Die Muttersprache als Teil der eigenen Identität. Eine Untersuchung der Einstellung zur Schrift- und Arbeitssprache Deutsch von Sahl, Ben-Chorin und Klüger


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
13 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Autoren im Vergleich
2.1 Hans Sahl – Abstand zur Muttersprache
2.2 Schalom Ben-Chorin – Unmögliche Abkehr von Muttersprache
2.3 Ruth Klüger – Rückkehr zur Muttersprache

3 Schlussbetrachtung

4 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Aus einem Land kann man auswandern, aus der Muttersprache nicht.“1 Geprägt durch Schalom Ben-Chorin trifft dieser Satz auf einen nicht unerheblichen Teil derer zu, die Deutschland infolge von anfänglichen Repressionen und späterer Shoah verlassen haben2. Gerade für Autoren, Kultur- und Sprachwissenschaftler, die besondere Nutzer einer Sprache sind, stellte sich die vollständige Umstellung ihrer Verständigungs- und Arbeitssprache im Exil als ein Problem dar: Durch den dauerhaften Verlust des sprachlichen Umfelds sowie die Tatsache, die Zielsprache nicht in Perfektion zu beherrschen, verfielen diverse Autoren in eine Art Sprachlosigkeit.3 Aus diesem Grund entschlossen sich etliche Schriftsteller auch nach vielen Jahren ihrer Exilierung sowie Emigration und der damit einhergehenden Akkulturation in weitere Sprachen, weiterhin auf Deutsch zu schreiben4.

Durch den nationalsozialistischen Missbrauch der deutschen Sprache entstand für jüdische Autoren ein besonderes Spannungsfeld: Rhetorik und Lexik ihrer eigenen Muttersprache wurden bewusst gegen sie gewendet; das Resultat war eine beispiellose Stigmatisierung und dadurch propagiert gerechtfertigte Vernichtung ihres Lebens und ihrer Kultur auf europäischem Boden. Dennoch haben sich auch jüdische Autoren in ihrem literarischen Schaffen nicht von der Sprache der Täter losgesagt, sondern waren auch weiterhin in dieser tätig. Im Folgenden sollen deshalb exemplarisch drei Autoren auf ihre Einstellung zur Schrift- und Arbeitssprach Deutsch hin untersucht werden.

Mit Hans Sahl, Schalom Ben-Chorin und Ruth Klüger wurden zu diesem Zweck drei Autoren ausgewählt, die infolge der politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen Deutschland zu unterschiedlichen Zeitpunkten5 verließen. Während die beiden Erstgenannten fernab ihrer ehemaligen Heimat in ihrem literarischen Schaffen nie von der deutschen Sprache abrückten, fand Klüger erst nach fast 20-jähriger Abstinenz zurück zu ihrer Muttersprache. Aufgrund unterschiedlicher Lebenshorizonte und Erfahrungen sollen Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Beziehung zur Muttersprache Deutsch sowie Argumente und mögliche Beweggründe für die Beibehaltung bzw. Wiederaufnahme eben jener herausgearbeitet werden. Als Textgrundlage für diese Untersuchung dienen zwei Essays und eine Biographie, in denen sich die ausgewählten Autoren auf unterschiedliche Weise zu den genannten Punkten äußern.

In diesem Zusammenhang wird von Autoren immer wieder das Wort ‚Heimat‘ verwendet, die hier allerdings keine spezifisch regionale Bedeutung haben soll, sondern emotional geprägt ist6 und damit eine Funktion von Identität hat.

2 Die Autoren im Vergleich

Zunächst werden die Essays von Sahl und Ben-Chorin zusammengefasst und Argumente gesammelt und ausgewertet. Zuletzt werden Passagen der Klüger-Biographie auf ihre Beziehung zur Muttersprache untersucht. In einer abschließenden Betrachtung sollen diese drei Werke zusammengeführt und gegenübergestellt werden.

2.1 Hans Sahl – Abstand zur Muttersprache

In seinem Aufsatz von 1964 „Gast in fremden Kulturen“7 erläutert Hans Sahl seine Auffassung von Heimat(losigkeit) und die eigene Verbindung zur Muttersprache Deutsch. Zunächst stellt er hierzu fest, dass es weder kulturelle noch politische Gründe für ihn gebe, nicht mehr in Deutschland zu leben; vielmehr fühle er sich als „exterritorialer Mensch“8, der es vorziehe, sich nirgends ganz zu Hause zu fühlen. Ein Grund hierfür sei durchaus das Bedürfnis, das Land der eigenen Muttersprache auf Abstand zu halten; jedoch brauche er diesen, um eine Distanz zu sich selbst und damit seinem eigenen Schaffen zu finden.9 Es sei nicht sein literarischer Anspruch, eine sprachliche Wirklichkeit abzubilden, sondern seinem eigenen Sprachgefühl zu folgen und ein dauerhaftes Verweilen in Deutschland führe dazu, dass die stilisierte Arbeitssprache durch die belanglose Kommunikationssprache abgenutzt werde.10 Die Gefahr, dass eben jene durch den unsteten Gebrauch verfallen und von der Zweitsprache zum Nachteil verändert werden könnte, bestehe nach Sahl zwar, andere Autoren seien aber schließlich auch in der Lage gewesen, unter (sprachlich) widrigen Bedingungen hochklassige Literatur zu verfassen.11

Beide Versuche, anderswo heimisch zu werden bzw. zurückzukehren, seien insofern gescheitert, als er sich auch Freunden und Bekannten nicht zugehörig fühle.12 Als Begründung gibt er unter anderem eine Sprachbarriere an, wobei diese nicht auf mangelnde Sprachkenntnisse zurückzuführen sei, sondern durch unterschiedliche Implikationen; ein wirkliches regionales Zugehörigkeitsgefühl habe sich bei ihm also auch aufgrund sprachlicher Differenzen nicht einstellen können.13 Identifikation mit der Bundesrepublik falle ihm aber auch deshalb schwer, weil sie sich seiner Meinung nach unverhältnismäßig mit der Shoah auseinandersetze.14 Schließlich konstatiert Sahl, dass Emigration mit künftigen Generationen zwar ein Ende finden würde, viele der aktuell Betroffenen jedoch immer Gast in ihren Kulturen sein würden; weiterhin schließt er nicht aus, eines Tages „als ein lebenslänglicher Gast“15 nach Deutschland zurückzukehren.16

Für Sahl steht es nicht zur Debatte, in welcher Sprache er schreiben möchte17, da für ihn keine Diskrepanz zwischen nationalem Zugehörigkeitsgefühl und Sprache vorhanden ist: Er fühlt sich zu keinem Land tatsächlich verbunden18, schließt eine politische Auseinandersetzung aber fast vollständig aus seiner Argumentation aus - diese erscheint bei ihm sogar eher störend. Für seine Autorentätigkeit sieht er in der Emigration vielmehr Vorteile, da seine Muttersprache für ihn das einzig Beständige zu sein scheint und durch die räumliche Entfernung auch nicht durch zeitgeistliche Entwicklungen beeinträchtig werden kann. Dadurch ist es Sahl möglich, nur „seinem inneren Ohr“19, also allein sich selbst zu vertrauen. Für ihn stellt die Exterritorialität also auch keine Gefährdung seiner schriftstellerischen Existenz dar20, sondern genau das Gegenteil: Sahl sieht den Abstand nicht nur als förderlich, sondern als notwendig an.21

[...]


1 Ben-Chorin, Schalom: Sprache als Heimat. In: Sprache als Heimat: Auswanderer erzählen. Hrsg. von Peter Nasarski. Berlin 1981. S. 12.

2 Bos merkt hierzu allerdings an, dass die Mehrzahl derjenigen, die in die Vereinigten Staaten emigrierten, sich von der deutschen Sprache dauerhaft abwendeten (Bos, Pascale R.: German-Jewish literature in the wake of the Holocaust: Grete Weil, Ruth Klüger, and the politics of address. New York 2005. S. 72).

3 Vgl. Krause, Robert: Lebensgeschichten aus der Fremde: Autobiografien deutschsprachiger emigrierter SchriftstellerInnen als Beispiele literarischer Akkulturation nach 1933. München 2010. S. 178, S. 184 sowie S. 225).

4 Ein bewusstes Abwenden von der deutschen Sprache z.B. bei Noth, Neumann und Mann „aus Beschämung über seine frühere Heimat“ (Krause 2010, S. 208f.). Bloch plädierte 1939 dafür, die Sprache der neuen Heimat zwar anzunehmen, die der alten aber weiter zu gebrauchen, um sich von dieser nicht völlig abzuwenden. (Vgl. Kreppel, Lena: Deutsch. Jüdisch. Israelisch: Identitätskonstruktionen in autobiographischen und essayistischen Texten von Erich Bloch, Jenny Cramer und Fritz Wolf. Würzburg 2012. S. 207f.).

5 Sahl ab 1933 über Prag, die Schweiz, Frankreich, Spanien und Portugal in die USA (vgl. Seo, Jang-Weon: Die Darstellung der Rückkehr: Remigration in ausgewählten Autobiographien deutscher Exilautoren. Würzburg 2004. S. 111), Ben-Chorin 1935 nach Palästina (vgl. Ben-Chorin 1981, S. 17), Klüger 1947 in die USA (Vgl. Klüger, Ruth: Weiter leben: Eine Jugend. Göttingen 1993. S. 2).

6 Vgl. hierzu auch Améry „Muttersprache und Heimatwelt wachsen mit uns, wachsen in uns hinein und werden so zur Vertrautheit, die uns Sicherheit verbürgt.“ (Améry, Jean: Wieviel Heimat braucht der Mensch? In: Jenseits von Schuld und Sühne: Bewältigungsversuche eines Überwältigten. München 1966. S. 84).

7 Sahl, Hans: Der Mann, der sich selbst besuchte: Die Erzählungen und Glossen. Hrsg. von Nils Kern und Klaus Siblewski. München: 2012. S.324 - 328.

8 Vgl. ebd. S. 324.

9 Vgl. ebd. S. 324f.

10 Vgl. ebd. S. 325.

11 Als Beispiele führt er u.a. Kafka und Rilke an. Vgl. ebd. S. 325.

12 Vgl. ebd. S. 325f.

13 Vgl. ebd. S. 326.

14 Einerseits habe man nach Kriegsende weitermachen wollen, „wo man 1933 aufhörte“, andererseits habe „die Beschäftigung mit der Vergangenheit“ eine Aktualität, die sie anderswo schon nicht mehr habe. Vgl. ebd. S. 326.

15 Vgl. ebd. S. 327.

16 Ebd. Dies tut er dann auch Ende der 1980er Jahre.

17 In ihren Studien stellt Rieder fest, „dass der kreative Prozess sich unter anderen Bedingungen vollzieht als Alltagskommunikation. Die Sprache drängt sich auf, Kreativität kann nicht in der einen Sprache erzwungen oder in einer anderen verweigert werden“ (Rieder, Bernadette: Deutsch schreiben in Israel: Auswertung von Interviews mit SchriftstellerInnen österreichischer Herkunft. In: Judentum und Antisemitismus: Studien zur Literatur und Germanistik in Österreich. Hrsg. von Anne Betten. Berlin 2003. S. 203).

18 Dies mag auch biographisch begründbar sein: Bis zu seiner endgültigen Emigration in die Vereinigten Staaten durchlief Sahl von 1933 bis 1941 fünf Stationen; in Frankreich wurde er zwischenzeitlich interniert. (Vgl. Seo 2004, S. 111f.).

19 Sahl 2012, S. 325.

20 Krause stellt allerdings fest, dass Sahl durchaus Befürchtungen hatte, durch die Mehrsprachigkeit sein Artikulationsvermögen im Deutschen einzubüßen. (Vgl. Krause 2010, S. 187).

21 „Das Leben zwischen den Kontinenten und in der Anderssprachigkeit erscheint als konstitutiv für die eigene Identität und erhält eine existentielle Dimension.“ (Krause 2010, S. 184).

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Muttersprache als Teil der eigenen Identität. Eine Untersuchung der Einstellung zur Schrift- und Arbeitssprache Deutsch von Sahl, Ben-Chorin und Klüger
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Deutsche und Niederländische Philologie)
Veranstaltung
Deutsch-jüdische Gegenwartsliteratur
Note
1,0
Jahr
2013
Seiten
13
Katalognummer
V308080
ISBN (eBook)
9783668061903
ISBN (Buch)
9783668061910
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ruth Klüger, Schalom Ben-Chorin, Hans Sahl, Asyl, Migration, Muttersprache, Fremdsprache, Auswandern, Nationalsozialismus, Exil, Exilliteratur, Nazis, NS-Zeit, 1939, 1945, deutschen Sprache, jüdische Autoren, Flucht, vertrieben, Konzentrationslager, Literatur aus KZ, Gast in fremden Kulturen, Sprache als Heimat, Weiter leben, Interpretation, Analyse, Heimat, neuen Heimat, Nachkriegsdeutschland, Kafka, Rilke, Améry, Emigration, Hebräisch, Deutsch, Alltag, Antisemitismus
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Anonym, 2013, Die Muttersprache als Teil der eigenen Identität. Eine Untersuchung der Einstellung zur Schrift- und Arbeitssprache Deutsch von Sahl, Ben-Chorin und Klüger, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308080

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