Schriftkulturelle Aspekte antiker Epigraphik. Eine Untersuchung ausgewählter Lateinisch-Kölnischer Grabinschriften


Hausarbeit, 2014
17 Seiten, Note: 2.2

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung
1.1 Fragestellung, Herangehensweise und Abgrenzung

2. Zwei antike römische Grabinschriften in vergleichender Betrachtung
2.1 Das Grabmal des Lucius Poblicius
2.2 Der Grabstein des Quintus Vetinius Verus
2.3 Zwischenfazit

3. Römische Sepulkralkultur – Ein Abriss
3.1 Inschriften als historische Quellengattung
3.2 Grabinschriften als Quelle zur Römischen Sepulkralkultur
3.2 Inschriften als Kommunikationssystem

4. Erkenntnisse, Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die überlieferten römisch-paganen Inschriften stellen eine bedeutende historische und schriftkulturelle Quellengattung zum Studium der römischen Antike dar. Sie spiegeln, wie Manfred G. Schmidt feststellt, „als allgegenwärtiges Medium alle Facetten gesellschaftlicher Kommunikation wider“1. Allgegenwärtig sind sie, so verstehe ich Schmidt, weil es der Dauerhaftigkeit des Schriftträgers Stein (und nur um Steininschriften soll es in dieser Arbeit gehen) zu verdanken ist, dass uns Hunderttausende Inschriften aus allen Teilen des Römischen Reiches überliefert sind. Vergängliche Beschreibstoffe wie Papyri oder Wachstäfelchen haben sich hingegen nur unter selten günstigen Bedingungen erhalten und sind zumeist verloren gegangen. Sie sind zudem tatsächlich Medium aller Facetten gesellschaftlicher Kommunikation, weil die in ihnen überlieferten Botschaften ein umfassendes Bild aller Lebensbereiche der Römischen Antike liefern. Ihre thematische Bandbreite erstreckt sich vom vulgären Graffito bis zum hunderte Zeilen umfassenden Gesetzestext, vom Lieferverzeichnis für Olivenöl bis zur Ehrenbezeugung für einen Kaiser.

1.1 Fragestellung, Herangehensweise und Abgrenzung

In dieser Arbeit soll ein kulturwissenschaftlicher, genauer gesagt schriftkultureller Blickwinkel auf die römische Epigraphik eingenommen werden. Anhand der vergleichenden Betrachtung zweier Grabinschriften, nebst den dazu gehörigen Monumenten, werde ich der Frage nachgehen, ob und gegebenenfalls wie hierin römische Sepulkralkultur2 zum Ausdruck kommt. Dies ist die Leitfrage der Arbeit. Hierbei gehe ich induktiv vor, d.h. ich unternehme den Versuch, aus vorgefundenen Einzelbeispielen auf die dahinterliegenden Strukturen und Gesetzmäßigkeiten zu schließen. Nach einleitenden Ausführungen werde ich zunächst zwei römische Grabinschriften vergleichend vorstellen. Die des wohlhabenden römischen Bürgers Lucius Poblicius und des Zimmermannes Vetinius Verus. Diese Analyse hat sich nicht nur auf die Inschriften selbst zu erstrecken, sondern die Gesamtheit des sie tragenden Monuments zu berücksichtigen. Es kommt mir hierbei auch darauf an, herauszuarbeiten, worin sich diese Monumente unterscheiden. Aus der Fülle der zu diesem Thema vorhandenen Literatur habe ich vor allem auf die Werke von Brigitte und Hartmut Galsterer und Gundolf Precht abgestützt, da von diesen, bei jeweils unterschiedlichen Auffassungen im Detail, die maßgeblichen Arbeiten stammen.

Die so gewonnenen Erkenntnisse bilden im Weiteren die Grundlage zur Vorstellung der historischen Kenntnisstände um die antike Römische Sepulkralkultur. Hierbei ist das antike Römische Totenritual zunächst abrissartig zu beleuchten, wobei ich mich insbesondere auf die Arbeiten von Elisabeth Gebhardt-Jaekel, Anna Schreiber-Schermutzki sowie Dennis Graen stützen werde. Ich streife hierbei auch Elizabeth A. Meyers These, nach der Inschriften ein System der Kommunikation darstellen.

Das Ergebnis dieser Befragung wird zeigen, ob und welche Antworten auf die genannten Fragestellungen uns diese schriftkulturellen Zeugnisse geben können.

Der vorgegebene Umfang lässt naturgemäß nur eine jeweils näherungsweise Beleuchtung der Thematik und ihrer Bestandteile zu. Auf die Darstellung einer Geschichte der Epigraphik oder Typologie der Inschriften musste beispielsweise ebenso verzichtet werden, wie auf die Beschäftigung mit den zahlreichen epigraphischen Corpora.

2. Zwei antike römische Grabinschriften in vergleichender Betrachtung

Aus der Vielzahl der auf uns gekommenen Grabinschriften eine Auswahl zu treffen ist nicht einfach. Absicht war es, Inschriften auf Grabmälern von Personen sozial entfernter Klassen zu beschreiben und auf deren schriftkulturellen Gehalt hin zu untersuchen. An wen richten sie sich, welche kommunikativen Zwecke verfolgen sie, wie repräsentativ für die römische Sepulkralkultur sind sie? Freilich kann sich eine solche Analyse nicht auf die Inschrift an sich beschränken. Vielmehr ist der gesamte Kontext der die Inschriften tragenden Monumente in den Blick zu nehmen.

2.1 Das Grabmal des Lucius Poblicius

Bei dem Grabmal, das der wohlhabende3 Legionsveteran Lucius Poblicius für sich und seine Angehörigen errichten ließ, handelt es sich um einen der bedeutendsten römischen Sepulkralbauten diesseits der Alpen4.Glücklichen Erhaltungs- und Fundumständen, auf die hier nicht im Detail eingegangen werden kann, ist es zu verdanken, dass dieses eindrucksvolle Bauwerk in weiten Teilen erhalten blieb. Der Pfeilerbau hatte seinen Platz auf dem Stadtgebiet des heutigen Köln, das zur Zeit der Errichtung die Bezeichnung ara ubiorum (Altar der Ubier) trug. Er wurde, wie es nach dem römischen Zwölftafelgesetz für das gesamte römische Reich vorgeschrieben war, an einer auswärts führenden Fernstraße5 errichtet. Hier wurde das Grabmal mit Masse in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts bei Renovierungsarbeiten aufgefunden6. Das Grabmal weist in seiner heutigen, teils rekonstruierten Form eine Höhe von 14,60 m bei einer Grundfläche von 4,80 m x 3,20 m auf. Bautypologisch ist es als Grabturm mit Dachpyramide auf rechteckigem Grundriss anzusprechen. Es wurde aus lothringischem Kalkstein7 um 40 n.Chr. gefertigt8 und besteht aus vier Baugliedern: Dem Sockel (verloren und rekonstruiert), dem Untergeschoss, dem eigentlichen Bestattungsraum in Form eines kleinen Tempels (Ädikula) und dem Dachaufbau. Das die Inschrift tragende Untergeschoss besteht aus sechs Lagen Steinblöcken, die an beiden Vorderseiten durch kannelierte Eckpfeiler (Pilaster) eingefasst sind. Es ist durch einen Akanthusfries und ein Kranzgesims vom darüber liegenden Geschoss mit der Ädikula abgegrenzt. Dieser nach vorne offene tempelartige Raum wird frontseitig durch vier korinthische Säulen begrenzt und wies ursprünglich wohl eine Vergitterung auf. An den Seitenwänden finden sich, von Pilastern eingefasst, Reliefs mit Motiven der antiken Mythologie (Pan, Satyr). Der Tempelraum nimmt die teilrekonstruierten lebensgroßen Statuen des Poblicius, einer weiteren männlichen sowie zweier weiblicher Figuren auf, wobei die Köpfe der männlichen und einer weiblichen Statue verloren sind. Die beiden männlichen Figuren sind mit Tunika und Toga bekleidet, was sie als römische Bürger der Oberschicht ausweist. Die dem Poblicius zugeschriebene Statue hält in der rechten Hand eine Schriftrolle. Die zweite – kopflose – männliche Figur ähnelt nach Größe, Habitus und bildhauerischer Gestaltung der des Stifters. Die beiden weiblichen Statuen, von denen eine nur bis zur Hüfte erhalten ist, sind mit der Stola bekleidet. Auch dies ein Ausweis ihrer Zugehörigkeit zur Oberklasse. Die größere der beiden Stauen wurde als die Gattin des Poblicius identifiziert.

Das Dachgeschoss ist von der Ädikula durch einen Waffenfries und ein weiteres Gesims optisch abgetrennt. Der Waffenfries mit seinen Darstellungen militärischer Ausrüstungsgegenstände ist neben der Inschrift der zweite Hinweis auf die Vergangenheit des Stifters als Soldat. Die steile Dachpyramide ruht auf einer ca. 30 cm starken Sockelplatte und weist eine aus Stein gehauene Schindeldeckung auf.

Die fünfzeilige9 Inschrift ist im Untergeschoss in zwei der sechs Steinlagen angebracht und weitgehend erhalten. Sie wurde in der scriptura capitalis quadrata gemeißelt und war ursprünglich mit roter Farbe ausgemalt. Die Zeilenhöhe nimmt von 17 cm in der oberen auf 11 cm in der letzten Zeile ab. Sie lautet10:

L(ucio) - POBLICIO - L(uci) - F(ilio) - TERE(trina tribus) - / VETERA(no) - LEG(ionis) - V - ALAUDA (e) - EX - TESTAMENTO / ET - P [A]ULLAE - F(iliae) - ET VIVIS / [L(ucio) - POBLICI]O - MODESTO - L(ucio) P[OBLICIO? … ] / [ H(oc] - M(onumentum) H(eredum) - [N(on) S(equetur)] 11

Er hatte als Soldat in der fünften Legion, die den Beinamen Alauda („Die Lerchen“) trägt, gedient und die Errichtung des Grabmals testamentarisch für sich selbst, seine Tochter Paula und die (noch) Lebenden verfügt. In der vierten, nur unvollständig erhaltenen Zeile, werden diese genannt: Überliefert blieben vom ersten Namen die Buchstaben L und O, der Name Modestus sowie die Buchstaben L und P eines weiteren Namens. In der fünften, ebenfalls nur fragmentarisch erhaltenen Zeile finden sich die Buchstaben M und H.

Zur Deutung der Inschrift und insbesondere zur Ergänzung der fehlenden Textteile, sind (bei fortdauernder Diskussion) verschiedene Vorschläge gemacht worden. Die genannte Herkunft des Stifters aus dem Tribus Teretina deutet auf die heutige italienische Region Kampanien hin12. Die V. Legion, in der Poblicius gedient hatte lag in Castra Vetera (Xanten), ist aber auch zeitweise im Oppidum ubiorum nachweisbart13. Die Inschrift erwähnt weder die Dauer seiner Dienstzeit, noch mit welchem Rang er entlassen wurde, wie dies sonst bei Veteranengräbern üblich ist. Die Dienstzeit eines Legionärs dauerte gewöhnlich 20 bis 25 Jahre, nach denen eine Abfindung in Geld oder durch Landzuweisung gewährt wurde14. Über den Beruf, den er nach seiner Entlassung ausübte, wissen wir nichts, jedoch kann seine Legionärspension keinesfalls für ein derart luxuriöses Grabmal ausreichend gewesen sein. Poblicius muss, sei es durch Heirat, sei es durch eine kaufmännische Tätigkeit, zu Wohlstand gelangt sein. In der zweiten Zeile ist die formelhafte Wendung „EX TESTAMENTO“ angebracht. Sie erweist, dass das Grabmal nach seinem Tod auf Grund letztwilliger Verfügung erbaut wurde. Die Erwähnung seiner Tochter (3. Zeile), deutet darauf hin, dass sie bereits zu seinen Lebzeiten verstorben war. Auffällig ist, dass an der nun folgenden Stelle eine etwa 40 cm lange unbeschriftete Fläche besteht, die zu mancher Vermutung Anlass gegeben hat. Plausibel erscheint, dass der Auftraggeber hier Raum für weitere Namen, wahrscheinlich den der Ehefrau, lassen wollte15. In der gleichen Zeile folgt sodann die Bestimmung, dass die Grabstätte auch noch den Lebenden (ET VIVIS) dienen soll16. Wer diese sind, bleibt fraglich. Denkbar ist, dass es sich bei diesen Personen um weitere Kinder des Verstorbenen sowie bei Modestus um einen freigelassenen Sklaven (Libertus) handelt. Der Umstand, dass die Inschrift fünf Namen nennt, die Ädikula jedoch lediglich Raum für vier Statuen bietet (die auch wie beschrieben vorhanden sind), bleibt letztlich aber rätselhaft. Die Inschrift endet mit den Buchstaben M und H in der fünften Zeile. Da die Zeile nicht vollständig erhalten ist, muss sie zu H M H N S ergänzt werden. Hierbei handelt es sich um ein weiteres Formular, dh. eine in der Sepulkralepigraphik häufig verwendete, feststehende Floskel. Zusammen mit der Verwendung von Abkürzungen für gebräuchliche Wendungen und einzelne Wörter bilden sie ein in der lateinischen Epigraphik durchgängig verbreitetes Phänomen. Die Bedeutung der formulae wie der Abbreviaturen war den Zeitgenossen ohne weiteres geläufig17. Die Verfügung, nach der das Grabmal „nicht an die Erben“ übergeht, hat juristische Bedeutung. Sie bestimmt, dass das Monument nebst dem Grundstück, auf dem es erbaut ist, nicht zur Erbmasse gehören soll so eine Veräußerung durch die Erben oder nachfolgende Generationen verhindern.

[...]


1 Manfred G. Schmidt, Einführung in die lateinische Epigraphik. Darmstadt 2011 S. 1

2 Der Begriff soll hier in einem weiten Sinne verstanden werden und neben den mit dem Themenkreis Tod, Sterben und Jenseitigkeit verbundenen baulich-dinglichen Faktoren, Zeremonien, Riten, Kulte usw.auch die hiermit verbundenen Vorstellungen und Gedanken (im weitesten Sinne ´Religion´) zu diesem Feld umfassen.

3 Das Monument befindet sich im römisch-germanischen Museum (RGM) zu Köln.

4 Diese Auffassung vertritt G. Precht in: Das Grabmal des L. Poblicius, Köln 1979 S. 7

5 Die Straße existiert als B 55 noch heute.

6 Erste Steinquader und Relieffragmente waren bereits 1884 entdeckt und archiviert worden

7 Precht, S. 21.

8 Zur Datierung: B. Und H. Galsterer, Die römischen Steininschriften, S. 265, Precht S. 47f.

9 Galsterer S. 264 nimmt an, dass weitere Zeilen in einer zusätzlichen Blocklage einzufügen wären.

10 Auflösung nach Precht S. 46

11 Zum „Leidener Klammersystem“ ausführlich: Schmidt, S. 23 f.

12 Die wird nach Galsterer, S. 264 durch die dort gehäuft vorkommende Namensvariante Poblicius, während die Form Publicius in anderen Teilen des römischen Reiches sonst vorherrschend ist.

13 Quelle einfügen

14 McLean S. 331

15 Precht, S. 49

16 B. und H. Galsterer (S. 264 f) vertreten die Auffassung, dass nach dieser Zeile eine Blocklage fehlt. Ihr Ergänzungsvorschlag lautet: [- - - coniugi] 5/ [et L(ucio)? Poblicio - - - f(ilio)] / [et libertis] / [L(ucio) Poblici]o * Modesto * L(ucio) * P[oblicio - - -]. Precht (s.49 und 57 widerspricht dieser These mit Hinweis auf eine „Störung der Proportionen“.

17 Meyer S. 195: „These Latin abbreviations are all shorthand ways of conveying a concept or an action to an audience that already knows what the shorthand means, as well as what to expect in the context where the inscription can be seen.“

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Schriftkulturelle Aspekte antiker Epigraphik. Eine Untersuchung ausgewählter Lateinisch-Kölnischer Grabinschriften
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften Historisches Institut)
Note
2.2
Autor
Jahr
2014
Seiten
17
Katalognummer
V308106
ISBN (eBook)
9783668063228
ISBN (Buch)
9783668063235
Dateigröße
670 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
.
Schlagworte
Geschichte, römische Geschichte, Epigraphik, Köln, Inschriften
Arbeit zitieren
Stefan Schätzler (Autor), 2014, Schriftkulturelle Aspekte antiker Epigraphik. Eine Untersuchung ausgewählter Lateinisch-Kölnischer Grabinschriften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308106

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