Das Warnmärchen „Rotkäppchen“ im Laufe der Zeit

Ein Vergleich der Fassungen von Charles Perrault, den Gebrüdern Grimm und Ludwig Bechstein


Bachelorarbeit, 2015

40 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Theoretische Aspekte
1.1. Das Volksmärchen
1.2. Warn- und Schreckmärchen
1.3. Der Wolf als Schreckgestalt

2. Charles Perrault - Ein Warnmärchen für die französische Oberschicht

3. Gebrüder Grimm - Das idealtypische Märchen

4. Ludwig Bechstein - Das Märchen als humoristische Unterhaltungsliteratur

5. Vergleich der Fassungen von Perrault, Grimm und Bechstein
5.1. Unterschiede am Anfang der Geschichte
5.2. Unterschiede im Gespräch mit dem Wolf
5.3. Unterschiede im Verhalten des Wolfes im Haus der Großmutter
5.4. Unterschiede am Ende
5.5 Unterschiede bei der Schreckgestalt des Wolfes

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

ÄEs war einmal«“ oder ÄIn den alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat«“ sind Worte, die mittlerweile einen festen Platz in unserer Kindheit eingenommen haben. Sie sind die einleitenden Worte in die Welt der Märchen.

Die wohl bekanntesten Märchen stammen von den Brüdern Jakob und Wilhelm Grimm, die sich zur Zeit der Romantiker die Mühe machten, Erzählungen aus dem Volk zu sammeln und schriftlich festzuhalten. Doch bereits vor den ÄKinder- und Hausmärchen“ der Gebrüder Grimm gab es schriftlich fixierte Märchen, welche die Brüder ebenfalls als Quelle für ihre Sammlung nutzten. Und trotz des großen Erfolges der ÄKinder- und Hausmärchen“ gibt es nach dessen Veröffentlichung immer wieder Autoren, die die Märchen neu erzählten. Dabei werden die Märchenstoffe und Motive immer wieder verändert und ihrer Zeit angepasst.

Das Ziel der Arbeit ist es anhand des Märchens ÄRotkäppchen“ ein zusammenhängendes Bild davon zu zeichnen, wie sich das Märchen verändert hat und welche inhaltlichen und erzähltechnischen Merkmale dafür kennzeichnend sind.

Aufgrund des begrenzten Umfangs der Arbeit beschränkt sich die Arbeit auf drei ausgewählten Fassungen von Rotkäppchen. Es handelt sich dabei um die französische Fassung von Charles Perrault, die der Gebrüder Grimm und Ludwig Bechsteins. Diese drei Fassungen wurden gewählt, da es nachgewiesen wurde, dass die vorhergehende Erzählung jeweils als Quelle der anderen diente.

Der ausführlichen Analyse der drei Fassungen von Rotkäppchen geht ein zusammenfas- sendes Kapitel voran, welches einige theoretische Aspekte klärt. Dabei wird der Begriff des Märchens, insbesondere des Volksmärchens, beleuchtet. Beim Aufbau und der Ge- staltung des Volksmärchens wird hierbei von einem Idealtyp ausgegangen. Danach wird, da Rotkäppchen zu den sogenannten Warnmärchen gehört, geklärt, was genau ein Warn- bzw. Schreckmärchen ist und welche Handlungselemente dieses ent- halten muss, um als solches zu gelten. Dabei wird sich auf die Studie von Marianne Rumpf gestützt.

Der letzte theoretische Aspekt soll sich mit dem Wolfsmotiv beschäftigen, da am Ende der Arbeit, durch den Vergleich des Wolfes beziehungsweise durch die Wandlung des Wolfsmotivs, noch einmal explizit die unterschiedlichen Märchenkonzepte herausgear- beitet werden sollen.

Nachdem alle theoretischen Aspekte geklärt wurden, wird jeder Text im Einzelnen be- trachtet und analysiert werden. Dabei wird unter anderem an einigen Stellen auf Inter- pretationsansätze von Bruno Bettelheim, Hans-Wolf Jäger, Jack Zipes und Hans Ritz eingegangen, um ein besseres Verständnis einiger Entwicklungen herauszustellen.

Damit im späteren Verlauf ein Vergleich des Wolfsmotivs möglich ist, wird im Beson- deren mit den Textstellen gearbeitet, in denen der Wolf vorkommt. Bei Perrault wird mit der Übersetzung von Ulrich Friedrich Müller gearbeitet. Nach dem jeder Text für sich alleine betrachtet wurde, werden die drei Fassungen mit- einander verglichen. Dabei werden die Anfangsszene, die Verführungsszene, die Szene im Haus der Großmutter und das Ende auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten unter- sucht. In einem letzten Schritt wird die Entwicklung des Wolfsmotivs innerhalb der drei Fassungen betrachtet.

Zusammenfassend beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit folgenden Fragen: Wie hat sich das Märchen, insbesondere das Wolfsmotiv, inhaltlich und sprachlich durch den Einfluss ihrer Zeit verändert? Für welches Publikum wurden die Märchen geschaffen und welche Interpretationsansätze entstehen gegeben falls dadurch? Wovor will das Warnmärchen im Kontext seiner Zeit warnen und wie wird die Lehre im Märchen mitt- geteilt?

1. Theoretische Aspekte

Das Wort Märchen stammt von dem mittelhochdeutschen Wort maere ab und bezeich- net kurze Erzählungen, die Äin einem bestimmten Sinn »unwahrscheinlich« sind oder wirken.“1

Heutzutage wird das Wort Märchen für eine Äim Volk überlieferte Erzählung, in der übernatürliche Kräfte und Gestalten in das Leben der Menschen eingreifen und meist am Ende die Guten belohnt und die Bösen bestraft werden“2 verwendet. Umgangs- sprachlich wird das Wort Märchen für eine unglaubwürdige Geschichte, die als Ausrede genutzt wird, verwendet.3

Unterschieden wird in Kunstmärchen und Volksmärchen. Im Folgenden wird, wenn von Märchen gesprochen wird immer das Volksmärchen gemeint sein, wenn nicht anders erwähnt.

1.1. Das Volksmärchen

Der Begriff des Volksmärchens entstand durch die Vorstellung, dass diese Erzählungen schon lange im Volk mündlich überliefert wurden und keine festen Autoren haben. Die- se Vorstellung wurde mittlerweile weitestgehend widerlegt. Stefan Neuhaus schreibt in seinem zusammenfassenden Werk über Märchen Folgendes dazu:

Alle Märchen haben einen Autor, selbst wenn sich dieser heute nicht mehr feststellen lässt. Dass Autoren voneinander abgeschrieben haben, ist nichts Neues und schon gar kein Grund, eine Überlieferung durch das ‚Volk‘ - was immer das sein mag - anzunehmen. Bearbeitungen von Stoffen sind originäre Leistungen von Autoren, nicht nur bei Märchen - kein Mensch würde auf die Idee kommen, Goethes Faust oder Thomas Manns Doktor Faustus als reine Bearbeitungen des mittelalterlichen Sagenstoffes einzustufen. Bestimmte Stoffe sind so alt wie die Menschheit, aber das hat nichts mit der Tradierung, sondern vielmehr etwas mit den zentralen Bedürfnissen und Problemen der Menschen zu tun, die überall auf der Welt gleich oder ähnlich sind.4

Neuhaus möchte damit die Bedeutung der mündlichen Weitergabe von Märchen nicht völlig leugnen, da durch einen Mangel an schriftlichen Zeugnissen vor dem 18. Jahrhundert davon auszugehen ist, dass in den mündlichen Erzählungen Veränderungen vorkamen und sich gehalten haben.5

Das Volksmärchen beschränkt sich auf eine Haupthandlung und verzichtet damit auf etliche Nebenhandlungen. Die Erzählung ist der Einfachheit wegen im Präsens verfasst und auf Rückblicke und Vorausdeutungen wird verzichtet.

Am Ende eines Märchens findet sich meist ein glückliches Ende für die Guten und das Böse wird besiegt, oftmals sogar mit dem Tode bestraft. Besonders in den ÄKinder - und Hausmärchen“ der Gebrüder Grimm findet das Böse am Ende des Märchens einen möglichst grausamen Tod, um es für sein Vergehen zu bestrafen.

Zeitlich wird das Märchen durch Einleitungsformeln wie ÄEs war einmal«“ oder ÄVor Zeiten«“ in eine ferne Zeit verschoben, die sich nicht auf einen historischen Raum be- zieht, sondern den Leser damit in die phantastische Welt des Märchens geleitet. Die Örtlichkeit bleibt genauso unbestimmt, wie die Zeit. Es kommen Orte vor wie Dör- fer, Wälder und Schlösser. Auf einen konkreten Ort wird dabei jedoch verzichtet. Damit kann der Wald oder das Dorf zu keinem geografischen Raum zurückverfolgt werden. Die Erzählung kann damit überall auf der Welt stattgefunden haben. Figuren in Volksmärchen sind wie die Handlung eindimensional gestaltet. Es gibt keine komplexen Figuren, die mehrere Charakterzüge in sich vereinen, sondern nur extreme. Entweder eine Figur ist rein gut oder sie ist rein böse. Eine Figurenentwicklung findet meist nicht statt. Findet eine Entwicklung statt, muss die Figur symbolisch sterben und wiedergeboren werden, wie im Fall von einigen Fassungen von Rotkäppchen. Selten haben die Figuren richtige Namen. Meist werden die Figuren nach einem äußerlichen Merkmal benannt, so wie Rotkäppchen nach ihrer roten Kappe. Figuren ohne außerge- wöhnliche äußerliche Merkmale werden nach ihrem Beruf benannt. Finden sich den- noch Namen im Märchen, wie im Falle von Hänsel und Gretel, sind es stets einfache Namen, die früher verbreitet waren.

Die Sprache, in der die Märchen gestaltet sind, ist ebenso einfach gehalten, wie das restliche Märchen. Es besteht zum Großteil aus Hauptsätzen und es kommt häufig zu Wort oder Satzwiederholungen.

Während der Geschichte trifft der Protagonist auf magische Gegenstände, sprechende Tiere und mystische Wesen. Dabei werden diese übernatürlichen Mächte als selbstverständlich hingenommen und nie infrage gestellt. ÄDiese Art der Normalität zwischen diesseitiger/alltäglicher und jenseitiger/überschreitender Welt ist ein typisches Merkmal der Märchengattung“6 und findet sich auch in den Kunstmärchen wieder.

1.2. Warn- und Schreckmärchen

Das Märchen Rotkäppchen gehört zu den sogenannten Warn- und Schreckmärchen. Diese Art der Märchen zeichnet sich dadurch aus, dass in den Texten Gefahren mög- lichst lebensbedrohlich dargestellt werden. Kinder, die diesen Gefahren ausgesetzt sind, sollen als ein Beispiel dafür dienen, welche Folgen ungehorsames oder falsches Verhal- ten hat.7 ÄAuf indirekte oder sehr direkte Weise lehren die Erzählungen, dass eine Über- tretung von Verboten und eine Missachtung elterlicher Normen schlimme Folgen mit sich ziehen können.“8

Am Anfang des Märchens steht ein Verbot oder einer Warnung, welche von einem El- ternteil oder einem anderen Erwachsenen ausgesprochen wird. Im darauf folgenden Verlauf sind die Kinder den Gefahren alleine ausgesetzt. Der elterliche Schutz kann durch dessen Abwesenheit nicht stattfinden. Die Kinder Äbleiben alleine im Haus zu- rück oder müssen durch den Wald gehen“9 und sind damit von den Erwachsenen ge- trennt.

Die Gefahr entsteht stets durch eine Schreckgestalt und nicht durch Naturphänomene oder andere äußerliche Gefahren. Meist ist die Schreckgestalt dem Kind fremd, nur in seltenen Fällen, wie zum Beispiel in dem Märchen ÄDer Wolf und die sieben Geißlein“, werden die Kinder explizit vor dieser Gestalt gewarnt.

Schreckgestalten sind dem Aberglauben entnommen und können damit einen Hinweis auf den geografischen Ursprung der Erzählung bieten. Die häufigsten Schreckgestalten in europäischen Märchen sind laut Marianne Rumpf die Hexe und der Wolf.10 Durch die Gestaltung der Schreckgestalt kann sich ebenfalls ein ungefährer historischer Entstehungsraum des Märchens feststellen lassen. Mariane Rumpf schreibt dazu Fol- gendes:

Es wird dabei immer wieder aktuelle Ereignisse geben, die ältere Ueberlieferungen verdrängen. Wenn in einer Variante des französischen Märchens vom Petit Poucet der Menschenfresser Äun sarasin“ genannt wird, der ausruft ÄIch rieche Christenfleisch“, so scheint hier die Erinnerung an eine Zeit nachzuklingen, in der die heidnischen Saraszenen als grausame Feinde der Christenheit wohl auch in Frankreich gefürchtet wurden.11

Am Ende des Warnmärchens erhält das Kind für seinen Ungehorsam eine Strafe durch die Schreckgestalt. Die Strafe kann in einer Verletzung oder Tod enden. In einigen Erzählungen wird das Kind am Ende gerettet.

Jaana Kaiste fasst die wichtigsten wiederholenden Themen, die in einem pädagogischen Warnmärchen vorkommen wie folgt zusammen: ÄVerbot bzw. Warnung - Übertretung des Verbots - Strafe/Rettung.“12 Damit ein Märchen also als Warn- bzw. Schreckmär- chen gelten kann, muss ein Kind nach einer Warnung oder einem Verbot, von seinem elterlichen Schutz getrennt werden. Nach der Trennung wird die Warnung missachtet und das Kind trifft auf eine Bestrafung dieser Missachtung durch eine Schreckgestalt.

1.3. Der Wolf als Schreckgestalt

Der europäische Wolf, der bis zu seiner Ausrottung 1750 in Europa weit verbreitet war, fand schon früh einen Weg in die Erzählungen der Menschen. ÄFür die Griechen war er das hl. Tier des Lichtgottes Apollon“13 und in der römischen Mythologie säugte eine Wölfin die späteren Gründer Roms, Romulus und Remus.14

Dem Wolf werden jedoch auch schon damals böse Eigenschaften zugeschrieben. Er war der Begleiter des griechischen Kriegsgottes Ares und in der Edda verschlingt der Fenriswolf den Göttervater Odin und läutet damit das Ende der Götterzeit ein.15

Doch nicht nur in der Mythologie finden sich Geschichten über den Wolf. In den Chro-

niken des 15. bis 18. Jahrhunderts lassen sich mehrere Ereignisse nachlesen, in denen Wölfe Kinder, Frauen und in seltenen Fällen Männer anfallen.16

Märchen greifen einige der mythologischen Motive, wie das Verschlingen, und gleichzeitig die historischen Belege auf und vereinen sie zu dem bösen Wolf, der zur Schreckensgestalt wird. Der böse Wolf ist eine hinterlistige und gewissenslose Figur, welcher, neben der Hexe, einer der häufigsten Vertreter des Bösen im Märchen ist. Im Märchen repräsentiert der Wolf oft die reine Gier, die im christlichen Glauben zu den sieben Todsünden gehört. Sie ist das prägende Merkmal des Wolfes in den Märchen und zugleich der Grund, warum er meist scheitert.

Der Wolf ist fest mit dem Motiv des Verschlingens verbunden. In kaum einem Märchen geht es dem Wolf nicht darum sich jemanden einzuverleiben und auch in der Fabel wird der Wolf mit diesem Motiv in Verbindung gebracht.

Während der Wolf am Anfang, in unterschiedlichen Märchen, in heuchlerischer Liebenswürdigkeit auftritt, um sich seiner Beute zu nähern und sie durch Verkleidung und Worte geschickt täuschen kann, erliegt er sobald er seine Gelüste gestillt hat den Nachtteilen seines gierigen Verschlingens. Er findet im Schlaf oder durch das stecken bleiben in zu eng gewordenen Fenstern und Türen den Tod.

In der römischen Mythologie wird dem Wolf männliche Stärke zugeschrieben.17 Der böse Wolf im Märchen wird manchmal mit einem männlichen Verführer gleichgesetzt, der das männliche sexuelle Begehren widerspiegelt.18 Besonders in älteren Fassungen der Märchen, die noch nicht für Kinder angepasst wurden, ist dies deutlich zu erkennen, während in den Märchen der Gebrüder Grimm und vielen späteren Fassungen, nur noch das Verschlingen als eine sexuelle Metapher verstanden werden kann.

Als europäische Schreckgestalt hat der Wolf seine berühmtesten Auftritte in ÄRotkäppchen“ und ÄDer Wolf und die sieben Geißlein“. Vermutlich ist die Schreckgestalt des Wolfes in diesen Märchen von der abergläubischen Gestalt des Werwolfes abgeleitet.19 ÄDer Sinn dieser Märchen war, Kinder, die noch keine bedrohlichen Erfahrungen gemacht hatten, mit der Existenz des Bösen vertraut zu machen.“20

2. Charles Perrault - Ein Warnmärchen für die französische Oberschicht

Charles Perrault veröffentlichte seine Märchensammlung ÄHistoires ou contes du temps passé“ im Jahr 1697, nachdem er drei Jahre zuvor bereits drei Versmärchen veröffent- lich hatte, unter den Namen seines dritten Sohnes.21 Er widmete seine Sammlung Mademoiselle de Chartres, welche er in seinem Vorwort als gnädiges Fräulein an- spricht. In seinem Vorwort in der ersten Ausgabe findet sich neben der Widmung eine Erläuterung zu seinen Märchen. Er weist auf die Moral hin, die sich in jedem Märchen versteckt und versucht zu erklären, dass Märchen nicht nur für die einfachen Leute des Volkes gedacht sind. Eine Besonderheit, die sich nur in Perraults Märchen findet, ist die angehängte Moral in Versform. Er fasste damit die im Text verborgene Moral nach je- dem Märchen noch einmal explizit zusammen.

Im 16. und 17. Jahrhundert wurde die Kindheit erstmals als separate Wachstumsphase angesehen.22 Dadurch wurde der Erziehung besondere Aufmerksamkeit geschenkt, damit eine gesunde und gewünschte Entwicklung stattfinden konnte. Neben etlichen Vorschriften für Verhalten, Kleidung und Sprechweisen, welche in Erziehungsbüchern erschienen, wurden diese Ansprüche an die Kinder in spezieller Kinderliteratur verarbeitet. Perraults Märchen enthalten ebenfalls solche Verhaltensmuster und Vorbilder, die Kinder entsprechend der vorgegeben Normen zivilisieren sollen.23

Charles Perrault schrieb jedoch nicht nur für Kinder, sondern auch für die Erwachsenen der französischen Oberschicht, bei der die sogenannten Feenmärchen großen Anklang fanden. Jack Zipes schreibt im Falle von Rotkäppchen Folgendes dazu:

Perrault schrieb sowohl für Kinder als auch für Erwachsene der gebildeten Oberschichten. Die Ironie seiner Erzählung läßt darauf schließen, daß er versuchte, sich an die erotische und spielerische Seite der erwachsenen Leser zu wenden, die an frechen Vergnügungsgeschichten Vergnügen fanden. Diese Ironie ging bei den jungen Lesern verloren, denen die friedlichen Warn-Aspekte des Märchens gefie- len wie auch das Spiel zwischen dem Wolf und Rotkäppchen, das einen didaktischen Anti-Klimax in der moralité hat24 Perraults Version von Rotkäppchen, die den Titel ÄLe Petit Chaperon rouge“ trug, wur- de zusammen mit sieben anderen Märchen in der Märchensammlung veröffentlicht. Es ist das zweite Märchen in der Sammlung und eine der kürzeren Erzählungen. Woher Perrault das Märchen hat ist nicht bekannt, jedoch kann davon ausgegangen werden, dass es bereits vor Perraults Rotkäppchen einige mündliche Versionen existier- ten. Marianne Rumpf stellte in ihrer Arbeit ÄUrsprung und Entstehung von Warn- und Schreckmärchen“ heraus, dass Äeines der populärsten europäischen Warnmärchen des Mittelalters von feindlichen Kräften erzählt, die schutzlose Kinder im Wald bedroht.“25 Sie stellte ebenfalls fest, dass im Falle von Rotkäppchen, der vermutliche Widersacher wohl ein Werwolf gewesen war. Diese Annahme liegt nahe, da es zu Perraults Kindheit mehrere Prozesse gab, die Männern vorwarfen, in Wolfsgestalt Kinder zu fressen.26 In der Zeit von Perraults Märchenveröffentlichung war diese Thematik jedoch schon veral- tet und da Perrault wusste, dass seine Erzählungen auch am Hofe gelesen wurden, hatte er sich vermutlich dazu entschieden, anstatt eines Werwolfes einen Wolf als Verführer auftreten zu lassen.

Paul Delarues bemühte sich eine ursprüngliche mündliche Version des Märchens von ÄRotkäppchen“ zu rekonstruieren. Der Inhalt dieses Textes soll zu Vergleichszwecken inhaltlich kurz wiedergegeben werden.27

Ein Mädchen bekommt von ihrer Mutter Brot und Milch. Diese Sachen soll sie zu ihrer Großmutter bringen. An einer Wegkreuzung begegnet sie einem Werwolf, der sie nach ihrem Ziel fragt. Das Mädchen erzählt dem Werwolf, wohin sie gehen will. Dieser fragt sie daraufhin, welchen von zwei möglichen Wegen, Stecknadelweg oder Nähnadelweg, sie gehen wird und nimmt selbst den anderen. Der Werwolf kommt vor dem Mädchen bei der Großmutter an, tötet diese und stellt Fleisch und Blut dieser in den Schrank. Das Mädchen, welches kurz darauf ankommt, wird von dem Werwolf aufgefordert etwas von dem Fleisch zu essen und von dem Blut zu trinken, bevor sie sich nackt zu ihm ins Bett legen soll. Bei jedem Kleidungsstück, welches das Mädchen ablegt, fordert der Wolf, dass sie jenes ins Feuer wirft. Sobald das Kind bei dem Wolf im Bett liegt, folgt das klassische Frage-Antwort-Spiel nach dem plötzlich merkwürdigen Erscheinungsbild der Großmutter. Bevor der Werwolf sich auf das Mädchen stürzen kann, behauptet das Kind es müsse dringend. Der Werwolf bindet eine Schnur an das Kind und lässt es in den Garten, wo dieses ihm entwischt.

Wird davon ausgegangen, dass ungefähr so oder so ähnlich die damalige Version ausge- sehen hat, hat Perrault neben der Änderung von Werwolf zum Wolf entscheidende Än- derung vorgenommen, um die Erzählung für sein Publikum anzupassen. Es kommen keine kannibalischen Züge mehr in Perraults Version vor und die Darstel- lung von Gewalt wird gemindert. Die Großmutter und im Falle von Perrault auch Rot- käppchen werden nicht gefressen und damit in Stücke gerissen, sondern im Ganzen ver- schlungen. Das Mädchen, welches in Delaures Version keinen Namen trägt, ist schlau und schafft es sich selber vor der Bedrohung durch den Wolf zu retten, während Perraults Rotkäppchen naiv und hilflos geworden ist.

Die rote Kappe, die dem Märchen schlussendlich seinen Namen gab, wurde von Per- rault wahrscheinlich selber eingefügt. Einige Theorien besagen, dass Perrault sich für eine rote Kappe entschieden hat, weil rot die Farbe des Teufels und der Sünde ist.28 Bei genauerer Betrachtung fällt jedoch auf, dass Perrault die Neuerung von Basile über- nommen hat, mit typisierenden Namen zu arbeiten und diese in den meisten Fällen auch als Titel zu verwenden.29 Vermutlich hat Perrault die rote Kappe nur eingeführt, um für die Figur einen solchen Namen zu haben, ohne dieser eine höhere Bedeutung beizumes- sen.

Perraults Märchen beginnt mit den Worten ÄEs war einmal“, welche später zu einem typischen Märchenmerkmal wurden und die zeitliche Ebene verschleiern und damit die Einleitung zu der phantastischen Erzählung liefern, in der ein sprechender Wolf auftritt. Auf ihrem Weg zur Großmutter trifft Rotkäppchen in einem Wald auf den Wolf: ÄAls es durch einen Wald kam, traf es den Gevatter Wolf, der große Lust, hatte, es zu fressen; aber er wagte es nicht wegen einiger Holzfäller, die in dem Wald waren.“30

Der Wolf wird im deutschen mit den Worten ÄGevatter“ und in dem französischen mit Äcompere“ eingeführt. Das Wort Gevatter bezeichnet einen Verwandten, einen Freund oder zumindest einen Bekannten. Der Wolf wird damit als eine Art Vertrauter eingeführt, obwohl Rotkäppchen ihm noch nie zuvor begegnet ist. Diese Wortwahl deutet bereits daraufhin, dass es sich im Fall von Perraults Erzählung nicht um einen wirklichen Wolf handelt, sondern um ein Symbol.

Der Wolf selbst handelt bereits bei der ersten Begegnung sehr rational. Er verspürt zwar Lust das junge Mädchen sofort zu fressen, widersteht diesem Drang jedoch, da einige Holzfäller in der Nähe sind, die ihm sonst gefährlich werden würden. Perraults Wolf stellt damit seine eigene Sicherheit vor sein Verlangen.

Dass der Erzähler das Wort Lust verwendet, um das Bedürfnis des Wolfes zu beschreiben, gibt bereits einen ersten Hinweis auf einen erotischen Kontext. Rotkäppchen begegnet dem Wolf, obwohl sie ihn nicht kennt, sehr freundlich und offenherzig. ÄDas arme Mädchen wusste nicht, dass es gefährlich war, stehenzubleiben und einem Wolf zuzuhören [«]“31

[...]


1 Rölleke, Heinz: Die Märchen der Brüder Grimm. Eine Einführung. 4. Aufl. Stuttgart: Reclam 2004. S. 11.

2 [Art.] Märchen. In: Duden. Das Bedeutungswörterbuch. Hrsg. von Dudenredaktion. 4. Aufl. Mannheim: Dudenverlag 2010. S. 627.

3 Vgl. Ebd. S. 627.

4 Neuhaus, Stefan: Märchen. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag 2005. S. 3.

5 Vgl. Ebd. S. 3.

6 Vgl. Elser, Bianca: Und wenn sie nicht gestorben sind« . Die Darstellung von Tieren in der Romantik anhand der Brüder Grimm und E.T.A. Hoffmann. Hamburg: Bachelor + Master Publishing 2013. S. 7.

7 Vgl. Rumpf, Marianne: Ursprung und Entstehung von Warn- und Schreckmärchen. In: FF Communication. Edited for the Folklore Fellows. Vol. LXIV. Helsinki [u.a.] : Suomal. Tiedeakat 1910. S. 3.

8 Kaiste, Jaana: Das eigensinnige Kind. Schrecken in pädagogischen Warnmärchen der Aufklärung und der Romantik. Uppsala Universitet: Stockholm 2005. S. 53.

9 Rumpf, Marianne: Ursprung und Entstehung von Warn- und Schreckmärchen. S. 4. 6

10 Vgl. Rumpf, Marianne: Ursprung und Entstehung von Warn- und Schreckmärchen. S. 4.

11 Ebd. S. 12.

12 Kaiste, Jaana: Das eigensinnige Kind. Schrecken in pädagogischen Warnmärchen der Aufklärung und der Roman- tik. S. 53.

13 [Art.] Wolf. In: Wörterbuch der Symbolik. Hrsg. von Manfred Lurker. 5. Aufl. Stuttgart: Kröner 1991. S. 837.

14 Vgl. Ebd. S. 837.

15 Vgl. Duve, Karen. Thies, Völker: Fenriswolf. Ein Wolf den selbst die Götter fürchten. In: Lexikon Berühmter Tiere. Frankfurt am Main: Eichborn 1997. S. 206.

16 Vgl. Schenda Rudolf: Das ABC der Tiere. Märchen, Mythen und Geschichten. München: Beck 1995. S. 391.

17 Vgl. [Art] Wolf. In: Metzlers Lexikon literarischer Symbole. Hrsg. von Butzer, Günter; Jacob Joachim. 2. Aufl. Stuttgart [u.a.] : Metzler 2012. S. 426.

18 Vgl. Ebd. 426 f.

19 Vgl. Duve, Karen. Thies, Völker: Der Böse Wolf. Überholter Kinderschreck. In: Lexikon Berühmter Tiere. Frankfurt am Main: Eichborn 1997. S. 98.

20 Ebd. S. 98.

21 Vgl. Perrault, Charles: Sämtliche Märchen. Hrsg. von Doris Distelmaier-Haas. Ditzingen: Reclam 2012. S. 54.

22 Vgl. Zipes, Jack: Rotkäppchens Lust und Leid. Biographie eines europäischen Märchens. Köln: Eugen Diederichs Verlag 1982. S. 29.

23 Vgl. Zipes, Jack: Rotkäppchens Lust und Leid. S. 23.

24 Zipes, Jack: Rotkäppchens Lust und Leid. S. 22.

25 Ebd. S. 16.

26 Vgl. Ebd. S. 16 f.

27 Der Text wurde nach der gedruckten Version in Jack Zipes ÄRotkäppchens. Lust und Leid.“ widergegeben. 10

28 Vgl. Zipes, Jack: Rotkäppchens Lust und Leid. S. 23.

29 Clausen-Stolzenberg, Maren: Märchen und mittelalterliche Literaturtradition. Heidelberg: Winter 1995. S. 362.

30 Perrault, Charles: Contes de fees. Märchen. Übersetzung von Ulrich Friedrich Müller. Illustrationen von Louise Oldenburg. München: Deutscher Taschenbuchverlag 2008. S. 33 ff.

31 Perrault, Charles: Contes de fees. Märchen. S. 35.

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Das Warnmärchen „Rotkäppchen“ im Laufe der Zeit
Untertitel
Ein Vergleich der Fassungen von Charles Perrault, den Gebrüdern Grimm und Ludwig Bechstein
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Philosophisches Institut)
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
40
Katalognummer
V307894
ISBN (eBook)
9783668064195
ISBN (Buch)
9783668064201
Dateigröße
845 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Märchen, Rotkäppchen, Grimm, Bechstein, Perault, Volksmärchen, Warnmärchen, Wolfsmotiv
Arbeit zitieren
Jasmin Dahler (Autor), 2015, Das Warnmärchen „Rotkäppchen“ im Laufe der Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/307894

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