So möchte ich in dieser vorliegenden Arbeit der Frage nachgehen, inwiefern das menschliche Selbst aus Sicht des Existenzialismus und des symbolischen Interaktionismus konstruiert wird. Exemplarisch für diese beiden Strömungen möchte ich mich in dieser Arbeit mit den Werken von Erving Goffman, als Vertreter des symbolischen Interaktionismus, und mit den Werken von Sören Kierkegaard, als Vertreter des Existenzialismus, auseinandersetzten. So soll meine Untersuchungsfrage folgendermaßen lauten: - Wie wird das menschliche Selbst nach Goffman und Kierkegaard konstruiert und welchen Einfluss hat das Gefühl der Angst auf das Selbst nach Goffman und Kierkegaard?
Dabei soll es in dieser vorliegenden Arbeit nicht um eine bloße Darstellung der Theorien beider Autoren zu dieser Frage gehen, sondern ich möchte insbesondere großen Wert auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Autoren zu dieser Frage legen. Inhaltlich möchte ich mich bei dieser vergleichenden Analyse hauptsächlich auf die Werke „Stigma“ und „Wir alle spielen Theater“ (Goffman) sowie „Die Krankheit zum Tode“ und „Der Begriff der Angst“ (Kierkegaard) beziehen. So ergibt sich die Struktur der Arbeit im Wesentlichen aus der eingangs gestellten Fragestellung. Demnach wird die Arbeit grob in drei große Blöcke unterteilt. Im ersten Teil werde ich Sören Kierkegaards Theorie und Standpunkt zum menschlichen Selbst darzulegen. Im zweiten Teil werde ich aufzeigen, wie Erving Goffman das menschliche Selbst sieht und im letzten und dritten Teil werde ich die Standpunkte beider Autoren mit Hilfe von folgenden drei Thesen vergleichen:
- Beide Autoren gehen von der Vorstellung aus, dass der Mensch kein fertig gesetztes Wesen ist, sondern sich im Laufe seines Lebens ein Selbst aneignet.
- Beide Autoren gehen von der Vorstellung aus, dass Angst (und Verzweiflung) den Menschen grundlegend konstituieren.
- Die Strategien der stigmatisierten Personen zur Wahrung ihrer Identität sind die Erscheinungsformen der eigentlichen Verzweiflung nach Kierkegaard.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
3 . Selbstbewusstsein und Sündenbewusstsein
3. 1 Der Begriff Angst
4. Die Erscheinungsformen dieser Krankheit
4.1 Uneigentliche Form der Verzweiflung
4.2 Eigentliche Form der Verzweiflung
4.2.1 Verzweifelt nicht man selbst sein wollen.
4.2.2 Verzweifelt man selbst sein zu wollen.
5. Die Möglichkeit der Freiheit
5.1 Der Weg zum Selbst
5. 2 Verzweiflung als Bestimmung des Geistes
6. Goffmans Grundbestimmung des Menschen
7. Stigma-Der Umgang mit einer beschädigten Identität.
7.1 Stigmata-Management
7.2 Informationskontrolle.
8. Die Konstruktion der Identität im Alltag- „Wir alle Spielen Theater“
8.1 Rolle
8. 2 Darstellung
8.3 Dramatische Gestaltung
8.3.1 Idealisierung
9. Zur Methodik der vergleichenden Analyse
9.1 Das Selbst bei Kierkegaard
9.2 Das Selbst bei Goffman
10. Analyse der Vergleichsthesen
10.1 Erste Vergleichsthese
10.2 Zweite Vergleichsthese
10.2.1 Angst und Verzweiflung bei Kierkegaard.
10.2.2 Angst und Verzweiflung bei Goffman
11. Schlussbetrachtung und Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht und vergleicht die Konstruktion des menschlichen Selbst bei Sören Kierkegaard und Erving Goffman, unter besonderer Berücksichtigung des Einflusses von Angst und Verzweiflung auf die Identitätsbildung.
- Existenzialistische versus symbolisch-interaktionistische Identitätskonzepte
- Die Rolle der Angst als konstitutives Element des Selbst
- Strategien stigmatisierter Individuen zur Wahrung ihrer Identität
- Der Vergleich zwischen Kierkegaards aktivem Selbstwerdungsprozess und Goffmans sozial-konstruierter Identität
Auszug aus dem Buch
4.2.1 VERZWEIFELT NICHT MAN SELBST SEIN WOLLEN.
Die erste Form der Verzweiflung entsteht dadurch, dass das Selbst sich zwar gesetzt hat, sein Selbst aber nicht ertragen kann. Dieses setzt zwangsläufig zwei Sachen voraus: Zum einen muss das Individuum eine Vorstellung über Verzweiflung haben und zum anderen braucht es ein Bewusstsein über sein Selbst/Selbstbewusstsein (Kierkegaard 1997, S. 53). Wie oben beschrieben, werden diese zwei Grundvoraussetzungen durch einen Reflexionsprozess im Individuum eingeleitet, welcher eine Folge der Zerbrechlichkeit der Unmittelbarkeit ist: „Nun widerfährt diesem unmittelbaren Selbst etwas, es stößt ihm etwas zu, was es zur Verzweiflung bringt, (…). Der Unmittelbare wird durch einen Schlag des Schicksals dessen beraubt, was sein Leben ausmacht, (…), kurz er wird unglücklich.“(Zit. Kierkegaard 1997, S.58).
Mit dem Bruch der Unmittelbarkeit setzt nun nach Kierkegaard unmittelbar ein Reflexionsprozess im Individuum an. Das Individuum wird erst dann fähig, sich vom äußeren zu unterscheiden und gewinnt somit eine dunkle Vorstellung von sich selbst (Kierkegaard, S. 60). Nach Kierkegaard bestehen nun zwei Möglichkeiten, wie sich die Reflexionskraft des Selbst auf den Menschen auswirken kann. Wenn die Substitution der Unmittelbarkeit durch die Selbstreflexion nicht radikal genug ist, gewinnt das Individuum nur eine ungenaue Vorstellung von seinem Selbst. Es beginnt wieder, sein Selbst zu verdrängen bzw. zu vergessen. Das Individuum ist nun wieder komplett von außen gesteuert bzw. lebt in der Unmittelbarkeit: „So lange kommt er sozusagen nur dann und wann bei sich selbst zu Besuch, um nachzusehen, ob die Verzweiflung eingetreten sei. Und sobald sie eingetreten ist, zieht er wieder nach Hause zurück, ist wieder er selbst, wie er sagt, was aber nur besagen will, dass er anfängt, wo er aufgehört hatte-er war also bis zu einen gewissen Grad ein Selbst, und mehr wurde auch nicht.“ (Zit. Kierkegaard 1997, S.63).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des menschlichen Selbst ein und stellt die zentrale Forschungsfrage zum Einfluss der Angst bei Kierkegaard und Goffman.
3 . Selbstbewusstsein und Sündenbewusstsein: Dieses Kapitel erläutert den qualitativen Sprung im Individuum und die damit einhergehende Entstehung des Selbstbewusstseins durch die Sünde.
3. 1 Der Begriff Angst: Hier wird Angst als dialektischer Zustand definiert, der erst nach dem Sündenfall auftritt und dem Geist die Freiheit aufzeigt.
4. Die Erscheinungsformen dieser Krankheit: Dieses Kapitel klassifiziert die verschiedenen Formen der Verzweiflung, insbesondere die uneigentliche und die eigentliche Form.
4.1 Uneigentliche Form der Verzweiflung: Diese Form beschreibt den Zustand der Unbewusstheit über das eigene Selbst, in dem das Individuum komplett von außen gesteuert wird.
4.2 Eigentliche Form der Verzweiflung: Hier werden die Formen der Verzweiflung analysiert, die aus Reflexionsprozessen resultieren, wenn das Individuum sein Selbst erkennt, aber nicht erträgt.
4.2.1 Verzweifelt nicht man selbst sein wollen.: Dieses Kapitel behandelt die Schwäche des Individuums, das sein Selbst trotz Erkenntnis verleugnet.
4.2.2 Verzweifelt man selbst sein zu wollen.: Hier wird der trotzige Versuch des Individuums analysiert, sein Selbst ohne den richtigen Maßstab aus eigener Kraft zu erschaffen.
5. Die Möglichkeit der Freiheit: Dieses Kapitel untersucht die dialektische Beziehung zwischen Möglichkeit und Notwendigkeit bei der Selbstwerdung.
5.1 Der Weg zum Selbst: Die verschiedenen Bewusstseinsstufen auf dem Weg zur Selbstwerdung werden hier näher beleuchtet.
5. 2 Verzweiflung als Bestimmung des Geistes: Hier wird argumentiert, dass Verzweiflung ein notwendiges, wenn auch nicht zwangsläufiges Stadium auf dem Weg zum Geist ist.
6. Goffmans Grundbestimmung des Menschen: Dieses Kapitel leitet über zu Goffmans mikrosoziologischem Ansatz der Identität.
7. Stigma-Der Umgang mit einer beschädigten Identität.: Hier werden die Auswirkungen von Stigmata auf die soziale Identität des Menschen diskutiert.
7.1 Stigmata-Management: Dieses Kapitel stellt Strategien wie Täuschung und Impression Management vor, mit denen Betroffene ihr Stigma zu verbergen versuchen.
7.2 Informationskontrolle.: Es werden Techniken zur Kontrolle sozialer Informationen erläutert, um das Risiko einer Entlarvung im Alltag zu minimieren.
8. Die Konstruktion der Identität im Alltag- „Wir alle Spielen Theater“: Dieses Kapitel führt in Goffmans Begriffe Interaktion, Darstellung und Rolle ein.
8.1 Rolle: Die Rolle wird als vorbestimmtes Handlungsmuster definiert, das durch soziale Erwartungen strukturiert ist.
8. 2 Darstellung: Dieser Abschnitt beschreibt das Gesamtverhalten eines Individuums vor einem Publikum und das Konzept der Fassade.
8.3 Dramatische Gestaltung: Die bewusste Betonung des Rollenverhaltens zur Wirkungskontrolle wird hier analysiert.
8.3.1 Idealisierung: Es wird erklärt, wie Individuen versuchen, sich an gesellschaftlich anerkannte Werte anzupassen, um eine Idealisierung zu erreichen.
9. Zur Methodik der vergleichenden Analyse: Dieses Kapitel legt die Thesen fest, auf denen der anschließende Vergleich zwischen den Autoren basiert.
9.1 Das Selbst bei Kierkegaard: Hier wird Kierkegaards Verständnis vom Selbst als Synthese und geistiger Prozess zusammengefasst.
9.2 Das Selbst bei Goffman: Dieses Kapitel fasst Goffmans Verständnis von Identität als sozial konstruiertes Produkt zusammen.
10. Analyse der Vergleichsthesen: Hier findet die detaillierte Gegenüberstellung der theoretischen Ansätze anhand der formulierten Thesen statt.
10.1 Erste Vergleichsthese: Analyse der Vorstellung, dass der Mensch kein fertig gesetztes Wesen ist und sich das Selbst aneignen muss.
10.2 Zweite Vergleichsthese: Diskussion der Bedeutung von Angst und Verzweiflung für die Konstitution des Menschen.
10.2.1 Angst und Verzweiflung bei Kierkegaard.: Konzentration auf die existenzielle Bedeutung dieser Gefühle in Kierkegaards Werk.
10.2.2 Angst und Verzweiflung bei Goffman: Untersuchung, wie Goffman Angst primär im Kontext von Interaktionsstörungen und Impression Management interpretiert.
11. Schlussbetrachtung und Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der Ergebnisse und reflektiert die Aktualität beider Ansätze für die moderne Identitätssuche.
Schlüsselwörter
Identität, Selbst, Existenzialismus, Symbolischer Interaktionismus, Angst, Verzweiflung, Stigma, Rolle, Darstellung, Sozialisation, Sören Kierkegaard, Erving Goffman, Freiheit, Geist, Impression Management
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht und vergleicht die Theorien von Sören Kierkegaard und Erving Goffman zur Konstruktion des menschlichen Selbst.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der existenzialistischen Perspektive Kierkegaards sowie der mikrosoziologischen Sicht Goffmans auf Identität, Interaktion und die Rolle von Angst und Verzweiflung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Autoren bei der Frage zu analysieren, wie das menschliche Selbst konstruiert wird und welchen Einfluss Gefühle wie Angst und Verzweiflung dabei spielen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Analyse, bei der zentrale Thesen beider Autoren gegenübergestellt und kritisch auf ihre theoretischen Annahmen hin untersucht werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst Kierkegaards Verständnis von Selbst, Angst und Verzweiflung sowie Goffmans Ansätze zu Stigma, Rolle und Darstellung detailliert dargestellt und anschließend in einem vergleichenden Teil analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Identität, Selbst, Angst, Verzweiflung, Stigma und soziale Konstruktion charakterisieren.
Inwiefern unterscheidet sich Kierkegaards Verständnis von Angst von dem Goffmans?
Für Kierkegaard ist Angst eine tief im menschlichen Geist verwurzelte Grundbedingung, die mit Freiheit verbunden ist, während Goffman Angst primär als Resultat von Interaktionsprozessen und der Furcht vor Entlarvung im sozialen Alltag sieht.
Warum vergleicht der Autor gerade Kierkegaard mit Goffman?
Der Vergleich dient dazu, zwei grundlegend verschiedene Ansätze – einen existenzialistischen, auf das Individuum fokussierten Ansatz und einen sozialwissenschaftlich-interaktionistischen – zur Erklärung menschlicher Identität einander gegenüberzustellen.
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- Matthias Gerdes (Author), 2015, Das Selbst bei Kierkegaard und Goffman, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/307725