Cyborgs in Ambient Intelligence. Zukunft mit Umgebungsintelligenz

Szenarien nach Warwick und Crutzen


Seminararbeit, 2014

16 Seiten, Note: 1

Dorothee Baum (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Ambient Intelligence
1.1. Unkritische Szenarien, idealisierte Werbekampagnen
1.2. Geschlechterkritische Hinterfragung der technologischen Modellierung unseres Alltagsverhaltens
1.3. Das Diktat wessen?
1.4. Dekonstruktion von Machtwidersprüchen
1.4.1. Anpassungsfähigkeit vs. geschlossenes System
1.4.2. Mentale vs. physische Wahrnehmbarkeit (Sichtbarkeit)
1.4.3. Subjekt vs. Objekt
1.5. Crutzens Schlussfolgerungen

2. Cyborgs
2.1. Cyborg Warwick
2.2. Warwicks Cyborgs

3. C rutzens Fragen und Warwicks Antworten

4. Conclusions

Diese Seminararbeit basiert auf den beiden aus völlig unterschiedlicher Motivation heraus verfassten Texten „Intelligent Ambience between Heaven and Hell: A Salvation?“ von Cecile K. M. Crutzen 1 und „I, Cyborg“ von Kevin Warwick,2 die im Rahmen dieser Arbeit miteinander in Verbindung gesetzt werden. Während Crutzen zu einer kritischen Hinterfragung von Ambient Intelligence Technologien aus feministischem Blickwinkel aufruft, entwirft Warwick ein wenig kritisches aber umso bedenklicheres Zukunftsszenario einer Welt der in Ambient Intelligence eingebetteten Cyborgs des Jahres 2050. Als Bindeglied zwischen den Werken von Crutzen und Warwick agiert Donna Haraways Cyborg-Manifest.3

1) Ambient Intelligence

Der Begriff Ambient Intelligence (AmI), übersetzt Umgebungsintelligenz, meint sämtliche tragbare oder in die (Alltags-)Umgebung eingebettete rechnergestütze Geräte, die autonom auf Geschehnisse in ihrer Umgebung reagieren oder sogar pro-aktiv, also vorauseilend, agieren. Ausgestattet mit unterschiedlichsten Sensoren und/oder (drahtlos) vernetzt mit anderen Geräten oder Zentralrechnern können derartige Geräte bestimmte Umgebungsveränderungen oder auch Aktivitäten von Menschen wahrnehmen und z.B. durch die Steuerung entsprechender physischer Komponenten in ihre Umwelt eingreifen. Durch Vernetzung mit anderen Geräten und Rechnern kann erreicht werden, dass die Geräte „Vorort“ nur minimal ausgestattet werden müssen und somit zumeist auch physisch sehr klein gehalten werden können, was deren Integration in Kleidung, Wertgegenstände oder auch, z.B. im Falle von RFID-Chips, deren Implantierung in Körper von Tieren und Menschen ermöglicht. Im Vergleich zu Robotern oder Software-Agenten mit graphischem Interface bleibt AmI regelmäßig unsichtbar und agiert weitgehend im Verborgenen.

Heutige AmI-Anwendungen arbeiten weitgehend isoliert voneinander, aktuelle Beispiele sind intelligente Autos, Verkehrsüberwachungssysteme, der Einsatz von Chipkarten z.B. für Rechte- und Zugangskontrolle oder fortgeschrittene Funktionen von Mobiltelefonen wie etwa location based services. Lediglich eine Kosten- und Infrastrukturfrage sind heute z.B. Geräte, die kontinuierlich menschliche Vitalfunktionen wie Blutdruck, Puls und Sauerstoffgehalt im Blut eines zuhause stationierten Patienten per Chiptechnologie messen und diese Daten regelmäßig z.B. über bluetooth auf ein Mobiltelefon und von dort über das Mobilnetz auf den Computer des behandelnden Arztes übertragen oder bei Über- oder Unterschreiten der Normalwerte eine medizinischen Notrufstelle alarmieren. Paradebeispiele wie jenes des intelligenten Hauses4 sind heute nur noch insoweit Zukunftsvision, als die notwendigen interoperablen Schnittstellen und Infrastrukturen noch nicht in ausreichendem Maße vorliegen, aber technisch machbar. Die derzeit sehr hohen Investitionen von Wirtschaft und Forschung in die Entwicklung von AmI und die parallele Politik hin zu einer verstärkten Überwachung (vgl. aktuell die Vorratsdatenspeicherung von Kommunikationsdaten5 oder das Terrorismus-Präventionsgesetz6 ), lässt die Vorstellung des ubiquitous computing, der Allgegenwärtigkeit der rechnergestützten Informationsverarbeitung, in greifbare Nähe rücken.7

1.1. Unkritische Szenarien, idealisierte Werbekampagnen

Typische AmI-Werbekampagnen versprechen ein schöneres, sorgenfreieres, sichereres und ganz einfach besseres Leben - und dies, aufgrund der Anpassung von AmI auf den User, ganz ohne den User zu stören oder Lernprozesse auf Seiten des Users notwendig zu machen. Das sog. „Internet der Dinge“ soll den Menschen in all seinen privaten und beruflichen Alltäglichkeiten unaufdringlich unterstützen. Dies klingt, wie Crutzen in ihrem Beitrag mit einem Zitat von Larry Rudolph 8 kritisch anmerkt, „wonderful, until one cannot turn on the television because one has not finished eating one’s vegetables.“

AmI-Szenarien setzen in ihrer Bewerbung meist auf Ängste von Individuen und Gesellschaft auf, im Wesentlichen sind ihre Argumente Sicherheit und/oder Fürsorge. Im Mittelpunkt der Entwicklungen stehen heute der Schutz der körperlichen Integrität, Eigentumsschutz sowie die Abwehr von Straftaten und Terrorismus; die notwendige aber unerschwingliche Pflege älterer, kranker oder behinderter Personen; die Schwierigkeiten des Einzelnen bei der Bewältigung der Informations- und Kommunikationsflut und bei der Erfüllung gesellschaftlicher Anforderungen (z.B. Beruf/Familie) und die starke Abhängigkeit von Transportsystemen (Güter, Personen) sowie letztendlich die Überforderung des Users durch diverse technische Devices (Videorecorder, PC, Mobile etc.).

Bei genauerer Analyse der idealisierten Szenarien zeigt sich aber auch deren Zwiespältigkeit. AmI kann z.B. für Personen mit Behinderung die einzige Interaktionsmöglichkeit mit ihrer Umgebung sein, wenn etwa eine bewegungsunfähige Person über einen implantierten RFID-Chip einen Cursor steuern und derart einfache Textnachrichten verfassen, die Heizung kühler stellen oder das Licht dimmen kann. Auf der anderen Seite kann durch technische Überwachung von Patienten die persönliche Betreuung auf ein Minimum reduziert werden, ältere Personen oder Kinder können mittels gleicher Technologie kontrolliert und überwacht werden – viele Projekte zielen auf letztere Varianten ab.9 Ähnlich die Unterstützung bei Bewältigung der Informations- und Kommunikationsflut, diese kann sehr hilfreich sein, aber auch zu Zensur und Kommunikationsüberwachung führen. Auch die Gefahrenabwehr ist schließlich zwiespältig, absolute Sicherheit kann nie erreicht werden, neue Kontroll- und Überwachungstechnologien haben somit immer ein Argument des Restrisikos für sich, gleiches gilt für die Überwachung von Gütern und Personen im Verkehr etc., etc. Grund genug mit Crutzen zu hinterfragen, wer die Prämissen eines besseren Lebens festlegt und welche Opfer das bessere Leben von uns verlangt.

1.2. Geschlechterkritische Hinterfragung der technologischen Modellierung unseres Alltagsverhaltens

Crutzen verfolgt mit ihrem Beitrag aus dem Jahr 2005 eine Dekonstruktion des derzeit im AmI-Diskurs herrschenden Blickes. Mittels Genderperspektive deckt sie in der Bewerbung und Realisierung von AmI, die ganz offensichtlich Bedürfnis nach einem „technologischen Himmel“ in sich trägt, Machbeziehungen auf. Ihres Erachtens wird AmI die Bedeutung von Gender wesentlich beeinflussen, da AmI unseren Alltag betrifft und genau in jene tägliche Umwelt eingebettet werden wird, in der spezifische Bedeutungen von Gender aus der Vergangenheit verfestigt sind. Die Hinterfragung von geschlechtsspezifischen und sozialen Aspekten dürfe daher nicht auf das Verschwinden der Grenze privat/öffentlich, die Veränderung der Bedeutung von „Home“ und das Versprechen der Sicherheit als Ersatz für den Verlust der Privatsphäre reduziert werden. Gender sei kulturell geformt und spiegle Machtbeziehungen in einer bestimmten Domäne, hier Technologie, wider. Eine Dekonstruktion der Bedeutung solcher konstruierter Machtgegensätze, wie z.B. jene zwischen Entwicklung (design) und Nutzen (use) von AmI, verdeutliche die Genderspezifik und vermeide das Risiko, Männlichkeit und Weiblichkeit auf Biologie und Geschlecht fixierte Eigenschaften zu reduzieren. Durch genderspezifische Hinterfragung könnten Repetition von als selbstverständlich betrachtetem Agieren unterbrochen werden.

1.3. Das Diktat wessen?

An erster Stelle hinterfragt Crutzen, wer es ist, der da bestimmt, wie ein einfacheres, besseres Leben auszusehen hat und ob das Leben tatsächlich „besser“ ist, wenn künstliche Akteure unser Verhalten bestimmen. Crutzen sieht die Gefahr eines normierten und standardisierten optimierten Lebens, das die „Normalität“ des Einzelnen ohne Option auf kreative Abenteuer und Erkundungen erzwingt. Ihres Erachtens handelt es sich hierbei um ein Diktat der Vision der AmI-Industrie und der AmI-Designer, eine Vision oder Strategie die so stark ist, dass sie sich auch in der Politik widerspiegelt.

In letzterem Punkt kann ich Crutzen nicht völlig zustimmen. Einerseits sehe ich den Designer nicht als frei genug, um nach Belieben toys for boys entwickeln zu können. Er ist regelmäßig in einer abhängigen Position, abhängig von einem Auftraggeber oder abhängig davon, sein Produkt auf dem Markt absetzen zu können. Die folgende Diskussion des Buches von Warwick zeigt jedoch auf, dass Crutzens Argumentation für den Bereich der Forschung durchaus stärker zutreffen mag, wenngleich auch ein Forscher von der „Produktpräsentation“ abhängig ist.

[...]


1 Crutzen, Intelligent Ambience between Heaven and Hell: A Salvation? In: Archibald et al. (Hrsg.), The Gender Politics of ICT, Middlesex 2005, 29-50.

2 Warwick, I, Cyborg, University of Illinois Press 2004.

3 Haraway, Ein Manifest für Cyborgs, Feminismus im Streit mit den Technowissenschaften, in: Haraway (Hrsg.), Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen, Campus Verlag, Frankfurt a. Main et al. 1995, 33-72.

4 Ein aussagekräftiges Szenario liefert das Werbevideo des EU-IST geförderten Projektes AMIGO, zugänglich unter http://www.youtube.com/watch?v=wey94w-pNVI&feature=related.

5 Ministerialentwurf Telekommunikationsgesetz Änderung 117/ME (XXIV. GP), zugänglich unter http://www.parlinkom.gv.at/PG/DE/XXIV/ME/ME_00117/.

6 Ministerialentwurf Terrorismuspräventionsgesetz 119/ME (XXIV. GP), zugänglich unter http://www.parlament.gv.at/PG/DE/XXIV/ ME/ME_00119/ .

7 Für die aktuellen Entwicklungen vgl. insb. die Tagungsbänder der seit 2003 jährlich stattfindenden AmI Conferences (www.ami-10.org).

8 Larry Rudolph zitiert von Smalley in Smalley, Rules aim to get devices talking, TRN Magazine June 2/9 2004, zugänglich auf http://www.trnmag.com/Stories/2004/060204/Rules_aim_to_get_devices_talking_060204.html.

9 Einen Überblick über Anwendungen, Trends und aktuelle Entwicklungen in Hinblick auf RFID-Chip-Technologie gibt das US-amerikanische RFID Journal unter http://www.rfidjournal.com/. RFID steht für Radio Frequency IDentification.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Cyborgs in Ambient Intelligence. Zukunft mit Umgebungsintelligenz
Untertitel
Szenarien nach Warwick und Crutzen
Note
1
Autor
Jahr
2014
Seiten
16
Katalognummer
V308120
ISBN (eBook)
9783668062962
ISBN (Buch)
9783668062979
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Cyborg, K. M. Crutzen, Kevin Warwick, Ambient Intelligence, Umgebungsintelligenz, Kybernetik, künstliche Intelligenz, Zukunft, AmI, crutzen, warwick
Arbeit zitieren
Dorothee Baum (Autor), 2014, Cyborgs in Ambient Intelligence. Zukunft mit Umgebungsintelligenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308120

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