Diese Arbeit befasst sich mit der Aufarbeitung des Moments des Kindsmordes in Heinrich Leopold Wagners Werk „Die Kindermürderin“. Sie untersucht dazu, welche Umstände die Protagonistin dazu veranlassen, ihr Neugeborenes zu töten. Hierfür wird die Handlung jedes zentralen Charakters einzeln untersucht sowie dessen daraus resultierenden Einfluss auf die finalen Ereignisse.
Der Begriff der Schuld jedes einzelnen Protagonisten soll hier eine zentrale Rolle einnehmen, wobei am Schluss der vorliegenden Arbeit eine historische Betrachtungsweise vorgenommen und mit den zuvor gesammelten Erkenntnissen zusammengeführt werden soll.
Die Frage nach der Schuld soll dabei nicht vorranging juristisch geklärt werden; vielmehr soll gezeigt werden, welche gesellschaftlichen Faktoren innerhalb des Dramas zur Katastrophe führen und welche moralische Wertung von gesellschaftlichen Normen und Verhaltenskodizes vorgenommen wird. Ein Schwerpunkt in der Beobachtung soll hierbei der Verkehrung aufklärerischer Werte in ihr Gegenteil zukommen sowie der literarische Kritik dieses Phänomens.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Naivität und Patriarchat
2.1 Die Schuld der Mutter
2.2 Die Schuld des Vaters
3 Stände und Aufklärung
3.1 Die Schuld Hasenpoths
3.3 Die Schuld des Magisters
3.2 Die Schuld Marthans
4 Effekte fragmentarischer Aufklärung
4.1 Die Schuld Gröningsecks
4.2 Die Schuld Evchens
5 Synopsis: Historischer Hintergrund und Wagners Verarbeitung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die gesellschaftlichen Faktoren und die individuellen Schuldanteile der verschiedenen Protagonisten in Heinrich Leopold Wagners Drama "Die Kindermörderin", wobei der Fokus insbesondere auf der Verkehrung aufklärerischer Werte liegt. Die Forschungsfrage zielt darauf ab, wie soziale Normen, patriarchale Strukturen und die Unfähigkeit der Akteure zu authentischer Kommunikation zur Katastrophe führen.
- Analyse der Schuldfrage bei Mutter und Vater Humbrecht
- Untersuchung der gesellschaftlichen Rollen von Hasenpoth, dem Magister und Marthan
- Reflektion der Konsequenzen von Verführung und Vergewaltigung für die Protagonistin Evchen
- Kritik an der restriktiven Moral und den starren Ständeansprüchen des 18. Jahrhunderts
- Einordnung des Werks in den historischen Kontext des Kindsmords
Auszug aus dem Buch
2.1 Die Schuld der Mutter
Evchens Mutter ist es, die -unwissentlich- ihre Tochter mit in das Bordell nimmt und Gröningsecks Vorhaben eine Plattform bietet. Ohne jeden Widerstand lässt sie sich von Gröningsecks fadenscheinigen Ausflüchten überzeugen; sie gibt stattdessen offen zu, dass Gröningsecks Charme ausgeliefert ist6, reflektiert dies jedoch in keiner Weise kritisch. Dass ihrer Tochter diese Gesellschaft (auch mangels Erfahrung) keineswegs behagt, bleibt ihr dabei weitestgehend verborgen; vielmehr bestärkt sie Gröningseck darin, sich an Evchen heranzuspielen, da ihr selbst seine Avancen durchaus angenehm sind und sie daraus schließt, dass auch Evchen daran Gefallen finden müsse. Zusätzlich scheint Mutter Humbrecht davon auszugehen, dass dies in derlei gesellschaftlichen Kreisen, in denen sie sich nur allzu gern bewegen möchte, dazugehöre.
Dass Evchen ihre Mutter nach der Vergewaltigung dann als Kupplerin bezeichnet, kommt nicht von ungefähr, immerhin hat sie das Verhalten von Gröningseck nicht nur geduldet, sondern vielmehr befördert. Mutter Humbrecht sehnt sich nach Gröningsecks Aufmerksamkeit, lässt sich dabei bereits mit lächerlicher Ignoranz abspeisen7 und ergreift schließlich schon beinahe selbst die Initiative, indem sie zunehmend offensiv seine Nähe sucht8. In ihrem Eifer agiert Mutter Humbrecht im Bordell gewöhnlich gegen Evchen und tritt in Konkurrenz zu ihr. Dadurch ist sie nicht der Rückhalt, den ihre Tochter benötigt, sondern ein weiterer Unsicherheitsfaktor in der so ungewohnten Situation, der die bevorstehende Vergewaltigung begünstigt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in das Motiv des Kindsmords ein und skizziert das Ziel, die Schuldfrage der Protagonisten vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Faktoren im Drama zu untersuchen.
2 Naivität und Patriarchat: Dieses Kapitel analysiert das bürgerliche Milieu, in dem Vater und Mutter Humbrecht agieren und wie ihre jeweilige Rolle das Schicksal ihrer Tochter Evchen mitbestimmt.
2.1 Die Schuld der Mutter: Die Mutter wird als unreflektierte Figur dargestellt, die aufgrund eigener Wünsche und Naivität die Verführung ihrer Tochter durch Gröningseck befördert.
2.2 Die Schuld des Vaters: Der Vater wird als cholerischer Patriarch charakterisiert, dessen rigide Vorstellung von Ehre und seine Unfähigkeit zu einfühlsamer Kommunikation die Kommunikation mit Evchen verunmöglichen.
3 Stände und Aufklärung: Hier wird untersucht, wie die drei Figuren Hasenpoth, Magister und Marthan als Vertreter unterschiedlicher Stände die Schuldfrage in der Gesellschaft widerspiegeln.
3.1 Die Schuld Hasenpoths: Hasenpoth fungiert als Anstifter und gewissenloser Intrigenplaner, der seine Handlungen mit einer indifferenten aristokratischen Arroganz rechtfertigt.
3.3 Die Schuld des Magisters: Der Magister wird als aufgeklärte Figur dargestellt, die jedoch durch ihre rein rationale, didaktische Art die deeskalierende Wirkung verfehlt und zu keiner echten Hilfe für Evchen fähig ist.
3.2 Die Schuld Marthans: Marthan ist zwar religiös und hilfsbereit, urteilt jedoch aus einer naiven Position heraus über Evchen, was deren verzweifelte Situation weiter verschärft.
4 Effekte fragmentarischer Aufklärung: Dieses Kapitel reflektiert die Auswirkungen der geltenden Normen, wobei Evchen als leidgeprüfte, unschuldige Täterin in den Vordergrund rückt.
4.1 Die Schuld Gröningsecks: Gröningseck wird als unsteter Charakter zwischen moralischem Bewusstsein und militärischem Selbstverständnis gezeichnet, dessen Verhalten die Katastrophe maßgeblich einleitet.
4.2 Die Schuld Evchens: Evchen wird in ihrer Rolle als unverschuldetes Opfer dargestellt, das trotz Intelligenz und Aufklärung an den patriarchalen Strukturen und dem Druck ihrer Eltern scheitert.
5 Synopsis: Historischer Hintergrund und Wagners Verarbeitung: Abschließend wird der Kindsmord in den historischen Kontext des 18. Jahrhunderts gesetzt und Wagners literarische Kritik an den starren gesellschaftlichen Strukturen zusammengefasst.
Schlüsselwörter
Heinrich Leopold Wagner, Die Kindermörderin, Sturm und Drang, Schuldfrage, Patriarchat, Aufklärung, Bürgerliches Trauerspiel, Soziale Normen, Verführung, Vergewaltigung, Evchen, Literaturkritik, Ständegesellschaft, Moral, Geschlechterrollen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Heinrich Leopold Wagners Drama "Die Kindermörderin" hinsichtlich der Verteilung von Schuld unter den verschiedenen Protagonisten und hinterfragt die gesellschaftlichen Bedingungen des 18. Jahrhunderts, die zu einer solchen Katastrophe führen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das patriarchale Familienbild, die restriktiven sozialen Normen, die Stellung der Frau im 18. Jahrhundert, der Einfluss von Ständen auf das Individuum sowie die moralische Ambivalenz innerhalb des Aufklärungsprozesses.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, dass der Kindsmord nicht bloß eine individuelle Tat Evchens ist, sondern das Ergebnis eines Versagens der sie umgebenden sozialen Instanzen (Eltern, Gesellschaft, Ständeordnung).
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine textanalytische Untersuchung der Charaktere und ihrer Interaktionen innerhalb des Dramas, ergänzt durch eine historische Kontextualisierung des Kindsmords im 18. Jahrhundert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der Schuldanteile der Eltern (Mutter und Vater), der gesellschaftlichen Repräsentanten (Hasenpoth, Magister, Marthan) sowie des Verführers Gröningseck und der Protagonistin Evchen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind das Drama "Die Kindermörderin", Schuld, Patriarchat, Aufklärung, Ständegesellschaft, soziale Normen, Verführung, Vergewaltigung und gesellschaftliche Verantwortung.
Wie bewertet der Autor das Verhalten des Magisters?
Der Magister wird als eine Figur charakterisiert, die zwar intellektuell aufgeklärt ist, aber durch ihre unreflektierte Rationalität und mangelnde Empathie ihre Rolle als helfende Instanz verfehlt.
Warum wird Evchen als "unschuldige Täterin" bezeichnet?
Die Bezeichnung rückt Evchen in eine Position, in der sie zwar die Tat ausführt, aber moralisch als Opfer der sozialen Rahmenbedingungen und des Versagens ihres Umfelds gesehen wird, das ihr keinen anderen Ausweg ließ.
Inwiefern ist der Vater, Martin Humbrecht, eine ambivalente Figur?
Er zeigt zwar väterliche Fürsorge und wandelt sich am Ende zu einer geläuterten Figur, doch sein rigides, cholerisches Verhalten und sein starres Standesbewusstsein sind wesentliche Auslöser für die Eskalation der Situation.
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- Anonym (Autor:in), 2015, Verkehrung der Aufklärung. Die Frage der Schuld in Heinrich Leopold Wagners "Die Kindermörderin", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308075