Ästhetik und Aisthesis. Das Wesen der Wahrnehmung


Hausarbeit, 2015

12 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ästhetik / Aisthesis
2.1 Der Quell des Ästhetischen
2.2 Alexander Gottlieb Baumgarten

3. Das Wesen der Wahrnehmung
3.1 Vom Geist der Wahrnehmung
3.2 Leibliche Wahrnehmung
3.3 Sinnliche Wahrnehmung

4. Wahrnehmungserziehung

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In den 80er Jahren fand in der Pädagogik ein Paradigmenwechsel statt. Dieser wurde durch den Pädagogen HARTMUT VON HENTIG eingeleitet, der 1967 in seinem Aufsatz „Ästhetische Erziehung im politischen Zeitalter“ die praxis- und lebensferne Pädagogik kritisierte und einem breiten Publikum zur Diskussion stellte.

Bis dahin wurden die menschlichen Sinne im schulischen Rahmen grundsätzlich in der Funktion als Datenüberträger zur Vermittlung und Aneignung von Wissen trainiert. Pädagogisieren der Sinne bedeutete in erster Linie das Schulen einzelner Sinnesfunktionen, die zur Beschaffung von Informationen für Lernprozesse dienlich sein sollten. Es fehlte eine sinnliche Wahrnehmungserziehung, wie sie u.a. von der Pädagogin MEIKE AISSEN-CREWETT aufgefasst und vertreten wird.

Wahrnehmungserziehung ist keine Sinnesschulung, entscheidend ist vielmehr die Herausbildung eines ganzheitlichen aisthetischen Sensoriums, das von einer Wahrnehmungseinheit ausgeht und die einzelnen Sinneswahrnehmungen in diese integriert.1

Vor dem Hintergrund des seit den 80er Jahren vollzogenen Sinneswandels stellt sich die Frage nach grundlegenden pädagogischen Aufgaben und Zielen einer sinnlichen Wahrnehmungserziehung im (heutigen) gesellschaftlichen Kontext.

Zur Beantwortung dieser Frage soll zunächst der Begriff Ä sthetik eingeführt und dessen Überholung und Neubewertung im 18. Jahrhundert durch den Philosophen ALEXANDER GOTTLIEB BAUMGARTEN dargelegt werden. Dem folgt eine genaue Betrachtung des We- sens der Wahrnehmung, bei der die geistige, leibliche und sinnliche Komponente unter- sucht wird. Hierfür werden Theorien und Erklärungsmodelle des Künstlers JOSEF BEUYS, der Philosophen GEORG PICHT und WOLFGANG WELSCH, des Philosophen und Phänomenologen MAURICE MERLEAU-PONTY sowie des amerikanischen Psychologen JAMES J. GIBSON herangezogen. Danach werden ältere und aktuelle Methoden der sinn- lichen Wahrnehmungserziehung vorgestellt und diskutiert. Abschließend sollen die Aufgaben und Ziele der Wahrnehmungserziehung, die der Herausbildung eines reflek- tierenden, kritischen Bewusstseins dienen, zusammengefasst werden.

2. Ästhetik/Aisthesis

2.1 Der Quell des Ästhetischen

Der Begriff Ä sthetik geht zurück auf das Altgriechische α ἴ σθησι und bildete sich in An- lehnung an das Wort a í sth ē sis heraus - seiner Bedeutung nach sinnliche Wahrnehmung, sinnliche Erkenntnis. Bei den Griechen hielt sich der Begriff Ästhetik lange Zeit im Sin- ne einer Lehre von der Theorie der wahrnehmbaren Schönheit, von Gesetzmäßigkeiten und Harmonie in der Natur und Kunst. Den Ausgangspunkt hierfür bildete die klassi- sche Kunst der griechischen Antike.

Eine Neubewertung des Begriffs kam im 18. Jahrhundert unter Einfluss des Philosophen ALEXANDER GOTTLIEB BAUMGARTEN zustande. 1735 begründete BAUMGARTEN mit seiner Dissertation „Meditationes philosophicae de nonnullis ad poema pertinentibus“ die Ästhetik in Deutschland als eigenständige philosophische Disziplin. In seiner Vorle- sung „Aesthetica“ von 1750/58 definierte er Ästhetik als „Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis"2.

2.2 ALEXANDER GOTTLIEB BAUMGARTEN

Indem Baumgarten an die Grundbedeutung des Wortes aisthetisch anknüpft, also an die Be- deutung: die Wahrnehmung betreffend, für die Sinne faßbar, macht er deutlich, daß Ästhetik zunächst nichts mit Kunst zu tun hatte, sondern ursprünglich ein erkenntnistheoretisches Pro- jekt war.3

BAUMGARTEN betrachtete den Zustand einer natürlichen Ästhetik als das Ergebnis eines Prozesses, „in dem sich die untern Erkenntnisvermögen ohne jede methodische Ausbil- dung durch bloße Ausübung entwickeln"4. Die Kategorie der unteren Erkenntnisvermö- gen setzt sich aus sensus (Gefühl, Empfindung), imaginatio (Einbildung, Phantasie, Vorstellung), facultas fingendi (Dichtkunst, Vermögen zu dichten) und memoria (Ge- dächtnis, Erinnerungskraft) zusammen. Lehre und Übung sollen den Zustand einer na- türlichen Ästhetik zu Tage fördern, den BAUMGARTEN als Bedingung zur Entfaltung der oberen Erkenntnisvermögen ansah. Der Philosoph stellte die Ästhetik als eigenständige Erkenntnisform neben die Disziplin der Logik. Nur ein entwickeltes ästhetisch-sinnli- ches Erkenntnisvermögen könne neben einer logischen Urteilskraft Wahrnehmung zu einem Ganzen vervollständigen. Den Nutzen der Ästhetik sah er vor allem darin, dass sie 1) den Wissenschaften, die hauptsächlich auf Verstandeserkenntnis beruhen, geeig- nete Materialien bereitstellt, 2) das wissenschaftlich Erkannte dem Fassungsvermögen jedes beliebigen Menschen anpaßt, 3) die Verbesserung der Erkenntnis auch über die Grenzen des deutlich Erkennbaren hinaus vorantreibt, 4) gute Grundlagen legt für alle kontemplativen geistigen Betätigungen und für die freien Künste, 5) in der Praxis des täglichen Lebens unter gleichen Voraussetzungen allen anderen Menschen gegenüber eine bestimmte Überlegenheit verleiht.5

BAUMGARTENs Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis verbreitete sich schnell, wurde dennoch von nur Wenigen, u.a. von HERDER, aufgegriffen. Spätere Ästhetiker, vor allem die der deutschen Klassik, so KANT und SCHILLER, ließen seine theoretischen Ansichten zwar nicht außer Acht, legten das Gewicht jedoch auf die Kunst. Erst in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts fand eine Rückbesinnung auf BAUMGARTENs philosophischen Äs- thetikbegriff und die damit einhergehende Hinwendung zur sinnlichen Erkenntnistheo- rie - zur Aisthesis - statt.

3. Das Wesen der Wahrnehmung

3.1 Vom Geist der Wahrnehmung

"Unter Wahrnehmung versteht man jene Prozesse, die eintreffende Informationen von den Sinnesorganen auswählen, ordnen und interpretieren."6

Wahrnehmung ist weit mehr als das Erfassen von Äußerem mit den Sinnen. Einen ers- ten Zugriff auf unsere Umwelt erlangen wir Mithilfe unserer Sinnesorgane, die uns dazu verhelfen, Informationen aufzunehmen. Damit ist ein entscheidender Schritt hin zur Wahrnehmung getan, nicht aber der entscheidende, wie der deutsche Aktionskünstler, Bildhauer, Zeichner und Kunsttheoretiker JOSEF BEUYS verdeutlichte. Denn die bloße Aufnahme von Informationen durch das „kühle, distanzierte Auge“7 bliebe eine Wahr- nehmungshülse, gelänge es nicht „eine viel innerere, tieferliegendere Maschinerie in Gang [zu] setzen“8. Der Wahrnehmungsprozess geht über das Registrieren der Umwelt durch die Sinnesorgane hinaus. In tiefere Bedeutungsschichten des Wahrgenommenen dringen wir erst durch das Einflechten unserer Empfindungen und inneren Regungen vor. „Entscheidend ist die Innenwahrnehmung als Gegenstand von Wahrnehmung, und zwar mit den kreativen Kräften, die nach innen gerichtet werden.“9

Das Phänomen der Wahrnehmung betrachtete der Philosoph, Theologe und Pädagoge GEORG PICHT in ähnlicher Weise. In seinem Erklärungsmodell traf er eine Unterschei- dung von Innen- und Außenwahrnehmung. Zunächst werden die Informationen aus un- serer Umwelt durch unsere Sinnesorgane in unser Gehirn eingeschleust. Ein in erster Li- nie rezeptiver Vorgang. Die innere Seite der Wahrnehmung repräsentiert das subjektive Empfinden. Erst die Verschmelzung von äußerer und innerer Wahrnehmungsseite führe dem Gegenstand (s)eine eigentliche Bedeutung zu. Die tieferliegende Verarbeitung ei- nes Sinneseindrucks setze nach PICHT die „Vibration der Sphäre der Sinnlichkeit“10 vor- aus. Auf diese Weise komme man in den Genuss, „das Wahre zu entdecken und aufzu- nehmen - wahrzunehmen“11. Auch seiner Auffassung nach können sich Kraft und Schönheit eines Gegenstands erst in den höheren Sphären der Sinnlichkeit entfalten.

Eine philosophische Einordnung der Wahrnehmung nimmt WOLFGANG WELSCH vor. Um die ursprüngliche Bedeutung des Aisthetischen zu reaktivieren, reihte er sich in die Tradition BAUMGARTENs ein. WELSCH fasst Wahrnehmung ebenfalls als einen Prozess auf, der über den bloßen Sinneseindruck hinausgeht. Für ihn ist Wahrnehmung in einem „fundamentaleren und weitreichenden Sinn als Gewahrwerden zu verstehen, [...] hat den Charakter von Einsicht“12. Betrachte man Wahrnehmung in einem größeren Zusam- menhang, erkenne man darin auch das Nebeneinander seiner sinnlichen und unsinnli- chen, ästhetischen und anästhetischen Natur. Den Begriff An ä sthetik sieht er in den Aus- wüchsen unserer Zeit begründet. Dieser charakterisiere eine Informationsgesellschaft, die sich mit sinnlicher Reizüberflutung und steigendem Wahrnehmungsverlust ausein- andersetzen muss. Zugleich stehe Anästhetik für eine Art wechselseitiges Prinzip der Ästhetik selbst - immer da, wo Prozesse sich der sinnlichen Wahrnehmung entziehen, wo dem menschlichen Wahrnehmungsvermögen Grenzen gesetzt sind, der Anspruch aber, weitere Zugänge zu finden, nicht versiegt. WELSCH erforscht die Möglichkeiten ei- ner (postmodernen) Ästhetik, die auf ganzheitlicher Wahrnehmung fußt, die ungewöhn- liche Denkmodelle fordert und fördert. Denken im Sinne eines Experiments, als Aus- druck der Suche nach persönlichen Normen und Werten, gegen die Angst vor Wider- sprüchen, die das Leben erst in Gänze abbilden können.

[...]


1 Aissen-Crewett, Meike: Grundriß der ästhetisch-aisthetischen Erziehung. (Hg.) Direktorium des Instituts für Grundschulpädagogik Philosophische Fakultät II Universität Potsdam. Potsdam 1998. S. 82. 1

2 Baumgarten, Alexander Gottlieb: Theoretische Ästhetik. Die Grundlegenden Abschnitte aus der „Aesthetica“ (1750-1758). Übersetzt und herausgegeben von Hans Rudolf Schweizer. Hamburg 1988. § 1.

3 Aissen-Crewett (s. Anm. 1) S. 63.

4 Baumgarten. Ebd. § 2.

5 Baumgarten (s. Anm. 2) § 3.

6 Mietzel, Gerd: Wege in die Psychologie. Klett-Cotta. Stuttgart 1998. S. 129.

7 Beuys, Josef: Gespräch mit Beuys. Josef Beuys in Wien und Friedrichshof. Ritter. Klagenfurt 1988. S. 23.

8 Ebd.

9 Beuys, Josef. Ebd.

10 Picht, Georg: Kunst und Mythos. Klett-Cotta. Stuttgart 1986. S. 413.

11 Ebd. S. 410.

12 Welsch, Wolfgang: Ästhetisches Denken. Reclam. Stuttgart 1990. S. 109.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Ästhetik und Aisthesis. Das Wesen der Wahrnehmung
Hochschule
Universität der Künste Berlin  (Bildende Kunst)
Note
1,0
Jahr
2015
Seiten
12
Katalognummer
V307405
ISBN (eBook)
9783668057906
ISBN (Buch)
9783668057913
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ästhetik, Aisthesis, Alexander Gottlieb Baumgarten, Wahrnehmung
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Ästhetik und Aisthesis. Das Wesen der Wahrnehmung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/307405

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