Im Sommersemester des Jahres 1960 übernahm Marie Luise Kaschnitz als zweite Dichterin – nach Ingeborg Bachmann – die auf Initiative Professor Viebrocks vom S. Fischer-Verlag gestiftete Poetik-Dozentur an der Frankfurter Universität. Ihre Vorlesungen über Gestalten europäischer Dichtung von Shakespeare bis Beckett bilden den Kern ihres elf Jahre später erschienenen Sammelbandes "Zwischen Immer und Nie" – ein Titel, der dem Gedicht Nachts des von der Dichterin hoch verehrten Paul Celan entliehen ist.
In seinem Artikel Poetik im Hörsaal verweist Andreas Razumorsky auf die Tatsache, daß „Frau von Kaschnitz die Willkürlichkeit (betonte), mit der sie ihre Auswahlliste zusammengestellt habe: es handele sich um Gestalten der Weltliteratur, denen lediglich ihre Unsterblichkeit gemeinsam ist, ihre Zugehörigkeit zu einem bestimmten Parnaß; gefiltert aus dem Leben und der Erfahrung unzählbarer, anonymer Einzelleben, seien sie, der Phantasie der Dichter entsprungen, lebendiger und in ihrer fortdauernden Wirkung realer als so mancher Lebender.“
Dieser Hinweis ist insofern interessant, als er, auf den ersten Blick zumindest, nicht nur das Thema der vorliegenden Arbeit in Frage zu stellen scheint, sondern in Wirklichkeit auch die Antwort bereits implizit bereithält: Wie nämlich – mag man fragen – kann die Analyse einer Vorlesungsreihe, die der Darstellung recht willkürlich ausgewählter „Gestalten der europäischen Literatur“ gewidmet ist, die Möglichkeit geben, das Menschenbild zu ergründen, das von Marie Luise Kaschnitz vertreten wird?
Die Antwort auf diese Frage und damit die Begründung der Möglichkeit der thematischen Analyse liegt in jener Willkür selbst, die ja Ausdruck des von der Dichterin – zumindest in dieser Phase ihres Schaffens – eingenommenen Standpunktes ist. Sie hält offensichtlich genau jene Gestalten – Romeo und Julia, Prospero, Mignon und Werther, Wozzek und Carmen, Anna Karenina und die „Frau ohne Schatten“, Ekdal und Fuhrmann Henschel, Merseault und die Endzeitgestalten Becketts – für Verkörperungen des ewig Menschlichen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die Poetik-Dozentur an der Frankfurter Universität
2. Die Vorlesungen von Marie Luise Kaschnitz und ihre Publikation in Zwischen Immer und Nie
3. Das Menschenbild in den Vorlesungen und seine aktuelle Relevanz
Kapitel 1 Marie Luise Kaschnitz‘ Auswahl der thematischen Gestalten ihrer Vorlesungen
1. Die Hypothese der nicht rein willkürlichen Auswahl
2. Die sechs Vorlesungen
3. Die Hypothese des in den Vorlesungen vertretenen tragischen Menschenbildes
Kapitel 2 Verifikation der Hypothese des tragischen Menschenbildes der Frankfurter Vorlesungen
1. Die konstitutiven Elemente des tragischen Menschenbildes allgemein
2. Die Konkretisierung und Spezifizierung der konstitutiven Elemente des tragischen Menschenbildes in den Gestalten der Frankfurter Vorlesungen
3. Der tragische Mensch in den Vorlesungen der Marie Luise Kaschnitz: Versuch einer synoptischen Rekonstruktion
Kapitel 3 Das tragische Menschenbild der Marie Luise Kaschnitz
1. Leben und Werk der Marie Luise Kaschnitz: Ursachen des tragischen Menschenbildes
2. Die zentralen Themen des literarischen Gesamtwerkes von Marie Luise Kaschnitz: Ausdruck des tragischen Menschenbildes
3. Kritik und Selbstkritik: das tragische Menschenbild im Leben und literarischen Schaffen der Marie Luise Kaschnitz
3.1. Das Urteil der Kritiker
3.2. Die Selbstkritik der Marie Luise Kaschnitz
3.3. Kritische Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Menschenbild in den Frankfurter Vorlesungen von Marie Luise Kaschnitz aus dem Jahr 1960. Das primäre Ziel ist es, die Hypothese zu verifizieren, dass die von Kaschnitz getroffene Auswahl literarischer Gestalten nicht willkürlich ist, sondern ein konsistentes, tragisches Menschenbild widerspiegelt, das stark durch ihre eigene biographische Erfahrung, insbesondere den Tod ihres Mannes, geprägt wurde.
- Die Analyse der Auswahlkriterien für literarische Gestalten in den Vorlesungen
- Die Definition und Konkretisierung konstitutiver Elemente eines tragischen Menschenbildes
- Die Untersuchung der Paarbildungen in den Interpretationen von Kaschnitz
- Die biographische Einordnung des literarischen Schaffens von Marie Luise Kaschnitz
- Die kritische Auseinandersetzung mit Rezeption und Selbstbild der Dichterin
Auszug aus dem Buch
Die erste Vorlesung
wählt William Shakespeare, englischer Dichter und Dramatiker, der – geboren 1564 in Stratfort-upon-Avon und 1616 ebenda gestorben – zweifelsohne eine der wichtigsten Figuren der Weltliteratur ist.
Shakespeare ist ein Künstler der Renaissance, die die gemein-europäische Kulturepoche vom Mittelalter zur Neuzeit umfaßt und gekennzeichnet ist durch ein stark individualistisches Persönlichkeitsideal sowie durch eine tiefe Sehnsucht nach geistiger Erneuerung, nach einer echten Wiedergeburt des Menschen. Der Renaissance-Mensch beginnt, sich seiner eigenen Größe zu besinnen und bleibt doch ein Zweifler, er faßt Vertrauen in die Fähigkeiten des eigenen Verstandes und hofft doch weiterhin auf die geheimnisvollen Kräfte der Natur und die viel beschworenen Schicksalsmächte. „Wo einst Dante noch eine metaphysische ‚jenseitige‘ Ordnung gezeichnet hatte, das Sein und das Seinsollende, zeichnet man jetzt den Menschen, so wie er ist, in seinem Weinen und seinem Lachen, seinem Ernst und seiner Lächerlichkeit." (3) Shakespeare verfaßte Sonette, Kurzepen und Romanzen, vor allem aber Dramen (Tragödien und Komödien). In seinem Werk lassen sich vier Schaffensperioden unterscheiden. Marie Luise Kaschnitz wählte zu ihrer Vorlesungsreihe je ein Drama aus Shakespeares erster sowie letzter Schaffenszeit.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die Poetik-Dozentur von Kaschnitz in Frankfurt ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der Willkürlichkeit ihrer Auswahl an literarischen Gestalten.
Kapitel 1 Marie Luise Kaschnitz‘ Auswahl der thematischen Gestalten ihrer Vorlesungen: Dieses Kapitel prüft die Hypothese, dass die Auswahl der Autoren und ihrer Gestalten kein bloßer Zufall ist, sondern eine inhaltliche Einheit bildet.
Kapitel 2 Verifikation der Hypothese des tragischen Menschenbildes der Frankfurter Vorlesungen: Der Hauptteil analysiert die Interpretationstexte von Kaschnitz hinsichtlich ihrer Übereinstimmung mit den allgemeinen Wesensmerkmalen des tragischen Menschen.
Kapitel 3 Das tragische Menschenbild der Marie Luise Kaschnitz: Der Schlussteil erklärt das tragische Menschenbild durch biographische Faktoren und reflektiert die Rolle der Kritik sowie der Selbstkritik der Dichterin.
Schlüsselwörter
Marie Luise Kaschnitz, Frankfurter Vorlesungen, tragisches Menschenbild, Literaturanalyse, Tragik, Existenz, Einsamkeit, Literaturgeschichte, Werkinterpretation, Biographie, Schicksal, Menschenbild, Moderne, Existentialismus, Werkinterpretation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Menschenbild, das Marie Luise Kaschnitz in ihren Frankfurter Poetik-Vorlesungen von 1960 vermittelt hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Mittelpunkt stehen die Begriffe der Tragik, des tragischen Menschenbildes, die existenzielle Einsamkeit und das Spannungsverhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll verifiziert werden, ob die Auswahl der literarischen Gestalten durch die Dichterin einem bewussten, tragischen Konzept folgt, statt willkürlich zu sein.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine textnahe Analyse, kombiniert mit literaturwissenschaftlicher Verifikation und biographischer Kontextualisierung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der Analyse der Gestalten-Paare aus den Vorlesungen und gleicht deren Merkmale mit einer allgemeinen Definition des tragischen Menschen ab.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind unter anderem Marie Luise Kaschnitz, Frankfurter Vorlesungen, tragisches Menschenbild, Existenz und Literaturanalyse.
Warum spielt der Tod des Ehemannes eine so zentrale Rolle für die Analyse?
Die Autorin argumentiert, dass dieser biographische Einschnitt das Verständnis Kaschnitz' für menschliche Tragik maßgeblich vertieft und ihr literarisches Engagement sowie ihre Vorlesungsgestaltung beeinflusst hat.
Wie bewertet die Arbeit Kaschnitz' eigenes Verständnis ihrer Auswahl?
Die Autorin stellt Kaschnitz' Behauptung der Willkürlichkeit in den Kontext des hermeneutischen Grundsatzes, dass man einen Autor manchmal besser verstehen muss, als dieser sich selbst verstanden hat.
Welchen Stellenwert nimmt die "Fünfte Vorlesung" im Kontext der Arbeit ein?
Diese Vorlesung über Hauptmann und Ibsen dient dazu, den notwendigen Wandel des tragischen Menschen im Vergleich zum Alltagsmenschen zu verdeutlichen.
Was ist das Fazit der Arbeit hinsichtlich der Relevanz des Menschenbildes?
Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass das von Kaschnitz gezeichnete tragische Menschenbild über die Interpretation der Literatur hinausreicht und eine moralische Lektion für den modernen Menschen darstellt.
- Arbeit zitieren
- Alice Baum (Autor:in), 1983, Das Menschenbild der Marie Luise Kaschnitz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/307687