Michael Hanekes "Das weiße Band" und Andreas Altmanns Biografie. Die Vereinbarkeit von Literatur und Film im Unterricht

Eine Analyse


Hausarbeit, 2012

12 Seiten, Note: 2,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zusammenfassungen
2.1 Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte
2.2 Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend

3 Gegenüberstellung I: Die Darstellung von Gewalt
3.1 "Reinigung durch Züchtigung" (00:23:29 – 00:26:55) - Haneke
3.2 Beginn des Krieges zwischen Vater und Sohn: Kapitel 76 - Altmann
3.3 Einschätzung beider Szenen

4 Gegenüberstellung II: Sexualmoral
4.1 Die Wurzel allen Übels (00:56:39 – 01:00:28) - Haneke
4.2 Religiöse Infiltrierung: Kapitel 102 - Altmann
4.2 Einschätzung beider Szenen

5 Schlussbetrachtung

6 Literaturverzeichnis

7 Anhang

1 Einleitung

Das Medium 'Film' spielt seit geraumer Zeit eine der prägendsten Rollen im Alltag von Kindern und Jugendlichen; dennoch findet eine kritische Auseinandersetzung mit den audio-visuellen Medien in der Schule kaum statt. Ist der Deutschunterricht sehr darauf bedacht, Schülern die Kompetenzen zu vermitteln, sich bewusst und differenziert mit Lektüre zu befassen, wird Filmen weiterhin eine stark unterrepräsentierte Rolle zuteil.1 Dass die Nutzung beider Medien im Rahmen des Unterrichts durchaus vorteilhaft ist, möchte die vorliegende Arbeit versuchen zu zeigen.

Anhand des Films "Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte" von Michael Haneke und Andreas Altmanns Biografie "Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend" sollen die unterschiedlichen darstellerischen Möglichkeiten beider Medien untersucht werden. Hierzu werden sowohl Film als auch Buch zuerst zusammengefasst; im Anschluss werden exemplarisch jeweils zwei Episoden eingehend beleuchtet und analysiert. Auf dieser Aufgabe soll der Schwerpunkt der Arbeit liegen und dabei die unterschiedlichen stilistischen Mittel von Literatur und Film verdeutlichen. In einer kurzen Gegenüberstellung der ausgewählten Episoden soll anschließend die didaktische Komponente geklärt werden.

2 Zusammenfassungen

2.1 Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte

Der 2009 erschiene Film "Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte" des österreichischen Regisseurs Michael Haneke beschreibt ein norddeutsches Dorf kurz vor dem Ausbruch des ersten Weltkriegs. Der Alltag der Bewohner ist geprägt von strikten Hierarchien und Monotonie; wer nicht den Konventionen gemäß handelt, wird bestraft. Gerade für die Heranwachsenden der kleinen Gemeinde bedeutet dies eine Kindheit, die von Kälte und Gewalt geprägt ist. Im weiteren Verlauf des Films gerät diese gewohnte Ordnung ins Wanken, als sich eine Reihe mysteriöser Zwischenfälle ereignen, die größtenteils nachweislich durch Menschenhand herbeigeführt sind und immer sadistischer werden. Diese Geschehnisse werden dem Zuschauer rückblickend von dem damaligen Dorflehrer geschildert und legen den Verdacht nahe, dass eine Gruppe von Kindern für die Vorfälle verantwortlich sein muss.

2.2 Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend

Autor Andreas Altmann, geboren 1949, veröffentlichte 2011 seine Biografie "Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend", in der er sein Aufwachsen im oberbayrischen (und damit katholisch geprägten) Wallfahrtsort Altötting in den Jahren nach dem Ende des zweiten Weltkriegs schildert. Seine Kindheit ist geprägt von einer schwachen und desinteressierten Mutter, von ständiger Drangsal durch seine Lehrer, vor allem aber von den täglichen Gewaltausbrüchen und Demütigung vonseiten des Vaters. Seiner Kindheit beraubt, gelingt es ihm, nach 18 Jahren aus den väterlichen Fängen zu fliehen und sich seither nach und nach von den geistigen Relikten und der zuvor eingebläuten Gewissheit, ein Versager zu sein, zu emanzipieren.

3 Gegenüberstellung I: Die Darstellung von Gewalt

Zunächst werden zwei Episoden verglichen, bei denen die Umsetzung von Gewaltdarstellungen sehr unterschiedlich behandelt wird.

3.1 "Reinigung durch Züchtigung" (00:23:29 – 00:26:55) - Haneke

Nachdem die beiden ältesten Kinder des Pfarrers am Vorabend ohne das Wissen ihrer Eltern verspätet zu Hause erschienen sind, werden nun die angekündigten Strafen vollstreckt (eine weitere wurde bereits direkt nach dem Eintreffen der beiden durchgeführt, als sämtlich Familienmitglieder wegen des Vergehens der Beiden den Tag hungrig, also ohne Abendessen beenden mussten): Zum einen wird beiden Geschwistern ein weißes Band um den Arm gebunden - ein Relikt aus ihren Kindertagen, das sie an Unschuld und Reinheit erinnern soll. Zur gesellschaftlichen Brandmarkung tritt zum anderen die körperliche Züchtigung, die vom Pfarrer als Reinigung angepriesen wird.

Zum Beginn der Szene sieht man in einer Nahaufnahme, wie die besagten Bänder zurechtgeschnitten werden; dieser Akt bildet das Zentrum des Bildes, das Drumherum ist beengt und dunkel. Auch wer die Arbeit ausführt, wird erst in der nächsten Einstellung deutlich, als die Mutter der beiden Kinder zuerst mit den Tränen ringend, beim Verlassen des Zimmers dann weinend den Akt der Bestrafung vorbereitet. Zwar beordert sie ihre Kinder anschließend mit gefasster Stimme ins Zimmer des Pfarrers, dennoch zögern die drei Beteiligten immer wieder und halten kurz inne, was auch dem Zuschauer das Gefühl von quälender Länge vermittelt. Auch eine kurze (tröstende) Berührung der Mutter an den Sohn ist zu sehen, dennoch ist es unausweichlich, dass die Beteiligten in gebückter Haltung in das Pfarrzimmer bewegen. Am Ort der Bestrafung haben sich beim Eintreten der beiden "Sünder" schon die anderen Familienmitglieder versammeln müssen, um das Geschehen mit anzusehen.

Anschließend wird die Tür geschlossen. Es folgt ein Standbild der Aufnahme (Anlage 1), für den Zuschauer ist in den folgenden 10 Sekunden weder hör- noch einsehbar, was hinter der Tür geschieht; mit dem eigenen Vorwissen glaubt man lediglich zu erahnen, was in dem Zimmer gerade passieren muss. Dann öffnet sich die Tür wieder, der Sohn tritt heraus. Doch statt wie erwartet den Akt der Züchtigung bereits überstanden zu haben, wird dieser nur noch weiter verzögert, da der Zuschauer beobachten muss, wie von dem Sohn das Werkzeug der Bestrafung geholt wird und er mit diesem wieder das Zimmer betritt. Ein weiteres Mal verschließt sich die Tür. Ein weiteres Mal wird das bekannte Standbild gezeigt und der Zuschauer im Unwissen über das Geschehen hinter der Tür gelassen, dieses Mal sogar 15 Sekunden lang. Erst dann muss man in weiteren 10 Sekunden mit anhören, wie der Junge mit der von ihm zuvor herbeigebrachten Rute gezüchtigt wird.

Auch wenn der Zuschauer den Akt der Gewalt nicht direkt mit ansieht, wird er durch die bedrückende Enge des Korridors und durch die quälende, u.a. wegen mehrerer Verzögerungen hervorgerufene Länge ebenfalls malträtiert; die Qual der Kinder (und vermutlich auch der restlichen Familienmitglieder) überträgt sich auf den Zuschauer und lässt ihn so zum Teil des Geschehens werden. Der Anfang der Szenerie findet fast ausschließlich im Dunkel statt: Die Mutter schneidet die Bänder in einer dunklen Kammer zurecht, die Flure sind ebenfalls nur spärlich beleuchtet und der Sohn wird aus seinem komplett dunklen Zimmer geholt. Der Korridor vor dem Zimmer der Bestrafung wirkt in dieser Szenerie zynischerweise beinahe wie ein Pfad der Erleuchtung, da er der einzige helle Abschnitt des Hauses zu sein scheint.

3.2 Beginn des Krieges zwischen Vater und Sohn: Kapitel 76 - Altmann

Um seinen Vater zu bestrafen (vgl. S. 80) und um an Geld zu kommen, das er aufgrund der kargen Portionen im elterlichen Haus unter anderem für Nahrung ausgibt (vgl. 81 f.), beginnt Altmann, Teile der väterlichen Briefmarkensammlung zu veräußern. In dem nun folgenden Kapitel beschreibt Altmann zum ersten (und nicht zum letzten) Mal im Verlauf des Buches die physische Gewalt seines Vaters gegen ihn, nachdem er seinen Diebstahl (durch Verrat des eigenen Bruders) entdeckt hat.

Nachdem sich der Vater des Tatbestandes vergewissert hat, "eröffnete er den Kampf2 " (S. 84): Im Folgenden beschreibt der Autor den Verlauf der Züchtigung. Während er anfangs Schläge mit der Hand ins Gesicht ertragen muss, steht die überraschende Feststellung: " Hätte ich die Kraft gehabt, hätte ich gegrinst"(S. 84), nachdem er den Ehering des Vaters bemerkte. Trotzdem die Ehe seiner Eltern (von Beginn an) gescheitert ist, legt er deren Symbol nicht ab, um sich auch weiterhin sowohl vor der Dorfgemeinschaft als auch vor Gott als achtbarer Mann darzustellen. Es ist u.a. diese Art der Scheinheiligkeit, die den Autoren in der Überzeugung bekräftigt, seinem Vater ebenbürtig zu sein: Zwar sei dieser seinem Sohn körperlich weit überlegen, dennoch sei er nicht der moralische Sieger, was sie in der Summe zu gleich starken Gegnern mache (vgl. S. 84). Während der Vater seinen Sohn mit einem Stock das blanke Gesäß traktiert, versucht dieser weiterhin, sich unbeeindruckt zu zeigen und stellt Vermutungen an, aus welchen Gründen sein Vater eine derartige Wut hegt und sie ihm gegenüber auslebt. Durch diese Überlegungen wird der Leser wiederholt auf die Kriegsvergangenheit und das ehemals hoffnungsvolle Leben des Vaters aufmerksam gemacht, was nicht als Rechtfertigung oder gar Legitimierung, sondern als ein Erklärungsansatz des Verhaltens fungieren soll.

Die (inoffizielle) neue Lebensgefährtin seines Vaters rundet die ganzheitliche Züchtigung ab, indem sie während der Tortur beständig betont, wie durchtrieben und schlecht der Sünder (auch im christlichen Sinne) sei (vgl. S. 85). Weiterhin konstatiert der Autor am Ende des Kapitels nüchtern, dass die Strafe mit dem Stock grundsätzlich erst dann beendet wurde, wenn das Gerät zerbrach.

Stilistisch ist das Kapitel von vielen kurzen Hauptsätzen sowie wiederholten Asyndeta geprägt. Beginnt der Autor bei der Beschreibung des Gewaltakts noch mit einem zynischen Vergleich, erzeugt diese subtile Aneinanderreihung der Traktierungsmethoden für den Leser eine Distanz zu dem Geschehen, die die Grausamkeit des Vorfalls beinahe abschwächt. Ohne besonderen Pathos werden auch die Gedanken des Opfers geschildert: Nicht etwa zu erwartende Beschreibungen der Schmerzen oder Demütigung, sondern ebenfalls aneinandergereihte Erklärungsversuche folgen den sehr offenen und detaillierten Darstellungen der häuslichen Gewalt sowie die Charakterisierung des Vaters und seiner Lebensgefährtin. Beide seien sowohl in religiöser als auch militärischer Hinsicht opportune Sadisten und vom christlichen Mehrwert des Strafens überzeugt. Durch wiederkehrende Beschreibungen ihrer tierischen, zum Teil monströsen Erscheinungsbilder (vgl. S. 84) wird der brutale und kalte Eindruck für den Leser abgerundet.

3.3 Einschätzung beider Szenen

In den ausgewählten Episoden wird ein sehr unterschiedlicher Umgang mit der Darstellung von physischer Gewalt deutlich: Während Altmann sehr plastisch und teilweise zynisch über die eigenen Erfahrungen der häuslichen Gewalt berichtet, zeigt Haneke diese nicht in der Deutlichkeit, sondern überlässt es der Vorstellungskraft des Zuschauers, sich die Ausmaße der Gewalt auszumalen. Vor allem mit der Hilfe von starken Bildern und Kameraeinstellungen erzeugt er beim Zuschauer Emotionen und eine Ahnung, wie sich die Gezüchtigten fühlen müssen. Die Wiederspieglung der Gedanken ist ein Vorteil der schriftlichen Wiedergabe von Altmann. Diese sind individuell und zum Teil überraschend, sodass sie innerhalb eines Films ebenfalls von einem Erzähler oder als innerer Monolog gezeigt werden müssten. Des Weiteren nutzt Altmann die Möglichkeit, den Leser zum Nachdenken anzuregen, indem er ihn an seinen Fragen nach den Ursachen der Aggressionen seines Vaters teilhaben lässt.

4 Gegenüberstellung II: Sexualmoral

In den beiden folgenden Szenen soll es um die Umsetzung der Problematik von Religion und Sexualität gehen.

4.1 Die Wurzel allen Übels (00:56:39 – 01:00:28) - Haneke

Diese Sequenz folgt unmittelbar auf die Darstellung einer Totalen: Der Zuschauer wird von der hellen, weiten Einstellung des Ärztehauses in eine Halbaufnahme, die ein Verhör des Sohnes durch den Vater zeigt, hineingedrängt. Allein durch diesen Schnitt ahnt der Zuschauer, wie unangenehm das nun Folgende werden wird.

Das Gespräch hat bereits begonnen, beide Protagonisten werden lediglich von hinten gezeigt (Anlage 2). Der Vater gibt an, wie besorgt er und seine Frau wegen des Jungen seien, beschäftigt sich dennoch im ersten Teil seiner Rede ausschließlich mit Familienvogel Piepsi. Da der Sohn auf die nun beginnende Befragung nach seinem Wohlergehen reagieren muss, wechselt die Einstellung von der Over-Shoulder-Perspektive in eine Nahaufnahme des Jungen, der nur sehr kurz angebunden auf die Fragen antwortet; das weiße Band -also Reinheit und Unschuld- an seinem Oberarm ist gut sichtbar. Erst als der Pfarrer an den Aussagen seines Sohnes Zweifel hegt, wendet er sich ihm mit eindringlichem Blick zu, schaut ihn direkt an und beginnt mit einer Anekdote, in der er beschreibt, dass ein Junge einer Nachbargemeinde identische "Symptome" wie sein Sohn gezeigt hätte und dass diese Folge einer "Nervenkrankheit" gewesen sei, an der jener elendig zugrunde ging. Diese wiederum sei hervorgerufen worden, nachdem der unbekannte Knabe offenbar begann, regelmäßig zu onanieren. Der Pfarrer will herausgefunden haben, dass auch sein Sohn "sich an den feinsten Nerven seines Körpers zu schaffen macht, wo auch Gottes Gebot heilige Schranken errichtet hatte" (00:59:20) und ringt nun seinem inzwischen weinenden Sohn das Geständnis ab. Eine Repression dessen wird dem Zuschauer erst im weiteren Verlauf des Films präsentiert, als klar wird, dass der Junge von nun an nachts an seinem Bett angebunden wird. Direkt im Anschluss an das Geständnis erfolgt ein Szenenwechsel und man sieht (oder hört vielmehr), wie der Arzt gerade mit der Hebamme schläft.

Während der zuvor beschriebenen Sequenz folgen mehrere Wechsel zwischen Over-Shoulder-Perspektiven und unterschiedlichen Nahaufnahmen aufeinander, in denen der Pfarrer einerseits und der immer nervöser werdende Sohn andererseits zu sehen sind. Erst als diesem direkt gesagt wird, worauf der Exkurs hinaus will, wechselt die Einstellung dauerhaft in die Großaufnahme des Jungen (Reinheit und Unschuld in Form des weißen Bandes sind nicht mehr sichtbar) und der Zuschauer kann auf seinem Gesicht Verunsicherung und Scham sehr genau ablesen.

Im Verlauf des Verhörs liegt der mehrheitliche Redeanteil beim Pfarrer, sein Sohn (der, auch als sein Vater sich setzt, die gesamte Zeit hinweg stehend verbringen muss) beantwortet nur knapp und mit immer leiser werdender Stimme seine Fragen. Diese stellt sein Vater, obwohl er die Antworten schon zu kennen meint ("Ich denke doch, dass du es weißt!" [00:58:45]). Den Eindruck, er sorge sich tatsächlich aufrichtig um das Wohlergehen seines Sohnes, schwächt er u.a. dadurch ab, indem er mit seiner Körpersprache seine Worten entkräftet: Nicht nur, dass er seinen Sohn erst dann ansieht, wenn er meint, diesen beim Lügen zu ertappen, auch als betont, er würde ihn "von ganzem Herzen" lieben (00:59:45) schüttelt er gleichzeitig verneinend den Kopf.

4.2 Religiöse Infiltrierung: Kapitel 102 - Altmann

Im Verlauf seiner Biografie beschreibt Altmann, wie ihm nicht nur zu Hause, sondern vor allem im schulischen Religionsunterricht die Sünde von jeglicher Form der Sexualität eingetrichtert wird (vgl. S. 108 f.). Obwohl er sich schon früh von jeglichen Dogmen des Katholizismus lossagt (vgl. S.30 f.), bekennt er im Verlauf seiner Ausführungen, dass die rigide Sexualmoral bei ihm durchaus Eindruck hinterlassen und ihn nachhaltig geprägt hat. Von pubertärer Neugier getrieben, überzeugt er seinen älteren Bruder im vorhergehenden Kapitel, diesen nackt "untersuchen" (S. 111) zu dürfen. Im nun folgenden Kapitel stellt Altmann dar, wie er sich seiner Sünde und deren Bewertung bewusst wird.

Um die Schwere seines Vergehens bestimmen zu können, schaut er in einem alten Schulheft nach, welche Vergehen in der Nacht zuvor von seinem Bruder und ihm begangen wurden. Beide hatten nicht einfach nur auf freiwilliger Basis Unkeusches gedacht, gesehen, getan und dabei Lust empfunden, sondern zusätzlich auch noch den "Tatbestand" der Homosexualität erfüllt, was die Schande aus christlicher Sicht vervielfacht. Indem er sich dies vor Augen führt, fürchtet er nun, als krank zu gelten und dafür in die Hölle zu kommen.

Zu dieser Erkenntnis scheint nicht nur Altmann selbst zu gelangen, sondern auch sein Bruder: Vom schlechten Gewissen und Scham geplagt, beschränkt sich die Kommunikation der beiden auf ein Minimum und das ohnehin schon befangene Verhältnis zu ihren Körpern verstärkt sich. Da sein Bruder gleichzeitig der einzige Vertraute in seiner Familie ist, hat er keinen, mit dem er über seine Verwirrung reden kann, da zu befürchten ist, dass er in dieser strengen und konservativen Umgebung von niemandem, als letztes von seinem Vater, Verständnis erwarten darf.

In diesem Abschnitt verwendet Altmann wiederholt mehrfach Asyndeta, die in diesem Fall u.a. die Intensität seiner Gefühle, seiner Verwirrung und Unsicherheit beschreibt und verstärkt. Des Weiteren bedient sich der Autor stark negativer Wortfelder ("Gift, Wut, Seuche" [vgl. S.112]), wenn es um die Wiedergabe seines Verhältnisses zur Religion geht, sodass sich einem Leser auch ohne Kenntnis der vorhergehenden Kapitel die Einstellung Altmanns zum Katholizismus erschließt.

4.2 Einschätzung beider Szenen

Auch wenn die Umstände unterschiedlich sind, ähneln sich Problematik und Darstellung des Themenkomplexes Religion und Sexualität. In beiden Fällen sind die Protagonisten weit entfernt von irgendeiner Art von Aufklärung und sind auf sich allein gestellt als es zum Beispiel um die Entwicklung des eigenen Körpers während der Pubertät geht. Statt Beistand und Hilfe wird beiden nur Angst und Ekel vor Nacktheit und Sexualität vermittelt, was zusätzlich durch die Androhung von Repressalien verstärkt wird. Sowohl durch die Körpersprache im Film als auch durch die nachvollziehbaren Gedanken des Protagonisten im Buch werden Hilflosigkeit und Angst der beiden Jungen deutlich.

[...]


1 Frederking, Krommer, Maiwald geben hier u.a als Begründungsansatz an, dass der Film als weniger elitär und deshalb im Unterrichts als verpönt gelte. Vgl. Frederking, Volker / Axel Krommer / Klaus Maiwald: Mediendidaktik Deutsch. Eine Einführung (Grundlagen der Germanistik, Bd. 44). Berlin 2008. S. 146.

2 Altmann beschreibt, dass sein Vater sich gern und häufig der Kriegsrhetorik bedient hatte (vgl. Kapitel 62); Ähnliches tut Altmann selbst, wenn er sein Verhältnis und die Auseinandersetzungen mit ihm schildert (vgl. u.a. S. 71)

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Michael Hanekes "Das weiße Band" und Andreas Altmanns Biografie. Die Vereinbarkeit von Literatur und Film im Unterricht
Untertitel
Eine Analyse
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Deutsche und Niederländische Philologie)
Veranstaltung
Didaktik der deutschen Sprache und Literatur
Note
2,3
Jahr
2012
Seiten
12
Katalognummer
V308077
ISBN (eBook)
9783668061767
ISBN (Buch)
9783668061774
Dateigröße
688 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Andreas Altmann, Interpretation, Gewalt, Das weiße Band, Didaktik, Deutschdidaktik, Unterricht, Film im Unterricht, Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte, Darstellung von Gewalt, michael haneke, Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend
Arbeit zitieren
Anonym, 2012, Michael Hanekes "Das weiße Band" und Andreas Altmanns Biografie. Die Vereinbarkeit von Literatur und Film im Unterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308077

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