Die bipolare Rolle der jüdischen Frau im Deutschen Kaiserreich. Zwischen jüdischer Tradition und bürgerlicher Emanzipation


Hausarbeit, 2012
15 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Tätigkeitsfelder der bürgerlichen jüdischen Frau und Mutter
1.1 Sorgfältige Erziehung und Bildung der Kinder
1.2. Kultivierung des Heims und des Lebensstils der Familie
1.3. Gesellschaftliche Repräsentation
1.4. Wahrung der jüdischen Traditionen
1.4.1. Aufwertung der Rolle der jüdischen Frau in der Religion
1.4.2 Aufrechterhaltung innerjüdischer Beziehungen
1.4.3 Binnenhochzeit und Ehestiftung

2. Streben nach Bildung und Erwerbstätigkeit

3. Resümee

Bibliographie

Einleitung

Die dualistische Existenz als Jude und Deutscher, Deutscher und Jude scheint dieLebenserfahrung deutscher Juden im Deutschen Kaiserreich grundlegend beeinflusst zuhaben (Shulamit/Heermann 1983:331).

Für kein Mitglied ist diese Aussage so wahr, wie für die jüdische Frau und Mutter. Im Laufe des 19. Jahrhunderts veränderten sich die Form und Funktion der jüdischen Familie und die geschlechterspezifischen Rollenzuweisungen im privaten sowie öffentlichen Bereich stärker als je zuvor in der jüdischen Geschichte. Die rechtliche Emanzipation der Juden 1869, deren zunehmende Akkulturation und sozialer Aufstieg in die Mittelklasse des Deutschen Kaiserreiches führte dazu, dass die bürgerliche Familie und ihre Werte auch zum Leitbild der jüdischen Familie wurden und eine zunehmende Verbürgerlichung stattfand. Die jüdische Bevölkerung lebte nun nicht mehr vollkommen in ihrer eigenen sozialen und kulturellen Sphäre, sondern strebte auf der Basis ihrer rechtlichen Gleichstellung nach der Integration in die Gesamtgesellschaft - bei gleichzeitiger Bewahrung einer speziell jüdischen Gruppenidentität. Die Verfolgung dieses Ziels führte dazu, dass sich die jüdische Familie seit Mitte des 19. Jahrhunderts zwischen zwei Polen bewegte: der Aufrechterhaltung jüdischer Traditionen und Normen im Haus und der Anpassung an den vorherrschenden bürgerlichen Familientyp ihrer Umwelt. Vor dem Hintergrund einer generellen Säkularisierung und der nachlassenden religiösen Aktivität der Männer, wurde der Familie und vor allem der jüdischen Frau die zentrale Rolle als ‘Hüterin‘ jüdischer Tradition zugewiesen. Zudem stellte sie als Erzieherin ihrer Kinder und Repräsentantin ihres Mannes die Hauptperson und Hauptantriebskraft im Prozess der kulturellen Verbürgerlichung der jüdischen Mittelschicht dar. (Vgl. Richarz 1997:69)

Das Bürgertum legte hohen Wert darauf, dass die Ehefrau und Mutter nicht ‚arbeitete’. Zudem sollte das Leben der ‚müßigen Dame’ durch den neuen Wohlstand, neue Gebrauchsgüter und Bedienstete erleichtert werden. Die Sentimentalisierung des Heims und der Mutter und das Bild von der untätigen, vornehmen Dame des Großbürgertums, verfremden allerdings die Arbeit und Mühe, die bürgerliche Frauen täglich leisten mussten. (Vgl. Kaplan 1997:43)

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich allerdings nicht bloß mit bürgerlichen Frauen, sondern speziell mit jüdischen bürgerlichen Frauen im Deutschen Kaiserreich. Sie soll aufzeigen, wie sich die bipolare Rolle dieser Frauen auf ihre verschiedenen Tätigkeitsfelder und ihr Streben nach Bildung ausgewirkt haben. So soll gezeigt werden, dass diese Frauen zwar deutsch und bürgerlich waren, aber gleichzeitig ganz spezielle Charakteristika und Verhaltensweisen in ihrem Wirkungsbereich ausbildeten.

1. Tätigkeitsfelder der bürgerlichen jüdischen Frau und Mutter

1.1 Sorgfältige Erziehung und Bildung der Kinder

Die wichtigste Aufgabe und größte Leistung der jüdischen Frau, vor dem Hintergrund des Wunsches der zunehmenden Akkulturation der Juden, war die sittliche und kulturelle Erziehung der Kinder zur Bürgerlichkeit (Vgl. Richarz 1997:71). Obwohl Väter dem deutschem Recht zu Folge das Bestimmungsrecht über die Familie hatten, besaßen jüdische Mütter in ihren Familien die unmittelbare Autorität, welches unter anderem auf die zunehmende Abwesenheit des Familienvaters zurückzuführen ist. Ende des 19. Jahrhunderts hatte die jüdische Ehefrau ihre Aufgabe als Geschäftspartnerin des Mannes meist verloren, denn es wurde für Frauen nun nicht mehr als angemessen empfunden, zu arbeiten. Somit waren die meisten jüdischen Mütter nicht mehr außer Haus tätig und widmeten sich vollkommen der Erziehung ihrer Kinder, welche sie als die von der gesamten Gesellschaft gepriesene höchste Pflicht der Frauen ansahen.

Von ihnen gingen die ersten prägenden Eindrücke aus. Die Mutter gab die Lebensform der Familie vor und strukturierte und bestimmte das Alltagsleben der Kinder (Vgl. Kaplan 2003:242). Entsprechend den bürgerlichen Standards formte sie die Sprache und Manieren ihrer Kinder und brachte ihnen die richtigen Umgangsformen bei. Des Weiteren achtete sie auf die passende Kleidung ihrer Kinder und verfolgte deren Fortschritte als Schüler. Die bürgerliche jüdische Frau nahm ihre Mutterrolle generell sehr ernst und fühlte sich für die Persönlichkeitserziehung ihrer Kinder allein verantwortlich (Vgl. Richarz 1997:71). Die Erziehung der bürgerlichen Mutter war auf das Erziehungsziel ausgerichtet, ordentliche, sparsame und gehorsame Kinder hervorzubringen, welche die Werte der Zeit - Eigeninitiative, Fleiß und Selbstdisziplin - verinnerlicht hatten. Dabei stand die Ordnung des Familienlebens sinnbildlich für die bürgerliche Ideologie der richtigen Ordnung der Gesellschaft. Die Ordnung bezog sich nicht nur auf jene im Haus und die ordentliche und gewissenhafte Ausführung von Aufgaben, sondern betraf auch die Haltung und das Benehmen der Kinder. Diese sollten immer gerade sitzen und stehen, nicht geräuschvoll essen und in einem höflichen Ton sprechen (Vgl. Kaplan 2003:241). Sogar bei Sonntagsspaziergängen mit der Familie mussten sich die Kinder anständig benehmen:

Natürlich erwartete man von uns Kindern, dass wir uns wie die Sprösslinge andererwohlanständiger bürgerlicher Familien betrugen. Welche Qual, diese Sonntagsspaziergänge [ ... ] .Wir waren alle sehr sorgfältig gekleidet, und man erwartete von uns, dass wir ebenso makelloszurückkehrten, wie wir weggegangen waren. Was für eine Fessel für ein lebhaftes Kind! (Sender 1939, zitiert in Kaplan 1997:78.)

Manche Mütter aus der oberen Mittelschicht stellten eine Amme an, die das Kind für circa ein Jahr stillte und teilweise als Kindermädchen oder Hauspersonal in der Familie blieb. Kritische Stimmen in der Zeitung beschuldigten die Mütter, die Erziehung ihrer Kinder in die Hände fremder Personen zu legen und ihren Pflichten nicht nachzukommen. Diese Kritiker vernachlässigten in ihrer Einschätzung allerdings die Repräsentationsaufgaben, welche die Mütter neben der Erziehung ihrer Kinder wahrnehmen mussten. Die Kinder litten häufig unter der strengen und sehr förmlichen Erziehung. (Vgl. Kaplan 2003:241)

Auch, wenn die zusammengetragenen Aspekte der Erziehungsaufgaben der jüdischen bürgerlichen Frau größtenteils auf die der nicht-jüdischen bürgerlichen Frau dieser Zeit übertragbar sind, so sollte stets beachtet werden, dass es sich bei der jüdischen Bevölkerung um eine aufstrebende, frisch emanzipierte Minderheit in der deutschen Bevölkerung handelte. Der Druck war sowohl auf Mütter als auch auf deren Kinder sehr hoch, mit dem Rest der Bevölkerung in der geistlichen und moralischen Entwicklung konform zu sein. Teilweise liegt sogar der Eindruck nahe, dass jüdische Mütter ihre Kinder besser erziehen und bilden wollten, um deren Akzeptanz in einer antisemitischen Umwelt zu gewährleisten. Dies führte dazu, dass jüdische Mütter häufig zu viel von ihren Kindern erwarteten. Eltern taten beispielsweise alles dafür, um ihre Jungen auf ein Gymnasium schicken zu können und konfrontierten diese ständig mit dem Zwang guter Noten, um ihre Existenz zu sichern. (Kaplan 2003:241)

1.2. Kultivierung des Heims und des Lebensstils der Familie

Wie das Bildungsbürgertum generell, machten die deutschen Juden ihr Ansehen von ihrem Konsumverhalten und den Normen des Privatlebens abhängig. Indem sie das Ideal der Hausfrau als tüchtige Managerin übernahm und sich den Tugenden des anstandslos sauberen und ordentlichen Haushalts verschrieb, unterstützte die jüdische Frau ihre Familien, sich anzupassen. Die Arbeitsnorm deutscher bürgerlicher Hausfrauen lässt sich daran verdeutlichen, dass diese auch dann ihre Arbeit im Haushalt nicht einschränkten, wenn ihre ökonomische und soziale Lage es erlaubt hätte, sondern stattdessen ihren Anspruch erhöhten. Die Gruppe des Bürgertums hebte sich durch Ordnung und Sauberkeit in der Familie im Rahmen eines gewaltigen sozialen Wandels hervor. Speziell die jüdische Bevölkerung hatte einige Gründe, ein ideales Haus zu führen. Zum einen fanden sie in der häuslichen Ordnung einen Ausgleich für ihren einschneidenden Lebenswandel, zum anderen waren die jüdischen Frauen darum bemüht, ihren Familien Akzeptanz im deutschen Bürgertum zu verschaffen. Ein exzellent geführter Haushalt, eine sorgfältige Auswahl der Möbel und gut gebügelte Kleidung waren die Inbegriffe einer vornehmen und kultivierten Lebensweise. Ein nach den bürgerlichen Richtlinien geführtes Haus zeigte, dass Juden dafür geeignet waren, gleichwertige und -berechtige Bürger im deutschen Kaiserreich zu sein. Zudem schuf die penible Sauberkeit Distanz zwischen ihnen und der jüdischen Bevölkerung aus den osteuropäischen Ländern. Für die bürgerlichen Juden konnte Schmutz zur Identifikation mit ihren proletarischen, nicht akkulturierten Glaubensgenossen in Osteuropa führen, welches ihren Emanzipationsprozess hätte gefährden können. (Vgl. Kaplan 1997:51-54)

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die bipolare Rolle der jüdischen Frau im Deutschen Kaiserreich. Zwischen jüdischer Tradition und bürgerlicher Emanzipation
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Friedrich-Meinecke-Institut)
Veranstaltung
Jüdisches Leben- Toleranz und Antisemitismus im langen 19. Jahrhundert
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V307715
ISBN (eBook)
9783668059429
ISBN (Buch)
9783668059436
Dateigröße
638 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
deutsches kaiserreich, jüdische tradition, bürgerliche emanzipation, 19. jahrhundert, rolle, funktion, Bürgertum, Judentum, rolle frau
Arbeit zitieren
Juliane Amthor (Autor), 2012, Die bipolare Rolle der jüdischen Frau im Deutschen Kaiserreich. Zwischen jüdischer Tradition und bürgerlicher Emanzipation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/307715

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die bipolare Rolle der jüdischen Frau im Deutschen Kaiserreich. Zwischen jüdischer Tradition und bürgerlicher Emanzipation


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden