Schleiermachers religionstheoretisches Modernisierungsprogramm in seinem Werk „Über die Religion“


Hausarbeit, 2014

17 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Ausgangslage und Voraussetzungen
2.1.1 Situation zum Zeitpunkt der Reden
2.1.2 Schleiermachers biographische Prägung
2.2 Reden über die Religion
2.2.1 Religion, Metaphysik, Moral
2.2.2 Entdogmatisierung von Glaubensüberzeugungen
2.2.3 Individualisierung und Pluralität
2.2.4 Deinstitutionalisierung von Religion
2.3 Die gegenwärtige Bedeutung der Reden
2.3.1 Religionsauffassung
2.3.2 Interreligiosität und Interkulturalität

3. Fazit

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„…und Euch liegt es nun ob, zu entscheiden, ob es derMühe werth sein wird, mich zu hören, ehe Ihr Euch in Eurer Verachtung noch mehr befestigt.“1

Was ist Religion? Welchen Platz nimmt sie ein in einer hauptsächlich vernunft- orientierten Welt? Kann Religion ohne Kirche, oder gar ohne Gott existieren? Die Frage nach dem Religionsbegriff wird seit Jahrhunderten behandelt und aus- diskutiert. Trotzdem findet sie nach wie vor eine hohe Beachtung in Wissen- schaft und Gesellschaft.

Der später aufgrund seines Lebenswerkes als „Kirchenvater des 19. Jahrhun- derts“ betitelte Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher wollte diese Problematik des Begriffes für seine Zeit unkonventionell lösen und ihm seine unscharfe Be- deutung nehmen.2 Im Jahr 1799 veröffentlichte er anonym sein Werk „Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern“. Schon durch den Titel wird deutlich, dass er ein bestimmtes Publikum für seine Reden vorgesehen hat. Die christliche Religion war im Zuge der Aufklärung in große Bedrängnis geraten. Zwischen den Fronten des rein vernunftorientierten Rationalismus und der Kant’schen Moralphilosophie waren ihre Anhänger gezwungen sich zu rechtfertigen und sich durch eine Positionierung zu behaupten.

Schleiermacher versucht in seinem Werk sein Verständnis von Religion vorzu- stellen und dadurch jene gebildeten Verächter ihrer Argumentationsbasis zu be- rauben. Er spannt von seiner Apologie einen Bogen über das „Wesen der Reli- gion“ (zweite Rede), die „Bildung zur Religion“ (dritte Rede), das „Gesellige in der Religion (vierte Rede) bis hin zu seiner fünften Rede „Über die Religionen“. Durch diese thematische Fülle und die literarische Leistung innerhalb des Wer- kes auf mögliche Zwischenrufe und andere Sichtweisen der Leserschaft einzu- gehen, vollbringt Schleiermacher einen inhaltlichen und literarischen Kraftakt, um sein Publikum überzeugen zu können. Er will sie nicht belehren oder beein- flussen, sondern die Erfahrung, dass die Religion wie er sie beschreibt ein ele- mentarer Bestandteil des eigenen Lebens ist, ansprechen und hervorheben. Im Rahmen dieser Arbeit sollen seine Reden als religionstheoretisches Moder- nisierungsprogramm präsentiert und dessen gegenwärtige Bedeutung vorgestellt werden. Zu diesem Zwecke ist es notwendig zuerst auf die Situation zum Zeit- punkt der Veröffentlichung einzugehen und Schleiermachers biographische Prä- gung und deren Besonderheiten zu veranschaulichen. Darauf aufbauend sollen seine Reden hinsichtlich ihres Zweckes als Modernisierungsprogramm in den Mittelpunkt gerückt werden. Da die Frage nach der Religion auch heutzutage nicht an Relevanz verloren hat, soll auch die gegenwärtige gesellschaftliche Be- deutsamkeit seines Verständnisses von Religion behandelt werden, um seinen Reden über die Religion zum Schluss eine kritische Würdigung geben zu kön- nen.

2. Hauptteil

2.1 Ausgangslage und Voraussetzungen

2.1.1 Situation zum Zeitpunkt der Reden

Die Aufklärung brachte die christliche Religion im 18. Jahrhundert in eine un- gewohnt bedrängte Lage. Das Bestreben durch neuerworbenes Wissen, Fragen zu beantworten und Fehldeutungen zu beseitigen rückte ins Zentrum, sodass Re- ligion, Aberglaube oder Offenbarung ihren einstigen Rang immer mehr verloren. Die Annahme einer deistischen Vernunftsreligion oder durch atheistische Strö- mungen gar eine Absage an einen Gott, zwangen Theologen und Gläubige sich damit auseinanderzusetzen und zu rechtfertigen. Denn nach dem Kant’schen Grundsatz sei „alles, was, außer dem guten Lebenswandel, der Mensch noch tun zu können vermeint, um Gott wohlgefällig zu werden, [ist] bloßer Religions- wahn und Afterdienst Gottes.“3 Das ausgehende 18. Jahrhundert vertritt durch die einsetzende Romantik hierfür in vielerlei Hinsicht einen neuen Ansatz.

Die Romantik stellt durch ihre Literatur, Musik und Kunst einen wichtigen Ent- wicklungsschritt zur ästhetischen Moderne dar.4 Die romantische Religionsauf- fassung hingegen ist nicht ganz so eindeutig zu veranschaulichen. Das typisch schwärmerische und sehnsüchtige romantische Merkmal, vor allem hinsichtlich transzendentaler Erfahrungen, zeigt aber, dass die Religion und das Übernatür- liche im Gegensatz zur Aufklärung und ihren Ausläufern einen größeren Platz einnahmen. Die romantische Religionsauffassung lasse sich zum einen auf die Reformation zurückführen.5 Deren tendenziell subjektiverer Fokus bedeute aber gleichzeitig „die innere Verselbständigung dieses protestantischen Prinzips“6 im Zuge der Romantik, wodurch eine Art „Gegengestalt“7 projiziert wurde. Schlei- ermachers Reden als bedeutendes protestantisch-romantisches Werk weisen je- doch einige Merkmale auf, die für diese dargestellte Romantik ungewöhnlich erscheinen. Denn für Schleiermachers Religionsverständnis in seinen Reden spielt seine Biographie eine wichtige Rolle.

2.1.2 Schleiermachers biographische Prägung

Schleiermacher wurde 1768 als Sohn eines Feldgeistlichen in Breslau geboren. Uns interessieren vor allem zwei seiner Entwicklungsschritte, die ihn maßgeblich geprägt haben. Zum einen seine Zeit in der Herrnhuter Brüdergemeinde und zum anderen sein aufgenommenes Studium in Halle.

Seit früher Kindheit wuchs Schleiermacher aufgrund ständiger Ortswechsel in der Herrnhuter Brüdergemeinde auf.8 Im Jahr 1783 wurde er Schüler am Päda- gogium in Niesky und 1785 am Seminarium in Barby a. d. Elbe.9 Das strenge disziplinarische Reglement in Barby und das in Sachen Theologie und Philoso- phie nicht mehr zeitgemäße Wissenschaftsverständnis sorgte dafür, dass sich Schleiermacher und viele andere Seminaristen die Werke und Gedanken Kants oder Goethes nur unbemerkt bearbeiten konnten.10 Die daraus resultierende Un- zufriedenheit veranlasste Schleiermacher seinem Vater einen Brief mit der Bitte ein Studium in Halle aufnehmen zu dürfen zu schreiben, welcher jener letztendlich widerwillig entsprach.11 Vor allem die Zweifel am christologischen Dogma der stellvertretenden Versöhnung durch den Tod Jesu Christi führte Schleiermacher als Hauptargument an.12

Im Jahr 1787 begann er sein Studium an der preußischen Universität in Halle.13 Hier stand nun vor allem die zeitgenössische und antike Philosophie im Vorder- grund. Die Lehre Johann August Eberhards stellt einen bestimmenden Teil in Schleiermachers auch zukünftiger Denkweise dar. Die Ablehnung der Kant’schen Sollensethik, die Zustimmung zum transzendentalen Kritizismus, die griechische Philosophie als Grundlage und Orientierung an Ästhetik und Psychologie waren tiefgreifend für Schleiermachers Entwicklung.14 Deren Kom- bination mit der Herrnhuter Jesusfrömmigkeit und der pietistischen Innerlich- keits- und Geselligkeitskultur erklärt Schleiermachers für seine Zeit diffizile Re- ligionsauffassung. Es verdeutlicht seine Immunität gegenüber dem typisch-ro- mantisch Schwärmerischen und verlieh ihm eine „antirestaurative und insofern modernitätsoffene Richtung“15 als Basis seiner religiösen Denkweise.

2.2 Reden über die Religion

2.2.1 Religion, Metaphysik, Moral

Durch die Kant’sche Philosophie, in der „subjektive Bedingungen von Erfahrung […] zu Kriterien von Gegenständlichkeit überhaupt wurden“16, drohte die Theologie ihre ursprüngliche metaphysisch begründete, auf der rationalen Gotteslehre aufgebaute Offenbarungstheologie als Basis zu verlieren.17

[...]


1 Schleiermacher, Friedrich, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799), herausgegeben von Günter Meckenstock, De Gruyter Studienbuch, Berlin/New York 1999, S. 37.

2 Vgl. Nowak, Kurt, Schleiermacher. Leben, Werk und Wirkung, Göttingen 2001, S. 97.

3 Kant, Immanuel, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, herausgegeben von Rudolf Malter, Reclams Universal-Bibliothek Nr. 1231, Stuttgart 1974, S. 225.

4 Vgl. Barth, Ulrich, Schleiermachers Reden als religionstheoretisches Modernisierungsprogramm, in: Vietta, Silvio/Kemper, Dirk (Hgg.), Ästhetische Moderne in Europa. Grundzüge und Problemzusammenhänge seit der Romantik, München 1998, S.441.

5 Vgl. Barth, Modernisierungsprogramm, S. 443.

6 Ebd.

7 Ebd.

8 Vgl. ebd., S.445.

9 Vgl. Nowak, Schleiermacher, S. 25f.

10 Vgl. z.B. Nowak, Kurt, Schleiermacher und die Frühromantik. Eine literaturgeschichtliche Studie zum romantischen Religionsverständnis und Menschenbild am Ende des 18. Jahrhunderts in Deutschland, Göttingen 1986, S. 62f.

11 Vgl. Nowak, Schleiermacher, S. 30.

12 Vgl. Barth, Modernisierungsprogramm, S. 446.

13 Nowak, Frühromantik, S. 65.

14 Vgl. ebd., S. 448f.

15 Ebd., S. 450.

16 Barth, Modernisierungsprogramm, S. 454.

17 Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Schleiermachers religionstheoretisches Modernisierungsprogramm in seinem Werk „Über die Religion“
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,3
Jahr
2014
Seiten
17
Katalognummer
V307830
ISBN (eBook)
9783668061163
ISBN (Buch)
9783668061170
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, Über die Religion, Deinstitutionalisierung, Interreligiosität, Interkulturalität, Dogmatik, Entdogmatisierung
Arbeit zitieren
Anonym, 2014, Schleiermachers religionstheoretisches Modernisierungsprogramm in seinem Werk „Über die Religion“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/307830

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