die Gegenwart andauernde Konkurrenz eben dieses Hochdeutschen als der „ Standardsprache “ , wie man heute sagt, mit den niederdeutschen Mundarten, dem Plattdeutschen. “ 4 Dabei ist die Vorgeschichte des Niederdeutschen nur rekonstruierbar, da keine überlieferten Textzeugnisse vorhanden sind, geht man von der Tatsache aus, dass die historische Sprachwissenschaft immer auch textgebunden arbeiten muss. Darüber hinaus kann die Geschichte zum einen diachron betrachtet werden, indem die vorhandenen schriftlichen Überlieferungen in der zeitlichen Abfolge betrachtet werden. Zum anderen kann man das Niederdeutsche auch synchron untersuchen, indem es z.B. in Bezug auf die Gegenwart analysiert wird und sich am gesprochenen Wort orientiert. Demnach ergibt sich eine Unterscheidung in Alt-, Mittel-, und Neuniederdeutsch. Entscheidend ist dabei die Periodisierung im Zeit-Raum-Gefüge. Was das Niederdeutsche angeht ist es möglich, relativ genaue zeitliche Eingrenzungen vorzunehmen, da die Epochen durch Überlieferungslücken und markante Änderungen im Sprachbild genau voneinander zu unterscheiden sind und auch räumlich differieren. Sanders führt den Beginn der niederdeutschen Sprache auf das Frühaltsächsische zurück: „ Die eigentliche Sprachgeschichte des Niederdeutschen setzt mit dem Altniederdeutschen ein, unter dem wir die ä lteste schriftlich bezeugte Epoche der auf s ä chsischem Stammesterritorium gesprochenen Sprache verstehen. Seine Vorgeschichte, die in vielen Z ü gen rekonstruierbar ist, reicht zwar in das von zahlreichen Forschern angesetzte, Vor-, oder Fr ü halts ä chsische des 5. bis 8. Jahrhunderts zur ü ck, bleibt aber letztlich eine erschlossene Gr öß e, da das - au ß er Namen - einzige direkte Zeugnis der sog. „ Weserrunen “ in seiner Echtheit mehr denn je zweifelhaft erscheint. [ … ] Gegen 1100 verstummt die altniederdeutsche Schreibtradition. “ 5

Nach einer langen Pause der Überlieferung von ca. 150 Jahren kommt es zu einer erneuten niederdeutschen Schreibtradition, die vor allem den sehr bekannten „Sachsenspiegel“ des Eike von Repgow hervorbrachte. Die klassische Blütezeit erstrecktet sich von 1350-1500.6 Zu dieser Zeit standen die großen Städte der Hanse ebenfalls in ihrer Blüte. Jener mächtiger Handelsbund erstrecke sich über die gesamte norddeutsche Tiefebene und den gesamten Ost-, und Nordseeraum. Das Mittelniederdeutsche jener Zeit galt als „ diplomatische Sprache des Bundes “ 7, welcher man mächtig war, um an den zahlreichen Handelsgeschehnissen teilnehmen zu können. Weiterhin unterstreicht Meyer die besondere Stellung des Mittelniederdeutschen vergleichend wie folgt: „ Das Niederdeutsche hatte damals [zur Zeit der Hanse] mindestens die gleiche internationale Bedeutung wie das Hochdeutsche, sein Sprachgebiet war nicht weniger gro ß und wichtig. Die Tr ä ger dieser norddeutschen Gemeinsprache und ihrer st ä dtischen Geisteskultur waren die B ü rger der freien St ä dte und die niedere Geistlichkeit, nicht die Ritter des Landes, wie zumeist beim Mittelhochdeutschen. “ 8

Sanders unternimmt zudem innerhalb des Mittelniederdeutschen eine weitere Unterscheidung einzelnen Sprachentwicklungsetappen. Auch diese Subgliederung steht im Zusammenhang mit der Geschichte der Hanse: „ die Fr ü hzeit bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts mit verschiedenen Schreibdialekten, die bestimmten Mundartr ä umen zugeordnet waren; das „ klassische “ Mittelniederdeutsch der Zeit zwischen etwa 1350-1500, die eigentliche „ Hansesprache “ also mit ihrer ü berregionalen, tendenziell schriftsprachlichen Geltung; die Sp ä tzeit des 16. Jahrhunderts, die den R ü ckfall ins Dialektale einleitete. “ 9

Kurz nach 1600 setze ein erheblicher Rückgang des Mittelniederdeutschen ein, welcher in unmittelbarer Verbindung mit der untergehenden Hanse stand.10 Mit der Übernahme des Hochdeutschen sank das Neuniederdeutsche mehr und mehr in einen mundartlichen Gebrauch ab. Vielmehr wurde nun unter dem Begriff des Niederdeutschen eine Vielzahl einzelner Mundarten zusammengefasst. Erst im mittleren 19. Jahrhundert entwickelte sich wieder eine niederdeutsche Mundartliteratur.

3. Mittelniederdeutsch

Im weiteren Verlauf der Arbeit soll nun speziell das Mittelniederdeutsche in Bezug auf verschiedene Aspekte beleuchtet werden. Das Mittelniederdeutsche steht im zeitlichen Zenit der niederdeutschen Sprachgeschichte und spiegelt gleichzeitig ihre Blüte. In den folgenden Kapiteln soll die Entwicklung anhand der Hanse, der Kirche und niederdeutsch verfasster Rechtssprechung analysiert werden. In der Wissenschaft um die niederdeutsche Sprache hat sich der Begriff des Mittelniederdeutschen vor allem seit Jacob Grimm gefestigt, der den Begriff für mehrere verwandte, regionale Schreibsprachen in jener Zeit nutze. Begriffe wie „düdesch“ „(nedder)sassesch“ oder „nedderlendesch“ waren zu dieser Zeit ebenfalls verbreitet.

3.1. Die Hansesprache

Die Entwicklung des Mittelniederdeutschen stand eng in Verbindung mit der Hanse. Parallel zueinander vollzogen und bedingten sich der Aufstieg und der Verfall der Sprache. Daher etablierte sich schließlich auch der Begriff der Hansesprache. Sanders führt dazu aus: „ [ … ] mit wachsender ö konomischer und politischer Geltung des kaufm ä nnisch-st ä dtischen Handelsbundes der Hanse formte sich in Norddeutschland auch jene Sprache aus, die eine ü berregionale Einheitlichkeit anstrebte. Wie die Hanse erreichte sie im sp ä teren 14. und 15. Jahrhundert ihre h ö chste Bl ü te, die sie zum Rang einer nahezu allgemein g ü ltigen nordeurop ä ischen Verkehrssprache erhob. “ 11

[...]


1 Vgl. Specht, 1969, S.11.

2 Vgl. Foerste, 1957, S. 243.

3 Vgl. Krischke, 2003, S.1

4 Sanders, 1982, S. 13.

5 Sanders, 1982, S. 27 ff.

6 Vgl. Sanders, 1982, S. 28.

7 Meyer, 1983, S. 36 ff.

8 Ebd.

9 Sanders, 1982, S, 130.

10 Vgl. Bölsing, 2011, S. 28 ff.

11 Sanders, 1982, S. 126.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Blüte und Verfall des Mittelniederdeutschen
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V307211
ISBN (eBook)
9783668080485
ISBN (Buch)
9783668080492
Dateigröße
963 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachgeschichte, Niederdeutsch, Plattdeutsch, Mittelniederdeutsch
Arbeit zitieren
Luise Lippold (Autor), 2015, Blüte und Verfall des Mittelniederdeutschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/307211

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