Die NATO im Wandel. Eine sozialkonstruktivistische Analyse der NATO-Osterweiterung


Hausarbeit, 2013
21 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

A. Einleitung

B. Analyse der NATO-Transformation
I. (Sozial-) Konstruktivistische Grundannahmen
1. Akteure und ihr Handeln.
2. Struktur und ihre Auswirkung.
3. Kooperation
4. Der Sozialisationsprozess.
5. Gemeinschaften, Systeme & Konflikte
II. Der Sozialkonstruktivismus, Sicherheitspolitik & die NATO
1. Die Institutionalisierung der Staatengemeinschaft
2. Die NATO
III. Die Osterweiterung im Zuge der NATO-Transformation
1. Der strukturelle Wandel der NATO
2. Der geographische Wandel der NATO
IV. Verhaltensanalyse der einzelnen Akteure
1. Visegrad-Staaten
2. Baltikum und Südosteuropa
3. Russland.
4. NATO

C. Fazit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

A. Einleitung

Die NATO ist derzeit zweifelsohne das stärkste und mächtigste Militärbündnis der Welt. Aus den Nöten des Kalten Krieges entstanden, hatte es in der bipolaren Welt primär die Aufgabe ein Gegengewicht zum Warschauer Pakt, das heißt vor allem zur Sowjetunion, zu bilden. Fünfzig Jahre lang war sie der Garant für die Sicherheit Europas und der gesamten westlichen Welt.

Die veränderte sicherheitspolitische Weltlage, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 und der Auflösung des Warschauer Paktes, warf mehrere Fragen im Bezug auf die Not- wendigkeit eines Weiterbestehens der NATO auf. Es gab Stimmen aus dem politischen und wissenschaftlichen Bereich, die das Ende des Atlantik-Bündnisses mangels Realgegner pro- phezeiten.1

Entgegen allen Erwartungen hat die NATO den sicherheitspolitischen Wandel nicht nur überstanden, sondern vollzog darüber hinaus eine komplexe Transformation, infolgedessen das Bündnis sogar an Mitgliedern hinzugewann. Die neuen Mitglieder der NATO kamen aus den Reihen der ehemaligen Warschauer Pakt-Staaten. Die meisten von ihnen haben unmittelbar nach der Erlangung der vollständigen Unabhängigkeit von der Sowjetunion ein Interesse am westlichen Bündnis signalisiert.2 Diese Expansion der NATO nach Osten wurde von der ehemaligen Großmacht Russland nicht nur besorgt beobachtet, sondern letztendlich abgelehnt.3 Die anfängliche Annäherung des Westens an die, aus der Sowjetunion hervorgegangene, Russische Föderation wurde durch neue Spannungen und Misstrauen abgelöst, die u.a. im Aussetzen des KSZE-Vertrages durch Russland ihren Gipfel erreichten.4

In Anbetracht dieser Tatsachen lässt sich folgende Behauptung aufstellen: „Die transformierte sicherheitspolitische Internationale Organisation - die NATO, trägt durch die eigene Erweiterung um die Mitgliedstaaten des ehemaligen Ostblocks zu einer neuen Konfrontation anstatt zur Sicherheit in Europa bei.“

Um diese These zu überprüfen ist die Beantwortung folgender Fragen notwendig: Warum hat sich die NATO am Ende des Ost-West-Konflikts nicht aufgelöst? Wie kann ihre Transformation und Erweiterung erklärt werden? Sofern die Erweiterung der Sicherheit dienen sollte, warum wurde Russland nicht ebenfalls mit integriert?

Da der Realismus und der Neorealismus, die die Gründung die Funktionalität und das Fortbe stehen der NATO während des Kalten Krieges zwar bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion erklären konnten, in der neuen Situation jedoch an ihre Grenzen gestoßen sind,5 wird in dieser Arbeit die sozialkonstruktivistische Perspektive eigenommen.

B. Analyse der NATO-Transformation

Der Arbeit liegt folgendes Vorgehen zu Grunde. Zunächst soll der theoretische Rahmen abge- steckt werden. Dazu werden die Grundannahmen des (Sozial-) Konstruktivismus erläutert. Die Theorie soll fallspezifisch6 eingegrenzt und auf die Sicherheitspolitik zugespitzt werden. Im zweiten Teil wird der Vorgang der Transformation unter besonderer Berücksichtigung der NATO-Osterweiterung empirisch nachverfolgt und im Zuge dessen mit sozialkonstruktivisti- schen Annahmen erklärt. Im Schlussteil wird die Kernthese überprüft und das daraus folgende Ergebnis präsentiert.

I. (Sozial-) Konstruktivistische Grundannahmen

Die konstruktivistische Theorie der Internationalen Beziehungen zeichnet, ähnlich wie den Liberalismus, ein starker Bezug zum Idealismus aus.7 Der wesentliche Unterschied zu Theo- rien wie z.B. Realismus besteht darin, dass nicht etwa materielle Ressourcen und deren Ver- teilung im internationalen System im Vordergrund stehen, sondern ideelle, „intersubjektive“ Strukturen.8 Dementsprechend neigen die Akteure dazu, sich an ideellen Strukturen wie ge- meinsamen Werten und Normen auszurichten und Kooperationen nur mit solchen Akteuren einzugehen, welche ebendiese ideellen Strukturen teilen. Dies wird durch einen Sozialisati- onsprozess begleitet, im Zuge dessen die ideellen Strukturen vertieft und verbreitet werden. Zu Akteuren, die andere ideelle Strukturen besitzen besteht grundsätzlich ein misstrauisches Verhältnis, wodurch eine Kooperation sehr schwierig ist. Dies führt zu Ideologiekonflikten, was zu gegenseitigen Abgrenzung führt.9

1. Akteure und ihr Handeln

Anders als die meisten Theorien bietet der Konstruktivismus nicht ausschließlich den Staat als Akteur an, sondern ergänzt die Bandbreite, abhängig von der jeweiligen Strömung, um ein Vielfaches. Demnach können Akteure Staaten, zivilgesellschaftliche Netzwerke oder sogar Individuen sein.10 Dabei bleiben die Staaten dennoch der Hauptakteur in den internationalen Beziehungen.11

Die Akteure handeln nicht etwa zweckrational oder sind ausschließlich darauf aus Gewinne zu erzielen, sondern handeln nun vielmehr im Sinne ihrer normativen Verpflichtungen um den sozialen Erwartungen ihrer Partner zu entsprechen. Das heißt, dass das Entsprechen den Erwartungen für sie eher im Vordergrund steht als die Folgen ihres Handelns. Auch wenn zwischen Akteuren keine Einigkeit im Bezug auf bestimmte Werte und Normen besteht, handeln sie weiterhin kommunikativ, das heißt, sie treten einen Diskurs ein um einen Konsens zu finden.12 Dieses kommunikative Handeln ist ein wichtiger Punkt des Ansatzes. Er unterstreicht, dass die Identität und Interessen der Akteure, nicht von vornerein feststehen müssen, sondern einem Wandel in Folge des Interaktionsprozesses unterworfen sind.13

2. Struktur und ihre Auswirkung

Die Anarchie wird auch vom sozialkonstruktivistischen Ansatz bejaht.14 Allerdings wird die- ser Zustand nicht als gegeben hingenommen. Es wird hingegen behauptet, die Anarchie sei ein Produkt des staatlichen Handelns. Das internationale System ist demnach eine Sozialkon- struktion aus intersubjektiven Strukturen wie Wissen, Werte, Normen und Identität. Ebendie- ser Sozialkonstruktion können kausale Effekte zugeschrieben werden.15 Durch Prozesse in- nerhalb steigender Interdependenz und durch die Übernahme und Harmonisierung von Wis- sen, Werten und Normen entstehen kollektive Identitäten.16 Demnach ist die allgemein ange- nommene Anarchie nicht etwa die Abwesenheit, sondern eine von Akteuren konstruierte Form einer sozialen Ordnung. Es kommt, angelehnt an Wendt, tatsächlich darauf an, was die Staaten aus der Anarchie machen.17 Es könnte also folgendes angenommen werden: Besitzen Staaten weitgehend analoge kollektiven Identitäten, wirkt sich die Anarchie und das Sicher- heitsdilemma geringfügig oder gar nicht aus. Sind die die Identitäten grundlegend verschie- den, verstärkt es den negativen Effekt der Anarchie.

3. Kooperation

Für das Kooperationsverhalten der Akteure ergibt sich daraus ein extremes Bild. Denn anders als bei zweckrational handelnden Akteuren, verhalten sich die Akteure im Konstruktivismus nunmehr prinzipiell. Das heißt, es geht ihnen nicht mehr darum Gewinne einzufahren, son- dern darum durch angemessenes Handeln ihren Prinzipien und somit der Erwartungshaltung der „Identitätskollegen“ gerecht zu werden. Dieses Vorgehen schränkt die Flexibilität des Handelns stark ein.

Zwei Effekte sind bezeichnend für den Kooperationsbereich. Zum einen ist es der positive Effekt der Verringerung des kooperationsbezogenen Dilemmas. Akteure, die in Ihrer Identi- tätsstruktur sehr ähnlich oder gar gleich sind, haben wesentlich weniger Bedenken Kooperati- onen miteinander einzugehen, da das Vertrauen aufgrund der gemeinsamen Prinzipienbasis stark ansteigt. Identische Akteure gehen sehr leicht Kooperationen ein, wobei aus gemeinsa- men Ideen eine kollektive Identität entstehen kann.18 Der aus der Kooperation hervorgehende Nutzen wird nicht mehr als relativer oder absoluter Gewinn gesehen, sondern ist der Nutzen aller Mitglieder dieser Identitätsgemeinschaft, woraus eine „Kultur der Freundschaft“ ent- steht.19

Demgegenüber steht der negative Effekt der „Feindschaft“. Akteure mit entgegengesetzten Identitätsstrukturen neigen prinzipiell dazu sich gegenseitig zu misstrauen. Auch wenn eine Kooperation einen materiellen Erfolg oder Nutzen verspricht, kommt eine Kooperation nicht zu Stande, da die Akteure eine grundsätzliche Antipathie zu einander haben. Stattdessen ent- wickelt sich ein Konkurrenzverhalten, dessen Ziel es ist, sich gegenseitig zu schaden und ei- nander zu übervorteilen. Gerade wegen der kategorischen gegenseitigen Ablehnung ist eine Auflösung der Feindschaft, etwa durch die Institutionalisierung der Beziehungen, wirkungs- los.20

4. Der Sozialisationsprozess

Die Ideen, Werte und Normen innerhalb der sozialen Identität der Akteure werden nicht als naturgegeben und auch nicht als starr angesehen. Sie können sich fortwährend weiterentwickeln und verändern, so dass die Identität der Akteure beeinflusst wird, und sie sich mit anderen Gemeinschaften identifizieren können.21

Der tragende Prozess hierbei ist die Internationale Sozialisation. Im Zuge dieses Prozesses wird ein Akteur von einem anderen Akteur oder einer bereits bestehender Gemeinschaft durch ihre Ideen, Werte und Normen so sozialisiert, dass er sie übernimmt und sich somit als ein Teil dieser Gemeinschaft sieht. Das zur Verfügung stehende Mittel ist hierbei die Überzeu- gung durch Argumentation. Da Staaten im Konstruktivismus nicht die einzigen Akteure sind, findet die Argumentation auf verschiedenen Ebenen statt. Als Sprachrohre für Wissen, Nor- men, Werte und Ideen können IOs, NGOs, zivilgesellschaftliche Netzwerke oder Gemein- schaften fungieren. Um einen erfolgreichen Diskurs einzuleiten, welcher tatsächlich Überzeu- gungsarbeit leistet, spielen einige Rahmenbedingungen eine begünstigende Rolle.22 Befindet sich der zu sozialisierende Akteur in einer für ihn neuen Situation, z.B. nach einer grundle- genden Lageänderung, so verläuft der Überzeugungsprozess einfacher, da der Adressat für Neuerungen grundsätzlich offen ist. Ebenfalls einfacher ist es Akteure zu überzeugen, deren bisherige Struktur nicht wesentlich den neuen Ideen widerspricht. Sofern die Neuerungen von einem Akteur vermittelt werden, welcher eine hohe Anerkennung in der internationalen Ge- meinschaft besitzt und seine Ideen darüber hinaus auch auf Anerkennung stoßen, in dem sie z.B. im Völkerrecht verankert sind, wirkt sich das zusätzlich positiv auf den Sozialisations- prozess aus. Und schließlich verläuft der Prozess einfacher und daher erfolgreicher, wenn sowohl der Adressat als auch der Vermittler frei und fair agieren, ohne negativen Einfluss von innen oder außen.23

Anders als im Realismus oder Institutionalismus spielt nicht die Verhandlungsmacht die ent- scheidende Rolle für die Überzeugung, sondern die Argumentationsmacht. Diese leitet sich vor allem aus den Eigenschaften des Ideenvermittlers ab. Überzeugend ist er erst dann, wenn er eine höhere Glaubwürdigkeit innerhalb der internationalen Gemeinschaft besitzt als der Vermittler von gegensätzlichen Ideen. Auch mit steigender Nähe der vermittelten Ideen zu denen, die in der internationalen Gemeinschaft allgemein anerkannt sind, steigt die Argumen- tationsmacht.24

5. Gemeinschaften, Systeme & Konflikte

Der Konstruktivismus sieht die Überwindung des Dilemmas durch Identitätsgemeinschaften in einer „Kultur der Freundschaft“ innerhalb des internationalen Sozialisationsprozesses nicht als die endgültige Problemlösung an.

Eine Ausweitung einer bestimmten Identitätsgemeinschaft muss nicht zwangsläufig den fina- len Anschluss aller Akteure zur Folge haben. Im Gegenteil, eine solche Ausweitung kann eine Gegenreaktion einer anderen Identitätsgemeinschaft auslösen und auf diese Weise zu systemi- schen Konflikten führen, wie die Welt sie bereits mehrmals erlebt hat.25

[...]


1 Waltz (1993), S. 76. „NATO’s days are not numbered, but its years are.“. Ebenfalls dieser Meinung Joffe (1995), S. 4. “[…] wie eine Pflanze ohne Wasser.“

2 Vgl. Schütze (1995), S. 926.

3 Vgl. Wenger / Perovic (1997), S. 3.

4 Vgl. RIA-Novosti (2007).

5 Vgl. Schimmelfennig (2013), S. 227.

6 Hier ganz speziell auf den Ost-Westkonflikt bezogen.

7 Vgl. Zangl / Zürn (2003), S. 118.

8 Vgl. Schimmelfennig (2013), S. 160.

9 Vgl. Schimmelfennig (2013), S. 161.

10 Vgl. Schimmelfennig (2013), S. 162.

11 Vgl. dafür: Wendt (1992), S. 397. Vgl. dagegen: Giddens (1984), S. 220.

12 Vgl. Schimmelfennig (2013), S. 163.

13 Vgl. Risse-Kappen (1995), 176-178. Auch in Übereinstimmung mit Wendt (1992).

14 Vgl. Wendt (1992), S. 424.

15 Vgl. Wendt (1994), S. 385, 389.

16 Vgl. Wendt (1994), S. 385, 391. Ebenso Schimmelfennig (2013), S. 165.

17 Vgl. Schimmelfennig (2013), S. 166, 168.

18 Vgl. Schimmelfennig (2013), S. 169.

19 Vgl. Wendt (1999), S. 254.

20 Vgl. Schimmelfennig (2013), S. 170-171.

21 Vgl. Wendt (1992), S. 398.

22 Vgl. Schimmelfennig (2013), S. 174-175 und Risse (2000), S. 22-23.

23 Vgl. Schimmelfennig (2013), S. 174 und Risse (2000), S. 22-23.

24 Vgl. Schimmelfennig (2013), S. 179.

25 Beispiele sind der Konfessionskonflikt zwischen christlich geprägten Staaten im Mittelalter oder der Systemkonflikt zwischen Ost und West.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die NATO im Wandel. Eine sozialkonstruktivistische Analyse der NATO-Osterweiterung
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Zentrum für internationale Studien)
Veranstaltung
Internationale Institutionen und der Principal-Agent-Ansatz
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
21
Katalognummer
V307792
ISBN (eBook)
9783668065901
ISBN (Buch)
9783668065918
Dateigröße
776 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
nato, wandel, eine, analyse, nato-osterweiterung
Arbeit zitieren
Sergej Erler (Autor), 2013, Die NATO im Wandel. Eine sozialkonstruktivistische Analyse der NATO-Osterweiterung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/307792

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