Biographische Einblicke in die Gesellschaft - "Biographische Identitäten" als Schnittstelle von Individuum und Gesellschaft


Magisterarbeit, 2004

88 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Die (Vor-) Geschichte der Biographie – Eine historische und gesellschaftstheoretische Sensibilisierung zur Tragweite biographischer Fragen
1. Lebenslauf, Individualisierung und Biographisierung
1.1 Institutionalisierung des Lebenslaufs: Verlagerung von ‚horizontaler’ zu ‚temporaler’ Integration und die Entdeckung des Individuums
1.2 Die Ambivalenz von Individualitätssemantik und Institutionalisierung individueller Verantwortung im Schema des Normallebenslaufs
1.3 De-Institutionalisierung der Normalbiographie und Biographisierung als neues institutionalisiertes Handlungsschema
2. Individualisierung und die Erosion des Biographieschemas? Zur Verinnerlichung des Entscheidungszwanges

III. Biographische Identität und die Autopoiesis des Bewusstseins – Wie entsteht Identität?
1. Identität des Bewusstseins? Identität und Sozialität aus der Perspektive des Bewusstseins
1.1 Zeiterleben – Denken braucht nicht nur Zeit, es macht Zeit und kommt dadurch zu sich!
1.2 Erfahrung, Sinn und Identität: Umgänge mit der Paradoxie der Selbstthematisierung
2. Semantische und sozialstrukturelle Kontexte moderner, temporalisierter Selbstbeschreibung
2.1 Biographische Identität

IV. Biographie und Gesellschaft
1. Homologie von ‚gelebtem’ und ‚erzähltem Leben’?
1.1 Biographische Illusionen?
1.2 Sind narrative biographische Selbstdarstellungen ‚blind’ für gelebtes Leben?
2. Biographische Reflexivität, biographisches Wissen und im Operieren kondensierter Sinn
2.1 Identität als „tacit continuity“
2.2 Selbstreferenz und Sozialität
2.3 Biographische Konstruktionen als reflexive Thematisierung von Identität: Wie aus vorreflexivem Kondensieren von Sinn reflexive Identität wird
3. ‚Ko-Konstruieren’ biographischen Sinns: Biographie des Bewusstseins, biographische Kommunikationen und soziale Sinnhorizonte möglicher Identität
3.1 Personale Identitäten als Identität im Präsens – Beschleunigung des Umgangs mit Individuen als ‚situative’ Personen
3.2 Alltagsweltlicher Sinnhorizont biographischer Identität: Kommunikation biographischer Perspektiven
3.3 Wie kommen Personen in ‚Teilsystemen’ vor? Identität unter dem Druck von Karrieremustern und Systemsemantik vs. Alltagsweltliche Sinnhorizonte möglicher Identität?

V. Resümee und Ausblick

Literatur

I. Einleitung

„Individualisierung bedeutet, dass die Biographie der Menschen aus vorgegebenen Fixierungen herausgelöst, offen, entscheidungsabhängig und als Aufgabe in das Handeln jedes einzelnen gelegt wird. Die Anteile der prinzipiellen entscheidungsverschlossenen Lebensmöglichkeiten nehmen ab, und die Anteile der entscheidungsoffenen selbst herzustellenden Biographie nehmen zu. Individualisierung von Lebenslagen und -verläufen heißt also: Biographien werden ‚selbstreflexiv’; sozial vorgegebene wird in selbst herzustellende Biographie transformiert. Die Entscheidung über Ausbildung, Beruf, Arbeitsplatz, Wohnort, Ehepartner, Kinderzahl usw. mit all ihren Unterunterentscheidungen können nicht nur, sondern müssen getroffen werden. Selbst dort, wo die Rede von ‚Entscheidungen’ ein zu hochtrabendes Wort ist, weil weder Bewusstsein noch Alternativen vorhanden sind, wird der einzelne die Konsequenzen aus seinen nicht getroffenen Entscheidungen ‚ausbaden’ müssen.“

(Beck 1986, S. 216 f.)

„Bei aller Skepsis gegenüber Modischem sind wir der Ansicht, dass die Thematisierung von ‚Biographie’ keine vorübergehende Erscheinung soziologischer Theoriebildung ist, da mit ihr zentrale Dimensionen von Gesellschaft angesprochen sind. Hier klafft allerdings eine Lü title="">[1] mangels sozialer Orientierungsleistungen, die ein Leben im Spannungsfeld dieser diffusen sozialen Anforderungen als Lebenszeit sinnvoll steuernde ‚Ablaufskripte’ zu ‚leiten’ in der Lage wären[2], zurecht finden.

Biographie- und lebenslauftheoretische Fragen gewinnen vor diesem Hintergrund an gesellschaftstheoretischem Interesse. Es besteht weitestgehende Einigkeit darüber, dass in Gesellschaften der späten Moderne dem Individuum eine besondere Rolle zukommt. Bei der Frage, wie diese Besonderheit zu fassen ist, wird es schon komplizierter. Aber auch hier können einige zentrale Argumente benannt werden. Zum einen sei das Individuum gewissermaßen ein Fixpunkt bzw. neu konstituiertes ‚Objekt’ eines neuen Programms der Vergesellschaftung: „Nicht mehr eine stabile Lebenslage verbürgt soziale Ordnung und Kontrolle, sondern ein regelhafter – und damit verlässlich erwartbarer – Lebenslauf. Der Lebenslauf konstituiert ein Vergesellschaftungsprogramm, das an den Individuen als neuen sozialen Einheiten ansetzt“ (Kohli 1988, S. 37). Andererseits heiße Individualisierung „nicht nur Einsetzung eines neuen (und effektiveren) sozialen Kontrollmechanismus, sondern auch Erweiterung von Handlungsspielräumen“ (ebd., S. 36). Individuen werden also nicht nur durch eine besondere Struktur der Gesellschaft in der Moderne erst ‚konstituiert’ (um sie sogleich besser ‚kontrollieren’ zu können), es entstehen auch neue Freiheiten – allerdings trügerische: Die individuelle Lebensgestaltung wird unter dem existentiellen Druck eines Zwangs zur planenden Langsicht zur Aufgabe, mit komplexer gewordenen Strukturen für sich selbst verantwortlich umzugehen. Man wird zu seiner Biographie eigenen Schmiedes und muss in ihr verschiedenste Ansprüche sozialer Kontexte zu einem ganzen Leben, zu einer sinnvollen Gesamtgestalt, zu einer „biographischen Identität“ verdichten. Auch dies ist mit dem Begriff der ‚Biographisierung’ der Lebensführung gemeint.

Und dementsprechend Unterschiedliches spiegelt sich im Begriff der Biographie selbst – je nach theoretischer Perspektive. Biographie kann als „sozialweltliches Orientierungsmuster“ (Fischer & Kohli 1987, S. 26) gesehen werden, das einerseits ‚institutionellen’ und damit determinierenden, Komplexität reduzierenden Charakter (vgl. ebd., S. 26 ff), andererseits „horizonthaften Charakter“ (ebd.) hat. – Damit wird ausgedrückt, dass „die biographischen Präskripte, die in einer bestimmten historischen Fassung dem einzelnen vorliegen, als emergentes Produkt seines Erfahrens und Handelns in sozialen Interaktionen zu ‚Lebensgeschichten’ werden“ (ebd. S. 28). In dieser Bestimmung von Biographieforschung, die sich besonders am schützschen Konzept der Alltagswelt orientiert, kann das Verhältnis von Struktur und Subjekt als ein dialektisches in den Blick genommen werden. „Das Grundkonzept von Biographie als Orientierungsmuster muss die dichotome Begrifflichkeit ‚objektive Struktur’ - ‚subjektive Verarbeitung’ schon im Ansatz so integrieren, dass die Orientierung stiftende ‚Regel’ in actu prinzipiell immer zur Disposition steht, d.h. in Form eines emergenten individuellen Schemas verwirklicht wird, das zugleich die Produktionsregeln des sozialen Schemas variieren, neu bilden oder affirmieren kann“ (ebd., S. 29).

In neueren systemtheoretischen Konzeptionen treten demgegenüber makrostrukturelle Kontexte in den Vordergrund. So kann zwar durchaus biographische Selbstthematisierung, das ‚Entstehen’ biographischer Identitäten als autonome, selbstreferentielle Leistung der Individuen beschrieben werden[3], allerdings bleibt weitestgehend im Dunkeln, wie diese biographischen Leistungen in einem dialektischen Zusammenhang von Subjekt und Gesellschaft zu fassen wären. Es entsteht vielmehr den Eindruck, als seien die konstruktiven, selbstreferentiellen Leistungen der Individuen zwar (subjektiv) zwingende Voraussetzung der Selbstverortung und -behauptung in einer komplexen Gesellschaft, die emergenten Potentiale biographischer Konstruktionen bleiben aber in dieser Perspektive weitestgehend im Privaten – man könnte sagen biographische Identitäten werden als emergierende Lebensbewältigungsstrategien gefasst. Dass dies oder wie dies allerdings auf die ‚Logik der Teilsysteme’ Rückwirkungen haben könnte, wird nicht systematisch ausgearbeitet. Dies liegt vielleicht gerade daran, dass der ‚Zugriff’ der Teilsysteme, „angewiesen auf die Bündelung und Konzentration von Kommunikation in Personen“ (Nassehi & Weber 1990, S. 178), relativ direkt vorgestellt wird. Zwischen der Eigendynamik von Systemen und selbstreferentiellen Individuen wird in systemtheoretischen Theorievarianten nicht noch eine durch individuelle Konstruktionen und Handlungen wandelbare Alltagswelt biographischer Sinnhorizonte gedacht[4]. Durch diese ‚Unmittelbarkeit’ des Zugriffs funktionaler Teilsysteme auf das Individuum, das sich in sozialen Systemen kommunikativ als Person bewähren muss, entsteht bei aller zugestandenen Eigenlogik subjektiver Weltverarbeitung doch der dominante Eindruck der Ausgeliefertheit der Individuen bzw. der Unabhängigkeit selbstreferentiell prozessierender sozialer Systeme, der auch nicht durch die Betonung, es handle sich hier um Interpenetrationsverhältnisse gegenseitiger Ermöglichung[5] wett gemacht wird. Welche „Einblicke in die Gesellschaft“ Biographieforschung ermöglicht, hängt also nicht zuletzt von gesellschaftstheoretischen Vorannahmen ab, die mitspielen wenn definiert wird was Biographie ist – zumindest, wenn es um die „Interdependenzen, Differenzen und reziproken Ermöglichungsbedingungen“ (Nassehi & Weber 1990, S. 153) biographischer Perspektiven der Individuen und ‚Gesellschaft’ geht.

Für diese Arbeit wähle ich einen Zugang, der zunächst einmal von solchen gesellschaftstheoretischen Prämissen absieht, und sich hingegen damit beschäftigt, was in den unterschiedlichen theoretischen Perspektiven gemeinsam betont wird: In Biographien spiegle sich gesellschaftliche ‚Realität’ aus der eigenwilligen Perspektive des Individuums, „biographische Konstruktionen vermitteln uns Sozialität in einer dem Individuum zuhandenen Gestaltbarkeit“ (Alheit & Dausien 2000, S. 277). Auf der Basis einer Theorie der Autopoiesis des Bewusstseins werde ich diese eigenlogische und ‚emergente’ Realitätsaufschichtung des Bewusstseins herausarbeiten. Es kann vor diesem Hintergrund gezeigt werden, wie das Bewusstsein mangels verlässlicher ‚sozialer Antworten’ auf die Frage „wer bin ich“ auf seine eigene Geschichte zurückgreifen muss. Oder anders formuliert: Identität, die in der Gesellschaft nicht mehr zu ‚finden’ ist, wird hergestellt über die je einmalige Geschichte von Selbstfestlegungen eines Bewusstseins. Sie wird selbstreferentiell und zuweilen reflexiv – auf jeden Fall wird Identität biographisch.

Ich werde in Kapitel II in der Form einer kurzen sozial-historischen Argumentation einige Zusammenhänge von Pluralisierung bzw. Ausdifferenzierung der Gesellschaft in der Moderne und dem ‚Entstehen’ des sozialen Konstruktes Biographie als Form der Selbstbeschreibung und -verortung von Individuen in der Gesellschaft verdeutlichen – im Sinne einer Sensibilisierung für die gesellschaftstheoretische Prominenz biographischer Fragen. Dabei werde ich verschiedene Anleihen aus unterschiedlichen Theorietraditionen nehmen, die allerdings nebeneinander stehen können, da sie im Kern auf ganz ähnliche Prozesse hinweisen.

In Kapitel III werde ich dann radikal die Perspektive wechseln und mich mit der Frage beschäftigen, was in einem Bewusstsein passiert, wenn es sich selbst zum Thema macht. Die Frage nach dem Was der Biographie wird zur Frage nach dem Wie des Entstehens biographischer Selbstbeschreibungen des Bewusstseins – kontextuiert von einer spezifischen sozialen Umwelt. Ein zentraler Punkt ist dabei die Frage, in welcher Form Erfahrungen, Selbstbeschreibungen oder ‚soziale Codes’ vom Bewusstsein verarbeitet werden – hier soll Niklas Luhmanns Sinn-Begriff zu seiner Berechtigung kommen. In diesem Kapitel wird denn auch das zentrale Anliegen dieser Arbeit behandelt: es geht mir dabei um die Frage, in welcher Form sich in den biographischen Konstruktionen von Individuen gesellschaftliche Struktur ausdrückt. Es soll gezeigt werden, dass in modernen Gesellschaften Identitätssicherung als biographische Leistung verstanden werden muss. Damit wird einerseits auf eine empirische Perspektive verwiesen: Biographische Erzählungen selbst liefern Einblicke in die Gesellschaft als subjektiv verarbeitete soziale Realität. Andererseits wird sich zeigen, dass die Form biographischer Identitätssicherung selbst schon einiges über die Verfassung moderner Gesellschaften aussagt. Mit der Fassung von Bewusstsein als autopoietisches System kann es außerdem gelingen, emergente Prozesse und somit das Neu-Entstehen biographischer Bewältigungsstrategien besser zu fassen, ohne ein selbstreferentielles Bewusstsein bei aller Autonomie seiner Realitätsverarbeitung zur ‚a-sozialen’ Monade erklären zu müssen.

In Kapitel IV folgen anknüpfend an diese Überlegungen einige begriffliche Differenzierungsversuche: In welchem Verhältnis stehen biographische Konstruktionen zur Alltagserfahrung? Was sind biographische Konstruktionen, was ist biographisches Wissen, wie ‚übersetzt’ sich ein Bewusstsein in die Gesellschaft – Stichwort: biographische Kommunikationen.

In Kapitel IV.3 werde ich schließlich den Vorschlag machen, das Wechselverhältnis von Individuum und Gesellschaft unter der Frage zu diskutieren, wie Identitäten oder besser biographische Möglichkeitshorizonte in Kommunikationen hergestellt werden können. Dabei ist es m.E. fruchtbar, sowohl systemtheoretische Perspektiven, wie auch Alltagsweltkonzepte zu bedenken. Denn der „flexible Mensch[6] “ ist nicht nur Ausdruck sozialer Zumutungen und diffuser Anforderungen von Systemdynamiken, sondern kann auch als semantischer Versuch gedeutet werden, alltagsweltlich mit diesen umzugehen – wenn auch als ein recht unglücklicher Versuch, wie Sennett ausführt.

II. Die (Vor-) Geschichte der Biographie – Eine historische und gesellschaftstheoretische Sensibilisierung zur Tragweite biographischer Fragen

Die Vorstellungen von einem geregelten Lebenslauf und von Biographien als Thematisierungen dieses Lebenslaufs sind historisch neueren Datums. Ihre sozio-historischen Entstehungsbedingungen können in der beginnenden Moderne ausgemacht werden. Alheit bezeichnet daher den Lebenslauf als „eines der großen ‚Projekte der Moderne’“ (Alheit 1986, S. 134). Welche sozialstrukturellen Kontexte führten zu diesem heute so selbstverständlichen Konstrukt? Welche gesellschaftlichen und individuellen Probleme ‚lösen’ Lebenslauf und Biographie? Inwiefern verweisen somit Biographien auf spezifische gesellschaftliche Konstellationen in der Moderne? Dies sind Fragen, die im Folgenden behandelt werden. Allerdings unter Vorbehalt. Es geht mir in diesem Kapitel zunächst darum, zentrale Linien und gesellschaftstheoretische Hintergründe zu verdeutlichen, die Biographie zu einem für die Soziologie so spannenden Thema machen. Dabei werde ich zunächst noch weitestgehend die Frage ausblenden, was biographische Selbstthematisierung aus der Perspektive von Bewusstseinsprozessen bedeutet: Der zentrale Fokus in diesem Kapitel liegt auf Gesellschaft und nicht auf möglichen Formen und Vorgängen der biographischen Repräsentation von Gesellschaft durch die ‚eigensinnigen Konstruktionen’ ‚aktiv realitätsverarbeitender’ Subjekte (hierzu dann ausführlicher in Kapitel III). Auch werde ich in diesem Kapitel unterschiedlich ‚gefärbte’ Gesellschaftsbeschreibungen zu Wort kommen lassen, die ihre Anleihen sowohl aus systemtheoretischen, wie auch alltagswelttheoretischen bzw. weiteren Konzepten nehmen, da jede Perspektive aus ihrem eigenen Blickwinkel unterschiedliche Zusammenhänge zwischen Individualisierung, Biographie und Gesellschaftsstruktur aufzeigen kann. – Ich werde dies implizit tun und im Text selbst (meist) nicht eigens darauf hinweisen, geht es mir doch in erster Linie in diesem Kapitel um Sensibilisierung und nicht um Theoriestreit.

1. Lebenslauf, Individualisierung und Biographisierung

„Es handelt sich [beim Lebenslauf] nicht nur um eine Variation sozialer Gegebenheiten in der Zeit oder um zeitliche Abläufe, sondern um eine ‚soziale Tatsache’ eigener Art, die durch ein besonderes Regelsystem generiert wird. Lebenslauf kann (ähnlich wie Geschlecht) als eine soziale Institution konzeptualisiert werden – nicht im Sinn einer sozialen Gruppierung, d.h. eines Aggregats von Individuen, sondern im Sinn eines Regelsystems, das einen zentralen Bereich oder eine zentrale Dimension des Lebens ordnet. Dies nachzuweisen gelingt am ehesten über die Analyse der historischen Veränderungen.“ (Kohli 1985, S. 1, [Hervorhebungen im Original])

In Anlehnung an Martin Kohli (Kohli 1988) können grob drei Phasen unterschiedlicher Stabilisierung bzw. Ausprägung temporaler Vergesellschaftungsmodi beschrieben werden, in denen sich jeweils das Verhältnis zwischen der Institutionalisierung verlässlicher lebenszeitlicher Normalformerwartungen und – damit einhergehend, aber doch auch antagonistisch dazu – der ‚Institutionalisierung biographischer Handlungsautonomie von Individuen’ verändert. Individualisierung kann zunächst im Kontext der Institutionalisierung des Lebenslaufs diskutiert werden. Und Lebenslauf soll dabei ganz im Sinne des Zitats oben als soziale Institution, als eine besondere Form der Vergesellschaftung vorgestellt werden. Eine Form, die auf spezifische sozialstrukturelle Kontexte gleichsam ‚reagiert’ bzw. sie erst ermöglicht, durch die die Person und ihre biographischen Eigenleistungen und -logiken der Lebensführung immer mehr zum Ansatzpunkt gesellschaftlicher Integration werden. Im Folgenden werde ich also versuchen zu verdeutlichen, welcher Stellenwert der Institution Lebenslauf und der Biographie „im Sinne eines Codes von personaler Entwicklung und Emergenz“ (Kohli 1988, S. 37) in der Moderne zukommen. Die Bedeutung dieser Topoi wird am ehesten deutlich, wenn sie im Kontext einer historischen Entwicklungsdynamik gefasst werden. Der historische Ausgangspunkt ist die beginnende Moderne. Dabei wird auch deutlich werden, dass mit dem recht schillernden Begriff der ‚Individualisierung’ nicht einfach nur ein mehr an ‚Freiheit’ für nunmehr selbstverantwortliche Individuen gemeint sein kann, sondern Individualität auch als Semantik zu sehen ist, die für bestimmte Formen der Vergesellschaftung steht. – Die ihren Ansatzpunkt in der Verlagerung äußerer Verhaltenskontrolle durch Schicht- oder Gruppenzugehörigkeit zu ‚interner’ Selbstkontrolle und Selbstzwängen hat; in der Ausbildung eines (sich selbst) langfristig planenden (Über-) Ichs[7]. Allerdings bedeutet eben (wie immer ambivalent man die neuen Freiheiten des Individuums fassen mag, und wie immer strukturell induziert man die Verlagerung gesellschaftlicher Koordination fassen mag) Individualisierung oder Biographisierung „auch eine Veränderung des Verhältnisses von Struktur und Handeln“ (Kohli 1988, S. 36). Man kann das wie folgt weiterdenken: mit dem Entstehen von Vergesellschaftungsprogrammen, die auf das Individuum oder dessen ‚innere Kontrolle’ zielen, muss auch auf der Seite der Handlungen des Individuums mit mehr Varianz gerechnet werden, mit Überraschung. Denn „biographisches Handeln weist – wie jedes Handeln – ein Moment von Emergenz und Autonomie auf. Handeln ist nie nur Vollzug sozial tradierter Wissensbestände, sondern hat immer auch den Charakter des offenen Entwurfs. Individualisierung bedeutet Verstärkung dieser Emergenz“ (Kohli 1985, S. 21). Nun aber zu den historischen Schritten im Einzelnen…

1.1 Institutionalisierung des Lebenslaufs: Verlagerung von ‚horizontaler’ zu ‚temporaler’ Integration und die Entdeckung des Individuums

Die stabilen Lebenslagen einer vormodernen Gesellschaft erodieren langsam als Vergesellschaftungszentren, denn „moralische Integration der Gesamtperson und funktionale Differenzierung schließen sich aus. Individuelle Lebensverläufe sind nicht mehr durch Zugehörigkeit zu sozialen Aggregaten präformiert, sondern durch unterschiedliche Inklusionsbedingungen in funktionale Teilsysteme bestimmt“ (Nassehi 1995, S. 114)[8] und ein regelhafter Lebenslauf wird immer mehr zum Vergesellschaftungsprogramm von Personen[9]. In Kohlis Argumentation ist wichtig, dass dieser Prozess besonders in seinen Anfängen nicht auf einen Aspekt des Individualisierungsbegriffes zu reduzieren ist, den er als Besonderheitsindividualität[10] (im Kontrast zur hier stärker zu betonenden Allgemeinheitsindividualität[11]) bezeichnet. Zwar treten zunächst die Individuen als neue Handlungszentren in den gesellschaftlichen Vordergrund, aber das ist noch nicht in dem Sinne zu verstehen, dass jetzt das Individuum selbst immer wieder entscheiden müsse oder könne, wie es sein Leben gestalten will. Vielmehr bekommt die Person einen Entscheidungs- oder besser Selbstverantwortungsspielraum, der aber insofern enger bemessen ist, dass er weitgehend in den normativen Erwartungen eines gut gestalteten Lebens verhaftet bleibt[12]. „Zwar nimmt im Zuge der Freisetzung der Individuen der Fächer der ihnen zugänglichen spezifischen biographischen Alternativen zu. Zugleich aber entsteht ein Programm, das eine allgemeine Struktur der Lebenszeit vorgibt und erwartbar macht und damit zur Grundlage für eine ‚Allgemeinheitsindividualität’ wird“ (Kohli 1988, S. 37). Das Entscheidende zu diesem sozialhistorischen Entwicklungszeitpunkt ist also, dass eine neue Form der Vergesellschaftung entsteht, die nun nicht mehr alleine an sozialen Kollektiven ansetzt, sondern das Individuum in den Mittelpunkt stellt. Um diese Behauptungen zu stützen müsste natürlich die Frage nach den dazu führenden gesellschaftsstrukturellen aber auch nach sonstigen Veränderungen, z.B. in der Lebenswirklichkeit von Personen, in der Moderne präziser beantwortet werden. Wie angekündigt kann ich das hier nur sehr ausschnitthaft-exemplarisch leisten. Ein Grundschema der Moderne wird als Ausdifferenzierung der Gesellschaft in funktionale Teilbereiche beschreiben, die sich mit zunehmender Modernisierung immer weiter voneinander entfernen, ja sogar Bereiche ganz eigener ‚Semantiken’ und ‚Funktionslogiken’ bilden. Damit ist nicht gesagt, dass es in vormodernen Gesellschaften nicht auch schon solche ausdifferenzierten Funktionsbereiche gegeben habe! Für die Frage nach dem Entstehen von Vergesellschaftungsmodi die am Individuum (also an der je einzelnen Person) ansetzen und nicht an Stand, Schicht, Klasse, sozialer Zugehörigkeit zu einer Berufsgruppe (oder welcher sozialen Gruppierung auch immer), ist allerdings eine Besonderheit dieses Differenzierungsprozesses in der Moderne wichtig. Man konnte in vormodernen Gesellschaften noch von einem mehr oder weniger übergreifenden gemeinsam geteilten Sinnsystem sprechen. – Zumindest konnte Gesellschaft so vorgestellt werden: als aufeinander abgestimmter Organismus verschiedener Sinnprovinzen, die aber alle unter einem, wenn auch nicht jedem und jederzeit im Alltagshandeln reflexiv zugänglichen, Horizont religiös-transzendentellen Gesamtsinns zusammengehalten wurden. Wo darin die spezifische Rolle des Einzelnen war, und welche Aufgaben, Perspektiven und Handlungsspielräume gegenüber anderen verbunden waren, war über die Zuweisung zu vertikalen Positionen bestimmbar, die wiederum durch (in der Regel religiöses) Expertenwissen über die Richtigkeit dieser Ordnung gestützt wurde[13]. Anders ausgedrückt: die wesentlichen Horizonte des Handelns und Interagierens waren alltagsweltlich einholbar. Was zu tun war, wie das eigene Leben zu gestalten war, war nicht frage individueller Entscheidungen und Antizipationen von Möglichkeiten und Chancen, sondern es war gesichert durch die Zugehörigkeit und eindeutige Verortung der Person über eine gesellschaftliche Position – eingelagert gewissermaßen in die Alltagspraxis eines weitestgehend selbstverständlichen Lebensvollzugs[14]. Zu Formen derartiger Integration wurde in der Soziologie viel geschrieben[15]. Sie können aufgrund ihres (wie auch immer verbindlichen, wie auch immer en detail handlungsleitenden) alles integrierenden Sinnhorizontes (vertreten durch religiöse Institutionen und transzendentaler Verankerung der Begründung gesellschaftlicher Funktionsteilung und vertikaler Differenzierung) von Gesellschaften der Moderne unterschieden werden: Diese Gesamtintegration der Gesellschaftsmitglieder über einen gemeinsam teilbaren Sinnhorizont scheint in der Moderne nicht mehr leistbar. Warum? Und wie impliziert das Individualisierung bzw. die Zuwendung zur Zeitdimension des Einzellebens? Eine recht anschauliche Vorstellung zum Zusammenhang von Vergesellschaftung der Personen und gesellschaftlicher Differenzierung findet sich bei Nassehi & Weber:

„Die vormoderne stratifikatorische Differenzierung vermochte es, mithilfe einer gesellschaftlichen Grundsymbolik die Beziehungen zwischen den ausdifferenzierten Teilen der Gesellschaft eindeutig zu bestimmen. Doch nicht nur das, auch die Position und Zuordnung von Personen innerhalb der Gesellschaft konnte parallel zur gesellschaftlichen Leitdifferenz oben/unten erfolgen. Solche Gesellschaften ordnen ‚Personen je einem der Teilsysteme zu (…) Die Identität der Person beruht in diesem Sinne auf ihrem Stand – also direkt auf dem Prinzip sozialer Differenzierung’ (Luhmann 1980, S. 30). ‚Mischexistenzen’, d.h. Personen, die gleichzeitig mehreren Teilsystemen zugeordnet sind, fungieren hier nur in Ausnahmefällen. Funktionale Differenzierung [in der Moderne] erlaubt eine solche eindeutige Zuordnung nicht. Personen haben gleichzeitig an verschiedenen Funktionssystemen teil; sie werden gleichzeitig erzogen, gelten als Rechtssubjekte, gehören einer Familie an, sind Wahlbürger, Gemeindemitglieder, und Produzenten und Konsumenten von Produkten. Sie stehen gleichsam zwischen den funktional spezifizierten Teilbereichen der Gesellschaft und müssen die verschiedenen funktionalen Semantiken, die bisweilen völlig inkompatibel und nicht ‚übersetzbar’ sind, über ihre eigene Selbstreferenz sinnhaft miteinander verbinden. Also nicht die bloße Zugehörigkeit zu einem sozialen System sichert Identität, sondern die je individuelle Selbstbeschreibung der Person im Wirkungs- und Inklusionsbereich verschiedenster gesellschaftlicher Ansprüche. Die Identität der Person gründet also gerade nicht [mehr] auf dem Prinzip sozialer Differenzierung; sie steht vielmehr quer zu ihr“ (Nassehi & Weber 1990, S. 164 [Anmerkungen, T.G.]).

Zeit, insbesondere Lebenszeit wird dann gewissermaßen ‚um die Ecke’ zu einem zentralen Problem dieser Form gesellschaftlicher Differenzierung in der Moderne. Die einzelnen Teilsysteme fallen nicht nur durch die Entwicklung von Eigenlogiken in der sachlichen Dimension auseinander, sondern auch dadurch, dass sie voneinander entkoppelte Zeithorizonte ausbilden, bzw. dass gesellschaftlich nicht mehr geregelt ist, wer wann in welcher Form an welchem System ‚teilnimmt’. An einem Beispiel verdeutlicht: ein Bildungssystem, dass nun abstrakt Bildung anbietet und (zunächst) nicht mehr auf einen bestimmten Beruf bezogen ist, ist mit der Frage konfrontiert, wer wann teilnimmt. Also ganz praktische Fragen, die erst geregelt werden müssen (und nicht, wie das in der Weitergabe des Wissens eines Schmiedes an seinen Sohn durch den Vollzug des Mitarbeitens in der Schmiede, also durch den impliziten Vollzug von Alltagshandlungen vorgegeben war). Ähnlich können Effekte der Ausdifferenzierung eines Wirtschaftssystems und eines dadurch entstehenden Arbeitsmarktes beschrieben werden. Der Zugriff des Wirtschaftssystems auf Personen und deren Qualifikationen ist nicht mehr einfach über die alltagsweltliche Selbstverständlichkeit des Lebensablaufs traditioneller Berufsgruppen bzw. Gilden herstellbar, noch aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten vertikalen Position im Schema oben/unten. Zu einer zentralen Frage wird also, wie Lebenszeit von Personen im Bestimmungsfeld dieser diversen Teilbereiche koordiniert werden kann. Abstrakt betrachtet können Karrieren als Ablaufmuster begriffen werden, die temporale Zeitangebote an Personen sind, die Lebenszeit für die Zeit der Teilhabe in einem Funktionssystem mit dessen zeitlichen Notwendigkeiten synchronisieren. „So muss etwa die Ökonomie da, wo die Anwesenheit von Personen erforderlich ist, ihr zeitliches Prozessieren in Arbeitszeit transformieren. Ferner erfordert spezifisches berufliches Handeln eine bestimmte Form der Sozialisationszeit, also des Lernens, Einübens und Vertrautwerdens mit Fertigkeiten, Tätigkeiten, Routinen und Problemlösungsstrategien. Dafür stehen langfristige Karrieremuster zur Verfügung, die nichts anderes sind als teilsystemspezifische Handlungssequenzen, die sich an den Bedingungen der Komplexität von Lebenszeit orientieren. Gleiches gilt mutatis mutandis auch für Schul-, Familien-, politische, religiöse, therapeutische, wissenschaftliche und – mit fortschreitender Kommerzialisierung und Organisation von Kultur- und Freizeitindustrie – sogar für Freizeit- und Hobbykarrieren“ (Nassehi & Weber 1990, S. 178). Wie anhand einer Fülle empirisch-historischer Studien zu zeigen ist[16], entstehen insbesondere durch die Ausdifferenzierung sozial- und rechtsstaatlicher Codes Pflichten und Rechte, die sich zwar auf die einzelnen Individuen als Träger beziehen, die aber auf diese zugreifen in der Form der Chronologisierung des Lebenslaufs. „zivil- und strafrechtliche Verantwortlichkeit, aktives und passives Wahlrecht, erbrechtliche Regelungen, Wehrpflicht und vieles andere mehr“ (Kohli 1985, S. 8f.) werden an chronologische Grenzen gebunden, an das Lebensalter von Personen. Ebenso sieht es mit dem Eintritt in Bildungsinstitutionen aus und besonders mit den damit verbundenen Erwartungen an einen geregelten Lebensablauf im Inklusionsfeld des Arbeitsmarktes. Was auf der einen Seite unter dem Aspekt der Rationalisierung des Wirtschaftens beschrieben werden kann, die „Externalisierung sachfremder Orientierungen“ (ebd., S. 14) aus der Sphäre des Wirtschaftens[17], hat sein ‚sozialstaatliches Korrelat’ unter dem Aspekt sozialer Kontrolle – die ebenfalls zur erwartbaren Chronologisierung des Lebens beiträgt. „So war z.B. Bismarck der Auffassung, dass nichts die Arbeiter besser mit dem Staat versöhnen und damit das Risiko einer proletarischen Revolution herabsetzen würde als die Aussicht auf eine Rente im Alter, d.h. die Perspektive eines stabilen Lebenslaufs mit staatlicher Gewährleistung materieller Sicherheit (Baron 1975, S. 34ff.). Und schon vorher findet sich dieses Motiv in den Überlegungen der bürgerlichen Sozialreformer, z.B. des 1844 gegründeten ‚Centralvereins für das Wohl der arbeitenden Klassen’. Als dieser 1848 ein Projekt für eine Altersversorgungsanstalt entwickelte, bestand der Kerngedanke darin, ‚dass die Aussicht auf eine mäßige aber sichere Einnahme für die Dauer des schwachen Alters bereits den jüngeren Arbeiter zu einem conservativen Bürger’ machen werde (Reulecke 1983, S. 418). Die soziale Kontrolle, die damit anvisiert ist, soll also nicht einfach durch monetäre Versorgung erreicht werden, sondern durch ihre langfristige Erwartbarkeit und die damit beim einzelnen Arbeiter erzeugte biographische Perspektive: sie besteht in der entlastenden Gewissheit, auch unter den Bedingungen der Individualisierung des Lebenslaufs nicht aus den gesellschaftlichen Stützsystemen herauszufallen“ (Kohli 1985, S. 15f.). Aus diesem Wechselspiel der Freisetzung von Individuen durch sich auflösende traditionelle Einbindungen einerseits und neuen Formen der Inklusion, die am Individuum selbst und seinem Lebensalter ansetzen andererseits, ergibt sich nach und nach, abgesichert durch sozialstaatliche Garantien eine neue verlässliche Institution: die des Normallebenslaufs, der Normalbiographie[18].

1.2 Die Ambivalenz von Individualitätssemantik und Institutionalisierung individueller Verantwortung im Schema des Normallebenslaufs

Mit der Institutionalisierung des Lebenslaufs ist ein höchst ambivalenter Prozess in gang gebracht, wird doch auch gleichzeitig die Semantik der Individualität quasi mitinstitutionalisiert – zumindest in der Form, dass sich die Menschen immer mehr als verantwortliche Planer und Akteure ihres eigenen Schicksals begreifen können. Bei der Institution des Lebenslaufs handelt es sich zwar um ein Ordnungsprinzip, das Verhaltenssicherheit geben kann und Orientierungsleistungen verbürgt, anderseits aber auch für Standardisierung und Einschränkung des Handlungsspielraumes gemäß Normalformvorgaben steht. Dem gegenläufig ist nun die Internalisierung der Individualitätssemantik: Individualität steht für Offenheit, Selbstverwirklichung und individuelle Entfaltung. Kohli fasst diesen Konflikt so zusammen:

„Lebenszeit als Ordnungs- und Integrationsdimension steht im Widerspruch zu Lebenszeit als Entwicklungs- und Entfaltungsdimension. [...] Im biographischen Handeln stellt man sich auf dem Hintergrund des Codes der Individualität, aus dem es die relevanten Deutungselemente gewinnt, zumindest potentiell die Frage nach Selbstverwirklichung und Lebenssinn“ (Kohli 1988, S. 39).

Mit andern Worten: Die Institution Lebenslauf läuft permanent Gefahr, was sich schon sehr früh in etwas variierter Form in der Literatur der Romantik ausdrückt, sich selbst zu unterminieren, da mit ihr auch gleichzeitig eine Aufforderung institutionalisiert wird, die sich an ein aktives Selbst richtet[19]. Übernehme Verantwortung für dein eigenes Leben und verwirkliche dich selbst! Dass aus dieser Aufforderung resultierendes biographisches Handeln (soll es denn individuelle Motive reflektieren) nicht zwangsläufig an der Schiene der Institution Lebenslauf entlang gedacht wird, verwundert also nicht – es kann zu prekären Konfliktlagen zwischen Normalformvorgaben und dem Drang, sich selbst ‚ganz individuell’ zu verwirklichen kommen. Die Auflösung dieses Dilemmas wird in der romantischen Literatur nicht selten in der zum Teil naiven Koppelung von institutionalisierten Lebenslaufelementen bzw. Stationen traditioneller Lebensführung mit Selbstverwirklichung gesucht: Eichendorffs „Taugenichts“ findet am Ende seiner Reise das wahre Glück in der anstehenden und vor allem (wie sich herausstellt) standesgemäßen(!) Ehe mit der Nichte des Schlossportiers[20] „– und es war alles, alles gut!“ (Eichendorff 1992, S. 103). In der Romantik „wurde erstmals die Einheit von Liebe und Ehe postuliert, was den Instabilitäten der Liebe den Formschutz der Ehe und zugleich der Ehe den Sinn gab, den Individuen die volle Verwirklichung ihrer Eigenart und ihrer Welt zu ermöglichen [...] aber der Individualisierungscode erzeugte Ansprüche, die jede solche Stabilität sprengten.“ (Kohli 1988, S. 39). Expressionistische Gedichte, in ihrer schwermütigen Suche nach dem irgendwo in einer bürokratischen Welt kauernden Ich lassen freilich vermuten, dass fürs Individuum diese prekäre Balance zwischen Selbstverwirklichungsansprüchen, gesellschaftlichen Rahmungen in Form von Normalverlaufserwartungen und der Möglichkeit am einen oder anderen zu scheitern, zu enormen Spannungen führte.[21]

Die kulturelle Tendenz zur autobiographischen Thematisierung und die Institutionalisierung des Lebenslaufes können also als zwei Seiten einer Medaille gesehen werden, die allerdings aus der Perspektive der Individuen eine Spannung erzeugen. Während Kohli hier zwischen vorgegebenen Biographieschemata auf der einen Seite und eigenständiger Thematisierung biographischen Handelns durch die Subjekte unterscheidet, interpretiert Nassehi diese Beobachtung aus funktionalistischer Perspektive: Die Institutionalisierung des Lebenslaufes sei „nichts anderes als die gesellschaftliche Organisation von Inklusionsansprüchen der Funktionszentren, und was wir die Tendenz zur Biographisierung des Lebenslaufs nennen, ist nur die andere Seite der Medaille“ (Nassehi 1995, S. 114).

Trotz diesem ambivalenten Verhältnis von Institutionalisierung des Lebenslaufregimes bei gleichzeitiger Institutionalisierung der Individualität als Code biographischer Handlungsmuster, haben wir es bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein mit einer zunehmenden Institutionalisierung des Lebenslaufes und somit auch mit der ‚erfolgreichen Einführung der Normalbiographie‘ zu tun.[22]

1.3 De-Institutionalisierung der Normalbiographie und Biographisierung als neues institutionalisiertes Handlungsschema

Die zentrale These aus Kohlis Gegenwartsanalyse ist nun, dass sich Akteure gerade eine erfolgreich institutionalisierte Normalbiographie zunutze machen können, um sich davon abzuheben um somit der ebenfalls zunehmenden Institutionalisierung von Individualität im Sinne der Besonderheitsindividualität gerecht zu werden. Es gilt nicht nur, sich im biographischen Handeln selbst zu verwirklichen; Die Pluralität von Möglichkeiten und Kontexten des eigenen Lebens, lässt Normallebensläufe auch immer unsicherer/unwahrscheinlicher erscheinen. Als empirische Befunde können hier u.a. die dramatischen Veränderungen im familiären Bereich angeführt werden. Heute ist die traditionelle Familie zwar nicht verschwunden, „aber offensichtlich verliert sie das Monopol, das sie lange besaß. Ihre quantitative Bedeutung nimmt ab, neue Lebensformen kommen auf und breiten sich aus, die nicht oder jedenfalls nicht allgemein auf Alleinleben zielen, eher auf Verbindungen anderer Art“ (Beck-Gernsheim 1994, S.135). Was den Arbeitsmarkt angeht, so gebe es lediglich an den Rändern der traditionellen Erwerbsarbeit, dort aber empirisch gut erkennbare, ‚Erosionstendenzen‘[23], die es allerdings soziologisch zu beachten gelte, da sie auf Deinstitutionalisierungstendenzen des Erwerbsarbeitsmodells hinweisen.[24]

In diesem Prozess kann eine beginnende De-Institutionalisierung des Lebenslaufes als verlässliche Kontingenzbewältigungsoption und auf der anderen Seite die konsequente Institutionalisierung der Individualität, bzw. biographischer Handlungsschemata gesehen werden. Das mündet in die immer stärkere Notwendigkeit einer Art biographischer Dauerreflexion: Eine Vielzahl von Entscheidungen wollen nicht nur gefällt werden, sondern müssen auch einer Reflexion nach biographisch relevanten Kategorien unterworfen werden. Der moderne Mensch steht in heutigen Gesellschaften bei immer mehr Entscheidungen unter dem Druck, diese (bei seiner auf Dauer gestellten Suche nach dem eigenen Selbst) auch als möglicherweise biographisch relevante Entscheidungen zu bedenken.

2. Individualisierung und die Erosion des Biographieschemas? Zur Verinnerlichung des Entscheidungszwanges

„Rico lebt in einer Welt, die von einer kurzfristigen Flexibilität und ständigem Fluss gekennzeichnet ist. Diese Welt bietet weder ökonomisch, noch sozial viel Narratives. Unternehmen zerfallen oder fusionieren, Jobs tauchen auf und verschwinden, wie zusammenhanglose Geschehnisse. […]

Diese Schwierigkeit taucht zum Beispiel in der Ausdrucksweise auf, mit der Rico seine Umzüge der letzten vierzehn Jahre beschrieb. Obwohl viele dieser Ortswechsel nicht von ihm ausgegangen waren, gebrauchte er beim Erzählen dieser Ereignisse nur selten das Passiv. So vermied er zum Beispiel die Formulierung ‚ich wurde entlassen‘, statt dessen drückte er dieses Ereignis, das sein Leben in dem Büropark in Missouri beendete, folgendermaßen aus: ‚Ich stand einer Krise gegenüber und musste eine Entscheidung treffen.‘ Über diese Krise sagte er: ‚ich treffe meine eigenen Entscheidungen, ich übernehme die volle Verantwortung dafür, so oft umzuziehen.’

Ich fragte: ‚warum hast Du nicht protestiert, als du in Missouri entlassen wurdest, warum hast du dich nicht gewehrt?‘

‚Natürlich war ich wütend, aber so was bringt ja nichts. Es was nichts Unfaires daran, dass meine Firma die Organisation gestrafft hat. Was auch immer geschehen ist, ich musste mit den Folgen fertig werden.‘“

(Sennett 2002, S. 34 und S. 36)

In Kohlis Gegenwartsdiagnose der De-Institutionalisierung des Lebenslaufs entwickelt sich ein Bild, das frappierend an die becksche Schilderung des, für die Individuen höchst prekären und in sich ambivalenten Individualisierungsprozess in der „Risikogesellschaft“ erinnert:

„Die Anteile der prinzipiellen entscheidungsverschlossenen Lebensmöglichkeiten nehmen ab, und die Anteile der entscheidungsoffenen, selbst herzustellenden Biographie nehmen zu. Individualisierung von Lebenslagen und -verläufen heißt also: Biographien werden ‚selbstreflexiv‘; sozial vorgegebene wird in selbst hergestellte und herzustellende Biographie transformiert. Die Entscheidungen über Ausbildung, Beruf, Arbeitsplatz, Wohnort, Ehepartner, Kinderzahl usw. mit all ihren Unterunterscheidungen können nicht nur, sondern müssen getroffen werden.“ (Beck 1986, S. 216)

Derselbe Prozess ist gemeint, wenn Kohli von einer neuen stabilen Handlungsstruktur spricht, die in den Modi der ständigen Suche nach dem Selbst und in der Reflexion ihre Strukturvorgaben institutionalisiert.[25] Das Resultat dieser Handlungsstruktur (die Suche) ist also recht instabil.[26] Ganz in diesem Sinne ist auch hinzuweisen auf die gleiche (aber wohl übersteigerte) Tendenz der intellektuellen Avantgarde zu einer Art permanenter Dauerreflexion (und auch des ironischen Nicht-Festlegens des Selbst auf ein bestimmtes Schema). Ironie wird hier zu einem Mittel, die Identität vor unnützen Festlegungen zu schützen. Madonna gilt hierin als die Meisterin im Pop-Bereich, die es sogar versteht, aus ihrer Meisterschaft des Nicht-Festlegens einen Kult und natürlich auch Geld zu machen.[27] Als begleitende Phänomene dieser Entwicklung nennt Kohli den Übergang von Pflicht- und Akzeptanzwerten zu Werten der Selbstentfaltung oder der Übergang von konventionellen Handlungs- und Urteilsstrukturen zu postkonventionellen, „mit anderen Worten von inhaltlich festgelegter zu reflexiver Selbststeuerung“ (Kohli 1988, S. 46).

Eine Paradoxie dieser Entwicklung kann nun darin gesehen werden, dass auf der einen Seite – nämlich auf der inhaltlich-praktischen – Freiheiten entstehen: Ich kann jetzt wählen, mit welcher Mode ich mein Ego schmücken und unterstreichen will, welches Praktikum ich wo machen will; wen, wann und ob ich überhaupt heiraten werde; welche Waschmaschine ich Kaufe, welches Betriebssystem ich nutze, ob ich noch ein Aufbaustudium wähle, welches Essen ich welcher Tischgesellschaft anbiete, usw. Auf der anderen Seite dieser Freiheit entsteht aber ein Zwang: ich muss nicht nur wählen, sondern ich bin gut beraten (glaubt man z.B. den Management- und Karrierezeitschriften, die neuerdings die Auslage-Flächen der Universitätsgebäude ausfüllen), wenn ich das Muss nicht als Muss begreife, sondern als eine ‚kreative‘ Gestaltungsaufgabe meines eigenen Lebens. Diese Seite der ‚Institutionalisierung der Reflexion‘, simpler ausgedrückt, ist nichts anderes als der Zwang zur Entscheidung und die Verlagerung von immer mehr Handlungskonsequenzen auf das Individuum.

Kleiner Exkurs: Vergegenständlichung als Komplexitätsreduktion unter dem existentiellen Druck planender Langsicht

Nun kann das Individuum allerdings nur in (manchmal sehr) begrenztem Maße die Folgen seiner Entscheidungen antizipieren, da sie, gerade was den Arbeitsmarkt angeht, aber z.B. auch, was Entscheidungen für ein umweltbewusstes Verhalten, Familienplanung, Bildungs- und Weiterbildungsüberlegungen angehen, von makrostrukturellen Prozessen abhängig sind. Diese sind selbst für die Wissenschaften bei all ihren Mühen nicht hinreichend voraussehbar. Diese Kontingenzen, die sinnhaft nur schwer durchdringbaren Prozesse gesellschaftlicher Funktionssysteme, werden auf den Schultern des Individuums abgeladen[28].

Norbert Elias bemerkt in seinen Studien zum Zivilisationsprozess einen „Zwang zur Langsicht“ (Elias 1969, S. 336 ff.), der zu einer besonderen Form der Selbstdisziplinierung führe. Sie kann als ein Indiz und gleichsam auch als katalysierendes Moment einer Entwicklung der Moderne gesehen werden: Im gesellschaftlichen Normalfall (also jenseits von Krisen, wie Krieg, wirtschaftlichen Ausnahmezuständen etc.) ist immer weniger externe soziale Kontrolle notwendig, da immer mehr Kontroll- und Sanktionsfunktionen in die Individuen selbst verlegt werden. In Anlehnung an Berger und Luckmann (Berger & Luckmann 1995) möchte ich hier von einer Verobjektivierungs- und Verdinglichungstendenz gesellschaftlicher Rahmenstrukturen, insbesondere von Funktionslogiken sozialer Systeme sprechen. Der Zwang zur Langsicht kostet Bewusstseinsressourcen. Aus der Sicht der alltagsweltlichen Notwendigkeiten erscheinen dann Institutionen und Teilsysteme wie der Arbeitsmarkt, Familie, Bildungssystem, Politik, etc. zwar auf der einen Seite als hochgradig Kontingent bzw. diverse Optionen, Möglichkeiten und Perspektiven für eine noch offene Zukunft eröffnend – wobei jede Option auch für eine mögliche (biographisch relevante) Entscheidung stehen könnte. Auf der anderen Seite müssen vor dem Hintergrund einer hohen Eigenverantwortung für mögliche Fehlentscheidungen und der Antizipation von komplexen Mechanismen des Ineinandergreifens von Entscheidungen des Einzelnen in seinen verschiedenen Lebensbereichen die vermeintlich zuhandenen Daten über die möglichen Optionen und Prozessdynamiken dieser institutionellen, wie makrostrukturellen Lebensrahmungen in gewisser Weise ‚positiviert’ behandelt werden – soll nicht ein noch höherer Komplexitätsdruck entstehen. Während Berger & Luckmann die Verdinglichung vor allem auf Institutionen und die Problematik ihrer Tradierung und Legitimation beziehen, meine ich hier besonders die Ebene sozialer Systeme, deren Codes – folgt man systemtheoretischen Analysen luhmannscher Provenienz –per se für Individuen nicht in ihrer zugrunde liegenden Eigenlogik einholbar sind. Deren eigenlogisches, eben selbstreferentielles Prozessieren aus der Perspektive von Bewusstsein zwar Sinn machen kann, aber nicht den Sinn, den die Elemente, also die Ereignisse des Prozessierens für das System haben. Soziale Systeme haben also, etwas leger formuliert, aufgrund ihrer Ausdifferenzierung über je funktionsabhängige Eigencodes gewissermaßen einen Verdinglichungsvorsprung gegenüber der Alltagswelt. Nicht desto trotz gibt es alltagsweltliche Vorstellungen über das Funktionieren dieser Teilsysteme[29] – und somit auch über biographisch aussichtsreiche oder weniger adäquate Handlungsstrategien im Spannungsfeld der Inklusionsanforderungen disparater Teilsysteme. „Die Gegenständlichkeit der gesellschaftlichen Welt bedeutet, dass diese Welt dem Menschen als etwas, das außerhalb seiner selbst ist, gegenübersteht. Die entscheidende Frage ist, ob er sich noch bewusst bleibt, dass die gesellschaftliche Welt, wie auch immer objektiviert, von Menschen gemacht ist – und deshalb von ihnen neu gemacht werden kann“ (Berger & Luckmann 1997, S. 95 [Hervorhebungen T.G.]). Auf meinen Zusammenhang bezogen impliziert das die Frage, inwiefern neben einer pragmatischen Verobjektivierung gesellschaftlicher Teilsystemdynamiken als Notwendigkeit der Kontingenzbewältigung (in biographischer Perspektive) nicht auch vergegenständlichte Vorstellungen der Teilsystemlogiken als faktisch (und vor allem außermenschlich) so gegeben handlungsleitend sind. Im Gegensatz zur vergegenständlichten Vorstellung solcher makrostruktureller Dynamiken, ließe eine nicht-vergegenständlichte Vorstellung aus der Perspektive der Alltagshandelnden einen prinzipiellen Reflexionsraum für die Gestaltbarkeit der sozialen Umwelt relativ zu den biographischen Perspektiven und Entwürfen. Es gälte dann z.B. über biographische Handlungsschemata Modelle zu entwerfen, wie ein Leben subjektiv sinnvoll unter den Inklusionsbedingungen disparater Teilsystemlogiken realisiert werden kann – immer auch unter der Prämisse, dass neue biographische Handlungsschemata auch (hierin läge die Dialektik des Gedankens) Auswirkungen haben auf die angebotenen ‚Integrations-Angebote’ der verschiedenen Teilsysteme in Form veränderter oder differenzierterer temporaler Orientierungen an den Lebenswirklichkeiten der Akteure.

Damit ist eine zentrale theorietechnische Fragestellung angedeutet, die sich bei der Beschäftigung mit den gesellschaftstheoretischen Potentialen von Biographie (-Forschung) aufdrängt! Biographie kann als „sozialweltliches Orientierungsmuster“ (Fischer & Kohli 1987, S. 26) verstanden werden. Wobei schon mit der Terminologie „Sozialwelt“ bzw. „Alltagswelt“ eine soziologische Perspektive gewählt wird, die an die Tradition Alfred Schützes und Berger &Luckmanns[30] anschließt. Dadurch kommen allerdings bestimmte Phänomene in den Blick, die wiederum mit anderen z.B. systemtheoretischen oder differenzierungstheoretischen Theorievarianten nicht oder nur am Rande berücksichtigt werden können und vice versa: Im Vorschlag von Fischer & Kohli bricht sich im Begriff der Biographie die Dichotomie von objektiver Struktur (im Sinne von Biographie als institutionalisiertem Komplex von Deutungsperspektiven und Entwicklungsschemata sowie Konzeptionen sinnvollen Lebens) und subjektiver Verarbeitung (im Sinne der eigenlogischen, ‚emergenten’ Verarbeitung des Sozialen und der horizonthaften Offenheit biographischer Konstruktionen der Subjekte). Das Alltagsweltkonzept ermöglicht es so auf der einen Seite Struktur (im Sinne ‚institutionalisierter alltagsweltlicher Orientierungsrahmen) und Erleben und auf der anderen Seite Handeln (im Sinne des Entwerfens biographischer Perspektiven, in denen sich auch Neues, Unwahrscheinliches, Erfahrungen von Ungeordnetheit und Anomie, wie auch kreative Neukreationen spiegeln) in einem dialektischen Verhältnis stehend zu beschreiben. Im Gegensatz dazu verweisen systemtheoretische Analysen auf eine prinzipielle Eigenlogik funktional differenzierter Teilsysteme. Was dann als biographisch orientierend erscheint sind ‚Karriereangebote’, die von diesen Teilsystemen als Möglichkeiten der Synchronisation der temporalen Komplexität von Personen und Systemabläufen (sofern z.B. in Arbeitsprozessen die Anwesenheit von Personen erforderlich ist) ‚bereitgestellt’ werden. Verschiedene ‚Karrieren’ als antizipierbare Ablaufschemata im Inklusionsfeld je unterschiedlicher Teilsysteme (Berufs-, Freizeit-, Familien-, Vereins- oder Bildungskarrieren, usw.), die zum Teil mit recht widersprüchlichen Ansprüchen konfrontieren können, müssen vom Individuum gebündelt werden und zu einer eigenen Biographie verdichtet werden. „Der hochindividualisierte moderne Mensch muss zu seiner Selbstverortung eine Vielzahl von institutionalisierten Lebensläufen, besser sozial standardisierten Lebenslaufsequenzen zu einer individuellen Biographie verdichten. Dabei setzt er die temporale Komplexität sozialer Zeit in die temporale Komplexität psychischer Zeit um“ (Nassehi & Weber 1990, S. 179). Solche Karrieren im Sinne von Lebenszeit orientierenden Institutionen resultieren in dieser Theorievariante, folgerichtig nicht aus einem per se dialektischen Verhältnis von Struktur und subjektiver Verarbeitung, sondern zuallererst daraus, dass Systeme auf Personen angewiesen sind und in modernen Gesellschaften besonders in zeitlicher Hinsicht Person und System synchronisiert werden müssen. Karrieren können dann als Resultate systemimmanenter ‚Beobachtungen’ von Personen gesehen werden, in denen in Rechnung gestellt werden muss, dass Individuen ihre eigene zeitliche Logik haben (Lebenszeit), andererseits drücken sich aber in Karrieren langfristige Handlungssequenzen aus, die eben primär auf die soziale Eigenzeit des Teilsystems ausgerichtet sind. Die Frage nach Dialektik wird vor diesem Hintergrund eher zur Frage, wie viel und wie sensible/komplexe Fremdbeobachtung – also die Beobachtung von Menschen mit ihren eigenlogischen Zeit- und Motivhorizonten in der Umwelt sozialer Systeme – sich soziale Systeme zumuten (zumuten können? Oder gar zumuten müssen?).[31]

So, wie ich die Verdinglichungsthematik gefasst habe, setzt sie gewissermaßen zwischen diesen beiden Theorietraditionen an: Zum einen kommen – man könnte sich hier an Habermas’ Konfliktlinie zwischen System und Lebenswelt orientieren – Verobjektivierungstendenzen der sozialen Welt in den Blick, die insbesondere mit dem Druck zusammenhängen, immer komplexer im Spannungsfeld schwer antizipierbarer sozialer Kontexte sein Leben gestalten zu müssen. Zum anderen stellt sich die Frage, inwiefern in der Institutionalisierung biographischer Dauerreflexion nicht auch eine Quelle neuer sozialer Realität liegt. So gesehen ist Vergegenständlichung nur ein mögliches alltagsweltliches Korrelat der Bewältigung (über-) komplexer gesellschaftlicher Rahmenbedingungen. Andere Formen des Umgangs mit einer solchen Situation sind vorstellbar und es bleibt zu fragen bzw. empirisch zu prüfen, wie Teilsysteme auf veränderte Lebensentwürfe reagieren – bzw. wie Lebensentwürfe in Form intersubjektiv-alltagsweltlicher biographischer Perspektiven angereichert werden.

Mit meiner Vergegenständlichungsthese könnte man aber auch vom negativen Fall ausgehen, dass Individuen vielleicht schon alleine deshalb von kritischen Reflexionen ihrer makrostruktureller Eingebundenheit und der ‚Funktionslogik’ der Institutionen und Systeme, in deren Spannungsfeld sie sich bewegen, abgelenkt werden, weil sie bei der Planung ihres Lebens immer wieder in Entscheidungsprozesse verwickelt werden, die wenig Zeit lassen, die Strukturen kritisch zu reflektieren. Ich vermute, dass es ein schmaler Grad ist zwischen der Reflexion komplexer makrostruktureller Rahmenbedingungen als mächtigem Horizont des Immer-wieder-entscheiden-Müssens und der Hinnahme dieser Horizonte als außermenschliche Faktizitäten.

Ich kann (und muss?) immer wieder ‚Informationen’, um sie sinnvoll und vor allem schnell nutzen zu können, als quasi objektive Aussagen über Sachverhalte und Ereignisse, die ‚eben so sind‘, behandeln. ‚Luxus‘ wäre es da, sich immer wieder zu fragen, was denn am ‚System‘ zu verändern wäre oder gar, parallel auch noch moralische Bedenken mit zu reflektieren, die die pragmatische ‚Objektivität‘ dieser Sachverhalte selbst mit in Frage stellte. Das kann ich mir vielleicht in anderen moralischen Zuständen abends vorm Kamin gönnen oder im Seminar über „kritische Theorie“ an der Uni, falls ich die Diskrepanz zwischen Vergegenständlichung in der praktischen Alltagsorientierung und kritischer Relativierung in Momenten des moralisch-politischen Diskurs kompensieren kann.

Über diese Argumentationskette schließt sich ein Kreis zum Auftaktzitat dieses Kapitels: Richard Sennetts Flugzeugbegegnung mit Rico[32]. Für Rico ist es allerhöchstens noch drittrangig, ob das Wirtschaftssystem moralisch vertretbare Lebensumstände schaffe oder nicht – vielleicht ist das für ihn gar keine Frage, da er in seinem Beruf als Manager Dynamiken des ‚Wirtschaftssystems‘ als objektiv gegeben hinnehmen muss. Ricos Statements zu einer recht prompten Kündigung seiner Managerstelle in Missouri bringt für mich auf den Punkt, was mit der Internalisierung von Kontrolle und dem Zwang zur biographischen Reflexivität im radikalsten Sinne gemeint ist: „Ich stand einer Krise gegenüber und musste eine Entscheidung treffen. [...] Ich treffe meine eigenen Entscheidungen und übernehme die volle Verantwortung dafür, so oft umzuziehen. [...] Natürlich war ich wütend aber das bringt ja nichts. Es war nichts Unfaires daran, dass meine Firma die Organisation gestrafft hat. Was auch immer geschehen ist, ich musste mit den Folgen fertig werden.“ (Sennett 2002, S. 34f.).

Noch einmal: „Biographische Perspektiven werden mehr und mehr zum funktionalen Äquivalent gesellschaftlicher Inklusion; sie sind der Ort an dem exkludierte ganze Personen ihre Individualität mit den und gegen die Ansprüche gesellschaftlicher Funktionszentren in Form institutionalisierter Lebensläufe oder präskriptiver Rollen ausbilden. Biographische Perspektiven sind der Ort, an dem die Differenz von gesellschaftlich erforderter Dividualität und psychischer Individualität individuell erfahren, erlitten und notgedrungen überwunden wird.“ (Nassehi 1995, S. 114). Wichtig erscheint dabei in meinem Zusammenhang die Frage, wie sich der Zugriff der „gesellschaftlichen Funktionszentren“ im Zuge der De-Institutionalisierung des Lebenslaufes neu organisieren könnte, bzw. inwiefern die De-Institutionalisierung selbst ein Effekt einer vorlaufenden Umorganisation dieses Zugriffes ist. So zeigt z.B. Richard Sennett in seinem Essay zur ‚Kultur des neuen Kapitalismus‘, wie der von ihm skizzierte ‚flexible Mensch‘ doch auch ein Produkt neuer Zugriffsweisen des Arbeitsmarktes auf die Individuen ist. Es gelte nun nicht mehr ausschließlich (gute) Arbeiter über Anreize an das eigene Unternehmen zu binden, ihnen sozusagen auch langfristige biographische Perspektiven zu eröffnen, sie mit einer Unternehmensphilosophie zu Höchstleistungen anzuspornen. Neuere Strategien gehen durchaus in die Richtung, nur oberflächliche, kurze Bindungen (besonders, aber nicht ausschließlich in den mittleren Managementpositionen) zu ermöglichen, da noch nicht mal sicher ist, ob ein Unternehmen in seiner Form X auch noch im nächsten Jahr bestehe. Ein schneller Markt verlange schnelle und kompromisslose Umstellungen der Produkte und somit auch der Angestellten – je nach Qualifikation, die gerade gefordert ist. So „rät Professor Kotter von der Harvard Business School jungen Menschen, ‚eher außerhalb als innerhalb‘ von Organisationen zu arbeiten. [...] In einer Wirtschaft, in der „Geschäftskonzepte, Produktdesign, Vorsprung vor der Konkurrenz, Kapitalausstattung und alle Arten von Wissen kürzere Lebenserwartungen haben‘, sei Loyalität zu einer Institution eine Falle. Ein Consultant, der vor kurzem eine Entlassungswelle bei IBM moderierte erklärt, sobald Angestellte ‚verstehen, dass sie sich nicht auf die Firma verlassen können, sind sie marktgängig‘“ (Sennett 2002, S. 29). Freilich ist fraglich, inwiefern sich solche Praktiken über die Untenehmen des neuen Marktes und anderer ‚schneller‘ Branchen hinaus verallgemeinern lassen, spricht doch auch manches dafür, dass die traditionelle Erwerbsarbeitsbiographie noch einige Zeit das Modell der Arbeit sein wird.[33] Andererseits ist als Gegenentwicklung ein gesteigertes Interesse am ‚ganzen Menschen’, an humanem Ressourcen zu beobachten – man denke nur an Entwicklungen im Management, die die betriebliche Gestaltung der Freizeit, von ‚produktiven Urlaubszeiten’, ‚Retreats’ etc. einschließt. In Sennetts Beispiel deutet sich allerdings eines an: Die Stabilität eines fest institutionalisierten Lebenslaufschemas ist funktional nicht zwingend zur ‚Organisation der Inklusionsansprüche‘ ausdifferenzierter gesellschaftlicher Funktionssysteme. Bedingungen für das ‚Funktionieren’ effizienterer Inklusionsmechanismen könnten in der bedingungslosen Internalisierung des Prinzips der eigenverantwortlichen reflexiv-biographischen Planung liegen, wie das Beispiel von Rico vermuten lässt. Auch diesen Gedankenstrang möchte ich mit einem prägnanten Zitat aus Becks Risikogesellschaft abrunden:

„Die Teilsystemgrenzen gehen durch Individuallagen hindurch. Sie sind sozusagen die biographische Seite des institutionell Getrennten. Es handelt sich, so betrachtet, um individualisierte Institutionenlagen, deren auf Systemebene vernachlässigte Zusammenhänge und Brüche permanent Reibungspunkte, Abstimmungsschwierigkeiten und Widersprüche in und zwischen den Individualbiographien erzeugen. Lebensführung wird unter diesen Bedingungen zur biographischen Auflösung von Systemwidersprüchen“ (Beck 1986, S. 218 f.).

Stimmt Kohlis Analyse der De-Institutionalisierung des Lebenslaufes bei gleichzeitiger Biographisierung der Handlungsrationalität, dann könnte sich nun herausstellen, dass diese Entwicklung vor dem Hintergrund einer gerade beschriebenen systemischen Rationalität, in eine Sackgasse mündet – führt man diese Gedanken mit Sennett weiter. Es scheint dann, dass die Biographisierung des Handelns als Flickwerk immer wieder neuer Zukunftsentwürfe und eigenaktiver Neuorientierungen, ihre eigene Basis auszuhöhlen im Stande ist: Die Vorstellung von einer sinnhaften, und kontinuierlich nach Selbstverwirklichung strebenden Lebensgeschichte, so Sennett, werde erodiert – und somit die identitätstiftende Kraft biographisch-narrativer Selbstthematisierungen. Das Biographieschema selbst schiene in Gefahr seine identitätsbildende Wirkung zu verlieren, da Menschen wie Rico das Gefühl für die Vorstellung einer zusammenhängenden Gesamterzählung ihres Lebenslaufes (die auf einen biographischen Fluchtpunkt, wie sinnhaft aufgeladene Ziele der Selbstverwirklichung oder einen ‚wohlverdienten Ruhestand‘ hinaus läuft) verlören. Durch die vielen aneinander gebastelten Lebenslaufperioden, die aus Ricos Perspektive selbst recht unverbunden nebeneinander stehen, schimmere keine Gesamterzählung durch, die erklären könnte: So ist Rico (geworden); das war der sinnvolle Lauf seines Lebens. „Was zwischen den polaren Gegensätzen der Driftens und der festen Charaktereigenschaften eines Menschen fehlt, ist eine Erzählung, die Ricos Vater organisieren könnte. Erzählungen sind mehr als einfache Chroniken von Geschehnissen; sie gestalten die Bewegungen in der Zeit, sie stellen Gründe bereit, warum gewisse Dinge geschehen, und sie zeigen die Konsequenzen.[...] Die Bedingungen der Zeit im neuen Kapitalismus haben einen Konflikt geschaffen. Die Erfahrung einer zusammenhanglosen Zeit bedroht die Fähigkeit der Menschen, ihre Charaktere zu durchhaltenden Erzählungen zu formen.“ (Sennett 2002, S. 36 f.)

[...]


[1] Vgl. z.B. Becks Individualisierungsthese in der „Risikogesellschaft“ (Beck 1986)

[2] Vgl. Kohlis These von der De-Institutionalisierung des Lebenslaufs (Kohli 1985;1988)

[3] Vgl. z.B. Nassehi 1993;1994;2002;Nassehi & Weber 1990, sowie auch Schimank 1998, S. 58: „Identität nicht durch Import identisch bleibender Komponenten, wie herkömmliche Sozialisationstheorien mit ihrer Vorstellung von Persönlichkeitsentwicklung als bloßer Übernahme gesellschaftlicher Wissensbestände und Wertorientierungen unterstellen, sondern durch Import von Differenzen: Das ist die andersartige Perspektive, die sich aus einer Konzeptualisierung von Personen als selbstreferentiellen Systemen ergibt. Die Konstruktion der je eigenen Biographie durch eine Person vollzieht sich im radikalsten Sinne des Wortes autonom. Alle Einflüsse aus der gesellschaftlichen Umwelt, ob gezielt oder absichtslos, werden gemäß den internen Strukturen des personalen Systems verarbeitet, gleichsam von withinputs abgefangen und eskortiert und können allein so überhaupt biographische Bedeutung erlangen.“

[4] Vgl. als kritische Position gegenüber dieser Theorievariante Fischer & Kohli 1987, S. 30 ff. unter dem Aspekt der „Erfahrung“, S. 34 ff. unter handlungstheoretischen Perspektiven.

[5] Vgl. Nassehi & Weber 1990, S. 180.

[6] Vgl. Sennett 2002

[7] Vgl. Elias 1969, S. 336 ff. („Ausbreitung des Zwangs zur Langsicht und des Selbstzwangs“) besonders S. 339 Mitte. Man muss sich freilich nicht auf eine psychoanalytische Interpretation der Etablierung von Selbstzwängen oder innerer Kontrolle festlegen. Das werden auch die Ausarbeitungen zur Autopoiese des Bewusstseins in Kapitel III dieser Arbeit zeigen.

[8] Freilich impliziert die Rede von einer vertikal nach Schichten und Hierarchien differenzierten Gesellschaft vormals und einer horizontal differenzierten Gesellschaft in disparate Teilsysteme heutzutage, einen doch recht harten sozio-historischen Schnitt, der sicherlich den allmählich sich manifestierenden sozialen Veränderungen nicht gerecht wird. Für den in diesem Kapitel im Zentrum stehenden Prozess der sozio-historischen Transformation der Individualitätssemantik und damit den Veränderungen in den gesellschaftlichen Integrationsmustern, müsste ein etwas feineres Raster bemüht werden, was hier aber nur implizit in Rechnung gestellt werden kann. Ich kann hier weder näher auf die Geschichte der Individualitätssemantik (wie z.B. im Sammelband „Individualität“ von Frank & Haferkamp 1988) eingehen, noch werde ich versuchen eine detaillierte Geschichte des Wandels von Vergesellschaftungsmodi der angehenden Moderne bis hin zur Situation in heutigen Gesellschaften in Hinblick auf (empirisch zu belegende) sozialstrukturelle Kontexte darzulegen. Vielmehr orientiert sich diese kurze Skizze sehr ausschnitthaft an der zentralen Frage der Prozessdynamik und wechselseitigen Verstärkung der Konzepte Individualität, Lebenslauf, Biographisierung und Identität unter grob zusammengefassten Bedingungen (historisch) verschiedener gesellschaftlicher ‚Integrationsverhältnisse’. Diese ‚Integrationsverhältnisse’ müssen nicht im Sinne eines abrupten Bruches zwischen stratifikatorischer und funktionaler Differenzierung vorgestellt werden, sondern als gesellschaftlicher Hintergrund allmählich sich verändernder Lebenslagen die neue Modi der Integration erfordern bzw. ermöglichen, die an der Temporalität des Einzellebens ansetzen.

[9] „Der Lebenslauf konstituiert ein Vergesellschaftungsprogramm, das an den Individuen als den neuen sozialen Handlungsträgern ansetzt.“ (Kohli 1988, S. 37)

[10] Individualität als ‚Besonderheitsindividualität’, als Einzigartigkeit etc., das ist die „Bedeutung, die gewöhnlich – und gewöhnlich implizit – in der Individualisierungsthese mitgeführt wird. Individualisierung wird als Einzigartigkeit im Sinn der Unterscheidbarkeit von anderen aufgefasst. Sie ist prinzipiell immer gegeben, hat aber historisch als Ergebnis der gesellschaftlichen Modernisierung der Individuen, d.h. des Verbindlichkeitsverlusts traditioneller Vorgaben, stark an Gewicht zugenommen.“ (, S. 35)

[11] Dieser Aspekt meint die „Bedeutung von Individualität als allgemeine Person- bzw. Subjekthaftigkeit. Diese Bedeutung kann nach verschiedenen Aspekten hin aufgefächert werden, etwa mit Bezug auf das Verhältnis zum Staat als Menschenrecht, mit Bezug auf religiöse Transzendenz als Selbstverantwortung, mit Bezug auf die Bindung an vorgegebene Lebensformen als Handlungsfreiheit und Entscheidungszwang oder mit Bezug auf psychische Struktureigenschaften als Handlungskompetenz bzw. Fähigkeit zur Selbststeuerung. […] Zwar gehört zur Individualität als allgemeiner Personhaftigkeit in gewisser Weise auch die Einzigartigkeit der Person, aber wiederum nicht im Sinn des Sich-Abhebens von allen anderen, sondern im Sinn der ‚Jemeinigkeit’ des Lebens. Der historische Prozess der Individualisierung bedeutet in dieser Perspektive, dass die Person sich nicht mehr über die Zugehörigkeit zu einer sozialen Position bzw. die Mitgliedschaft in einem sozialen Aggregat konstituiert, sondern über ein eigenständiges Lebensprogramm.“ (, S. 35)

[12] Alois Hahn führt das u.a. am Beispiel der Bedeutung von Autobiographien französischer Adliger im 17. und 18 Jahrhundert aus. Hier hat die autobiographische Form nicht angereichert durch die Semantik der Besonderheitsindividualität, „denn für den Adligen war das Leben gerade durch die betonte Übereinstimmung mit den Lebensgeschichten seiner Standesgenossen charakterisiert, nicht aber durch die Abweichung vom Modell.“ (Hahn 1988, S. 101). Ebenso verweist Hahn auf die Rolle der Religion, die in ihrer Funktion als ‚Biographiegenerator’ den Einzelnen z.B. in der Beichte „zur Erforschung seines Gewissens zwingen, und zwar nicht weil die Zahl der Möglichkeiten seines Handelns unendlich groß wäre, sondern weil alle Handlungen vor dem Horizont von Schuld oder Unschuld berechnet werden. Die Geschichte der religiösen Institutionen […] zeigt allerdings, dass zumindest eine deutliche Tendenz besteht, die religiöse Selbsterforschung zu intensivieren, wenn die Vervielfältigung äußerer Handlungsmöglichkeiten einen gesteigerten sozialen Kontrollbedarf und eine verstärkte Steuerung der Individuen über Innenlenkung nahe legen.“ (Hahn 1988, S. 103)

[13] Vgl. hierzu insbesondere Berger & Luckmann 1995, 19 ff, 54ff, sowie mittlerweile klassisch: „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ (Berger & Luckmann 1997), hierin z.B. 84 ff, 98 ff.

[14] Siehe zu den Veränderungen auf der Ebene der Lebenspraxis Fischer & Kohli 1987, S. 40 ff.

[15] Vgl. ebenfalls Berger & Luckmann 1997; auch Habermas 1981, S. 229 ff.

[16] Vgl. zum exemplarischen Überblick einiger Publikationen Kohli 1985

[17] Z.B. Trennung von Arbeit und Familie, Trennung von einer Vorbereitungsphase der Ausbildung, Produktivitätsphase und einer Ruhestandsphase, in der verminderte Arbeitskraft das Wirtschaftssystem nicht mehr ‚belasten’ soll.

[18] Neben diesen strukturellen Überlegungen sei noch ergänzt werden, dass freilich auch schlichte populationsstatistische Faktoren die Erwartbarkeit eines ‚normalen Lebens’ im Sinne des Erreichen-Könnens von Familienzeit, Berufskarriere und Alterszeit, diese Normalvorstellung als alltagsweltlich Nachvollziehbare erst ermöglichten. Dies drückt sich am deutlichsten in der Veränderung von Überlebenskurven aus. Hierzu z.B. Alheit 1986, S. 134 ff.: „Aus dem exemplarischen Vergleich der kumulativen Überlebenskurven für die USA seit 1840 ergibt sich folgendes Bild: Noch 1840 traten die Todesfälle – nach bekanntermaßen hoher Sterblichkeit im ersten Lebensjahr – über die Lebensspanne hinweg mit nahezu konstanter Gleichmäßigkeit auf. Das bedeutet für jedes einzelne Gesellschaftsmitglied: Der Tod konnte praktisch jederzeit eintreten … ‚wie es Gott gefiel’. Heute nähert sich die Überlebenskurve der ‚Idealkurve’ an, die wir bei einem Leben ohne Krankheit und der dabei prognostizierbaren durchschnittlichen Lebenserwartung von ca. 85 Jahren durchlaufen würden. Seit der Jahrhundertwende sind – verglichen mit dieser Idealkurve – 80% aller vorzeitigen Todesfälle eliminiert worden. Das bedeutet für uns heute: Wir können in der Regel davon ausgehen, dass uns nach einer Vorbereitungsphase des Lebenslaufs, einer Aktivitätsphase im Zentrum schließlich die Ruhephase des Alters erwarten wird. Gleichgültig, ob uns diese Vorstellung angenehm ist oder ob sie uns schreckt; unsere Erwartung hat die Alltagserfahrung und die Statistik auf ihrer Seite“. Vgl. auch die Quelle in Fries & Crapo 1980, S. 69; sowie Kohli 1985 S. 4 ff.

[19] In der deutschen Philosophie weist z.B. Hegel auf eine ähnliche Problematik hin: Bürgerliche Subjekte, „die in selbständiger Freiheit und als Besondere für sich sind“, verlören ihre „Sittliche Bestimmung“. Diese „Atomistik“ habe der „Staat als bürgerliche Gesellschaft aufzuheben“ Hegel 1970, S. 321, zitiert nach Nassehi 2002, S. 213 f.

[20] Die er zuvor für eine Gräfin hielt...

[21] Vgl. z.B. Benn 1960 [verfasst zwischen 1912 und 1960], Ausgewählte Gedichte, Zürich/Diogenes. In ähnlicher Weise lassen sich viele Gedichte aus Pinthus’ „Menschheitsdämmerung“ lesen (Pinthus 1993 [Erstauflage 1920]).

[22] Vgl. Kohli 1988, S. 37 ff, sowie S. 42 ff.; für weitere empirische Argumente zur Institutionalisierung des Lebenslaufs siehe Kohli 1985, S. 4 ff.

[23] Vgl. Kohli 1994

[24] Hierzu auch Baethge 1994, .S. 251 ff.: Es gelte nicht nur das Prekär-Werden von Beschäftigungsverhältnissen selbst und den an den ‚Rändern’ traditioneller Arbeitsbiographien entstehenden Wandel unter die Lupe zu nehmen, sondern „es sind auch die Veränderungen in den Beschäftigungsverhältnissen und Arbeitsprozessen selbst, die dem traditionellen Vergesellschaftungsmodell den Boden entzogen haben. Hierbei spielen die Differenzierung der Belegschaft, das zunehmende Gewicht der Dienstleistungsarbeit innerhalb wie außerhalb der Industrie, der Anstieg der Realeinkommen, die Verringerung der Leiderfahrung in der Arbeit und die Entdifferenzierung des gesellschaftlichen Erscheinungsbildes der sozialen Gruppen eine ebenso wichtige Rolle, wie die Veränderung des Tätigkeitstypus der Arbeit.“ (ebd.)

[25] Das Suchen und Reflektieren löst also das Leben nach eher normativen Inhaltlichen Vorgaben und supponierten Ablaufschemata ab. Die neue Institution kann nun nicht mehr als Norm beschrieben werden, die einen dazu anregt, im materialiten Sinne dies oder jenes zu tun, sondern vielmehr als Metanorm, die dazu führt das man wie selbstverständlich alles was man tut, doch bitte gründlich auf den eigenen Lebensentwurf hin bedenkt. Das soll nun aber nicht zu dem Missverständnis führen, es sei letztlich egal, was man tue, Hauptsache man reflektiert: Für ‚Fehlentscheidungen‘ wird man dann natürlich trotzdem zur Rechenschaft gezogen, aber nicht mehr unbedingt per sozialer Sanktion, wie sie nach einem Normverstoß alter couleur ausgesehen hätte, sondern über die Faktizität der Exklusion: wer in seiner Berufsplanung die falschen Entscheidungen traf, kann arbeitslos werden und hat es schlicht ‚selbst verpatzt‘. „Der Schlüssel der Lebenssicherung liegt im Arbeitsmarkt. Arbeitsmarkttauglichkeit erzwingt Bildung. Wem das eine oder andere vorenthalten wird, der steht buchstäblich vor dem Nichts.“ Beck 1986, S. 214

[26] Vgl. Kohli 1988, S. 46

[27] Erinnert sei hier nur an den ironisch-augenzwinkernden Filmtitel „Who’s that girl“ oder die vielen Biographien zu ihrer Person, die selten darüber hinaus kommen, eine Aneinanderreihung von Stilen und Abschnitten zu skizzieren, ohne das dahinter ein konsistentes Bild einer Person zum Vorschein käme, was den ‚bekannten’ Regeln einer nachvollziehbaren biographischen Erzählung entspräche vgl. Rapp 2002

[28] Vgl. hierzu ebenfalls Beck 1986, S.218 f. oder auch, die mir viel zu ‚rosige‘ Perspektive einer Sinn-„Bastlerexistenz“, wie sie von Hitzler & Honer 1994 beschrieben wird – zu ‚rosig’, da die permanente Drohung der Exklusion nicht systematisch thematisiert wird.

[29] Zumindest ist das intuitiv evident, kann man sich doch mit Bekannten über die Wirtschaft, die Bildung, das Hochschulsystem, E-Commerce oder den neuen Markt und das shareholder-value Prinzip unterhalten.

[30] Vgl. besonders: Berger & Luckmann 1997;Schütz 1971;Schütz & Luckmann 1979.

[31] Leider ist mir kein systemtheoretischer Autor bekannt, der diese Frage der Umweltbeobachtung von Systemen unter dem Aspekt der temporalen Synchronisation in Verbindung mit biographietheoretischen Fragen auszubauen versucht. Dies wäre sicherlich auch eine spannende Perspektive für empirische Forschung.

[32] Es sei einmal dahingestellt, ob nun Rico als ‚Fall’ im methodischen sinne gelten kann. Genauso könnte Rico eine fiktive Person sein. Rico kann aber in Sennetts ‚flexiblen Menschen’ als eine Art Typus der späten Moderne gelesen werden, an dem exemplarisch mögliche Problemfelder der Lebensführung in der Moderne andiskutiert werden. Man könnte auch sagen, der Fall Rico kann sensibilisieren für Problemlagen, die vielleicht empirisch schwer zu fassen wären – ob Rico nun eine fiktive Person ist oder nicht.

[33] Vgl. Kohli 1994

Ende der Leseprobe aus 88 Seiten

Details

Titel
Biographische Einblicke in die Gesellschaft - "Biographische Identitäten" als Schnittstelle von Individuum und Gesellschaft
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
88
Katalognummer
V30748
ISBN (eBook)
9783638319423
ISBN (Buch)
9783638703390
Dateigröße
1306 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Biographische, Einblicke, Gesellschaft, Identitäten, Schnittstelle, Individuum
Arbeit zitieren
Thomas Göymen (Autor), 2004, Biographische Einblicke in die Gesellschaft - "Biographische Identitäten" als Schnittstelle von Individuum und Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30748

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