Das Menschenbild der Marie Luise Kaschnitz

Eine Analyse ihrer Vorlesungen auf dem Lehrstuhl für Poetik an der Universität Frankfurt im Sommersemester des Jahres 1960


Magisterarbeit, 1983

86 Seiten, Note: excellent


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Die Poetik-Dozentur an der Frankfurter Universität

2. Die Vorlesungen von Marie Luise Kaschnitz und ihre Publikation in Zwischen Immer und Nie

3. Das Menschenbild in den Vorlesungen und seine aktuelle Relevanz

Kapitel 1 Marie Luise Kaschnitz‘ Auswahl der thematischen Gestalten ihrer Vorlesungen
1. Die Hypothese der nicht rein willkürlichen Auswahl
2. Die sechs Vorlesungen
3. Die Hypothese des in den Vorlesungen vertretenen tragischen Men­schenbildes

Kapitel 2 Verifikation der Hypothese des tragischen Menschenbildes der Frankfurter Vorlesungen
1. Die konstitutiven Elemente des tragischen Menschenbildes allgemein
2. Die Konkretisierung und Spezifizierung der konstitutiven Elemente des tragischen Menschenbildes in den Gestalten der Frankfurter Vorlesungen
3. Der tragische Mensch in den Vorlesungen der Marie Luise Kaschnitz: Versuch einer synoptischen Rekonstruktion

Kapitel 3 Das tragische Menschenbild der Marie Luise Kaschnitz .
1. Leben und Werk der Marie Luise Kaschnitz: Ursachen des tragischen Menschenbildes
2. Die zentralen Themen des literarischen Gesamtwerkes von Marie Luise Kaschnitz: Ausdruck des tragischen Menschenbildes
3. Kritik und Selbstkritik: das tragische Menschenbild im Leben und literarischen Schaffen der Marie Luise Kaschnitz
3.1. Das Urteil der Kritiker
3.2. Die Selbstkritik der Marie Luise Kaschnitz
3.3. Kritische Zusammenfassung

Anmerkungen

Bibliographie

Einleitung

Es ist ein großer Unterschied, ob der Dichter zum Allgemeinen das Be­son­de­re sucht, oder im Besonderen das Allgemeine schaut. Aus jener Art entsteht Allegorie, wo das Besondere nur als Beispiel, als Exem­pel gilt; die letztere aber ist eigentlich die Natur der Poesie; sie spricht ein Besonderes aus, ohne ans Allgemeine zu denken, oder darauf hinzuweisen. Wer nun dieses Beson­dere lebendig faßt, erhält sogleich das Allgemeine mit, ohne es gewahr zu werden, oder erst spät. (1)

1. Die Poetik-Dozentur an der Frankfurter Universität

Im Sommersemester des Jahres 1960 übernahm Marie Luise Kaschnitz als zweite Dichterin – nach Ingeborg Bachmann – die auf Initiative Professor Viebrocks vom S. Fischer-Verlag gestiftete Poe­tik-Dozentur an der Frankfurter Universität. Ihre Vorlesungen über Gestalten europäischer Dichtung von Sha­ke­­speare bis Beckett bil­den den Kern ihres elf Jahre später erschienenen Sam­melbandes Zwischen Immer und Nie (2) – ein Titel, der dem Gedicht Nachts des von der Dichterin hoch verehrten Paul Celan entliehen ist. (3)

In seinem Artikel Poetik im Hörsaal verweist Andreas Razumor­sky auf die Tatsache, daß „Frau von Kaschnitz die Willkürlichkeit (betonte), mit der sie ihre Auswahlliste zusammngestellt habe: es handele sich um Gestalten der Welt­li­teratur, denen lediglich ihre Un­sterblichkeit gemeinsam ist, ihre Zugehörigkeit zu einem bestimmten Parnaß; gefiltert aus dem Leben und der Erfahrung un­zähl­barer, ano­nymer Einzelleben, seien sie, der Phantasie der Dichter ent­sprun­gen, lebendiger und in ihrer fortdauernden Wirkung realer als so mancher Le­ben­der.“ (4)

Dieser Hinweis ist insofern interessant, als er, auf den ersten Blick zu­min­dest, nicht nur das Thema der vorliegenden Arbeit in Frage zu stellen scheint, sondern in Wirklichkeit auch die Antwort bereits implizit bereithält: Wie näm­lich – mag man fragen – kann die Analyse einer Vorlesungsreihe, die der Dar­stellung recht willkürlich ausgewählter „Gestalten der europäischen Li­teratur“ gewidmet ist, die Möglichkeit geben, das Menschenbild zu ergründen, das von Ma­­rie Luise Kaschnitz vertreten wird?

Die Antwort auf diese Frage und damit die Begründung der Möglichkeit der thematischen Analyse liegt in jener Willkür selbst, die ja Ausdruck des von der Dich­terin – zumindest in dieser Phase ihres Schaffens – eingenommenen Stand­punktes ist. Sie hält offen­sicht­lich genau jene Gestalten – Romeo und Julia, Pro­spero, Mignon und Werther, Wozzek und Carmen, Anna Karenina und die „Frau ohne Schatten“, Ekdal und Fuhrmann Henschel, Merseault und die Endzeit­gestalten Becketts – für Verkörperungen des ewig Mensch­li­chen.

2. Die Vorlesungen von Marie Luise Kaschnitz und ihre Publikation in

Zwischen Immer und Nie

Der Titel des Werkes Zwischen Immer und Nie ist im Hinblick auf das soe­ben Gesagte gut gewählt: Dichtung und Wahrheit treffen sich für Marie Luise Kaschnitz in exemplarischer Form in eben jenen Gestalten der euro­päischen Dichtung, oder – um es mit den oben zitierten Worten Goethes zu sagen: in ihnen ist (nach Kaschnitz‘ Meinung) das Besondere lebendig gefaßt und damit zugleich das Allgemeine mit erhalten, das wahre, das immer –wäh­rende Wesen des Menschen. Andererseits ist vom „Nie“ die Rede, das die Idealität, den dich­te­rischen Ursprung jener Gestalten unterstreicht, die vom real-lebenden Men­schen nie einzuholen sind. Das „Zwischen“ dem „Immer und Nie“ weist schließ­lich auf die Dialektik des Allgemeinen und des Besonderen: denn das All­ge­meine ist offenbar immer nur im Besonderen und nie losgelöst von ihm existent, während das Besondere in all seinem Reichtum und in seiner Ver­schiedenheit zwar immer das wirklich Existierende ist, aber nie die reine Ideal­form des Allge­meinen erreicht. Nur die Dichtkunst vermag dieses metaphysi­sche Dilemma zu lösen. Sie zeigt die Schöpfungen ihrer Phantasie als Inkar­nationen jenes „Zwi­schen“, die den Widerspruch des „Immer und Nie“ in sich aushalten können.

Neben und im Zusammenhang mit dem soeben erwähnten Kriterium einer willkürlichen (das heißt sich lediglich aus dem eigenen Standpunkt erklärenden und genau dadurch diesen be­leuchtenden) Auswahl bestimmter die menschliche Natur schlecht­hin symbolisierender Gestalten sprechen noch andere Gründe da­für, gerade die Frankfurter Vorlesungen zur Grundlage einer Analyse des Men­schenbildes der Marie Luise Kaschnitz zu wählen:

- Diese Vorlesungen stellen eine in sich geschlossene Einheit von Arbeiten dar.
- Sie wurden in einem bedeutsamen Moment des Lebens der Dichterin von ihr selbst der Öffentlichkeit (dem Frankfurter Audi­torium) vorgestellt: Kurz nach dem Tode ihes Mannes (Ende des Jahres 1958), also in einem Augenblick, der auf­grund der schmerz­lichen Erfahrung gerade im Hinblick auf das Thema der vorlie­genden Arbeit Impuls-Bedeutung haben kann. (5) Zwischen Immer und Nie steht ja auch der flüchtige Augenblick der Geschichte, das Jetzt, dessen Ak­tualität betroffen machen und den geistigen Blick schärfen kann. Daß die will­kürliche Auswahl bestimmter literari­scher Gestalten gerade in (oder kurz nach) einem solchen Augen­blick der vom Eigenschicksal zweifellos forciert in Gang gesetzten Reflexion über den Sinn menschlicher Existenz erfolgte, sichert die­sem Vorlesungs-Zyklus Relevanz und herausragende Bedeutung für die Ana­lyse des Menschenbildes der Kaschnitz.

3. Das Menschenbild in den Frankfurter Vorlesungen und seine aktu­elle Relevanz

Allerdings bleibt damit weiterhin die Frage offen, ob dieses Menschenbild auch „an sich“ oder besser „für uns“, für den Leser von Interesse ist, ob die Dich­terin eine Botschaft mitzuteilen hat, die ihre Gültigkeit noch besitzt. Die Antwort auf diese Frage hat sowohl einen subjektiven als auch einen objektiven Aspekt. In Tage, Tage, Jahre (1968) schreibt Marie Luise Kaschnitz selbst: „... ich weiß zu gut, daß ich zwar meiner Zeit, den Mitmenschen etwas vermittelt ha­be“ (6) Und Adolph Meuer schreibt, was er seinerzeit in einem Gespräch mit der Dichterin anläßlich ihres Antritts der Frankfurter Professur erfuhr: daß sie „eine sehr klare Vorstellung von dieser Dozentur (hat). Sie will die Stu­denten zu Mitwissenden machen, damit sie besser verstehen und gerechter be­urteilen können.“ (7) Das gilt nun auch für jeden potentiellen Leser jener Uni­versitäts-Vorträge.

In ihrer Autobiographie bekennt Marie Luise Kaschnitz ihr tief-wurzelndes Interesse am Mitmenschen und an der Problematik sei­ner Existenz. (8) Und ge­rade im Hinblick auf jene schmerzliche und den Inhalt ihres literarischen Schaf­fens in der Folge bestimmende Erfahrung des Todes ihres Mannes bekennt sie einige Zeilen weiter: „Nach der langen Krankheit und dem Tode meines Mannes im Jahre 1958 (...) versuchte (ich) weiterzuleben, indem ich dem, was mir wi­derfahren war, Gestalt gab.“ (9)

Elisabeth Linpinsel schreibt in ihrem hilfreichen Werk Marie Luise Kaschnitz - Leben und Werk: „Der Zweite Weltkrieg bewirkt für Marie Luise Kaschnitz eine radikale Wendung in ihrer Kunst, die Hinwendung zum Mitmenschen, sei­ner Umwelt mit aller Gefähr­dung und aller Not. Poetische Dichtung wird im Sinne von Adam Müller ‚rhetorische Dichtung‘, d.h.: Aufmerksamwerden für ge­sell­schaftliche Zustände und gegenwärtige Situationen und Niederschlag des Wahrgenommenen in der Dichtung.“ (10)

Die sibyllinischen, an George Orwells 1984 erinnernden Worte von Steht noch dahin haben in diesem Kontext exemplarischen Wert:

Ob wir davonkommen ohne gefoltert zu werden, ob wir eines natürlichen To­des sterben, ob wir nicht wieder hungern, die Ab­falleimer nach Kartof­fel­scha­len durchsuchen, ob wir getrieben werden in Rudeln, wir haben’s ge­se­hen. Ob wir nicht noch die Zellenklopfsprache lernen, den Nächsten be­lauern, vom Näch­sten belauert werden, und bei dem Wort Freiheit weinen müssen. Ob wir uns fortstehlen rechtzeitig auf ein weißes Bett oder zu­grunde gehen am hun­dert­fachen Atomblitz, ob wir es fertig­bringen mit einer Hoff­nung zu sterben, steht noch dahin, steht alles noch dahin. (11)

Und Marcel Reich-Ranicki sagt zum Tode von Marie Luise Kaschnitz sehr treffend: „Immer ist die Poesie der Marie Luise Kaschnitz in höchstem Maße persönlich und doch zugleich welt­haltig. Sie zeichnet sich durch kammer­mu­si­kalische Intimität aus. Gleichwohl geht von ihr eine geradezu alarmierende Wir­kung aus. Sie erteilt uns eine sprachgewaltige Lektion der Stille.“ (12)

Trifft all dies zu, so hat Marie Luise Kaschnitz dem heutigen Le­ser sicherlich etwas zu sagen, und ihr Bild vom Menschen, getragen und gestaltet aus langer und reflektierter Erfahrung des eigenen Ich und des Menschseins allgemein in der Welt und Geschichte dürfte auch uns interessieren. (13) Die affirmative Ein­stellung zu dieser Frage ist die Grundlage zur Ausgangshypothese der vor­lie­genden Arbeit, daß Marie Luise Kaschnitz‘ Menschenbild es wert ist, her­aus­gearbeitet zu werden – eine Hypothese, die es nun zu unter­mauern gilt.

Die Verifikation der Arbeitshypothese von der aktuellen Rele­vanz des Men­schenbildes der Marie Luise Kaschnitz soll in folgen­den Schritten geleistet wer­den, denen der weitere Aufbau der vorlie­genden Arbeit entspricht:

a) Zunächst soll durch eine Analyse der von Marie Luise Kaschnitz zu ihren Vor­lesungen ausgewählten literarischen Gestalten nachge­wiesen werden, daß die­se Auswahl nicht rein willkürlich ist, sondern eine Gemeinsamkeit aufschei­nen läßt, die einen ersten Hinweis auf das Menschenbild gibt, das Marie Luise Kaschnitz in ihren Vor­lesun­gen vertritt.
b) Der folgende Hauptteil wird sich um die detaillierte Heraus­arbeitung der We­sensmerkmale eben dieses Menschenbildes bemü­hen und mit dem Versuch einer synoptischen Gestaltung des Men­schenbildes abschließen, das sich aus den her­auskristallisierten Ele­menten, nämlich den „verdichteten“ Gestalten (14) und ihrer „Ge­schichte“ facettenhaft rekonstruieren läßt.
c) Der Schlußteil wird versuchen, das Menschenbild von Marie Luise Kaschnitz von gewissen historischen und biographischen Er­eig­nissen her zu erklären und im Kontext ihres Gesamtschaffens zu sehen. Aufbauend auf den so gewonnenen Resultaten sollen das Urteil der Kritiker und die Selbstkritik der Marie Luise Kaschnitz schließlich gegeneinander abgewogen und in einer kritischen Kon­klu­sion zusammenfassend beurteilt werden.

Kapitel 1 Marie Luise Kaschnitz‘ Auswahl der thematischen Gestalten ihrer Vorlesungen

Und dennoch kann diese Gemeinschaft der Gestalten europäi­scher Dichtung nicht rein zufällig sein. (1)

1. Die Hypothese der nicht rein willkürlichen Auswahl

Adolph Meuer, dessen oben zitierte Anmerkung von den Vorle­sungen der Ma­rie Luise Kaschnitz ausgeht, bezieht sich erweiternd auf den gesamten Par­naß der unsterblichen Gestalten europäischer Dichtung. Diese Gemeinschaft ist nicht ganz zufällig, sondern wächst und besteht gerade aufgrund jener Un­sterb­lichkeit der zu ihr Gehörigen. Die vorliegende Arbeit möchte die Hypothese ver­treten, daß auch Kaschnitz‘ Auswahl bestimmter Autoren und ihrer geisti­gen Schöpfungen, ihrer Gestalten, die zur Gemeinschaft der litera­risch Unsterblichen gehören, nicht rein willkürlich ist (2), sondern letztlich ein sinnvolles Ganzes ergibt. Anders gesagt: die von der Dichterin ausgewählten Gestalten repräsen­tieren im Sinne der Hypo­these eine Gemeinschaft eigener Art im Parnaß des literarischen Pan­theons.

Worin jedoch gründet ihre Gemeinschaft, was ist diesen Gestalten außer ihrer Unsterblichkeit noch gemeinsam? Um eine Antwort auf diese Frage und im positiven Fall eine Bestätigung der Hypothese zu finden, müssen die in Kasch­nitz‘ Vorlesungen ausgesuchten Auto­ren, ihre Werke und deren Hauptgestalten einer ersten, mit Absicht allgemein gehaltenen Prüfung unterzogen werden; denn die Einzel­heiten verbergen ja gerade das Gemeinsame.

Es sind zehn Autoren (aus dem 16. bis 20. Jahrhundert) und jeweils ein oder zwei ihrer Werke, die Marie Luise Kaschnitz für ihre sechs Vorlesungen aus-sucht: Shakespeare, Goethe, Büchner, Merimée, Tolstoj, Hofmannsthal, Haupt­mann, Ibsen,Camus und Beckett.

2. Die sechs Vorle­sungen

Die erste Vorlesung

wählt William Shakespeare, englischer Dichter und Dramatiker, der – geboren 1564 in Stratfort-upon-Avon und 1616 ebenda gestorben – zweifelsohne eine der wichtigsten Figuren der Weltliteratur ist.

Shakespeare ist ein Künstler der Renaissance, die die gemein-europäische Kulturepoche vom Mittelalter zur Neuzeit umfaßt und gekennzeichnet ist durch ein stark individualistisches Persönlich­keitsideal sowie durch eine tiefe Sehn­sucht nach geistiger Erneue­rung, nach einer echten Wiedergeburt des Menschen. Der Renais­sance-Mensch beginnt, sich seiner eigenen Größe zu besinnen und bleibt doch ein Zweifler, er faßt Vertrauen in die Fähigkeiten des eigenen Ver­standes und hofft doch weiterhin auf die geheimnisvol­len Kräfte der Natur und die viel beschworenen Schicksalsmächte. „Wo einst Dante noch eine metaphy­sische ‚jenseitige‘ Ordnung ge­zeich­net hatte, das Sein und das Seinsollende, zeich­net man jetzt den Menschen, so wie er ist, in seinem Weinen und seinem Lachen, seinem Ernst und seiner Lächerlichkeit." (3) Shakespeare verfaßte So­nette, Kurzepen und Romanzen, vor allem aber Dramen (Tra­gödien und Komö­dien). In seinem Werk lassen sich vier Schaf­fensperioden unterscheiden. Marie Luise Kaschnitz wählte zu ihrer Vorlesungsreihe je ein Drama aus Shakespeares erster sowie letzter Schaffenszeit.

1. Romeo und Julia, eine 1591 oder um 1594/95 (4) entstandene ro­mantische Tragödie, bildet den Höhepunkt in Shakespeares erster Schaffensperiode, deren Stil und Themenstellung noch an Petrarca erinnert. (5) Die Geschichte Romeos und Julias ist die Tragödie des jungen Liebespaares, das „durch eigenes Unge­stüm und an der Um­welt zugrunde geht". (6)

2. Der Sturm, ein um 1610 / 1611 verfaßtes Märchendrama, wird Sha­kespeare als sein (vermutlich) letztes Werk zugeschrieben. In der Literaturgeschichte be­deutet das Entstehungsdatum bereits das En­de der Renaissance und des Spät­humanismus. In Shakespeares Drama dominiert jedoch noch einmal die für die Renaissance typi­sche „Liebe zu Mysterien und Weistümern, zu Alchimie und Ma­gie, zur Kabbalistik, zur Theosophie und zum Okkultismus“. (7) Der Zau­berer Prospero, der vor vielen Jahren mit seiner erst dreijährigen Tochter (8) durch tragischen Verrat (an ihm als Herzog von Mai­land) auf eine verlassene Insel verschlagen wurde, ist die einzige Hauptfigur des Dramas. In seiner tra­gischen Einsamkeit lernt er, was die Welt allein zu erlösen vermag, und als ein wahrer Weiser kehrt er in die Welt zurück.

Die zweite Vorlesung

befaßt sich mit Johann Wolfgang von Goethe (geboren 1749 in Frankfurt am Main und gestorben 1832 in Weimar), der als der größte deutsche Dichter und als Haupt der deutschen Klassik angesehen wird. In seinem Schaffen vertritt Goethe mehrere Stilepo­chen, angefangen von seiner Jugendlyrik im Rokokostil, über den „Sturm und Drang“ bis hin zur Klassik. Auch alle drei „natürlichen Gattungen der Poesie“ – wie er es selbst nannte – finden sich in seinen Werken: Lyrik, Drama und Roman. Marie Luise Kaschnitz hat zwei seiner Romane aus­gesucht.

1. Die Leiden des jungen Werther ist ein Briefroman, der schon früh (1774) entstand und der „Sturm und Drang“-Zeit zuzurechnen ist. Diese Epoche der deutschen Literatur ist als Gegenbewegung zur Aufklärung zu begreifen: Die Sehnsucht zur wieder vergöttlichten Natur erwacht erneut, zur Natur, die im Genie ihre Größe zeigt, aber auch zugleich in tragischen Gegensatz zu Kultur und Gesellschaft gerät, welche das Genie zur Einsamkeit und zum Untergang verurteilen. Werther, der Held des Romans, der „den Zwiespalt zwischen Geist und Natur, Ich und Welt bitter empfindet“ (9), scheitert an dem Versuch, sich in das alltägliche Leben zu inte­grieren: Seine Passion für Lotte endet gerade wegen deren erkannter Gegenliebe tragisch, wie auch Form und Inhalt des Romans ins­ge­samt eine „tragische Struktur“ zeigen. (10)

2. Wilhelm Meisters Lehrjahre wurde von Goethe im Jahre 1785 abgeschlossen. Dieser Entwicklungs- oder auch Bildungsroman ge­hört in die Epoche der deutschen Klassik. Spezifisch für die Goethesche Klassik ist das Bestreben, den tragisch verstandenen Men­­schen und sein Verhältnis zur Welt in eine harmo­nische Gesamtkonzeption des Universums zu retten, überfließendes Gefühl und Realitätshärte miteinander in Einklang zu bringen. (11) In der Interpretation, die Marie Luise Kaschnitz zu diesem Roman vor­schlägt, erscheint neben Wilhelm, dessen Erziehung zur Lebensmei­sterschaft in ihren einzelnen Phasen dargestellt wird, das rätselafte Mädchen Mignon als zweite Hautfigur, deren tragischer Tod ihrer Beziehung ein Ende setzt.

Die dritte Vorlesung

ist Georg Büchners Wozzek und Prosper Merimées Carmen gewid­met.

1. Georg Büchner (geboren 1813 in Golddelau bei Darmstadt und gestorben 1837 in Zürich) erwies sich als der „bedeutendste und eigenschöpferischste“ deutsche Dramatiker „zwischen Romantik und Realismus“. (12) Keiner be­stimm­­ten Stilepoche zugehörig, vereint er Vergangenes und Zukünftiges in seinen Werken: die „bürgerlich-ju­gendliche Erneuerungsbewegung“ (13) des „Sturm und Drang“ mit dem psychologischen Realismus des 19. Jahrhunderts. Darüber hin­aus gilt er auch als Vorläufer des Expressionismus und – für Bert Brecht und Gerhart Hauptmann – des Naturalismus. Außer Dramen und Dra­menfragmenten sind noch ein Novellenfragment sowie ra­dikal-politische Schrif­ten des Dichters bekannt.

Wozzek, ein Dramenfragment, entstand 1836 als letztes Werk Büchners. In ihm kommt die „tragisch-pessimistische“ (14) Welt­anschauung des Dichters und sein ständiges Fragen nach dem Sinn menschlicher Existenz besonders klar zum Ausdruck. Die Beziehung der beiden Hauptfiguren, des geistig beschränkten und von der Ge­sellschaft gedemütigten Außenseiters Wozzek und Maries, seiner ihn betrügenden Geliebten, endet aufgrund der Charaktere und der Um­stände tragisch.

2. Prosper Merimée, französischer Schriftsteller (geboren 1803 in Paris und gestorben 1876 in Cannes), ist als Verfasser von Dramen, Balladen, historischen Romanen und Novellen bekannt geworden. Er verbindet zwei gegensätzliche Stil­richtungen der Literatur: die Ro­mantik mit dem Realismus. In der Romantik kommt die „spie­lerische Freiheit“ des Dichters, sein „Bewußtsein der unüber­brück­baren Kluft von Endlichem und Unendlichem“ zum Ausdruck. (15) Die „Kräfte des Gemüts“, die Hinwendung zur Geschichte und zu den „geheimnis­vollen Volkskräften“ treten in den Vordergrund des Le­bens und der Dichtung. (16) Im Realismus dagegen dominieren zwar in gewisser Weise Pessimismus, Glaubens- und Illusionslosig­keit sowie Resignation, sie werden aber noch im Gleichgewicht gehalten durch eine trotzige Bejahung der Welt, des Menschen und seines möglichen, wenn auch noch so bescheidenen Glücks in dieser Welt. (17)

Carmen ist eine Novelle, die 1843 zum ersten Mal publiziert wurde und ro­mantisch-realistische Züge aufweist. Die „schicksals­hafte Leidenschaft“ (18), das Seltsame und Phantastische werden im Ton des unbeteiligten Bericht­er­stat­ters dargestellt. Die Hauptfiguren sind die heißblütige Zigeunerin Carmen und der vom Schicksal - nicht zuletzt in Gestalt der Geliebten, Carmen – geprüfte José, dem es nur auf tragische Weise gelingt, sich aus seinen Ver­strickungen und zugleich von ihr zu befreien.

Die vierte Vorlesung

hat zum Thema Tolstojs Anna Karenina und Die Frau ohne Schatten von Hof-mannsthal.

1. Graf Lev Nikolaevic Tolstoj, russischer Dichter (geboren 1828 in Jasnaja Poljana und gestorben 1910 in Astapovo) wird als einer der ganz Großen der Weltliteratur gefeiert. Er verfaßte Romane, No­vellen, sozialkritische, theologi­sche und didaktische Schriften und war überdies selbst Kunsttheoretiker. Seine Werke zeigen „eine bis­lang unbekannte Intensität der psychologisch nuancier­ten Beobach­tung“. (19) Tolstojs Stil ist realistisch, ja sogar naturalistisch. Die für den Realismus noch typische Balance von Pessimismus, Resignation und Il­lusionslosigkeit einerseits, sowie humanistischem Streben nach Vollkommen­heit und nach Daseinsfreude andererseits, wird im Na­turalismus zugunsten einer ein­seitigen Betonung des Negativen ver­schoben: pessimistisch und ohne kriti­schen Abstand wird in der Regel die Wirklichkeit zu kopieren versucht.

Anna Karenina ist ein Roman, den Tolstoj 1877 vollendete: ein psycho­lo­gisch empfindender und gesellschaftskritischer Roman, der sich gleichzeitig um die Erfassung der neuen sozialen Umstände bemüht. (20) Zwischen den Haupt­figuren - der mit einem Karrieri­sten verheirateten Anna Karenina und dem Offizier Wronsky – ent­steht eine Liebesbeziehung, die nicht nur zum Ehebruch, sondern nach leidvollen Erlebnissen, die die Titelheldin inmitten der Gesell­schaft vereinsamen lassen, zum tragischen Tod durch Selbstmord führt.

2. Hugo von Hofmannsthal, österreichischer Dichter (geboren 1874 in Wien und gestorben 1929 in Rodaun), hob sich heraus als Lyriker, Dramatiker, Erzähler und Essayist. Anfänglich noch vom franzö­sischen Symbolismus beeinflußt, wur­de er später einer der wichtig­sten Vertreter des deutschen Jugendstils bezie­hungs­weise der Neuro­mantik, die besonders als Gegenströmung zum Natura­lismus bedeutsam ist. Wesentlicher Gegenstand dieser Stilepoche ist das „Nicht­alltägliche“, das „Wunderbare“, das „Geheimnisvoll-Magi­sche“; typisch für sie ist die Hinwendung zum Geschichtlichen und Exotischen. (21)

Die Frau ohne Schatten ist eine Märchen-Erzählung, die Hof­mannsthal 1919 abschloß. Die Hauptfiguren der Erzählung – Kaiser und Kaiserin, sowie der primitive Färber und seine schöne, aber eitle Frau – bilden, schicksalhaft mitein­ander verbunden, ein magisches Doppelpaar, in dem sich die menschliche Tra­gik offenbart: „Schön­heit und Reinheit und Adel auf der einen, Fruchtbarkeit und Mensch­lichkeit auf der anderen Seite schließen sich aus. Das eine ist nur um den Preis des anderen zu gewinnen.“ (22) Nur durch Verstrickung in Schuld, durch Krise und selbst erfahrenes Leid gelangt der Mensch zur Erlösung: Beide Frauen erhalten den „Schatten“, das Zeichen der Fruchtbarkeit, aufgrund der menschlichen Wandlungen, die sich in­folge der durchlebten Krisen bei den Haupt­figuren vollziehen.

Die fünfte Vorlesung

Vereint thematisierend Gerhart Hauptmann und seinen Fuhrmann Henschel mit Henrik Ibsen und seiner Wildente.

1. Gerhart Hauptmann, deutscher Schriftsteller (geboren 1862 in Obersalz-Brun­nen und gestorben 1946 in Agnetendorf), gehört als Dichter, Dramatiker und Er­zähler der Stilepoche des pessimistisch gestimmten Naturalismus an, in dem die Wirklichkeitsdarstellung durch das Ausschalten der subjektiven Phanta­sie ge­kenn­zeichnet ist. Gleichzeitig ist die Darstellungsweise stark psycholo­gisch und ge­sellschaftskritisch gefärbt und bringt ein intensives soziales Mitge­fühl zum Aus­druck. Das naturalistische Drama „hat vor allem Cha­rak­tere zu zeichnen. Die Handlung ist nur Mittel.“ (23)

Fuhrmann Henschel ist ein Drama aus dem Jahre 1879. Im Mittelpunkt der Handlung steht das charakterlich geprägte Verhält­nis der beiden Hauptfiguren zueinander: des alternden und schließ­lich tragisch scheiternden Fuhrmanns Hen­schel, der durch seine ihn betrügende zweite Frau, die rücksichtslos emporstre­bende ehemalige Magd Hanne, an das seiner ersten Frau im Moment ihres Ster­bens gegebene, aber gebrochene Versprechen erinnert wird, keine zweite Ehe mit Hanne einzugehen.

2. Henrik Ibsen, norwegischer Dramatiker (geboren 1828 in Skien und gestorben 1906 in Oslo), ist in seinem anfänglichen literarischen Schaffen von der nor­wegischen Romantik bestimmt. In der Folgezeit wendet er sich jedoch dem gegenwartsbezogenen Gesellschafts­drama zu und beeinflußt mit seinem pessi­mi­stisch gefärbten Natu­ralismus die Literatur der skandinavischen Länder und Deutschlands.

Die Wildente ist ein Gesellschaftsdrama und entstand in den Jahren 1883 / 1884. Hauptheld ist zweifelsohne der schwächliche Phantast Hjalmar Ekdal, der „zum Inbegriff des substanz- und will­lenslosen, sich selbst belügenden Schwind­­lers geworden ist“. (24) Zugleich ist Ibsens Schauspiel jedoch auch das Drama des tragischen Verhältnises zur Wahrheit und ihrer Ambivalenz, welcher auch Hedwig, die angebliche Tochter Ekdals, schuldlos zum Opfer fällt.

Die sechste Vorlesung

mit welcher der Vorlesungszyklus endet, bespricht Camus‘ Der Fremde und die Endzeitfiguren aus vier Theaterstücken von Beckett.

1. Albert Camus, französischer Schriftsteller (geboren 1913 in Mondovi, Alge­rien, und gestorben 1960 in Sens), schrieb Romane, Dramen und Essays, in denen er eine existentialistisch orientierte Philosophie des Absurden vertrat. Trotz der rationalen Erkenntnis der absoluten Sinnlosigkeit menschlichen Da­seins versucht Camus, das natürliche Glücksverlangen des Menschen zu wahren (25) und damit einem ans Tragische grenzenden Pessimismus zu entkommen, der dem Existentialismus eigen ist.

Der Fremde ist eine aus dem Jahre 1940 stammende Erzählung. Ihre Haupt­figur ist der Angestellte Merseault, dessen allmähliches Bewußtwerden seiner selbst die Tragik menschlichen Seins allge­mein symbolisiert: „Der Mensch ist von vornherein durch ein ab­surdes Weltgericht zum Sterben verurteilt; er re­vol­tiert dagegen mit dem Bekenntnis zu eben dieser Absurdität.“ (26)

2. Samuel Beckett (geboren 1904 in Dublin, gestorben 1989 in Paris), irischer Dramatiker und Erzähler, schrieb viele seiner Werke in französischer Sprache; sie sind „vom absoluten Pessimismus und von der Überzeugung der Absurdität menschlicher Existenz ge­prägt“. (27) Beckett gilt als Hautvertreter des „absur­den Theaters“ als zeitgenössischer literarischer Bewegung. Das „absurde Thea­ter“ ist wesentlich gekennzeichnet durch den Protest gegen „bürgerliche Schein­sicherheit, unechte Lebensführung und lebensfernen Intellek­tualismus“. (28) Die zugehörigen Dramen haben weder eine logische Handlung noch eine logische Re­defolge: Die Figuren reden aneinan­der vorbei und werden schließlich „zu sinnlos handelnden Marionet­ten ohne psychologische Konsequenz“. (29) Marie Luise Kaschnitz schließt ihre Vorlesungsreihe mit vier Theaterstücken Becketts, die alle die „Endgeschichte der Menschheit“ (30) zum Thema haben.

Warten auf Godot, ein Schauspiel aus dem Jahre 1952, zeigt vier – zwei Paare bildende – Hauptfiguren: Wladimir und Estragon, zwei in stets von neuem zunichte gemachter Hoffnung verweilende Land­streicher, sowie Pozzo und Lucky, die als Verkörperung mensch­licher Brutalität beziehungsweise Entwür­di­gung sich gegenseitig bedingen.

Endspiel ist ein Einakter aus dem Jahre 1957. Wiederum bilden die vier han­delnden Figuren in gewisser Weise zwei Paare: der blinde und gelähmte Hamm und sein ihm dienender, zur Ruhe­losigkeit verdammter Sohn Clov einerseits, die langsam dahin­siechenden, ja verwesenden Eltern Hamms andererseits. Es ist die tragische Geschichte von vier Menschen, die „sich im Kampf gegen das lastende Bewußtsein ihrer selbst“ erschöpfen, die Geschichte von unerfüllter Hoffnung, von ziellosem Suchen und von Einsamkeit in einer sinnentleerten Welt. (31)

Alle die da fallen ist ein Hörspiel aus dem Jahre 1957. Die Hauptfiguren sind Mr. Roney und Mrs. Roney, ein altes Ehepaar. Auch hier triumphiert wieder die Illusionslosigkeit angesichts einer sinnlosen und den Menschen zur Vereinsa­mung verdammenden Welt, in der jedes Versprechen von Hoffnung wie Hohn wirkt und nur ein „schmerzliches Gelächter“ auszulösen vermag. (32)

Das letzte Band schließlich ist ein Einakter aus dem Jahre 1958. Die Ein­sam­keit des Menschen, zumal des alten Menschen, ist das zentrale Thema. Krapp, allein auf der Bühne, ist mit sich und seiner eigenen Geschichte kon­frontiert: eine Geschichte aneinanderge­reihter Verluste (33), endender Liebe, quälender Vereinsamung, die den seiner selbst bewußten Menschen zeitlebens bedroht und ihn zu einer tragischen Existenz zu verurteilen scheint.

3. Die Hypothese des in den Frankfurter Vorlesungen vertrete­nen

tragischen Menschenbildes

Ist die Auswahl ihrer Vorlesungsthemen und – gestalten nun wirk­lich so will­kürlich, wie Marie Luise Kaschnitz in jenem In­terview mit Andreas Razu­mors­ky selbst behauptet hat? Vergleicht man daraufhin die Autoren – ihre Na­tio­nali­tät, die Daten und Orte ihrer Geburten und ihres Sterbens, ihre Zugehö­rigkeit zu bestimmten Stilepochen sowie die von ihnen vertretenenen litera­rischen Gattun­gen, so lassen sich in der Tat keine Gemeinsamkeiten finden, wenngleich der „Re­alismus“ besonders stark vertreten ist. Zu einem ähnlichen Ergebnis scheint man bei der Durchsicht der ausgewählten Werke zu gelangen: Auch hier wieder eine Fülle an Material aus verschiedenen Stilepochen, den unterschiedlichsten literarischen Gat­tungen zuzuordnen.

Und dennoch ist die Auswahl bestimmter „Unsterblicher“ aus dem Pantheon der europäischer Literatur in objektiver Sicht nicht willkürlich; jene Gestalten stehen zueinander in einem wesentlichen Zusammenhang, der sich nicht auf ihre literarische Unsterblichkeit beschränkt. Die Auswahl gerade dieser „Unsterbli­chen“ macht vor allem einen bestimmten Aspekt des „ewig Menschlichen“ trans­­pa­rent: die Tragik des Menschen, die in allen ausgewählten Stilepo­chen zu­mindest unterschwellig anklingt und die sich in der in­terpretativen Darstellung, die Marie Luise Kaschnitz von diesen Gestalten gibt, facettenhaft zusammen­setzt und ein Gesamtbild, ein tragisches Menschenbild entstehen läßt.

Hinzu kommt, daß Marie Luise Kaschnitz – sowohl in formaler als auch in in­haltlicher Hinsicht – ihre Auswahl stark von Paar­bildungen her bestimmt. Nicht nur die einzelnen Vorlesungen pro­ble­matisieren jeweils zwei literarische Wer­ke, auch in den Werken selbst interpretiert die Dichterin vorzugsweise – wenn nicht letztlich ausnahmslos (denn selbst die Figur des Krapp kann ohne übertrie­bene Interpolation noch als Dialog des rüstigen Mannes mit dem Greis verallgemeinert werden) – die (tragische) Beziehung zweier Figuren oder zweier Figurenpaare, wobei das Verhältnis zwischen Mann und Frau ganz deutlich do­miniert. (34)

An dieser Stelle kann nun die Hypothese der vorliegenden Arbeit wiederholt und zugleich präzisiert werden. Die Tatsache, daß Marie Luise Kaschnitz in der Auswahl und Darstellung ihrer Vorlesungs­themen im Jahre 1960 die Tragik des Menschen allgemein, aber vor allem auch jene spezielle Form der Tragik betont, die die Beziehung von Mann und Frau betrifft, verweist sicherlich auf die noch frische Erfahrung des Todes ihres Mannes und erlaubt daher den hypothe­tischen Schluß, daß die persönliche Anthropologie, die den jeweili­gen Interpretationen zugrunde liegt, von jenem tragischen Erlebnis ihres eigenen Lebens her zu ver­stehen ist. Die Arbeitshypothese auf eine Kurzformel gebracht lautet daher: Das Menschenbild der „Frank­furter Vorlesungen“ von Marie Luise Kaschnitz ist tra­gisch. Diese Hypothese soll im anschließenden Teil der Untersuchung veri­fiziert werden.

Abschließend sei jedoch noch folgendes klargestellt: Die soeben formulierte Hypothese widerspricht nicht jener von Razumorsky berichteten Behauptung von Marie Luise Kaschnitz, ihrem Eigen­verständnis, daß ihre Auswahl willkür­lich erfolgt sei. Aber in eben diesem Kontext gilt es, sich jenes berühmten her­meneutischen Grund­satzes zu erinnern, der auf Schleiermacher zurückgeht: Man müsse, wenn nötig, einen Autor besser verstehen als dieser sich selbst verstan­den hat, man müsse ihn schöferisch interpretieren. Dies tut nicht nur Marie Luise Kaschnitz selbst in ihren Vorlesungen (35), das ist auch in gewissem Maße die Absicht der Hypothese der vorliegenden Arbeit.

Kapitel 2 Verifikation der Hypothese des tragischen Menschen­bildes der Frankfurter Vorlesungen

Die großen Lebensvorgänge sind mir wichtiger als die Eigen­schaften des In­dividuums. Wie in: Ja, mein Engel treten auch in anderen meiner neuen Ge­schichten die persönlichen Eigen­schaf­ten der Menschen und ihre persönliche Tragik hinter die allge­mei­ne Tragik des menschlichen Daseins zurück. (1)

1. Die konstitutiven Elemente des tragischen Menschenbildes allgemein

Die rein etymologische Betrachtung des Tragik-Begriffes scheint auf den ersten Blick wenig hilfreich zu sein: „Tragik“ geht zurück auf „Kunst der Tra­gödie“ (tragike techne); „Tra­gödie“ (tragodia) aber meint „Bocksgesang“. Wie Gero von Wilpert mit Recht bemerkt, ist die Tragödie aber „doch wohl kaum ‚Gesang der Böcke‘“, „sondern ‚Gesang um den Bock‘ als Preis oder Opfer“. (2) Dieser Gedanke des Opfers nähert sich nun doch dem Bild des tragischen Hel­den, der das Opfer seines Charakters oder / und seines Schicksals wird. Tra­gik ist mit dem Selbstopfer, mit dem freiwillig angenommenen und bewußt erlebten Untergang des tragischen Helden verbunden. Das Opfer, der Untergang des Helden hat „tragödien-spezi­fische“ Vor­aus­setzungen, Ursachen, Verlaufsformen und Wir­kun­gen; es ist darüber hinaus von symbolischer Bedeutung.

Die Notwendigkeit des Unterganges und seines bewußten Erlei­dens erklärt sich aus dem tragischen Gegensatz des Helden zur Welt (3), in den dieser durch seine persönlichen Eigenschaften (in diesem Fall spricht man von subjektiver oder Charaktertragik) beziehungs­weise durch äußere Ereignisse (hier ist die Re­de von objektiver oder Schicksalstragik) gerät. Es ist ein Gegensatz, der insofern unaus­weich­lich ist, als der tragische Held gerade jener Mensch ist, der kom­pro­mißlos Forderungen stellt und in seinem Handeln (absolute) Werte bejaht, die in der Welt und durch die Welt mit gleicher (wenn auch oft unbewußter) Strenge verneint werden.

Der Held ist jedoch nicht immer schon tragisch, obgleich sein tragischer Untergang durch dunkle Schicksalsmächte oder für ihn verhängnisvolle Cha­raktereigenschaften sozusagen vorherbestimmt ist. Lucien Goldmann, französi­scher Literatursoziologe (4), schreibt in seiner Analyse der Tragödie Berenike von Racine:

Der tragische Held war einst ein Mensch wie die anderen; er lebte in der I­l­lusion und mit einem falschen Bewußtsein; er glaubte, die Forderungen der Wahrheit und der Pflicht hinter­gehen, sich mit der Welt in Einklang bringen und glücklich leben zu können. Im Unterschied zu den anderen Menschen je­doch begegnete er eines Tages Gott; und da er ihn erkannte, fand er sich selbst. (5)

Mit anderen Worten: der tragische Held wird tragisch, gerät in Kon­flikt mit der Welt und geht unter, weil er in einem bestimmten Augenblick seines Lebens sich seiner wesentlichen Verpflichtungen gegenüber bestimmten (absoluten) Wer­ten bewußt wird und sie von da an kompromißlos gegen die zweideutige Welt verteidigt: wohl wissend, daß seine eigene Haltung und Handlungsweise ihn zum Scheitern, zum Untergang in dieser Welt verurteilen. Aber gerade im vorausgesehenen und freiwillig akzeptierten tragischen Ende werden jene der Welt entgegengesetzten Werte endgültig bestätigt. Im Un­ter­gang triumphieren die persönliche Größe des Helden und sein Ideal.

In seinem Hauptwerk Der verborgene Gott, das in der struktu­ralistischen Be­wegung Frankreichs eine wesentliche Rolle gespielt hat, bietet Lucien Gold­mann unter anderem eine hervorragend klare, stichworthafte Zusammenfassung der wesentlichen Merkmale des tragischen Menschen und der menschlichen Tra­gik allgemein:

Mit den vorangehenden Seiten konnten wir, wie wir hoffen, die Grundele­men­te des tragischen Bewußtseins darlegen und ihre Kohärenz sowie ihren inne­ren Konnex klären: den paradoxen Charakter der Welt, die Bekehrung des Menschen zu einer we­sent­lichen Existenz, die Forderung nach absoluter Wahr­heit, die Ablehnung jeglicher Zweideutigkeit, jedes Kompromisses, die Forderung nach der Synthese der Gegensätze, das Bewußtsein der Grenzen des Menschen und der Welt, die Einsamkeit, die unüberbrückbare Kluft, die den Menschen sowohl von der Welt als auch von Gott trennt, die Wette auf einen Gott, dessen Existenz unbeweisbar ist, das ausschließliche Leben für diesen stets anwesenden und abwesenden Gott und schließlich, als Konse­quenz dieser Situation und dieser Haltung: Primat der Moral über das Theo­retische und über die Leistung, Aufgabe jeder Hoffnung auf materiellen Sieg oder ganz einfach auf Zu­kunft, aber dennoch Wahrung des geistigen und mo­ralischen Sieges, Wahrung der Ewigkeit. (6)

[...]

Ende der Leseprobe aus 86 Seiten

Details

Titel
Das Menschenbild der Marie Luise Kaschnitz
Untertitel
Eine Analyse ihrer Vorlesungen auf dem Lehrstuhl für Poetik an der Universität Frankfurt im Sommersemester des Jahres 1960
Hochschule
Université Laval
Note
excellent
Autor
Jahr
1983
Seiten
86
Katalognummer
V307687
ISBN (eBook)
9783668059405
ISBN (Buch)
9783668059412
Dateigröße
770 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Marie Luise Kaschnitz; tragisches Menschenbilld, Poetiklvorlesungen 1960
Arbeit zitieren
Alice Baum (Autor:in), 1983, Das Menschenbild der Marie Luise Kaschnitz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/307687

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