Stellen Sie sich vor, Sie sollten jemanden akkurat beschreiben, welche Handgriffe Sie in welcher Reihenfolge zur Vorbereitung Ihres täglichen Frühstückes ausführen. Obwohl Sie diese Arbeit wahrscheinlich jeden Morgen durchführen, wird es Sie etwas Mühe kosten, jeden einzelnen Arbeitsschritt im Kopf rekonstruieren zu können – und das, obwohl Sie es jeden Morgen tun! Wenn Sie Ihren gesamten Tagesablauf betrachten, wird Ihnen vielleicht auffallen, dass automatisierte Handlungen einen Großteil Ihres täglichen Lebens durchgehen – im Alltag als auch in der Berufswelt.
Automatisierungsprozesse und Automatismen spielen aus wissenschaftlicher Sicht nicht nur für die Kognitionswissenschaften eine wesentliche Rolle, sondern sind auch aus fremdsprachenerwerbsspezifischer und fremdsprachendidaktischer Perspektive interessant. Die kognitionswissenschaftliche Perspektive beschäftigt sich beispielsweise mit dem Problem, wie allgemeine kognitive Prozesse speziell bei Gebrauch und Erwerb einer Fremdsprache realisiert werden, außerdem stellt sie die Frage, inwieweit Erkenntnisse über menschliche Kognition durch Erforschung fremdsprachenerwerbsspezifischer Gegenstände gewonnen werden können.
Die fremdsprachenerwerbsspezifischer Perspektive beschäftigt sich unter anderem damit, welche Faktoren in welchem Maß den optimalen L2-Lernerfolg begünstigen, wie Lernprozesse zeitlich verlaufen und welche sprachlichen Bereiche (Phonetik, Prosodie, Morphosyntax, Syntax, Lexik, pragmatische Kommunikationsstrategien) wie von Automatisierung und Automatisierungsprozessen beeinflusst werden. Außerdem stellt sie sich die Frage, inwieweit im sprachlichen Output nachgewiesen werden kann, ob es eine Erwerbschronologie gibt und welche Funktionen Automatisierungen und Automatismen generell bei L2-Erwerbsprozessen haben.
Diese Arbeit soll einen wissenschaftlichen Überblick über die neuere Forschung und den wissenschaftlichen Diskurs zum Thema ‚Automatisierung’ geben. Im ersten Teil wird ein Überblick zur Definition und Abgrenzung der Begriffe ‚Automatisierung’ und ‚Automatismen’ vorgestellt. Darauf folgt eine Darstellung der Merkmale von Automatisierungen inklusive ihrer Funktionen. Im zweiten Teil werden Theorien zu Automatisierungsprozessen vorgestellt, sowie weitere Studien und wissenschaftliche Diskurse zu diesem Thema angeführt.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 WISSENSCHAFTLICHER ÜBERBLICK ZUR DEFINITION UND ABGRENZUNG DER BEGRIFFE ‚AUTOMATISIERUNG’ UND ‚AUTOMATISMEN’
3 MERKMALE VON AUTOMATISIERUNGEN
3.1 POWER-LAW OF PRACTISE
3.2 SPEZIFIZITÄT
3.3 SCHNELLIGKEIT DER AUSFÜHRUNG
3.4 GERINGE VARIANZ
3.5 MÜHELOSIGKEIT
3.6 NUTZUNG WENIGER KOGNITIVER RESSOURCEN
3.7 SCHWIERIGKEIT DER KONTROLLE
3.8 UNTERSCHIEDLICHE GRADE DER AUTOMATISIERTHEIT VON AUTOMATISMEN
4 FUNKTIONEN VON AUTOMATISIERUNGEN
5 DER PROZESS DER AUTOMATISIERUNG
5.1 ANDERSON’S ACT-R THEORIE
5.2 LOGAN’S ‚INSTANCE THEORY’
5.3 WEITER STUDIEN UND HYPOTHESEN ZUM PROZESS DER AUTOMATISIERUNG
6 SCHLUSSBEMERKUNG/AUSBLICKE
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Hausarbeit untersucht den wissenschaftlichen Diskurs über Automatisierungsprozesse und Automatismen, insbesondere im Kontext des Fremdsprachenerwerbs. Ziel ist es, die Charakteristika, Funktionen und kognitiven Prozesse hinter automatisierten Handlungen zu beleuchten und deren Bedeutung für den L2-Erwerb kritisch zu analysieren.
- Definition und wissenschaftliche Abgrenzung von Automatisierung und Automatismen
- Detaillierte Analyse der Merkmale automatisierter Prozesse
- Untersuchung der verschiedenen Funktionen (Kommunikations-, Erwerbs- und Produktionsstrategie)
- Kritische Auseinandersetzung mit kognitiven Modellen (ACT-R Theorie, Instance Theory)
- Zusammenhang von Automatisierung, Aufmerksamkeit und Monitoring
Auszug aus dem Buch
3.6 Nutzung weniger kognitiver Ressourcen
Automatismen haben den großen kognitionsökonomischen Vorteil, nur wenige kognitive Ressourcen wie Aufmerksamkeit oder Arbeitsgedächtnis in Anspruch zu nehmen (Strayer/Kramer 1990; Underwood/Everatt 1996), so dass diese Ressourcen bei mündlicher L2-Produktion zum Beispiel für gleichzeitige Planung kreativer Sequenzen zur Verfügung stehen. Segalowitz bemerkt dazu: „The most commonly cited [benefit from automaticity] is that because automatic processing consumes fewer attentional ressources than does controlled processing, the more automatic performance becomes the more attentional resources there are left over for other purposes.“ So kann ein L2-Lerner wenn er z.B. Phonologie und Syntax der L2 automatisiert hat, mehr Aufmerksamkeit auf die semantische, pragmatische und soziolinguistische Kommunikationsebene legen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der Automatisierungsprozesse im Alltag und deren Relevanz für den wissenschaftlichen Diskurs im Fremdsprachenerwerb.
2 WISSENSCHAFTLICHER ÜBERBLICK ZUR DEFINITION UND ABGRENZUNG DER BEGRIFFE ‚AUTOMATISIERUNG’ UND ‚AUTOMATISMEN’: Definition der Begriffe und Abgrenzung von automatisierten zu kontrollierten Prozessen im Sprachgebrauch.
3 MERKMALE VON AUTOMATISIERUNGEN: Darstellung zentraler Merkmale wie Power-law, Spezifizität, Geschwindigkeit und kognitive Ressourcenersparnis.
4 FUNKTIONEN VON AUTOMATISIERUNGEN: Analyse der Funktionen als Kommunikations-, Erwerbs- und Produktionsstrategie beim L2-Erwerb.
5 DER PROZESS DER AUTOMATISIERUNG: Vorstellung kognitiver Theorien (ACT-R, Instance Theory) zur Erklärung, wie Automatisierung entsteht und Wissensbestände restrukturiert werden.
6 SCHLUSSBEMERKUNG/AUSBLICKE: Synthese der Ergebnisse und Ausblick auf die Bedeutung von Aufmerksamkeit und Monitoring für zukünftige didaktische Konzeptionen.
Schlüsselwörter
Automatisierung, Automatismen, Fremdsprachenerwerb, Kognitionswissenschaft, L2-Erwerb, Sprachproduktion, Lernstrategie, Prozedualisierung, Deklaratives Wissen, Aufmerksamkeit, Monitoring, Sprachflüssigkeit, Instance Theory, ACT-R Theorie, Umstrukturierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem wissenschaftlichen Verständnis von Automatisierungsprozessen und deren Einfluss auf die Sprachproduktion im Fremdsprachenerwerb.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Definition von Automatismen, den spezifischen Merkmalen dieser Prozesse, den Funktionen beim L2-Erwerb sowie den zugrunde liegenden kognitiven Modellen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist ein wissenschaftlicher Überblick über die Forschung, der aufzeigt, wie Automatisierung zur Effizienzsteigerung und Entlastung kognitiver Kapazitäten beim Sprechen beiträgt.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literatur- und Theorienanalyse, die existierende Studien und kognitive Modelle (wie die ACT-R Theorie) kontrastierend gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erörtert Merkmale automatisierter Prozesse, deren strategische Funktionen im Lernprozess sowie die theoretischen Erklärungsmodelle zur Entstehung von Automatismen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Kernbegriffen zählen Automatisierung, kognitive Ressourcen, L2-Erwerb, Prozedualisierung, Aufmerksamkeit und Sprachflüssigkeit.
Wie unterscheidet sich die "Instance Theory" von der ACT-R Theorie?
Während die ACT-R Theorie den Übergang von deklarativem zu prozedualem Wissen durch Regeln betont, postuliert die Instance Theory den direkten Abruf einzeln gespeicherter Gedächtnisinstanzen als Kern der Automatisierung.
Welche Rolle spielt die "Umstrukturierung" beim L2-Erwerb?
Umstrukturierung bezeichnet die Reorganisation von Wissen durch neues Lernen, was kurzzeitig zu einer Zunahme von Fehlern führen kann, aber notwendig für die qualitative Weiterentwicklung des sprachlichen Systems ist.
- Quote paper
- Doreen Frank (Author), 2004, Automatisierung - Neue Befunde zur Charakteristik von Automatismen und deren zugrundeliegenden kognitiven Prozesse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30811