Ein öffentliches allgemeinbildendes Schulsystem in einem demokratischen Verfassungsstaat verfehlt sein Ziel, wenn es nicht für eine relative Unabhängigkeit der Chancen auf Bildungserfolg vom ererbten oder erworbenen Kapital einer Familie sorgt (Gogolin, 2006:35).
In einem Land, in welchem durch jahrzehntelange Migration vor allem durch die sogenannten Gastarbeiter, das demografische Bild so stark geprägt worden ist und vor allem in Anbetracht der Tatsache der seit Jahren anhaltenden Rückläufigkeit der Geburtenraten der deutschen Population, erhält die Bildungssituation von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund eine umso größere Bedeutung. Sowohl für die deutsche Wirtschaft als auch für die Gesellschaft stellt diese Gruppe eine enorm wichtige Ressource dar, die es zu nutzen und unterstützen gilt (vgl. Allemann-Ghionda, 2008:27).
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Bildungssituation von Kindern und Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland. Das dieser Einleitung vorangestellte Zitat von Gogolin macht deutlich, was sowohl in erziehungswissenschaftlichen als auch in öffentlichen Diskursen schon seit längerem bekannt ist: das deutsche Bildungssystem schafft es trotz mehreren Jahrzehnten nicht, sich auf die migrationsbedingte Heterogenität seiner Schülerschaft einzustellen und dieser gerecht zu werden.
Statistiken und Studien belegen, dass in Deutschland Schüler mit Migrationshintergrund in vielen sozialen Bereichen benachteiligt sind, sodass Schulerfolg und höhere Bildungsabschlüsse oft ausbleiben. Insbesondere Schüler mit türkischem Migrationshintergrund weisen dabei hohe Leistungsdefizite auf. Die Forschungsfrage, welcher in der vorliegenden Arbeit demnach nachgegangen werden soll, behandelt die Frage, welche Faktoren den Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland bestimmen und welche Rolle dabei die Mehrsprachigkeit dieser Gruppe spielt.
Um die Ursachen und Gründe dieser Problematik zu untersuchen, soll die These aufgestellt werden, dass bei türkischstämmigen Schülern eine Kombination von verschiedenen Faktoren zu ungünstigeren Bedingungen im Schulsystem führt. Im Gegenzug funktioniert das Bildungssystem in Deutschland durch seine vorherrschenden Strukturen so, dass Schüler mit türkischem Migrationshintergrund zurückbleiben und benachteiligt werden.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 MEHRSPRACHIGKEIT
2.1 Funktionen der Sprache
2.2 Definition Mehrsprachigkeit
2.3 Spracherwerbstypen
2.3.1 Erstspracherwerb
2.3.2 Zweitspracherwerb
2.4 Mehrsprachigkeit durch Erst- und Zweitspracherwerb
2.4.1 Der Spracherwerbsprozess
2.4.2 Das Phänomen Interferenz und Code-Switching
2.4.3 Der Einfluss der Erstsprache auf folgende Spracherwerbsprozesse
3 DER SPRACHERWERB VON KINDERN MIT TÜRKISCHEM MIGRATIONSHINTERGRUND
4 DER BILDUNGSERFOLG VON KINDERN MIT TÜRKISCHEM MIGRATIONSHINTERGRUND IM DEUTSCHEN BILDUNGSSYSTEM
4.1 Amtliche Bildungsstatistiken
4.2 Schulleistungsstudien
5 ERKLÄRUNGSANSÄTZE FÜR DEN BILDUNGSMISSERFOLG TÜRKISCHER KINDER UND JUGENDLICHER IN DEUTSCHLAND
5.1 Außerschulische Faktoren und ihr Einfluss auf die Bildungschancen
5.1.1 Kulturelle und sozioökonomische Defizite als Erklärungsansatz für den Bildungsmisserfolg
5.1.2 Minderheiten- bzw. Migrationsstatus als Erklärungsansatz für den Bildungsmisserfolg
5.2 Schulische Faktoren und ihr Einfluss auf die Bildungschancen
5.2.1 Institutionelle Diskriminierung
5.2.2 Effekte des mehrgliedrigen Schulsystems in Deutschland
6 DIE ROLLE DES SCHRIFTSPRACHERWERBS IM ZUSAMMENHANG MIT DEM BILDUNGSMISSERFOLG VON KINDERN UND JUGENDLICHEN MIT TÜRKISCHEM MIGRATIONSHINTERGRUND
6.1 Unterschied von Alltagssprache zu Bildungssprache
6.2 Lesesozialisation im vorschulischen und schulischen Kontext
6.3 Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund durch mangelnde Unterstützung im schriftsprachlichen Zweitspracherwerb
7 SCHRIFTSPRACHLICHE SOZIALISATION IN ERST- UND ZWEITSPRACHE ALS BEDINGUNG FÜR BILDUNGSERFOLG?
7.1 Der Vergleich zu erfolgreicheren Migrantengruppen in Deutschland
7.2 Der Vergleich zu erfolgreicheren Kindern und Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund
8 FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Faktoren, die den Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund im deutschen Schulsystem bestimmen, und analysiert insbesondere die Rolle der Mehrsprachigkeit sowie institutioneller Faktoren. Dabei wird der Hypothese nachgegangen, dass eine Kombination aus schulischen Strukturen und mangelnder Förderung der Bildungssprache zu Benachteiligungen führt.
- Bildungssituation türkischstämmiger Kinder in Deutschland
- Mehrsprachigkeit und Spracherwerbsprozesse
- Institutionelle Diskriminierung und schulische Selektionsmechanismen
- Lesesozialisation und Bildungssprache
- Vergleichende Analyse mit erfolgreicheren Migrantengruppen
Auszug aus dem Buch
Die Rolle des Schriftspracherwerbs im Zusammenhang mit dem Bildungsmisserfolg von Kindern und Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund
Die bisherige Untersuchung der Fachliteratur hat gezeigt, dass türkische Schüler in Deutschland im Vergleich zu ihren deutschen Mitschülern und auch im Vergleich zu anderen Migrantengruppen tatsächlich benachteiligt sind. Zu einem gewissen Teil kann diese Benachteiligung auf ungünstigere Startbedingungen zurückgeführt werden. Türkische Familien weisen vielfach sozioökonomische Defizite auf, das Bildungsniveau der Eltern ist geringer, das geringe Einkommen muss auf eine höhere Anzahl von Kindern verteilt werden, kulturelle Ressourcen sind im Vergleich weniger vorhanden. Dennoch haben auch türkische Eltern hohe, zum Teil sogar höhere Bildungsaspirationen an ihre Kinder als deutsche Familien. Eine an den türkischen Familien defizitorientierte Perspektive ist vielleicht ein Teil eines größeren Bildes, aber nicht das ganze Bild.
Diverse Schulleistungsstudien, in denen die Kompetenzen der Schülerschaft in verschiedenen Bereichen untersucht wurden, zeigen ein sich wiederholendes Ergebnis: Schüler mit Migrationshintergrund, vor allem aber türkische Schüler in Deutschland, erreichen im Vergleich nicht die Kompetenzniveaus, die Schüler ohne Migrationshintergrund erreichen. Diese Benachteiligung ist besonders im Bereich der Lesekompetenz zu erkennen. Andere Kompetenzbereiche bauen im Ansatz ebenfalls auf die Lesekompetenz auf, so dass die Benachteiligung in diesen Bereichen auf die Mängel in der Lesekompetenz zurückzuführen ist.
International vergleichende Schulleistungsstudien wie PISA oder IGLU haben besonders deutlich gezeigt, dass ein Zusammenhang zwischen der sprachlichen Kompetenz der mehrsprachigen Schülerschaft und den erbrachten Leistungen im mathematisch- naturwissenschaftlichen Bereich besteht.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einleitung in die Bildungsproblematik türkischer Kinder und Formulierung der Forschungsfrage.
2 MEHRSPRACHIGKEIT: Theoretische Grundlagen zur Mehrsprachigkeit sowie Erst- und Zweitspracherwerb.
3 DER SPRACHERWERB VON KINDERN MIT TÜRKISCHEM MIGRATIONSHINTERGRUND: Spezifika des Spracherwerbs bei Kindern mit türkischem Migrationshintergrund.
4 DER BILDUNGSERFOLG VON KINDERN MIT TÜRKISCHEM MIGRATIONSHINTERGRUND IM DEUTSCHEN BILDUNGSSYSTEM: Analyse der Bildungssituation anhand von Statistiken und Schulleistungsstudien.
5 ERKLÄRUNGSANSÄTZE FÜR DEN BILDUNGSMISSERFOLG TÜRKISCHER KINDER UND JUGENDLICHER IN DEUTSCHLAND: Untersuchung außerschulischer und schulischer Faktoren inklusive institutioneller Diskriminierung.
6 DIE ROLLE DES SCHRIFTSPRACHERWERBS IM ZUSAMMENHANG MIT DEM BILDUNGSMISSERFOLG VON KINDERN UND JUGENDLICHEN MIT TÜRKISCHEM MIGRATIONSHINTERGRUND: Bedeutung von Bildungssprache und Lesesozialisation.
7 SCHRIFTSPRACHLICHE SOZIALISATION IN ERST- UND ZWEITSPRACHE ALS BEDINGUNG FÜR BILDUNGSERFOLG?: Vergleich mit erfolgreicheren Gruppen und Diskussion bilingualer Modelle.
8 FAZIT: Zusammenfassung der Ergebnisse und Schlussfolgerungen.
Schlüsselwörter
Mehrsprachigkeit, türkischer Migrationshintergrund, Bildungserfolg, Bildungssprache, Lesekompetenz, Spracherwerb, institutionelle Diskriminierung, Schulleistungsstudien, Erstspracherwerb, Zweitspracherwerb, Bildungschancen, Lesesozialisation, Migrationsforschung, Deutsch als Zweitsprache, Schulsystem.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Gründe für das unterdurchschnittliche Abschneiden von Kindern und Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Mehrsprachigkeit, die Rolle der Bildungssprache, institutionelle Diskriminierung durch das Schulsystem und die Bedeutung der frühen Lesesozialisation.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu identifizieren, welche Faktoren den Bildungserfolg dieser Gruppe bestimmen und wie die Schule durch ihre Struktur zur Benachteiligung beiträgt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Methode besteht in der systematischen Recherche und Auswertung vorhandener Forschungsliteratur, Bildungsstatistiken und Schulleistungsstudien.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert theoretische Modelle der Mehrsprachigkeit, die Diskrepanz zwischen Alltagssprache und Bildungssprache sowie verschiedene Erklärungsmodelle für den Bildungsmisserfolg.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind etwa Mehrsprachigkeit, Bildungssprache, institutionelle Diskriminierung, Lesesozialisation und der Migrationshintergrund.
Warum schneiden türkische Schüler laut Arbeit oft schlechter ab?
Dies ist laut Autor kein Resultat mangelnder Begabung, sondern eine Kombination aus geringerer sozioökonomischer Ausgangslage, mangelnder früher Förderung und den selektiven, oft diskriminierenden Strukturen des deutschen Schulsystems.
Welche Rolle spielt die Bildungssprache?
Die Bildungssprache ist eine spezifische, dekontextualisierte Form der Sprache, die in der Schule erforderlich ist. Kinder, denen diese Förderung früh fehlt, haben große Schwierigkeiten, den Anforderungen des Fachunterrichts zu folgen.
Können griechische Schüler als Modell dienen?
Die Arbeit vergleicht türkische Schüler mit griechischen Schülern, da letztere im deutschen System erfolgreicher sind, was unter anderem auf eine stärkere Anerkennung und Förderung der Herkunftssprache zurückgeführt wird.
Was schlägt die Autorin zur Verbesserung vor?
Gefordert werden Strukturreformen des Schulsystems, eine durchgängige Sprachbildung ab der Vorschule und eine Professionalisierung der Lehrerausbildung hinsichtlich interkultureller Kompetenzen.
- Arbeit zitieren
- Sina Klar (Autor:in), 2014, Mehrsprachigkeit und Bildungserfolg von Schülerinnen und Schülern mit türkischem Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/307854