Das Karl-Marx-Monument zu Chemnitz als Erinnerungsort


Bachelorarbeit, 2011

33 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1. EINLEITUNG

2. DIE THEORETISCHEN GRUNDLAGEN DER ERINNERUNGSORTE
2.1. „DAS GEDÄCHTNIS“
2.2. ERINNERUNG UND ERINNERUNGSKULTUREN
2.3. ERINNERUNGSORTE – VERSUCH EINER BEGRIFFSKLÄRUNG

3. DAS KARL-MARX-MONUMENT IN DER DDR
3.1. VON CHEMNITZ ZU KARL-MARX-STADT
3.2. ZUR BAUGESCHICHTE
3.3. DIE EINWEIHUNGSFEIER UND DIE LEGITIMATION DES MONUMENTS
3.4. DAS MONUMENT UND DIE WENDE

4. DAS KARL-MARX-MONUMENT NACH DER WENDE
4.1. DEUTUNGSMUSTER DES MONUMENTS ALS ERINNERUNGSORT
4.2. VERMARKTUNG
4.3. DIE NUTZUNG DES MONUMENTS HEUTE

5. ZUSAMMENFASSUNG

LITERATURVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

Das Ziel dieser Arbeit ist es, das Karl-Marx-Monument zu Chemnitz und seine Funktion als Erinnerungsort zu untersuchen. In der lokalen Presse wurde über dieses Denkmal in der letzten Zeit vermehrt berichtet. Anlass dazu war das 40-jährige Jubiläum, welches das Monument am 9. Oktober 2011 feierte. So widmeten sich z. B. die Bild-Zeitung und die Freie Presse mit einer ganzen Seite dem Thema.1Durch das Jubiläum wurde also das Monument in den Medien stärker berücksichtigt als in den letzten Jahren. Doch warum wird heute überhaupt noch über ein Denkmal bzw. Monument berichtet, das in der DDR errichtet wurde und warum hat dieses Bauwerk die Wende überlebt und wurde nicht abgerissen? Diese Fragen sollen in dieser Arbeit geklärt werden.

Durch das mediale Interesse im Zuge des Jubiläums wurde sozusagen wieder an das Karl-Marx-Monument erinnert. Das Wort „Erinnerung“ bekommt bei dieser Thematik einen hohen Stellenwert. Einerseits ist es ein Teil in dem Wort „Erinnerungsort“, andererseits steht das Wort in Beziehung mit der Vergangenheit. In dieser Arbeit wird das Wort „Erinnerung“ einen wichtigen Anteil besitzen. In den letzten Jahren wurde dieser Begriff von der Forschung immer mehr in den Vordergrund gerückt. Seit den 80er Jahren ist ein enormer Anstieg an Publikationen zu den Themen Erinnerung, Erinnerungsorten, Gedächtnis und Erinnerungskulturen zu beobachten. Gleichfalls ist festzustellen, dass bei der Analyse der Publikationen die Begriffe „kommunikatives Gedächtnis“, „kollektives Gedächtnis“ sowie „kulturelles Gedächtnis“ auftauchen. Doch wie sind diese theoretischen Begriffe zu erklären? Um das Karl-Marx-Monument und seine Funktion als Erinnerungsort zu analysieren ist es wichtig, die theoretischen Grundlagen, die in eben solchen Orten verankert sind, zu ergründen und vorzustellen. Im zweiten Kapitel dieser Arbeit werden die theoretischen Grundlagen der Erinnerungsorte analysiert.

Ein anderer wichtiger Punkt ist die zeitliche Eingrenzung des Themas. Zwar könnte man den Untersuchungszeitraum ab dem Jahr 1971 festlegen, dem Jahr der Einweihung des Monumentes, doch sollte ebenso der Prozess der Umbenennung der Stadt Chemnitz zu Karl-Marx-Stadt im Jahr 1953 betrachtet werden, da dieser eine Art Grundlage für die Errichtung des Denkmals bildet. In Punkt 3.1. soll dieser Prozess erläutert werden.

Gleichfalls erscheint es sinnvoll, im Kapitel 3.2. die Baugeschichte des Monuments zu beleuchten ohne den Anspruch zu erheben, diese Thematik zu einem Schwerpunktthema der Arbeit zu machen.

Der nächste Gliederungspunkt (3.3.) behandelt die Einweihungsfeier vom 9. Oktober 1971. Hier soll geklärt werden, inwiefern das Monument zunächst eine Legitimität in der Stadt besaß und wie sich das Bauwerk in den Köpfen der Menschen etablieren konnte.

Als Nächste wird dann die Betrachtung im Zeitraum der Wende in den Jahren 1989 / 1990 erfolgen, wo das Denkmal einen neuen Stellenwert bekam im Bezug auf die Identität der Menschen mit eben Diesem (Kapitel 3.4.).

Ein sehr wichtiger Punkt (Kapitel 4) bildet die Rezeption des Karl-Marx-Monumentes nach der Wende. Hier stellt sich die Frage, was nach dem Untergang der DDR von diesem Denkmal übrig blieb. Wie wurde oder wird das Denkmal heute genutzt? Gibt es eventuell neue Deutungsmuster in der Betrachtung des Monumentes nach der Wende? Wie spiegelt sich das Verhältnis der Stadt zu dem Monument wider?

Bei der Betrachtung des Denkmals könnten folgende Thesen aufgestellt werden: Das Karl-Marx-Monument verlor nach dem Ende der DDR seine einstige Bedeutung völlig. Es kam sozusagen zu einer Art Veränderung der Erinnerungskultur nach dem Fall der DDR. Jedoch kristallisierten sich neue Deutungsmuster des Erinnerns heraus. Die Frage, die sich hieraus ergibt, ist, ob das Monument heute ein „Ort für mehrere Erinnerungen“ sein kann oder nicht.

Die Literaturlage zu dem Thema gestaltet sich sehr differenziert. Zu den Themen „Gedächtnis“, „Erinnerungskulturen“ sowie „Erinnerungsorten“ findet sich ein Fundus an Literatur. Hierbei seien die Werke von Halbwachs, Jan und Aleida Assmann (zum Thema „Gedächtnis“), Nora und François (Erinnerungsorte) zu nennen, welche als Pioniere auf den jeweiligen Gebieten gelten. Erl veröffentlichte eine gute Einführung zu den Themen „Kollektives Gedächtnis“ sowie den Erinnerungskulturen. Ebenso erwähnenswert erscheint die Veröffentlichung von Sabrow über Erinnerungsorte der DDR, jedoch wird bei diesem Werk das Karl-Marx-Monument zu Chemnitz vernachlässigt. Es sei noch die Veröffentlichung von von Saldern zu nennen, in dieser das Karl-Marx-Monument in der Thematik der Herrschaftsrepräsentationen in DDR-Städten behandelt wird. Andererseits hat Schlie versucht das Monument von Chemnitz in den Kontext der Erinnerung zu setzen. Es scheint so, als ob die Thematik, die sich auf regionale Erinnerungsorte beschränkt, noch nicht im Mittelpunkt der Forschung stand.

2. DIE THEORETISCHEN GRUNDLAGEN DER ERINNERUNGSORTE

Die Theorie ist hier in drei Punkte gegliedert. Auffällig ist, dass es sich hier um die Begriffe „Gedächtnis“ und „Erinnerung“ handelt. Es kann ein Zusammenhang zwischen diesen Begriffen festgestellt werden. „Gedächtnis, Erinnerung und Vergessen hängen auf individueller wie auf kollektiver Ebene eng miteinander zusammen []. Über die Disziplinen [gemeint sind hier die Forschungsdisziplinen] hinweg besteht weitgehend Einigkeit, dass Erinnern als ein Prozess, Erinnerungen als dessen Ergebnis und Gedächtnis als eine Fähigkeit oder eine veränderliche Struktur zu konzipieren ist.“2 Erinnern wird hier als Prozess und das Gedächtnis als Fähigkeit definiert. So ist das Gedächtnis von vornherein verfügbar, ist es doch eine biologisch bedingte Fähigkeit des Menschen. Erinnern als Prozess sagt aus, dass hier ein Zeitraum verlangt wird, in welchem sich die Erinnerung festsetzen kann.

Des Weiteren tritt bei der Betrachtung der Thematik vermehrt der Begriff „Erinnerungskultur“ auf, der wohl in den letzten Jahren enorm an Bedeutung gewonnen hat. „Erinnerungskulturen sind zu einem wichtigen Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung und zu einem Modethema der politisch-publizistischen Diskussion geworden.“3

Die Erinnerungsorte stehen ebenso in Verbindung mit dem Gedächtnis sowie den Erinnerungskulturen. Schon aus dem Wortlaut heraus kann interpretiert werden, dass es sich zum Einen um eine Lokalität handeln muss und zum Anderen muss diese Lokalität mit einer bestimmten Erinnerung verknüpft sein. Ebenso muss hier ein Prozess vorangegangen sein, da ja Erinnerung in einem Ort lokalisiert ist und die Erinnerung ja als ein Prozess definiert wird. „Ein Erinnerungsort ist das, was übrig bleibt von dem, was nicht mehr besteht und gilt.“4 Inwieweit dies auf das Karl-Marx-Monument anzuwenden ist wird noch zu ergründen sein.

Eine andere Theorie, die hier noch kurz eingeführt werden sollte, ist die „Invention of Tradition“ von Hobsbawn. Übersetzt bedeutet der Begriff „Erfindung der Tradition“. „’Invented tradition’ is taken to mean a set of practices, normally governed by [] accepted rules and of a ritual or symbolic nature, which seek to inculcate certain values and norms of behaviour by repetition, which [] implies continuity with the past.”5 Demnach sind „erfundene Traditionen“ bestimmte Praktiken (z. B. Rituale), um eine Verhaltensweise immer wieder zu wiederholen und somit auch im Gedächtnis zu festigen. Die Tradition wird in der Gegenwart erfunden, jedoch ist diese Tradition an eine bestimmte Vergangenheit gebunden. Diese Vergangenheit wird neu erfunden und muss nicht in Verbindung mit der tatsächlichen Vergangenheit stehen. Inwieweit dies auf das Karl-Marx-Monument zutrifft soll noch geklärt werden.

Nun tritt „das Gedächtnis“ in den Vordergrund der Betrachtung.

2.1. „DAS GEDÄCHTNIS“

Das Gedächtnis bildet in der Theorie die Grundlage für die Erinnerungsorte, wenn nicht sogar auch die Voraussetzung dafür. Ohne Gedächtnis ist kein Erinnern möglich, da das Gedächtnis die Fähigkeit bereitstellt, sich erinnern zu können.

Die Grundlage für die bei dieser Arbeit zu untersuchende Theorie ist im ersten Drittel des 20.Jahrhunderts zu suchen. „In den 1920er Jahren dieses Jahrhunderts entwickelten der Soziologe Maurice Halbwachs und der Kunsthistoriker Aby Warburg [] zwei Theorien eines ‚kollektiven’ oder ‚sozialen Gedächtnisses’.“6 Hier treten die Begriffe kollektives bzw. soziales Gedächtnis auf. Kollektives Gedächtnis betrifft sozusagen eine Gruppe. Es ist die Erinnerung einer bestimmten Gruppe.

Im Gegensatz dazu steht das individuelle Gedächtnis. „Das individuelle Gedächtnis [] ist das dynamische Medium subjektiver Erfahrungsverarbeitung.“7 Jedoch kann dieses Gedächtnis nicht als asozial bezeichnet werden, denn es bedingt genauso wie das kollektive Gedächtnis eine bestimmte soziale Interaktion. „Wie [] Maurice Halbwachs [] gezeigt hat, ist das individuelle Gedächtnis [] sozial gestützt. Nach Halbwachs könnte ein absolut einsamer Mensch überhaupt keine Erinnerungen bilden, weil diese erst durch Kommunikation [] aufgebaut und gefestigt werden.“8

Demgegenüber steht das kollektive Gedächtnis. Hierbei wird eine Sozialität innerhalb dieses Gedächtnisses deutlich. Allerdings muss das kollektive Gedächtnis nicht als ein allgemeingültiges Gedächtnis gesehen werden kann. „Schon [] Halbwachs hat festgestellt, dass es kein homogenes kollektives Gedächtnis gibt, da sich ein kollektives Gedächtnis immer in bestimmten sozialen Milieus herausbildet und die soziale Zugehörigkeit, den sozialen Status derjenigen Individuen und Gruppen repräsentiert , die das kollektive Gedächtnis miteinander teilen beziehungsweise [] besitzen.“9 Dieses Gedächtnis manifestiert sich demnach in verschiedenen sozialen Gruppen, welche das Gedächtnis teilen.

Das kollektive Gedächtnis besitzt bestimmte Funktionen: „[Die] Verbundenheit mit einem generationsübergreifenden familiären Gedächtnis einerseits und seine Bindung an einen konkreten Ort andererseits.“10 Somit kann Gedächtnis auch verortet werden.

Doch wie wird das kollektive Gedächtnis genutzt oder wie wird ein kollektives Gedächtnis geschaffen? Eine Art ist das kommunikative Gedächtnis. „Unter dem Begriff des ‚kommunikativen Gedächtnisses’ fassen wir jene Spielarten des kollektiven Gedächtnisses zusammen, die ausschließlich auf Alltagskommunikation beruhen.“11 Hiermit sind sämtliche Arten der Kommunikation gemeint wie z. B. Erzählungen, Witze, private Erlebnisse etc., die durch das Kommunizieren zwischen verschiedenen Personen (z. B. in der Familie) ausgetaucht werden und sich im Gedächtnis des jeweiligen Gegenübers festsetzen. Jedoch lässt sich davon ableiten, dass diese Art des Gedächtnisses in gewisser Weise beschränkt ist, da der Faktor Zeit hier begrenzt ist. „Sein wichtigstes Merkmal ist der beschränkte Zeithorizont.“12 Da Menschen nicht ewig leben können sind auch die Erinnerungen des kommunikativen Gedächtnisses von ewiger Dauer. Das Problem hierbei ist, dass sich eine bestimmte Erinnerung nur über einen begrenzten Zeitraum etablieren kann, bis diese wieder vergessen wird. Dieses Problem versucht Assmann zu lösen, indem er einen Übergang des kommunikativen Gedächtnisses zu einem kulturellen Gedächtnis aufzeigt. „Wenn wir aus dem Bereich der Alltagskommunikation übergehen in den Bereich der objektivierten Kultur, dann ändert sich so gut wie alles.“13 Doch was genau ändert sich nun bei diesem Übergang? Zunächst ist eine Veränderung im Zeithorizont erkennbar.14 Ist das kommunikative Gedächtnis zeitlich begrenzt wie oben beschrieben, so steht das kulturelle Gedächtnis für eben keinerlei Zeitbegrenzung und somit kann mithilfe des kulturellen Gedächtnisses eine Erinnerung länger bewahrt werden als mit dem kommunikativen Gedächtnis. Doch wie genau ist das kulturelle Gedächtnis definiert? „Bei dem kulturellen Gedächtnis handelt es sich [] um eine an feste Objektivationen gebundene, hochgradig gestiftete und zeremonialisierte [] vergegenwärtigte Erinnerung.15 Das bedeutet, dass das kulturelle Gedächtnis z. B. an Denkmälern geformt werden kann, wenn dieses mit bestimmten Riten oder Zeremonien verknüpft ist.

Ferner besitzt das kulturelle Gedächtnis nach Assmann sechs Merkmale. Erstens wäre hier die „Identitätskonkretheit“ zu nennen. Dieses Merkmal beschreibt die Identität der Gruppe, die am kollektiven Gedächtnis partizipiert. Assmann beschreibt hier zum Einen eine Identität im positiven Sinne (Annahme) und zum Anderen eine Identität im negativen Sinne (Ablehnung bzw. Abgrenzung), die dann an bestimmten Orten durch das Gedächtnis geformt wird.16 Das nächste Merkmal ist die Rekonstruktivität. „Das kulturelle Gedächtnis verfährt konstruktiv, d. h., es bezieht sein Wissen immer auf eine aktuell gegenwärtige Situation.“17 Das kulturelle Gedächtnis muss demnach immer in Beziehung stehen zwischen dem zu erinnernden Ereignis bzw. Ort und der Gegenwart. Dieses Merkmal wird bei der Betrachtung des Karl-Marx-Monumentes noch eine Rolle spielen. Andere Merkmale sind die Geformtheit, die Organisiertheit, die Verbindlichkeit sowie die Reflexivität.18 Das Merkmal der Organisiertheit erscheint noch erwähnenswert. Wie der Begriff verrät, geht es hier darum, wie das kulturelle Gedächtnis organisiert wird. Hierbei spielen wohl Institutionen eine gewichtige Rolle, indem durch diese bestimmte Zeremonien oder Feste legitimiert werden.19 Ebenso steht das Merkmal der Geformtheit im Gegensatz zum kommunikativen Gedächtnis. „Das kulturelle Gedächtnis ist auf die Kontinuierung von Sinn anhand fester Ausdrucksformen und –medien angewiesen.“20 Während das kommunikative Gedächtnis nur auf Sprache und mündliche Überlieferung beruht, bedient sich das kulturelle Gedächtnis sowohl mündlichen als auch schriftlichen Überlieferungen bzw. Erinnerungen.

Jedoch gibt es noch einen anderen Punkt, der geklärt werden muss, wenn man sich mit dem kollektiven Gedächtnis beschäftigt. Hier muss die Thematik der Mythen mit einbezogen werden. „Mythos in diesem Sinne ist eine fundierende Geschichte, die nicht durch Historisierung vergeht, sondern mit einer andauernden Bedeutung ausgestattet wird, die die Vergangenheit in der Gegenwart einer Gesellschaft präsent hält und ihr eine Orientierungskraft für die Zukunft abgewinnt.“21 Ein Mythos kann sozusagen eine Grundlage für ein kulturelles Gedächtnis bilden, da es ja dieselbe Funktion (keine Zeitbegrenzung, Projektion von Gegenwart in Vergangenheit mit Orientierung in die Zukunft). Ein anderer Faktor kommt im Punkt der Fiktion zum Tragen. „Mythen und Legendenbildungen werden erfunden: Sie dienen der Stabilisierung und Legitimierung bestimmter nationaler Formationen und bestimmter sozialen Gruppen“22 Mythen sind für diese Thematik deshalb wichtig, da Mythen auch im Hinblick auf die DDR-Erinnerungskultur und das Karl-Marx-Monument eine wichtige Rolle einnehmen können. „Nationen [verwandeln] bestimmte historische Erfahrungen [] in ‚Mythen’ [], denen sie eine ‚auto-hypnotische’ Wirkung verleihen, indem sie sie mithilfe von Monumenten, Denkmälern und Orten präsent halten.“23 Ein charakteristisches Beispiel für einen Mythos bzw. Legenden wäre die „Dolchstoßlegende“ im Bezug zur Niederlage des Deutschen Kaiserreiches im Ersten Weltkrieg. Inwieweit diese Theorie auf das Karl-Marx-Monument und die DDR-Erinnerung zutrifft wird noch geklärt.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sich für eine langfristige Erinnerung ein kulturelles Gedächtnis herausbilden sollte, welches sich Texten, Riten, Symbolen, Denkmälern bedient, um eine Erinnerung aufrechtzuerhalten. Demnach gibt es bei diesem Gedächtnis keine Zeitabgrenzung und dieses Gedächtnis steht immer in Beziehung von Vergangenheit und Gegenwart. Man erinnert sich in der Gegenwart an das vergangene Ereignis. Deswegen ist es wichtig, nicht nur die Vergangenheit (bzw. das Ereignis, welches erinnert wird) zu untersuchen, sondern auch die Gegenwart in die Betrachtung mit einfließen zu lassen, um auch die Motive oder die Gründe, warum gerade in dieser Gegenwart jener Vergangenheit (bzw. Ereignis in ihr) erinnert wird, zu hinterfragen.

Der nächste Punkt, den es zu behandeln gilt, betrifft die Erinnerungskulturen.

2.2. ERINNERUNG UND ERINNERUNGSKULTUREN

Zunächst geht es um den Begriff „Erinnern“. Wie oben schon eingeleitet, beschreibt „Erinnern“ einen Prozess und das Gedächtnis eine Fähigkeit oder die Grundlage für die Erinnerung. Jedoch wird den Erinnerungen im Kontext von Nationen eine enorme Bedeutung zugesprochen. „Erinnerungen an die Vergangenheit sind grundlegend für Nationen []. Sie legitimieren, motivieren und vereinen die Bevölkerung durch Geschichtsschreibung und ‚Gründungsmythen’ oder Zeremonien, wie Gedenkstätten oder auch Jahrestage.“24 Inwieweit dies die DDR-Erinnerung betrifft wird später geklärt.

Wird die Thematik auf die Deutsche Geschichte bezogen, sind gewisse Transformationen des Begriffes zu beobachten. „Mit dem Begriff ‚Erinnerungskulturen’ ist in den letzten Jahren im Deutschen ein Begriff als Alternative zur Verwendung der vergleichsweise pathetisch konnotierten Formulierung ‚Vergangenheitsbewältigung’ aufgekommen.“25 Für den Fall Deutschland ist hier die Erinnerungskultur gemeint, welche sich mit dem Holocaust beschäftigt. „Im Zentrum der gegenwärtigen deutschen Erinnerungskultur steht die NS-Zeit, vor allem der Holocaust.“26

Jedoch wird schon aus dem Wort „Erinnerungskultur“ deutlich, dass dieser Begriff nicht mit einem individuellen Gedächtnis verbindbar ist, da eine Kultur immer eine Mehrzahl an Partizipierenden bedingt. Hierbei wird das kollektive Gedächtnis mit seinen zwei Arten, dem kommunikative und dem kulturellen Gedächtnis in den Mittelpunkt treten. „Kollektives Gedächtnis [] findet seine jeweilige Ausprägung in Erinnerungskulturen.“27

Ein nächstes Charakteristikum von Erinnerungskulturen ist die Dimensionalität dieser. So sind drei Dimensionen zu beobachten. Die erste Dimension beschreibt das Materielle, wie z. B. die Medien, Denkmäler, Riten etc. Als zweite Dimension wird die soziale Dimension genannt, welche die Träger einer Erinnerungskultur beschreibt. Hier sind die Träger gemeint, die an der Schaffung einer Erinnerungskultur beteiligt sind, wie z. B. Institutionen oder Personen. Die dritte Dimension erklärt die mentale Dimension. Diese Dimension beinhaltet die Dinge, die ein gemeinsames Erinnern ermöglichen, wie z. B. bestimmte Denkmuster oder Geschichtsbilder etc.28

Wie oben schon erwähnt wird in der Bundesrepublik im Umgang mit Erinnerungskultur in vielen Fällen der Holocaust behandelt. Jedoch kommt im Zuge der Wende und des damit verbundenen Unterganges der DDR eine neue Komponente für die Erinnerungskulturen zum Tragen. „Neben die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur als zentralem Bezugspunkt des deutschen Selbstverständnisses und die bundesrepublikanische Entwicklung vom demokratischen Neubeginn bis zur Deutschen Einigung[1990] tritt die DDR als Erinnerungsort und Erinnerungsraum eines Teils der deutschen Bevölkerung und als ein Teil der gemeinsamen Nachkriegsgeschichte Deutschlands [auf].“29

Neben dem Gedächtnis und der Erinnerungskultur soll nun der Versuch unternommen werden, den Begriff „Erinnerungsorte“ zu erklären und zu deuten.

[...]


1Vgl. Martin Wiegers: Mein Leben. Bilder und Geschichten rund um den Nischel, in: Bild Chemnitz 236 (2011), S. 3. und Matthias Zwarg: Kopfschmerzen im Nischel, in: Freie Presse 235 (2011), S. 3.

2Astrid Erl: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung. Gießen 2004, S. 7.

3Bernd Faulenbach: Erinnerungskulturen in Mittel- und Osteuropa als wissenschaftliches und geschichtspolitisches Thema. Überlegungen zu Thema und Fragestellungen, in: Ders. / Franz-Josef Jelich (Hg.): „Transformationen“ der Erinnerungskulturen in Europa nach 1989. Recklinghausen 2006, S. 11.

4Aleida Assmann: Erinnerungsorte und Gedächtnislandschaften, in: Loewy, Hannes / Bernhard Moltmann (Hg.): Erlebnis – Gedächtnis – Sinn. Authentisch und konstruierte Erinnerung. Frankfurt am Main / New York 1996, S. 16.

5Eric Hobsbawm: Introduction: Inventing Traditions, in: Ders. / Terence Ranger (Hg.): The Invention of Tradition. Cambridge 1992, S. 1.

6Jan Assmann: Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität, in: Ders. / Tonio Hölscher (Hg.): Kultur und Gedächtnis. Frankfurt am Main 1988, S. 9.

7Aleida Assmann: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. München 2006, S. 25.

8Ebd.

9Peter Niedermüller: Der Mythos der Gemeinschaft: Geschichte, Gedächtnis und Politik im heutigen Osteuropa, in: Corbea-Hoisie, Andrej u.a. (Hg.): Umbruch im östlichen Europa. Die nationale Wende und das kollektive Gedächtnis. Innsbruck 2004, S.15.

10Peter Stachel: Stadtpläne als politische Zeichensysteme. Symbolische Einschreibungen in den öffentlichen Raum, in: Ders. / Rudolf Jaworski (Hg.): Die Besetzung des öffentlichen Raumes. Politische Plätze, Denkmäler und Straßennamen im europäischen Vergleich. Berlin 2007, S. 31.

11Assmann: Kollektives Gedächtnis (wie Anm. 6), S. 10.

12Ebd., S. 11.

13Ebd.

14Vgl. ebd., S. 12.

15Erl: Kollektives Gedächtnis (wie Anm. 2), S. 28.

16Vgl. Assmann: Kollektives Gedächtnis (wie Anm. 6), S. 13.

17Ebd.

18Vgl., ebd. S. 14.

19Vgl., ebd.

20Erl: Kollektives Gedächtnis (wie Anm. 2), S. 28 f.

21Assmann: Der lange Schatten der Vergangenheit (wie Anm. 7), S. 40.

22Saldern, Adelheid von: Mythen, Legenden und Stereotypen, in: Dies. (Hg.): Mythen in Geschichte und Geschichtsschreibung aus polnischer und deutscher Sicht. Hannover 1996, S. 15.

23Assmann: Der lange Schatten der Vergangenheit (wie Anm. 7), S. 40.

24Anselma Gallinat / Kittel, Sabine: Zum Umgang mit der DDR-Vergangenheit heute. Ostdeutsche Erfahrungen, Erinnerungen und Identität, in: Großbölting, Thomas (Hg.): Friedensstaat, Leseland, Sportnation? DDR-Legenden auf dem Prüfstand. Berlin 2009, S. 309.

25Christoph Corneließen u. a.: Nationale Erinnerungskulturen seit 1945 im Vergleich, in: Ders. u. a. (Hg.): Erinnerungskulturen. Deutschland, Italien und Japan seit 1945. Frankfurt am Main 2003, S. 12.

26Bernd Faulenbach: Diktaturerfahrungen und demokratische Erinnerungskultur in Deutschland, in: Kaminsky, Anne (Hg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR. 2. Auflage, Bonn 2007, S. 17.

27Erl: Kollektives Gedächtnis (wie Anm. 2), S. 101.

28Vgl. ebd., S. 102.

29Bernd Wagner: Deutsche Erinnerungskulturen und Geschichtspolitik nach 1945. Einleitung, in: Ders. (Hg.): Erinnerungskulturen und Geschichtspolitik. Kulturstatistik, Chronik, Literatur, Adressen. Bonn 2009, S. 24 f.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Das Karl-Marx-Monument zu Chemnitz als Erinnerungsort
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Institut für Europäische Geschichte)
Note
2,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
33
Katalognummer
V307679
ISBN (eBook)
9783668065949
ISBN (Buch)
9783668065956
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschichte, Regionalgeschichte, Chemnitz, Sachsen, Deutschland, Kollektives Gedächtnis, Erinnerungsort, DDR, Denkmal, Monument, Sozialismus, Abschlussarbeit
Arbeit zitieren
B.A. Sebastian Gogol (Autor), 2011, Das Karl-Marx-Monument zu Chemnitz als Erinnerungsort, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/307679

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