Die Montagetechnik in Alfred Döblins Roman 'Berlin Alexanderplatz'. Umsetzung und Funktion


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition der verwendeten Termini
2.1 Zitat
2.2 Collage
2.3 Montage

3. Das Montageverfahren bei Döblin am Beispiel ‚Berlin Alexanderplatz‘
3.1 Die Verwendung von Fremdmaterial
3.2 Die Funktion der Montage

4. Großstadt und Montage — ein Zusammenspiel

5. Schlussbetrachtungen

6. Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur
6.3 Internetquellen

1. Einleitung

ÄVon Perioden, die das Nebeneinander des Komplexen wie das Hintereinander rasch zusammenfassen erlauben, ist umfänglicher Gebrauch zu machen. Rapide Abläufe, Durcheinander in bloßen Stichworten; wie überhaupt an allen stellen die höchste Exaktheit in suggestiven Wendungen zu erreichen gesucht werden muß. Das Ganze darf nicht erscheinen wie gesprochen, sondern wie vorhanden.“1

Die vorliegende Arbeit setzt sich mit der Montagetechnik in Alfred Döblins Roman ‚Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf‘ auseinander.2 Er ist der erste und einzi- ge Welterfolg Döblins, aber dennoch gleichsam bedeutend wie eigenartig.3 Franz Biberkopf, wegen Totschlags an seiner Freundin inhaftierter Zement- und Transportarbeiter, wird nach vier Jahren in der Haftanstalt Tegel entlassen, entlassen in eine Stadt, die ihn ängstigt. Ihm steht eine Gewaltkur bevor über den Sinn und Ausgang der Leser gleich zu Beginn informiert wird: ÄWir sehen am Schluss den Mann wieder am Alexanderplatz stehen, sehr verändert, ramponiert, aber doch zurechtgebogen.“4 Um die Biberkopf-Handlung herum sammeln sich verschiedene Fremdtexte unterschiedlicher Herkunft: Nachrichten, Berichte, Dialoge. Berlin Alexanderplatz liest sich wie ein geschriebener Film: Montage von Handlungsfragmenten, Dialogfetzen, Ortsbeschreibungen, amtliche Meldungen sollen die Großstadt erzählen.5

Der genauen Betrachtung des Montageverfahrens soll die im zweiten Kapitel erarbeitete Defi- nitionsgrundlage dienen. Auf Basis der Forschungsliteratur sind zuerst einige Termini zu klä- ren und die Collage von der Montage abzugrenzen. Darauf folgen eine Konkretisierung des Montagebegriffs und eine detaillierte Darstellung der besonderen Bauformen. Im dritten Kapi- tel steht die Realisierung des Montageverfahrens im Roman selbst im Vordergrund. Jedoch folgt nicht einfach nur eine Aufzählung erläuternder Beispiele, derer gibt es einfach zu viele, sondern vielmehr soll immer wieder der Bogen zurück zum theoretischen Teil gespannt wer- den. Im Roman ‚Berlin Alexanderplatz‘ nimmt die Großstadt und ihre Darstellung einen gro- ßen Raum ein. Dem Autor dient das Montageverfahren als ästhetisches Hilfsmittel, um gleich- zeitige, nebeneinander stattfindende Ereignisse in einen linearen Fluss zu bringen. Wie sich Großstadtdiskurs und Montageverfahren zueinander verhalten, wird in einem vierten Kapitel erarbeitet.

2. Definition der verwendeten Termini

In definitorischen Fragen zu den vorliegenden Termini ist in der Forschung kein Konsens zu verzeichnen. Die Begriffe Zitat, Collage und auch Montage unterliegen einer beliebigen Ver- wendung und werden scheinbar willkürlich ausgetauscht.6 ŽMEGAČ will die beiden Äausge- prägtesten Stilmittel der modernen Literatur“ als funktionale Einheit verstanden wissen: Col- lage ist eine besondere Spielart der Montage, welche als Oberbegriff zu verstehen ist.7 Das Montageverfahren hat seinen Ursprung im Film, es dient zur Herstellung eines filmischen Zusammenhangs aus verschiedenen Sequenzen.8 In dieser Arbeit wird nur von der literarischen Adaption die Rede sein.

2.1 Zitat

Von Zitat sei in der Literatur nur dann zu sprechen, wenn die entnommenen Teile auch deutlich als Fremdmaterial gekennzeichnet werden, zumeist mit Anführungszeichen oder Doppelpunkt, sowie wenn die Quelle vorgestellt wird.9

2.2 Collage

Collage bezeichnet sowohl das Produzieren mit vorfabrizierten Materialien als auch das Er- gebnis davon. Die Darstellung der Collage variiert in den verschiedenen Medien, im Film beispielsweise ist der Filmschnitt Theorie und Praxis der Collage.10 Sie enthält ausschließlich fremde Passagen/Elemente verschiedener Quellen, welche einfach nur ‚eingeklebt’ werden (abgeleitet von dem französischen Wort für kleben: coller).11 Die Bruchstellen, welche an den jeweiligen Übergängen entstehen, werden offengehalten.12 In der Collage werden die den Materialien eigenen Eigenschaften genutzt, um eine erkennbare, eigenständige Komposition zu gestalten.13

2.3 Montage

ÄM[ontage] sollte man das Verfahren nennen, fremde Textsegmente in einen eigenen Text aufzunehmen, sie mit Eigenem zu verbinden bzw. zu konfrontieren.³14 Die von ŽMEGAČ vorge- nommene Definition beschreibt das Verfahren, also das Herstellen als Tätigkeit und nicht das Endergebnis. Die Definition offenbart einen weiteren Aspekt, nämlich den des Materials. Sprache und Partikel der Realität können als Element der Montage zu einem Teil der Weltlite- ratur zusammenwachsen, vor allem ÄWortmaterial aus Tageszeitungen, Inseraten und Rekla- metexten“ wird umfunktioniert.15 STENZEL formuliert, Montage Ä[sei] die unvermittelte Ein- führung eines oder mehrerer in der außerfiktiven [also realen] Welt vorgeformter Texte in den laufenden Erzählprozess, die sich für die Welterfahrung des Lesers durch einen typischen Jargon auszeichnen und damit Wirklichkeitsechtheit suggerieren.“16 Der Leser erkennt den einmontierten Teil und identifiziert ihn zugleich als Teil der realen Welt durch die innewoh- nende signifikante Sprache (bsw. die Sprache eines ‚Käseblatts‘). Die Wirklichkeitsechtheit von literarischen Montagen lebt nicht davon, möglicherweise vom Leser kontrollierbar zu sein, sondern lediglich vom Urteil seiner Vorstellungskraft, die die verschiedenen Sprachmuster eingeprägt hat.17 Das heißt, auf die Realität kann, das zumindest scheint der Anspruch der Autoren zu sein, intensiver verwiesen werden durch das Aufnehmen von Realitätsfragmen- ten— der Alltag erscheint nicht weiter kunstfern.18 Dazu findet sich auch eine Äußerung von DÖBLIN selbst: ÄDas Leben dichtet unübertrefflich, Kunst hinzuzufügen ist da meist überflüs- sig.“19

ŽMEGAČ spricht bezüglich der Montage von einem demonstrativen (offenen, irritierenden) und einem integrierenden (verdeckten) Montageverfahren.20 Formen der demonstrativen Montage, wie sie auch von DÖBLIN in ‚Berlin Alexanderplatz‘ genutzt werden, setzen beim Leser ein gewisses Potenzial an Erkenntnis frei, da ihnen ein Verfremdungsmoment innewohnt, provo- ziert durch den ganz offenen Bruch. So fordert der Text den Intellekt des Lesers. Integrierende Montage findet sich innerhalb erlebter Rede, wo der Urheber des Gesagten nicht angeführt werden muss. Die verwendeten Fragmente werden der Textumgebung angepasst und nahtlos eingefügt, sodass das Erzählte kontinuierlich fließen kann.21

Die Montage unterliegt einem zweistufigen Entstehungsprozess: Zunächst läuft ein Fragmentierungsprozess ab, in dem Elemente aus ihrer Umgebung entfernt und Zusammenhänge aufgelöst werden. Als Nächstes folgt der Kompositionsschritt, bei dem die verschiedenen Versatzstücke zu einem neuen Ganzen zusammengefügt werden.22 Döblin selbst schreibt in seinem Aufsatz über den ‚Bau des epischen Werkes‘:

ÄDer wirklich Produktive [er meint den Autor, aber nicht nur den Romanschriftsteller, sondern den epischen Künstler] aber muß zwei Schritte tun: er muß ganz nahe an die Realität heran, an ihre Sachlichkeit, ihr Blut, ihren Geruch, und dann hat er die Sache zu durchstoßen, das ist seine spezifische Arbeit.“23

Scheinbar nicht miteinander zusammenhängende und interagierende Elemente werden durch den Roman als Überform miteinander verknüpft. Es obliegt dem Rezipienten, die Elemente zu sortieren und Verbindungen herzustellen.24

Großer Beliebtheit erfuhr die Montagetechnik unter den Autoren der zwanziger Jahre, im Kontext des Großstadtromans, Ävorwiegend als ein Mittel der Darstellung diffuser Wahrnehmung sowie als eine Möglichkeit, Simultantechnik zu suggerieren.“25 Auch das Montageverfahren weist unterschiedliche Bauformen auf, die im Folgenden anhand konkreter Textbeispiele aus ‚Berlin Alexanderplatz‘ vorzustellen sind.

Die Parallelmontage verknüpft auf assoziativer Ebene mehrere Textstränge und bietet die Möglichkeit, benutzte Zitate immer wieder im Text auftauchen zu lassen. Damit kann sowohl eine motivliche wie auch eine zeitliche Parallele ausgedrückt werden.26

ÄAm Abend des 9. Februar 1928, an dem in Oslo die Arbeiterregierung gestürzt wurde, die letzte Nacht im Stuttgarter Sechstagerennen gerannt wurde — Sieger blieben Van Kempen/Frankenstein mit 726 Punkten, 2440 Kilometer — die Lage im Saargebiet verschärft erschien, am Abend des 9. Februar 1928, einem Dienstag [...], an diesem Abend stand Franz Biberkopf am Alexanderplatz an einer Litfaßsäule und studierte eine Einladung der Kleingärtner von Treptow-Neukölln ...³27

[...]


1 S. Döblin, zit. n. ŽMEGAČ, Viktor: Döblin im Kontext der literarischen Moderne, in: Internationales AlfredDöblin-Kolloquium Münster 1989, Bern 1993, S. 17f.

2 DÖBLIN, Alfred: Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf, München 452006.

3 Vgl. LINKS, Roland: Alfred Döblin. Leben und Werk, S. Berlin 1965, S. 78.

4 S. ebd., S. 11.

5 Vgl. KAEMMERLING, Ekkehard: Die filmische Schreibweise, in: Materialien zu Alfred Döblin ›Berlin Alexanderplatz‹, hrsg. von Matthias PRANGEL, Berlin 1975, S. 185.

3

6 Vgl. ŽMEGAČ, Viktor: Montage/Collage, in: Moderne Literatur in Grundbegriffen, hrsg. von Dieter

BORCHMEYER und Viktor ŽMEGAČ, Tübingen ²1994, S. 286; auch KLOTZ bemerkt den verworrenen Gebrauch der Termini, HAGE tadelt darüber hinaus deren inflationären Gebrauch.

7 S. ebd., S. 286.

8 Vgl. WISCHMEYER, Dietmar: Montage, in: Harenbergs Lexikon der Weltliteratur, Bd. 4, hrsg. von François BONDY, Dortmund 1989, S. 2031.

9 Vgl. STENZEL, Jürgen: Mit Kleister und Schere. Zur Handschrift von Berlin Alexanderplatz, in Text + Kritik. Zeitschrift für Literatur, Bd. 13/14, hrsg. von Heinz Ludwig ARNOLD, Aachen 1972, S. 42.

10 Vgl. JÄGER, Georg: Montage, in: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, Bd. 2, hrsg. von Klaus WEIMAR, Berlin 1997, S. 631

11 Vgl. ŽMEGAČ, Montage/Collage, S. 286.

12 Vgl. JÄGER, Montage, S. 631.

13 Vgl. ebd., S. 631.

14 Vgl. ŽMEGAČ, Montage/Collage, S. 286.

15 S. JÄGER, Georg: Dadaismus, in: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, Bd. 1, hrsg. von Klaus WEIMAR, Berlin 1997, S. 327.

16 S. STENZEL, Mit Kleister und Schere, S. 42.

17 Vgl. ebd., S. 42.

18 Vgl. MÖBIUS, Hanno: Montage und Collage, München 2000, S. 27.

19 DÖBLIN, Alfred: Bemerkungen zum Roman, in: Schriften zu Ästhetik, Poetik und Literatur, hrsg. von Erich KLEINSCHMIDT, Olten 1989, S. 126.

20 Vgl. ŽMEGAČ, Montage/Collage, S. 287.

21 Vgl. ebd., S. 287.

22 Vgl. JÄGER, Montage, S. 631.

23 S. DÖBLIN, Alfred: Der Bau des epischen Werkes, in: Schriften zu Ästhetik, Poetik und Literatur, hrsg. von Erich KLEINSCHMIDT, Olten 1989, S. 219.

24 Vgl. ŽMEGAČ, Montage/Collage, S. 288.

25 S. ŽMEGAČ, Montage/Collage, S. 290.

26 Vgl. HAGE, Volker: Collagen in der deutschen Literatur. Zur Praxis und Theorie eines Schreibverfahrens, Frankfurt 1984, S. 77.

27 S. DÖBLIN, Alfred: Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf, München 452006, S. 172.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Montagetechnik in Alfred Döblins Roman 'Berlin Alexanderplatz'. Umsetzung und Funktion
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Muster des modernen Romans // Prof. Dr. Kiesel
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V307983
ISBN (eBook)
9783668064072
ISBN (Buch)
9783668064089
Dateigröße
847 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Döblin, Alfred Döblin, Bieberkopf, Franz Bieberkopf, Montage, Collage, Expressionismus, Roman, Montageroman, Montageverfahren, Bauart, Filmschnitt, Fremdmaterial, Fragmentierung, Großstadt, Bau des epischen Werkes, Parallelmontage, Kontrastmontage, Sinneseindrücke
Arbeit zitieren
Florian Hamleser (Autor), 2015, Die Montagetechnik in Alfred Döblins Roman 'Berlin Alexanderplatz'. Umsetzung und Funktion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/307983

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