Die russische Intervention in die Ukraine-Krise aus der Perspektive des (Neo-) Realismus


Bachelorarbeit, 2015
59 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Problem und Fragestellung
1.2 Methode und Vorgehensweise
1.3 Forschungslage und Literatur

2. Einführung in die Theorie
2.1 Realismus nach Morgenthau
2.1.1 Menschenbild nach Morgenthau
2.1.2 Machtverständnis nach Morgenthau
2.1.3 Internationale Politik und Rolle der Macht
2.1.4 Formen der Politik
2.1.5 Hypothesen zu Realismus
2.2 Neorealismus nach Kenneth Waltz
2.2.1 Internationales System: Akteure und Strukturen
2.2.2 Balance of Power
2.2.3 Hypothese zu Neorealismus

3. Die russische Intervention aus der Perspektive des Realismus
3.1 Vor der Krise: Politik des Status quo oder Imperialismus?
3.1.1 Die Bestimmung des Status quo
3.1.2 Assoziierungsabkommen und NATO-Osterweiterung — Machtgewinn des Westens?
3.1.2.1 Geopolitische Bedeutung und wirtschaftliche Potential der Ukraine
3.1.2.2 Assoziierungsabkommen - Machtzugewinn der EU?
3.1.2.3 NATO - Machtgewinn des Westens?
3.1.3 Russische Außenpolitik: Politik des Status quo?
3.2 Die Russische Intervention in die Ukraine - Politik des Imperialismus?
3.2.1 Krim-Krise
3.2.2 Konflikt in der Ostukraine
3.2.3 Die russische Intervention - Imperialismus Politik?
3.3 Interpretation aus der realistischen Perspektive

4. Die russische Intervention aus der Perspektive des Neorealismus
4.1 Struktur des Internationalen Systems
4.2 Westliche Bedrohungen für Russland
4.3 Bandwagoning oder Balancing
4.4 NATO-Beitritt der Ukraine - Bedrohung für Russland?
4.5 Analyse der russischen Intervention
4.5.1 Annexion der Krim
4.5.2 Konflikt in der Ostukraine
4.6 Interpretation der neorealistischer Perspektive

5. Schlussfolgerungen

6. Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

1.1 Problem und Fragestellung

Seit mehr als einem Jahr befindet sich die Ukraine in einer schwerwiegender politischen Krise. Im Oktober 2013 stand die ukrainische Regierung kurz davor, das Assoziierungsabkommen zu unterzeichnen, was einen wichtigen Schritt in Richtung der westlichen Annäherung für die Ukraine bedeutete. Der damalige Präsident der Ukraine Wiktor Janukowytsch weigerte sich allerdings das Abkommen zu unterzeichnen, was zum Ausbruch der Massenproteste in Kiew führte. Im Februar 2014 eskalierte die Situation auf dem Maidan, infolge der mehr als 100 Menschen getötet wurden. Der Konflikt führte zu der Absetzung des Präsidenten, was seine Flucht zur Folge hatte.[1]

Als Reaktion auf den politischen Umsturz in Kiew, kam es zu Unruhen auf der Krim aus, wo prorussische Separatisten die Abspaltung der Halbinsel von der Ukraine forderten.[2] Darüber hinaus entwickelte sich in der Ostukraine ein bewaffneter Konflikt zwischen den prorussischen Aktivisten und den ukrainischen Truppen, der sich später zu einem Bürgerkrieg entwickelte.[3]

Russland reagierte auf die Krim-Krise, in dem es eine völkerrechtlich umstrittene Annexion der Halbinsel durchführte.[4] In der Ostukraine leistete Russland den Aufständischen verdeckt militärische Unterstützung geleistet, die durch viele Hinweise belegt wurde.[5]

Aus den oben dargelegten Ereignissen stellt sich die Frage: Warum hat Russland in der Ukraine-Krise interveniert?

Das Interesse für diese Arbeit liegt primär in der politischen Relevanz des Themas, denn die russische Reaktion auf die Ukraine-Krise hat eine breite Empörung in der internationalen Gemeinschaft hervorgerufen.[6] Trotz der Georgienkrieg 2008, wo Russland seine Bereitschaft zum Krieg gezeigt hatte,[7] konnte man schwer vorstellen, dass Russland, das im Westen als ein Kooperationspartner in Fragen der Verteidigungs-und Sicherheitspolitik angesehen wurde, bereit war, mehrere internationale Verpflichtungen zu verletzten und somit die Beziehungen mit dem Westen zu verschärfen, lediglich, um seine Einflussmöglichkeiten in der Ukraine zu erhalten.[8] Dies kann darauf hinweisen, dass die westlichen Erwartungen von den Beziehungen mit Russland nicht der Realität entsprachen.

Einen zweiten Punkt des Interesses an der Arbeit bietet die Möglichkeit die Fragestellung im Rahmen der Internationalen Beziehungen zu bearbeiten. Die Teildisziplin der Internationalen Beziehungen bietet eine Vielfalt von Theorien, welche das Verhalten von Staaten im internationalen Umfeld zu erklären versuchen.[9] Die russische Intervention in die Ukraine bietet den Anreiz, sie theorieleitend zu erklären. Zu einer der wichtigsten Theorieschulen der internationalen Beziehungen zählt der (Neo-) Realismus.[10] Diese Denkschule hat zwar seit dem Ende des Kalten Krieges, den sie nicht vorhersehen konnte, nicht völlig an Bedeutung verloren, allerding wurde ihre Erklärungskraft der internationalen Beziehungen immer wieder von den Vertretern der anderen bedeutenden Schulen, wie z.B. dem Liberalismus und dem Konstruktivismus angezweifelt.[11] Allerdings scheint die (neo-) realistische Erklärungsfähigkeit des internationalen Geschehens am Beispiel der russischen Intervention in die Ukraine bestätigt zu werden. Der (Neo-) Realismus würde das russische Verhalten dadurch erklären, dass Russland entweder naturbedingt, wie alle anderen Staaten, nach Macht als Selbstzweck strebt oder sich strukturbedingt vom Westen in seiner Sicherheit bedroht fühlt und dementsprechend nach Macht als Mittel zum Zweck strebt.[12]

Alternativ könnte ein Versuch unternommen werden, den Fall aus der liberalen und konstruktivistischen Perspektive zu interpretieren. Nach liberaler Sichtweise würde das russische Interesse im Prozess der Präferenz- und Konsensbildung der mächtigsten gesellschaftlichen Gruppen, die meisten an Wohlfahrt interessiert sind, produziert. Außerdem sollen nach liberalen Annahmen die Interdependenzverhältnisse zwischen den Staaten sowie das Vorhandensein von allgemein anerkannten völkerrechtlichen Regelungen eine friedensfördernde Wirkung für die zwischenstaatlichen Beziehungen haben. Zwischen der EU und Russland bestehen die wirtschaftlichen Interdependenzverhältnisse. Die von der EU eingeführten Sanktionen gegen Russland haben zu seinen wirtschaftlichen Verlusten geführt,[13] was nach liberalen Annahmen nicht dem Interesse der mächtigen Interessengruppe entsprechen könnte. Auch das Völkerrecht hat Russland davon nicht angehalten, in die Ukraine nicht einzugreifen. Aus diesem Grund scheint die russische Intervention in die Ukraine aus der liberalen Perspektive schwer zu erklären zu sein.

Aus konstruktivistischer Perspektive sollte Russland sich in seiner Sicherheit nicht bedroht fühlen und dementsprechend friedlich verhalten.[14] Dafür spricht die Tatsache, dass russisch-westliche Beziehungen sich seit dem Zerfall der Sowjetunion eher positiv als negativ entwickelten. Durch die Entwicklung der wirtschaftlichen Beziehungen, der Gründung des NATO-Russland-Rates,[15] die Aufnahme Russlands in die G8 (jetzt wieder G7)[16] sollte Russland den Westen nicht mehr als Feind, sondern zumindest als Partner wahrnehmen. Somit scheint die (Neo-)realistische Perspektive am sinnvollsten zu sein, um die vorliegende Forschungsfrage zu bearbeiten.

1.2 Methode und Vorgehensweise

Als Forschungsdesign wurde die Methode der empirischen Einzelfallstudie (Case Study) ausgewählt. Eine Einzelfallstudie bedeutet, dass ein konkreter Fall anhand von theoretischen Hypothesen untersucht wird.[17] Die Auswahl der Methode scheint aus dem Grund sinnvoll zu sein, da sie die Möglichkeit bietet, das russische Verhalten im Ukraine-Fall theorieleitend zu analysieren und interpretieren.

In erstem Schritt dieser Arbeit werden die Theorien des Realismus und Neorealismus dargestellt. Im Anschluss an jede Theorievorstellung werden die arbeitsleitenden Hypothesen herausgebildet.

In empirischen Teil der Arbeit wird zuerst das russische Verhalten aus der Perspektive des Realismus analysiert und interpretiert. Da im Realismus die Staaten entweder nach Machterhaltung oder nach Machterweiterung streben, wird in diesem Teil die Diskussion geführt, ob Russland eine Politik der Machterhaltung bzw. der Machterweiterung betrieben hat und ob sich die Form der Politik in Laufe der Zeit transformiert hat. Dafür wird zunächst auf das Verhalten von Russland kurz von der Entstehung der Krise in der Ukraine geschaut. In einem weiteren Schritt wird die russische Politik in Beziehung zu Ukraine während der Konflikteskalation betrachtet.

In einem weiteren Kapitel wird die russische Intervention in die Ukraine aus der Perspektive des Neorealismus betrachtet. In diesem Kapitel wird zuerst bestimmt, ob Russland in seiner Sicherheit bedroht wurde. Danach wird die Diskussion stattfinden, ob die Annexion der Krim sowie die militärische Einmischung in die Ostukraine den russischen Sicherheitsinteressen entsprechen könnten.

Schließlich wird bestimmt, anhand welcher Theorie sich die Frage der vorliegenden Arbeit besser beantworten lässt. Die Arbeit wird mit einem kurzen Ausblick auf ihre Stärke und Schwäche und einer Perspektive auf die künftig zu untersuchende Fragestellung beschlossen.

1.3 Forschungslage und Literatur

In der Literatur findet man zwar mehrere Untersuchungsberichte des UkraineKonflikts, die Informationen zu dem Forschungsgegenstand liefern, auch werden die möglichen Hintergründe für die russische Intervention genannt, allerdings werden diese Arbeiten nicht im theorieleitend bearbeitet, sondern beruhen sich auf geschichtliche Hintergründe sowie Analysen von Fakten. Allerdings hat einen wichtiger Vertreter des Neorealismus, John J. Mearsheimer, das russische Handeln in Bezug auf die Ukraine-Krise in seinem Artikel “Why the Ukraine Crisis is the West’s Fault?”[18] mit Bezug auf den Neorealismus interpretiert. In seinem Artikel geht er davon aus, dass Russland aufgrund der Osterweiterung der NATO in seiner Sicherheit bedroht wurde und reagierte, um seine Sicherheit zu erhöhen.

Das Ziel der vorliegenden Arbeit liegt aber darin, eine theorieleitende Analyse des Ukraine-Falls anhand von zwei Theorien, die zu gleicher Denkschule angehören, durchzuführen. Da ein wichtige Unterschied zwischen den Theorien darin besteht, ob die Staaten primär naturbedingt nach Macht oder strukturbedingt Sicherheit nach streben, besteht das Interesse der vorliegender Arbeit darin, herauszufinden, ob das Ziel der russischen Intervention die Macht oder Sicherheit darstellte. Eine solche Analyse der gegenwärtigen russischen Politik in Beziehung auf die Ukraine-Krise ist bis jetzt nicht vorhanden.

Im theoretischen Teil dieser Arbeit wird vorwiegend auf die Werke von Hans Joachim Morgenthau und Kenneth Waltz, ferner auf die Lehrbücher der internationalen Beziehungen, verwiesen. Für die empirische Untersuchung werden die Völkerrechtliche Verträge, die amtlichen Veröffentlichungen, die Analyse von Forschungseinrichtungen sowie die wissenschaftliche Literatur herangezogen.

2. Einführung in die Theorie

Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich die akademische Teildisziplin der Politikwissenschaft der Internationalen Beziehungen, die sich mit den Fragen der Verbesserung von zwischenstaatlichen Beziehungen sowie der Vermeidung von Konflikten und Kriegen beschäftigte.[19] Damals wurde die Lehre von internationalen Beziehungen stark von dem idealistischen bzw. liberalen Denken geprägt. Die Vertreter des Idealismus folgten dem Grundgedanke der Aufklärung und gingen von einem positiven und lernfähigen Menschenbild aus. Eine friedliche Koexistenz der Menschen ist laut dem idealistischen Denken möglich. Um Frieden bewahren zu können, bedürfe es allerdings einer völkerrechtlichen Weltorganisation, die gegen einen Aggressor kollektiv vorgehen würde.[20]

Mit dem Scheitern des von den Idealisten vertretenen Völkerbundes sowie anderen negativen Erfahrungen, wie die Entstehung des Nationalsozialismus in Deutschland sowie dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, gerieten die idealistischen Weltvorstellungen ins Wanken.[21]

Vor diesem Hintergrund entwickelte sich in der ersten Hälfte des 20en Jahrhunderts die realistische Schule als eine Gegenbewegung zu dem idealistischen Denken.[22] Zu den wichtigsten Vertretern der realistischen Schule gehörte vor allem der deutsche Rechtswissenschaftler Hans Joachim Morgenthau mit seinem Werk „Politics among Nations“, 1948, in dem er seine grundlegenden Annahmen niedergelegt hat.[23] Neben Morgenthau ist der Realismus mit vielen anderen Namen, wie Robert Niebuhr, Edward Harlett Carr, George Kennan sowie Henry Kissinger verbunden.[24]

Die Realisten warfen den Idealisten vor, das Gewünschte vom Möglichen nicht zu unterscheiden sowie die politische Realität außer Acht zu lassen.[25] Die lediglich auf das Recht beruhende Weltordnung, kann sich, nach realistischer Ansicht, nur schwer behaupten.[26] Für die Vertreter des Realismus war es vor allem wichtig, die Wirklichkeit so zu erfassen, wie sie wirklich ist und nicht wie sie sein sollte.[27] In ihren zentralen Annahmen beriefen sich die Realisten auf die ideengeschichtlichen Schriften von Thukydides, Thomas Hobbes und Niccoló Machiavelli, die oft als Vorläufer des realistischen Denken in der Literatur genannt werden, denn sie haben in ihren Schriften bereits die grundlegenden Annahmen des Realismus genannt.[28] Nach realistischer Ansicht sind die internationalen Beziehungen durch das Streben nach Macht gekennzeichnet.[29]

In Laufe der Zeit entwickelte sich der Realismus zu einer der einflussreichsten Denkrichtungen in der Disziplin der internationalen Beziehungen. Allerdings hat sich keine einheitliche realistische Theorie herausgebildet.[30] So fand in der zweiten Hälfte des 20en Jahrhunderts eine Weiterentwicklung der realistischen Schule statt, die vom Hintergrund des Kalten Krieges geprägt war.[31] 1979 verfasste der US-amerikanische Politologe Kenneth Waltz in seinem Werk „Theory of International Politics“ eine realistische Theorie, die als struktureller Realismus bzw. Neorealismus bekannt ist.[32] Der Neorealismus unterscheidet sich vom Realismus dadurch, dass er die Ursache von Konflikten nicht in der Natur des Menschen, sondern in der Struktur des internationalen Systems sieht. Eine weitere wichtige Unterscheidung liegt darin, dass, gemäß dem Neorealismus, die Staaten nicht primär nach Macht, sondern nach Sicherheit streben.[33]

Obwohl die (neo-) realistischen Ansätze von Morgenthau und Waltz die realistische Schule geprägt haben, wurden sie in Laufe der Zeit immer wieder Kritik ausgesetzt. Die Kritik an Morgenthau richtet sich vor allem auf sein anthropologisches Vorgehen sowie der unscharfe Machtbegriff.[34] Bei Waltz wird die Tatsache kritisiert, dass er der inneren Verfasstheit der Staaten sowie anderen wichtigen kulturellen Aspekten der Gesellschaft keine Bedeutung beimisst.[35] Ein weiterer Kritikpunkt bezieht sich auf die neorealistische Annahme, dass die Staaten unter Bedingungen der Anarchie einander nicht vertrauen können, da sie sich der Absichten der anderen nie sicher sein können. Dieser Annahme widerspricht der Vertreter der konstruktivistischer Schule, Alexander Wendt, in dem er annimmt, dass Staaten sich nicht immer von anderen starken Staaten bedroht fühlen. Laut Wendt wird ein Staat aufgrund der positiven Erfahrungen mit einem anderen stärkeren Staat, ihn nicht unbedingt als eine Bedrohung der eigenen Sicherheit wahrnehmen.[36]

In Laufe der Zeit entwickelten sich weitere Ansätze der realistischen Schule, wie zum Beispiel der offensive Neorealismus von John Mearsheimer, der davon ausgeht, dass die Staaten ständig nach Macht streben, um Interdependenzen zu vermeiden und einen hegemonialen Status zu erreichen.[37] Darüber hinaus entwickelte sich der neoklassische Realismus, der die internen Faktoren, die das Handeln der Staaten beeinflussen kann, berücksichtigt.[38] Zu den weiteren wichtigen Vertreter des realistischen Denkens gehören unter anderen Stephen Walt, Randall Schweller, Carlo Masala sowie Gottfried-Karl Kinderman.[39]

Für die vorliegende Arbeit wurden die realistischen Theorien von Morgenthau und Waltz aus dem Grund ausgewählt, da Autoren erstens zu den Gründer des (Neo-) Realismus zählen und zweitens die beiden Theorien heute eine grundlegende Unterscheidung in den realistischen Debatten der internationalen Beziehungen darstellen.[40]

Vor diesem Hintergrund werden im Folgenden die zentralen Annahmen des klassische Realismus nach Morgenthau sowie des strukturellen Realismus nach Waltz näher betrachtet. Anschließend werden die forschungsleitenden Hypothesen für die vorliegende Arbeit abgeleitet.

2.1 Realismus nach Morgenthau

In diesem Kapitel wird die Theorie des klassischen Realismus nach Hans J. Morgenthau dargestellt.

In seinem Werk „Politics among Nations“ geht Morgenthau von der Möglichkeit einer wissenschaftlichen Erklärbarkeit der Politik aus.[41] Dafür ist es für ihn wichtig, die Politik und die Gesetze, deren sie gehorcht, zu verstehen. Darüber hinaus versteht er die Lehre der Internationalen Beziehungen als eine Wissenschaft von Menschen. Aus diesem Grund geht er in seiner Arbeit anthropologisch vor.[42]

Als Ausgangspunkt seiner theoretischen Annahmen lässt sich die Natur der Menschen nennen. So wird die Politik von objektiven Gesetzen bestimmt, deren Ursprung sich in der Natur der Menschen findet.[43] Dafür ist es laut Morgenthau zuerst wichtig, ein realistisches Menschenbild zu erfassen.[44]

2.1.1 Menschenbild nach Morgenthau

Morgenthau geht von einem egoistischen sowie machtgierigen Menschenbild aus, das unabhängig von Zeit und Ort unveränderlich bleibt. Danach streben die Menschen nicht nur nach eigenem Überleben, sondern vielmehr danach, Macht über andere ausüben zu können. Daraus ergibt sich, dass das in der Natur des Menschen liegende Streben nach Macht, für die Betrachtung der Realität wichtig ist.[45]

Laut Morgenthau spiegelt sich das Streben nach Macht in allen gesellschaftlichen Beziehungen wider.[46] Nationen und Staaten stellen für ihn abstrakte Begriffe dar, die zu Quasiindividuen werden, da sie von Menschen repräsentiert werden. Aus diesem Grund überträgt Morgenthau das pessimistische Menschenbild auf die staatliche Ebene.[47] Daraus ergibt sich, dass nach Morgenthau, das Verständnis des Verhaltens von Staaten in der Natur des Menschen liegt. So sind die zwischenstaatlichen Beziehungen, wie alle anderen gesellschaftlichen Beziehungen, durch das Streben nach Macht geprägt.[48]

Folglich ist es wichtig zu klären, was Morgenthau unter dem Begriff der Macht versteht. Aus diesem Grund wird im Folgenden Unterkapitel der Machtbegriff von Morgenthau näher betrachtet.

2.1.2 Machtverständnis nach Morgenthau

Problematisch sieht bei Morgenthau die Tatsache aus, dass er in seinem Werk keine klare Definition von Macht liefert.[49] Allerdings bieten sich einige Ausführungen, die die Macht im Sinne von Morgenthau zu verstehen helfen.

Grundsätzlich umfasst laut Morgenthau die Macht alles, „was die Beherrschung von Menschen durch Menschen bewirkt und erhält. Unter den Begriff der Macht gehören alle gesellschaftliche Beziehungen, die diesem Ziel dienen, von der physischen Gewaltanwendung bis zu den feinsten psychologischen Bindungen, durch die ein geistiger Wille einen anderen beherrschen kann. Macht ist die Herrschaft von Menschen über Menschen(…)“[50]

Daraus lässt sich schließen, dass Macht die Möglichkeit bedeutet, das Handeln der anderen zu seinen Gunsten zu beeinflussen.

Folglich unterscheidet Morgenthau zwischen der politischen und militärischen Macht. Zu der politischen Macht gehört die Androhung, physische Gewalt anzuwenden. Sie stellt somit eine psychologische Beziehung zwischen den Parteien her und ermöglicht dem Stärkeren das Verhalten vom Schwächeren zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Wird die physische Gewalt tatsächlich angewendet, so spricht Morgenthau von einer militärischen Macht. Die militärische Macht ersetzt die politische, wenn sie schwach wird.[51]

Darüber hinaus gehören zu den wichtigsten Machtindikatoren nach Morgenthau wirtschaftliche, militärische und industrielle Stärke sowie die geographische Lage und die Bevölkerungsgröße.[52]

2.1.3 Internationale Politik und Rolle der Macht

Die internationale Ordnung befindet sich laut Morgenthau in einem hobbesschen Naturzustand, denn es fehlt auf der internationalen Ebene an einer Zentralgewalt, die das Verhalten von Staaten regeln und ggf. einschränken könnte. So befinden sich die Staaten, als wichtigste Akteure der internationalen Ordnung, im ständigen Wettbewerb, in dem sie ihre nationalen Interessen gegen die Interessen der anderen durchzusetzen versuchen.[53] Morgenthau geht von einem universellen Charakter des nationalen Interesses, nämlich im Sinne von Macht verstandenen Interesses, aus. Das bedeutet, dass die Staaten als rational handelnde Akteure ihre Interessen verfolgen. Die Macht kann sowohl der Selbstzweck als auch das Mittel zur Erreichung der anderen Ziele, wie Überleben, Wohlstand und Freiheit, darstellen und ist somit die Grundlage aller politischen Handlungen.[54]

Das Machtpotenzial eines Staates kann nicht exakt bemessen werden und stellt immer eine relative Größe dar. Die Machtgröße kann folglich nur im Vergleich zu einem anderen Staat bemessen werden.[55] Die Staaten befinden sich in ständiger Ungewissheit über die Machtpotentiale der anderen. Außerdem handelt es sich bei dem Machtzugewinn immer um ein Nullsummenspiel, d.h., dass es im internationalen System ein Machtvakuum gibt und die Machterweiterung eines Staates immer die Machtverminderung der anderen bedeutet. Um das eigene Überleben sichern zu können, müssen die Staaten ständig darauf bestrebt sein, gegenüber den anderen in ihren Machtkapazitäten überlegen zu sein.[56] Aus dieser Konstellation ergibt sich ein immer werdendes Ausbalancieren der Kräfte. Die Konflikte und Kriege sind laut Morgenthau die Folge eines Widerstreits der nationalen Interessen und können nur durch eine Gegenmachtbildung verhindert werden, denn nur so wird ein Machgleichgewicht ermöglicht.[57] Wird das Gleichgewicht der Kräfte zerstört, so kann es zu einem Krieg kommen.[58] Ein dauerhaftes Machtgleichgewicht ist aufgrund des ständigen Kampfes um Macht nicht möglich.[59] Auch die Internationalen Organisationen können keine nachhaltige Harmonie erzeugen. Sie lassen sich vielmehr als Instrumente zur Machterhaltung starker Staaten verstehen. Daher sind sie auch nur so lange wirksam, wie sie von dominierenden Machtinteressen getragen werden.[60]

2.1.4 Formen der Politik

Folglich unterscheidet Morgenthau zwischen drei Typen der Politik, die sich auch auf der Ebene der internationalen Politik beobachten lassen, nämlich der Politik des Status quo, Politik des Imperialismus sowie der Machtdemonstrationspolitik.[61]

Für das Verständnis des staatlichen Handelns hält Morgenthau besonders die Unterscheidung zwischen der Politik des Status quo und der Politik des Imperialismus für wichtig. Für ihn ist es von Bedeutung, den tatsächlichen Charakter der ausübenden Politik erkennen zu können, und ihn von den Motiven, die die Staaten angeblich verfolgen, unterscheiden zu können. [62]

Die Politik des Status quo Die Status quo Politik bedeutet, dass es gegenwärtig eine bestimmte Machtverteilung besteht und die Politik eines Staates darauf gerichtet ist, die bestehende Machtverteilung zu erhalten und eine Veränderung des Status quo durch andere Staaten zu verhindern. Diese Form der Politik wird nach Morgenthau meistens nach dem Ende eines Krieges verfolgt, in dem versucht wird, die neuen bestehenden Machtverhältnisse durch Friedensverträge und internationale Organisationen zu sichern. Ihr Hauptziel liegt in der Stabilisierung der Machtverteilung im Verhältnis zu anderen Staaten. Allerdings schließt die Status quo Politik kleine Machtverschiebungen innerhalb des Status quo nicht aus, wenn sie keine bedeutende Auswirkung auf die Machtverteilung im internationalen System haben.[63]

Die Politik der Machterweiterung Die Politik des Status Quo steht der Politik des Imperialismus gegenüber. Eine Außenpolitik, die auf die Machtvergrößerung abzielt, ist laut Morgenthau noch nicht automatisch eine Politik des Imperialismus. Auch wenn ein Staat um die Erhaltung seiner Vormachtstellung in bestimmten Gebieten bestrebt ist, betreibt er nach Morgenthau noch keine Machterweiterungspolitik.[64] Eine Politik des Imperialismus ist aber dann gegeben, wenn sie eine gewaltsame Veränderung des Status quo zur Absicht hat.[65] Sie kann eine Weltreich sowie die Erreichung der lokalen oder kontinentalen Hegemonie zum Ziel haben.[66]

Ein Auslöser für die Machterweiterungspolitik kann ein siegreicher Krieg oder eine Niederlage sein, wenn der Besiegte eine Veränderung des Status quo will.[67] Des Weiteren kann die Existenz von schwachen Staaten, die Großmächte dazu anreizen, sie zu ihren Gunsten auszunutzen, was zu einer Politik des Imperialismus führen kann.[68]

Die Mittel der Machterweiterungspolitik können militärisch, wirtschaftlich, sowie kulturell sein.[69] Das Ziel bleibt aber gleich, die gewaltsame Veränderung der bestehenden Machtverhältnisse zwischen den Parteien.[70]

Darüber hinaus spielt bei Morgenthau die Ideologie eine wichtige Rolle bei der Verfolgung der Machterweiterungspolitik. Bei einer Machterhaltungspolitik geht es um die Erhaltung des allgemein anerkannten Status quo. Bei einer Machterweiterungspolitik versuchen die Staatsmänner, ihr Verhalten mit anderen Motiven zu rechtfertigen.[71] So sagen sie nicht, dass es sich vorwiegend um eine Machterweiterung handelt, vielmehr versuchen sie die anderen mittels der Ideologie zu überzeugen, dass es vor allem um Gerechtigkeit, Nation, Sicherheit oder ähnliches geht.[72] Es ist folglich wichtig, die wirklichen Absichten der Staaten von den ideologischen Vorwänden unterscheiden zu können, auch wenn es oft schwierig ist.[73]

[...]


[1] Geissbühler 2014, S. 8-11.

[2] Kononczuk 2014, S. 122.

[3] Ehrhart 2014, S. 28.

[4] Jilge 2014, S. 183.

[5] Ukraine-Analyse von 13.11.2014. Online unter: http://www.bpb.de/internationales/europa/ukraine/195258/dokumentation-truppenbewegungen-im- ostukrainischen-separatistengebiet, Zugriff am: 10.01.2015.

[6] Kononczuk 2014, S. 115-116.

[7] Ehrhart 2014, S. 26.

[8] Vgl. Meister 2014, S. 15.

[9] Spindler/Schieder 2010, S. 9.

[10] Schörning 2010, S. 65, Jacobs 2010, S. 39.

[11] Schörning 2010, S. 88, Jacobs 2010, S. 57.

[12] Vgl. Krell 2004, S. 182.

[13] Malygina 2014, S. 3.

[14] Schimmelfennig 2010, S. 168-170.

[15] NNR, Online unter: http://www.nato.int/cps/en/natohq/topics_50091.htm?selectedLocale=en, Zugriff am: 09.01.2015.

[16] Auswärtiges Amt. Online unter: http://www.auswaertige- amt.de/DE/Aussenpolitik/GlobaleFragen/G8/UebersichtG8_node.html, Zugriff am: 09.01.2015

[17] Speier-Werner 2006, S. 52-54.

[18] Mearsheimer 2014, Foreign Affairs, online unter: http://www.foreignaffairs.com/articles/141769/john-j-mearsheimer/why-the-ukraine-crisis-is-the- wests-fault, Zugriff am: 27.09.2014.

[19] Marx 2006, S. 140.

[20] Krell 2004, S. 148.

[21] Jacobs 2010, S. 41.

[22] Jacobs 2010, S. 41.

[23] Jacobs 2010, S. 39.

[24] Jacobs 2010, S. 43.

[25] Krell 2004, S. 149.

[26] Marx 2006, S. 143.

[27] Krell 2004, S. 149.

[28] Jacobs 2010, S. 40-41.

[29] Marx 2006, S. 142-144.

[30] Marx 2006, S. 142.

[31] Schörning 2010, S. 66.

[32] Schörnig 2010, S. 65.

[33] Schimmelfennig 2010, S.71.

[34] Jacobs 2010, S, 57-58

[35] Krell 2004, S. 169

[36] Krell 2004, S. 358.

[37] Jacobs 2010, S. 82-83.

[38] Krell 2004, S. 170.

[39] Marx 2006, S. 144.

[40] Krell 2004, S. 146.

[41] Jacobs 2010, S. 46.

[42] Morgenthau 1963, S. 49.

[43] Ebd.

[44] Morgenthau 1963, S. 59-60.

[45] Krell 2004, S.153.

[46] Morgenthau 1963, S. 76.

[47] Jacobs 2010, S. 47.

[48] Morgenthau 1963, S. 124-126.

[49] Jacobs 2010, S. 58.

[50] Morgenthau, 1963, S. 54-55.

[51] Morgenthau 1963, S. 71.

[52] Morgenthau 1963, S. 132.

[53] Jacobs 2010, S. 48.

[54] Morgenthau 1963, S. 69.

[55] Morgenthau 1963, S. 135.

[56] Morgenthau 1963, S. 184.

[57] Morgenthau 1963, S. 145.

[58] Morgenthau 1963, S. 177.

[59] Morgenthau 1963, S. 152.

[60] Morgenthau 1963, S. 397-399.

[61] Morgenthau 1963, S. 81.

[62] Morgentau 1963, S. 82.

[63] Morgenthau 1963, S. 82-85.

[64] Morgenthau 1963, S. 86-87.

[65] Morgenthau 1963, S. 95.

[66] Morgenthau 1963, S. 97.

[67] Morgenthau 1963, S. 95-96.

[68] Morgenthau 1963, S. 97.

[69] Morgenthau 1963, S. 100-102.

[70] Morgenthau 1963, S. 95.

[71] Morgenthau 1963, S. 116.

[72] Morgenthau 1963, S. 80.

[73] Morgenthau 1963, S. 123.

Ende der Leseprobe aus 59 Seiten

Details

Titel
Die russische Intervention in die Ukraine-Krise aus der Perspektive des (Neo-) Realismus
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
59
Katalognummer
V308138
ISBN (eBook)
9783668061941
ISBN (Buch)
9783668061958
Dateigröße
1365 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
intervention, ukraine-krise, perspektive, neo-, realismus
Arbeit zitieren
Inga Abramova (Autor), 2015, Die russische Intervention in die Ukraine-Krise aus der Perspektive des (Neo-) Realismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308138

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