Zwischen Funktionalisierung und Wirklichkeitswiedergabe. Das Putin-Interview „Wohin steuert der Kreml-Chef?“ aus medienlinguistischer Perspektive


Seminararbeit, 2015

49 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

A. Einleitung

B. Methodische Grundlagen
1. Textklassifikation: Die Textsorte „Interview“
1.1. Funktion des Interviews
1.2. Zwischen Funktionalisierung und Wirklichkeitswiedergabe
2. Methode der Variationsanalyse
2.1. Vorgehen
2.2. Leistung der Variationsanalyse
2.3. Ausrichtung der Zeitungshäuser

C. Anwendungsbeispiel „Das Putin-Interview: Wohin steuert der Kreml-Chef?“ von NDR-Journalist Hubert Seipel und die damit verbundene Berichterstattung
1. Erkenntnisinteresse
2. Vorgehen
3. Analyseergebnisse
4. Beurteilung

D. Fazit

E. Quellen

F. Anhang
1. Transkription des Originalinterviews
2. Übersetzungs- und Versionenproblematik
3. Berichterstattung
3.1. FAZ (konservativ-liberal)
3.2. Taz (grün-links liberal)

A. Einleitung

„Ein guter Journalist sei einer, der sich mit keiner Sache gemein macht, auch nicht mit einer guten.“ (Hanns Joachim Friedrichs)

Dieser Satz vom Journalisten Hanns Joachim Friedrichs, welcher seine Berufshaltung wiederspiegelt und den er geprägt hat, stammt von seinem väterlichen Freund Charles Wheeler, Leiter der Nachrichtenabteilung bei der BBC. Das Halten der „Distanz zum Gegenstand seiner Betrachtung“ gehöre zu den Maximen eines seriösen Journalisten, so Wheeler (vgl. Friedrichs 1996, S. 66-67). Die Einhaltung dieser Maxime scheint besonders bei der Textsorte des Interviews in Frage zu stehen. Das Interview, insbesondere das qualitative Interview, das mit dem Erstarken der audiovisuellen Medien die Karriere von einer wenig beachteten Textsorte zu einer omnipräsenten gemacht hat, gibt vor, die Wirklichkeit wiederzugeben.

Als Darstellungsform der Massenmedien soll es als solche nicht nur die Informations-, Meinungsbildungs- und Meinungsvielfaltsfunktion garantieren, sondern auch, nach Andreas Ziemann, die Aufmerksamkeit und ein kritisches Bewusstsein der Gesellschaft für gute bzw. schlechte Wirklichkeitsformen, sowie den Grad an Achtung bzw. Missachtung gegenüber verschiedenen öffentlichen Rollen- bzw. Verantwortungsträgern etablieren (Ziemann 2006, S.76).

Ein solcher öffentlicher Verantwortungsträger ist Wladimir Putin, Präsident der Russischen Föderation und in dieser Funktion bestimmt er seit Monaten die Schlagzeilen: „Es vergeht kaum ein Tag, an dem es nicht aufrüttelnde Nachrichten aus Russland oder dem Bürgerkrieg in der Ost-Ukraine gibt“ (vgl. Müller 2014). Was im November 2013 mit Protesten auf dem Maidan begann, hat sich im Frühjahr 2014 zu einer internationalen Krise zwischen Russland und dem Westen ausgeweitet (vgl. ebd.). Putin, von dem als zentrale Figur dieser „Wiederauflage des Kalten Kriegs“ gesprochen wird, so NDR-Journalist Hubert Seipel, traf ebendiesen zu einem seltenen Exklusiv-Interview. Das 30-minütige Interview zog vor allem durch die Ausstrahlung in der Talkshow „Günther Jauch“[1] die Aufmerksamkeit auf sich und sorgte für ein großes öffentliches Echo[2]. Entsprechend lässt sich seitens der Pressemedien eine Vielzahl an Artikeln zu eben jenem Interview finden. Die eingangs beschriebene Maxime der Distanz zum Gegenstand wird besonders bei diesem stark polarisierenden Thema auf die Probe gestellt, denn neben den eigenen subjektiven Prämissen des jeweiligen Journalisten ist dieser als Produzent eines solchen Artikels zugleich auch Akteur in einem Mediensystem.

Ausgehend davon widmet sich die vorliegende Arbeit der Frage: „Inwieweit wird das Putin-Interview „Wohin steuert der Kreml-Chef?“ und die damit verbundene Berichterstattung im Sinne einer Perspektivierung funktionalisiert?“.

Durch Methoden der Medienlinguistik soll sich einer Antwort auf diese Frage genähert werden. Bevor jedoch eine Analyse und Anwendung der Methoden erfolgen kann, werden in Teil B zunächst die von der Frage betroffenen Themenbereiche theoretisch dargelegt. Es gilt, die Textsorte des Interviews mit deren charakterisierenden Merkmalen und deren Funktion unter Heranziehung der Sprechakttheorie zu definieren und zu beurteilen. Durch den situativen Kontext eines Interviews und dessen Akteure entsteht ein Spannungsfeld von Subjektivierung und Perspektivierung, das einem foucaultschen Machtgefüge gleichkommt und dazu dient, die Mechanismen der Funktionalisierung und die Problematik der Wirklichkeitswiedergabe zu erklären. Teil B schließt mit den theoretischen Grundlagen der in Teil C verwendeten Methoden und leitet zu diesem über.

Teil C befasst sich mit dem Interview „Wohin steuert der Kreml-Chef?“ sowie mit dessen Rezeption durch die Medien. Hierfür wurden exemplarisch ein Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gewählt sowie ein Kommentar der taz. Anhand einer Variationsanalyse werden diese Artikel mit dem Original-Interview hinsichtlich einer möglichen Funktionalisierung bzw. Wirklichkeitswiedergabe analysiert und beurteilt.

Von Interesse sind für die vorliegende medienlinguistische Arbeit lediglich die im Original Transkript des Interviews genannten Themen und deren Aufgreifen bzw. Nichtaufgreifen seitens der beiden politisch gegensätzlich ausgerichteten Zeitungshäuser. Die damit verbundenen Herausforderungen hinsichtlich der Methode aber auch hinsichtlich der Problematik des Interviews, werden im abschließenden Fazit aufgegriffen und beurteilt.

B. Methodische Grundlagen

Nüchtern betrachtet, haben sich lediglich zwei Personen zu einem Gespräch getroffen. Dieses wurde von einem Kamerateam begleitet, aufgezeichnet, im deutschen Fernsehen veröffentlicht und dann von anderen Medienkanälen rezipiert. Dies kann zunächst als alltägliches Ereignis in der medialen Welt gesehen werden. Doch betrachtet man dieses Ereignis aus medienlinguistischer Sicht, so ist es das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels zahlreicher Sprechakte der einzelnen Akteure, bestimmt durch deren Identität und Perspektive; gefolgt von einer Einbettung der Aussagen in neue Kontexte, geprägt von anderen Perspektiven. Um zu verstehen, wie diesem Prozess ein öffentliches Echo folgen kann und inwiefern dieses der Wirklichkeit nahe kommt, müssen zunächst die theoretischen Grundlagen geklärt werden.

1. Textklassifikation: Die Textsorte „Interview“

Im Laufe der Zeit haben publizistische Medien eigene Textsorten entwickelt, die zu ihren Funktionen passen. Publizistische Kommunikation unterliegt einem stetigen Wandel durch Medientechnik und Mediennutzung, weshalb sich mit diesem Wandel auch die Textsorten wandeln. Eine Textsorte ist ein „sozial eingeschliffenes Muster für Texte mit bestimmter Umwelt, Funktion und/oder Struktur“ (vgl. Perrin 2006, S.184) Während Isenberg (1978) Forderungen aufstellte zur wissenschaftlichen Klassifikation, wie Exhaustivtät, Homogenität, Monotypie und Finitheit, ist es fraglich, ob diese Forderungen überhaupt erfüllbar sind, da diese Textsorten einer fortlaufenden Veränderung im Gebrauch über größere Zeiträume unterliegen (Perrin 2006, S.185).

Daher wird es im journalistischen Bereich zunehmend schwieriger, das Interview innerhalb seiner spezifischen Medien und Teildisziplinen sauber zu trennen bzw. genau zuzuordnen, da man sich nicht über einen eindeutigen Gattungsbegriff einig ist und sich dieser zudem in diverse Subgenres unterteilen lässt (vgl. Hilger S. 161). Laut Brockhaus ist das Interview definiert als „eine Methode der Informationsvermittlung durch Gespräch zwischen einem Fragenden und einem Befragten“ (vgl. Brockhaus 1970, S. 196).

Elementar für die meisten Definitionen sind die Begriffe „Gespräch“ und „Befragung“. Haacke beispielsweise bedauert, dass der Begriff „Gespräch“ durch „Interview“ abgelöst wurde (vgl. Haacke 1969, S. 443). Das Gespräch ist wohl der umfassendste Begriff für die Grundeinheit menschlicher Rede (vgl. Henne/Rehbock 1995, Einführung). Als mündlicher Austausch von Gedanken zwischen zwei oder mehr Personen, wie es der Duden definiert, muss ein Gespräch die gesprochene Form einnehmen (vgl. Der Duden 1985, S. 298). Diese Definition erscheint jedoch nicht weit genug zu greifen, da es unter anderem die Frage nach einer thematischen Kohärenz offen lässt. Folgt man der Definition von Brinker und Sager, so muss neben einer dialogischen Ausrichtung auch die Anforderung der thematischen Orientierung erfüllt sein (vgl. Brinker/Sager 1989).

Das Interview, welches in der heutigen Zeit mehr und mehr zu einer beachtlichen und eigenständigen Art der Meinungs- und Informationsverbreitung geworden ist, diente dem Journalisten ursprünglich lediglich als Arbeitsform zur Informationsgewinnung (vgl. Berens 1975, S.13). Heute nimmt das Interview einen anderen Zweck ein, laut der Bedeutungserklärung des Duden ist die Zweckmäßigkeit des Interviews primär in dessen Publikation zu sehen. Er charakterisiert es als „zur Veröffentlichung durch Presse, Rundfunk oder Fernsehen bestimmtes Gespräch zwischen einer bekannten Person und einem Reporter, in dem diese sich zu gezielten, aktuelle politische Themen oder die eigene Person betreffenden Fragen äußert“ (vgl. Der Duden 1985, S. 356).

Bei einem qualitativen Interview werden von den Interviewten Aspekte der Wirklichkeit rekonstruiert (vgl. Honer 2003, S. 97). Es geht also nicht um eine reine Wiedergabe oder Nacherzählung; den Interviewten kommt immer die Aufgabe zu, Erfahrungen, Wissen und Ereignisse aktiv zu gestalten. In einem qualitativen Interview ist es deshalb zentral, dass die Interviewten die Gelegenheit bekommen, diese eigenen Relevanzen zu entwickeln und zu formulieren.

Nach Berens kann ein Interview anhand von acht Merkmalen, die sich in unterschiedlicher Ausprägung in jedem Kommunikationsakt wieder finden und diesen konstituieren, charakterisiert und beschrieben werden (vgl. Berens 1975, S. 33ff.) . Neben dem situativen Rang der Interviewbeteiligten und deren Beziehung zueinander gehören zu den Merkmalen des Interviews nach Berens der Mitteilungsaspekt, welcher auch Zeitreferenz genannt wird, die Art und Weise in der ein Thema besprochen wird, der Grad der Öffentlichkeit, die Vorbereitetheit der beteiligten Personen, sowie die äußere Situation für den Kommunikationsakt und das Einzelsprecher-Hörer-Verhältnis bzw. die Sprecherzahl.

Als Interview wird auch der Medienbeitrag bezeichnet, der ein Interviewgespräch wiedergibt als Originalton oder schriftliche direkte Rede (vgl. Perrin 2006, S. 92). Diese Wiedergabe kann jedoch auch in anderen Textsorten erfolgen, wie im Bericht oder Kommentar, in Form einer Quote, auf deren spezifische Eigenschaften im Journalismus in Teil B 2.1. eingegangen wird.

1.1. Funktion des Interviews

Immer häufiger wird das Interview als eigenständige Form der Informationsvermittlung angesehen. Dabei trägt vorallem das Bestreben, den Rezipienten möglichst aktuell und lebendige Informationen und Meinungen zu übermitteln, zur Entwicklung des Interviews in den Medien bei (vgl. Berens, S. 13-14). Dem Rezipienten wird suggeriert die Informationen aus erster Hand zu erhalten und so am Dialog zwischen Interviewer und Interviewten direkt teil zu haben. Netzer ist daher auch der Auffassung „das Interview gehöre nicht in Zeitungen, sondern müsse gehört oder gesehen werden“ (vgl. Netzer), da bei Presseinterviews der authentische Charakter wegen der Verschriftlichung zum Teil verloren geht.[3] Es verwundert daher nicht, dass sich in Zeiten von youtube und ähnlichen Online –Videoplattformen, sowie crossmedialen und multimedialen Strukturen in Zeitungshäusern, Interviews immer öfter auch als Video eingebettet werden. Was der Rezipient dann lesen, hören und/oder sehen kann, sind die Sprechhandlungen des Interviewer und des Interviewten.

Nach John Searle besteht eine Sprechhandlung aus vier Komponenten, die durch eine Indem-Relation miteinander verbunden sind und im Normalfall immer gleichzeitig vollzogen werden: Äußerungsakt, propositionaler, illokutiver und perlokutiver Akt (vgl. Busch/Stenschke 2008, S. 216f.). Dabei ist der Äußerungsakt das physische Hervorbringen der Lautsprache, wie die Geräusche die der Sender, zum Beispiel der Befragte im Interview, erzeugt. Mit dem propositionalen Akt macht der Sender eine Aussage über die Welt, die auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden kann; dadurch wird eine Bedeutung der Aussage erzeugt (vgl. Harnisch 2006, S. 155). Der propositionale Akt kann unterteilt werden in den Referenzakt und den Prädikationsakt. Der Referenzakt verweist auf einen bestimmten Sachverhalt und der Prädikationsakt weißt den Referenzobjekten des Sachverhalts Eigenschaften zu (vgl. Busch/Stenschke 2008, S. 216f.). Diese ersten beiden Komponenten des Sprechakts nannte der Sprachphilosoph John Austin „lokutiver Akt“, also das Hervorbringen einer Äußerung. Als Schüler von John Austin entwickelte Searle dessen Modell weiter (vgl. Pelz 2005, S. 246).

Die nun folgende Komponente, der illokutive Akt, stellt den wichtigsten Teilakt der gesamten Sprechhandlung dar, denn in „ihm manifestiert sich die Äußerungsabsicht und deren pragmatische (kommunikativ-situative) Bedeutung, insgesamt also der Handlungswert einer sprachlichen Äußerung“ (vgl. Harnisch 2006, S. 155). Diese Bedeutung kann durch Illokationsindikatoren erreicht werden, die dem Empfänger die Absicht des Senders signalisieren. Neben Abtönungspartikeln wie „ja“, „denn“, „eben“ oder „mal“, aber auch Höflichkeitsformen wie „Bitte..“ oder „Sei so nett…“, der Grammatik als Aufforderungs-, Aussage- oder Fragesatz, können auch sogenannte performative, also sprechaktindizierende Verben die Absicht des Senders kennzeichnen (vgl. Brinker 2001, S.95).[4] Searle unterscheidet zwischen zentralen Illoktionstypen, wie Repräsentativa (Aussagen, Erzählungen, Behauptungen), Direktiva (Befehle, Wahrnungen, Bitten), Kommissiva (Versprechen, Anordnungen), Expressiva (Grüße, Danksagung) und Deklarativa (Ernennung, Verurteilung) (vgl. Brinker 2001, S. 95f.).

Der letzte Teilakt, der perlokative Akt, beinhaltet die Wirkung des Sprechakts, die beim Empfänger ausgelöst wird. Die Perlokution kann als das Ergebnis der vorher genannten Akte betrachtet werden. Hier entscheidet sich ob die vom Sender intendierte Wirkung beim Empfänger eintritt oder nicht, damit Erfolg hat oder aber nicht (vgl. Busch/Stenschke 2008, S. 217).

1.2. Zwischen Funktionalisierung und Wirklichkeitswiedergabe

An diesem Gelingen oder Misslingen scheint der Rezipient des Interviews scheinbar direkt teilzuhaben. Entscheidend ist hierbei das Wort „scheinbar“, denn wenn das jeweilige Interview den Anspruch hätte, die Wirklichkeit wiederzugebe, müsste der Rezipient (naiver Weise) darauf vertrauen, dass in einem schriftlichen Interview tatsächlich der gesprochene Text abgedruckt wurde und in einer Ton-/Videoaufzeichnung an keiner Stelle geschnitten wurde. Die Progressionsanalyse der meisten Interviews würde aufzeigen, wie bei dem Einbetten von Ausschnitten des Originalgesprächs in den finalen Artikel, diese den Produktionsbedingungen und der Kommunikationsabsicht des Journalisten unterworfen werden, so das am Ende ein attraktives Produkt für den Lesermarkt entsteht (vgl. Perrin 2006, S. 57; vgl. Thiele 2013, S.121). Im audiovisuellen Bereich erscheint durch die Suggestionskraft der Bildern und den meist aufgrund der weitentwickelten Videotechnik kaum bis gar nicht zu erkennenden Videoschnitte die Wirklichkeitswiedergabe erreicht. Doch gerade hier nimmt der Rezipient die Perspektive der Kamera ein. Gerade dieses Einfließen der Absicht des Journalisten wird im folgendem unter dem Gesichtspunkt der Subjektivierung beleuchtet. Um auf die jeweilige Perspektive zu sprechen zu kommen, die der Interviewer, der Interviewte, aber auch der jeweilige Rezipient einnimmt.

Benveniste geht davon aus, dass sich der Mensch erst durch die Sprache als Subjekt konstituiert. Die Wahrnehmung einer selbst erlebten, inneren Einheit der Person ist in ganz grundlegender Weise an die Sprache gebunden (vgl. Benveniste 1966, S. 259f.). Erst die Sprache ermöglicht es dem Menschen, seine eigene Identität zu konstituieren. Personalpronomen wie „ich“ als Ausdruck des eigenen Bewusstsein für das Selbst und in Abgrenzung das „Du“ (bzw. in Höflichkeitsform „Sie“) für einen Anderen.

Die daraus bedingte Subjektivität manifestiert sich nach Drescher und Gülich in konkreten Gesprächssituationen.

Ausgehend von diesem Bewusstsein der eigenen Identität kann, bezogen auf ein Interview, der Journalist eine Perspektive einnehmen. Diese ist nach Sandig die Repräsentation von „etwas“, dies kann beispielsweise ein Objekt, eine Person, ein Gegenstand, ein Sachverhalt etc. sein, für jemanden von einer gegebenen Position heraus (vgl. Sandig 1996 S. 37f.).

Für die Wahl des „etwas“ bzw. dem jeweiligen Aspekt ist der Erfahrungshintergrund und der Erwartungshorizont des raum-zeitlichen Ichs relevant, also zum Beispiel die Rolle des Journalisten und dessen Interessen.

Die Perspektive kann jedoch auch von einem anderen Individuum eingenommen werden, etwa dann, wenn ein weiterer Journalist ein Interview aufgreift und daraus einen neuen Artikel verfasst. Diese Perspektivierung ist vor allem immer dann relevant, wenn andere Standpunkte als der jeweils eigene ins Spiel kommen (vgl. Canisius 1987).

Der Journalist befindet sich als Interviewführender aber auch als Interviewaufgreifender immer zwischen der eigenen Subjektivierung, die ihm seine Rolle als Journalist als Teil seiner Identität bewusst machen kann und der Perspektive, von welcher er das vorliegende Gespräch betrachtet. An dieser Stelle erscheint es sinnvoll die Rolle des Journalisten im Mediensystem kurz zu skizzieren. In Artikel 5 der Grundrechte des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland ist das Recht der freien Meinungsäußerung sowie der Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung festgehalten. Dieses Recht wird durch den Berufsstand der Journalisten wahrgenommen. Jedoch muss hier angemerkt werden, dass die Meinungsfreiheit des Journalisten nur von der Meinungsfreiheit der Presse abgeleitet ist und „kategorial eingeschränkt ist durch Periodizität, Fakteninformation und Kommerzialität der Zeitung […] Im Ganzen steht in der Presse im modernen Sinn das Medium über dem Autor“ (vgl. Arntzen 2001, S. 275). Folglich befindet sich der Journalist in einem Machtgefüge.

Michel Foucault hat sich in seinem umfassenden Werk vor allem mit der Erforschung des Verhältnisses von Macht und Subjekt beschäftigt. In seinem Text Subjekt und Macht (1982) beschreibt er die Verstrickung des Menschen in dezentralisierte Machtgefüge und untersucht „auf welche Weise ein Mensch zum Subjekt wird“ (vgl. Foucault 2007, S. 81). Die grundlegende Ausgangsfrage lautet dabei: „Wie wird Macht ausgeübt?“ (ebd., S. 92). Seiner Grundthese zufolge ist das Subjekt in „hochkomplexe Machtbeziehungen“ eingebunden (ebd., S. 81), wobei das Wort Subjekt für ihn zwei Abhängigkeitsverhältnisse beinhaltet: „Es bezeichnet das Subjekt, das der Herrschaft eines anderen unterworfen ist und in seiner Abhängigkeit steht; und es bezeichnet das Subjekt, das durch sein Bewusstsein und Selbsterkenntnis an seine eigene Identität gebunden ist“ (vgl. ebd., S. 86). Erst durch diese doppelte Einbindung in Abhängigkeitsverhältnisse kann Subjektivität entstehen. Da dabei das Subjekt „nie endgültig fertig (ist), […] verwendet Foucault zunehmend den Begriff der Subjektvierung, der das Prozesshafte, den beständigen Charakter des Werdens, besser zum Ausdruck bringt“ (vgl. Lembke 2005).

Angewendet auf den Journalisten, befindet sich dieser im Machtgefüge des Mediensystems, konkret den Richtlinien des Zeitungshauses, für das er schreibt. Diesem ist er unterworfen und er ist für den Fortbestand seines Berufes in einem Abhängigkeitsverhältnis zu eben diesem Mediensystem. Gleichzeitig besteht eine Abhängigkeit durch Bewusstsein und Selbsterkenntnis an seine eigene Identität. Die Abhängigkeit zum Machtgefüge scheint die Möglichkeit zu eröffnen, hinsichtlich des Mediensystems funktionalisiert zu werden.

In seinem Spätwerk entwickelt Foucault die Technologie des Selbst, dies bezeichnet jene Praktiken „durch die Individuen aus eigener Kraft oder mit Hilfe anderer auf ihren Körper, ihre Seele, ihr Denken, ihr Verhalten und ihre Existenzweise einwirken, um sich selbst zu verändern und einen Zustand der Vollkommenheit oder des Glücks zu erlangen (vgl. Luther et al. 1993, S. 7f.) Trotz der Verstrickung des Subjekts in hochkomplexe Machtgefüge kann die Technologie des Selbst Anwendung finden, da der foucaultsche Machtbegriff die Freiheit des Subjekts miteinschließt. Nur freie Subjekte können sich in Machtgefügen befinden. Dort wo die Bedingungen des Handelns vollständig determiniert ist, können keine Machtbeziehungen sein (vgl. Foucault 2007, S. 97f.).

Der Journalist im Anwendungsbeispiel hat aufgrund dieser Freiheiten Raum, eigene Maximen zu entwickeln und diese je nach Einfluss der Vorgaben des Mediensystems zum Ausdruck zu bringen.

2. Methode der Variationsanalyse

Wie ein Interview von anderen Journalisten aufgegriffen wird und dadurch aus seinem ursprünglichen Kontext in einen Neuen gebettet wird, kann durch die Methode der Variationsanalyse aufgezeigt werden.

2.1. Vorgehen

Die Variationsanalyse ist ein linguistisches Verfahren zur Datengewinnung und –analyse, welches die besonderen Merkmale der Sprache einer bestimmten Gemeinschaft zeigt (vgl. Perrin 2006, S. 63). Formalobjekt der Analyse ist die Fokussierung auf den Zielgruppenzuschnitt. Das Formalobjekt bezeichnet dabei den Begriff, den sich eine wissenschaftliche Teildisziplin von ihrem Gegenstand macht, indem sie ihn aus ihrem Blickwinkel erkennt und konstruiert[5] (vgl. Perrin 2006, S. 37). Der Blickwinkel der Variationsanalyse fragt nach den sprachlichen Mitteln, die eine Redaktion bei einem bestimmten Adressatenkreis verwendet (ebd. S. 63).

Hierbei ist insbesondere die im Journalismus verwendete Quote zu erläutern. Die Quote ist eine Einheit in einem Medienbeitrag, die dargestellt wird als originalnahe Wiedergabe einer Äußerung einer Quelle (vgl. Perrin 2006, S.35). Eine Quote wird ähnlich wie ein Zitat in wissenschaftlichen Arbeiten in Anführungszeichen gesetzt, es besitzt im Gegensatz zum Zitat jedoch nur Originalnähe, da es nicht im selben Kontext verwendet wird und häufig zugespitzt wird. Im Unterschied zum Zitat wird keine Quelle der Quote angegeben. Unter Zuspitzen versteht man die sprachliche Tätigkeit, bei der Äußerungen auf eine publikumswirksame Hauptaussage hin (re-)konstruiert werden (vgl. Perrin 2006, S. 109).

Die Variationsanalyse betrachtet nun, welche Quoten aus einem ursprünglichen Text genommen werden und wie sie in einen neuen Text eingebettet werden. Hierbei interessiert insbesondere inwiefern die Zuspitzung hinsichtlich des Adressatenkreises erfolgt.

2.2. Leistung der Variationsanalyse

Um die Leistung der Variationsanalyse beurteilen zu können muss der Prozess der De-Re-Kontextualisierung erläutert werden. De- und Re-Kontextualisierung besteht aus zwei Komponenten bzw. Vorgängen. Zunächst wird eine Äußerung aus ihrem ursprünglichen situativen Kontext und sprachlichem Kontext, auch Textumfeld genannt, herausgelöst, dies nennt sich De-Kontextualisierung. In einem zweiten Schritt wird die Äußerung in einem neuen Kontext eingefügt, die Re-Kontextualisierung (vgl. Perrin 2006, S. 108). Durch das Einbetten in einen neuen Kontext entsteht immer auch eine neue Bedeutung (Ekström 2001, S. 567), welche einer „Modifikation der ursprünglichen Äußerung“ gleich kommt, da der Sprecher die zitierte Rede in Abhängigkeit von seiner Kommunikationsintention bestimmten Funktionalisierung unterwirft (Günther 2000 S.). Eben diese neue Bedeutungszuweisung kann hinsichtlich der politischen Ausrichtung der Zeitungshäuser erfolgen oder auch hinsichtlich bestimmter Merkmale des Adressatenkreises der jeweiligen Zeitung.

2.3. Ausrichtung der Zeitungshäuser

Für das folgende Anwendungsbeispiel der Variationsanalyse wurde die Rezeption des Interviews „Das Putin-Interview: Wohin steuert der Kreml-Chef?“ geführt von NDR- Journalist Hubert Seipel seitens der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und seitens der taz (die tageszeitung) exemplarisch ausgewählt.

Um die Ergebnisse der Analyse einordnen zu können ist zunächst die Ausrichtung der Zeitungshäuser festzuhalten. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung, auch unter dem Akronym FAZ bekannt, zählt zu den „bedeutendsten überregionalen Tages- und Wirtschaftszeitungen in Deutschland und der Welt. Sie steht für Unabhängigkeit, journalistische Qualität, exklusive Nachrichten und fundierte Analysen“ (vgl. FAZ, Über uns). Die FAZ wird überwiegend als konservativ-liberal bezeichnet, dies bestätigt auch Mitherausgeber Werner D’Inka (vgl. Deuse 2007). Die Leserschaft der FAZ setzt sich aus Geschäftsleuten und Gebildeten mit besonderem Interesse für Wirtschaft zusammen. Dabei besteht die FAZ vor allem aus langen, komplizierten Texten, die nur selten durch Fotos aufgelockert sind (vgl. Hanke 2011). Das Bildungsniveau der Leserschaft scheint dementsprechend sehr hoch zu sein. Das Putin-Interview wurde in Form eines Berichts[6] mit dem Titel „Interview in der ARD. Putin verteidigt Vorgehen auf der Krim“ von der FAZ aufgegriffen. „Die tageszeitung. taz.“ aus Berlin ist eine unabhängige Qualitätszeitung und Institution der deutschen Presselandschaft. Selbst bezeichnet sich die taz als spannende Mischung aus relevanter Information, intelligenter Unterhaltung und Irritation (vgl. taz, Zahlen und Fakten). Dabei wird die politische Ausrichtung im grün-linken Bereich gesehen, selbst bezeichnet sie sich als ursprünglich „linkes lautes Projekt“ (vgl. Hanke 2011, vgl. taz, Zahlen und Fakten). Als einzige überregionale Zeitung wird sie nicht durch Anzeigen finanziert, sondern wurde 1979 von Personen gegründet, die nicht nur eine Alternative zu den bürgerlichen Medien wollte, sondern auch wirtschaftlich völlig unabhängigen Journalismus. Die taz berichtet dabei kritischer als andere Zeitungen und ist berüchtigt für flapsige Schlagzeilen (vgl. Hanke 2011). Die Leserschaft wird als anspruchsvolle Leser und Leserinnen beschrieben, die von sich selbst und der taz ein hohes Maß an gesellschaftlicher Verantwortung und Unabhängigkeit erwarten und überdurchschnittlich gebildet sind. Schwerpunkt bilden Selbstständige und Freiberufler (vgl. taz, Wer liest die taz?). Das Interview wurde von der taz in Form eines Kommentars[7] aufgegriffen mit dem Titel „Putin im deutschen Fernsehen. Der Lieblingsbösewicht“.

C. Anwendungsbeispiel „Das Putin-Interview: Wohin steuert der Kreml-Chef?“ von NDR-Journalist Hubert Seipel und die damit verbundene Berichterstattung

Das Exklusiv-Interview mit dem NDR-Autoren Hubert Seipel fand kurz vor Putins Abreise zum G20-Gipfel in Brisbane am 14.11.2014 in Wladiwostok statt und wurde in der ARD am Sonntag, den 16.11.2014 um 21:45 bei der Talkshow Günther Jauch ausgestrahlt. Vorab gab es am 15.11.2014 einen 15:44 minütigen Ausschnitt des ARD-Exklusivinterviews (vgl. tagesschau.de, Putin warnt vor Folgen der EU-Sanktionen). Teile dieses Ausschnitts sind in der Ausstrahlung am 16.11.2014 nicht mehr zu sehen. Die Fassung vom 16.11.2014 dauert 31:28 Minuten. Das Interview wurde sehr kontrovers kommentiert. Dabei reichen die Auffassungen vom „höchsten Lob für die Sachlichkeit der Durchführung und die anschließende Analyse“ bis zum Vorwurf „journalistische Standards zu verletzen und mit einseitiger Gesprächsführung die russische Staatspropaganda unterstützt zu haben“ (vgl. Focus 2014). Hubert Seipel gelang es 2011 und 2011 als erster westlicher Journalist den russischen Präsidenten über Monate zu begleiten, woraus die Dokumentation „Ich Putin – ein Portrait zur russischen Präsidentschaftswahl 2012“ entstand (vgl. Brauk/Schepp 2012). Ausgehend von diesem Hintergrundwissen soll das Interview in der Fassung vom 16.11.2014 im nachfolgenden mit der Methode der Variationsanalyse beleuchtet werden.

1. Erkenntnisinteresse

Im Rahmen der Variationsanalyse soll herausgefunden werden, wie und in welcher Weise die Zeitungen FAZ und taz das Interview aufgegriffen haben. Diese Ergebnisse sollen so dann hinsichtlich der Ausrichtung der Zeitungshäuser untersucht und in einem anschließenden Schritt verglichen werden. Im Fokus steht dabei die forschungsleitende Frage: „Inwieweit wird das Putin-Interview „Wohin steuert der Kreml-Chef?“ und die damit verbundene Berichterstattung im Sinne einer Perspektivierung funktionalisiert?“. Funktionalisierung wird hierbei als Abhängigkeitsverhältnis, bedingt durch die in Teil B 1.2. erläuterten Perspektivierung und Machtgefüges im Mediensystem, gesehen.

[...]


[1] Die Ausgabe der Talkshow erreichte 20 Prozent Marktanteil (vgl. http://www.quotenmeter.de/n/74497/putin-interview-beschert-jauch-spitzenwerte Zugriff zuletzt am 07.03.2015)

[2] Der Suchbegriff „Putin-Interview 2014“ sorgt für rund 34 Millionen Suchtreffer auf Google (vgl. https://www.google.de/search?q=putin+interview+seipel+&ie=utf-8&oe=utf-8&gws_rd=cr&ei=5HIpVfegKciWap-3gpAP#q=putin+interview+2014 Zugriff zuletzt am 10.04.2015)

[3] An dieser Stelle sei bereits angemerkt, dass ein Interview nur scheinbar authentisch sein kann und lediglich die Wirklichkeit wiederzugeben suggeriert. In Teil B 1.2 wird diese Problematik eingehend behandelt.

[4] Dabei kann zwischen den genannten Indikatoren eine Dominanzrelation bestehen. So wird kann die Aufforderung „Mach doch das Bett!“ mit den Abtönungspartikel „mal“ abgeschwächt werden und zu „Mach doch mal das Bett!“ zu einer Bitte herabgestuft werden (vgl. Brinker 2001, S. 284).

[5] In Abgrenzung dazu ist das Materialobjekt zu sehen, darunter vesteht man den Weltausschnitt der unabhängig von wissenschaftlichem Erkennen existiert und den Wissenschaft untersuchen will.

[6] „Der Bericht ist eine vorwiegend sachbezogene Mitteilungsform. Der Berichterstatter ist verpflichtet Ereignisse möglichst objektiv mitzuteilen, er muss sich deshalb persönlicher Emotionen, Reflexionen und Appellationen enthalten und in bewusster Selbstbescheidung die Fakten bündig, klar, lückenlos wiedergeben“ (vgl. Lüger 1995, S. 109) Abweichend von dieser Definition finden sich im Textaufbau jedoch häufig auch weitere Komponenten wie Zitate und kommentierende Stellungnahmen, sowie eingefügte Hintergrundinformation, wodurch eine Perspektivierung vorgenommen wird.

[7] „Ausgangspunkt für Kommentare ist gewöhnlich die Problematisierung eines Sachverhalts, einer Position oder einer Haltung“. Ziel dabei ist eine „unabhängige Interpretation, Erklärung und Erläuterung von Tagesereignissen, Zeitströmungen und politischen Entwicklungen zu geben“. Die dabei vermittelten Deutungen und Wertungen zielen darauf ab beim Adressaten bestimmte Einstellungen zu fördern oder zu verändern (vgl. Lüger 1995, S. 126). Insofern findet hier ganz bewusst eine Perspektivierung statt gleichzeitig kann die Subjektivität hier auch Ausdruck finden.

Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Zwischen Funktionalisierung und Wirklichkeitswiedergabe. Das Putin-Interview „Wohin steuert der Kreml-Chef?“ aus medienlinguistischer Perspektive
Hochschule
Universität Passau  (Sprachwissenschaft)
Veranstaltung
Medienlinguistische Gesamtprüfung
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
49
Katalognummer
V307832
ISBN (eBook)
9783668063600
ISBN (Buch)
9783668063617
Dateigröße
1099 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Medienlinguistik, Putin, Interview, Textsorte, Medienkrise, Variationsanalyse, ARD, Hubert Seipl, Informationsfunktion, Distanz
Arbeit zitieren
Daniela Martin (Autor:in), 2015, Zwischen Funktionalisierung und Wirklichkeitswiedergabe. Das Putin-Interview „Wohin steuert der Kreml-Chef?“ aus medienlinguistischer Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/307832

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