Welche Auswirkungen hat die Migration von Menschen auf ihre psychische Gesundheit und ihre Entwicklung? In unserer globalisierten Welt zählt die Migration schon (fast) zum
Normalzustand des Menschen. Aber wie gehen Individuen mit den Besonderheiten, in einem fremden Land zu leben, um? Welche Herausforderungen erwarten den Immigranten in einer
fremden Welt, welche Veränderungen sind zu bewältigen und in die eigene Person zu integrieren? Diese Fragen sollen in der vorliegenden Arbeit näher betrachtet und aus
psychoanalytischer Perspektive beleuchtet werden. Des Weiteren soll in der vorliegenden Arbeit der Begriff der Migration und die Reichweite einer Entscheidung zur Migration aus psychoanalytischer Sicht dargestellt werden.
Auf die psychoanalytische Perspektive soll in Kapitel 2 näher eingegangen werden, bevor in Kapitel 3 auf die Situation in Deutschland und in Europa eingegangen wird. In Kapitel 4 wird über das Fortgehen der Migranten berichtet, deren Gründe so unterschiedlich wie individuell sind. Es hat Auswirkungen auf die Entwicklung des Selbst und auf das Einleben in einem fremden Land, ob es sich um eine freiwillige Migration handelt oder ein erzwungenes Auswandern, ob ein Kontakt zur Heimat gehalten werden kann oder nicht. Schließlich soll in Kapitel 5 auf die Auswirkungen auf den Gesundheitszustand und das Einleben im neuen Land eingegangen werden. Dem wichtigen Umgang mit einer Fremdsprache und das Erlernen einer fremden Sprache ist ein eigenes Kapitel (6) gewidmet,da dies oft entscheidend für ein gutes Einleben im fremden Land ist und zudem das Denken und Handeln des Individuums besonders beeinflusst. Am Beispiel der emigrierten Psychoanalytiker und Psychoanalytikerinnen in Amerika soll der Prozess der Auswanderung namhafter Psychoanalytiker und dessen Besonderheiten zur Zeit des Nationalsozialismus hervorgehoben werden (Kapitel 7). Kapitel 8 schließt die Arbeit mit einem Fazit.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
1.1 EINFÜHRUNG IN DIE PROBLEMSTELLUNG
1.2 GANG DER DARSTELLUNG
1.3 ZIEL DER ARBEIT
2 HISTORIE DER MIGRATION
2.1 VERTREIBUNG AUS DEM PARADIES ALS ERSTE MIGRATION
2.2 DAS TRAUMA DER GEBURT
2.3 TRENNUNG UND VERLUST AUS PSYCHOANALYTISCHER SICHT
3 MIGRATIONSLAND DEUTSCHLAND
4 GRÜNDE FÜR DIE MIGRATION UND DEREN BEWÄLTIGUNG
4.1 FREIWILLIGE MIGRATION UND DER BEZUG ZUM HEIMATLAND
4.1.1 DIE REAKTIONEN DER IM HEIMATLAND VERBLEIBENDEN
4.1.2 BESUCHE IN DER HEIMAT ODER RÜCKKEHR
4.2 ERZWUNGENE MIGRATION - WENN DER RÜCKWEG VERSPERRT BLEIBT
5 EINLEBEN IN EINEM FREMDEN LAND UND DESSEN AUSWIRKUNGEN AUF DIE GESUNDHEIT
6 DIE BEDEUTUNG DER SPRACHE
7 PSYCHOANALYSE UND EMIGRATION
7.1 EMIGRATION UND ANKUNFT IN DEN USA
7.2 DIE ENTWICKLUNG DER PSYCHOANALYSE
7.3 DIE EMOTIONALEN ASPEKTE DER EMIGRATION
7.4 ANPASSUNG DURCH THEORIEBILDUNG
8 SCHLUSSFOLGERUNGEN UND AUSBLICK
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die psychischen Auswirkungen von Migration und die damit verbundenen Herausforderungen bei der Integration in ein fremdes Land unter Berücksichtigung psychoanalytischer Perspektiven. Zentral ist dabei die Frage, wie Individuen den Prozess der Migration bewältigen und welche Bedeutung der Verlust der Heimat sowie der Sprachwechsel für die Identitätsbildung haben.
- Psychoanalytische Betrachtung von Migrationsprozessen und Verlusterfahrungen
- Unterschiede zwischen freiwilliger und erzwungener Migration
- Die Rolle der Sprache als Brücke zur eigenen Identität und kulturellen Zugehörigkeit
- Die Emigration bedeutender Psychoanalytiker in die USA und deren Einfluss auf die Disziplin
- Auswirkungen von Migration auf die psychische und physische Gesundheit
Auszug aus dem Buch
4.1.1 Die Reaktionen der im Heimatland Verbleibenden
Die Entscheidung, in ein fremdes Land zu ziehen, hat nicht nur einschneidende Konsequenzen für den Betreffenden selbst, sondern auch für die Menschen in seiner näheren Umgebung. Personen, die dem Migranten nahestehen, Verwandte und Freunde, bleiben zurück und müssen ebenso mit Gefühlen des Verlustes und der Trauer umgehen und diese durchleben. Hier ist es von Bedeutung, unter welchen Umständen die Migration erfolgt und in welcher Situation die Zurückgebliebenen im Heimatland weiterleben. Schmerz und Angst über den Verlust können sich mit Aggression gegenüber dem Migranten abwechseln, so dass auch Neid und Wut darüber, zurückgelassen zu werden und da bleiben zu müssen, sichtbar werden. In jedem Fall erleben auch die Zurückgebliebenen eine Phase der Desorganisation, die schmerzhafte Lücke, die der Migrant bei ihnen hinterlässt, muss geschlossen und die Beziehung zu ihm neu organisiert und definiert werden. Auch hier können Abwehrmechanismen wirksam werden, um dem Schmerz entgegenzuwirken.
Somatisierung wäre eine typische Abwehr, die sich darin zeigt, dass ein dem Subjekt (dem Migranten) nahe stehende Person kurz vor oder nach der Abreise erkrankt, einen Herzinfarkt bekommt oder eine Herzneurose entwickelt, womit eine Kontrolle aufrecht erhalten und womöglich eine Rückkehr erzwungen werden soll. Abwehr kann sich aber auch in oberflächlich dahingeworfenen Bemerkungen zeigen, wie „Wir sehen uns...“ oder „Wir bleiben in Kontakt...“, die den Schmerz und den Verlust verleugnen. Auch Selbstvorwürfe oder Schuldgefühle bei den Zurückgebliebenen zeugen von einer paranoiden Abwehr.
Grinberg und Grinberg (1990) beschreiben in diesem Zusammenhang auch Sonderfälle in Hinblick auf das Zurückbleiben, wenn beispielsweise Kinder in der Heimat zurückbleiben, während die Eltern emigrieren. Dies war oft bei den frühen Gastarbeitern der Fall, wenn die Familie, Ehefrau und Kinder, erst Monate oder Jahre später nachziehen und sich viel später zur Emigration entschließen. In jedem Fall ist es für Kinder nochmals ein besonders einschneidendes Erlebnis und aus ihrer Sicht eine erzwungene Migration, die sie selbst nicht entscheiden konnten, sondern durch ihre Eltern entschieden wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Die Einleitung legt das Fundament der Untersuchung, stellt die Relevanz des Themas Migration aus psychoanalytischer Sicht dar und erläutert den methodischen Gang der Arbeit.
2 HISTORIE DER MIGRATION: Dieses Kapitel betrachtet Migration historisch und biografisch, unter anderem anhand von Mythen und der kindlichen Entwicklung, um das psychologische Verständnis von Migration als Trennungs- und Verlusterfahrung zu vertiefen.
3 MIGRATIONSLAND DEUTSCHLAND: Es wird ein kurzer historischer Abriss der Migrationsgeschichte in Deutschland gegeben, um die unterschiedlichen Formen von Migration exemplarisch zu illustrieren.
4 GRÜNDE FÜR DIE MIGRATION UND DEREN BEWÄLTIGUNG: Hier werden die vielfältigen Ursachen von Migration analysiert und der Unterschied zwischen freiwilliger und erzwungener Migration sowie deren Einfluss auf die psychische Bewältigung herausgearbeitet.
5 EINLEBEN IN EINEM FREMDEN LAND UND DESSEN AUSWIRKUNGEN AUF DIE GESUNDHEIT: Das Kapitel befasst sich mit den Schwierigkeiten der Integration in ein fremdes Umfeld, der Bedeutung von Übergangsobjekten und den Auswirkungen sozialer Ausgrenzung auf die Gesundheit.
6 DIE BEDEUTUNG DER SPRACHE: Der Fokus liegt hier auf dem engen Zusammenhang von Sprache, Identität und Emotionen, sowie der Problematik, die ein kompletter Sprachwechsel für Migranten mit sich bringt.
7 PSYCHOANALYSE UND EMIGRATION: Dieses Kapitel untersucht die Emigration von Psychoanalytikern in die USA, deren berufliche Anpassung und die traumatischen Aspekte, die in der psychoanalytischen Theoriebildung verarbeitet wurden.
8 SCHLUSSFOLGERUNGEN UND AUSBLICK: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der Ergebnisse, betont die lebenslange Wirkung von Migrationserfahrungen und fordert eine verstärkte Berücksichtigung dieser Aspekte in der therapeutischen Praxis.
Schlüsselwörter
Migration, Psychoanalyse, Identität, Exil, Integration, Trennung, Verlust, Fremdsprache, Traumatisierung, Anpassung, Gastarbeiter, Heimat, psychische Gesundheit, Holocaust, Emigration
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Migration als eine tiefgreifende psychologische Erfahrung, die mit Trennungs- und Verlusterfahrungen verbunden ist, und analysiert diese aus einer psychoanalytischen Perspektive.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Historie der Migration, der Unterscheidung zwischen freiwilliger und erzwungener Migration, der Bedeutung der Sprache für die Identität und der speziellen Erfahrung emigrierter Psychoanalytiker.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu verstehen, wie Migration die psychische Gesundheit und die Entwicklung des Selbst beeinflusst und welche Mechanismen Individuen nutzen, um die Herausforderungen eines Lebens in der Fremde zu bewältigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine theoretische Auseinandersetzung mit der psychoanalytischen Fachliteratur, historische Kontexte und qualitative Beispiele, um die psychischen Dynamiken des Migrationsprozesses zu durchleuchten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einordnung, eine Analyse der Migrationsmotive und deren Bewältigung, die Folgen des Einlebens für die Gesundheit, die Rolle der Sprache sowie eine Fallstudie über die Emigration von Psychoanalytikern in die USA.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Migration, Psychoanalyse, Identität, Exil, Integration, Trennung, Verlust, Traumatisierung und Anpassung sind zentrale Begriffe.
Welche Rolle spielen Sprache und Sprachverlust bei Migranten?
Die Sprache ist eng mit der emotionalen Welt und der Identität verknüpft. Der Verlust der Muttersprache führt häufig zu einer Erschütterung des Selbstgefühls und kann die psychische Verarbeitung der Migration massiv erschweren.
Warum war die Emigration für Psychoanalytiker ein besonderer Fall?
Psychoanalytiker standen vor der Herausforderung, ihre Fachsprache und Arbeitsweise in einer neuen Kultur unter erschwerten Bedingungen (z.B. medizinische Lizenzanforderungen, Verlust der Heimat) zu bewahren, was zu Anpassungsleistungen in der Theoriebildung führte.
- Arbeit zitieren
- Karola Hanau (Autor:in), 2015, Migration. Auswirkungen auf die Psyche und die Haltung der Psychoanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/307918